Muhamed, der die Wälschen umdrängt, in grauser Verfolgung

Weichen sah, erregte den Muth des flüchtenden Herrschers,

Hairaddin, kühn zu besteh'n des Kaisers anstürmende Heersmacht.

»Wie,« so rief ihm der Geist, »du, Hairaddin, schrecklicher Krieger,

Wendest den Rücken dem Feind'? Erschlafften des tapfersten Herzens

Schwingen so ganz, daß es scheu vor Schlachtengetümmel zurückbebt?

Auf, und versuch' erneueten Kampf: denn Siegesgejauchz' tönt

Dort von des See's Gestad', wo Dragut, der Schreckliche, kämpfte!«

Hairaddin horcht', und vernahm fernher Getümmel und Schlachtruf.

Donnernd schrie er den Flüchtenden: »Halt!« und stellte die Haufen

Gegen des Feindes Macht mit kampfanbiethender Stirn auf.

Auch das Siegel von Gold, das hell an der tapferen Brust ihm

Schimmerte, sandt' er an Dragut hin: ein furchtbares Zeichen

Großer Gefahr, und des Ungehorsams dräuender Strafen,

Daß er ihm eine die Macht. Wie auf Windes Flügeln enteilte --

Spornte das Roß Ben-Dar, der Araber, der ihm ein Liebling

War vor allen im Heer' mit dem kühnvordringenden Kampfmuth.

Aber vergebens spornt' er das Blut aus den Seiten des Renners;

Hairaddin forschte nach Dragut umsonst: denn, fern von dem Schlachtfeld,

Nahet' er schon im Flug den Thoren von Tunis, getrieben

Von entsetzlicher Angst. Ihm keuchte sein bebendes Volk nach.

Wie, verirrt auf Sibiriens schneeiger Heide, der Weidmann

Aengstlich forschend sich müht, den ihm entschwundenen Heimweg

Wieder zu finden, und jetzt am Rande des Himmels ein Wölkchen

Leis' aufschwebt: da wähnt' er, getäuscht, die trauliche Hütte

Sey es, und freut sich der Gattinn schon und der harrenden Kindlein;

Aber das Wölkchen schwand, und trostlos kehrt ihm der Abend:

Also getäuscht sah Hairaddin unmuthsvoll zu dem Seestrand

Forschend hinaus: denn fern' ihm floh die ersehnete Kriegsschar.

Sieh', und jetzt durchtobte zugleich das entsetzliche Schlachtfeld

Lärmenden Sieges Getös', und Flucht und grause Verwirrung!

Dort brach Lichtsteins Volk, des herrlichen Schanzenerstürmers,

Jauchzend heran, und hier ihm brauste, dem wilden Orkan gleich,

Alba's siegende Macht entgegen. Er blickte verzweifelnd

Um sich her, und geboth den bebenden Scharen den Heimzug.

Mordend folgten die Sieger ihm nach. Vom Blute geröthet

Wies sich den Kehrenden weit die siegverherrlichte Laufbahn.

Nahe dem Felsenschlund saß Kurd. Er senkte die Augen

Tief zur Brust, und schimmernde Thränen benetzten sein Antlitz,

Als der Kaiser an ihm vorüberzog in dem Siegslauf.

Dieser sprengte das Roß jetzt näher, und forschte mit Sorgfalt:

Was ihn betrübt'? Doch Kurd erhob sich, und führte den Herrscher

Ein in des Grabes Nacht, in die Wohnung unsäglicher Trauer.

Dort erbebte sein fühlendes Herz des Menschengeschickes

Nächtlichstem Bild. Er schwieg; doch dringender Hülfe gedenkend,

Faßt' er Toledo am Arm, und stieg in die Helle des Tages

Rasch mit dem Wankenden auf; dann rief er dem treuen Gefährten:

»Kurd, erhebe dich schnell, und häufe die Trümmer mit Vorsicht

Auf an dem Schlund: denn bald erhöh'n wir, als Sieger, Mathildens

Denkstein, der ihr Trauergeschick verkünde der Nachwelt,

Und an den Wechsel des Erdenglücks den Sterblichen mahne!«

Also geschah's. Doch heim zu dem Zelte des gütigen Kaisers

Schritt mit Toledo das trauernde Roß; er lenkte das eig'ne

Sorglich ihm an der Seit', und sann voll Huld auf dem Heimweg,

Wie er das leidenerstarrete Herz zum Leben erwärme?

Und der ersehnete Abend sank. Die kehrenden Scharen

Eilten mit Siegesgesang, vom Gewirbel der drönenden Trommel

Und Drometengeschmetter umtönt, zurück nach dem Lager.

Weithin dehnte sich schon der riesige Schatten der Krieger

Und der Ross', auf dem Sand. Die Sonne blickte noch einmal

Ueber des Meer's hellschimmernde Fluthen herüber, und sandte

Scheidend, aus Rosengluth, auf den Fittigen säuselnder Lüftchen,

Endlich die Labung dem Heer' in der mildumschmeichelnden Kühlung.

Zehnter Gesang.

Noch umhüllete Nacht mit finsterem Schleier Goletta's

Schweigende Flur; nicht sanftaufdämmerndes Roth an des Ostens

Duftigem Himmelsthor, nicht Geflister der lieblichen Sänger

Kündigte noch das Erwachen des Tag's aus schauernden Zweigen,

Als im erleuchteten Zelt der Kaiser mit seinen Erwählten,

Doria, Guasto, und Eberstein, im wichtigen Kriegsrath

Saß, und Jegliches ordnete, nun zu erstürmen die Festung.

Näher gerückt war ihr das schanzende Volk, und gewahrte

Jetzo gerechtes Ziel, die furchtbare Bombe zu schleudern.

Mächtige Schlünde, den Kriegern genannt die »Mauerzertrümmrer«,

Sah'n aus dem Schanzkorb schon zur Veste hinüber, und ringsum

Lagen am Wall Sturmleitern gehäuft. Entlassend die Helden

Aus dem Gezelt, sprach noch der erhabene Kaiser mit Nachdruck:

»Segen des Himmels mit euch! Bald soll in heißeren Stunden

Sturmdrometender Ruf vor Goletta's Mauern uns einen.«

Doria eilte zum Meeresstrand, zur spähenden Vorhuth

Guasto; nur Eberstein stand noch, und sagte bekümmert:

»Nagender Gram erfüllet die Brust der Deutschen; sie klagen:

Nur Hispaniens Söhn' und Wälschlands theilten Gefahren,

Ruhm und Ehre mit dir; sie stünden vergessen im Lager,

Minder geachtet im Heer und deines Vertrauens nicht würdig.«

Lächelnden Blick's, doch sanft verweisend, entgegnete jener:

»Häget des muthigen Volkes Hort den nagenden Unmuth

Auch in der tapferen Brust? Nicht vorlaut tadle der Krieger,

Was ich im ernsten Gemüth, auf Jegliches achtend, beschlossen.

Spanier, Wälsch', und Deutsche, sie all' sind theuere Kinder

Mir, und jen' errangen sich schon erfreuenden Siegsruhm;

Aber noch höheren Muth erheischt, im Felde der Waffen,

Winkend zu Thaten, das höhere Ziel. Bald sollt ihr ersehen,

Ob ich dem Deutschen vertraut', ein Deutscher, und dankend mich ehren.«

Freudigen Blick's enteilte der Held, den harrenden Brüdern

Tröstend zu nah'n, und zu ordnen die Scharen zum Sturme Goletta's:

Denn schon wüthete ringsumher des eh'rnen Geschützes

Furchtbar donnernde Macht. Bald hier von den kreisenden Schanzen;

Bald von dem Meerstrand dort, hinsausten die schrecklichen Kugeln.

Aber nicht minder zurück vom Walle der trotzenden Festung

Sausten im Donnerlaut die schmetternden hin und herüber:

Bebend drönte die Erd', aufheulte der flammende Luftkreis.

Hannibal sah vom Gewölk die Christen im mächtigen Vortheil;

Sah nach Goletta hin die Donnerschlünde gewendet,

Ringsum Gedräng' und Hast, das herrliche Ziel zu erringen,

Und erbebte vor Zorn. Der Kampferfahrne gedachte

Jetzo der List, und flog nach der Veste hinüber, wo Sinam

Erst auf dem Rasen des Walls entschlummerte, sorgenermüdet:

Denn in dem nächtlichen Grau'n vernahm er Getös' in den Schanzen,

Und entsandte die Späher sogleich. Nun sah er im Traumbild

Rings versinken den Wall umher, und die Mauern Goletta's

Stürzen, zertrümmert, in Staub, daß furchtbar gähnte der Abgrund.

Krampfhaft faßt' er den Rasen, und stöhnt', als Hannibal jetzt ihn,

Leise genaht, aufboth mit den mutherregenden Worten:

»Sinam, du ruhest dahier, ein Träumender? Schande dem Trägen!

Sieh' schon wühlte der Feind, wie im nächtlichen Boden der Maulwurf,

Viel verzweigte Gänge sich bahnt, Laufgräben von Neuem,

Gegen die Veste sich auf; er häufte die Schanzen, und führte

Riesenschlünde heran, zermalmenden Donner zu wecken!

Schwand dir völlig die Kraft, Abwehr zu ersinnen und Kriegslist?

Wie, wenn Tapfere, nur das Geschütz zu verderben, entschlossen,

Hastig am Zündrohr dort einkeilten den eisernen Nagel

So, daß im weicheren Erz die scharf gehämmerten Kanten

Hafteten, und der Entschluß Errettung schaffte den Eu'ren?

Auf, und erwäge die That: dem Kühnen gesellt sich das Glück nur!«

Sinam entfuhr dem Rasen voll Hast, und dachte verwundert:

Ob er geträumt -- ob Gottes Prophete den kühnen Gedanken

Ihm in die Seele gelegt? Doch als er die Späher vernommen,

Flog er zu Giaffar hin, und sagte mit leuchtendem Antlitz:

»Tapferer Aga, vernimm mit Staunen, was Gottes Prophet' erst

Mir an die Seele gehaucht, im sinnebetäubenden Schlummer!

Wieder gelang's, so melden die Späher, dem Feinde, Goletta's

Mauern durch Schanzen zu nah'n: uns droht gewisses Verderben

Heute noch, wo uns nicht rettet der Muth und entschlossene Kühnheit.

Auf zu dem herrlichsten Sieg! In der glühenden Stunde des Mittags,

Wenn, ermattet, die Fremdlinge ruh'n, bestürme die Schanzen

Du mit erlesenem Volk. Das schwere Geschütz zu verderben,

Hastig am Zündrohr dort einkeil' es den eisernen Nagel

So, daß im weicheren Erz die scharfgehämmerten Kanten

Haften, und uns hinfort die Vestezertrümmrer nicht schaden.

Groß ist des Sieges Gewinn, und dein: unsterblicher Nachruhm!«

Giaffar blickte mit Ernst dem stattlichen Schirmer Goletta's

Lang' in die flammenden Augen, und sprach, als jener verstummte:

»Nicht Unwichtiges sann, du Tapferer, jetzo dein Geist aus;

Oder dir nahte der große Prophet, wie du sagtest, in Wahrheit,

Sturm gebiethend, und dort das Vernageln des Donnergeschützes,

Wo in den Schanzen umher unzählig die tapferen Völker

Wachen! Aber, wohlan: nie bebte des Kampfes Gefahren

Giaffar noch, und sollt' er im Sturm auch fallen, er bebt nicht!«

Also enteilt' er sogleich, und rief die kühnen Gefährten,

Jauchzend, zum Sturmgang auf; doch Sinam sah ihm erstaunt nach.

Schon entfloh'n die Schatten der Nacht; der freundliche Morgen

Streuete Rosen umher an des hellaufstrahlenden Ostens

Goldenem Thor, und mit glühender Stirn' erhob sich die Sonne,

Froh zu durchlaufen die Bahn in des Weltalls endlosen Räumen;

Aber nicht lange, so fleugt vor ihrem Blicke Verderben,

Jammer, und Tod aus den furchtbar'n Gluthgefilden der Wüsten

Ueber die Christen heran: denn schon empöret der Windstoß,

Wirbelnd, den flimmernden Sand; weit gährt, und zischet die Meersfluth.

Wer entflammte den Unhold dort, dem Heere der Christen

Tödlich zu nah'n? Wer stand ein Rettender über dem Kriegsheer?

Muhamed saß, ergrimmteren Blick's, auf dem goldenen Halbmond,

Der von den Zinnen des Minarets, des wolkengethürmten,

Ueber die mächtige Stadt hinschimmerte, Moslems zur Wonne.

Wie Gewittergewölk auf das Hochgebirge sich lagert:

Gährende Blitz' umröthen den Saum des finster'n, und furchtbar

Droht in die Thäler herab sein bald erkrachender Donner:

Also saß er erhöht auf dem Thurm. Die Schanzen gewahrend,

Dacht' er Goletta's Sturz, und der Feind' unendlichen Sieg'sruhm --

Dacht' es, und knirschte vor Wuth, und wühlte mit zuckender Rechten

Dann in dem Busen; die Linke zerkrümmte die Hörner des Halbmonds.

Jetzt auffuhr er in Hast. Wie aus tiefen Träumen erwachend,

Starrt' er umher, und winkte den ringsumschwebenden Geistern:

Attila selbst, mit dem wilden Gefolg, dann seinen Erwählten;

Jetzt auch Hannibals Schar: denn er umschwebte Goletta's

Mauern, und harrte des Kampfs im schlündeverderbenden Anfall.

»Mir nach,« rief er der Geisterschar, »Aethiopiens Scheusal

Beut uns schreckliche Macht zur Rach', in des Feindes Vernichtung!«

Und sie entflogen all' im Schrei des empöreten Ingrimms.

Ueber Zender und Gingir[60] hinaus, wo rings um den Erdball

Sich der Gleicher[61] schlingt, gleich fern von dem Süd- und dem Nordpol

(Denn so ersann der stern'erforschende Weise das Zeichen:

Ahnend der Erd' Umschwung um die eigene Achse, mit jenem

Schräg' an der Sonn' umher, in des Jahrs umrollenden Tagen)

Dort in Afrika's Schooß, wo im öden Gefilde nicht, schattend,

Säuselt der Baum, nicht liebliches Grün entzücket die Augen,

Und von dem Flammenthron, senkrecht, versengende Strahlen

Schleudert die Sonn' auf den kochenden Sand, der ewig der Wüsten

Unermeßlichen Raum in des Todes Trauergewand hüllt:

Dort umstarrt, gen Himmel gethürmt, ein Felsengebirg rings

Ein entsetzliches Thal, wohl hundert Meilen im Umkreis.

Nicht die Gems' mit dem eisernen Muth und den ehernen Klauen,

Fänd', aufklimmend, Bahn an der steilaufragenden Felswand,

Und aus der Tiefe herauf, die gräulich, vom Donner gespalten,

Gähnet, erhebt sich ein Flammenmeer, und wirbelt, und brauset

Auf zu des Kessels Rand, vom kochenden Schwefel und Erdharz

Unversiegend genährt. Doch weh', wenn, übergefüllet,

Ihm entstürzet die Fluth! Da erbraust urplötzlich der Luftraum;

Weit erbebet die Erd'; aufhebt sich des Windes Vermögen:

Säul' an Säule gedrückt, fortstürzt er im Flug um den Erdball.

Wenn er vom Mittelmeer nach Hesperiens Zaubergefilden

Fleugt: da glühet sein Odem noch, und erschlaffet die Menschen,

Trübumwölkten Gemüth's. Umkreist er aus Süden des Nordpols

Eisige Stirn: da deckt der glänzende Reif ihm die Schwingen,

Und er schüttelt uns Schnee und den blütheverderbenden Frost her;

Aber, im schnelleren Flug durchbrausend des rosigen Aufgangs

Fluren, und d'rauf, heimkehrend im Sturm, von des Abends Gefilden,

Haucht er den Regen heran, den dauernden, der aus dem Weltmeer

Dunstgeboren sich hebt, und die schimmernden Lüfte verdüstert --

So wie im Gegenlauf, an des Altais[62] Höh'n, und des Urals[63]

Oestlichem Rücken erfrischt, er die Regengewölke verscheuchet

So, daß lieblich und kühl die Bläue des Himmels herabglänzt.

Also kehret er stets nach den grau'numhüllenden Felshöh'n

Wieder, an welchen er ruht, und die Lüft' umschwimmen im Gleichmaß.

Dorthin, glühend vor Hast, kam Muhamed jetzt mit den Scharen

Zahlloser Geister, und hieß sie, mit drohendem Winke der Brauen,

Schnell umringen den Saum des furchtbarn Felsengebirges;

Aber er stand. Ihm leckten die dunkelgerötheten Flammen,

Prasselnd, die Füß', und floh'n, und kehrten in wirbelnden Wogen.

Finster blickte sein Aug', und glüht' im Glanze des Feuers

Schrecklicher noch, da er laut erhob die gewaltige Stimme:

»Seht, Erwählte des Ruhms, vor allen Scythia's Helden,

Welchen des Südens Wundergebieth erst heute sich aufhellt,

Hier im flammenden See den Samyel[64] -- Völker erbeben

Schon dem Nahmen allein des todaushauchenden Unholds --

Lauern! Er mordet, geweckt, das Leben; im sausenden Eilflug

Hebt er die Wüst', und stäubt sie empor in die Lüfte: sie wandelt

Hoch in dem Wolkenreich, nun schnell, nun zögernder vorwärts

Schreitend die Bahn, und deckt, entstürzend, mit thürmenden Bergen

Weit die Gefilde. O seh't, o seh't, nach Sahara hinüber!

Dort in dem Sandmeer wallt, verschmachtenden Herzens, seit Monden

Schon Karawanengefolg' den heimischen Fluren entgegen;

Weh', und Araber sind's, mein Volk! O, nimmer erblicken

Sie das Heimathland! Von sinkenden Hügeln begraben,

Schwinden sie all': ein Schauspiel noch entfernten Geschlechtern,

Wenn verweht die Hügel entflieh'n, und die Starren enthüllt sind.

D'rum jetzt Rache verübt, die schrecklichste, die noch verübt ward,

Dort an der christlichen Heeresmacht, der zahllose Moslems

Schon erlagen im Kampf für den welterleuchtenden Koran,

Für errungenen Ruhm, und die völkerverschlingende Herrschaft.

Stürzet vereint in den Flammensee, und empört der Vernichtung

Gährende Fluth noch mehr, daß selbe nach Tunis hinüber

Sende den Samyel, der, verschonend die tapferen Moslems,

Tilge sogleich die Ungläubigen dort mit erstickendem Gluthhauch.«

Siehe, da stürzten sich all', empört von dem schrecklichen Herrscher,

Jauchzenden Ruf's in den Flammensee. Sie tauchten hinunter

Bis in des Abgrunds Nacht, und fuhren herauf, und erregten

Also die Fluth, daß Wog' auf Woge geschleudert dahinsank.

So, wie der Schilfteich braust, wenn plötzlich auf ihn des Orkans Wuth

Niederstürzt vom Gewölk, und rings die umufernden Dämme

Ueberfluthend, ergeußt sein dunkles Gewässer: so stürzte

Von dem Felsen die feurige Fluth. Entsetzlich zu schauen!

Himmel und Erd', im furchtbar'n Wuthkampf ringend; die Sandwüst'

Wandelnd in Wolkenhöh'n, und der todaushauchende Gluthwind

Prasselnd im Sturmesflug nach dem Lager der Christen hinüber,

Drohten der zitternden Welt die Schrecken des letzten der Tag' an.

Doch, auf Goletta's Wall stand Giaffar, herrlichgerüstet,

Schon vor den Reihen der Janitschar'n. Sie staunten dem Hauptschmuck,

Der von des Tulbans Bund herschimmerte, zierend des Reihers

Schneegefieder, und gleich dem Fittig des Aars, sich entfaltend;

Staunten des Säbels Gehäng', voll blitzenden Edelgeschmeides,

Den Suleyman ihm both, der Prächtige, als er vor Rhodus

Ruhm sich erwarb, im Sturm durchbrechend das eiserne Seethor.

Nie gewahrt' ihn das Volk so reichgeschmückt in dem Feld noch.

Jetzo mit leuchtendem Blick' erhob er die mächtige Stimme:

»Hört mich, Söhne des Siegs! Schon oft erlagen im Schlachtfeld

Eurem schrecklichen Arm die Ungläubigen; aber er wüthe

Heute noch mehr, als dort im Süden der wilde Hamaddan,[64]

Der im Feuergewölk auffleugt, und mit glühendem Odem

Bald das Lebende tilgt. Auch tödte sie Gram und Verzweiflung,

Jetzt in dem Ueberfall ihr Geschütz vernichtet zu schauen.

Auf, und erringet des Sieges Preis, nicht der sinkenden Brüder

Achtend! Falle wer muß: nur mögen die Seinen ihn rächen!«

Also entflammt' er das Volk. Da scholl, wie brandender Wogen

Rauschen im Meeressturm, und das Brausen im dunkelen Eichwald,

Den der heulende Nord durchtobt, des stürmischen Volkes

Wuthausruf, von Goletta's geöffnetem Thore; da rannten

Alle voll Hast nach der Schanze hinaus, die Ludwig, als Feldherr,

Strahlend in Jugendglanz, mit den niederländischen Helden

Und Lusitania's tapferem Volk, krieg'skundig beschirmte.

Dort war lautes Getös', war Rufen. Zur muthigen Abwehr

Eilte das Volk; doch unaufhaltsam, die Schanzen entlang hin --

Nicht des hagelnden Donnerrohr's, nicht der sinkenden Brüder

Achtend, drangen die Wüthenden auf, und ihr gieriger Aarblick

Hing an den ehernen Schlünden allein. Ach, sieben umringten

Sie, vorstürmend in Hast! Bald töneten schmetternde Hämmer

An dem geflachten Kopf der eisernen Nägel: sie drangen

Fest in das weichere Erz, des Zündrohrs Höhle verkeilend,

Und zerstörend des Feldzeugs Macht mit den schneidenden Kanten.

Jetzo wäre noch mehr des schrecklichen Frevels geschehen;

Aber schon kam, und schrie Lusitania's Zierde den Scharen:

»Brüder, hört! So ihr feig nicht rächet den schändlichen Frevel,

Welchen der Feind verübt', entsag' ich dem Stabe des Feldherrn

Jetzt, und hinfort, den mir der edelste Herrscher vertraute,

Euch zu lenken im Waffenfeld zu Thaten des Ruhmes.

Ha, willkommen der Tod, wo Schande, nicht Ruhm, mir zu Theil wird!«

Alsbald stürmt' er vor, und hieb mit dem sausenden Mordstahl

Ein in die Scharen, daß links und rechts die Getödteten sanken.

Wie in dem dunkelen Forst, im Gebell verfolgender Rüden,

Schnaubend daher ein Eber fleugt: er suchet des Dickichts

Rings umschattende Nacht, und mäht mit den schrecklichen Hauern

Nieder die schlanken Stämme -- dem Wüthenden sinket der Wald hin:

Also stürzete Mann auf Mann des Heldengebiethers

Würgendem Schwert. Sein Volk, vernehmend den schrecklichen Vorwurf --

Schauend den Helden im Kampf, schnob Rache. Nicht Büchsengeschmetter,

Sausen des Säbels und Speers war jetzt zu vernehmen: die Krieger

Faßten den Lauf des Feuerrohr's, und schlugen, und drängten,

Mordend, die Feinde vom Wall. Sie floh'n, und Sterbender Röcheln

Scholl aus dem Graben herauf. Doch bebte das Herz in dem Busen

Giaffars nicht; er einte die Fliehenden schnell, und gedachte

Jetzt verderbender noch in den Schanzen des spanischen Volkes,

Wüthend im Ueberfall, den ehernen Schlünden zu nahen.

Siehe, da schwebt' aus Wolkenhöh'n im brausenden Flug' ihm

Attila näher, und schalt im Geistergelispel ihn also:

»Trotzest du nicht auf Kraft und Stärk' in dem Heere vor allen?

Aber nur eitelen Trotz, nicht Thaten gewahrte das Heer noch.

Kehre zurück, und ford're die tapfersten Gegner zum Zweikampf:

Ob nicht der Feldherr selbst, im glühenden Muthe der Jugend,

Dir sich stellt, und erliegt, und zur Sonne dein Nahme sich

aufschwingt?«

Giaffar stand, und sann: »Heut hol' ich,« so rief er, »den Tod mir,

Oder den herrlichsten Ruhm. Drometer, gebiethe den Stillstand!«

Fröhlich ertönte das Erz, und Ludewig, kundig der Ritter-

Sitte, horchte dem ehernen Ruf', und hemmte die Seinen.

»Wer sich von euch,« schrie Giaffar laut, »im Heere vor allen

Tapfer erwies, der trete hervor, und stehe zum Kampf mir,

Einzeln dem einzelnen Mann, so wie einst in der schöneren Vorzeit,

Schild auf Schild, nah' an, die muthigen Helden sich trafen,

Eh' noch Pulver und Blei, o Schmach, aus der Ferne den Tapfer'n

Tückisch zu Boden schlug, und dem Feigeren schonend vorbeiflog!

Keiner besorge mir Trug und Hinterlist. Ehre gewinnen

Will ich nach Ritterbrauch: deß ruf' ich Allah zum Zeugen.«

Grimmig schritt Alfred, der niederländische Hauptmann,

Gegen ihn vor, deß' Riesenkraft in dem Heere gerühmt war --

Stand, und führte den Streich: doch Giaffar schlug ihm das Eisen

Aus der erstarrenden Faust, daß es blitzend am Sande dahinfuhr.

Raubet' er jetzo vielleicht dem wehrlosen Christen das Leben?

Nein: denn edeler Stolz erfüllt' ihm die Seele mit Großmuth.

Schnell barg er das blitzende Schwert in die Scheid', und es faßten

Beide Kämpfer zugleich mit festumklammernden Armen

Eisern sich an, und beugten einander gleich ringenden Bären,

Pressend die Brust an die Brust, zur Rechten, zur Linken, daß beiden

Knirschte der Rücken, und Schweiß von den Gliedern in Strömen herabrann.

Jener gedachte der List, und schlug von hinten dem Türken

Rasch mit der Ferse die Beuge des Knie's: ihn niederzustürzen;

Aber Giaffar stand wie die Eiche so fest auf dem Boden.

Jetzo, der Uebermacht sich bewußt, und zürnend der Arglist,

Hob er den Gegner empor, und drückte mit eisernen Sehnen

Ihn stets fester zur ehernen Brust, daß er, odemberaubet,

Dort verhauchte den Geist: aus seinen eröffneten Armen

Fiel er, langgestreckt, auf den Sand. Wie im Schimmer des Abends,

Lauernd, die Riesenschlang' vom Wipfel des Baums, auf den Tieger,

Der ihm vorüberzieht, urplötzlichen Flugs sich hinüber

Schwingt, ihn schnell umringelt, und dann zum schütternden Stamm zieht;

Wie er auch brüllt, und sich mühet, der klemmenden Reife nur einen

Fest mit den Zähnen und Klau'n zu fassen -- umsonst: sie erwürget

Ihn an dem Stamm', daß ihm laut zerkrachen die Knochen: so würgte

Giaffars mächtiger Arm den Gegner, und streckt' ihn entseelt hin.

Ganz unduldbarer Schmerz ergriff des tapferen Ludwigs

Brust: er schrie laut auf, und stürzte dem Türken entgegen.

Sieh', da nahte, gelockt von des Kampfes Getöse, der Kaiser,

Und erstaunte, wie dort Lusitania's herrlicher Sprößling

Kühn in die Schranken trat mit dem stärkeren Gegner! Ihm schwebte,

Angstgeweckt, auf die Zung' ein Laut, der muthige Krieger

Hätte gerufen zum Kampf und zur Rettung des trefflichen Jünglings;

Aber er hemmt' auf der Zunge den Laut, daß unrühmliches Mißtrau'n

Nicht mit giftigem Zahn, wie der Borkenkäfer im Hochwald

Sprossende Bäume zernagt am Mark, daß sie, trauernd, verdorren,

Ihn verwundete. Doch wie erblick' er den Stahl in den Busen

Seines Lieblings versenkt, und dampfend vom Blute des Theuern?

Dennoch beherrscht' er die Angst, und sah vom gehügelten Erdwall

Nach dem Waffengefild', ein Sinnender, schweigend hinüber.

Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3) · 第 13 / 20 段