So geschieht's immer

Über den leeren Petersburger Straßen schwebten arm beschienene

Undeutlichkeiten; jagend überholten einander abgerissene Wolkenflocken.

Ein phosphoreszierender Fleck flog matt und tot am Himmel; in

phosphoreszierendem Glanz lag neblig des Firmamentes Tiefe, und davon

durchglänzt war das Eisen der Dächer und Rauchfänge. Da floß das grüne

Wasser des Moikakanals, und an einem seiner Ufer erhob sich das

dreistöckige Haus mit seinen fünf weißen Säulen. Dort auf dem lichten Fond

des lichten Gebäudes schritt langsam ein Kürassier Ihrer Majestät: ein

goldener, glitzernder Helm saß auf seinem Kopfe.

Und die silberne Taube über dem Helm breitete weit ihre Flügel aus.

Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, ging, gehüllt in Pelz, über

die Moika; sein Kopf war in den Mantel gesunken, und seltsam leuchteten die

Augen; in der Seele erhoben sich Schauer -- die keinen Namen besaßen; in

ihr sang etwas Banges, Süßes.

Er dachte: dies da -- ist _dies_ auch Liebe? Er erinnerte sich: es war eine

neblige Nacht, er rannte aus jenem Vestibül dort heraus und lief über die

eiserne Petersburger Brücke, um dort auf der Brücke . . .

Er erbebte.

Eine Lichtgarbe flog an ihm vorüber: ein schwarzer Hofwagen raste vorbei;

an den leuchtenden Fenstervertiefungen _jenes_ Hauses glitten seine roten,

wie blutunterlaufenen Laternen vorbei; in die schwarze, strömende Mainacht

gossen diese Laternen für kurze Augenblicke Spiel hinein und Glanz; der

gespensterhafte Abriß vom Dreimaster des Lakais und der Abriß von

flatterndem Uniformkragen huschten zugleich mit dem Licht aus dem Nebel, um

sich im Nebel zu verlieren . . .

Nikolai Apollonowitsch stand kurze Zeit nachdenklich vor dem Haus; wild

schlug das Herz in seiner Brust -- plötzlich verschwand er im wohlbekannten

Vestibül.

In früherer Zeit trat er jeden Abend hier ein; jetzt hat er über

zweieinhalb Monate diese Schwelle nicht betreten; und nun überschritt er

sie wie ein Dieb.

Die Entreetür öffnete sich vor ihm, und als sie zufiel, schlug ihn der Laut

von diesem Zuschlagen in den Rücken; Finsternis umfing ihn, als wäre hinter

ihm alles in einen Abgrund versunken (so ist's wohl im ersten Augenblick

nach dem Tode, wenn von der Seele der Tempel des Körpers in den Abgrund des

Verwesens hinabsinkt); doch an den Tod dachte jetzt Nikolai Apollonowitsch

nicht -- fern war der Tod; auf die kalten Stufen setzte er sich hin, vor

die Tür einer Wohnung, das Gesicht vergraben in den Pelz, und horchte auf

das Klopfen seines Herzens; schwarze Leere lag hinter seinem Rücken;

schwarze Leere breitete sich vor ihm.

So saß Nikolai Apollonowitsch im Dunkel.

* * *

Ein weiblicher Schatten, das Gesicht im kleinen Muff vergraben, lief über

die Moika und näherte sich ebendemselben Haus, wo auf der kalten Stufe

hinter der Tür Nikolai Apollonowitsch saß. Die Tür ging auf und schlug

hinter ihr zu; Finsternis umfing sie, als wäre alles hinter ihr in einen

Abgrund versunken; die kleine schwarze Dame dachte an so einfache, irdische

Dinge, nun wird sie gleich die Teemaschine auftragen lassen; sie führte

schon die Hand an die Glocke, und da -- sah sie: eine Gestalt, wie es

schien, eine Maske erhob sich vor ihr von den Stufen.

Als die Wohnungstür aufging und in das Dunkel des Stiegenhauses sich für

einen Augenblick eine Lichtwelle ergoß, bestätigte der Schrei des

Stubenmädchens die Wunderlichkeit der Erscheinung. In der hellen

Beleuchtung erschien ein Bild von unbeschreiblicher Seltsamkeit, und die

schwarze Gestalt der kleinen Dame rannte durch die geöffnete Tür.

Hinter ihrem Rücken aber erhob sich im Dunkel seidenrauschend ein

dunkelflammenroter Bajazzo mit bärtigem, zappelndem Lärvchen.

Lautlos und langsam glitt von den Schultern über den rauschenden Atlas der

Pelzmantel hinunter, zwei rote Arme streckten sich sehnsüchtig gegen die

Tür. Aber die Lichtgarbe zerschneidend, schloß sich die Tür und stieß das

Stiegenhaus zurück in die Leere, ins Dunkel.

* * *

Eine Sekunde später lief Nikolai Apollonowitsch auf die Straße hinaus; aus

den Falten seines Mantels quoll ein Stück roter Seide hervor; die Nase in

den Studentenmantel vergraben, galoppiert Nikolai Apollonowitsch Ableuchow

in die Richtung der Brücke.

Ende des ersten Kapitels.

Petersburg · 第 19 / 112 题