IV

Die »Diele« war ungeheuer breit und lang, die ehrliche Diele eines alten

Bürgerhauses, worin nun »Nebendinge« getrieben wurden. Links kam aus

einer halboffenen Tür Töpferasseln und ein Feuerschein. Über dem Eingang

rechts stand »Saal«; und dahinter war ein dumpfer Wirrwarr von Lauten,

woraus manchmal ein sehr schriller hervorstach. Unrat zauderte, ehe er

die Klinke drückte; er spürte darin eine Handlung, schwer von Folgen ...

Ein sehr dicker, völlig unbehaarter kleiner Mann, der Bier trug, kam ihm

entgegen. Er hielt ihn an.

»Verzeihen Sie,« stammelte er, »wäre die Künstlerin Fröhlich wohl zu

sprechen?«

»Was wollen Sie mit die denn sprechen?« fragte der Mann. »Die spricht

jetzt nich, die singt. Hören Sie man mal zu.«

»Sie sind wohl der Herr Wirt zum Blauen Engel? Nun, das ist wahrlich

recht brav. Ich bin nämlich der Professor Raat vom hiesigen Gymnasium

und komme wegen eines Schülers, der hier zu finden sein soll. Können Sie

mir vielleicht sagen, wo er ist?«

»Tjä, Herr Professer, denn gehn Sie man gleich 'n bischen in das

Hinterzimmer zu die Künstlers, da sitzen die schungen Herrn jä immer

ein.«

»Sehen Sie wohl,« sagte Unrat strafend, »das dachte ich mir. Sie müssen

zugeben, Mann, daß das nicht in der Ordnung ist.«

»Tjä« -- und der Wirt zog die Brauen hoch, »mich is das man puttegal,

wer für die Mädchen das Abendbrot bezahlt. Die schungen Herrn haben noch

eigens Wein bestellt, mehr kann unsereiner warraffig nich verlangen.

Wenn ich meine Kunden vorn Kopp stoßen will, denn muß ich jä woll was

hintenvor kriegen.«

Unrat lenkte ein.

»Drum denn, mag's gut sein. Aber gehen Sie jetzt nunmehr hübsch hinein,

Mann, und holen Sie mir den Burschen heraus.«

»Deubel, Herr, gehn Sie selber!«

Aber Unrats Abenteuermut war dahin, er wünschte, er hätte den Aufenthalt

der Künstlerin Fröhlich nie entdeckt.

»Muß ich denn da durch den Saal?« fragte er mit Bangen.

»Tjä, das is woll nich anders, un denn in die Stube daachter, wo hier

das Fenster von zu sehn is mit die rote Gardine vor.«

Er ging einige Schritte mit Unrat gegen den Hintergrund der Diele und

zeigte ihm eine ziemlich große, von innen rot verhängte Scheibe. Unrat

wollte hindurchspähen; inzwischen kehrte der Wirt mit seinem Bier an die

Saaltür zurück und öffnete sie. Unrat eilte herbei, mit ausgestreckten

Armen; er bat, mit dem Ausdruck der Not.

»Lieber Mann, so holen Sie mir doch den Schüler heraus!«

Der Wirt, schon drinnen, wendete sich unwirsch um.

»Welcher soll es überhaupts sein. Da sitzen jä drei auf einen Hümpel ...

Oll Döhsbattel,« setzte er hinzu und ließ Unrat stehen.

»Drei?« wollte Unrat fragen; aber er befand sich nun auch schon im Saal,

betäubt vom Lärm, blind von dem wütend heißen Dampf, der seine

Brillengläser beschlug.

»Tür zu, hier zucht es!« hörte er neben sich rufen. Er tappte erschreckt

nach der Klinke, traf sie nicht, und hörte, wie man lachte.

»Hei speelt Blindekoh,« sagte dieselbe Stimme.

Unrat nahm die Brille ab; er fand die Tür schon geschlossen, sah sich

gefangen und äugte ratlos umher.

»O Minsch, Laurenz, dat is jä de schnakige Kierl von hüt Namiddag.

Weitst nich miehr, hei wüll den Heuerbas upptreggen.«

Unrat verstand nicht, er fühlte nur den Aufruhr um sich und gegen sich.

Wie schon alles über ihm zusammenschlug, entdeckte er am Tisch gleich

neben sich einen freien Stuhl; er brauchte sich nur zu setzen. Er

lüftete den Hut und fragte:

»Sie erlauben vielleicht?«

Eine Weile wartete er auf die Antwort, dann ließ er sich nieder.

Sogleich fühlte er sich in der Menge versunken, seiner drückenden

Ausnahmestellung enthoben. Niemand achtete im Augenblick auf ihn. Die

Musik war wieder losgegangen; seine Nachbarn sangen mit. Unrat putzte

seine Brillengläser und trachtete sich zurechtzufinden. Durch den Qualm

der Pfeifen, der Leiber und der Groggläser sah er zahllose Köpfe, die

alle die gleiche dumpfe Seligkeit besessen hielt, hin und her schwanken,

wie die Musik es wollte. Sie waren von Haar und Gesicht brandrot, gelb,

braun, ziegelfarben, und das Schaukeln dieser von Musik in das

Triebleben zurückgebannten Gehirne, ging wie ein großes buntes

Tulpenbeet im Winde durch den ganzen Saal, bis es sich, dahinten, im

Rauch verfing. Dahinten durchbrach nur etwas Glänzendes den Rauch, ein

sehr stark bewegter Gegenstand, etwas, das Arme, Schultern oder Beine,

irgend ein Stück helles Fleisch, bestrahlt von einem hellen Reflektor,

umherwarf und einen großen Mund dunkel aufriß. Was dieses Wesen sang,

vernichtete das Klavier, zusammen mit den Stimmen von Gästen. Aber es

dünkte Unrat, als sei die Frauensperson selbst anzusehen wie ein

Gekreisch. Ein Laut, dünn und von keinem Donner totzumachen, ging

manchmal von ihr aus.

Der Wirt stellte ein Glas vor ihn hin und wollte weiter. Unrat hielt ihn

am Rock fest.

»Aufgemerkt nun also, Mann! Ist jene Sängerin etwa das Fräulein Rosa

Fröhlich?«

»Tjä, das is sie nu woll. Nu genießen Sie es man, daß Sie da sind.«

Und der Wirt machte sich los.

Unrat hoffte gegen alle Vernunft, sie möchte es nicht sein, der Schüler

Lohmann möchte nie den Fuß in dies Haus gesetzt haben, damit Unrat des

Handelns überhoben wäre. Es zeigte sich ihm jäh die Möglichkeit, das

Gedicht in Lohmanns Aufsatzheft sei reine Poesie, der in der

Wirklichkeit nichts entspreche, und die Künstlerin Fröhlich existiere

gar nicht. Unrat klammerte sich an diesen luftigen Glauben, wunderte

sich, daß er so spät dazu gekommen war. Er nahm einen Schluck Bier.

Sein Nachbar sagte Prost. Es war ein älterer Bürger mit einem Bauch in

einem wollenen Hemd, über dem die Weste weit offen stand. Unrat

betrachtete ihn lange aus dem Winkel. Der Bürger trank und fuhr mit

einer biedern Hand über den feuchten, gelblichweißen Schnurrbart. Unrat

wagte es:

»Das ist denn also nun das Fräulein Rosa Fröhlich, das uns da etwas

vorsingt, nicht wahr, guter Mann?«

Aber es erhob sich grade Beifall, weil die Sängerin ein Stück beendet

hatte. Unrat mußte warten und dann noch einmal fragen.

»Fröhlich?« meinte der Bürger. »Jä, wo soll ich das woll herwissen,

Herr, wie die Deerns alle heißen. Hier is jä alle Naslang 'n niegen

Juchheh.«

Unrat wollte tadelnd sagen, es stehe draußen angeschrieben; -- aber da

begann wieder das Klavier, etwas weniger laut, und er konnte verstehn:

ein paar Worte, bei denen die bunte Frauensperson ihren Kleiderrock

aufhob und ihn verschmitzt und schämig gegen ihre Wange drückte.

»Wail iesch noch so klain uhnd so uhnschuhldiesch bien.«

Unrat erkannte dies als Blödsinn und hielt es zusammen mit der stumpfen

Antwort, die sein Nachbar ihm erteilt hatte. Es bildete sich in ihm

Unmut: das Gefühl, verschlagen zu sein in eine Welt, die die Verneinung

seiner selbst war, und ein Abscheu, der aus seinem Innersten kam, vor

Menschen, die nichts Gedrucktes vor die Augen nahmen, die in einem

Konzert saßen und nicht das Programm gelesen hatten! Es nagte an ihm,

daß hier mehrere hundert Personen beisammen sein konnten, die nicht

»aufmerkten«, nicht »klar dachten«, sich vielmehr berauschten und ohne

Scham noch Furcht sich den müßigsten »Nebendingen« hingaben. Er tat

einen heftigen Zug aus seinem Glase. »Wenn die wüßten, wer ich bin,«

dachte er darauf, indeß sein Selbstgefühl sich des Widerhaarigen

entkleidete, milde und wohlig ward und ein wenig verschwommen --

angeblasen von warmen menschlichen Ausdünstungen, dieser Dampfheizung

mit Blut. Die Welt zog sich in dichteren Qualm zurück, voll ungewisserer

Geberden ... Er fuhr sich über die Stirn; es schien ihm, die

Frauensperson dort oben habe schon mehrmals gesungen, sie sei »klain

uhnd uhnschuhldiesch«; nun war sie auch damit fertig, und der Saal

klatschte, brüllte, jauchzte und trampelte. Unrat schlug plötzlich

mehrmals die Hände zusammen, dicht unter seinen Augen, die es mit

Staunen ansahen. Es befiel ihn eine große, unbedachte, nur schwer zu

bändigende Lust, seine beiden Füße gleichzeitig gegen den Boden zu

stoßen. Er war stark genug, es nicht zu tun. Aber die Versuchung

erzürnte ihn auch nicht. Er lächelte heiter versonnen vor sich hin und

stellte fest, das sei -- demnach denn wohl -- der Mensch. »Immer mal

wieder -- Gras fressen,« setzte er hinzu. »Ei freilich.«

Die Sängerin kam herab in den Saal. Neben dem Podium ging eine Tür auf.

Unrat nahm plötzlich wahr, daß jemand von dort ihn ansehe. Ein einziger

Mensch hatte sein Gesicht ihm zugekehrt; und dieser Mensch stand

aufrecht und lachte; und es war -- sicherlich doch -- es war niemand

anders als der Schüler Kieselack!

Kaum stand dies fest, da fuhr Unrat in die Höhe. Er hatte die

Empfindung, sich einen Augenblick vergessen zu haben, -- und sofort

benutzten die Schüler das zu Unfug. Er schob die Schultern zweier

Soldaten auseinander, zwängte sich hindurch, brach weiter vor. Mehrere

Arbeiter widersetzten sich ihm, einer schlug ihm ohne weiteres den Hut

vom Kopf. Er setzte ihn sich wieder auf, arg beschmutzt; man rief:

»Hannes, wat 'n Hoot.«

Kieselack dort hinten lachte und fiel dabei mit dem Oberkörper nach

vorn, so sehr erschütterte ihn seine Heiterkeit. Unrat machte noch einen

Vorstoß; er klappte mit den Kiefern in überhandnehmender Bedrängnis.

Aber er ward von hinten festgehalten. Er hatte einem Matrosen den Grog

umgeworfen, er sollte ihn bezahlen. Dies war geschehen. Nun hatte er vor

sich einige freie Schritte liegen. Er stürmte; und hielt seine Augen,

verängstet durch das Übermaß der Verworfenheit, die sich hier kundgab,

immer auf Kieselack, der lachte; -- da prallte er gegen etwas Weiches,

und eine große, sehr dicke und unter einem braunen Abendmantel, der sich

geöffnet hatte, nur ungenügend bekleidete Frau drehte ihm ein zorniges

Gesicht zu. Ein Mann, nicht weniger üppig und bei sorgfältiger Frisur

auch nur in Trikot mit einer alten Jacke darüber, kam herzu und

schimpfte mit. Unrat hatte gegen den Sammelteller der Frau gestoßen, es

waren Geldstücke fortgesprungen. Man suchte, auch Unrat bückte sich,

verstört, planlos. Neben seinem Kopf, der sich den Boden entlang

bewegte, scharrten die Leute mit den Füßen; Anklagen, höhnische Reden,

Verwünschungen, dreiste Hände sogar drangen auf ihn ein. Unrat richtete

sich auf, gerötet, mit einem Zweipfennigstück zwischen den Fingern. Er

atmete kurz, tastete mit blindem Blick auf vielen Mienen umher, die ihm

Feind waren. Er spürte, heute zum zweitenmal, den Krisenwind des

Aufruhrs im Gesicht. Er fing an, eckige Stöße zu machen, nach allen

Seiten, wie gegen zahllose Anstürmende. In diesem Augenblick sah er

Kieselack mit den Armen über dem hohen Kasten des Klaviers liegen,

zuckend am ganzen Körper. Und jetzt =hörte= er ihn sogar lachen. Da ging

Unrat unter in der schwindelnden Panik des Tyrannen, der den Pöbel im

Palast und alles verloren sieht. In diesem Augenblick war ihm jede

Gewalttat recht, er kannte kaum noch Grenzen. Er schrie, und seine

Stimme schwoll an im Grabe:

»Ins Kabuff! Ins Kabuff!«

Kieselack, der ihn schon nahe sah, gehorchte. Er verschwand in der Tür,

die sich neben dem Podium aufgetan hatte. Ehe Unrat es sich versah,

stand auch er drinnen. Er erblickte eine rote Gardine und hinter ihr

hervorragend einen Arm. Er wollte darauf zu; da geschah ein Sprung. Wie

er hinausspähte, lief Kieselack im kurzen Trab über die Diele. Vorne im

Torgang sah Unrat ganz deutlich einen zweiten verschwinden; er hatte ihn

grade noch erkannt: Graf Ertzum. Unrat stieß sich mit den Zehen vom

Boden ab; aber das Fenster war zu hoch. Er versuchte sich

hinaufzustemmen. Während er mit gespitzten Ellenbogen schwebte, vernahm

er in seinem Rücken eine hohe Stimme:

»Nur Mut, Sie sind ja sonst 'n kräftiger junger Mensch!«

Er plumpste herab, wandte sich um: -- da stand die bunte Frauensperson.

* * * * *

Unrat betrachtete sie eine Weile; seine Kiefern bewegten sich lautlos.

Schließlich brachte er hervor:

»Sind Sie -- demnach denn also -- die Künstlerin Fröhlich?«

»Na ja,« sagte die Frauensperson.

Unrat hatte es gewußt.

»Und Sie führen Ihre Künste in diesem Gasthause vor?«

Auch dies wollte er noch von ihr selbst bestätigt hören.

»Originelle Frage,« bemerkte sie.

»Drum denn --«

Unrat schöpfte Luft; er wies hinter sich, nach dem Fenster, durch das

Kieselack und von Ertzum entkommen waren.

»Sagen Sie mir -- nun aber auch: dürfen Sie denn das?«

»Waschen?« fragte sie erstaunt.

»Das sind Schüler,« sagte Unrat; und nochmals, mit Beben, tief aus der

Brust:

»Das sind Schüler.«

»Meinswegen. Ich hab' ja nischt davon.«

Sie lachte. Unrat brach schrecklich aus.

»Und die machen Sie der Schule und der Pflicht abspenstig! Die verführen

Sie!«

Die Künstlerin Fröhlich hörte auf zu lachen; sie richtete den

Zeigefinger gegen ihre Brust.

»Ich? Also Ihnen fehlt woll was?«

»Oder wollen Sie etwa leugnen?« fragte Unrat kampffertig.

»Vor wem denn? Hab' ich Gott sei Dank nicht nötig. Ich bin Künstlerin,

nich wahr? Ich wer' Sie um Erlaubnis fragen, ob die Herren mir Bukette

verehren dürfen.«

Sie wies in einen Winkel, wo an einem nach vorn geneigten

Toilettenspiegel rechts und links zwei große Sträuße steckten. Die

Schultern hebend:

»Wenn man das nich mal von haben soll, Sie -- wer sind Sie überhaupt?«

»Ich -- ich bin der Lehrer,« sagte Unrat, als spräche er Sinn und Gesetz

der Welt aus.

»Na ja,« meinte sie versöhnlich, »denn kann es Ihnen doch genau so pimpe

sein wie mir, was die jungen Leute treiben.«

Diese Lebensanschauung fand keinen Eingang in Unrats Verständnis.

»Ich rate Ihnen,« sagte er, »verlassen Sie mit Ihrer Gesellschaft diese

Stadt, ziehen Sie in großen Tagemärschen davon, denn sonst« -- er erhob

wieder die Stimme -- »werde ich alles daran setzen, Ihnen Ihre Laufbahn

zu erschweren, wenn nicht unmöglich zu machen. Ich werde -- fürwahr denn

-- dafür sorgen, daß sich mit Ihrem Treiben die Polizei beschäftigt.«

Bei diesem Wort erschien prompt die rückhaltloseste Verachtung auf dem

Gesicht der Künstlerin Fröhlich.

»Wenn Sie mit der man nich selber was zu tun kriegen, Sie kommen mir

ganz so vor. Ich bin mit der in Ordnung. Sie tun mir überhaupt leid,

Sie!«

Aber anstatt Mitleiden gab sie mit wachsender Deutlichkeit Zorn zu

erkennen.

»Sie wollen sich noch aufspielen, in dem Aufzug wo Sie sind? Sie haben

sich woll vorhin noch nich lächerlich genug gemacht? Gehn Sie mal hin,

auf die Polizei, ja? Sie werden man gleich selber festgehalten. Was der

Mensch für Töne am Leib hat. So was kommt einem ganz komisch vor, wo man

an den Umgang mit Kavalieren gewöhnt is. Was meinen Sie, wenn ich mal

einen von meine bekannten Herrn Offßiere auf Sie loslaß? Sie werden ja

einfach verkeilt.«

Hierbei trug sie nun wirklich ein erfreutes Mitleid zur Schau.

Unrat hatte, während sie sprach, anfangs noch zu Worte zu kommen

versucht. Allmählich wurden von dem Schwung ihres Willens seine fertigen

Gedanken, die schon zwischen den Kiefern hervordrängten, zurückgestoßen

bis in seine Tiefe, wo sie ihm selbst verloren gingen. Er erstarrte: --

sie war kein entlaufener Schüler, der sich widersetzen wollte und sein

Leben lang unter die Fuchtel gehörte; so waren alle in der Stadt, alle

Bürger. Nein, sie war etwas Neues. Aus allem, was sie seit dem

Zusammentreffen mit ihm gesagt hatte, sammelte sich jetzt nachträglich

der Geist und wehte ihn an: ein verwirrender Geist. Sie war eine fremde

Macht und augenscheinlich fast gleichberechtigt. Er hätte zum Schluß,

wenn sie eine Erwiderung verlangt hätte, keine mehr gewußt. Etwas

anderes entstand in ihm: es fühlte sich an wie Achtung.

»Ach was -- überhaupt,« sagte sie wegwerfend, brach ab und drehte ihm

den Rücken.

Das Klavier war schon wieder in Tätigkeit. Die Tür öffnete sich, ließ

die dicke Frau, mit der Unrat einen Zusammenstoß gehabt hatte, samt

ihrem Mann ins Zimmer und ging rasch wieder zu. Die Frau setzte, und ihr

Abendmantel wogte in zornigen Falten, den Teller auf den Tisch.

»Keine vier Mark,« sagte der Mann. »Schäbige Kanaillen.«

Die Künstlerin Fröhlich versetzte kalt und beißend:

»Da sehn Sie sich mal 'nen Herrn an, der uns bei der Polizei will

verklagen.«

Unrat stotterte, erschrocken vor der Übermacht. Die Frau drehte sich um,

mit einem Ruck, und maß ihn. Er fand ihren Ausdruck unerträglich

abgefeimt, errötete, senkte den Blick, traf mit ihm die fleischfarben

eingehäuteten Waden der Frau und riß ihn, zusammenfahrend, weiter.

Inzwischen sagte der Mann, und er setzte seine Stimme mit hörbarer Mühe

auf halbe Kraft:

»Radau hat hier doch woll bloß Einer gemacht, was? Na, und ich hab der

Rosa schon lang prophezeit, wer hier eifersüchtig sein will und die

andern nichts gönnen, der fliegt raus aus'n Tempel. Un denn Sie -- auf

die jungen Leute! Wahrscheinlich sind Sie bei der Polizei schon als

Lustgreis angeschrieben.«

Aber seine Frau stieß ihn an; sie hatte ein ganz anderes Urteil gewonnen

über Unrat.

»Sei still, der tut ja keinen was.«

Und zu Unrat:

»Sie sind woll 'n bißken aus der Puste gekommen? Gott, man kriegt mal 'n

Rappel, das kommt vor. Kiepert soll man gar nichts sagen, der macht mir

doch die Hölle grad heiß genug, wenn er sich einbildt, ich bin ihm

untreu. Nu setzen Sie sich man und trinken Sie 'n Schluck.«

Sie räumte von einem der Stühle die Röcke und bunten Hosen weg, nahm

eine Flasche vom Tisch und füllte ihm ein Glas. Unrat trank, um

Weitläufigkeiten zu vermeiden. Die Frau fragte:

»Seit wann kennen Sie denn die Rosa? Ich hab Sie doch noch nie gesehn?«

Unrat sagte etwas, aber das Klavier verschlang es. Die Künstlerin

Fröhlich erklärte:

»Er ist der Lehrer von den Jungen, die mir hier immer mang die Kleedagen

sitzen.«

»Ach so, Lehrer sind Sie?« sagte der Artist. Er trank ebenfalls,

schnalzte und fand seine natürliche Gemütlichkeit wieder.

»Sie, denn sind Sie mein Mann. Sie werden nächstens wohl sicher auch für

den Sozialdemokraten stimmen, was? Wissen Sie, wenn =wir= es nich

machen, können Sie auf die Aufbesserung der Lehrergehälter warten, bis

Sie Läuse kriegen. Mit der freien Kunst is es grade so: Polizeiliche

Belästigung und kein Geld. Die Wissenschaft --«

Er zeigte auf Unrat.

»-- und die Kunst --«

Er zeigte auf sich.

»-- kommen allemal aus demselben Käsegeschäft.«

Unrat äußerte:

»Dem mag nun sein wie ihm wolle, so irren Sie doch in Ihrer ersten

Voraussetzung, Mann, sintemal ich kein Volksschullehrer bin, sondern der

Professor Doktor Raat vom hiesigen Gymnasium.«

Der Mann sagte bloß:

»Na prost.«

Man nannte sich doch, wie man wollte, und wenn es irgend einem gefiel,

Professor zu spielen, war das kein Grund zur Feindschaft.

»Also Lehrer sind Sie?« meinte die Frau freundlich. »Das is auch woll 'n

ruppiges Brot. Wie alt sind Sie denn schon?«

Unrat antwortete bereitwillig wie ein Kind:

»Siebenundfünfzig Jahre.«

»Schmutzig haben Sie sich aber gemacht! Geben Sie man Ihren Hut her, daß

wir man das Ärgste runterkriegen.«

Sie nahm ihm seinen Maurerhut vom Schoß, reinigte ihn, glättete sogar

die Krämpe, rückte ihn liebevoll auf Unrats Kopf zurecht. Dann klopfte

sie, und prüfte dabei ihr Werk, schalkhaft gegen seine Schulter. Er

sagte mit schiefem Lächeln:

»Das haben Sie -- nun doch immerhin -- recht brav gemacht, gute Frau.«

Aber er empfand diesmal etwas anderes als die unlustige Anerkennung des

Gewalthabers für geleistete Pflichten. Er fühlte sich hier von Leuten,

denen er trotz der Nennung seines Titels offenbar noch im Inkognito

gegenübersaß, mit eigentümlicher Wärme angefaßt. Ihnen verdachte er ihre

Respektlosigkeit nicht. Er entschuldigte sie; es fehle ihnen sichtlich

»jeder Maßstab«; und entschuldigte damit auch die Lust, die er selbst

spürte, von der Widersetzlichkeit der Welt einmal abzusehen, in seiner

gewöhnlichen Gespanntheit nachzulassen -- abzurüsten, sei es nur auf ein

Viertelstündchen.

Der dicke Mann holte unter einem Paar Unterhosen zwei deutsche

Flaggentücher hervor, schnaufte und blinzelte dabei Unrat zu, als sei er

mit ihm im Einverständnis. Die dicke Frau hatte alle Schrecken verloren;

Unrat hatte Muße gehabt zu erkennen, daß die scheinbare Abgefeimtheit

ihres Blickes durch schwarze Malerei künstlich erzeugt war. Nur zu der

Künstlerin Fröhlich fand er kein unbefangenes Verhältnis. Doch stand sie

abgewendet und mit sich beschäftigt; sie nähte an ihren aufgerafften

Rock ein Gewinde von Stoffblumen.

Das Klavierstück endete mit Wucht. Es klingelte. Der Artist sagte:

»Wir müssen raus, Guste.«

Und zu Unrat, gönnerhaft:

»Sehen Sie sich das man mal an, Herr Professor, wie wir arbeiten.«

Er warf seine alte Jacke ab, die Frau ihren Abendmantel. Sie drohte

Unrat noch mit dem Finger:

»Nur immer hübsch anständig mit der Rosa. Nich wieder so

temperamentvoll.«

Da ward die Tür von draußen halb aufgemacht, und Unrat sah mit Erstaunen

die beiden dicken Leute ganz unvermittelt in ein anmutiges Getänzel

verfallen und die Arme rückwärts gestemmt und den Kopf im Nacken, ein

von sich selbst entzücktes Lächeln annehmen, das zu Beifall

herausforderte. Wirklich ging, kaum daß sie dem Saal zu Gesicht kamen,

ein erfreutes Lärmen an.

Die Tür hatte sich geschlossen, Unrat war allein mit der Künstlerin

Fröhlich. Er war in Unruhe darüber, was nun kommen würde, und schlich

mit den Augen durch das Zimmer. Beschmutzte Handtücher trieben sich am

Boden umher, auf dem Wege von dem Toilettenspiegel mit den

Blumensträußen bis zum Tisch, neben dem er saß. Außer den zwei

Weinflaschen trug der Tisch viele Gläser und Büchsen mit allerlei

Fetten, nach denen es roch. Die Weingläser standen auf Notenblättern.

Unrat rückte das seinige ängstlich aus der Nähe eines Korsetts, das die

dicke Frau daneben gelegt hatte.

Auf einen der mit abenteuerlichen Kleidungsstücken bedeckten Stühle

stützte die Künstlerin Fröhlich ihren Fuß, indes sie nähte. Unrat sah es

nicht selbst: so viel unternahm er nicht; er erfuhr es nur durch den

Spiegel, dem sie zugekehrt stand. Daraus ging bei Unrats erstem,

gehetztem Hinsehen hervor, daß auf ihren langen, sehr langen schwarzen

Strümpfen veilchenblaue Stickerei war. Eine Weile wagte Unrat nichts

mehr. Dann machte er die angstvolle Entdeckung, daß ihr zwischen den

Maschen eines schwarzen Netzes blau hervorschimmerndes Seidenkleid nicht

einmal bis unter die Achseln reichte, und daß, so oft sie mit Nadel und

Faden weit in die Luft fuhr, in der Höhle unter ihrem Arm etwas Blondes

erschien. Darauf sah Unrat nicht mehr hin ...

Die Stille bedrückte ihn. Auch draußen ging es viel ruhiger zu als

vorher. Nur kurze, gestöhnte Laute, etwas heiser und verfettet, wie von

dicken Leuten, die sich abarbeiteten. Nun völliges Schweigen; darin das

Ächzen und Klirren von etwas Metallischem, das gebogen ward. Etwas

schwer zu Bestimmendes, wie das Atmen einer Menge. Plötzlich das Wort

»Ab« und zwei schwere Plumpse, kurz nacheinander. Und aus dem

losbrechenden Beifall hervor: »Gottsdunner!« und »Nu soll doch!«

»Das war gemacht,« sagte die Künstlerin Fröhlich und hob den Fuß vom

Stuhl. Sie war fertig.

»Na und Sie? Sie sagen ja gar nischt mehr.«

Unrat mußte wohl hinsehen; aber sie verwirrte ihn gleich wieder durch

ihre Buntheit. Ihr Haar war rötlich, eigentlich rosig, fast lila und

enthielt mehrere geschliffene grüne Glasstücke, in ein verbogenes Diadem

gefaßt. Die Brauen über den trockenblauen Augen waren sehr schwarz und

kühn. Aber der Glanz der schönen bunten Farben in ihrem Gesicht, rot,

bläulich, perlweiß, hatte gelitten vom Staub. Die Frisur sah eingesunken

aus, und als sei von ihrer Leuchtkraft etwas davongeflogen in den

qualmigen Wirtssaal. Die blaue Schleife an ihrem Hals hing welk, die

Stoffblumen um ihren Rock nickten mit toten Köpfen. Der Lack blätterte

von ihren Schuhen, zwei Flecke waren auf ihren Strümpfen, und die Seide

ihres kurzen Kleides schillerte aus ermatteten Falten. Das schwach

gerundete, leichte Fleisch ihrer Arme und ihrer Schultern kam einem

abgegriffen vor, trotz seiner Weiße, die bei jeder raschen Bewegung

davon abstäubte. Ihr Gesicht kannte Unrat schon sehr hochfahrend, mit

feindseligen Zügen, die noch in der Bildung waren, und die die

Künstlerin Fröhlich bislang leicht glättete und vergaß. Sie lachte los,

über die Welt, über sich selbst.

»Und vorhin waren Sie noch so lebhaft,« setzte sie hinzu.

Aber Unrat horchte. Plötzlich machte er einen steifen Sprung, wie eine

alte Katze. Die Künstlerin Fröhlich entwich mit dünnem Aufkreischen.

Unrat riß das rote Fenster auf ... Nein, der Kopf, dessen Umriß er

hinter der Gardine bemerkt hatte, war schon wieder weg.

Er kam zurück.

»Sie erschrecken ja die Leute,« sagte sie. Er, ohne sich zu

entschuldigen, ganz bei der Sache:

»Sie kennen wohl viele junge Leute aus hiesiger Stadt?«

Sie drehte sich leicht in den Hüften hin und her.

»Ich bin mit jedem höflich, der anständig zu mir ist.«

»Ei freilich. Da würde denn wohl. Und die Schüler vom Gymnasium haben im

allgemeinen traun recht zierliche Sitten?«

»Ja, glauben Sie denn, ich sitz' hier tagtäglich mit Ihrer ganzen

Schulstube? Ich bin doch keine Kindergärtnerin.«

»Das hinwiederum zwar nicht.«

Nachhelfend, in mahnendem Ton:

»Meistens tragen sie Mützen.«

»Wenn sie Mützen tragen, kenn' ich sie. Überhaupt ist man ja nich ohne

Erfahrung.«

Er griff zu:

»Nein, das sind Sie wohl sicherlich nicht.«

Sofort setzte sie sich zur Wehr.

»Wie meinen Sie das, bitte?«

»Ich meinte Menschenkenntnis --«

Er kehrte ihr die Fläche einer erhobenen Hand zu, erschreckt und um

Frieden bittend.

»Menschenkenntnis meine ich. Nicht jeder hat die; die ist schwer -- und

bitter.«

Um ihre Gunst nicht zu verlieren, um sich ihr zu nähern, weil er sie

brauchte, weil sie ihm Furcht machte, gab er etwas von sich preis, mehr

als sonst das Volk zu sehen bekam.

»Und bitter. Erkannt aber fürwahr muß man sie haben, um sie sich

dienstbar zu machen und, sie verachtend, über sie zu herrschen.«

Sie hatte verstanden.

»Nich wahr? Is das 'ne Kunst, aus dem Pack was rauszuschlagen!«

Sie zog sich einen Stuhl heran.

»Haben Sie 'ne Ahnung von dem Dasein. Jeder, der hier rein kommt, meint,

man hat bloß auf ihn gewartet. Alle wollen was, und nachher, das glaubt

man gar nich, droht einer womöglich mit der Polizei! Sie --«

Und sie berührte mit der Fingerspitze sein Knie.

»-- kommen einem mit der gleich vorher. Das hat was für sich.«

»Die einer Dame geschuldete Ehrerbietung wollte ich dadurch keineswegs

verletzen,« erklärte er.

Ihm war nicht heimlich. Diese bunte Frauensperson sprach von Dingen, in

die er nicht mit seiner gewohnten Klarheit eindrang. Überdies befanden

sich ihre Knie nun schon zwischen seinen eigenen. Sie merkte, daß sie

auf dem Wege ihm zu mißfallen war, und machte auf einmal ein stilles,

vernünftiges Gesicht.

»Da läßt man lieber den ganzen Dreck und bleibt anständig.«

Da er nichts einwendete:

»Hat der Wein schön geschmeckt? Den haben nämlich Ihre Schuljungen

gestiftet. Die legen sich mächtig ins Zeug, sag' ich Ihnen. Einer is

bei, der hat Pinke-Pinke.«

Sie goß ihm sein Glas nochmals voll. Im Wunsch, ihm zu schmeicheln:

»Ich lach' mir ja 'n Ast, wenn die Bengels nachher wiederkommen, und Sie

haben Ihnen alles weggepichelt. Mich kann es manchmal freuen, wenn einer

irgendwie zu Schaden kommt. Man wird allmählich so.«

»Wahrlich doch,« stotterte Unrat; und mit dem Glas in der Hand schämte

er sich, weil er von Lohmanns Wein getrunken hatte. Denn der Schüler,

der ihn bezahlt hatte, war Lohmann. Lohmann war hier gewesen; er war vor

den andern entkommen. Vermutlich war er noch in der Nähe. Unrat schielte

nach dem Fenster: die Gardine trug immer den etwas formlosen Abdruck

eines Gesichts. Er wußte, wenn er darauf lossprang, würde es weg sein.

Das war Lohmann: Unrat erfuhr es durch tiefe Ahnung. Lohmann, der

allerschlimmste, mit seiner unnahbaren Widersetzlichkeit, der ihn nicht

einmal bei seinem Namen nannte: der war der unsichtbare Geist, mit dem

Unrat kämpfte. Die beiden andern waren keine Geister; und Unrat fühlte,

daß jene ihn schwerlich bis hierher gebracht haben würden, bis zu den

ungewöhnlichen Handlungen, die er nun beging, und dahin, daß er in einem

Hinterzimmer, wo es nach Schminke und verfänglichen Gewändern roch, bei

der Künstlerin Fröhlich saß. Um des Schülers Lohmann willen aber mußte

Unrat bleiben. Ging er, dann saß wieder Lohmann hier und sah der

Künstlerin Fröhlich, die ihren Stuhl heranzog, in das bunte Gesicht. Bei

dem Gedanken, daß dies nun glücklich ausgeschlossen sei, goß Unrat, ehe

er es sich versah, das ganze Glas hinunter. Es brannte wohlig in seinen

Gedärmen.

Die beiden dicken Leute im Saal hatten eine weitere Nummer ihres

Programms unter hörbarem Atmen zu Ende gebracht. Jetzt schmetterte das

Klavier etwas Kriegerisches, und gleich darauf setzten die zwei Stimmen

ein, mit überzeugender Wucht, ehrlich dröhnend von vaterländischer

Begeisterung.

»Stolz weht die Flagge schwarz weiß rot

Von unsres Schiffes Mast,

Dem Feinde Weh, der sie bedroht,

Der diese Farben haßt!«

Die Künstlerin Fröhlich sagte:

»Das is ihre Zugnummer, das müssen Sie sich mal ansehen.«

Sie öffnete vorsichtig die Tür, darauf bedacht, sich und Unrat den

Blicken der Zuschauer vorzuenthalten, und ließ Unrat zwischen den Angeln

durch den Spalt spähen. Er sah die beiden dicken Leute mit einem

schwarzweißrotem Flaggentuch um Magen und Bauch, auf der Eisenstange

eines Turnrecks stehen und jeder kühn auf einen Pfosten gestützt,

sieghafte Kiefern aufreißen.

»Allüberall wo auf dem Meer

Empor ein Mast sich reckt,

Da steht die deutsche Flagge sehr

In Achtung und Respekt.«

Man fühlte, das Publikum war tief aufgehoben von innerlichen Drängen. In

einer schwindelnden Wallung ließ der und jener seine schwieligen

Handflächen aufeinander krachen. Nach jeder Strophe mußte von Besonnenen

der Beifall mühsam unterdrückt werden. Am Schluß des Gesanges sprengte

er die Kehlen. Die Künstlerin Fröhlich äußerte, und sie beschrieb hinter

der Tür eine umfassende Geste über den Saal hin:

»Nu sagen Sie mal selbst, ob das nich Affen mit Eichenlaub sind! Jeder

einzelne von der Menschheit kann doch das olle Flottenlied besser singen

als wie die gute Guste mit ihren Kiepert. Und zu allermindest denkt er

sich auch was bei. Kiepert und Guste wissen ja zu genau, daß sie bloß

Fisimatenten machen fürs Geschäft. Und Stimme haben sie gar keine und

Gehör beinahe ebensoviel. Aber man die Fahnen um 'n Bauch, und die Leute

stellen ein Leben an, daß ein feiner Besaiteter sich platterdings dafür

bedanken würde, und die Dicken müssen was zugeben. Nu sagen Sie selbst!«

Unrat gab ihr recht. Er und die Künstlerin Fröhlich nickten sich zu, in

ebenbürtiger Volksverachtung.

»Passen Sie mal auf, was nu los wird,« sagte sie und steckte, bevor die

beiden dicken Leute ihre Extranummer anbrachen, plötzlich den Kopf in

den Saal.

»Hohohohoho!« machte es draußen.

Sie zog den Kopf zurück.

»Haben Sie gehört?« fragte sie befriedigt. »Die haben mich nu den lieben

langen Abend angeglupt, aber zeig' ich bloß die Nasenspitze, wo sie nich

drauf gefaßt sind, denn muhen sie wie das Vieh!«

Unrat dachte an die verwandten Laute, die in der Klasse entstanden,

sobald irgend etwas Unerwartetes vorfiel, und er entschied:

»So sind sie immer!«

Die Künstlerin Fröhlich seufzte.

»Nu bin ich gleich wieder dran und muß raus zu der Menagerie.«

Unrat ward von Hast gepackt.

»Schließen Sie nun denn also die Tür!«

Er tat es selbst.

»Wir sind von unserem Gegenstande abgekommen. Sie müssen die Wahrheit

preisgeben über den Schüler Lohmann. Ihr Leugnen kann seine Sache nur

verschlimmern.«

»Fangen Sie wieder davon an? Das muß 'n sanfter Wahn von Ihnen sein.«

»Ich bin der Lehrer! Dieser Schüler ist ein so beschaffener, daß er die

höchsten Strafen verdient. Seien Sie eingedenk Ihrer Pflicht, damit kein

Verbrecher der Gerechtigkeit entkomme!«

»Liebes Gottchen! Sie wollen gewiß Wurst machen aus dem Menschen! =Wie=

heißt er? Überhaupt hab' ich für Namen kein Gedächtnis. Wie sieht er

denn aus?«

»Er ist gelblich von Gesicht; er hat einerseits eine breite Stirn,

welche er auf eine gewisse überhebliche Art in Falten legt, andererseits

aber schwarze Haare in derselben. Von mittelgroßer Gestalt, bewegt er

dieselbe mit einer sozusagen nachlässigen Geschmeidigkeit, hierdurch

bereits die Zuchtlosigkeit seines Sinnes bekundend ...«

Unrat formte das Bildnis mit den Händen. Der Haß machte ihn zum

Porträtisten.

»Und?« fragte die Künstlerin Fröhlich, mit zwei Fingern am Mundwinkel.

Aber sie hatte Lohmann schon wiedererkannt.

»Er ist -- traun fürwahr -- recht geschniegelt, und erachtet es für

angemessen, seiner Eleganz durch ein schwermütig-unbeteiligtes Verhalten

das Ansehen zu geben, als sei sie von selbst da und nicht vielmehr eine

Tochter seiner, der Verachtung des Weisen würdigen Eitelkeit.«

Sie stellte fest:

»Das genügt. Mit dem kann ich nich dienen, tut mir leid.«

»Nachgedacht! Vorwärts!«

»Schade. Der wird nich gereicht«; und sie schnitt eine Clownsfratze.

»Ich weiß, daß er hier gewesen ist; ich habe Beweise!«

»Denn können Sie ihm die Krawatte ja alleine zuziehn und brauchen mich

nich dazu.«

»Ich habe da in meiner Tasche das Aufsatzheft des Lohmann; wenn ich

Ihnen dasselbe zeigen würde, dann zweifle ich nicht, daß Sie sofort

zugeben würden, ihn zu kennen ... Drum denn, soll ich es Ihnen zeigen,

Künstlerin Fröhlich?«

»Ich bin ganz närrsch drauf.«

Er griff in seinen Rock, errötete wolkig, zog die Hand leer zurück,

wagte es noch einmal ... Sie las endlich Lohmanns Verse, angestrengt,

wie ein Kind über der Fibel. Dann, aufwallend:

»Das is aber wirklich 'ne Niedertracht. ›Und kommst du erst mal in die

Wochen‹. Wer woll eher in die Wochen kommt.«

Und nachdenklich:

»Aber so dumm wie ich dachte, is er nich mal.«

»Sehen Sie wohl, Sie kennen ihn!«

Sie, sehr schnell:

»Wer sagt das? Nee, Männeken, fangen gibt's nich.«

Unrat sah sie giftig an. Plötzlich stampfte er auf; so viel hartnäckige

Verlogenheit nahm ihm die Fassung. Ohne nachzudenken, log er selbst.

»Ich weiß es, ich habe ihn ja gesehen!«

»Denn is alles in Ordnung,« sagte sie gelassen ... »Übrigens, jetzt

möcht' ich ihn wohl kennen lernen.«

Sie beugte unerwartet ihre Büste vor, tastete mit ganz leichten Fingern

unter Unrats Kinn, auf die kahlen Flecken zwischen seinen Barthaaren,

und machte einen Mund, wie zum Saugen.

»Stellen Sie ihn mir vor, ja?«

Aber sie mußte lachen; er sah aus, als ob ihre zwei leichten Finger ihn

erdrosselten.

»Ihre Schüler sind überhaupt flotte Jungen. Das kommt gewiß, weil sie so

'nen flotten Lehrer haben.«

»Welchen mögen Sie von den jungen Leuten denn nun wohl am liebsten?«

fragte Unrat, unerklärlich gespannt.

Sie ließ ihn los und bekam ohne Übergang wieder ein ganz stilles,

vernünftiges Gesicht.

»Wer sagt Ihnen, daß ich von den dummen Jungen überhaupt einen mag. Wenn

Sie wüßten, unsereiner -- all die Windbeutel gäb' ich mit Freuden hin

für einen bessern Mann in reifern Jahren, dem es nich bloß wegen dem

Amüsieren is, sondern mehr wegen dem Herzen und wegen dem Reellen ...

Das wissen die Männer man nich,« setzte sie hinzu, mit leichter Trauer.

* * * * *

Die beiden dicken Leute kamen zurück. Die Frau fragte, noch ehe sie

verschnauft hatte:

»Nu, wie hat er sich geschickt?«

Das Klavier machte sich sofort an das Nächste.

»Na, rin ins Vergnügen«; und die Künstlerin Fröhlich legte sich einen

Shawl über die Schultern und ward dadurch noch bunter.

»Sie wollen nu woll nach Haus?« fragte sie. »Das begreif' ich; 'n

Paradies is es hier ja nich. Aber Sie müssen morgen wiederkommen, wissen

Sie, sonst machen Ihre Schuljungen hier Unfug, das können Sie sich

selber sagen.«

Und sie ging.

Unrat war noch verwirrt durch den seltsamen Abschluß ihres Gesprächs, er

ließ wortlos über sich bestimmen. Der Artist öffnete die Tür.

»Gehen Sie man immer hinter mir her, dann kommen Sie ohne Krawall

durch.«

Unrat folgte ihm um den Saal herum, durch eine freie Bahn, die er vorhin

verfehlt hatte. Ein Stück vorm Ausgang schwenkte der Artist ab. Unrat

sah nochmals dahinten ein Paar Arme, eine Schulter, irgendein heftig

beleuchtetes Stück Fleisch inmitten einer Drehung bunter Farben

aufglänzen, über dem Rauch, über dem Lärm ... Er war draußen. Der Wirt

kam eben wieder mit dem Bier; er rief:

»Nabend auch, Herr Professer, und beehren Sie mein Lakal bald wieder!«

Im Torgang verweilte Unrat noch und suchte sich wiederzufinden. Er

verspürte die Wirkung der kalten Luft auf seinen Kopf und bemerkte, daß

ohne Wein und Bier zu der ungewohnten Stunde, dieses ganze Erlebnis

schwer zustande gekommen wäre ... Er machte einen Schritt auf das

Gäßchen und erschrak: an der Hauswand lungerten drei Gestalten. Er

schielte hin aus den Brillenecken; und es waren Kieselack, von Ertzum

und Lohmann.

Unrat machte eine scharfe Wendung; hinter sich hörte er ein Schnaufen,

das aus der breitesten der drei Brüste kommen mußte, aus Ertzums Brust,

und das nach Empörung klang. Da erscholl Kieselacks Quetschstimme:

»In dem Haus, wo eben einer rausgekommen is, soll es aber 'ne ganze

Masse sittlichen Unrat geben.«

Unrat zuckte empor; vor Wut und Angst fletschte er die Zähne.

»Ich werde Sie alle zerschmettern. Morgen bringe ich -- wahrlich doch!

-- das Geschehene zur Anzeige!«

Niemand antwortete. Unrat machte nochmals kehrt und schlich zwei, drei

Schritte weiter, in einem drohenden Schweigen. Da, ganz langsam, sagte

Kieselack, und Unrat zuckte bei jedem der zwei Worte mit dem Nacken:

»Wir auch!«

V

Lohmann, Graf Ertzum und Kieselack spazierten hintereinander um den

Saal. Wie sie unter der Bühne vorbeikamen, stieß Kieselack einen

schrillen Pfiff aus.

»Ins Kabuff!« kommandierte er; und sie drückten sich in die

Künstlergarderobe. Die dicke Frau flickte irgend etwas.

»Nu?« fragte sie. »Wo haben Sie denn gesteckt, meine Herren? Ihr Lehrer

hat uns Gesellschaft geleistet.«

»Mit dem verkehren wir nicht,« erklärte Lohmann.

»Er ist aber ein feingebildeter Mann und ganz leicht um den Finger zu

wickeln.«

»Wickeln Sie!«

»O, ich nicht, meine Herren, Sie wollen gewiß uzen. Aber ich weiß

jemand --«

Sie kam nicht weiter, denn Kieselack kitzelte sie unter der Achsel. Er

hatte sich überzeugt, daß die andern nicht hinsahen.

»Das dürfen Sie nicht, Kleiner«; und sie hob den Klemmer von der

Nasenspitze. »Wenn Sie das öfter tun, kann Kiepert Sie mal anblasen.«

»Beißt er?« fragte Kieselack von unten; und die Frau nickte mit

geheimnisvollen Falten, als beteuerte sie einem Kinde, der schwarze Mann

sei eine Tatsache.

Lohmann sagte von hinten, vom Toilettentisch her, neben dem er, die

Hände in den Hosentaschen, auf einem Stuhl lag:

»Kieselack, du Frechmops, bist entschieden zu weit gegangen mit Unrat.

Was brauchtest du ihn noch zu reizen, wie er hier rausgekommen ist. Er

ist ja auch nur ein Mensch, und über seine Kräfte muß man ihm keine

Gemeinheiten zumuten. Jetzt kann er uns Stank machen.«

»Ich werd' ihm!« prahlte Kieselack.

Ertzum saß in der Mitte, mit den Ellenbogen auf dem Tisch; er knurrte

nur, und sein blondrotes Gesicht unter einer Kuppel roter Borsten, die

die Hängelampe beglänzte, blieb unverrückt nach der Tür gerichtet.

Plötzlich schlug er auf den Tisch.

»Bloß noch ein einziges Mal soll sich dieses Vieh hier blicken lassen,

und ich brech' ihm alle Knochen entzwei!«

»Fein!« sagte Kieselack. »Dann kann er uns den Klassenaufsatz nicht

wiedergeben. Meiner ist ja doch lauter Unsinn.«

Lohmann sah lächelnd zu.

»Die Kleine scheint dich wirklich unterzukriegen, Ertzum. Solche Töne

findet nur wahre Liebe.«

Und da draußen der Applaus verrauschte, und die Tür aufging:

»Gnädiges Fräulein, man ist bereit, für Sie zum Mörder zu werden.«

»Ihre faulen Redensarten können Sie sich sparen,« erwiderte sie

ungnädig. »Ich hab' mit Ihrem Lehrer über Sie gesprochen, der ist auch

nich gerade begeistert von Ihnen.«

»Was will denn der alte Hammel?«

»Fassen will er Sie und Wurst aus Ihnen machen, sonst nichts!«

»Fräulein Rosa,« stammelte Ertzum; er hatte, seit sie im Zimmer war,

einen demütigen Rücken und einen Blick, der flehte.

»Mit Ihnen is auch nischt los,« erklärte sie ihm.

»Das einfachste wär' doch wohl gewesen, Sie wären im Saal geblieben und

hätten anständig geklatscht. Da sind gewisse Rauhbeine, die wollten mich

anöden.«

Ertzum stürzte vor.

»Wo sind die Kerls! Wo sind die Kerls!«

Sie holte ihn zurück.

»Sein Sie so gut! Machen Sie Krach! Dann flieg' ich noch heut' abend

hier raus. Können Sie mir vielleicht Ihr Palais zur Verfügung stellen,

Herr Graf?«

»Sie sind ungerecht, gnädiges Fräulein,« sagte Lohmann. »Er ist erst

heute wieder Ihretwegen bei seinem Vormund, Konsul Breetpoot, gewesen.

Aber dieser Bürger hat keinen Sinn für die große Leidenschaft, er gibt

kein Geld her. Ertzum möchte Ihnen, soviel an ihm liegt, alles zu Füßen

breiten: seinen Namen, eine glänzende Zukunft, ein Vermögen. Er ist weiß

Gott von hinreichend einfachem Geiste, um das zu tun. Darum gerade,

gnädiges Fräulein, wäre es unrecht von Ihnen, wenn Sie seine so

sympathische Einfachheit mißbrauchen wollten. Schonen Sie ihn!«

»Ich werd' wohl allein wissen, was ich zu tun hab', Sie Baffze ... Und

wenn Ihr Freund keine solche Schnauze hat wie Sie, denn hat er darum

bloß noch mehr Aussicht, daß er bei mir --«

»Das Ziel der Klasse erreicht,« ergänzte Kieselack.

»Sie kenn' ich, Sie sind einer von den Heimlichen;« und sie trat Lohmann

näher. »Hier tun Sie, als ob die Welt Sie kalt ließe, und hinterrücks

bedichten Sie einen in dreckiger Weise.«

Lohmann lachte verlegen.

»Sie sind überhaupt der Letzte, dem ich 'n irgendwie triftigen Grund

geben werd' zu der Annahme, ich könnt' in die Wochen kommen. Verstehn

Sie mich? Der Letzte.«

»Also gut. Der Letzte. Ich warte so lange,« sagte Lohmann gelangweilt;

und indes sie ihm den Rücken drehte, streckte er die Beine von sich und

richtete das Gesicht gegen die Decke. Er saß hier ja ohne persönliches

Interesse und nur als ironischer Zuschauer. Ihm konnte doch die Person

gleich sein. Um sein, Lohmanns Herz stand es wahrhaftig viel zu ernst,

viel ernster, als man je erfahren würde ... Er machte sich einen Panzer

aus Spott ...

Das Klavier hatte sich ausgeruht.

»Rosa, Ihr Lieblingswalzer!« sagte die dicke Frau.

»Wer will tanzen?« fragte Rosa. Sie wippte schon, und sie lächelte

Ertzum zu. Aber Kieselack kam dem breiten Junker zuvor. Er legte Hand an

Rosa, wie zu einem Gassenjungenstreich, drehte sie heimtückisch sachte

herum und schleifte plötzlich ganz weit aus. Sie fiel fast hin. Dabei

streckte er ihr die Zunge aus und kniff sie, von allen ungesehen, auf

der Rückseite. Sie erschrak und sagte ärgerlich und zärtlich:

»Wenn du Ekel das noch mal tust, sag' ich es ihm, und er verhaut dich.«

»Das laß bleiben!« riet Kieselack ihr wispernd. »Sonst sag' ich ihm auch

was.«

Sie lachten, ohne die Mienen zu verziehen. Ertzum sah ihnen zu,

verstörten Blicks, das blondrote Gesicht voller Schweißtropfen.

Inzwischen hatte Lohmann die dicke Frau aufgefordert. Rosa ließ

Kieselack stehen und sah Lohmann zu, der gut tanzte. Die dicke Frau ward

unter seinen Händen ganz leicht. Als es ihm genug schien, verbeugte er

sich gnädig und kehrte, ohne Rosa zu bemerken, an seinen Platz zurück.

Sie folgte ihm.

»Tanzen kann man meinswegen mit Ihnen. Wenn Sie auch sonst zu nischt zu

brauchen sind.«

Er zuckte die Achseln, drückte seine Gleichgültigkeit noch durch einen

der schauspielerhaften Faltenwürfe seines Gesichts aus und erhob sich.

Sie walzte lange, schwelgerisch und hingegeben.

»Haben Sie genug?« fragte er endlich höflich. Und als sie erwachte:

»Nun, dann --«

»Hab' ich 'nen Durst!« rief sie, außer Atem. »Herr Graf, geben Sie mir

was zu trinken, oder ich fall' um.«

»Er steht selbst nicht sicher,« bemerkte Lohmann. »Er sieht ja aus wie

der besoffene Mond.«

Ertzum keuchte, als ob die ganze Zeit nur er das Mädchen herumgedreht

hätte. Er senkte eine Flasche, die ihm in der Hand zitterte, und aus der

nur noch ein Rest floß. Darauf sah er Rosa ratlos an. Sie lachte. Die

dicke Frau sagte:

»Ihr Herr Lehrer hat, scheint's, 'n guten Zug.«

Ertzum begriff; ein Schwindeln ging sichtbar durch seine Augen. Er

erfaßte plötzlich die leere Flasche am Hals, wie eine Keule.

»Nanu,« machte Rosa. Und nach einem Augenblick, während dessen sie ihn

beurteilt hatte:

»Mein Taschentuch liegt unterm Tisch. Holen Sie's mal 'raus, ja?«

Ertzum bückte sich, steckte den Kopf unter den Tisch, wollte hingreifen.

Aber seine Knie bogen sich; er kroch, und das Mädchen sah ihm zu, auf

das Tuch los, nahm es mit den Zähnen vom Boden, kehrte auf den Händen

unter den Tischrand zurück. Da blieb er und hielt die Augen geschlossen,

erschlafft von dem fettigen, fad parfümierten Geschmack des grauweißen

Fetzens, worin Schminke abgewischt war. So stand nun, gleich vor seinen

geschlossenen Lidern und unerreichbar, das Weib, von dem er Tag und

Nacht träumte, an das er glaubte, für das er sein Leben gelassen hätte!

Und weil sie arm war und er sie noch nicht zu sich emporziehen durfte,

mußte sie ihre Reinheit Gefahren aussetzen und mit schmutzigen Leuten

verkehren, sogar mit Unrat. Es war ein furchtbares, einziges Geschick.

Nachdem sie ihr Werk bewundert hatte, nahm sie ihm das Tuch aus dem

Gebiß und sagte:

»So is scheen, mein Hundchen.«

»Fabelhaft,« bemerkte Lohmann.

Und Kieselack, der einen weit abgenagten Fingernagel an den Mund führte,

mit einem Senkblick von einem seiner Kameraden zum andern:

»Bildt euch man nix ein. Ihr erreicht ja doch nicht rechtzeitig das Ziel

der Klasse.«

Dann blinzelte er Rosa Fröhlich zu. Er selbst hatte es schon erreicht.

* * * * *

Lohmann sagte:

»Zehn ein halb. Ertzum, dein Pastor kommt vom Bier, du mußt in die

Klappe.«

Kieselack hatte Rosa etwas zugeraunt, schäkerhaft und drohend. Wie die

beiden andern aufbrachen, war er verschwunden.

Die Freunde gingen dem Stadttor zu.

»Ich kann dich hinausbegleiten,« erklärte Lohmann. »Meine Alten sind auf

dem Ball bei Konsul Breetpoot. Wie findest du das, daß unsereiner nicht

eingeladen wird? Da tanzen nun schon die Gänse, mit denen ich Tanzstunde

gehabt habe.«

Ertzum schüttelte stürmisch den Kopf.

»Solch ein Weib ist doch nicht dabei! Letzte Sommerferien war ich auf

unserm Familientag mit allen Ertzumschen Mädchen und so und so vielen

angeheirateten Püggelkrooks, Ahlefeldts, Katzenellenbogens --«

»Und so weiter.«

»Aber meinst du, daß eine =das= gehabt hätte?«

»Was denn?«

»Na das. Du weißt schon. Sie hat auch, was ein Weib ganz besonders haben

muß, nämlich sozusagen Seele.«

Ertzum sagte »sozusagen«, weil das Wort Seele ihm Scham machte.

»Und dann ihr Taschentuch,« ergänzte Lohmann. »So eins hat keine

Püggelkrook.«

Ertzum begriff langsam die Anspielung. Er trachtete die dumpfen

Instinkte, die ihm vorhin einen so sonderbaren Auftritt bereitet hatten,

mühselig ans Licht zu ziehen.

»Du mußt nicht denken,« sagte er, »daß ich so was ohne Absicht tue. Ich

will ihr gradezu zeigen, daß sie trotz ihrer niedrigen Abkunft über mir

steht, und daß ich sie ernstlich zu mir emporziehen will.«

»Sie steht ja über dir.«

Ertzum wunderte sich selbst über diesen Widerspruch. Er stotterte:

»Du sollst sehen, was ich tun werde!... Der Hund, der Unrat kommt mir

kein zweites Mal lebendig in ihre Garderobe.«

»Ich fürchte, er möchte es uns grade so verleiden, wie wir ihm.«

»Er soll es nur wagen.«

»Ein feiger Kerl ist er ja nur.«

Sie waren dennoch in Sorge; aber sie sprachen nicht mehr davon.

Sie gingen zwischen den leeren Wiesen hin, auf denen im Sommer das

Volksfest spielte. Ertzum, von weiter Nacht und Sternen leichter

gemacht, fand in seinem Sinn glänzende Auswege in die Freiheit, heraus

aus diesem Bürgernest und aus der staubigen Anstalt, wo sein großer

ländlicher Körper in lächerlichen Fesseln saß. Denn er war dessen jetzt,

seit er liebte, gewahr geworden: daß er sich lächerlich ausnahm auf der

Schulbank, an einer falschen Antwort stotternd, den Stiernacken geduckt,

hilflos, weil der hochschulterige Schwächling auf dem Katheder ihn

giftig anschielte und dazu pfauchte. Alle seine Muskeln, von denen man

hier Zahmheit verlangte, sehnten sich danach, belastet zu werden,

drängten ihn, mit einem Schwert und einem Dreschflegel um sich hauen,

ein Weib über seinen Kopf zu schwingen, einen Bullen am Horn zu packen.

Seine Sinne gierten nach riechbaren Bauernmeinungen, nach greifbaren

Begriffen, auf festem Boden tief unter der dünnen klassischen

Geistigkeit, worin ihm der Atem ausging; nach der Berührung mit der

nackten schwarzen Erde, die ein Jäger an seinen Sohlen fortträgt, und

mit der Luft, die einem galoppierenden Reiter ums Gesicht schlägt; nach

dem Lärm gefüllter Schenken und zusammengekoppelter Hunde, nach dem

Brodem eines herbstlichen Waldes und eines feuchten Pferdes, das Kot

fallen läßt ... Vor drei Jahren hatte daheim eine Kuhmagd, die er gegen

einen starken Viehjungen verteidigt hatte, ihm damit gedankt, daß sie

ihn ins Heu geworfen hatte. Durch diese Dirn hindurch fühlte er heute

die Chanteuse Rosa Fröhlich. Sie weckte in ihm einen weiten grauen

Himmel mit einer Menge heftiger Laute und Gerüche. Sie weckte alles, was

seine eigene Seele war. Darum tat er ihr die Ehre an, dies für ihre

Seele zu halten, ihr viel, viel Seele beizulegen, und sie sehr

hochzustellen.

* * * * *

Die beiden Schüler erreichten die Villa des Pastors Thelander. Sie hatte

zwei Balkons, in der Mitte des ersten und des zweiten Stocks, zwischen

Mauerpfeilern mit knorrigen Reben herum.

»Dein Pastor ist schon zu Haus,« sagte Lohmann und zeigte auf ein Licht

im ersten Stock. Sie kamen näher; das Licht ging aus.

Ertzum sah verdrossen und schon wieder besiegt nach dem angelehnten

Fenster im obern Stock, zu dem er hinauf mußte. Dahinter roch es, aus

seinen Kleidern und seinen Büchern heraus, schon wieder nach der Klasse.

Die Luft der Klasse verfolgte ihn Tag und Nacht ... Er tat einen Sprung

voll plumpen Zorns, kletterte die Reben hinauf, machte Halt auf dem

Geländer des ersten Balkons und sah sich noch einmal sein Fenster an.

»Lange mach' ich das nicht mehr mit,« sagte er hinunter. Dann stieg er

weiter, stieß mit dem Fuß das Fenster auf und ließ sich hinein.

»Träume sanft,« sagte Lohmann, mit mildem Spott, und kehrte um, ohne das

Knirschen seiner Schritte zu vertuschen. Pastor Thelander, der sein

Licht löschte, um nichts merken zu müssen, war nicht der Mann, Lärm zu

schlagen wegen des nächtlichen Ausganges eines Grafen Ertzum, für den

jährlich viertausend Mark Pension bezahlt wurden ... Und kaum aus dem

Vorgarten heraus, war Lohmann wieder bei Dora.

So gab nun Dora ihren großen Ball. Sie lachte in dieser Minute hinter

ihrem Fächer ihr fremdes, schmachtend grausames Kreolinnenlachen.

Assessor Knust lachte vielleicht mit; vielleicht entschied es sich heute

für Knust. Denn mit Leutnant von Gierschke schien es aus zu sein ...

Lohmann zog den Hals ein, drückte die Zähne in die Unterlippe und

lauschte drauf, wie er litt ...

Er liebte Frau Konsul Breetpoot, eine dreißigjährige Frau. Seit vor drei

Wintern die Tanzstunde einmal in ihrem Hause gewesen war, liebte er sie.

Sie hatte ihm einen Orden angesteckt -- o nur, weil sie seinen Eltern zu

schmeicheln wünschte; er wußte es. Er sah sie seither durch Türspalten,

bei großen Festen in seinem Elternhaus, zu denen er keinen Zutritt

hatte, -- sah sie mit ihren Liebhabern: er! Jeden Augenblick konnte die

Tür aufgestoßen werden, dann hätte er dagestanden, zerstört,

schmerzzerrissen; alles wäre verraten. Und für diesen Fall war Lohmann

fest entschlossen, sein Leben zu beschließen. Eine alte Flinte, mit der

er auf dem Kornspeicher nach Ratten jagte, lag bereit ...

Er bekundete eine väterliche Freundschaft für ihren jungen Sohn, einen

Quartaner, dem er seine alten Aufsätze zum Abschreiben gab. Er liebte

ihr Kind! Einmal, als er zugunsten Breetpoots in eine Prügelei der

Jungen eingegriffen hatte, war ihm auf mehreren Lippen ein fragwürdiges

Lächeln begegnet. Der Flintenlauf kehrte sich schon seiner Brust zu ...

Nein, niemand wußte es; und Lohmann durfte sie weiter erleben und sich

vorspielen, die wilde Keuschheit, die wollüstigen Bitternisse, die

schüchterne, eitle, trostreiche Weltverachtung seiner siebzehn Jahre,

und die Verse, die er in Nächten auf die Rückseite eines alten

Ballordens kritzelte ...

Von ihm also, der ganz durchseucht war mit harmvoller Empfindung,

verlangte ein Mädchen wie diese Rosa Fröhlich, er solle sich von ihr zur

Liebe angereizt fühlen. Es ließ sich nicht leicht etwas Ironischeres

denken. Er machte Verse, auch auf sie -- nun ja. Der Gegenstand war doch

gleichgültig für die Kunst. Wenn sie meinte, daß das etwas beweise ...

Sie tat beleidigt, er lachte ihr ins Gesicht, das machte sie natürlich

erst recht auf ihn versessen. Er beabsichtigte das wahrhaftig nicht; er

war einigermaßen entfernt davon, die Chanteuse des Blauen Engels um ihre

Liebe zu bitten. Es mußte dort im Saal Matrosen und Kommis geben, die

für eine Summe zwischen drei und zehn Mark von ihr beglückt worden

waren ...

Vielleicht fühlte er sich dennoch geschmeichelt? Warum leugnen. Es gab

Stunden, wo er dieses Mädchen zu seinen Füßen zu sehen wünschte, wo er

sie begehrte, um sie zu demütigen, um ihren Liebkosungen den Geschmack

düstern Lasters zu geben -- und durch solch Laster seine eigene Liebe zu

beschmutzen, in der auf den Knien bettelnden Dirne sie, Dora Breetpoot

selbst zu erniedrigen und dann vor ihr hinzusinken und köstlich zu

weinen!

Von diesen Gedanken durchbebt ging Lohmann in die Kaiserstraße vor das

erleuchtete Haus des Konsuls Breetpoot und erwartete unter den über die

Fenster gleitenden Schatten den einen.

Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen · 第 9 / 20 题