ZWEITER BRIEF.

Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin bei Rathsdorf, Kreis

Jüterbog in der Mark.

Teurer Parzival!

Heute also zu Deiner Epistel von gestern.

Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische Miene aufgesetzt. Ich

kannte ja die dicken Couverts, das Wappen Semper idem, die

engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling.

Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt habe ich! Kommt denn der

Mensch nie aus dem Zahnen heraus!

Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten, stark magdalenenhaften Witib aus

den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen Backfisch herein, einen

Berliner Backfisch, eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch! Die Götter

wollen Dein Verderben.

Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne das Original. Ich sehe es zu

Dutzenden alle Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz,

manchmal noch mit der Schulmappe und dem Bammelzopf sogar, das äugelt und

kichert auf der Pferdebahn, giebt sich in Konditoreien Rendezvous, liest

Tovote und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge erröten, und träumt von

chambres séparées, alten Männern mit Millionen und Hausfreunden, die

Gesandtschaftsattachés sind.

Der Schändliche! Der Pessimist! wirst Du sagen, und dann kommt die ganze

Philippika gegen moderne Kunst und Volksvergifter.

Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie

ganz so schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine

mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune.

Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen

Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine

ärgere Komödie als ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl, alter,

ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber.

Übrigens ja doch! lachen musste ich doch.

Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen, blaue Augen, diese Zartheit,

Blondheit. Geheimratstochter aus W.....

Weisst Du noch, wenn Du mir Standreden hieltest über meine Abenteuer,

entrüstet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer

Verführungskünste?

Diesmal wirst Du wenigstens zugeben müssen, dass ich auf unschuldige Weise

dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstäblich im Schlafe, Du

weisst ja „seinen Freunden u. s. w.“

Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus

Armen, als Martin zwei Damen meldet.

Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er hat dann förmlich etwas

Priesterliches, die Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste

öffnet.

Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in

München der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste,

ehrlichste, fidelste Frauenzimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen

Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen

Leben. Martin bediente uns während des Essens mit einer Grandezza und

diskreten Feierlichkeit, die anfing lähmend zu wirken. Jule wurde stiller

und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr süddeutscher

Gemütlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den

geringeren Göttern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie

einen fast schüchternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches

Gesicht.

Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind

alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen – notabene es

war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme,

feierlich und gedämpft wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr

ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst

einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin präsentiert Feuer

von dem züngelnden Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und träufelt das

Nass aus dem grünen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade.

Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von

dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten

Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt das

Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht.

Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder gelber

Seidenkouvertüre. Über dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido, lächelnd

vorgeneigt, ein elektrisches Flämmchen. Vor der Toilette liegen, planvoll

arrangiert, Kämme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und

gewellte, ein silbernes Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule trägt

Lahmannsandalen und kurzgeschoren.

„Du –“, sagte meine alte brave Schwester, wiedereintretend, mit einem sehr

energischen Klink der Thür, der ihm durch und durch gehen musste. „Wenn

der im Paradies dabei gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott sich

sparen können.“

Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit gegen das weibliche

Geschlecht eine schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest, was ich

durch diese Höflichkeit schon gelitten habe! Das ist physisch bei mir.

Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick in den Spiegel, eine Handbewegung

nach dem Schnurrbart, eine ebensolche an die Halsbinde. Der äussere Mensch

wäre gerüstet.

Mein Junggesellenheim kann sich immer zeigen. Das ist mein Stolz, und

Martin ist darin gut erzogen. En avant donc!

„Meine Damen, was verschafft mir die Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst!

ein blonder und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus gutem Hause –

Handschuh, Stiefel – viel Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort.

„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl? Wir haben Ihr Buch: „Verbotne

Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich wollten Sie gern mal kennen

lernen.“

Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis mit dreisten, hellen

Augen. Die Blonde steht verschämt mit schlagenden Wimpern.

„Ich bin meinem Buche sehr dankbar, dass es mir solch reizende

Bekanntschaft vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz nehmen, meine

Damen?“

Sie setzen sich, beide natürlich auf einen Stuhl. Sie kichern. Die Blonde

bearbeitet die Braune sehr energisch in der Knie- und Ellenbogengegend.

Die ist schon ganz frech: „Ich heisse Kathinka Schnebeling und meine

Freundin heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für moderne Litteratur.

Meine Freundin schwärmt für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie

von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“

„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich – ein alter Mann mit einem

kahlen Kopfe....“

Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen müssen sehr solide Knochen haben,

dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen so gut vertragen.

„Unsre ganze Klasse schwärmt für: „Verbotne Früchte“. Wir haben es Alle

gelesen. Oh wir lesen Alles!“

Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz kurzen Sätzen.

Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch aber eigentlich in Ihrem

Alter ....“

„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten gewesen mit meinem Vetter Hubi

und „Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“

„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher Mensch ... Aber merkt denn das Ihre

Frau Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“

„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt Patiencen,“ (schriftlich nicht

wiederzugebende Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte Beschäftigung

des wackren alten Herrn). „Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen

haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, eine Mischung von Kätzchenmiauen

und Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, christlicher

Vorname ebenso unmöglich wäre wie ein ordentliches, honettes Ja oder Nein

– –, „Itta wollte so gern zu Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta

schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am liebsten, hauptsächlich Garde

und Kavallerie.“

„Aber Kitty!“ ...

Also die Blonde! Die Blonde war auch eigentlich die Niedlichste.

Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen. Martin ist darin vollkommen.

Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem Wein nippten sie nur.

Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. Sie brannten förmlich vor

Interesse. Eine dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin auf meinem

Schreibtisch enttäuschte sie sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige

Bouchers entschädigten sie etwas. Sie stiessen sich an und kicherten.

Sicher hatten sie erwartet, die ganzen Wände voll nackender Frauenzimmer

zu finden, alle fünf Barrisons mindestens!

„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe kriegen? Olga Krohn sagt

es.“

Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen. Ich zeige männliche Bescheidenheit:

„Ab und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen einem armen Sterblichen

ihre Gunst erweisen.“

„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie gehabt?“

„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“

„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich gewesen?“

„Unsäglich!“

Dabei betrachten sie mich kritisch wie zwei kleine, menschenfressende

Ungeheuer, ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust aufknöpfen und das

traditionelle blutende Herz mit dem grossen Knax mittendurch entfalten

werde.

„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen und gänzlich unromantischen

Person ..“

Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, Gymnasiasten, einem Studenten,

einem Courmacher der Blonden ... Was die Eine nicht sagte, verriet die

Andre, – die Braune immer ein Schrittchen voraus und die Blonde

nachhelfend ... von Susi Hausner und Litty Mehring und Daisy Grimme ...

Oh, die war ganz schlimm, Daisy Grimme!

Und als ich ganz bescheidentlich einmal einen rein technischen Zweifel zu

äussern wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man hatte ja seine

Musikstunden, Kurse, die Schneiderin zum Anprobieren. Das System

funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime Konnivenz aller dieser

Faktoren blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu verlieren, Kundschaft

einzubüssen.

Ich sage Dir, es war entzückend, die beiden heissen, niedlichen, kleinen

Käfer!

Es schlägt sechs Uhr.

Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter · 第 2 / 20 题