Jenny blieb bei Frau Schlessinger wohnen. Dort war es billig -- und sie
wußte nicht, wohin mit sich.
Es lag Lenzeswehen in der Luft, über die gewaltige, offene
Himmelskuppel hin segelten schwere, vom Sonnenlicht verbrämte Wolken,
die wie Gold und Blut brannten und sich an den Abenden im unruhigen
Meer spiegelten, wenn sie draußen auf der Mole war. Die trübseligen,
dunklen Flächen im Lande wurden lichtgrün, die Pappeln schimmerten
braunrot von neuem Sproß, und dufteten lind und weich. Am Eisenbahndamm
wimmelte es von Veilchen und kleinen weißen und gelben Blumen.
Schließlich war die Ebene üppig grün, es sprühte von Farben an den
Wegrainen, schwefelgelbe Iris und große weiße Doldenpflanzen spiegelten
sich in den Wasserlöchern der Torfmieten. Eines schönen Tages strömte
süßer Heuduft über Land, der sich in dem salzigen Algengeruch vom
Strande her mischte.
Das Badehotel wurde eröffnet und Sommergäste zogen in die kleinen
Häuser an der Mole. Es wimmelte von Kindern auf dem weißen
Sandstreifen. Sie kugelten sich im Sand und platschten barfuß ins
Wasser hinaus, Mütter, Kindermädchen und Ammen in Spreewäldertracht
saßen nähend im Grase und beaufsichtigten sie. Die Badehäuschen waren
ins Wasser gerollt worden, und kleine deutsche Backfische schrien und
juchten dort draußen. Luxussegler legten an der Mole an; Besuch kam aus
der Stadt, abends war Tanz im Badehotel; die kleine Tannenplantage war
voller Spaziergänger. Hier hatte Jenny zu Beginn des Frühlings in dem
struppigen Gras gelegen, dem Wellenschlag und dem Sausen des Windes in
den zerzausten Kronen lauschend.
Diese oder jene der Damen sandte ihr einen interessierten oder
teilnehmenden Blick nach, wenn sie den Weg am Badestrand entlang
spazierte, mit ihrem schwarzweißen Sommerkleide angetan. Die Badegäste
im Ort hatten natürlich erfahren, daß sie eine junge Norwegerin war,
die ein Kind bekommen hatte, über dessen Tod sie so furchtbar trauerte.
Einige waren auch darunter, die es mehr rührend als skandalös fanden.
Im übrigen wanderte sie meist landeinwärts; dorthin kamen niemals
Sommergäste. Ganz selten ging sie bis hinauf zur Kirche und zum
Kirchhof, wo der Knabe lag. Sie saß dann und starrte auf das Grab, das
sie nicht hatte herrichten lassen. Sie legte dann einige wilde Blumen
nieder, die sie unterwegs gepflückt hatte, aber ihre Phantasie weigerte
sich, den kleinen, grauen Erdhügel, auf welchem Unkraut und Gräser in
die Höhe schossen, mit ihrem Bübchen in Verbindung zu bringen.
An den Abenden saß sie in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit, die sie
nicht anrührte, und starrte in die Lampe. Sie dachte immer an das
Gleiche, rief die Tage wieder zurück, als sie ihren Jungen besessen
hatte, die erste Zeit, das matte, friedliche Glück, während sie lag
und genas, später, wenn sie aufrecht im Bett saß und Frau Schlessinger
ihr das Baden und Wickeln, das An- und Auskleiden des Kindes zeigte,
dann, als sie zusammen nach Warnemünde reisten, um feinen Stoff,
Spitzen und Band zu kaufen, als sie heimkehrte, zuschnitt, nähte,
zeichnete und stickte -- ihr Junge sollte feine Sachen haben statt
des schlechten fertiggekauften Zeuges, das sie aus Berlin bestellt
hatte. Eine drollige Gartenspritze hatte sie gekauft mit Abziehbildern
auf dem grünbemalten Blech: ein Löwe und ein Tiger standen zwischen
Palmen an einem himmelblauen Meer und betrachteten entsetzt die
deutschen Panzerungetüme, die den afrikanischen Besitzungen des Reichs
zudampften. Sie fand das Ding so lustig -- Bübchen sollte es zum
Spielen haben, wenn er einmal groß genug geworden war. Erst mußte er
ja Mutters Brust finden, an der er sich jetzt nur blind festsog -- und
seine eigenen kleinen Finger, die er nicht voneinander bekommen konnte,
sobald er sie ineinander verfilzt hatte -- bald würde er die Mutter
kennen, nach der Lampe blinzeln und nach Mutters Uhr, die sie vor ihm
schaukeln ließ -- da war so viel, was Bübchen lernen mußte.
In einer Schieblade lagen alle seine Sachen, sie nahm sie nie heraus.
Sie wußte ja doch, wie jedes Stück aussah und wie es sich auf der
Handfläche anfühlte -- das glatte, weiche Linnen, die rauhe Wolle und
die halbfertige Jacke aus grünem Flanell, die sie mit Butterblumen
bestickt hatte, die sollte er haben, wenn er ausgefahren wurde. --
Sie hatte ein Bild vom Strande angefangen mit den roten und blauen
Kindern auf dem weißen Sandstrand. Einige der teilnehmenden Damen kamen
herbei, schauten zu und versuchten, eine Bekanntschaft anzubahnen: „Wie
nett!“ Sie war aber unzufrieden mit der Skizze und mochte sie nicht
beendigen, auch eine neue wollte sie nicht anfangen. --
* * * * *
Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und der
Sommer war vorüber.
Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wollte
sie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb und
begriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen,
konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eine
unbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurch
nervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einen
Entschluß fassen -- wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus in
die See spränge.
Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt.
Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte -- ~Fiori
della poesia italiana~. Eine Ausgabe, für Touristen berechnet, in
einfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie all
ihr Italienisch vergessen hätte.
Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalslied
auf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Hand
beschrieben:
„Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ich
glücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jeder
Hinsicht gut geht, sowie --“ Der Rest des Bogens war mit Vokabeln
bedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch am
Rande des Buches standen Vokabeln -- ganz dicht, an dem tragisch
frohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die so
schnell entflieht“.
Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußte
versucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italien
gekommen war -- ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf dem
Titelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Das
war, ehe sie ihn kennengelernt hatte.
Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne an
Italia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand war
schwarz von Vokabeln und Tintenflecken.
Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe.
Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er bat
sie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich doch
zusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zu
wählen zwischen Leben -- oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab,
wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mit
ihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, den
zuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leid
daraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt,
die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauen
auf ihr Können, in der Freude an ihrem Schaffen. Sie wollte das Land
wiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und den
sonnedurchtränkten Farben.
Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadt
umher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd und
überflüssig. So fuhr sie weiter nach München.
In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Sie
betrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur die
junge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen und
das Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutter
um sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjunge
war es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, war
so herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihn
nieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremde
Himmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mit
seiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude.
Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig
-- aber es war ein Lebewohl für immer.
Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim ersten
Morgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nacht
im Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Es
wurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmen
mehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldene
Dachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelben
Hauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrücken
draußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschen
und italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte und
graue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen.
Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere aus
der ersten und zweiten Klasse betrachtend -- und war so sinnlos froh.
Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sie
blond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungfer
dieser oder jener Herrschaft hielt.
Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in den
Klüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß und
glühend auf.
In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen.
Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher,
ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, und
melancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmen
konnte. --
Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischen
Landschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sich
der Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sie
nie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen den
Felsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmen
und Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führte
vom Bahnhof aus dort hinüber. --
In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf dem
Bahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er sie
willkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf das
Straßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihr
verschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen. --