ZEHNTER BRIEF.

Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.

Wir sprechen jetzt sehr vernünftig über ihre Ehe.

Dass man heiraten muss, das ist selbstverständlich, das ist der

Ruheposten, die Versorgung. Sie denkt darüber gar nicht weiter nach. Eine

alte Jungfer bleibt man nur, wenn man hässlich ist, oder Keinen gekriegt

hat, oder überspannt ist. Sie missbilligt das. Sie ist stolz darauf, dass

sie so bald Einen gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre Freundinnen

sie beneiden werden.

Der Ärger der Freundinnen spielt eine grosse Rolle dabei – je intimer,

desto intensiver der Ärger. Das ist diesem Geschlecht das Äquivalent für

das, was wir Ehre, Ruhm etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen sie gar

nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen in

Kunst, Berufen u. s. w. lassen sie total unberührt, vielleicht nur

insofern nicht, als sie ihnen das wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld,

Toiletten, Männer.

Und eigentlich haben sie ganz recht, der Neid, den man fühlt, der einem

den Rücken runterläuft! Das kitzelt, das macht die Nerven prickeln, das

Andre ist Unsinn.

Dass sie sich einem Manne hingeben soll, aus dem sie sich gar nichts

macht, ist ihr sehr gleichgültig.

Ich glaube, wir übertaxieren das im allgemeinen bei der Frau. Oder ist es

die Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie stumpf und duldend macht?

Einen Mann, der einen nicht reizt? – Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten –

warum nicht?

Von der „Liebe“ wollen sie das Raffinement, die Leidenschaft, deshalb

lieben Frauen Künstler, ästhetische Männer, die sie lange kitzeln. Von dem

eigentlichen Akt haben sie ja am wenigsten, der ist Pflicht.

Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das noch weher thut – die Schmerzen –

die Entstellung – die Brüstchen, die schlaff werden ... „Elisabeth hat

einen Bauch, der ihre ganze Figur verdirbt ...“

Der „Bauch“ von Elisabeth beunruhigt sie.

„.. Es geht ja noch, wenn man viel Leute hat und eine Amme nehmen kann.

Babies sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen und rosa

Schleifchen ....“

Das ist der ausschlaggebende Punkt, dabei verweilt sie sehr lange!

Equipagen, Diener, dass sie die Hofbälle besuchen werden.

„Den ganzen Winter muss er mit mir hier in Berlin wohnen.“

„Aber wenn er nicht will?“

„Männer thun immer, was man will. Papa thut auch immer, was Mama will.“

Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein kleines, listiges, grausames

Lächeln ....

Oh ja, der wird thun, was sie will.

Und es giebt Tölpel, die immer noch an die stärkere Thatkraft des

männlichen Geschlechts glauben!

Nur die Franzosen: Ce que femme veut, Dieu le veut. Die sind überhaupt

viel aufrichtiger in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert sich was vor,

der alte, naive Barbar in ihm. – Und unsre Frauen sind klüger. Thusnelda

lächelte kaum merklich, wenn Hermann Meth soff und Auerochsen spiesste.

Sie haben ja auch zuviel Machtmittel – die Verliebtheit! Und wenn die gar

nicht mehr vorhanden ist – Es sind gewöhnlich ungeliebte Frauen, die den

Pantoffel schwingen. – Das verliebte Weib ist unterwürfig. Das ist ihm

Wollust: Die Tigerkatze, die sich streicheln lässt. – Der Kleinkrieg

thut’s. Die Thränen, das Purren. Die Nerven geben nach. Alexander oder

Cäsar beugt sich vor dem muffigen Gesicht, der schweigend

heruntergewürgten Mahlzeit, der permanenten Nähe eines Hassenden,

Vorwurfsgeschwollenen.

Nichts amüsiert mich mehr, wie das Streben nach offizieller politischer

oder wirtschaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. Das sind hässliche

Frauen, anmutlose Frauen, Zwittergeschöpfe. Das ist dumm.

Für Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren sich Griechen und Trojaner,

Antonius, – Nelsons, Gambettas, Boulangers alle Tage. Elisabeth, Katharina

waren Genies, weil sie Weiber waren. Über Louise Michel und

Frauenkongresse lächelt der armseligste Schneidergesell, den seine Frau

prügelt.

Und mit Recht. Wie kann man die Wurzeln und das Mass seiner Kräfte so

verkennen! Das ist wie die Königstigerin, die sich Hörner wünscht, um den

Kampf mit dem plumpen Ochsen aufzunehmen.

Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben nicht Ochsen wären, liessen wir sie das

ganz tranquil machen, alle Arbeit, allen politischen Krimskrams in den

Parlamenten und Versammlungen, und setzten uns schliesslich ganz gemütlich

auf das gutdressierte Pferdchen kraft der einfachsten Logik unsrer

stärkeren Schenkel.

Aber wir sind eben Ochsen und viel zu verliebt! So’n kleines, zappeliges

Füsschen, so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen .. Simson lässt sich die

Locken abschneiden. Die schönste Berechnung geht zum Teufel.

Sowas passiert denen nicht.

Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra in der Beziehung.

Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit, dass sie einem

Droschkenkutscher leibhaftig die Adresse gegeben hat, dass ihr Schwager

ihr neulich an der Kurfürstenstrasse begegnet ist, was sie der Mama alles

vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei lügt sie künstlerisch, mit

Genuss, ganz unnötig komplizierte und lange Geschichten, nur weil das

Lügen ihr Spass macht, aus Liebe zur Sache.

„Und im Notfall könntest Du doch immer Dein Ehrenwort geben, dass wir

nichts zusammen haben. Wir haben doch nicht wirklich was.“

Nein, wir haben wirklich nichts.

.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst gar nichts habe, weil ich jetzt

heiraten muss, und ich habe dich doch so schrecklich gern, Herri!“ ...

Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich; aber es ist nicht die Spur von

Leidenschaft in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit an sie heran,

würde sie mich dreimal verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. Und das

ginge ihr so glatt von der Zunge! und wenn sie ein Übriges dazu thun und

mich aus der Welt schaffen könnte, würde sie es ebenso kaltblütig thun.

Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. Siehst Du, das bewundre ich auch

immer an diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, der Erfolg, respektive

Misserfolg, der entscheidet. Dabei machen wir die rührendsten Affären

daraus. Gretchen im Zuchthause bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans

seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau Marthe geworden und hätte an

„Heinrich! mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung mit

fortgetragen, eine behagliche Rührung, dass sie ihre Jugend so gut

genossen.

Eine Frau, die einen Skandal verursacht, das ist unmoralisch, ekelhaft,

die schlaue Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen braven Ehemann,

den sie betrogen, das imponiert ihnen.

Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten beladen, die grosse Schauspielerin mit

dem Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich mit dem Stallknecht liiert,

darüber können sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar mit einem

Gemisch aus Neid und Bewunderung. Aber ein armes Dienstmädel, das ein Kind

kriegt und ins Elend gerät. Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf.

Das ist das Perfide bei der Geschichte. Das andre nicht.

Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme immer die käufliche Liebe aus.

Das bereut man nicht.

Es liegt auch da eine Naivität der Männer zu Grunde oder ihre Arroganz.

Der Lendemain ist sprichwörtlich geworden. Der Wüstling hat das doppelt

angenehme Gefühl: Du hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird die

Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie.

Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit gewisser „guter Mädchen“

(„gut“ ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) zu denken geben.

Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines Mädchen. Sie hatte auch die Angst

vorm Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain.

Und dann war’s wirklich Morgen und der allerschönste Sonnenschein und

Vogeljubilieren – und sie lachte, lachte übers ganze Gesicht: „Ich bin so

froh, Schatz! Ich glaub’, ich könnte fliegen!“

So müsste Eine natürlich empfinden.

Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, einen Roman von einer Frau, „die

Geschichte eines Mädchens“. Das rührte mich fast. Die Arme! Sie hat

gewollt und nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen Mann zu gross war.

Ebenso albern finde ich den Mann, der absolut der Erste sein will. Wie

lässt der grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno sagen: „Und, glauben Sie

mir, es ist in der Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das der Liebe und

der Leidenschaft fähig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf

kommt es nicht an.“

Überdies: On n’est jamais le premier.

Ist die Frau besser, die sich vielleicht physisch enthalten hat aus

persönlicher Propertät oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre Phantasie zu

den unnatürlichsten Ungeheuerlichkeiten ausschweifen lässt, als diejenige,

die vielleicht an einem hellen Maientage dem süssen Zug der Natur gefolgt

ist, ohne zu rechnen und zu moralisieren?

Das ist gewissermassen das System der Kuhpockenimpfung ... Ich habe

vielleicht mein Wassernixchen zu einer sehr guten Ehefrau gemacht.

Aber freilich die Konsequenzen!

Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin von schwachem Fleische, die

behauptete, wenn die Konsequenzen nicht wären, wär’s ein

Gesellschaftsspiel.

Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht so weit ist. Man ist noch immer

der „Erste“, mit der offiziell aufgestempelten Eins vom Standesamte, der

Kolumbus, der Schleierlüfter, der Dornröschenerwecker.

Sie mokiert sich darüber. Sie hat eine Art Ranküne, wenn sie von ihrem

„Ersten“ spricht. Vielleicht ist es ein Gefühl des Torts, das sie in meine

Arme getrieben hat, mir dem Wissenden, dem Verzeihenden.

„Ich hätte Angst vor Dir. Du weisst so viel“ ... sagt sie manchmal.

„Aber hast Du denn keine Angst mit „ihm“ – immer fremd sein – immer

Komödie spielen?“

Sie tröstet sich mit dem Geld, der Equipage, den Kleidern.

Lügen ist ja nicht schwer. Sie werden darauf erzogen. Sie finden sich so

merkwürdig. Das ist wieder die bewunderungswürdige Lebensfähigkeit dieses

Geschlechts.

Er wird immer an sie glauben, immer nur die weisse Stirne sehen, mit

seinen blöden, guten, gesunden, tölplischen Bauernaugen.

Aber der arme Kerl, wenn der mal Bankerott machte!

Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter · 第 14 / 20 题