Engel Peri stand vor dem etwas schräggehängten, ovalen Spiegel: alles lief
in ihm nach unten; die Zimmerdecke, die Wände, der Fußboden, und dort
gleich einer Fontäne von duftigen Gegenständen, aus dem Meerschaum, aus
Spitzen und Mull trat sie selbst hervor, eine Schönheit mit hochgewelltem
Haar und einem Schönheitspflästerchen auf der Wange: Madame Pompadour!
Und ihre Haare, ganz in Locken gedreht, nur leicht von einem Band gehalten,
waren wie Schnee; und fein waren die Fingerchen, die jetzt die Puderquaste
hielten; die schmale himmelblaue Taille war ein wenig nach links gebeugt,
die Hand hielt eine kleine schwarze Maske; aus dem engen,
tiefausgeschnittenen Mieder blickte, wie hauchüberzogen, atmend, lebendigen
Perlen gleich, der Busen; an den schmalen, seiderauschenden Ärmelchen
wogten in Wellen Valencienner Spitzen; Valencienner Spitzen wogten auch
sonst überall, an dem Ausschnitt, unter dem Ausschnitt; der Panierrock
wiegte sich unter dem Mieder, wie vom Windhauch getragen wiegte er sich,
spielend mit Volants und flimmernd mit der Silbergirlande der Festons;
silberne Schuhchen an den Füßen und jedes verziert mit einer Silberquaste.
Aber seltsam: Sofja Petrowna sah in ihrer Robe gealtert und weniger hübsch
aus; statt des kleinen rosigen Mündchens hoben sich die unschön
abstehenden, allzu roten, allzu schweren Lippen vom kleinen Gesichtchen ab;
und als die Augen zu schielen begannen, zeigte Madame Pompadour etwas
Hexenhaftes: in diesem Augenblick steckte sie den Brief hinter das Mieder.
Im selben Augenblick auch sprang Mawruscha herein und brachte einen Stab
aus hellem Holz mit goldenem Griff und flatternden Bändern; während aber
Madame Pompadour den Stab nahm, blieb in ihrer Hand ein Zettelchen zurück,
von ihrem Gatten; darauf stand: »Wenn Sie abends fortgehen, kehren Sie
nicht mehr in mein Haus zurück. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin.«
Dieser Zettel war natürlich an Sofja Petrowna Lichutina, nicht an Madame
Pompadour, gerichtet; Madame Pompadour lächelte verächtlich; sie sah in den
Spiegel, in die Tiefe, in das matte Grün: dort weit, weit zogen leichte,
rauschende Wellen dahin; und aus dieser grünlichen, blassen Tiefe mit dem
grellen Fleck des roten Lampenschirms tauchte -- plötzlich, ein
Wachsgesicht auf, und Sofja Petrowna drehte sich um.
Vor ihr stand ihr Gatte, der Offizier; aber wieder lächelte sie
verächtlich, hob leicht ihren spitzenverzierten Panierrock an den Festons
und schritt knicksend zurück; ein leichter Zephir hob sie vor ihm auf
seinen Schwingen davon, und ihr Reifrock wiegte sich gleichmäßig wie eine
Glocke und rauschte in süßem Zephirhauch; in der Tür wandte sie ihm das
Gesicht zu und machte dem Offizier mit der Hand, die die schwarze Maske
hielt, schelmisch lächelnd, eine lange Nase; hinter der Tür hörte man dann
lautes Lachen und den lauten wie sonst ausgesprochenen Befehl:
»Marwruscha, den Mantel!«
Da lief Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, Leutnant des Gr. Göreischen,
Seiner Majestät Regiment, blaß wie der Tod, doch ganz ruhig, mit ironischem
Lächeln der graziösen Maske vor, schlug die Sporen aneinander und blieb
ehrfurchtsvoll wartend, mit dem befohlenen Mantel in der Hand vor seiner
Gattin stehen; mit noch größerer Ehrfurcht warf er ihr den Pelz um, riß
weit die Flügeltür vor ihr auf, mit verbindlichem Lächeln mit der Hand nach
außen zeigend, in die farblose Dunkelheit; und wie sie rauschend, mit
hochgehobener Stirn, an dem ergebenen Diener vorbeischritt -- schlug
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin nochmals die Sporen aneinander und machte
wieder eine tiefe Verbeugung. Die dunkelfarbene Finsternis ergoß sich über
sie -- von allen Seiten ergoß sie sich: Lange, lange noch hörte man das
Rauschen auf der Treppe, denn fiel unten die Tür zu; Ssergeij
Ssergeijewitsch Lichutin aber kehrte in die Wohnung zurück und begann mit
denselben übertriebenen scharfen Bewegungen überall die elektrischen
Lichter zu löschen.