Da kam auch der zweite schauen. Jedoch auch diesen hatte Wenk nie
gesehen.
Er hörte die beiden zusammen sprechen. »Es geht auf fünf Uhr. Der Doktor
muß bald da sein!«
Der andere antwortete: »Wenn er gesagt hat, kurz nach fünf, so kommt er
dann auch! Wir müssen uns parat machen!«
»Sieht man noch nichts?«
Die Männer entfernten sich.
Wenk versuchte, den Kopf zu heben. Aber er sah nicht über den Rand des
Fensters. Die Landschaft mußte flach sein. Nur Himmel stand draußen.
»Gib das Glas! Da ist er!« hörte Wenk auf einmal rufen. Jetzt kommt die
Entscheidung, sagte er sich. Er sammelte alle Kraft, den Vorstellungen
zu widerstehen, die mit grauenmachenden Fragen seine Phantasie
bestürmten und aus dem Dunkel heraus Züge von Bildern zu zerren
versuchten, vor denen ihn graute.
Was nun geschah, ging sehr rasch vor sich.
Die Tür des Autos wurde aufgerissen. Hände faßten ihn an der Schulter.
Die Schulter lag in der Nähe der Tür. Die Hände zerrten sie hinaus.
Seine Füße schlugen schmerzend auf das Trittbrett und dann auf den
Boden. Der zweite Mann hob die Beine auf, und sie trugen ihn ein Stück
weit.
Da sah Wenk kurz vor sich Dünen. Nur ein paar Schritte waren es bis zu
ihrem Kamm. Diesem kletterten die Männer nun mit ihm entgegen.
»Rascher!« rief der hinten, indem er sich umdrehte und rückwärts in die
Landschaft schaute.
Wenk hörte einen Motor. Er wußte, das ist Mabuse, der Motor! Auf einmal
baute sich ein lichtes Gewölbe über ihn. Erst nach einer Weile erkannte
er, daß es die Tragflächen eines Eindeckers waren.
Die beiden Männer verrichteten alles mit hastigen Bewegungen. Wenk wurde
auf den Sand gelegt. Zwei Stricke wurden ihm unter Brust und Armen
durchgeknüpft. Ein Mann hob ihn an den Beinen hoch, und auch diese
wurden mit zwei Stricken, die irgendwo am Gestänge schon vorbereitet
waren, hochgebunden. Ein dritter Strick wurde dann um seinen Leib
geschlungen.
Es dauerte nicht lange, bis Wenk erkannte, daß er mit dem Rücken an die
Wand der Gondel des Flugzeuges angebunden hing. Er lag da, angepreßt wie
ein Paket, das mit auf die Reise genommen wurde. Mit dem freien rechten
Auge sah er über den Rand der Binde hinweg, daß das Flugzeug auf einem
vorbereiteten Platz über einer sanft ins Meer fallenden Laufbahn stand.
An ihrem Fuß lief der Strand weiter. Es war Ebbe.
Ich werde eine Reise übers Meer machen! sagte eine traurige Stimme in
ihm. Wie lang ist es seit meiner letzten Seereise her! Der ganze Krieg
liegt dazwischen. Aber jetzt kommt für mich erst der Krieg ... erst die
Granate.
Aus der Tiefe seiner Muskeln brüllte eine Antwort gegen dieses kleine,
wehmütige Stimmlein. Die Muskeln lehnten sich gegen die Fesseln auf.
Sein Körper warf sich in den Stricken hin und her. Die Tragfläche bebte
unter den Schlägen und schwankte über ihm.
Da neigte sich ein breites Gesicht und ein hochgeschwungener Schädel
über ihn, und zwei Augen brannten seinen ganzen Leib an. »So!« preßte
sich ein Laut aus dem Mund des Mannes, der sich über ihn neigte.
Ja, das ist der Feind! Mabuse! durchfuhr es Wenk.
»Steig' ein!« rief dann Mabuses Stimme.
Man hörte ein Rauschen wie von Frauenkleidern. Dann stieg aus dem
Rauschen eine Stimme ... eine Stimme, die ihm unter dem Fleisch auf die
Knochen bebte. Er kannte sie! Das Kleiderrauschen wurde heftig und nah,
die Frauenstimme rief: »Was ist das?«
Wenk hörte Entsetzen, Qualen und Grausen aus dieser Stimme und Frage.
»Was ist das?« rief die Stimme schrill und versagend nochmals.
»Steig' ein!« schrie Mabuse dagegen.
Da fragte die Stimme der Frau, diese wohlbekannte, süße und dunkle
Stimme der Gräfin Told, wie verschüchtert in sich zurückgesunken: »Was
geschieht mit diesem Mann?«
Wenk sagte sich: Sie kennt dich nicht!
»Steig' ein! Er geht mit auf die Reise! Es ist kein dritter Sitz da!
Steig' ein, rasch!« rief Mabuse.
Wenk sah, wie Mabuses Arme die Frau erfaßten und über ihn hinweg in die
Gondel hoben. Dann stieg Mabuse nach. Er benutzte als Tritt Wenks
angebundenen Leib, und wie er im Führersitz saß, keine zwei Finger breit
über Wenk, beugte sich Mabuse herüber zu seinem Kopf und sagte mit
rauhem Hohn: »Der Herr machen die Reise mit. Wohin? Glück auf!«
»Fertig?« fragte Mabuse dann rückwärts.
»Alles in Ordnung!«
Der Propeller klopfte, und unversehens rutschte das Flugzeug in die
Bahn, und mit dem Augenblick, wo Wenk den Motor stoßen fühlte, waren die
Räder schon vom Boden frei, und die Erde fiel unter seinem halben Auge
hinab ins Grausige.
Das Flugzeug stieg jäh aufwärts. Es war Wenk, als stünde sein Körper
fast aufrecht. In der Gondel wurde kein Wort gesprochen. Die Luft
prallte brutal an ihn, als sei sie aus fliegendem Holz. Bald begann ihn
zu frieren. Die Kälte schlug ihm durch den breiten Ausschnitt des
Frackhemds mitten ins Herz. Er spürte nur, daß die Kälte immer tiefer in
ihn eindrang, wie mit wühlenden Messern. Seine Haare waren starr und
standen aufrecht. Sie waren wie Nadeln schmerzhaft in seine Haut
gestoßen.
Von aller Fähigkeit zu denken war nichts mehr in ihm als eine mit
dunklen Farben aufgemischte, fließende Scheibe. Eine kleine, unklare
Vorstellung sprang ihm daraus nun wieder in die Hände: als erleide er
ein Martyrium und als erleide er dieses Martyrium der Gräfin Told
zuliebe, die er einmal geliebt habe, wo es nicht erlaubt war.
Dann fühlte er einen kurzen Fauststoß an seinen Kopf. Eine Stimme fragte
roh wie ein Holzknüttel auf ihn hernieder: »Ist Ihnen viertausend Meter
hoch genug?«
Nach wenigen Augenblicken fragte es nochmals: »Oder haben Sie sich aus
Angst schon vorher verabschiedet?«
Die Stimme ging fort, wie ein Geist. Wenk spürte, wie sich das Flugzeug
grade richtete. Als es eine kurze Weile so geflogen war, kam eine Hand
an seinen Kopf. Sie riß hastig und mit heftigen Stößen die Binde fort.
Da sah Wenk, wie sich weit über seinen Kopf das Gesicht Mabuses
vorbeugte. Er blieb stumm. Aber die Züge waren wie auseinandergerissen
von einer Lust, die Entsetzen verbreitete. Die grauen Augen hatten keine
Form und keine Iris mehr. Sie waren wie alte verwitterte Steine. Sie
waren hart und voll von einem Tod, der sich Wenk gleich einem spaltenden
Hieb durch den Körper schlug.
Dann sagte der verdehnte Mund und öffnete sich wie der Spalt einer
Klamm, die ins Rutschen kam: »Sie haben gewagt, meinem Weg
entgegenzutreten. Sie stehen vor Ihrem letzten Augenblick. Ich habe
Ihnen den Knebel vom Munde gerissen, daß ich mich an dem Schrei ergötze,
mit dem Sie die viertausend Meter zurück zu Ihrer Welt fallen!«
Wenk hörte die Stimme wie einen über einen Blitz einkrachenden Donner.
Er spürte, wie die Hände Mabuses die Stricke an den Beinen lösten. Er
zerrte und riß daran. Auf einmal waren seine Beine frei. Sie fielen
hinab, einen Augenblick nur, dann hielt der Strick, der den Leib
umschlang, sie wieder an. Die Hände rasten um diesen. In kurzen Sekunden
war er gelöst.
Wenks Leib im weiteren Fall richtete sich aufrecht, nur noch gehalten
von den Stricken, die seine Brust an die Wand anschnürten. Er fühlte
plötzlich, daß seine Hände frei waren, und mit diesem Gefühl schlug eine
jähe Hoffnung durch sein Blut.
Aus dem Verhüllten seiner Phantasie stieg, wie ein Märchen, prangend,
mit Wollust und Sehnsucht beladen, mit Glück durchstrahlt, die
Erinnerung, daß er die Schönheit und Menschlichkeit der seinem Ende
jetzt so nahen Gräfin Told einmal angebetet und nicht vergessen hatte.
Eine wundersame Macht ging von diesem Gefühl aus, das sich im nächsten
Blutschlag schon, in der Kraft des letzten Augenblicks vor dem Tod, zu
einer unlösbaren Blutsbrüderschaft gesteigert hatte und wie ein Gewölbe
voll Stolz und Mut über den wilden Schädel des Mörders hinweg auf der
anderen Seite auf das menschliche Herz dieser Frau einen Fuß absetzte.
Er sah, wie auf einmal die Augen der Gräfin irr, wie Vögel, die aus dem
Äther abgeschossen werden, über Mabuses weit und gierig vorgebeugten
Kopf sich errichteten ... Er sah, wie die Hände aus den Pelzhandschuhen
zuckten und weiß funkelten, so nackt, als böte sich ihm ihr ganzer Leib
in keuschem, heißem Opfer dar, sich an Mabuses Schulter krallten und ihn
zurückreißen wollten.
Aber Mabuse schüttelte die Frau mit einem Ruck seines Körpers zurück. Er
hob die Hände mit einer tobenden Wut an den letzten Strick. Sie rissen
die ersten Knoten auf ... der Körper Wenks rutschte etwas tiefer ...
schlugen Wenks Hände, die nach dem Rand der Gondel irrten, mit
geschlossenen Fäusten zurück ...
Da erhob sich ein letzter Widerstand aus einem flutenden Schein von
Lebenswillen heraus, und Wenks Stimme brüllte in die Luft hinauf, die
das Flugzeug brausend umschwankte: »Der ist der Mörder des Grafen Told.
Der ließ ihn falsch spielen! Der gab ihm das Rasiermesser in die Hand,
um sich die Kehle zu durchschneiden!«
Eine Faust schlug ihn in den Mund. Er spürte Blut hinter der Zunge
fließen, und es schmeckte in diesen vorletzten Augenblicken, in denen er
noch sein Leben besaß, voll von einer seinen Geist vulkanisch
durchbrausenden Süßigkeit.
Dann war es, als wollte ihn eine letzte Gewalt aus dem Strick stoßen.
Ein furchtbares Gewicht preßte sich auf seinen Kopf, rollte über seinen
Leib, um ihn abzudrücken. Das Gewicht war grenzenlos, schwarz, von einer
tosenden Eile erfüllt.
Aber mit einemmal war das eiserne Gewicht von ihm abgerutscht. Ein Teil
löste sich vom Flugzeug ab, unerkenntlich, und versank. Wenks Hände
hielten den Rand der Gondel umklammert wie Schrauben. Das Flugzeug
schwankte, als sei es von der hohen dünnen Luft betrunken.
* * * * *
Es war folgendes geschehen:
Als der Name des Grafen Told durch die Luft klang, wie hergeworfen von
der raum- und zeitlosen Höhe, war es der Gräfin, als erwache sie aus
einem Traum auf dem Grund eines Moores. Seit jener Nacht, die sie von
ihrem Mann gerissen und an den bösen Willen Mabuses gefesselt hatte, war
dieser Name von ihr nicht mehr gesprochen und nicht mehr gedacht worden.
Er hatte sich in ihr Inneres, tief in das Chaos, aus dem sich ihr Leben
nährte, verkrochen. Er war da hineingeschlagen worden von der
dämonenhaften Gewalt des Herrschwillens Mabuses, und die Frau hatte es
geduldet, in einer Art unbewußter Selbstwehr. Sie wäre sonst ganz und
ohne Rettung dem Werwolf verfallen gewesen.
Dort im Innern hatte der Name nun gelegen und gewartet, hatte gelauert,
bis er wieder emporsteigen konnte, um ihre Seele zu retten.
Wenks letzter Schrei hatte ihn aus dem Unterdunkel hervorgerissen. Die
Gräfin hatte ihn empfangen wie eine erste Waffe gegen die geheime Kraft
des Mannes, der ihren Willen und ihre ganze Persönlichkeit so lange
vergewaltigt hatte. Sie war auf einmal wieder zu sich selber
emporerwacht. Das Erstarrte zerschmolz. Die Finsternis, in die sie
eingekrallt lag, erleuchtete sich. Es ward Tag in ihr.
Und da bekam sie all die stolze junge Kraft ihres Gemüts wieder in die
Hand. Sie geriet in einen Grimm, den Gott ihr einflößte. Ihre Muskeln
nährten sich an ihm unüberwindlich. Ihre Hände wurden eisern wie ihr
Herz, und sie nahm die erste Waffe, die herumlag, den schweren
Schraubenschlüssel, und schlug dem Verbrecher zur Rache und zur
Befreiung mit ihm von hinten den Schädel ein.
Mabuse, gerichtet, bekam das Übergewicht und stürzte über Wenk hinüber
in die Tiefe, die ihn gleich begrub ...
* * * * *
Wenk erreichte mit den Beinen eine Querstange, schob sich blitzschnell
hoch, der Knoten über der Brust, gelockert, löste sich von selber. Wenk
fiel in die Gondel. Das Flugzeug stürzte schon in irren Schwankungen im
Raum. Da bekam Wenk noch rechtzeitig die Hebel zu fassen. Der Motor
tobte weiter. Das Flugzeug errichtete sich wieder, und nach einer
raschen Orientierung den Motor ausschaltend, ließ es Wenk im Gleitflug
zur Erde zurück und auf das Ufer zu sinken.
Es landete an den Dünen der ostfriesischen Küste.
Wenk half der Gräfin aus der Gondel. Sie war bleich, aber bei vollem
Bewußtsein. Sie fiel vor ihm nieder und drückte ihr Gesicht an seine
Hände.
Er hob sie auf und sagte: »Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet.
Wir wollen schweigen! Und versuchen zu vergessen. Trennen wir uns!«
Aber da sagte die Gräfin: »Nein! Ich habe nichts zu verschweigen und
nichts zu vergessen. Das Blut, das ich vergießen mußte, kam vom Bösen.
Ich habe ihn von sich selber und die Menschen von ihm befreit. Wer kann
gegen mich zeugen?«
Wenk schaute sie stumm an. Langsam begriff er. Dann gingen Schauer durch
ihn. Wie stolz! wie kühn sie ist! wollte er sich sagen. Aber sein Herz
warf Strahlen auf in ihm. Er breitete die Arme aus in einer
selbstopfernden und sich hingebenden Gebärde. Das Leben, jung,
wiedergewonnen, überstürzte ihn, und in demselben Augenblick brach die
von so vielen Geschehnissen verschüttete Liebe wieder auf, die sich nie
erfüllt hatte.
Dann stiegen sie zusammen über die Dünen dem nächsten Dorf und wieder
den Menschen zu.
Von Norbert Jacques erschien ferner
im Verlag Ullstein
DIE ZWEI IN DER SÜDSEE
Ein Abenteuer unter Wilden
*
Zwei deutsche Freunde werden Stewards auf einem australischen
Dampfer, lassen sich als Pflanzer einstellen, wirken unter
alkoholisierten Schwarzen, die sie mit Tod bedrohen, und
fahren mit einem chinesischen Koch auf einem kleinen Segelkutter
kreuz und quer über das Weltmeer. Bunt und abenteuerlich wie
Kapitel aus dem »Lederstrumpf« hat Jacques diesen Stoff
gestaltet.
*