Das traurige Schicksal des Meisters Michael

Das war in rotgoldener Herbstzeit, am Tage Michaeli, als ein

Wandersmann mit leichtem Ränzel den Ochsenkopf, der südlich die Stadt

Altenroda überragt, herunter stieg und an der Wegbiege, wo das Bild des

heiligen Michael steht, Halt machte. Von dort aus überschaut man die

ganze Stadt, samt dem Eulenwalde, der grünen Aue und der Poststraße,

die in die Ferne führt.

Der Wanderer, der aus dem Dunkel der Bäume trat, und plötzlich das

schöne Bild vor sich sah, breitete die Arme aus, ein Beben lief über

seine junge Gestalt, und die braunen Augen wurden feucht. Wohl öffneten

sich auch die Lippen, sie brachten aber kein Wörtlein hervor. Hätten

sie sprechen können, es wäre ein einziger Schrei gewesen: »Heimat!

Liebe Heimat!« So sank der Jüngling ins Herbstgras, lehnte den hübschen

Kopf an den Sockel des Heiligenbildes und sah in wortloser Seligkeit

hinunter auf seine Vaterstadt.

Er war lange fort gewesen, über acht Jahre. Als er auszog in die Welt,

war er ein zweiundzwanzigjähriger Jüngling, und jetzt war er ein

Mann. Gestern war er dreißig Jahre alt geworden und heute war sein

Tauf- und Namenstag: Michael. Am längsten war Michael drunten in der

Stadt Nürnberg gewesen; dort hatte er alle Wunder geschaut, die von

Malern und Zeichnern, Kupferstechern und Goldschmieden, Baumeistern

und Gießern verrichtet worden waren. Und nun war Michael selbst ein

Meister in der Kunst der Uhrmacherei geworden. Sein großes Uhrwerk,

das er in dreijähriger Arbeit in Nürnberg geschaffen hatte, war von

den dortigen Meistern mit höchstem Lobe bedacht und von der Volksmenge

bestaunt worden; der Abt eines reichen Klosters hatte es für gutes Gold

erworben, und es hatten sich nun allerhand mächtige und reiche Herren

gefunden, die geneigt waren, den Meister Michael in ihre Dienste zu

nehmen, sogar des Bayern Kurfürstliche Gnaden und der hochwürdigste

Herr von Bamberg. Michael aber, dem das Geld des Abtes reich im Beutel

läutete und dem etwas anderes noch viel schöner im Herzen klang, sagte

den Herren ehrerbietigsten Dank und begehrte Urlaub, erst einmal in

seine ferne Heimat zu reisen.

Da saß er nun bei der Bildsäule des Michael und sah hinunter auf die

liebe Stadt, die ihm draußen in der Ferne tausendmal im Wachen und

Schlafen erschienen war. Jetzt sah er sie wirklich vor sich, jetzt

brauchte er nur ein paar hundert Sprünge zu machen, dann war er mitten

drin in der Heimat.

Aber er blieb sitzen. Es war eine große Scheu in ihm; die Stimme war

ihm so verschlagen, daß er jetzt denen drunten keinen rechten Gruß

hätte sagen können.

Auf der Straße fährt der Postwagen mit seinem Gepäck. Das wird eher da

sein als er; wird ihn wohl unten schon anmelden.

Verspätete Schwalben ziehen nach Süden. Wie können sie fortfliegen von

Altenroda? Ist es nicht besser, hier zu frieren, als anderwärts in

Sommer und Sonne zu sein? Eine warme, wonnige Stunde verrinnt noch.

Da -- wer kommt den Berg herauf -- wem geht er entgegen wie ein

Taumelnder -- welch süßes Traumbild umfängt sein Blick?

»Elisabeth!«

Sie hängt leise weinend an seinem Halse, und er steht da und atmet

schwer, und er schaut empor und sieht nichts als lauter Himmel.

Als er ihr ins Auge schaut, weiß er: Treue und Reinheit hat sie bewahrt

durch acht lange Jahre.

»Ist es wahr?« fragt er endlich.

»Ja! Komm heim!«

* * * * *

Der Ruf von Michaels Meisterschaft war nach Altenroda gedrungen, und

die Stadt war stolz darauf, daß einer ihrer Söhne sich in der großen

Welt solchen Ruhm erworben hatte. So wurde nun Michael mit allen Ehren

aufgenommen; jedermann wollte sein Freund und Gevatter sein, und der

Tuchkaufmann Degener hörte auf, seiner Tochter Elisabeth zu zürnen,

daß sie auf den fahrenden Gesellen acht Jahre gewartet hatte. Da des

Mägdleins Truhe gefüllt und der Hausrat gerichtet war, wurde die

Hochzeit schon einen Monat später mit viel Feierlichkeit und fröhlichem

Gepränge und Gespiel begangen.

Eine Bedingung hatte der Schwieger für Einwilligung in so rasche Ehe

jedoch gestellt. Er war Ratsherr, und also brachte er selbst an Meister

Michael den Wunsch des Rates der Stadt, welcher folgender war:

»Michael, du bist ein großer Meister der Uhrmacherkunst. Du sollst

für deine Vaterstadt eine Uhr erbauen, wie sie keine Stadt im ganzen

Deutschen Reiche besitzt. Der Ruhm Altenrodas soll überall im Lande

bekannt werden, und viele Fremde sollen kommen und deine Wunderuhr

anstaunen. Nachdem die Bürger von Altenroda in harten Kämpfen mit den

Ritter von Runkelstein diesen den Eulenwald und die grüne Aue wieder

abgenommen haben, erfreut sich die Stadt solchen Wohlstandes, daß sie

dich für deine Arbeit ebenso reich entlohnen kann, wie ein fürstlicher

oder geistlicher Herr.«

Da sprach Meister Michael: »Ich hab' ein groß Werk im Kopfe. Wenn ich

es mit der Gnade Gottes zu gutem Ende führe, wird eine Uhr entstehen,

wie sie keine Stadt im Deutschen Reiche besitzt, ja nicht einmal der

König von Spanien oder der Papst zu Rom. Und ich wüßte niemand, dem ich

die Uhr lieber vergönnen würde, als der ehrenhaften Stadt Altenroda,

die meine liebe Heimat ist.«

Als diese Worte bekannt wurden, war große Freude in Altenroda, und das

Lob Meister Michaels war in aller Munde.

Sieben Jahre baute Michael an der Uhr. Er versenkte sich ganz in

sein Werk, ging sehr selten unter Menschen, was ihm wohl den Ruf

eines fleißigen Meisters, aber auch eines sonderbaren, wenn nicht gar

hochmütigen Menschen einbrachte. Frau Elisabeth allein war seine stille

Genossin. Sie hatte keine Kinder, aber sie war selbst wie ein stilles

Kind, dessen Gegenwart auch dann den Meister nicht störte, wenn er tief

im Grübeln war, wenn er rechnete, maß, zirkelte, probierte, wenn er mit

kunstgeübter Hand Rädchen feilte, geheime Federn spannte oder Wellen

einsetzte.

Nach sieben Jahren, just wieder am Michaelisfeste, war die Uhr fertig

und in den Rathausturm eingebaut. Vier breite Abteilungen lagen

übereinander. Die oberste und größte zeigte die Allmutter, die Sonne.

Um die Sonne drehte sich die Erde und um die Erde der Mond. Und es

waren nicht nur die Stunden und Minuten zu sehen, wie bei jeder Uhr,

sondern auch Tag und Jahr waren verzeichnet und sollte selbst in

einem Schaltjahr niemals ein Irrtum im Datum vorkommen. Sodann gab

die Uhr die Mondviertel an und sollte auch in hundert Jahren noch

alles damit stimmen. An der Umdrehung der Erde um die Sonne waren die

vier Jahreszeiten zu erkennen und konnte jedermann deutlich sehen, in

welchem Winkel die Sonnenstrahlen auf die Stadt Altenroda fielen, deren

Platz auf dem Globus durch einen glitzernden Demantstein bezeichnet war.

In der zweiten Abteilung waren Licht und Nacht verkörpert als die

Symbole von Gut und Böse. Im linken und rechten Seitenfelde lauerten

Satanas und andere Geister der Finsternis. Öffnete sich aber am

Morgen das Mitteltor, dann erschien Michael, der lichte Sieger des

Himmels. Seine strahlenden Augen waren auf die Stadt gerichtet, deren

Schutzpatron er war, auf silbernem Schilde standen mit goldener Schrift

die Worte: »+Quis ut deus?+« Wer ist wie Gott? Sein Schwert war

ein flammender Blitz. Wenn St. Michael erschien, schön wie der junge

Tag, dann verkrochen sich Satanas und die andern Geister der Finsternis

in die tiefsten Schatten. Um Mittag erschienen auf dem dritten Felde

würdevoll einer nach dem andern die zwölf Apostel: Petrus mit den

Schlüsseln des Himmelreiches, der greise, gebückte Andreas mit seinem

Kreuze, Jakobus mit der Keule, der zarte Johannes, der Liebling des

Herrn, und so die ganze Reihe durch, bis Judas mit dem Geldsack die

heilige Reihe unheilig abschloß.

Auf dem untersten Felde kamen zur Abendzeit die heiligen drei Könige

gegangen. Man sah ihnen an, daß ihr Weg ein weiter gewesen war. Müde

ließen sich die Kamele am Halftergurt ziehen. Aber die drei Männer,

die das Heil der Welt suchten, schauten gläubig und mutig gerade aus.

Und siehe, ihr Ziel war nahe. Ein Stern senkte sich auf ein niederes,

mit Stroh gedecktes Haus und blitzte golden auf. In das Strohhaus

gingen die Weisen aus dem Morgenlande hinein. Der Stern aber leuchtete

wie ein ewiges Lämplein die ganze Nacht. Damals sagten die Mütter von

Altenroda, wenn die Kinder nicht schlafen wollten: »Pst! Am Rathaus hat

das Christkindlein schon sein Licht angezündet!« Dann huschelten sich

die Kleinen ins Bettchen und schliefen artig ein.

Zur Mitternacht aber, wenn die Sterne feierlich flimmerten oder auch,

wenn der Sturmwind die Wolken jagte, erklang vom Turme die Weise eines

Chorals, der in Altenroda damals gesungen wurde:

~Herr über Tag und Nacht,

Herr über Schlaf und Wacht,

Herr über Glück und Not,

Herr über Leben und Tod,

Herr über alle Zeit --

Preis dir in Ewigkeit!~

* * * * *

Als dieses Wunderwerk einer Uhr der Stadt übergeben wurde, geriet

alles vom Bürgermeister und Ratsherrn an bis zum ärmsten Werkelmann

und bis zum kleinen Jungen in einen Taumel von Freude. Vom frühen

Morgen, als St. Michael erschien, bis über den Mittag der zwölf Apostel

hinweg stand die Menge vor dem Rathause; sie stand noch, als die drei

Weisen am Abend müde Einkehr hielten; sie wich nicht vom Platze, bis um

Mitternacht der Choral ertönte:

~Herr über alle Zeit,

Preis dir in Ewigkeit!~

Der Gesang brauste zum sternklaren Himmel, und es zeigte sich, welch

gewaltiger Prediger ein wahrer Künstler sein kann; denn als die Uhr

sang und als die Menschen sangen, da ging eine tiefe Erschütterung

durch alle Seelen; Tränen flossen, Männer schluchzten; alles Niedere

fiel ab vom Volke; Meister Michael hob die Herzen mit seinen Händen bis

an den Himmel.

Freudentage folgten. Wie ein König ging Michael durch seine

Heimatstadt, und neben ihm blühte als schlichte Blume Frau Elisabeth an

seinem Wege.

* * * * *

Meister Michael war nach der Menschen Meinung auf dem Gipfel des

Glückes angelangt. Der Rat der Stadt hatte freiwillig die ausbedungene

Summe für die Uhr zu des Meisters Ehr und Nutzen weit erhöht; der

Schwieger war gestorben und hatte der einzigen Tochter sein schönes

Patrizierhaus und sein stattliches Vermögen hinterlassen. Michael besaß

alles, was nach der Menschen Meinung erstrebenswert ist: Ruhm, Geld,

Liebe. Dazu war er gesund und schien wie ein kerniger Baum im Walde.

Ein Jahr lang ruhte der Meister von seiner Riesenarbeit aus. Dann

aber wurde er unruhig. Zwecklos erschien ihm das Leben; öde und leer

schleppten sich die Tage dahin. Auch seine Frau vermochte nicht, ihn

zu trösten. Sie war kein Spielzeug, und er war nicht der Mann, um

zu spielen. Immer mehr wuchs in ihm der Durst nach Arbeit. Zuletzt

marterte er ihn Tag und Nacht. Michael saß einsilbig bei seiner Frau,

er war mißmutig gegen die Freunde, die ihn besuchten; er wurde zornig,

wenn jemand die Uhr als sein großes Lebenswerk pries. Schließlich griff

die schlechte Seelenstimmung auch den Körper an. Müde ging Michael

einher, er hatte keine Freude an Speise und Trank, und selbst in das

schönste Abendrot sah er mit leeren Augen.

Qualvoll waren die Nächte. »Was schlafe ich denn, da ich doch nichts

getan habe, da ich doch nicht müde sein, kann?« fragte er sich. Wenn

der Choral vom Turme klang, hielt er sich die Ohren zu. Schließlich

haßte er sein eigenes Werk. Er ging nie wieder an der Uhr vorüber,

sah die Kinderschar nicht, die dort hockte wie vor einem wunderbaren

Spielzeug.

Spielzeug! Jawohl, das war es: ein kunstvolles, sauber gearbeitetes,

frommes Spielzeug. Sonst nichts! Eines Mannes, eines Meisters nicht

würdig. Kein Werk, neben dem die eigene Seele in Dankbarkeit vor Gott,

der es gegeben hat, niederkniet. Nur ein artiges Spielzeug! Kein

Meisterwerk!

Der Gram fraß an Meister Michael, und die Quelle all dieses schweren

Mißbehagens war seine Untätigkeit. Was sollte er tun? Tand fabrizieren

für Stutzer und eitle Weiber? Kleine Kirchengeräte schaffen, die jeder

andere auch recht gut machen konnte? Bürgermeisterketten erfinden,

Krummstäbe ziselieren, Schnallen an Herzogsmäntel machen, Degengriffe

für Erbgrafen, Wappen für Ritter, die nicht lesen konnten?

Nein! In solchen Kleinkram fand sich Michaels Seele nicht zurück. Sein

Gedanke war immer und immer nur die Uhr. So hineingreifen ins All, die

Blicke der Sonne belauschen, aufhorchen, wie sich die Erde langsam

durch das Universum rollt, und jede Sekunde wissen, wo sie gerade ist,

die Schrittlein abmessen, die der Mond um die Erde macht, und den alten

Nachtwandler auch nach Hunderten von Jahren noch genau zur Stunde

ertappen mit halbem oder ganzem Gesicht -- ja, das alles hatte er schon

vermocht. Ach, er mußte darüber hinaus! Das Firmament, oder doch ein

großer sichtbarer Teil! Den Abendstern aufleuchten und als Morgenstern

wiederkehren lassen, den roten Mars bringen und den königlichen

Jupiter, den Himmelswagen fahren und den Polarstern als unverrückbaren

Punkt darüber leuchten lassen, die Plejaden, den Orion auf- und

untergehen lassen, dem armen Menschen sagen: sieh, so Gewaltiges ist

über dir und um dich, und du bist so klein, und es ist alles in großer,

ewiger Ordnung, und nur dein armes kleines Herz kannst du nicht in

Ordnung bringen. Das war Michaels Traum.

Frau Elisabeth versuchte mit sanfter Hand die Fieber des Mannes zu

kühlen -- es gelang ihr nicht. Trübsinnig wurde der Meister, zuletzt

war er krank.

Aber eines Tages, nachdem er vom Morgen bis Abend draußen im Eulenwalde

ganz einsam gewesen war, kam er lachend zurück, umarmte sein Weib und

sagte:

»Elisabeth, ich habe es zwar noch nicht, aber ich ahne es. Und da ich

es ahne, werde ich es eines Tages wissen, und dann wird es sein!«

* * * * *

Ja, eines Tages wußte er sein neues Werk. Er sprach zu niemand davon,

nicht einmal zu seiner Frau. Und er ging auf eine weite Reise. Als er

zurückkam, sagte er:

»Elisabeth, ich war in Wien. In der Kaiserstadt. Ich habe dort gute

Aufnahme gefunden. Nun wollen wir nach Wien ziehen, und dort werde ich

mein neues Werk schaffen. Es wird anders sein als das von Altenroda.«

Zu den Vätern der Stadt aber sprach Meister Michael also:

»Ihr Herren, ich habe für unsere Stadt eine Uhr geschaffen, die euer

Lob gewann. Ich bitte euch, daß ihr mich nun in Frieden entlasset.

Ich will nach Wien gehen und dort eine neue Uhr schaffen, die mein

Meisterstück werden soll.«

»Dein Meisterstück?« fragte der Bürgermeister finster; »hast du nicht

für uns dein Meisterstück geschaffen?«

»Ach, edle Herren, ich habe noch nicht das Höchste getan, das ich

vermag. Eure Uhr ist -- wenn ich das ohne Überhebung sagen darf --

meine gute Gesellenarbeit; das Meisterwerk aber steht noch aus. Lasset

mich nach Wien ziehen, damit ich es dort schaffe.«

Da entließen die Ratsherren den Meister, beriefen ihn aber am nächsten

Tage aufs neue.

»Meister Michael,« sagte der Bürgermeister, »du hast uns eine Uhr

geschaffen, die ohnegleichen ist. Wir haben Vertrag mit dir gemacht,

daß es die schönste Uhr in allen deutschen Landen sein soll. Das ist

sie bis jetzt; nichts geht über sie. Der Ruhm dieses Kunstwerkes und

damit dein Ruhm und der Ruhm deiner Vaterstadt geht durch das ganze

Land. Willst du uns diesen Ruhm nehmen, willst du deinen Vertrag

brechen?«

Da weinte Meister Michael und sagte:

»Ihr Herren, verachtet mich, hasset mich, nennet mich undankbar,

ehrvergessen der großen Wohltaten, die ich durch euch empfing --

ich kann nicht anders, ich muß mein Werk verrichten, ein Werk, das

Altenroda nicht ertragen könnte. Lasset mich um der Barmherzigkeit

Gottes und um der Kunst willen in Frieden nach Wien gehen und dort mein

Werk tun!«

Bürgermeister und Ratsherrn blickten düster, entließen den Meister und

beriefen ihn auf den nächsten Tag. Sie legten ihm eine Schrift vor und

begehrten strenge von ihm, daß er sie unterzeichne. Die Schrift lautete:

»Ich, Meister Michael Grünhuber, schwöre bei Gott, bei meiner

Seligkeit, bei der Ehre meiner Frau, bei der Ehre meiner Mutter und bei

meiner eigenen Ehre, daß ich, solange ich lebe, niemals ein Uhrwerk

anfertigen werde, das der Uhr in meiner Vaterstadt Altenroda gleichkäme

oder sie gar überträfe.«

Der Meister weigerte die Unterschrift. Er bat, er weinte, schrie und

wurde schließlich in den Turm abgeführt.

Dort saß er drei Jahre. An jedem dritten Tage wurde ihm die Schrift

wieder vorgelegt und ihm sofortige Freiheit in Aussicht gestellt, wenn

er sie unterschriebe.

Einmal wurde er der Haft entlassen. Da lag Frau Elisabeth im Sterben.

Er bettete ihr müdes Köpfchen an seine Brust, sog mit einem langen

Kusse ihre entfliehende Seele auf und bestattete sie zu Grabe. Dann

mußte er in den Turm zurückkehren.

Fünf Tage nach Elisabeths Begräbnis unterschrieb Michael das Dokument

des Rates der Stadt.

So wurde er aus der Haft entlassen und ging, ohne einen Menschen

anzusehen, nach seinem Hause.

Er lebte still drei Monate dahin und verließ das Haus nur, um Blumen

auf Elisabeths Grab zu tragen.

Im vierten Monat wollte der Meister nach Wien entfliehen. Unter

dem Wams trug er den großen Plan zu seinem Meisterwerk, den er in

drei Kerkerjahren ausgedacht und in drei Monaten seiner Freiheit

aufgezeichnet hatte.

An der Grenze des Stadtgebietes wurde er gefangen.

Der Rat der Stadt erkannte den Meister Michael Grünhuber schuldig des

Vertragsbruches, schuldig des Meineides, womit er gefrevelt habe gegen

Gott, gegen seine Seligkeit, gegen die Ehre seiner Frau, gegen die Ehre

seiner Mutter wie gegen seine eigene Ehre, erklärte ihn für schimpflich

und aller bürgerlichen Ehre verlustig und verurteilte ihn zur Strafe

der Blendung, damit es ihm nie wieder einfalle, seinen Vertrag zu

brechen und die Stadt Altenroda des Ruhmes zu berauben, die beste Uhr

in deutschen Landen zu besitzen.

Es geschah.

Meister Michael wurde des Lichtes beider Augen beraubt. Sein Vermögen

wurde eingezogen.

Als Bettler zog Michael von Tür zu Tür. Manchmal machte er Halt dort,

wo er wußte, daß im Ratsturme seine Uhr war. Den Lichtengel Michael

konnte er nicht mehr sehen, die zwölf Apostel nicht mehr, die heiligen

drei Könige nicht mehr; das ewige Lämplein über dem Stall von

Bethlehem sah er nicht mehr. Nur in der Nacht sang der Choral in seine

arme Seele.

Als Michael aber einmal tagelang vor der Uhr stand und gespannt auf

ihren Schlag lauschte, fragten die Bürger:

»Was hat er? Was ist's um die Uhr?«

Da sagte der Blinde:

»Die Uhr gerät in Unordnung. Führt mich noch einmal hinein.«

Sie taten nach seinem Willen.

Mit blinden Händen tastete sich der Meister in sein Werk.

Als er herauskam, ging die Uhr nicht mehr.

Alles Volk war so erschrocken, daß niemand darauf achtete, wie der

Blinde entwich.

Kein Mensch hat jemals wieder etwas von ihm gehört. Die Uhr aber geht

nicht bis auf den heutigen Tag. Kein Künstler späterer Zeit hat sie

wieder zum Leben zu erwecken vermocht.

Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein · 第 33 / 50 题