Alle Sommermärchen sind aus: die, die im Kelch der Rose wohnten wie
in einer rotleuchtenden Stadt; die, die um nackte Füßlein spielender
Kinder durch den Bach schwammen; die, die auf den tönenden Flügeln des
Gartenkonzerts dahinhuschten über glühende junge Wangen und sich im
stillen Walde verloren. Alle sind aus.
Es war einmal -- es ist nicht mehr!
Auch das Sommer- und Lebensmärchen des Bilderschnitzers Klemens ist
nicht mehr. Sein Junge ist gestorben und begraben worden. Es war ein
klarer Herbsttag, als sie den kleinen Hermann in die Grube legten; die
Luft war voll Gebet und Liederklang, voll vom Weinen der Weiber und den
scheuen Seufzern der Männer; es sangen auch noch ein paar Vögel, mit
dem Schnabel nach Süden hin, und die roten Blätter wirbelten, und auf
den Kirchturm, von dem die Glocke klang, schwamm von Norden her eine
Wolke zu. Ein Weilchen blieb dies Bild stehen mitten im Herbsttag, und
dann gingen alle nach Hause.
So war des Bilderschnitzers Sommer- und Lebensmärchen zu Ende.
Manchmal lacht Klemens und hält sich für einen Narren. Die ganze Zeit,
als er das Roß mit dem Araber geschnitzt hat, hat er doch gemeint,
daß das Roß lebe und der Araber lebe, und hat meist in Hemdsärmeln
dagesessen, weil ihm die Glut der Wüstenluft allzu arg zusetzte. Wußte
er nicht genau, daß sein Araber gegen Omar ben Alef ansprang, gegen
den Prahler, der geschworen hatte, ihn lebend zu fangen und ihm den
Bart zu scheren, und den er nun in die Hölle schicken würde? War nicht
deshalb der Ansprung des Pferdes so kühn, das Auge des Reiters so
erschrecklich, der Arm so wuchtig gehoben, die Beine im Bügel so zum
Reißen gestrafft, weil eben alles lebendig gewesen war, als Klemens
die Gruppe schuf? Gewiß war es lebendig und ist's auch noch, denn
manchmal noch fährt Klemens dem Reiter in die Haare, weil sie ihm nicht
vom Schweiß der Anstrengung verklebt genug sind, oder er bringt ein
Fältlein im Mantel, das noch zu ordentlich liegt, in flatternden Wurf.
Alles lebt; alles ist wirklich. Aber eines Tages wird ein reicher Mann
kommen, von dessen Gunst der arme Klemens leben muß, und ihm den Araber
abkaufen, um ihn bei sich daheim auf ein langweiliges Wandbrett zu
stellen oder ihn gar seinen verwöhnten Sprößlingen zum Zerbrechen zu
geben.
Dann sind Araber und Roß, Omar ben Alef und Wüstenkampf, Palmenwipfel
und heiße Luft ein Märchen gewesen, und das Märchen ist aus.
Der Pfarrer hat am Grabe des kleinen Hermann ein paar sehr schöne Sätze
gesprochen. Er hat so gesagt:
»Klemens, manche Leute sagen, du seist halt ein Spielzeugmacher oder
Bilderschnitzer wie viele in unserer Bergstadt und anderswo. Aber du
bist ein Künstler; das wissen alle die, die etwas davon verstehen. Da
kommt es wohl öfters vor, daß du an einer Gruppe, die du mit großer
Kunst und viel Mühe und Treue geschaffen hast, mit tiefer Liebe hängst.
Aber eines Tages kommt ein reicher Mann und kauft dir die Gruppe ab,
und du mußt sie ihm hingeben, denn das Leben zwingt dich dazu. Dann
bist du wohl traurig in deinem Herzen, aber du tröstest dich in dem
Gedanken: der reiche Mann wird mein Werk in einen schönen Saal stellen,
wo andere herrliche Kunstwerke stehen, und kluge Menschen werden ihre
Freude an dem Werk haben und ganz im geheimen den Mann segnen, der es
geschaffen hat. Nun siehe, lieber Klemens, das herrlichste Kunstwerk,
das je ein Menschenauge in deiner Werkstatt sah, war dein Sohn. Nicht
nur, daß er von dir abstammte; du hast an nichts so viel Sorge, so
viel Mühe und Verständnis gewandt wie an dies Kind, das leiblich und
seelisch wuchs und wurde zum wunderbaren Kunstwerk. Zehn Jahre lang
hast du an ihm gebildet und alle Freuden des schaffenden Künstlers an
ihm erlebt. Da kam der reiche Mann -- der reichste Mann der Welt und
begehrte den Knaben für sich und sagte: ›Meister Klemens, ich will
deinen Hermann für meinen goldenen Himmelssaal. Dort wird er weilen im
Licht der Ewigkeiten, und Heilige und Weise, Patriarchen und Engel, der
Chor der Jungfrauen und alle Künstler und Könige, die in die Heimat
fanden, werden ihn sehen, werden sich seiner Edelgestalt freuen und
werden den segnen, von dem er stammt. Und ich selbst werde dich lohnen
mit Gütern, die niemand vergeben kann als ich.‹ Die Not des Lebens
zwang dich, lieber Meister Klemens, dem reichen Manne dein Kleinod
zu geben. Aber wenn du auch traurig bist, sieh ohne Verzweiflung dem
entschwundenen Gute nach und tröste dich mit Gedanken von ewiger
Schönheit, die über die schmalen Grenzen dieses Lebens hinausgehen und
denen du folgen kannst!«
Von diesem starken Trostwort lebte der Bilderschnitzer nun seit drei
Monden. Er sprach es sich alle Tage vor, und es tat ihm immer wieder
wohl. Aber die trüben, trüben Tage kamen, da die Menschen verdrossen an
den Fenstern vorbeigingen, der Regen über die Scheiben weinte und der
Efeu frierend in die Stube sah -- die Tage, da alles so furchtbar leer,
die Arbeit so zwecklos, das Leben so ohne alle Gnade und Freude war,
und dann schrie er nach dem Kinde, dann zerraufte er sich das Haar, da
stieß er einmal mit dem Fuße nach seiner schönsten Gruppe, dem heiligen
Hubertus, daß dem Jäger die Armbrust brach und der Hirsch mit dem
weißen Kreuzlein verwundert auf den tobenden Meister sah.
Als Advent kam, wurde es schlimmer mit Klemens. Da nicht Leute genug
in der Bergstadt wohnten, die teure Holzschnitzereien kauften, erwarb
der Meister einen Teil seines Lebensunterhaltes dadurch, daß er vor
Weihnachten künstlerisches Spielzeug schuf. Ein Hanswurst, den er mit
ein paar kräftigen Schnitten aus Tannenholz formte, hatte größeren
Kunstwert als viele Goetheköpfe, die aus Marmor sind und in den
großstädtischen Bazaren stehen. Das war immer die schönste Zeit des
Jahres gewesen, die stillen Novembertage und der verschneite Advent.
Dann war's am heimlichsten gewesen in Bildschnitzers Stube, dann war
der Junge, der Frühling, Sommer und Herbst auf der Straße war oder über
die Stadtmauer kletterte, daheim beim Vater, und er dichtete mit ihm
Kunstwerk um Kunstwerk.
»Vater, mach' ein Schiff mit drei Segeln! Ein Mohr und eine schöne
Engländerin müssen darin sitzen, und auf dem Mast sitzt ein Affe, der
frißt eine Nuß. Der Mohr hat die Engländerin geraubt und der Affe die
Nuß.«
Dann guckte der Bilderschnitzer schief über die Brille auf den
Jungen, in dessen Kopf es so kurios aussah, und fing an, das Schiff zu
schnitzen, den Mohren und den Affen. Der Junge sah zu und war ein so
strenger Regisseur und Kritiker, daß der Alte dachte: »Was wird aus ihm
werden?« -- »Vater, mach' eine kleine Tonne mit einem Schwimm-Männlein
darin, das auf- und abtaucht, und das Schwimm-Männlein muß aussehen
wie der Ratsdiener Mathies, der sich zu Tode trinkt.« -- »Vater, bau'
ein großes Fernrohr, mit dem man in die Erde gucken kann. Man muß die
Bergleute sehen, man muß die Zwergemännchen sehen, wie sie Gold und
Silber aushacken, und man muß den Teufel sehen, wie er brennt.«
Ein solches »Fernrohr in die Erde« hat Klemens gebaut, ein Rohr mit
auswechselbaren Bildern, und viel Geld damit verdient.
Einmal sagte der Kleine: »Du müßtest eine Wunderschachtel bauen können,
in die man hineinspricht, und die Worte müssen darin bleiben, und erst,
wenn man den Deckel aufmacht, kommen sie wieder heraus.«
Das Kind hatte nie etwas von Grammophon und Telephon gehört, und
Meister Klemens zerbrach sich lange den Kopf, ob er es ermöglichen
könne, ein sprechendes Grammophon zu kaufen. Aber es war zu teuer, und
so kam Klemens darauf, sich ein Haustelephon zu bauen. Als der Knabe
einmal einige Tage verreist war, legte er es an. Es führte vom Atelier
des Meisters, das unter dem Dache lag, hinab in die Wohnstube, die zu
ebener Erde war. Unten hauste die Frau. Sie war die zweite Gattin des
Meisters; Hermanns Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Die zweite
war ein stilles Weib, hatte selbst keine Kinder, und wenn sie auch für
den Knaben nie stürmische Zärtlichkeiten hatte, so war sie doch immer
von gleichbleibender Fürsorge für ihn.
Bei der Mutter war Hermann, als ihm das Wunder des Fernsprechers
offenbar wurde. Die Mutter sagte nachmals, sie hätte geglaubt, der
Junge bekäme die Krämpfe. Seine Aufregung und Freude begnügte sich aber
in Zukunft nicht, mit dem Vater durchs Haus zu sprechen, die Leitung
mußte bis ans Ende des Gartens in einen leeren Schuppen verlängert
werden. Nun wollte der Junge stundenlang mit dem Vater sprechen, der
oben im Hause unter dem Dache saß. Der Alte war selbst ein kindischer
Gesell, der solche Dinge liebte, aber mit der Zeit wurde ihm der Spaß
zu zeitraubend, und Hermann bestellte sich Freunde nach dem Schuppen,
die er vom Atelier aus ansprach. Ihm blieb es immer die gleiche Lust,
Worte in die Ferne zu richten. Als er aber einmal einem Kameraden die
ganze Geschichte vom ägyptischen Josef durchs Telephon erzählte und am
Schluß fragte, ob er auch alles verstanden habe, kam keine Antwort.
»Es muß eine Störung in der Leitung sein,« sagte der Vater. Es war
aber keine Störung in der Leitung, sondern dem Zuhörer in dem kalten
Schuppen war die Geschichte zu lang geworden und er war davongelaufen.
»Er ist ein Esel,« sagte Hermann verächtlich; »ich würde eher erfrieren
als von dem Telephon fortgehen.«
Niemals hatte der Junge ein Spielzeug gehabt, das ihn so gefesselt
hätte, wie dieses Telephon. Seine Phantasie spielte den ganzen Tag um
den Kupferdraht, der das unverstandene Wunder enthielt. Sein Vater
erzählte ihm, wie weit andere Leute mit dem Telephon sprechen können --
über Berg und Tal, durch Stadt und Land, ja, übers Meer hinweg. Dann
wurden die dunklen Augen des Knaben rein starr.
»Telephoniert der Kaiser auch?« fragte er atembenommen.
»Freilich telephoniert er!«
»Aber -- aber wenn er einmal seinen Soldaten telephoniert -- so zum
Beispiel -- wenn er ein wenig böse ist: ›Stillgestanden! Linksum
kehrt!‹, und das geht durchs ganze Land, erschrecken da nicht die Leute
in den Städten und die Rehe im Walde, wo der Draht hindurchgeht?«
Der Bilderschnitzer brummte, das sei ihm ganz egal, ob die Rehe
erschräken oder nicht, und der Junge träumte weiter. Lange Pause.
»Aber wir können doch mit unserem Telephon nur bis in den Schuppen
sprechen,« kommt's endlich.
»Wenn der Postmeister drüben über der Straße einen Draht an unser
Telephon macht, können wir sprechen, soweit wir wollen.«
Wieder lange Pause.
»Aber wie ist's mit dem lieben Gott? Wenn er alles kann, muß er doch
auch telephonieren können.«
»Freilich kann er!«
»Auch mit Draht?«
Dem Bilderschnitzer, der gerade einem alten Landsknecht die Nase mit
einer Warze verziert, wird die Fragerei unbequem.
»Ich weiß nicht! Vielleicht knüpft er einen Mondenstrahl an den Draht
an.«
»Einen Mondenstrahl!«
Der Junge träumte; er sieht die Leitung bis in den Himmel.
So war's meist, wenn der Bilderschnitzer mit seinem Buben zusammensaß.
* * * * *
Im letzten Advent saßen sie auch so beisammen. Es war schon Abend, das
Feuer brannte im Ofen, und es war ganz still in der Stube. Auf einmal
geht die Klingel am Telephon.
Die beiden fahren auf und erschrecken sehr.
»Wer kann das sein? Mutter?«
»Mutter ist doch in Bärsdorf und kommt erst mit dem Abendzug zurück.«
»Wer kann es sein?«
Der Bilderschnitzer nimmt den Hörer.
»Holla! Wer ist dort? -- Was? -- Was? -- Ach -- ach -- ich -- oh -- oh
Majestät ...«
Er legt bestürzt den Hörer weg.
»Hermann, der Kaiser will dich sprechen.«
»Was? Wer? Mich? -- der Kaiser? O, Vater!«
»Ja -- ja, er ist am Telephon. Komm schnell, du darfst ihn doch nicht
warten lassen -- denk' doch, der Kaiser ...«
»Ich kann doch nicht -- ich -- ich hab' ja gar nicht den Sonntagsanzug
an.«
»So bitt' halt um Entschuldigung, und nun mach' rasch!«
Der Vater schiebt den Jungen zum Telephon. Der ist feuerrot im Gesicht
und zittert mit der Hand, als er den Hörer ans Ohr legt.
»Hier ist der Kaiser!« sagt eine bärentiefe Stimme, »der richtige
Kaiser in Berlin. Wer ist dort?«
»Hier -- hier« -- meckert ein Stimmchen, »hier ist -- bin ich!«
»Wer ist ›ich‹?« fragt der Brummbaß unwirsch.
»Bildschnitzers Hermann aus der Bergstadt,« piept das Stimmchen.
»So! Na, dich will ich ja eben sprechen.«
»Ich bitte -- bitte -- um Entschuldigung, weil ich nicht den
Sonntagsanzug anhab' -- aber bei uns ist heut erst Donnerstag.«
»So!« lacht der »Kaiser«; »Ihr seid wohl dort ein bißchen zurück? Bei
uns in Berlin ist schon Sonnabend.«
»Bitt' um Entschuldigung!« wiederholt das Büblein.
»Geschenkt! Geschenkt!« erwidert der Kaiser. »Dein Anzug ist ja gar
nicht so schlecht. Bloß der zweite Knopf an der Jacke fehlt und der
Absatz am linken Schuh.«
»Ja, ja,« stottert erschrocken der Junge; »der Müller Eduard hat ihn
mir abgerissen.«
»Den Absatz?«
»Nein, den Knopf!«
»So!« sagt der Kaiser; »nun, das wollte ich zuerst wissen. Und nun was
anderes. Ich habe gehört, du möchtest gern eine Prinzessin heiraten.
Ist das wahr?«
»Bitt' um Entschuldigung; ich hab' bloß Spaß gemacht.«
»Waaas? Bloß Spaß? Erst redste dicke Worte und dann willste kneifen?«
Der Kaiser ist offenbar böse. Da sagt der Bub mutig: »Wenn ich eine
kriege, werd' ich sie schon heiraten.«
»Na, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben,« sagt der Kaiser. »Ich
laß meine Prinzessinnen nicht gern in unnützes Gerede kommen. Also, was
willste für eine -- willste nu eine mit Krone oder eine ohne Krone?«
Der Junge überlegt sich's drei Sekunden lang; dann sagt er:
»Ach, dann bitte eine mit Krone.«
»Hm!« brummt der Kaiser. »Also schön, eine mit Krone! Abgemacht! Grüß
deinen Vater, und zu Weihnachten ist die Hochzeit!«
Klinglingling -- das Gespräch ist aus.
Der Junge steht noch ein Weilchen wie erstarrt, dann springt er dem
Vater an den Hals: »Der Kaiser hat mit mir telephoniert -- der richtige
Kaiser in Berlin -- ich -- ich -- heirat' eine Prinzessin mit einer
Krone!«
»Donnerwetter!« schreit der Bilderschnitzer und haut den hölzernen
Landsknecht auf den Tisch, daß er beide Beine bricht. Fünf Minuten
lang schreien sie beide durcheinander, einer immer aufgeregter als der
andere. Sie fuchteln mit den Händen, sie sind krebsrot, sie reden immer
beide zu gleicher Zeit. Da wird der Junge ein wenig stiller und sagt:
»Er hat's gesehen, daß mir da -- da -- ein Knopf fehlt -- und (er hebt
das Bein) da ein Absatz.«
»Ein scharfes Auge hat der Kaiser!« sagt der Vater bewundernd. »Es ist
eigentlich peinlich!«
»Ach,« sagt der Junge, »es schad't nichts, er war ja ganz gemütlich.«
»Hm!« brummt der Vater. Sie sprechen dann mancherlei. Es ist schon am
Anfang Dezember und bis Weihnachten kaum drei Wochen. Wer weiß, ob
der Stache-Schneider bis dahin noch einen neuen Anzug fertig machen
kann. Und ein neuer Anzug muß sein, wenn man eine Prinzessin heiratet.
Und dann -- wenn die Prinzessin kommt mit ihrer langen Schleppe und
der goldenen Krone und den Hofdamen und Pagen, und drei Automobile
und sieben Pferde wird sie gewiß auch haben -- wie bringt man soviel
unter in fünf Stuben und einem kleinen Gartenschuppen? Und wenn sie
immerfort französisch spricht und den ganzen Tag Champagnerwein trinken
will, der so teuer ist?
Es geht lange hin und her, und schließlich meinen beide, Vater
und Sohn, diese überstürzte Heirat mit der Prinzessin mache viel
Scherereien und allerhand Schwierigkeiten und werde sehr kostspielig
sein. Am besten wäre es, man wäre die Geschichte wieder los. Aber wie?
Es ist immer leichter, eine zu bekommen, als eine wieder loszuwerden.
Und nun gar, wenn es eine Prinzessin ist.
Schließlich sagt der Vater, er wolle einmal in den »Löwen«
hinübergehen; dort sitze jetzt sicher der Herr Kantor, der Hermanns
Pate war, mit dem wolle er den schwierigen Fall besprechen.
Der Herr Pate saß wirklich am Stammtisch und lachte Tränen, weil auch
er gerade der Runde das telephonische Gespräch erzählt hatte. Und als
Meister Klemens nach einer Stunde wieder heimkam, sagte er zu seinem
Sohne:
»Die Sache ist gemacht! Wir telephonieren jetzt den Kaiser an. Ich hab'
mich erkundigt: er hat natürlich Telephonnummer Million. Also du sagst:
er möchte, bitte, entschuldigen, du könntest die Prinzessin nicht
heiraten, denn du seist erst neun Jahre alt, und dein Herr Kantor und
Pate erlaube es nicht!«
Der Junge sträubt sich und will nicht; er sagt, er geniere sich vor dem
Kaiser; aber endlich kommt das Gespräch zustande. Der Kaiser ist auch
gleich aufs erste Klingelzeichen am Apparat.
»Waas?« brüllt er. »Du willst nicht? Der Kantor erlaubt's nicht?
Wer hat mehr zu sagen: der Kaiser oder der Kantor? Ich werde mein
Kriegsheer schicken und den Kantor totschießen lassen.«
»Nein -- nein -- bitte -- bitte -- nicht,« wimmert das Büblein.
»Der Kantor ist wohl dein Lehrer?«
»Ja, ja!«
»Hast du ihn denn so gern -- den Lehrer?«
»Ja -- ja -- ich hab' ihn -- sehr -- sehr lieb! Er ist sehr gut und
lustig.«
Da muß sich offenbar der »Kaiser« an der anderen Seite des Drahtes die
Nase schneuzen. Man hört es deutlich. Und dann sagt er ganz milde:
»Du bist ein guter Junge -- und du kannst bei deinem Vater und deinem
Lehrer bleiben, und zu Weihnachten kommt eine ganze Kiste Soldaten und
Kanonen für dich.«
Klinglingling! Das Gespräch war aus.
* * * * *
Nur ein Jahr war das her. Es war alles wie sonst, das Feuer brannte im
Ofen, die Arbeit lag auf dem Tische, viele Bestellungen kamen Tag um
Tag.
Der Bilderschnitzer aber starrte ins Licht der Lampe.
So ein Kind kann sterben -- kann einem genommen werden! So mitten
heraus aus dem Leben -- gesund und tot. Was war das Leben noch wert?
Was ging ihn Weihnachten an? Was ging es ihn an, daß fremde Kinder sich
an seiner Hände Werk erfreuten?
So ein Kind kann sterben!
Er trat ans Fenster, sah hinauf zum kalten Nachthimmel. Wie waren die
Sterne so nahe! Wenn er von der Stadtmauer bis zum nächsten Ort schaut,
ist der weiter, als diese Sterne sind. Und er kann sein Kind nicht
sprechen, sein Kind nicht sehen?
Warum erfindet Ihr denn alles, warum erfindet Ihr denn nicht, daß man
einmal ein paar Minuten mit einem Toten sprechen kann? O, gäbe das
einen Frieden ...!
Ein rasendes Verlangen nach dem Jungen packt ihn. Das Telephon hängt
noch an der Wand. Einmal hat der Junge auch mit dem Himmel gesprochen
-- mit dem Nikolaus, der dort in der Goldenen Spielzeugstraße Nummero
1000 wohnt. Er hat ihm seine unschuldigen Wünsche gesagt und beigefügt,
Schnitzwerk wolle er nicht haben; denn das könne auch im Himmel niemand
besser machen als sein Vater. Da ist dem »Nikolaus« am anderen Ende des
Drahtes damals die Stimme ausgegangen.
So ein Kind muß sterben!
Weinend reißt der Bilderschnitzer an der Kurbel, und in verzweifeltem
Weh spricht er mit seinem toten Knaben ...
Drunten in der Wohnstube sitzt ein blasses, stilles Weib. Dieses hört
das Klingelzeichen und nimmt den Hörer:
»Hermann, höre mich -- Hermann, ich rufe dich -- ich halt' es nicht
mehr aus ohne dich -- mein lieber Junge -- ich verzweifle ohne dich --
o komm wieder -- o komm wieder, lieber Junge!«
* * * * *
Der Einsame oben erschrickt. Er hat ein leises Weinen vernommen. Dann
-- dann hat er eine Stimme gehört, die schlicht und klar sagt:
»Gott schickt dir ein neues Kind!«
Da stürzt er die Treppen hinab und reißt die Tür zur Wohnstube auf.
Seine Frau hat noch den Hörer in der Hand.
»Ist es wahr?« stammelt er.
»Es ist wahr!« antwortet sie und reicht ihm tröstend die Hand hin.