»Ich sagte es Ihnen eben!« antwortete die große Stimme kurz.
»Und nun?«
»Bleiben Sie bei mir!«
»Ich will nicht!« schrie die Gräfin. »Ich will meinem Mann helfen. Ich
will nicht!«
Da erst ward ihr wieder klar, was sich ereignet hatte. Ihr Mann hatte
falsch gespielt!
Du mein Gott, mein lieber Gott, wie war das möglich gewesen! Sie wußte
doch so genau, daß er das nie tun würde. Welche Widersprüche! Welche
Qualen! Welche Verzweiflung! Welche Hölle! Und sie war bei der Helferin
der Mörder Hulls gewesen und war ihr erlegen. Alles drehte sich
durcheinander, und Blut erschien neben dem schwarzen, ohnmächtigen
Unglück, das ihr Mann angerichtet hatte.
Sie hörte die Männerstimme, groß, voll Grauen, voll Gefahren: »Sie
wollen nicht? Frage ich danach?«
Er hatte den Tiger nicht gefragt und den Auerochsen nicht. Sollte er
eine schwache Frau fragen! Das ist wahr! Sollte er sie fragen? Sie war
seine Beute.
Dieser Vorstellung gab sie sich mit einer wollüstigen Angst hin. Sie
gehörte dem stärksten Mann, den ihre Augen jemals gesehen. Was konnte
sie sich wehren? Er hatte sie einfach genommen. Gab es Männer, deren
Willen genügte, ohne Berührung eine Frau zu nehmen?
»Wie bin ich hergekommen?« fragte sie.
»Wir haben zuvor Wichtigeres zu besprechen. Wie wollen Sie sich
einrichten?« fragte die Stimme groß und kalt neben ihr und mit einem
erbebenmachenden Ernst.
»Ich will nicht!« schrie die Gräfin. Ihr war, als seien Marterwerkzeuge
in ihr Hirn eingegraben.
»Das ist nicht die Frage!« antwortete die Stimme, wie ein Stein ... er
fällt ... er liegt! liegt Jahrtausende ... »Es handelt sich darum:
bleiben Sie freiwillig bei mir oder als meine Gefangene?«
Die Frau, erwachend am Gefühl des Zwanges, mit dem sie bedroht wurde,
vermochte ihre Sinne zu sammeln. Sie schaute, horchte, lauerte. Leise
begann sie zu rechnen: List oder Widerstand?
Sie antwortete nach einer Weile: »Sie können mich in München nicht als
Ihre Gefangene halten!«
Mabuse mit einem drohenden Ton: »Woher wissen Sie, daß Sie in München
sind?«
»Haben Sie mich verschleppt?« rief die Gräfin.
»Ich bin kein Gorilla!«
»Wer sind Sie? Wie heißen Sie?«
»Wie Sie mich nennen werden!«
»Dann werde ich Sie Gorilla nennen!« wollte sie böse sagen. Aber es
begann, daß ihre Zunge in einer süßen Schwere diesem häßlichen Namen
widerstand. Sie sprach ihn nicht aus. Irgend etwas war in sie
eingetreten, was ihre Lage so mild machte. Was Lockungen und Versprechen
aus der Weite herholte und in ihrem kleinen Herzen zusammentrug wie
emsige, nächtliche Heinzelmännchen.
Etwas in ihrem Gewissen lehnte sich dagegen auf, daß es ihr gut gehen
sollte, wo ihrem Mann doch ein Unglück zugestoßen war und ihr selbst,
wer weiß was, widerfuhr.