Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gab
Franziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen.
Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend,
überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfang
und am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nur
lange allgemeine Betrachtungen über die Liebe.
Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihre
Handtasche. Oh, diese Briefe von Gert -- sie war fast nicht imstande,
sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nicht
verstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beim
Schreiben trat es aber klar zutage.
Und dennoch +war+ Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warum konnten
sie dann nicht harmonieren?
War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren,
hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen --
und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben.
-- War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht.
Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er +war+ nicht alt. Aber
seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eine Jugend,
die jetzt ausgestorben war, einer Jugend mit gesünderem Glauben und
mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv -- mit ihrem Glauben und
ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Art von Naivität. Die Worte
wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihre Bedeutung, ob es letzten
Endes das war?
Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer des
Stationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einen
Augenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Es
war seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut.
Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen und
weißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrün
gegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor den
Gehöften trugen bereits dunkle Kronen.
Cesca las noch immer an ihrem Brief. Er war von ihrem Manne. Ihr
Leinenkleid leuchtete weiß gegen den blauen Kies des Bahnsteigs.
Gunnar Heggen hatte sein Gepäck auf dem hinteren Sitz des Wägelchens
verstaut. Er liebkoste das Pferd und plauderte mit ihm, während er auf
die Damen wartete.
Cesca steckte ihren Brief fort, hob den Kopf und machte eine Bewegung,
als wollte sie etwas verjagen.
„Ja, du mußt entschuldigen, mein Junge -- jetzt können wir fahren.“ Sie
und Jenny setzten sich auf den Vordersitz; Cesca lenkte selbst. „Das
ist furchtbar gemütlich, Gunnar, daß du kommen konntest! Ist es nicht
famos, daß wir drei wieder einige Tage zusammen sein können? Ich soll
euch beide von Lennart grüßen!“
„Danke. Geht es ihm gut?“
„O ja. Er berichtet nur Gutes. Es war wirklich genial von Papa und
Borghild, daß sie wegreisten. Ich bin jetzt mit Jenny allein auf
dem Hof, siehst du, und die alte Gina steht Kopf für uns -- das ist
herrlich!“
„Ja, es macht Freude, euch wiederzusehen, Mädelchen!“
Er lachte sie beide so offenherzig an. Aber Jenny bildete sich ein,
sie hätte einen merkwürdig ernsten Schimmer dahinter gesehen. Sie
wußte, daß sie verwelkt und müde aussah, Cesca in dem billigen,
fertiggekauften Leinenkleid glich einem Backfisch, der alt zu werden
anfing, ohne erwachsen gewesen zu sein. Es war ihr, als sei Cesca
kleiner geworden in diesem Jahre, aber sie zwitscherte und plauderte in
einem fort -- was sie zum Mittagessen bekamen und zum Kaffee, ob sie
ihn im Garten trinken sollten, und von all dem Likör und Whisky und
Selterwasser, was sie eingekauft hatte.
* * * * *
Als Jenny in der Nacht in ihr Zimmer hinaufkam, setzte sie sich auf das
Fensterbrett und ließ sich den frischen Luftzug, der mit den Gardinen
spielte, über das Antlitz wehen. Sie war ziemlich berauscht -- ganz
unbegreiflich war es ihr, aber Tatsache.
Sie konnte nicht verstehen, wie es zugegangen war. Anderthalb Glas
Whisky und einige Gläschen Likör war alles, was sie getrunken, und
sogar nach dem Abendessen -- allerdings hatte sie nicht viel gegessen,
aber sie hatte augenblicklich keinen Appetit. Starken Kaffee hatte es
auch gegeben.
Vielleicht war gerade der Kaffee schuld -- und die Zigaretten. Obgleich
sie jetzt weniger rauchte als früher.
Jedenfalls hatte sie Herzklopfen und ein widerliches Hitzegefühl
durchrann sie in großen Wogen, so daß sie in Schweiß gebadet war. Das
Bild dort draußen drehte sich langsam vor ihren Augen -- vorwärts und
zurück -- die graugefärbte Ebene, das blaßleuchtende Blumenbeet und die
dunklen Baumkronen des Gartens an dem weißlichen Sommernachtshimmel.
Das Zimmer lief rund um sie her.
Sie wankte, als sie die Waschschüssel mit Wasser füllte. Unsicher in
den Bewegungen war sie auch. Das ist doch aber ein Skandal. Es geht
bereits bergab mit dir, mein Kind. Nun verträgst du keinen Alkohol
mehr. Früher hatte sie das Doppelte trinken können, ohne etwas zu
verspüren.
Erst hielt sie die Hände mit dem Puls unter Wasser. Dann badete sie
lange ihr Gesicht. Riß sich die Kleider vom Körper und ließ das Wasser
von dem nassen Schwamm über den ganzen Leib rieseln.
Gott weiß, ob Gunnar und Cesca etwas gemerkt hatten. Sie selbst hatte
zwar erst jetzt, als sie heraufkam, etwas verspürt. Wie gut, daß der
Oberstleutnant und Borghild nicht zu Hause waren.
Es wurde besser, als sie sich eine Weile gewaschen hatte. Sie zog ihr
Nachthemd über und setzte sich wieder ans Fenster.
Die Gedanken schwirrten ziellos zwischen Fragmenten der Gespräche des
Tages mit Gunnar und Cesca umher. Mitten drin stand ihre Verwunderung
hellwach still -- vor der Erkenntnis, daß sie sich betrunken hatte! Es
war ihr noch nie zuvor begegnet -- sie kannte das Gefühl kaum, auch
wenn sie einmal viel trank.
Jetzt war es übrigens sicher vorbei, sie fühlte sich matt und schläfrig
und kalt. Sie stand auf und taumelte in das große Himmelbett. Wenn sie
nun erst am späten Vormittag erwachte -- jedenfalls würde es eine neue
Erfahrung sein.
Soeben hatte sie sich in den Kissen zurechtgelegt und die Augen
geschlossen, als die widerwärtige üble Hitze sie wieder überflutete, so
daß der Schweiß aus allen Poren brach. Das Bett wankte wie ein Schiff
im Wellengang, so daß sie seekrank wurde. Sie lag eine Weile still da
und versuchte, Herr über diese widerliche Empfindung zu werden -- ich
will nicht, ich will nicht. Aber es nutzte nichts -- der Mund lief
voller Wasser. Es war gerade noch Zeit genug, zum Zimmer zu gelangen,
ehe sie sich erbrach.
Aber du großer Gott, war sie wirklich so betrunken? Jetzt wurde es
geradezu unangenehm. Aber nun war es wohl vorüber. Sie brachte alles
wieder in Ordnung, trank einen Schluck Wasser und legte sich nieder.
Jetzt konnte sie vielleicht schlafen.
Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte,
begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es war
erstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußte
sie noch einmal auf.
Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihr
auf. --
Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Es
war ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte es
nicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeit
hindurch nicht wohl gefühlt.
Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalb
hatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragen
können. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nach
einigen solchen Nächten.
An das Andere +wollte+ sie nicht denken. War es traurige Wirklichkeit,
so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mit Beängstigungen
plagen, ehe es notwendig war.
Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste.
Sie +wollte+ schlafen. -- Jetzt könnte sie natürlich nicht aufhören, an
diesen Unsinn zu denken -- ach. Sie war doch so müde.
In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohl
Folgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatte
aber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie in
vernünftigem Lichte zu sehen -- ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großen
Teil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zu
bekommen. Derartiges geschah eben häufig -- wollte sie schlechter sein
als alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden?
Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eine
unverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehen
und bekennen mußte, daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangen
war, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten -- sogar mit der
Aussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschieben
zu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren.
Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimm
war es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsener
Mensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hatten
die Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zu
helfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt,
niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt
-- in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Recht
und Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie den
eigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß die
Bürger häßlich von ihr redeten.
War ihr Verhältnis mit Gert sündig, so bestand die Sünde jedenfalls
nicht darin, daß sie zuviel gegeben hatte, sondern zu wenig. Und wie es
auch endete, so mußte sie dafür leiden und durfte nicht mucksen.
Ein Kind zu versorgen, müßte sie eigentlich genau so gut imstande sein
wie alle die Mädchen, die nicht ein Zehntel von dem konnten, was sie
an Fähigkeiten besaß. Etwas Geld hatte sie ja auch noch übrig, so daß
sie fortreisen konnte. War es auch ein kümmerlicher Beruf, den sie sich
gewählt -- viele ihrer Kollegen mußten doch sogar Frau und Kinder damit
ernähren. Außerdem hatte sie, seit sie annähernd erwachsen war, anderen
helfen müssen.
Natürlich wäre es ja das Beste, der Sache zu entgehen. Bisher war es ja
gut gegangen.