„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gram
und erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fach
des Geldschrankes gekramt.
Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrische
Tischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappe
und reichte sie ihr.
„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mir
selber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest es
sehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenem
Tage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst,
nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst.
Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder daran
gedacht. -- Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, während
ich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich in
dem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinen
Jugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihrem
Sarkophage, und hier gehe ich selbst umher -- ein toter und vergessener
Künstler.“
Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus,
fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab,
bitter aufrichtig war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sie
ihm leicht über das graue Haar.
Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihre
flüchtige Liebkosung verlängern. Dann -- ohne aufzublicken, löste er
die Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht.
Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie das
erste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz,
als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlich
Angst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte,
daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als sie
jetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlich
unterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte.
Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nicht
Raum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch die
Frage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand.
Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträume
enthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute.
Er hatte ihr von diesem Werk -- Zeichnungen zu Landstads Volksliedern
-- erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß er
um dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren.
Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit eines
fleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier -- das
war sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diese
großen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und den
zierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überall
rein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügten
Vignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihre
miniaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienen
sie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sich
so eng an italienisch-mittelalterliche Kunst, daß Jenny einzelne ganz
bestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungen
der Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkung
selbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotvioletten
Tönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der San
Marco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformten
Verse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateins
geschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder waren
Formensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischen
Altarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, worin
er gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keiner
dieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auch
dies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab.
„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehe
wohl.“
„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“
sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir die
gleichen Motive anders behandelt gesehen -- und so gut, daß wir sie uns
in anderer Art nicht recht vorstellen können.“
Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weile
sah er auf -- ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen:
„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“
sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habe
die Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“
„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weile
ablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogen
fühltest.“
„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß +du+ das verstehst.“
Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln ins Gesicht. „Siehst
du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest an mein eigenes Talent
glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nicht ein kleiner nagender
Zweifel zurückgeblieben wäre. Nicht daran zweifelte ich, daß ich nicht
auszudrücken vermöchte, was ich sagen wollte, ich war mir nicht klar
darüber, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Ich sah ja, daß die
romantische Kunst abgeblüht und im Begriff war, hinzuwelken. Fast auf
der ganzen Linie hatten Verfall und Unwahrhaftigkeit um sich gegriffen,
und gerade der Romantik gehörte mein ganzes Herz. Nicht nur in der
Malerei. Ich sehnte mich nach den sonntäglichen Bauern der Romantik,
trotzdem ich als Knabe lange genug auf dem Lande gelebt hatte, um zu
wissen, daß es sie nicht mehr gibt. Als ich in die Welt zog, war mein
Ziel das Italien der Romantik. Ich weiß sehr wohl, du und deine Zeit,
ihr sucht die Schönheit in dem, was +ist+, sinnlich und wirklich.
+Ich+ fand sie nur in der Umbildung der Wirklichkeit, die andere schon
vorgenommen hatten. Du weißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen
Glaubensbekenntnis, ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz
lehnte sich auf.“
„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit ist doch
nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnen anders.
‚~There’s beauty in everything~,‘ sagte ein englischer Maler einmal zu
mir, ‚~only your eyes see it or see it not, little girls~‘“.
„Ja, aber, Jenny -- ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zu +sehen+,
ich erfaßte nur ihren Widerschein in den Träumen Anderer. Ich war
nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeitswelt
+meine+ Schönheit herauszufinden. -- Ich fühlte meine eigene Ohnmacht
deutlich. Als ich dann dort hinunterkam, eroberte der Barock mein
Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und die Seelenpein, die man
unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? Nichts Persönliches,
Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. -- Nur die Technik
vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder, die
halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte in Licht
und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unter
der Ekstase verborgen -- verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder,
Heilige, deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenen
hartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung ersticken
wollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges,
das Werk der Epigonen, das nur blenden will -- und meist sich selbst.“
Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung.
Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst,
außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“
Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich.
Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nun
einmal mein subjektiver Standpunkt war.“
„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast -- in Rot -- das ist
doch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich es
mir anschaue, desto besser finde ich es.“
„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ich
malte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie -- und
doch haßte ich sie schon so grenzenlos.“
„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihre
Schuld?“
„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigene
Schuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin geht
es mir ähnlich. Aber ich +glaube+ -- an Gott meinetwegen, oder eine
seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weise
straft. -- Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin in
einem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; das
kannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr eines
Abends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte sie
kennen. -- Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart.
„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Das
habe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre lang
gequält und geplagt. -- Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du da
glaubst, ist recht grausam.“
Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie du
vielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei junge
Menschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sich
einander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichen
Umständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie war
unschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich.
+Ich+ sah, wie sie war -- sie ahnte es selber nicht. Ich wußte, wie
leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie in ihrer
Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus, ich
fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt,
daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte.
Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdem
ich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, sie
zu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen.
Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihr
nicht geben wollte -- meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentliches
Leben -- obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zu
reißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und sie
stark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkere
Leidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war,
ein Uebergewicht geben würde. -- Ich entdeckte, daß sie außer ihrer
großen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie war
eitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelische
Gemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihren
herrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“
Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßte
sie einen Augenblick an seine Augen.
„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend sein
würde? -- Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten.
Es war eine fürchterliche Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelier
kam -- wild und toll vor Uebermut -- verhöhnte sie jedes altväterische
Vorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig -- für sie gab es
nichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendung
mit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrer
achtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend,
ihrem guten Ruf -- ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sie
nicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie auf
diese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verloben
noch sich verführen lassen.
Ich hatte nichts zum Heiraten -- ich war Student, nicht einmal tüchtig,
und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ich
mußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monate
später kam Helge. -- Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen.
Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meine
Volksliederblätter! -- Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotes
und meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogar
einmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast -- in den neunziger
Jahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung und
Armut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kinder
gehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehen
zu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und für
mich litt. -- Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zoll
für Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraus
hatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an.
Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So trieb
sie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der alten
Schule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken -- aber so
fein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weich
und gut. Wir waren einander immer viel -- ja, Jenny, ich liebte ihn,
aber das durfte ich natürlich nicht. -- Dann die Malerei! Ich sah, daß
ich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochte
aber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nicht
an mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach dem
täglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einer
Karikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphierte
sie. -- Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ich
freute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Sie
wollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nicht
mit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zu
einer Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“
Jenny blickte zu ihm auf.
„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nicht
einmal, wenn Helge dabei ist.“
Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Hände
auf seine Schultern legte:
„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehalten
hast.“
Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter:
„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“
Als er kurz darauf sein Antlitz hob und ihre Augen sich trafen, legte
sie ihre Hand um seinen Nacken, und, überwältigt von einem unendlich
verzweifelten, zarten Mitleid, küßte sie ihn auf Stirn und Wange.
Sie erschrak hinterher selbst, als sie auf sein Gesicht mit den
geschlossenen Augen herniederblickte, wie es an ihrer Schulter ruhte.
Aber dann richtete er sich sanft auf und erhob sich.
„Danke, kleine Jenny.“
Gram legte die Blätter in die Mappe zurück und räumte den Tisch ab.
„Ja, Jenny, ich wünsche dir, du mögest recht, recht glücklich werden.
Du bist so jung und hell, so frisch und energisch und begabt. Mein
liebes Kind -- du bist so, wie ich es selbst hatte sein wollen. Ich
erreichte es aber niemals.“ Er sprach mit leiser, geistesabwesender
Stimme.
„Ich glaube,“ sagte er kurz darauf ganz ruhig, „solange ein Verhältnis
neu ist und man sich noch nicht eingelebt hat, kann einem so vieles
begegnen, das schwer zu überwinden ist. Ich wünschte, ihr wohntet
später nicht hier in der Stadt. Ihr sollt allein sein -- in der ersten
Zeit -- fern von Verwandtschaft und dergleichen.“
„Helge hat ja die Stellung in Bergen beantragt, weißt du,“ sagte Jenny.
Wieder überfiel sie diese närrische Verzweiflung und Angst, wenn sie an
ihn dachte.
„Sprichst du nie mit deiner Mutter über diese Dinge, Jenny? Warum
nicht? Hast du deine Mutter nicht lieb?“
„Doch, gewiß habe ich Mama lieb.“
„Du solltest sie um Rat fragen, mit ihr reden --“
„Es nützt mir nichts, andere um Rat zu bitten. Ich mag nicht über
solche Dinge mit anderen sprechen,“ sagte sie abweisend.
„Nein, nein. Du bist --“ Er stand dem Fenster halb zugewandt, als er
plötzlich zusammenfuhr und leise und aufgeregt ihr zuflüsterte:
„Jenny -- sie geht dort vorüber!“
„Wer?“
„Sie -- Rebekka.“
Jenny erhob sich. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie +schreien+,
vor Erbitterung und Ekel. Ein Zittern überfiel sie, jede Fiber in
ihr krampfte sich zusammen, lehnte sich auf. Sie +wollte+ nicht
hineingezogen werden in all das Häßliche, Schauderhafte, in dieses
Mißtrauen, diesen Hader, diese haßerfüllten Worte, Zänkereien und
Szenen ... Nein, sie wollte nicht da hinein --.
„Jenny, du bebst ja, Kind -- du solltest keine Furcht haben, dir darf
sie nichts tun --.“
„Das ist es nicht -- ich bin nicht ängstlich.“ Sie wurde plötzlich kalt
und hart. „Ich bin hier gewesen, um dich zu holen -- wir haben uns die
Mappen angesehen und nun trinke ich bei euch Tee.“
„Es ist ja nicht sicher, daß sie etwas gesehen hat --“
„Das brauchen wir, weiß Gott, auch nicht zu verbergen! Weiß sie nicht,
daß ich hier gewesen bin, so erfährt sie es eben. Ich gehe mit dir
nach Hause, hörst du? Wir +müssen+ es tun, sowohl deinet- als auch
meinetwegen --.“
Gram blickte sie an:
„Nun ja, nehmen wir es also auf uns.“
Als sie auf die Straße hinunter kamen, war Frau Gram gegangen.
„Wir fahren mit der Straßenbahn, Gert; es ist spät.“ Sie schwieg.
Plötzlich fuhr sie auf. „Helges wegen müssen wir es auch tun; diese
Geheimniskrämerei zwischen uns muß auch um seinetwillen ein Ende haben.“
* * * * *
Frau Gram öffnete ihnen selbst die Tür, als sie kamen. Während Gert
Gram seine Erklärung vorbrachte, begegnete Jenny frei ihren bösen Augen:
„Das ist doch ärgerlich, daß Helge heute Abend nicht zu Hause ist.
Glauben Sie nicht, daß er früher zurückkommt, Frau Gram?“
„Es ist aber auch merkwürdig, lieber Freund, daß du nicht daran gedacht
hast,“ sagte Frau Gram zu ihrem Manne. „Es ist für Fräulein Winge
schließlich kein Vergnügen, mit uns beiden einsamen Alten den ganzen
Abend zu verbringen.“
„Oh, was das betrifft,“ meinte Jenny.
„Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß Helge davon sprach, er
ginge heute Abend fort,“ sagte Gram.
„Man ist es nicht gewöhnt, Sie ohne Handarbeit zu sehen,“ lächelte Frau
Gram, als sie nach dem Essen im Wohnzimmer bei einander saßen. „Sie,
die Sie immer so fleißig sind!“
„Nein, ich konnte nicht mehr nach Hause gehen, ich kam zu spät aus dem
Atelier. Können Sie mir nicht eine Arbeit leihen, Frau Gram?“
Jenny unterhielt sich mit ihr über den Preis aufgezeichneter
Handarbeiten hier und in Paris, und über die Bücher, die sie ihr
geliehen hatte. Gram saß und las. Hin und wieder fühlte Jenny seine
Augen auf ihr ruhen.