Nahe der Stadt, auf Felsen, erhob sich die thürmende Hochburg,

Die in dem finsteren Schooß viel tausend gefangene Christen

Eisern barg: die Wohnung der Qual und des Jammers Behausung!

Dorthin eilt' er, und senkte sich leis' auf die Zinne der Burg hin.

Ach, aus der Tief' erscholl der unglückseligen Sclaven

Jammergestöhn! Wie ein Falk, der schnell aus den Lüften herabfährt,

Weil er die girrenden Küchlein sah im Schatten des Hofraums,

Fuhr der Lüftebewohner hinab, und schauderte, bebte:

Denn in des Kerkers Nacht, in der Felsentiefe der Hochburg,

Sah er, beim düsteren Schein der mattaufflimmernden Lampen,

Bleiche, durch Moderluft und Hunger entfleischte Gestalten;

Sah dort Qual und Verzweiflung zugleich auf den zuckenden Wangen

Und im erloschenen Blick, der endlich zum grimmigen Hohn ward;

Hörete Ketten-Geklirr, und dumpfes Aechzen und Stöhnen

In dem Gewölb. Sie rückte heran, die Stunde des Jammers,

Wo Medelin, der Renegat aus Genua's Landen,

Forschend die Höhlen des Graun's durchschritt, und mit eherner Geißel

Peitschte die Murrenden dort, nach Hairaddins schrecklichem Machtwort.

Zorn erglüht' im Blick des edelgesinneten Geistes.

Doch nun brauset' er über sie hin, und rief im Gelispel

Dunkelen Geisterrufs: »Euch nahet ein Retter, erhebt euch!«

Alle fuhren empor, und schreckliches Kettengerassel

Scholl im Gewölb: nicht wußten die armen die Tröstung zu deuten.

Doch er kehrte zurück, Hispania's Erd', und den Retter

Dort zu erschau'n, der jetzt nah' war Barcellona's Gestaden.

Muhamed sah ihn. Er schwebt' im Gefolg' unzähliger Geister

Auf von des Aetna Schlund, und hieß die Empöreten harren,

Bis er vom übersinnlichen Raum mit dem Bundesgenossen

Kehrete: denn er ging, dort Attila's[16] Brust zu entflammen --

Ihn zu erregen zum Kampf' und zu wichtiger Thaten Vollendung.

Bald erspähte sein forschender Blick den König der Hunnen.

Ueber dem caspischen Meer, wohl tausend Meilen erhoben,

Saß er im Wolkenzelt, so wie einst, von den Helden umgeben,

Nach vollendetem Mahl. Der Söhne geliebtester, Ellack,

Neigte sein Haupt ihm sanft auf die Schulter; der wilde Tuhutum

Saß ihm zunächst; Zombor, der schreckliche Krieger, mit Tursol,

Und mit Retel und Bojt, unbändigen Würgern im Schlachtfeld,

Saßen im Kreis' um ihn her, dem liedergewaltigen Sänger

Horchend, der, im Sturm des pochenden Busens, der Zither

Saiten empörender schlug, und jetzt der herrlichen Vorzeit

Helden pries in dem Lied', unsterblicher Thaten gedenkend,

Daß sich des Ahnenruhms, gleich tapfer, erfreue der Enkel.

All' aufhorchten ihm still'. Auf die bärtigen Lippen der Krieger

Stürzte die schimmernde Thräne herab; sie wiegten das Haupt oft

Bei des Gesangs Allmacht ergriffen von stürmischer Wehmuth.

Muhamed braus'te herein; der Sänger verstummte; die Krieger

Fuhren vom Sitz, da er so zum Kampf' aufboth den Beherrscher:

»Attila, auf, zur Rache, zum Sieg! Die mächtigsten Geister

Hieß des Unsterblichen Ruf entfahren dem Schooße des Erdballs,

Daß sie dem Christenvolk, nur uns zu verhöhnen entschlossen,

Stehen als Retter im Kampf. Wir sollten es dulden? Der Blutschuld

Denkest du noch, die Roms entartete Söhne nicht büßten,

Wie dein eisernes Herz es gewollt? Und fuhr nicht der Römer,

Trotzigen Blicks, erst hin, den Christen als Helfer zu nahen?

Nun sey List dem Muthe vereint, stets wachsam die Rachgier,

Schmach auf die Feinde gehäuft, und errungen der herrlichste Sieg uns.«

Attila winket' ihm Beifall zu. Des schrecklichen Rohrwolfs

Zähne, deß' zottiger Pelz ihm Rücken und Fersen umhüllte,

Starrten von seiner Stirn', und tief, wie aus nächtlichem Schacht her

Strahlet des Bergmanns Grubenlicht, ihm glommen die Augen

Aus dem finstern Gesicht'. Er faßte den blutigen Säbel

Tyrs,[17] den einst (so kündet die Sage) der furchtbare Kriegsgott

Selbst auf der Heide vergrub, daß seiner Gewalt nicht die Völker

All' erlägen: umsonst! Der Schreckliche, der sich die Geißel

Gottes im furchtbar'n Trotze genannt, entriß ihn des Feldes

Tiefverhüllendem Schooß'. Auch jetzt aufschwang er das Eisen,

Jauchzend, und eilte Muhamed nach. Unzählige Scharen

Folgten ihm, dürstend nach Blut und brausendem Kampfesgetümmel.

So durchstürmten die Luft ringsher die empöreten Geister.

Aber der Kaiser drückte voll Hast, Isabella, die Gattinn,

Noch an die pochende Brust, und mengte die Thräne mit Thränen;

Segnete, tiefbewegt, sein störrischblickendes Söhnlein,

Schwang sich auf's wiehernde Roß, und flog aus dem drönenden Thorweg,

Mitten im Ehrengefolg fünfhundert erlesener Reiter,

Schnell g'en Barcellona hinaus, der prächtigen Seestadt.

Nah' ihm spornte das Roß der einst gewaltige König,

Muley Hassan, und sann, verstummend, und düster, den Pfad hin.

Muhamed naht' ihm ergrimmt. Er sah, wie finsteres Mißtrau'n

Ihm zerwühlte die Brust vor Furcht und banger Erwartung:

Ob der Christ ihm dereinst, wenn Hairaddins Macht er bezwungen,

Treu dem heiligen Eidschwur, noch den Zepter von Tunis

Frei gibt -- oder ihn selber behält, mit räub'rischen Händen?

Sah's, und schwang sich herab. Gleich einem gewaltigen Uhu,

Der vom Hunger gequält, mit erblindeten, feurigen Augen

Harrt in der Felsenkluft der Dämmerung; dann, sich erhebend,

Leis' in dem Thal' umher, mit weitgebreiteten Flügeln

Flattert, nach Beute zu späh'n: so naht' auch Muhamed jetzo

Hassans geistigem Leib, der leicht wie die Strahlen der Sonne,

Jegliche Nerve durchdringt, und schnell, wie in dumpfer Betäubung,

Und wie entkörpert, vernahm er den Geist im Seelengelispel:

»Träumender, ha, du sankst erst jüngst dem ungläubigen Fürsten

Feig zu den Füßen, und hoffst, auf die Rechte des Siegers dich stützend,

Den, nach schrecklichem Mord' ererbeten Thron zu besteigen?

Thor, der also sich täuscht: der Christ, und ein Christenbeherrscher

Zöge für dich in den Kampf, und opferte dir zu Gefallen

Menschen und Gold, daß du dich dann erfreuest der Herrschaft?

Wiss' es: er sinnt dir Schmach und Verrath, und gibt dich der Rachgier

Hairaddins hin -- vielleicht als Preis für die Veste Goletta.

Solltest du nicht, bald heimgekehrt, auf täuschendem Pfad' ihm

Jammer bereiten, und ihn verderben, dir selber zur Rettung?«

Hassan horchte verwundert, und sann, wer ihm in dem Herzen

Solch' Empörung erregt, das sonst schon zweifelerfüllt war?

Doch nun hemmt' er das Roß mit dem Zaum': im zögernden Schritte

Sich zu entzieh'n der Schar, die rasch zum rühmlichen Ziel fort

Eilete; sah dann zurück, nach Mosul, dem Sclaven, und sagte:

»Mosul, vernimm, wie dir des Busens geheimste Gedanken

Dein Gebiether enthüllt: denn ach, so beugete Hassans

Haupt das Geschick, daß er selbst dem niedrigen Sclaven sie kund thut!

Siehe, wie dort hineilt der mächtige Christenbeherrscher,

Bald an der Spitze des Heeres zu steh'n, zu entfalten die Segel,

Und zu entschiffen, im Flug nach Tunis, dem herrlichen Erbland.

Hoffst du, er werde des Schwurs, des heiligen: mir das Entriss'ne

Wieder zu schaffen mit Waffengewalt, auch drüben gedenken?

Ach, mir sinnet er Schmach und sich unendlichen Vortheil,

So er dem schrecklichen Feind mich verräth, dem solches ersehnt ist!«

Sagt' es, bewegt. »Nicht zürn', o Herr,« so entgegnete jener,

»Daß ein niedriger Knecht vor deinem erhabenen Antlitz

Sich zu reden erkühnt. Hast du nicht am dämmernden Abend

Gestern geseh'n, wie mildgesinnt der Christenbeherrscher

Dich aufnahm im Palast, wie gütig sein thränender Blick war?

Nicht vernommen den Eidschwur dort, beim einigen Gotte

Dir geschworen, daß er den entrissenen Zepter der Väter,

So er den Räuber besiegt, dir wieder zu geben bereit sey?

Ach, nicht brächt' ihm die Täuschung Gewinn: ein irrender Fremdling

Stehst du vor ihm ... vertrau' im edelen Herzen dem Edeln!«

»Schweig,« so rief der Zürnende jetzt, »im lächelnden Antlitz

Lauert der Trug -- dein lacht im freundlichen Auge die Falschheit!

Hat das unselige Volk nicht Hairaddins List mit Al-Raschids

Leiche getäuscht? Droht mir, dem Muselman, nicht von dem Christen

Größeres Unheil noch? Merk' auf! Im engenden Schiffsraum,

Nicht wie im stolzen Palast durch weite Hallen gesondert

Von dem Beherrscher selbst und den Seinen, erhaschest du leicht wohl,

Achtlosscheinend, ein Wort, das uns die schändliche Täuschung

Aufhüllt: nicht mißtraut sein Gefolg dem niedrigen Sclaven.

Angelangt an dem heimischen Strand', erseh' ich den Vortheil

Mir dann schnell, und entflieh' in der Dämmerung; oder ich heische,

So er von Tunis den Thron mir wieder zu geben gesinnt ist,

Selber von ihm das Schiff, Hülfsvolk aus den Bergen von Kabesch[18]

Ihm zu schaffen, wo mir die tapfern Bewohner noch treu sind.«

Und er spornte das schnaubende Roß, der Seite des Kaisers

Wieder zu nah'n, der eilender g'en Barcellona hinausritt.

Doch, ach, welch Geschrei erschallt unferne der Seestadt,

Drüben am Strand' Areny's, des hainumsäuselten Dörfchens?

Wer betrübte so tief des Dörfchens stille Bewohner,

Daß sie mit Thränen im Blick', entfärbete Todesgestalten,

Stumm, und bebend vor Angst, aufschau'n zu dem nächtlichen Himmel,

Ob er sie schirm', ob Flammen speie sein rächender Donner?

Heiter entschwand die Sonn' im rosigen Duft', und der Himmel

Lächelte mild. Wie ein Säugling am Busen der liebenden Mutter

Schlummert, so lag, entzückend, am Saume der luftigen Berghöh'n

Abendröthliche Gluth. Im Gesang heimkehrten die Schnitter;

Laut ertönte des Hirten Schalmei, und die blöckenden Heerden

Eilten durch Wolken Staub's, der hoch in den röthlichen Himmel

Aufquoll, hüpfend zum duftenden Stall, nach Ruhe sich sehnend.

Als sich die Müden getrocknet den Schweiß, und die dämmernde Kammer

Alle versammelt' umher, da tischte die sorgliche Hausfrau

Jenes zur Abendkost, was ihr der Garten gespendet,

Was die Heerd' ihr both aus strotzenden Eitern. Sie stillten

Fröhlich den Hunger, und bald verstummte des Tages Getümmel

Ringsum; nur vom Thurme herab noch mahnte das Glöcklein,

Fromm zu erheben das Herz. Sie betheten, eilten zu ruhen,

Und der erquickende Schlaf umfing sie mit süßer Betäubung.

Glückliche, wacht: denn nah' ist der Sturm, der plötzlich den Himmel

Eures Friedens bewölkt mit schwarzumnachtender Trauer!

Lauernd durchpflügte die See, mit hundert gerüsteten Schiffen,

Hairaddins Liebling, Al-Mansor, dem, scheidend, am Bord' er

Noch in die Seele gelegt: so draußen auf offener Meersfluth

Kühn dem Feind' entgegen zu steh'n, so rings an den Küsten

Furchtbar'n Ueberfall in nächtlicher Stunde zu wagen,

Und zu entwinden das Schwert des Feindes Hand in Europa,

Das er nach Afrika, dräuend, gezückt, ihm selber zum Unheil.

Wühlend im röthlichen Bart, der ihm zu dem Gürtel herabfloß,

Sprach nun Al-Mansor zu Omrah, dem tapferen Aga:

»Omrah, Mustapha's Sohn, vernimm mich jetzt, den Gebiether!

Bald entsinket die Nacht dem erdumwölbenden Himmel;

Spanne die Segel dem Wind'. Unferne der Stadt Barcellona

Landend, raub' entschlummertes Volk der niedrigen Hütte,

Oder dem stolzen Palast, daß wir erkunden in Wahrheit:

Ob in die thürmende Stadt der Christenbeherrscher gekommen,

Kampfgerüstet, ob nicht? denn eilig geböth' er die Fahrt dann.

Tapferer, was du beginnest mit Muth, vollende mit Kühnheit!«

Omrah gehorchte dem Wort'. Er löste dem Winde die Segel,

Und aus dem dunkeln Schooß Verderben dräuend und Jammer,

Flog sein Schiff dem Strand' entgegen am dämmernden Abend.

Dort in der Felsenbucht, nicht ferne den Marken Areny's,

Harret' er, lauernd, der Nacht. Sie kam: rings schwanden die Lichter;

Jeglicher Laut erstarb; nur die Wellen rauschten am Schiffskiel

Leis' empor, nur die Brandung scholl an den fernen Gestaden.

Eilig umschifft' er den bergenden Fels; dann flog er zum Strand hin,

Landete, trieb sein Volk zum Raub', ihm Eile gebiethend.

Und, wie in dunkler Mitternacht aus säuselndem Schilfrohr,

Plötzlich, die wilde Schar langhungernder Wölfe sich aufmacht,

D'rauf, der Hürde genaht, einstürmt, und die zitternden Lämmer

Raubet in Hast; wie jährige Stier' im blutigen Rachen

Tragend, die Jaguar, Westindiens schreckliche Tieger,

Fliehen den Berg aufwärts: so drangen die furchtbaren Räuber,

Gräßlichen Mord im Blick, durch berstende Thüren und Fenster

Ein in die Hütten; so raubten sie dort den blühenden Jüngling,

Grauender Aeltern einzigen Trost, und des liebenden Weibes

Theuern Gatten, und floh'n zum Bord des harrenden Schiffs hin.

Wehklag' scholl. Als jetzt sie erweckte des Dörfchens Bewohner,

Die, noch solchem Geschick' entronnen, der Spur der Geraubten

Folgten, ächzend vor Schmerz und drängender Sorge der Rettung,

Tönte schon fern' ihr Schrei von den rauschenden Wogen herüber.

Schrecklich zu schau'n! Da steht mit fliegendem Haar, mit Verzweiflung

In dem Gesicht, mit Gluth in der Brust, die Gattinn, und breitet

Zitternd die Arme dem Gatten nach: mit bebenden Lippen

Will sie noch einmal zurück, mit Gewalt, ihn rufen, und stöhnt nur.

Dort auf den Sand hinstürzet der Greis, und rauft sich die Haar' aus

Ob des Töchterchens, ob des Sohn's. Da knie't an dem Ufer,

Schaudernd im Fieber, die Braut, und blickt mit wilden Geberden

Jetzo dem Vater, und jetzt der weinenden Mutter in's Antlitz;

Horcht nach den Fluthen hinaus, erhebt sich, und läuft auf dem Sandpfad

Plötzlich dahin. Ein gellender Schrei aus dem fliegenden Busen

Füllet die Luft und die Herzen des Volk's, mit starrem Entsetzen.

Ach, sie stürzt' in die Fluth; doch hängen die zarten Geschwister,

Wimmernd, an ihrem wehenden Kleid', und rufen ihr liebvoll

Trost in das Herz, vereint dem Fleh'n des weinenden Volkes,

Das an den Vater im Himmel sie mahnt, den Rächer der Unschuld!

Aber schon nahte der Rächer, im Flug, Barcellona's Gefilden,

Glühend im Herzen dem Ruf' erhabener Christenerrettung.

Dritter Gesang.

Siehe, wie stolz erhebt Barcellona, die herrliche Seestadt,

Heute die Stirn' in die Luft; wie schimmert so hell in des Meeres

Fluthendem Spiegel ihr Bild; im freudigen Lärm und Getümmel

Jauchzt in den Gassen das Volk, und jauchzt in dem hallenden Hafen:

»Heil uns, Doria kommt, der langersehnete Seeheld!«

Dreißig der Schiff' erkennet das Aug' an den flatternden Segeln

Fern' auf dem Meer. Sie führen fünftausend erlesene Krieger,

Genua's tapferes Volk, zum heiligen Kampfe der Rettung.

Dreißigmal grüßt das Donnerrohr von dem Walle den Helden:

Also schallt von dem Meere sein Dank im Donner herüber;

Doch, wie die Echo, geweckt in der felsumstarreten Bergschlucht,

Einen gewaltigen Ruf erst laut und mächtig erwiedert,

Dann nur leis' aushaucht, und wieder verstummt in der Stille:

So von des Meeres Höh'n herflog, mit ermattenden Schwingen,

Dreißig Grüßen zum Dank, der dumpfummurrende Nachhall.

Jetzt aufrauschte die Fluth: sie sprang an dem schwärzlichen

Schiffskiel,

Schäumend, umher, und wogte sie all' in den schirmenden Hafen.

Jetzt entsank dem Busen des Schiff's der gewichtige Anker,

Rasselnden Schwungs, und ihm, geschleudert vom kreisenden Wellbaum,

Folgte das mächtige Seil, bis er haftete fest in dem Boden.

Lange wiegte die Fluth das eiserngeheftete Schiff noch.

Doch nun schwang sich der Held, mit den obersten Schiffesgebiethern,

Schnell in das zierliche Boot, und eilte dem Ufer entgegen:

Ihn umbraus'te des Volks ringsher auftobender Jubel.

Aber es scholl erneut in dem wimmelnden Hafen der Zuruf:

»Heil dem nahenden Freund!« denn Ludwig,[19] der Bruder der Kais'rinn,

Und Lusitaniens Stolz, kam jetzt mit zwanzig der Segel

Näher dem Port'. Er warb viertausend tapfere Streiter

Drüben am Tajo, und kam, Siegsruhm zu erringen entschlossen.

Als er, gelandet, am Strand hinging: da staunte mit Ehrfurcht

Jegliches Aug' ihm nach, da er schon im Lenze des Lebens,

Heiter die muthige Brust darboth des Krieges Gefahren.

Wieder erscholl's: »Heil dort den nahenden Schiffen!« und sechzig

Zählte des Strandes Wart von dem hochaufthürmenden Leuchtthurm.

Ruyter[20] kam, der jüngst die flandrischen durch Gibilterra's

Enge geführt, und auf Malaga's Höh'n mit jenen vereinte,

Die Hispania's Städte gesandt, im rühmlichen Wettstreit.

Hundert Krieger am Bord trug jedes der räumigen Schiffe --

Trug in dem dunkeln Schooß Geräthe des dauernden Krieges,

Mundvorrath und Geschoß, mit den ehernen Schlünden und Mörsern.

Rastlos brüllten die Donnerschlünd', als jetzt in des Morgens

Stunden sich eint', im Port, zu dem Heldenzuge die Heersmacht.

Aber auch drüben an Wälschlands weitumkreisenden Ufern

Wogten des Krieges Banner, erhöht, in dem Wind', und die Völker

Harrten der Siegesfahrt. In Genua's äußerstem Hafen,

Den im holden Gefild schon längst entschwund'ne Geschlechter

Weihten der Liebesgöttinn zum Sitz,[21] einschiffte die Scharen

Genua's -- auch Hetruriens und Lombardia's Krieger,

Guasto, der tapfere Greis, des Fußvolks oberster Feldherr.[22]

Finster blickte sein Aug'. Ergraut in den eisernen Waffen,

Nährt' er im stetsumwölkten Gemüth' unziemliches Mißtrau'n

Gegen die Welt: ihn scheuten -- nicht liebten die Waffengefährten.

Jetzt von der einsamen Burg von Ischia rief ihn der Kaiser

Wieder zum Kampf, nach erkorener Ruh' im grauenden Alter:

Denn er kannte die Kraft des schlachtanordnenden Greises.

Als er vom Meeresstrand' einschiffte die Völker: da nahte

Eberstein,[23] zehntausend erlesene Krieger aus Deutschland

Führend im freudigen Muth zu dem rühmlichen Kampfe der Rettung.

Eine Ros' in dem Schild', enthüllete, schimmernd, sein Fähnlein --

Sie, des trefflichen Ahns Stammzier, den ehrend der Kaiser

Heinrich, der Finkler genannt, zu der hohen Roma gesendet,

Daß er der Völker Wohl mit dem Hirten der Kirche berathe.

Dort an dem festlichen Tag, wo, Flammen gleich, von dem Himmel

Sich auf die Jünger herab, der Geist, der _Heilige_, senkte,

Ward ihm die Rose gereicht von dem Heiligen Vater, und Heinrich

Pflanzte die Ros' in den Wappenschild des tapferen Ritters,

Welcher die Freiheitsschlacht auf Mörsburgs sandigen Fluren

Kämpfte mit ihm, das Volk zu erretten vom Joche der Ungern.

Solchen Ahnen entsproß der Führer germanischer Völker.

Aber er einte vor Mailand jüngst die kühnen Gefährten,

Die er in Deutschland warb -- in dem Vaterlande der Helden:

Denn in Schwabens freundlichen Gau'n, wo silbernergossen

Schimmert der Bodensee, und die rühmliche Quelle der Donau,

Unversiegbar, nährt des Schwarzwalds heiliges Dunkel,[24]

Daß sie, ein Ries', auf siebenhundert Meilen entlang hin

Netze den Bord unzähliger Städt', und Dörfer, und Vesten,

Fröhlicher Traubengebirg', und erblühender Gärten und Wälder,

Und in dem Schwarzen-Meer, des Schwarzwalds Höhen entsprossen,

Stets nach Osten gewandt, vollende die herrliche Laufbahn:

Dort begrüßten zuerst zwölfhundert erlesene Krieger,

Lanzenbewaffnetes Volk, mit Römhild, dem tapferen Führer,

Ebersteins Panier mit lautaufschallendem Jubel.

Doch wo des Spessarts Grau'n, so wie auch des lieblichen Mainstroms

Schimmer das Herz erhebt, im schönen Lande der Franken,

Flatterte hoch in die Luft des Führers erhobenes Fähnlein,

Werners: ihm folgte die Schar achthundert trefflicher Schützen.

Also das muthige Volk der bergbewohnenden Hessen

Folgete Wittekind nach, dem Helden: er zählte der Krieger

Tausend um sich, und kam, ruhmdürstend, heran in dem Kriegszug.

Und an den Ufern der Isar hinab zu dem freundlichen München,

Reihte sogleich die Schar zweitausend gerüsteter Bayern

Sich an den schwellenden Zug. Gedenkend der trefflichen Heimath,

Schwur ein jeder ihr herrlichen Ruhm zu erkämpfen vor Tunis.

Radburg führte sie an, des Herzogs tapferer Sprößling.

Auch wo im Sande die Spree der brandenburgischen Hauptstadt

Blässere Fluthen entgegenrollt, und die Oder des Landes

Blühende Fluren durchströmt, ertönte der mächtige Heerruf.

Schnell erhob sich die Schar von tausend erlesenen Kriegern,

Löwenbeherzt, und folgete Siegfrieds winkendem Banner.

Und wie folgte nicht, Stollberg, dir, im Muthe der Helden,

Sachsens edeles Volk, das mächtig umher an der Elbe,

So an der Pleiß' und der Ilm, ruhmwürdige Städte bewohnet;

Wo den Musen ihr Kranz erblüht', und die forschende Weisheit

Glänzende Höhen errang. Sie sendeten freudig nach Mailand,

Ueber Tyrols Berghöh'n, achthundert gewaltige Krieger.

Treues Tyrol, auch deinen Gebirgen und Thälern entströmte,

Jauchzenden Muthes, die Schar gepriesener Schützen! Sie nahten,

Tausend an Zahl, und, vereint fünfhundert muthigen Bündtnern,

Führte sie Salis zum Kampf, Oestreichs hochherziger Feldherr.

Ha, nicht weilten daheim die Helden des glücklichen Reiches,

Das in dem Bruderbund' unzählige Völker vereinet,

Und den Vereinten durch Weisheit, Mild', und Gerechtigkeit obherrscht:

Denn es entsandte zum Heer fünfhundert geharnischte Reiter:

Böhmens tapferes Volk, das, eisern, im eisernen Schlachtfeld

Ausharrt, und im entscheidenden Kampf den Feind in den Staub wirft;

Sandte der Ungern muthige Schar, die auf feurigen Rossen,

In der gewaltigen Faust den blinkenden Säbel erhebend,

Schnell, wie der Blitz, im Flug, die feindlichen Reihen zerschmettern.

Jenen geboth Waldstein, und diesen Hunyadi's[25] Enkel,

Der, Europa's Hort, die Macht der Osmanen gebrochen.

Ihnen gesellt, annahte das siegsruhmdürstende Fußvolk,

Das sich aus deinem Wall' und Fluren erhob, Vindobona,

Austria's herrliche Kaiserstadt! Wer rühmte dich würdig?

Ha, wie lieblich bespühlt die breitherrollende Donau

Deinen erhabenen Sitz! Wie stolz dir winken die Berghöh'n,

Säuseln die Hain' umher, und die lustaushauchenden Gärten!

Herrlich umglänzt dich der Aehren Gold, des fröhlichen Weinbergs

Labende Frucht; dir blüh'n rings Edens wonnige Fluren!

Nun entbothst du die Schar fünfhundert erlesener Krieger.

Aber noch dreimal die Zahl entsandten die trefflichen Länder,

Welche die March, die Muhr, und die Drau durchströmet, und jenes,

Das in dem freundlichen Schooß der Zirknitz[26] zaub'rischen See birgt:

Wo in den Tagen des rollenden Jahrs bald emsige Fischer

Jubeln der Beut' in dem Netz', und bald die Schnitter und Jäger

Strecken die Halm' und das Wild auf dem fluthentblößeten Raum hin.

Lichtstein führte dieß Volk. Hoch flattert' im Winde sein Fähnlein,

Wo das purpurne Feld, vom güldenen Felde gesondert,

Auf dem Schilde sich wies, und des Helms hochragender Fittig.

Hinter den zahllosen kam, von schnaubenden Rossen gezogen,

Näher die Wucht von hundert donnernden Schlünden und Mörsern.

Rückwärts gähnet' ihr dräuender Mund, und jeglichem folgte,

Rasch, mit der Lunt' an der Brust, der Wurfschütz -- folgten Gehülfen,

Sonder Scheu, an dem Wagen, voll tödlicher Feuergeschosse.

Rogendorf, der Feldzeugmeister im Heere des Kaisers,

Führte des Feldzeugs Macht. Er hemmte zuweilen mit Vorsicht

Sein gluthschnaubendes Roß, daß all' ihm folgten in Ordnung.

Trauer erfüllte sein Herz. Ihm sank der Gefährte der Jugend,

Salm, auf Wiens hochragendem Wall, wo beide, den Leu'n gleich,

Kämpften gegen Suleymans Wuth.[27] Dort schwand ihm des Glückes

Freundlicher Strahl: vom Grau'n des nächtlichen Kummers umgeben,

Sah er schweigend hinaus nach des Lebens verödeten Räumen.

Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3) · 第 2 / 20 段