Es war ein trüber Petersburger Tag.
Wollen wir nun zu Alexander Iwanowitsch zurückkehren; Alexander Iwanowitsch
erwachte; Alexander Iwanowitsch schlug die Augen auf, doch die fielen ihm
immer wieder zu; die Geschehnisse der Nacht wurden zurück in die
unterbewußte Welt gedrängt; seine Nerven waren zerrüttet: die Nacht war für
ihn ein Ereignis von riesiger Bedeutung.
Wenn er sich zwischen Schlaf und Wachsein befand, war es ihm, als werde er
in eine Tiefe geschleudert: als fiele, stürze er aus einem Fenster des
fünften Stocks; seine Empfindungen zeigten ihm eine Bresche, die in seine
Welt geschlagen wurde; durch diese Bresche flog er in eine andere,
gestaltenwimmelnde Welt hinein, von der es nicht genügt zu sagen, man werde
dort von furienähnlichen Geschöpfen überfallen: in ihr war selbst das
Weltgewebe nichts als Furiengewebe.
Erst gegen Morgen vermochte Alexander Iwanowitsch von sich diese Welt
abzuschütteln; und er versank dann in Wonne; das Erwachen stieß ihn jäh
wieder hinunter: es blieb in ihm ein unbestimmtes Sehnsuchtsgefühl zurück,
und sein ganzer Körper schmerzte.
Im ersten Augenblick nach dem Erwachen merkte er, daß er von Frost
geschüttelt wurde, er hatte die Nacht hindurch gefiebert: etwas ging mit
ihm vor . . . Doch was?
Während der ganzen langen Nacht rannte er im Delirium durch neblige Straßen
oder stieg über Stufen einer geheimnisvollen Treppe; am wahrscheinlichsten
aber war es das Fieber gewesen, das durch -- seine Adern rannte; das
Gedächtnis erzählte etwas, aber die Erinnerungen daran entglitten immer
wieder, und er bemühte sich vergeblich, es festzuhalten.
All das war -- Fieber.
Ernstlich erschrocken (bei seiner Einsamkeit fürchtete sich Alexander
Iwanowitsch vor Krankheiten), dachte er, es würde gut für ihn sein, wenn er
das Zimmer nicht verließe.
Mit diesem Gedanken begann er einzuschlummern; im Einschlummern aber dachte
er:
»Etwas Chinin sollte ich einnehmen.«
Er schlief ein.
Und beim Erwachen fügte er hinzu:
»Und einen kräftigen Tee . . .«
Und nach einigem Nachdenken fügte er wieder hinzu:
»Mit Himbeersaft . . .«
Es ging ihm durch den Kopf, daß er die letzte Zeit in einer für seine Lage
unerlaubt leichtsinnigen Weise gelebt hatte; dieser Leichtsinn erschien ihm
jetzt um so unverzeihlicher, als ihm ernste und schwere Tage bevorstanden.
Unwillkürlich seufzte er:
»Und dann sollte ich streng das Trinken vermeiden . . . Nicht die
Offenbarung lesen . . . Nicht bei dem Hausmeister unten sitzen . . . Und
auch die Unterhaltungen mit Stjopka, der beim Hausmeister wohnt: ich sollte
nicht mit diesem Stjopka plaudern . . .«
Diese Gedanken an Tee mit Himbeer, an Wodka, an Stjopka, an die Offenbarung
Johanni beruhigten ihn erst, indem sie die Ereignisse der Nacht zu einer
Lappalie machten.
Als er sich aber mit dem eiskalten Wasser aus der Leitung und mit Hilfe
eines Seifenrestes, der in einem seifigen, gelben Brei lag, gewaschen
hatte, fühlte Alexander Iwanowitsch, wie ihn wieder die Ereignisse der
Nacht überwältigten.
Er streifte mit dem Blick sein Zwölfrubelzimmer (ein Mansardenraum).
Was für eine traurige Behausung!
Das Hauptmöbelstück des ärmlichen Raumes war das Bett; dieses Bett bestand
aus vier Brettern, die auf zwei Holzböcke gelegt wurden; die Oberfläche
dieser Böcke war mit ekelhaften, dunkelroten, vertrockneten Wanzenspuren
bedeckt, mit denen Alexander Iwanowitsch viele Monate hindurch mit Hilfe
eines Wanzenpulvers einen hartnäckigen Kampf geführt hatte.
Auf den Brettern lag eine mit Holzwolle gefüllte, dünne Matratze; über das
schmutzige Bettuch hatte Alexander Iwanowitsch sorgfältig eine gestickte
Decke gebreitet, deren rote und blaue Streifen mehr vom langjährigen
Gebrauch als vom Schmutz grau aussahen; von dieser Decke, die ein Geschenk
von irgend jemand (vielleicht von der Mutter) gewesen war, zögerte
Alexander Iwanowitsch sich zu trennen; vielleicht auch aus Mangel an Geld
(diese Decke hatte ihn auch nach Sibirien begleitet).
Außer dem Bett . . . -- ja: hier muß ich noch erwähnen: über dem Bett hing
ein kleines Heiligenbild, das den heiligen Seraphin im Fichtenwald auf
einem Stein kniend bei seinem tausend Nächte währenden Gebet darstellte.
Außer dem Bett stand dort noch ein glattgehobelter, kleiner Tisch ohne jede
Verzierung: in billigen Landwohnungen gebraucht man solche Tische zum
Aufstellen der Waschschüsseln; solche Tischchen werden überall auf den
Sonntagsmärkten feilgeboten; in der Wohnung Alexander Iwanowitschs war das
Tischchen Schreib-, Speise- und Nachttischchen zugleich; Waschschüssel gab
es überhaupt keine: bei seiner Toilette bediente sich Alexander Iwanowitsch
der Wasserleitung, neben der eine Blechdose mit einem in schleimiger
Seifenflüssigkeit schwimmenden Seifenrest hing; außerdem gab es einen
Kleiderrechen, auf dem eine Hose baumelte; eine zerrissene Pantoffelspitze
blickte unter dem Bett hervor. (Alexander Iwanowitsch träumte eines Nachts:
dieser zerrissene Pantoffel wäre ein lebendes Wesen, eine Art
Stubengeschöpf, wie etwa der Hund oder die Katze; es schlürfte selbständig
aus einer Stelle des Zimmers zur anderen, kriechend und in den Ecken
rasselnd; als Alexander Iwanowitsch die schlürfenden Pantoffel mit im Munde
aufgeweichtem Semmelbrot füttern wollte, bissen ihn diese in die Finger,
weswegen er erwachte).
Es stand noch im Zimmer ein brauner Reisekoffer, der längst seine
ursprüngliche Form verloren hatte und Gegenstände von schrecklichster
Bedeutung enthielt.
Doch das ganze Möblement dieses sozusagen Zimmers, trat zurück vor der
Farbe der Tapete, die unangenehm und frech war, von dunkelgelber oder
brauner Nuance, mit riesigen feuchten Flecken; abends kroch langsam bald
über den einen, bald über den andern dieser Flecke ein Tausendfüßler. Das
ganze Innere des Zimmers war von Tabakrauch erfüllt. Alexander Iwanowitsch
mußte unaufhörlich, mindestens zwölf Stunden täglich rauchen, um die
farblose Atmosphäre in eine dunkelgraue, blaue zu verwandeln.
Alexander Iwanowitsch Dudkin betrachtete seine Behausung, und wieder -- wie
schon immer -- zog es ihn hinaus aus dem vollgerauchten Zimmer, zog es ihn
fort von hier; es zog ihn auf die Straße in den schmutzigen Nebel, wo er
mit den Schultern, den Rücken und grünlichen Gesichtern der Petersburger
Prospekte eins werden konnte, um sich mit ihnen zu einem einzigen
riesengroßen, grauen Gesicht zu verschmelzen.
Am Fenster seines Zimmers klebte der dichte Oktobernebel: Alexander
Iwanowitsch Dudkin empfand das Bedürfnis, sich von dem Nebel durchdringen
zu lassen, alle seine Gedanken von ihm durchdringen zu lassen, alles, was
in seinem Hirn herumspukte, in dem Nebel zu ertränken; durch die Gymnastik
der schreitenden Füße wollte er dieses Spukzeug auflösen; schreiten wollte
er, immer schreiten und schreiten: von Prospekt zu Prospekt, von Straße zu
Straße; schreiten so lange, bis das Hirn gänzlich verstummt ist, dann vor
dem Tischchen der Schenke niedersinken, um sich mit Wodka zu verbrennen.
Nur ein solches zielloses Wandern durch Straßen und krumme Gäßchen, an
Laternen, Zäunen und Fenstern vorbei erstickt die quälenden Gedanken im
Hirn.
Während er seinen armseligen Mantel anzog, spürte er wieder, daß es ihn
fröstelte, und er dachte traurig:
»Hätt' ich doch etwas Chinin!«
Aber woher Chinin nehmen? . . .
Und während er die Treppe hinunterging, dachte er wieder traurig:
»A--ach, hätt' ich doch nur einen kräftigen Tee mit Himbeersaft . . .«