Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil.
Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter!
Ich flüchte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich
sieht, schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem die Madonna leibhaftig
erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher entrüstet
sich nicht einmal moralisch.
– – – – Sie ist noch immer geschlossen, süss und ahnungslos.
Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die
schlanke Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung künftigen Frühlingssturmes,
heller, glorreicher Sonnenwärme.
Wir sassen auf dem Balkon.
Ich sah sie wohl zu heiss an.
Sie verwirrte sich. Sie war still.
Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren Ausdruck als den Koriolans
an sein Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt darin eine solche Tiefe
der Unberührtheit. Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar, auf
Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen – der See – der
Himmel – die Frau ...
Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im
Hause ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa
den Frühstückskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen hält sie selbst
in Ordnung, die kleinen Röckchen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und
Bändchen. Die Mutter hat sie schlicht und häuslich erzogen, wie sie selber
ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen selber führen.
Ich finde das entzückend.
Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v.
W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit
wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die
beiden Mädchen sind unzertrennlich. Wie das schwätzt und schnäbelt! – all
diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der
sechzehn Jahre.
Das thut mir manchmal fast weh.
Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, für das wir kein
Verständnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, ohne Mutter,
ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenüber ein schüchterner
Stümper!
Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein!
Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen,
seinen Schönheiten. Unsre Mark _hat_ Schönheiten, ihre sehr intimen,
keuschen Schönheiten, die sich nur dem Verstehenden enthüllen, dem
Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt, Italien,
Norwegen – das Meer ...
Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass
ich reich bin, soviel Schönes erschliessen kann für mein Lieb.
Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine,
barbarische Berlinerin, die nichts kennt!
Alle meine Lieblingsbücher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried
Keller, Storm.
Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen
und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes,
grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck.