Es war in meinen jungen Jahren. Alle Ferientage war ich oben in den
Bergen, die ihren gewaltigen Grenzkamm zwischen Preußen und Österreich
hinstrecken an die vierzig Meilen lang. Das ging immer hinüber und
herüber in den dunklen Wäldern und langgestreckten Tälern, immer auf
einsamen, zeigerlosen Wegen, daß man wirklich oft nicht wußte: Bist du
nun noch im Vaterland oder bist du schon im »Ausland«? Denn das Volk
ist hüben wie drüben -- derb, treuherzig, von derselben Tracht und
Sprache und nimmt das Zweimarkstück an Stelle des Guldens diesseits wie
jenseits.
An einem trüben Sommerabend kam ich in die »Grenzhäuser«. Die
Grenzhäuser lagen noch auf preußischer Seite an einem waldigen Abhang,
über dem die Kammlinie aufstieg, an der diesseits das preußische,
jenseits das österreichische Zollhaus stand. Drüben über dem Berge
das erste böhmische Dorf hieß auch Grenzhäuser. Es war natürlich eine
Gemeinde für sich und führte den gleichen Namen nur aus dem einzigen
Grunde, weil es eben schwer ist und verdrießliches Kopfzerbrechen
macht, immer neue Ortsnamen zu erfinden. In den preußischen
Grenzhäusern bestand seit alter Zeit ein Gasthaus, das auf den Namen
»Der rote Hahn« getauft war; als viel später in den österreichischen
Grenzhäusern auch ein Wirtshaus entstand, nannte es sein Besitzer »Der
blaue Hahn«, weil er ein wenig neuerungssüchtig veranlagt war.
Im »Roten Hahn« kehrte ich an jenem Sommerabend ein. Ich war sehr
durstig und verlangte ein Glas Bier. Der biedere Wirt betrachtete
mich und meine grüne Jugend, schüttelte den Kopf und sagte: »Trink du
lieber a Glas Puttermilch, mei Jüngla; Bier ies fer dich zu stork.« Ich
ärgerte mich sehr über diese Ansprache; denn ich hielt mich bereits für
einen jungen Herrn, aber ich bekam nichts anderes als Buttermilch. Eine
Weile darauf kam der Wirt wieder an mich heran und forderte mich auf,
eine rotscheckige Kuh suchen zu helfen, die sich in den Wäldern verirrt
habe. Innerlich war ich empört und sagte mir, es sei eine Frechheit,
einen zahlenden Touristen also zu behandeln; denn was ginge mich die
rote Kuh des Wirts an; äußerlich machte ich aber nur eine abgespannte
Miene und sagte: Ach, ich sei so weit gegangen an diesem Tag und sehr
müde. Da faßte mich der herkulische Mann an der Schulter: »Na marsch,
marsch, tu ni erscht so stupide und zimperlich!« und schob mich zur
Tür hinaus. Es nutzte nichts, ich mußte dem barfüßigen Hüterjungen und
einer Magd die verlorene rote Kuh suchen helfen. Ich tat es mit tiefem
Ingrimm und beklagte es, in eine so barbarische Gegend geraten zu sein.
Aber wir hatten Glück. Als wir gerade auf die Suche gingen, und zwar
nach einem wohlerwogenen Kriegsplan, der Hüterjunge nach Norden, die
Magd nach Süden und ich nach Westen, kam die Kuh von der Ostseite her
angetrabt und meldete sich mit einem donnernden Gebrüll zur Stelle.
»Na siehste,« sagte der Wirt belehrend zu mir, »wenn man nur die Arbeit
nich scheut, bringt se immer ihren Segen.«
Zum Abendbrot bekam ich ein neues Glas Buttermilch, einen Berg von
Bratkartoffeln, Butter, Brot, Wurst und Käse vorgesetzt.
Das fand ich nun recht anständig, aber ich dachte an die Kostenrechnung
und sagte, so viel könne ich nicht essen. Da nahm mich der Wirt unter
die Arme, hob mich ein paarmal in die Höhe und sagte verächtlich:
»Neunzig Pfund hechstens wiegt die Borste. Wie alt bist du denn nu
schon?«
»Achtzehn Jahre,« sagte ich. »Ich besuche das Breslauer Seminar und bin
schon im zweiten Kursus.« Ich dachte, das würde dem Mann imponieren,
aber es war leider nicht der Fall.
»Miserabel siehste aus,« sagte er; »wahrscheinlich haste de
Schwindsucht.«
Ich sagte dem Gemütsmenschen beklommen, daß ich zwar ein wenig mager,
aber ganz gesund sei. Das glaubte er aber nicht, sondern meinte:
»Das is ja eben das Gutte bei sulchen Leuten, daß se selber nich
wissen, wie's um se steht. Meine Schwägerin, die hat's nich geglobt,
daß se de Schwindsucht hätte, bis se tot war. Die sah grade su aus.«
Mir wurde plötzlich ganz übel, und ich ließ mutlos den Löffel sinken.
»Ich hab' keinen Appetit mehr,« sagte ich leise.
»Das is bluß wegen deinem verknuchten Gelabere,« fuhr nun die rundliche
Wirtin ihren Mann an; »su einem jungen Blutte su an elendiglichen
Quatsch vorreden, das is ja a reenes Verbrechen! Junger Herr, hör'n Se
bloß nich uff den alen Esel, der weeß nich, was a labert.«
»Nanu,« sagte der Wirt betroffen, steckte die Hände in die Hosentaschen
und sah immer verwundert zwischen mir und seinem Weibe hin und her.
»Was -- was hab' ich denn etwa verbrochen?«
Die Wirtin stand kirschrot vor ihm.
»Wenn eener wirklich -- nee, nee, du bist ja zu a tummes Luder!«
Sie faßte ihn am Arme und zog ihn hinaus. Ich blieb trübselig hinter
dem reichbeladenen Abendbrottisch sitzen. Nach etwa zehn Minuten kam
der Wirt wieder herein. Er kratzte sich hinter den Ohren, machte eine
sehr verlegene Miene und sagte kopfschüttelnd:
»Meine Ale is zu komisch. Do denkt se nu, Sie könnten denken, ich
hätt's ernste gemeent. Nu, du müßt ich ju -- do müßt' ich ju wirklich
a aler Labersack erster Klasse sein, wenn ich ei'm Menschen wie Sie
sulches Zeug vorredte. 's war doch bluß Spoß. Denn Sie sein ju wie
Milch und Blutt -- und Gewichte haben Sie -- schwer leck -- ich hab' Se
kaum erheben können -- und Muskeln ha'n Se und zu a Suldaten werden Se
komm', a storker Kerl sein Se!«
»Du laberst ja schun wieder,« kam die Wirtin zur Tür hereingefahren;
»denn das globt a doch jitzt nich. Do merkt a doch, wie der Hase
leeft.«
»Ich sag' überhaupt nischt meh,« sagte der Wirt und setzte sich
beleidigt in einen Winkel.
»Das is ooch viel besser,« entgegnete ihm die Gattin. »Und Sie, junger
Herr, machen Se sich nischt draus. Essen Se immer recht tüchtig und
sein Se viel ei freier Luft, do kriegen Se im Läben keene
Schwindsucht.«
»Ganz dasselbe, was ich von Anfang an gesat ha,« brummte der Mann im
Winkel.
Dann wurde es still.
Nach einer Weile fragte mich die Wirtin, ob ich noch ein Glas
Buttermilch wünschte. Ich dankte. Der Wirt fuhr höhnisch lachend empor.
»Puttermilch! Nischt wie Puttermilch! Davo kriegt eener freilich keene
Schwindsucht. Aber die Cholera kriegt a! -- Das is doch kee Junge meh,
das is doch a Herr. Eener, der schon im zweeten Seminar is. Fer den
paßt keene Puttermilch, fer den paßt a Seidel Bier!«
Er brachte zwei Gläser Bier und lud mich ein, mit ihm auf der Bank vor
der Haustür Platz zu nehmen.
Das war der Anfang meiner Freundschaft mit dem Roten Hahnenwirt
Heinrich Hollmann, einer Freundschaft, die noch heut besteht.
* * * * *
Der Abend war still und trüb. Es war, als hätten alle Bäume in
schlaffer Trägheit die Köpfe geneigt. Der Nebel stieg langsam und
müd vom Tale auf, über dem Kammweg lag ein fahler Schein, gelb wie
Laternenlicht. Am Waldrand huschte eine Eule, sonst regte sich nichts.
»Das wird eine gute dunkle Nacht,« sagte der Hahnenwirt. Dann fing er
an, mir Schmugglergeschichten zu erzählen, eigentlich die einzige Art
von Geschichten, die er in den Grenzhäusern erleben konnte.
»Die die Schmuggler für schlechte Leute halten,« sagte mein neuer
Freund, »sein alles tumme Kerle. Die wissen eben nich, wie's hier
zugeht. Das bissel kleener Grenzverkehr rüber und nüber macht keen
Staat arm oder reich. Da lohnt sich der ganze Sums mit den Grenzjägern
nich. 's is olles Quatsch.«
»Aber es wird doch manchmal einer erschossen,« wandte ich ein.
»Erschussen? Ja, Schmuggler -- Grenzjäger nich! Da könn' Se lange
suchen, eh Se een erschuss'nen Grenzjäger finden. Nu ja, 's is mal a
schlechter Kerl drunter, wie 's halt ieberoll schlechte Kerle gibt;
aber sunst sein de Schmuggler ehrenwerte Leute. Orme Teifel sein's, die
sich amal a paar Pfennige schwer genug verdien'. Wovon soll'n se denn
leben hier in diesen Bergen?«
»Sie sind wohl auch ein Schmuggler?« frage ich harmlos.
Aber da fuhr er auf.
»Jüngla,« sagte er, »nimm dich in acht, sunst hau ich dir eene runter.
Beleidigen loß ich mich nich!«
Ich erschrak über diesen Entrüstungsausbruch und stammelte eine
Entschuldigung, setzte auch beschwichtigend hinzu, daß ich selbst schon
Kleinigkeiten für den eigenen Bedarf geschmuggelt hätte.
Da knurrte er:
»Wer hier in der Gegend nich schmuggelt, is blödsinnig!«
Später, viel später war einmal der Deutsche Kaiser im
schlesisch-böhmischen Grenzgebirge. Es wurde ihm ein Glas böhmischen
Weines vorgesetzt. Er trank ihn und sagte: »Na prosit -- geschmuggelt
ist er ja sicher!« Und lachte.
An jenem Abend aber griff ich in die Tasche, zog einen Papierbeutel
heraus und bot meinem Gastfreund eine Zigarre an. Der sah mich
betroffen an.
»Der Junge roocht,« sagte er, »und hat doch de ...«
»Ich hab' nicht die Schwindsucht,« unterbrach ich ihn. »Nehmen Sie
nur.«
»Österreicher,« sagte er anerkennend, als er die Marke prüfte, »seht
amal die Borste an! Na, wenn sich das bluß mit dem Biere und der
vielen Puttermilch verträgt.«
Dann rauchten wir und schwiegen. Ein Mann stieg vom Kammweg herunter,
den ich nach einiger Zeit als einen Grenzjäger erkannte.
»Da kommt ein Grenzer.«
»Ja,« meinte Hollmann, »eener, der noch Durst hat. Es is Wenzel
Hollmann von der andern Seite.«
»Ist er verwandt mit Ihnen?«
»Weil er Hollmann heeßt? Ach, keene Spur. Hier heeßen drei Viertel von
allen Leuten Hollmann oder Liebich. Wu sull'n ooch immer die neuen
Namen herkummen!«
Wenzel Hollmann, ein geschmeidiger Mann in knapper österreichischer
Uniform, setzte sich zu uns und trank drei oder vier Gläschen
Wünschelburger Kornbranntwein. Seine Dienstkappe legte er neben sich
auf die Bank. Es stak ein winziges Sträußchen daran.
»Immer hat a a Puckettel[1] an der Mütze,« sagte der Hahnenwirt; »'s is
halt a schneidiger Kerl.«
»Na, du weißt doch, daß mir das immer die Kinder vom Blauen Hahnen
dranmachen. Und du putzest mich ja selber oft aus,« entgegnete der
Grenzer.
Der Rote Hahnenwirt lachte aus vollem Halse.
»Ja, denkst du, der Rote steht gegen den Blauen zurücke? Putzt der
Blaue seine Kunden, putzt der Rote erst recht seine Kunden.«
Er entfernte das Sträußchen, das aus drei Stengelchen Rosmarin
und einem gelben Hahnenfuß bestand, brach vom Gartenzaun zwei
Heckenröslein, pflückte vom Beet eine rote Nelke und befestigte sie an
der Kappe des Grenzers.
»Der Rote Hahn läßt sich von der Konkurrenz nischt vormachen,«
sagte er.
Der Grenzer lächelte ein wenig geschmeichelt und ging bald darauf
davon.
Der Hahnenwirt lachte leise hinter ihm her. Dann sagte er:
»Na, Jüngla -- junger Herr -- ich sollt's ja eegentlich nich
verraten, aber Se werden ja nischt ausmähren -- Se haben ja selbst
schon geschmuggelt -- na, und da soll'n Se gleich amal a rechtes
Schmugglerstückel zu sehn kriegen. Wissen Se, was das bedeutet?«
Er nahm die Rosmarinstengel und den Hahnenfuß auf, die der Grenzer
dagelassen hatte.
»Also passen Sie auf. Das, was ich hier in der Hand hab', is 'ne
Geschäftsbestellung. Und zwar eene vom Blauen Hahnenwirt drüben. Der
Hahnenfuß bedeutet a Faß Butter, und die Rosmarinstengel bedeuten drei
Pfund Schokolade. Die soll ich nu nach drüben liefern.«
»Und das bringt der Grenzer?« rief ich überrascht.
»Jawull, der Grenzer! Der is der zuverlässigste Bote. Der tumme
Kerl hat natürlich keene Ahnung, daß a unsern Briefträger macht.
Ich hab', wie Se gesehn haben, gleich meine Gegenbestellung beim
Blauen Hahn gemacht: eine rote Nelke, das is a Fässel Roter, und zwee
Heckenröslein, die bedeuten zwee Flaschen gezehrten Oberungar. Das
trägt a nu wieder rüber; denn a pendelt immer zwischen uns beeden hin
und her.«
»Das ist großartig ausgedacht!« rief ich begeistert.
»Ja, Kupp muß ma haben,« sagte der Hahnenwirt stolz. »Wir haben
'ne ganze Liste ausgearbeit'. Klee z. B. bedeutet Slibowitz,
Jelängerjelieber bedeutet Virginiazigarren, Fette Henne
versinnbildlicht 'ne Tonne ungarisches Schweineschmalz, Flachs is
natürlich Leinwand, Männertreu sind Hosenträger, Rosen Stoff für seidne
Blusen und 'ne kleine Distel is 'n Sack Salz. Eine volle Getreideähre
heißt: Ich bitte um die Rechnung; eine leere Ähre aber bedeutet: Wart
noch a bissel, hab' jetzt gerade keen Geld.«
»Es ist genial,« flüsterte ich voll Bewunderung.
»Ja, junger Herr,« sagte der Hahnenwirt, »wenn Se immer hier wären,
könnten Se noch a ganz gescheiter Kerle werden ...«
»Der Wenzel Hollmann scheint mir grade kein sehr tüchtiger Grenzjäger
zu sein,« wandte ich nach einer Weile ein.
»Der -- nicht tüchtig? Oho! Ein Satan is a. Unsere Preußen sind viel
langsamer, se haben zu dicke Bierbäuche, aber der dürre Windhund von
Österreicher, der geht Tag und Nacht rum und hat beinah schon die ganze
Gegend erwischt.«
»Hat er Sie auch schon einmal erwischt?« fragte ich.
»Mich? Ich bin keen Schmuggler,« brauste er wieder auf; doch dann
setzte er hinzu: »Unsere Leute, ich meine die, die so die Ware zwischen
mir und meinem Blauen Kollegen drüben hin- und herschaffen, die hat a
freilich schon ziemlich ofte erwischt -- der Lump der!«
Er schnob vor Ingrimm.
»Dreimal mehr Strafe haben wir schon blechen müssen, als der ganze
Handel einbringt. Aber Geschäft is Geschäft. Blödsinnig müßt' ma
sein, wenn ma nich schwärzte. Und geleimt wird a doch! Das haben
Sie ja gesehen, wie a geleimt wird. So a Spaß schwemmt ollen Ärger
weg. Der größte Hauptkerl aber, den a noch nie erwischt hat, das
is der Wassermüller Liebich unten in a Talhäusern. Das is so a
Mordsteufelskerl, der würd' nicht erwischt, und wenn der deutsche und
der österreichische Kaiser selber uf die Grenzwache zögen.« Nach diesem
starken rednerischen Trumpf rieb sich Heinrich Hollmann vergnügt die
Hände.
»Das Dollste is,« fuhr er fort und er lachte mit so tiefem Vergnügen,
daß man merkte, wie die Freude aus dem untersten Herzen kam; »das
Dollste is, daß der Liebich dem Wenzel Hollmann die eegne Liebste
weggeschmuggelt hat. Das verwindet der Windhund sein Lebtag nich.«
»Möchten Sie mir das erzählen?«
Er schielte mich von der Seite her an.
»Für Liebesgeschichten biste noch a bissel zu grün,« sagte er. Aber er
erzählte, und erzählte zum Teil hochdeutsch.
»Also -- da war a Mädel drüben -- Franziska -- 's hübscheste Mädel
im ganzen Gebirge. Alle war'n in se verschossen -- alle -- alle ohne
Ausnahme, hüben wie drüben. Am dollsten aber waren der Grenzjäger
Wenzel und der Wassermüller Liebich in die Franziska verliebt. Also,
die beiden waren schon total verrückt um die Köppe. Je mehr se nu
aber auf das Mädel spannten, desto mehr hatten se natürlich uff
einander 'ne grenzenlose Wut. Wenn se sich bloß sahen, wurden sie
grün im Gesichte. Am schlimmsten war's natürlich uff 'm Tanzboden.
Da wundert man sich noch heute, daß da nich amal a Unglück geschehen
is. Se überboten sich, wo se konnten. Hatte der Wenzel 'ne neue
Extrauniform, kaufte sich der Liebich 'n neuen schwarzen Anzug, 'n
Patent-Gummikragen und bunte Manschetten; wie sich der Wenzel in
eener Auktion 'n Zwicker gekauft hatte, durch den a zwar nich sehen
konnte, in dem a aber sehr studiert aussah, schaffte sich der Liebich
'ne Meerschaumspitze an, obwohl ihm jedesmal schlecht wurde, wenn
a roochte. Der Wenzel machte Schulden über Schulden und koofte der
Franziska in eenem Jahre alleine sieben Granatbroschen; der Liebich
schenkte ihr 'n goldnen Fingerring mit ei'm Garantieschein, daß er
binnen drei Jahren nich schwarz würde. Und so ging's weiter, es waren
eben, wie gesagt, ganz verrückte Kavaliere. Da versuchte es der Wenzel
mit was anderem. A schmiß sich so heftig uff seine Berufsarbeit,
daß a binnen kurzem neun Schmuggler erwischte und 'ne schriftliche
Belobigung kriegte. Damit hob a sich nu bei der Franziska ein; denn
das is wahr: nischt gefällt ei'm Mädel an ei'm Kerl besser, als wenn a
Schneid hat. Das is, weil die Weiber selber su feiges Gelichter sind.
Also, der Liebich fängt schon an, mitsamt seiner Meerschaumspitze
sachte hinten runterzurutschen -- da wird a plötzlich a Schmuggler.
A bringt der Franziska allerhand feine Geschenke, mal 'ne kleine
Tonne grüne Heringe, mal 'n Viertelzentner Viehsalz, und a sagt immer
dazu, daß a am liebsten in Wenzels Amtsstunden schmuggelte, weil das
der dämlichste Grenzjäger von ganz Österreich wäre. Der Wenzel wurde
halb verrückt vor Wut. A schlief nich mehr, a lag Tag und Nacht uff
der Lauer, a saß amal von Mitternacht bis Morgens uff eenem Baume in
strömendem Regen, und wie's endlich Tag wurde, hatte ihm der Liebich,
ohne daß er was gemerkt hätte, 'ne Flasche Pain-Expeller unter den
Baum gestellt, weil Pain-Expeller gutt is gegen Rheumatismus. Das ganze
Gebirge lachte, und wie der Wenzel mit seinem Belobigungsbriefe und
eener seidnen Schürze das nächste Mal zur Franziska kam, merkte er, daß
es Essig war. Sie hatte sich für a preißischen Liebich entschieden.
Aber ihre Mutter war für a östreichischen Wenzel. Und da setzte es der
Wenzel durch, daß a, wie ich amal 'ne Entenkirmes mit Ball machte,
mit der Franziska über die Grenze rüberkommen konnte. A hatte sich
für schweres Geld 'n geschlossenen Glaswagen gemietet. Weil sich's nu
aber nich schickte, daß a bei dem Mädel im Wagen saß, setzt a sich
manierlich neben a Kutscher, und im Wagen saß die böhmische Jungfer.
Wie se ans deutsche Zollhaus kamen, war's schon dunkel; denn es war im
späten November. Der Wenzel stieg ab und sagte der Jungfer im Wagen,
er hätte vier österreichische Zigarren zu verzollen. Damit wollt' a
zeigen, was für a gewissenhafter Mensch er wär', und sich bei der
Franziska einheben. Wie er aus 'm Zollhaus wieder rauskommt, setzt'
a sich gleich wieder auf 'n Bock, und die Fahrt ging weiter. Herr,
du meine Güte, wie se hier im ›Roten Hahn‹ ankamen, saß in dem Wagen
'ne Strohpuppe, und die Franziska war verschwunden. Die tanzte drüben
mit 'm Liebich bei der österreichischen Konkurrenz. Der Kutscher, der
mit 'm Liebich im Komplott gewesen war, kriegte zwar vom Wenzel a
paar gesalzene Ohrfeigen, aber -- mit der Franziska war's aus. Sechs
Wochen drauf heirat' se a Liebich. Kurz vorher hatte se von den sieben
Granatbroschen zweie an a Wenzel zurückgeschickt. Su sein die Weiber!«
Der Rote Hahnenwirt machte eine Pause in seiner Erzählung, zündete sich
die Zigarre neu an und lachte leise und philosophisch vor sich hin.
»Su sein die Weiber!« wiederholte er. »Mir is es ooch erst mit der
Fünften geglückt. Und fünf is für mich 'ne Unglückszahl.«
Er ließ wehmütig den Kopf hängen; aber bald lachte er wieder und
erzählte weiter.
»Der Liebich trieb's nu ganz toll. Kurz vor seiner Hochzeit erzählte
er in Wenzels Gegenwart im Gasthause, seine Schwiegermutter müsse
doch jetzt Kuchen backen, und da wolle er ihr ein Faß Butter aus dem
Preußischen hinüberschaffen. Das war nu der Gipfel der Frechheit.
Wenzel, der Grenzjäger, der sowieso mit verglasten Augen und hohlen
Backen rumlief, lauerte von nun an Tag und Nacht. Zwar mit der
Franziska war er fertig; aber den Kerl -- den Lump -- den Teufel --
reinzulegen, das wär' für ihn das Allerhöchste gewesen. Und richtig
-- a erwischt ihn. In der Silvesternacht -- 's war 'n Hundewetter --
erwischt der Wenzel a Liebich uff eenem entlegenen Seitenwege mit ei'm
Faß Butter. Aus einem Graben, direkt aus der Schneejauche heraus,
springt er ihn an.
»Wo is der Zollschein?« schreit er.
Liebich, der sonst ein starker Kerl is, is so erschrocken, daß a lallt
und stammelt wie a Kind.
»Ich hab' -- ich hab' -- die Putter -- die Putter -- verzollt ...«
Er sucht in allen Taschen.
»Wo ist der Zollschein?«
Liebich dreht alle Taschen um, immer wieder, immer wieder -- er sucht
wie verrückt nach 'm Scheine.
»Ich -- ich hab'n verloren ...«
Wenzel lacht hämisch.
»Wenzel, mach' mich nich unglücklich.«
Liebich sinkt geknickt auf seine Karre. »Hab' Erbarmen, Wenzel, laß
mich laufen ...«
»Marsch, nach dem Zollamt!«
»Hab' Erbarmen, Wenzel ...«
»Nichts da! Vorwärts marsch, oder ...«
»Wenzel, denk' an de Franziska -- mach se nich unglücklich wegen den
paar Pfund Putter ...«
»Vorwärts! Die Karre aufnehmen und -- marsch vor mir her. Bei
Fluchtversuch kriegst 'ne blaue Bohne zwischen die Rippen!«
»Erbarm dich, Wenzel -- erbarm dich über mich und de Franziska ...«
Der Grenzer hebt das Gewehr. Da nimmt der Liebich die Karre auf.
Aber er läßt sie wieder fallen. Es wird ihm schlecht -- er muß sich
hinsetzen -- alle Glieder zittern ihm -- es würgt ihn ...
»Ich glaub' -- mich hat -- der Schlag gerührt -- mir is so schlecht!«
Liebich is kaum imstande, sich wieder aufzurichten. Den schweren
Schubkarren zu stoßen, is ihm ganz unmöglich. Er faßt immer nach 'm
Herzen. So muß der Grenzer schließlich selber zugreifen. Er schiebt
den Karren, und Liebich muß drei Schritt vor ihm her gehen. Wollte er
ausreißen, wär's sein Tod. So geht's den steilen Berg hinauf. Der Weg
is glitschig; das Wetter is schauderhaft -- Wind und Regen schlagen
den beiden ins Gesicht. Der Grenzer schwitzt und kann's kaum noch
ermachen. Aber er muß den Karren schieben; denn der Liebich is ganz
hin. Taumelig geht er vor ihm her. Immer wieder mal sagt er:
»Wenzel, ich bitt' dir alles ab, was ich dir angetan hab' -- aber laß
mich laufen -- tu's uns nich an!«
Der andere hört nicht darauf.
Und nu kommt's.
Wie sie den Berg rauf sind, bis zur Chaussee und nich mehr weit zum
Zollhause haben, greift der Liebich uff eenmal in de Westentasche und
sagt ganz gemütlich: »Na, da hab' ich ihn ja!«
Und a bringt einen richtigen Zollschein raus. A hatte die Putter
richtig verzollt. Der Grenzer, der kaum noch schnaufen kann, steht wie
versteinert vor ihm, und Liebich lacht und sagt:
»Ich dank' dir ooch, Wenzel, daß du mir die schwere Karre auf 'n Berg
geschoben hast. Bist halt doch ein gutter Kerl, Wenzel! Von der Putter
back' wir nu Hochzeitskuchen. Sollst 'n Stickel davon kriegen.«
Der andere is nu nahe am Ersticken gewest, aber der Liebich hat
gemeint:
»Ich hab' dir's doch von vornherein gesagt, daß ich die Putter verzollt
hatte. Und wenn ~ich~ dir was sag', kannste es doch glauben.«
Hat die Achseln gezuckt, is plötzlich wieder ganz bei Kräften gewest
und hat seinen Karren auf der Chaussee gemütlich weitergefahren. Und
der Wenzel hat sich an einen Baum anhalten müssen und hat laut geheult
vor Wut und Scham, wie ihn der andere geäfft hat. A hat mir amal
erzählt, a hätt' ihn totschießen wollen, aber der liebe Gott hätte ihn
vor der Sünde bewahrt. Aber er hat 'n tödlichen Haß uff a Liebich, und
das nehm' ich ihm ooch nich übel.«
Soweit ging die Erzählung des Roten Hahnenwirtes.
* * * * *
Es war unterdes dunkel geworden, und wir gingen schlafen. Von meiner
Giebelstube aus sah ich noch ein wenig hinaus auf die dunklen
Waldberge. Wer weiß, wo der Wenzel jetzt lag mit der Flinte im Arm und
auf das menschliche Wild lauerte, das sich scheu und verstohlen durch
die schwarzen Waldgänge schlich und auf jeden Laut lauschte, auf jedes
Zeichen Obacht gab, das ein nahes Verderben anzeigen konnte. Und wie
ich noch so hinaussah, passierte ein Schmugglerstück dicht vor meinen
Augen.
Ein Mann mit einem Schubkarren tauchte aus dem Dunkel auf. Er klopfte
leise an einen Fensterladen. Der Hahnenwirt kam aus dem Hause, spähte
erst nach allen Seiten, verhandelte mit dem Mann im Flüsterton und
belud dann seinen Karren mit einem Faß und einem kleinen Paket.
Der Hahnenfuß und die drei Stengel Rosmarin!
Das ging nun hinüber über die Grenze nach dem »Blauen Hahn«. Ich war
so aufgeregt, daß ich noch nicht schlief, als die Wirtsstubenuhr unten
die elfte Stunde klirrte. Nicht lange darauf klopfte es unten an die
Tür. Ich fuhr rasch in die Kleider; denn wo hätte ich junger Bursch ein
Geschehnis in dem alten Schmugglerhaus verpassen wollen. Ich schlich
die Treppe hinab und duckte mich in einen Winkel. Hollmann kam mit
einer Laterne angeschlürft und fragte, wer draußen sei.
»Liebich -- der Wassermüller Liebich!« antwortete eine tiefe Stimme.
Mir pochte das Herz. Der Müller Liebich, der war ja der berühmte
Schmuggler, der Gegner Wenzels, des Grenzers. Da öffnete der Wirt die
Tür. Ein kräftiger Mann stand draußen.
»Nanu, Liebich, willst du was über die Grenze schaffen?«
»Ja,« sagte der andere, und seine Stimme war ganz heiser. »Meine --
meine Frau will ich rüberschaffen.«
»Deine -- Frau?«
Liebich lehnte sich an den Türpfosten.
»Sie is gestorben,« sagte er tonlos. »Die Leiche will ich
rüberschaffen. Da liegt sie.«
Er wies auf ein Wägelchen, das draußen im Dunkel stand.
»Liebich,« rief der Hahnenwirt, »du redst wohl irre? Du wirst doch mit
sowas keen Allotria treiben!«
»Komm raus,« sagte der andere. Der Hahnenwirt ging hinaus, und ich
folgte, ohne daß mich jemand bemerkte. Liebich hob eine Decke von
dem Wägelchen auf. Darunter stand ein Sarg. Tiefinnerlicher Schmerz
schüttelte den Mann so, und er weinte so stoßweise, so bitterlich, daß
der ganze furchtbare Ernst klar war.
»Wann -- wann is se denn ...«
»Vorgestern. Wir haben das erste Kind gekriegt. Nach sechs Jahren. Das
Kind lebt -- die Franziska is tot.«
»Und nu willst du sie rüberschaffen? Nach Hause?«
»Ja, sie wollte drüben begraben werden.«
»Und warum bringst du sie denn in der Nacht?«
»'s macht sonst zu viel Schererei, wenn man eine Leiche über die Grenze
haben will. Is se aber erst amal drüben, wird se ooch drüben begraben.«
Liebich wollte die Leiche seiner Frau über die Grenze schmuggeln. Er
konnte wohl gar nicht anders; sein ganzes Denken war so eingerichtet,
daß ihm ein Verhandeln mit Grenzbehörden ganz ausgeschlossen schien.
Müde setzte er sich auf die Bank, auf der ich vorhin mit Hollmann
gesessen hatte.
»Ich wollt's alleine schaffen,« sagte er, »aber ich kann nich. Die
Kräfte verlassen mich.«
Was er dem Feinde gegenüber früher einmal geheuchelt hatte, war jetzt
bitterster Ernst geworden.
»Du mußt mir helfen, Hollmann; ich ermach's nich alleine.«
Der Gastwirt erholte sich von seiner Bestürzung; dann versprach er, dem
Freunde zu helfen. Jetzt erblickte er auch mich und schnob mich wohl
erst zornig an; aber nach einigem Hin und Her erlaubte er mir sogar,
mich dem kleinen traurigen Zug anzuschließen.
Die Leiche einer jungen Frau und Mutter auf einem kleinen wackeligen
Wägelchen, vorn an der Deichsel der leise schluchzende Mann, hinten,
den Karren schiebend, Hollmann und ich, so ging es langsam den Bergweg
hinauf. Ein müder Nachtwind surrte durch die Bäume, ein feiner Regen
rieselte vom Himmel. Was war das für eine traurige Fahrt! Und doch
pochte mir das Herz in ungewohnten Schauern, und die Wangen brannten
mir viel mehr von der Aufregung als von der Anstrengung.
Bei einer Wegbiegung blieben die Männer halten und lugten nach der
Höhe. Ein Licht brannte dort oben, wohl in dem Häuslein irgend eines
Webers oder kleinen Bauern.
»Die Straße ist sicher!« sagte Hollmann; denn das Licht war ein Signal
für die Schmuggler, daß kein Grenzer auf dem Wege war, es war wie ein
Leuchtturm für die Gefährdeten unten im dunklen Waldmeer.
Liebich legte sich mit dem ganzen Oberkörper auf den Sarg und fing
wieder an zu weinen. Er preßte den Kopf an das harte Holz, das sein
Liebstes umschloß, er küßte den Sarg, er umklammerte ihn mit den Armen.
Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir wieder weiterfuhren. Den
Zollhäusern wichen wir auf einem Nebenwege aus. Als wir aber jenseits
der böhmischen Station waren, erlosch plötzlich das Licht am Berge.
Die Männer blieben stehen und lauschten.
Wir waren in Gefahr.
»Vorsicht!«
Wir hielten an. Liebich schnaufte tief und grimmig auf. »Nich amal die
Toten lassen se ihres Weges ziehen!«
Dann legte er den Finger an die Lippen. Das Wägelchen mit dem Sarge
stand ganz am Rande der Straße. Liebich drückte sich an einen Baum, und
Hollmann zog mich leise hinter den Sarg. Dort kauerten wir uns nieder.
Minuten vergingen. Sacht und fein rieselte der Regen. Die Berglehne
stieg schwarz gegen den Nachthimmel empor. Mich fror. Da huschte
Liebich unhörbar die Straße entlang auf eine Brücke zu. Ich sah, wie er
darunter verschwand.
»Was macht er?« fragte ich kaum hörbar.
»Ruhig!« brummte der Gastwirt ziemlich laut. »A sucht die Brücke und a
Graben ab. Da stecken se meist -- und nu nich immerfort reden, sonst
...«
»Halt!«
Wie aus der Erde herausgeschossen, stand ein Mann vor uns. Wenzel
Hollmann -- der Grenzjäger war es. Er hatte die Flinte unter dem Arm.
»Halt! -- Wer seid Ihr?«
Er trat näher.
»Der Hahnenwirt,« sagte er betroffen. »Was machen Sie hier? Was ist das
für ein Sarg?«
Der Wirt war fürchterlich erschrocken, aber er wollte sich's nicht
merken lassen und sagte in schwerem Mißmut:
»Wenzel, Sie kennen mich! Sie wissen, daß ich der ehrlichste Mann im
ganzen Gebirge bin, der noch nie daran gedacht hat, das Allergeringste
zu schmuggeln. Also, lassen Se mich in Ruhe und gehen Se Ihres Weges.«
»Was ist das für ein Sarg?« wiederholte der Grenzjäger statt aller
Antwort seine Frage. Er trat heran und wollte die Decke, die nur das
Kopfende des Sarges freiließ, entfernen.
Da kam ein gurgelnder Laut von der Brücke her.
»Laß den Sarg stehen! Geh weg vom Sarg, du verfluchter Spürhund!«
Liebich raste heran.
»Ich schlag' dich tot, wenn du den Sarg anrührst!«
»Was ist in dem Sarge?« fragte der Grenzer mit eiskalter Stimme.
»Das geht dich nichts an!«
»Was ist in dem Sarge?«
Der Grenzer hob die Flinte. Da mengte sich der Gastwirt ein.
»Schieß' nicht, Wenzel -- Liebichs Frau liegt in dem Sarg -- die
Franziska ...«
Der Grenzer ließ die Flinte sinken.
»Die Franziska?« fragte er betroffen. »Ist sie gestorben?«
»Es geht dich nichts an,« brummte Liebich.
Da fing der Grenzjäger jäh an zu lachen.
»Oho, Brüderlein, es geht mich wohl was an! Es geht mich sehr viel an.
Ein neuer Sarg ist auch steuerpflichtig und außerdem -- deine Frau
liegt ~nicht~ in dem Sarg!«
»Nicht in dem Sarg?« wiederholte der Hahnenwirt verwundert. Auch ich
machte große Augen.
»Es ist einer von den ekelhaftesten Schmugglertricks,« fuhr der Grenzer
fort, »einen Sarg zu benutzen, um Waren zu schwärzen. Da hat man keinen
Respekt vor Leben und Tod, keinen Respekt vor dem Kreuze, das auf dem
Sarg ist. Gotteslästerlich ist das -- pfui, Hollmann, Ihnen hätte ich
das nicht zugetraut. Alle drei sind meine Arrestanten!«
Mir wurde übel. Als Zögling einer Königlich Preußischen Lehranstalt
hier unter so abenteuerlichen Verhältnissen verhaftet zu werden, mußte
von den traurigsten Folgen für mich sein. Auch der Hahnenwirt neben mir
zitterte.
»Ich hab's nicht gewußt,« sagte er. »Ich hab' ihm geglaubt ...«
Der Grenzer lachte spöttisch.
»Reden Sie nicht -- Sie kennen doch den Liebich -- Sie werden schon
gewußt haben, daß in dem Sarge wahrscheinlich was ganz anderes steckt,
als eine Leiche.«
Er trat wieder an den Sarg heran und hob die Decke.
»Rühr' den Sarg nicht an,« brüllte Liebich, »oder ich vergreif' mich an
dir!«
Die Augen standen ihm heraus.
»Also marsch zum Amt! Da wird sich ja herausstellen, was in dem Sarg
ist. Angefaßt und vorwärts marsch!«
»Bei unserer alten Freundschaft --« fiel Hollmann in bittendem Tone ein.
»Damit ist's aus,« entgegnete der Grenzer in barschem Tone. »'s ist
eine gotteslästerliche Schuftigkeit so was!«
Ich gab ihm im stillen recht und bereute aufs bitterste, mich in den
bösen Handel eingelassen zu haben. Dicke Tränen rollten mir über die
Backen, während ich das Wägelchen mit dem Sarge schieben half und der
Grenzjäger mit der scharfgeladenen Flinte hinter uns herschritt. Mühsam
ging es einen Berg hinauf. Es hatte aufgehört zu regnen, und der späte
Mond war klar aus den Wolken getreten. Niemand sprach ein Wort; nur das
schwere Ächzen Liebichs war vernehmbar. Das Wägelchen stieß auf dem
harten Wege, und der Sarg schwankte hin und her.
So erreichten wir die Anhöhe. Die Straße ging nun ziemlich steil
bergab. Und plötzlich riß uns Liebich den Wagen aus der Hand und sauste
mit dem Gefährt wie ein Rasender den Berg hinab.
Ein scharfer Schuß. Wir schrien auf. Liebich brach zusammen. Das
Wäglein fuhr mit den Vorderrädern schwankend über ihn hinweg und blieb
stehen. Selbst mehr tot als lebendig rannte ich mit den anderen der
Unheilstätte zu. Wenzel und der Wirt zogen Liebich unter dem Wagen
hervor. Er war bewußtlos. Die Kugel war ihm rücklings in die linke
Schulter gedrungen.
Sie legten ihn an den Wegrand.
»Er hat's nich anders haben gewollt,« sagte der Grenzer.
»Es ist gotteslästerlich so was!«
Still war's -- ganz still. Aber die Herzen hämmerten.
Da trat der Hahnenwirt an das Wäglein und riß die Decke herunter. Ein
brauner Sarg mit weißen Beschlägen und einem geschnitzten Kreuz wurde
sichtbar. Vier Schrauben verschlossen ihn. Mit zitternden Fingern
machte sich der Hahnenwirt daran, die Schrauben zu lösen. Der Grenzer
sah ihm erst finster zu, dann half er, und die beiden Männer hoben den
Deckel.
Sie ließen ihn mit einem Schrei zur Erde sinken. In dem Sarge lag eine
tote Frau. Sie war in einem weißen Kleid, und ein blonder Kopf von
rührender Schönheit lag auf einem seidenen Kissen.
»Es ist wahr gewest,« stammelte der Hahnenwirt -- »es ist wahr gewest!«
Der Grenzer starrte auf die Leiche, die vom Mondlicht beschienen vor
ihm lag, ein wehes Lächeln um den blühenden Mund.
»Franziska!«
Der Grenzer stammelte unverständliche Worte und sank plötzlich mit
einem markerschütternden Weinen neben dem Sarg nieder. Nie wieder habe
ich einen Mann so laut und weh weinen gehört
Da rührte es sich am Wegrande. Liebich kam zu sich, sah wirr und wild
um sich, wußte plötzlich alles, was sich zugetragen, sah den geöffneten
Sarg und hörte den anderen schluchzen.
»Geh weg -- weg -- du Hund -- ich -- ich schlage dich tot!«
Er sank in die Ohnmacht zurück. Der Grenzer kniete immer noch auf der
Straße. Er preßte den Kopf an das Holz des Sarges und sprach wirre
Worte durcheinander, Worte, die um Verzeihung flehten, Gebetsworte,
zärtliche Worte innigster Liebe. Der Hahnenwirt stand mit gefalteten
Händen da, unfähig, etwas zu tun, und mir jungem Burschen war das Herz
voll Furcht und Grauen.
Endlich rafften wir uns zusammen, schlossen den Sarg wieder und deckten
ihn wieder zu. Was wir zuerst hätten tun müssen, darauf kamen wir
zuletzt -- wir sahen endlich nach dem Verwundeten. Er erwachte und
schrie furchtbar auf, als wir den Arm an der zerschossenen Schulter
berührten.
Zum Dorf war es glücklicherweise nicht weit. Wir wollten anfangs
Liebich mit auf das Wägelchen laden, aber es war zu schmal, er hatte
neben dem Sarge nicht Platz.
Wenzel, der Grenzjäger, kam wieder heran. In tiefster
Niedergeschlagenheit sagte er:
»Liebich, verzeih mir's, daß ich dich diesmal in falschem Verdacht
hatte.«
Da kam etwas von dem alten herben Humor in Liebichs Seele zurück, und
er sagte:
»Du denkst immer falsch; Du weißt nie, was los is!«
Nach dem Dorfe hinunter mußten wir. Es zeigte sich, daß sich Liebich
wohl aufrichten, aber nicht allein gehen konnte. Er mußte gestützt
werden.
»Stützt ihn,« sagte der Grenzer; »ich werde den Wagen ziehen.«
»Geh von der Leiche weg,« befahl da Liebich; »rühr' sie nicht an!«
Noch über den Tod hinaus reichte die glühende Eifersucht. Also kam es
so, daß der Hahnenwirt und ich das Wäglein zogen und Liebich, auf den
Todfeind gestützt, hinterher schwanken mußte.
Es war tief in der Nacht, schon gegen Morgen hin, als wir mit unserer
traurigen Last an Franziskas Heimathaus anlangten und eine alte Frau
der tot heimkehrenden Tochter unter tausend Tränen die Tür öffnete.
Am übernächsten Tage wurde die Franziska auf dem heimatlichen Kirchhof
begraben. In aller Herrgottsfrühe war die Beerdigung. Liebich konnte
ihr nicht beiwohnen; er lag krank zu Bette. Der Schmerz hatte ihn aber
doch so weich gemacht, daß er sich mit seinem alten Gegner Wenzel
versöhnt hatte. Trotz dieser Aussöhnung erlaubte er aber nicht, daß
Wenzel mit der Franziska zu Grabe ging.
Und der war doch dabei. Er stand auf einem Berge, von da man den
Friedhof übersehen konnte, hörte die Glocken läuten, hörte die Lieder
klingen und sah, wie auf weißen Grabtüchern etwas Liebes, Liebes in die
Tiefe sank.
* * * * *
Damit wäre nun eigentlich diese Erzählung aus. Aber da es sich darin
nicht bloß um die Liebesgeschichte der schönen Franziska aus dem
Böhmerland, sondern um das Leben in den Grenzhäusern überhaupt handelt,
will ich noch erzählen, wie ich in späteren Jahren zu meinem Freunde
Heinrich Hollmann, Wirt zum Roten Hahnen, zurückgekommen bin.
Er blieb immer der Alte, immer der redselige, etwas großsprecherische
Mann mit der gleichen Respektlosigkeit vor allen Dingen und Personen
seiner Umgebung und dem gleichen absoluten Respekt vor seiner Frau.
Weber und kleine Bauern gingen in seinem Hahnenwirtshaus ein und aus,
und wenn ich diese wortkargen Leute mit den blauen, leeren Augen
hinter ihren Branntweingläschen sitzen sah, wußte ich wohl, warum sie
schmuggelten. Beileibe nicht nur um des bißchen Erwerbes willen, wie ja
auch der Wildschütz nicht nur um eines lumpigen Talerhasens allein Ehre
und Freiheit, ja vielleicht Gesundheit und Leben in die Schanze schlägt.
Ihr Herren, die ihr zu Gericht sitzet, denkt nur an die kleinen
niederen Stuben dieser Armen, an ihre eintönige, langweilige Arbeit,
die Stunde um Stunde, Jahr um Jahr, ein ganzes langes Menschenleben
dieselbe trostlose Last ist. Und denkt daran, daß auch diese Menschen
eine Seele haben, die nach Tat und Abwechselung, Freude und Gefahr
lechzt, daß auch diese Sehnsucht nach grünen Wegen der Romantik
sucht. Was tun sie? Sie schmuggeln, sie wildern wohl auch. Und in all
der langen Zeit, da sie hinter dem Webstuhl im engen Käfig sitzen,
geht ihre Phantasie auf einsamen Schleichwegen zwischen Gefahr und
lohnendem Sieg. Kommt nun einer der Ihrigen, erzählt er von irgend
einer gelungenen Tat, dann tritt Leben in die leeren Augen, dann
geht das träge Herz mal eine Stunde lang schneller, dann steigt's
in müden Leibern auf wie Trotz und Kraft. Was bietet ihnen auch der
Staat? Wieviel vom allgemeinen Erbe läßt er ihnen zukommen, und wie
groß ist die Schädigung, die sie hinwiederum ihm zufügen? Mögt Ihr es
entscheiden; ich tue es nicht.
Vom Liebich-Müller erzählte mir der Hahnenwirt, daß er nicht mehr
schmuggele. Die Fahrt mit dem Sarge war sein letztes unerlaubtes
Überschreiten der österreichischen Grenze. Es machte dem Müller keinen
Spaß mehr, zu schmuggeln. Denn die Franziska war tot, vor der er den
Nebenbuhler lächerlich machen konnte. Mit dem Wenzel vertrug er sich,
wenn er ihn traf. Er gab jetzt sogar zu, daß der Wenzel gewissermaßen
auch ein wenig im Rechte sei; denn wenn er, der Liebich, Grenzer wäre,
gäbe es überhaupt keine Schmuggler mehr, sondern alle säßen auf Nummer
Sicher. Da stimmte ihm dann der Hahnenwirt biedermännisch bei.
Eines aber brachte dem Müller große Genugtuung. Etwa zwei Jahre nach
Franziskas Tode heiratete Wenzel ein braves Mädchen aus dem gleichen
böhmischen Dorf. Da hat Liebich, als Wenzel mit seiner Braut zur Kirche
ging, bei Franziskas Grab gestanden und hineingesagt:
»Weißte, Franzel, was der Wenzel macht? Hochzeit macht a. Mit der
Nitsche Hedwig, dem albernen Ding. Da haste den Kerl! Was hab' ich dir
immer gesagt? A Windhund is a. Ohne eene Spur von Treue. Da wirst du ja
jetzt froh sein, daß du ~mich~ genommen hast, denn ich hätte nie
eene andre als dich genommen, nie!«
Liebich nahm wirklich keine zweite Frau. Er widmete sich nur mit
großer Liebe der Erziehung seines kleinen Sohnes. Über seine eigenen
Schmugglererfolge wußte der Hahnenwirt nicht viel Erfreuliches zu
berichten. Eines Abends, als Wenzel wieder einmal bei ihm eingekehrt
war, steckte er ihm ein Lindenblatt an den Hut.
»Ah, gilt die alte Korrespondenz immer noch?« fragte ich.
»Nu natürlich! Sie roochen doch so gerne +Regalia media+, und
ich hab' keene im Hause. Nu -- Lindenbaum bedeutet eben +Regalia
media+.«
Am nächsten Tage wurde wirklich vom Blauen Hahnenwirt drüben eine Kiste
+Regalia media+ über die Grenze geschafft.
Aber Hollmann war trotzdem unzufrieden.
»Wenzel hat meine Leute greulich oft erwischt,« sagte er
niedergeschlagen. »Ich kann sagen, es kost' mich schon a Vermögen an
Strafe. A paar von meinen Leuten haben sogar sitzen müssen. Na, das
kost' dann erst recht viel. Der Kaiser hat nich so teure Hosen an
wie su a Gebirgsweber, wenn a für unsereinen amal a Paar durchsitzen
muß. Aber geschmuggelt muß sein; denn wer hier in der Gegend nich
schmuggelt, is blödsinnig. Und geleimt wird a doch, das haben Sie ja
geseh'n, wie a geleimt wird.«
* * * * *
Es vergingen wieder viele, viele Jahre. An mich kam die Vierzig heran,
und mein Freund Hollmann hatte den Kopf voll weißer Haare, als ich ihn
wieder traf. Verändert hatte sich aber sonst in den Grenzhäusern so gut
wie nichts. Es ist mit dem Leben umgekehrt wie mit einer Drehscheibe:
im Zentrum rast es am schnellsten, an der Peripherie scheint es still
zu stehen.
Ja, und doch hatte sich Neues und Großes in den Grenzhäusern ereignet.
Des Wassermüllers Sohn Wilhelm war so herangewachsen, daß er schon
seine Zeit bei den Hirschberger Jägern abgedient hatte, und der
österreichische Zollbeamte Wenzel Hollmann hatte ein Töchterlein, das
eine rechte frische Bergwaldsblume war. Es war die alte Geschichte: die
beiden Kinder liebten sich, und die beiden Väter wollten von dieser
Liebe nichts wissen, da sie ihnen ganz gegen das Herz war, wenn sie
sich auch äußerlich vertrugen. Den Müller schmerzte oft die halblahme
Schulter, die er dem Grenzer zu verdanken hatte, und dieser hatte
auch keinen Grund, mit dem Müller recht intim zu werden. So taten die
beiden Alten das Dümmste, was sie junger, starker Liebe gegenüber
tun konnten: sie sperrten sich dagegen. Daß das gar keinen Zweck
hatte, ist unnötig zu erwähnen. Die Grenze hinüber und herüber wurde
schönes, goldenes Liebesgut geschmuggelt: Briefe und Küsse, Blumen und
Tränen. Und ging es gar nicht anders, so schlich der Mond, der älteste
Schmuggler der Welt, hinter Wassermüllers Wald herum, nahm tausend
Liebesgedanken als unerlaubtes Gut, stieg über die Berge, leuchtete dem
dummen Grenzer, der unten auf dem Wege stand, dreist ins Flintenrohr
und lieferte sein süßes Schmugglergut an des Töchterleins Kammerfenster
ab.
Schon gut; es ging, wie es halt fast immer geht: die beiden Alten
mußten nachgeben. Und da kam ein Tag, wo in der Wassermühle ein großes,
echtes Versöhnungsfest gefeiert und alles für die bevorstehende
Hochzeit besprochen werden sollte. Gerade da war ich wieder einmal auf
eine Woche im Roten Hahnen einquartiert.
Eines Nachmittags war es, da fuhr ein Glaswagen beim Hahnen vor.
Diesmal saß keine Strohpuppe darin und auch der Wenzel nicht beim
Kutscher auf dem Bock, sondern stolz und feierlich neben seinem
taufrischen Töchterlein. Gott, war das böhmische Mädel ein liebes Ding!
Und der Wenzel -- der war in Zivil. Hatte einen Zylinderhut aufs Haupt
gestülpt, trug einen tadellosen Smoking und Lackschuhe mit Gamaschen.
So fesch kann nur ein Österreicher aussehen. Langsam und feierlich kam
er auf mich zu und reichte mir gerührt die Hand.
»Schauns -- so kommt's!« sagte er. »Aber das freut mich, daß Sie gerade
hier sind. Sie gehören ja gewissermaßen dazu.«
Er legte seinen glänzenden Zylinder auf den Tisch und fuhr plötzlich
zornig zurück.
»Verflucht -- wer hat mir denn an meinen Zylinderhut eine Kornblume
gesteckt? Ist das eine Frechheit!«
Der Rote Hahnenwirt kam heran, beguckte kopfschüttelnd die Blume und
ging hinaus, wo er leise ein Fäßchen Wünschelburger Kornbranntwein nach
dem Blauen Hahnen in Auftrag gab.
Wenzel warf die Blume grimmig auf die Erde. Dann wurde er aber wieder
feierlich und erzählte mir, als ob er sich entschuldigen müßte,
warum er nun doch seine Einwilligung zu dieser Hochzeit gäbe. Wäre
der Liebich noch ein Schmuggler -- niemals, nie! Aber der sei kein
Schmuggler mehr, der sei nur noch ein alter Esel. Und so fahre er jetzt
mit der Ursula hin, und es solle ein schönes Familienfest werden. Der
Hahnenwirt und ich, wir müßten mitmachen, denn wir gehörten dazu. Der
Blaue Hahnenwirt drüben habe gerade die Gicht; sonst hätte er ihn auch
mitgebracht. Im Wagen sei Platz für uns.
Hollmann, der Wirt, mußte nun Toilette machen und erschien endlich in
einem viel zu engen Gehrock, der den Globus seines Bauches nur bis zu
den Wendekreisen bedeckte. Wir nahmen mit im Wagen Platz, und die Fahrt
ging hinab nach der Wassermühle.
Es ist für mich als Preußen schmerzlich zu sagen: aber mein Landsmann
Liebich empfing seinen feierlich ausstaffierten Mit-Schwiegervater in
Hemdsärmeln! Wenzel bemerkte es schon beizeiten und sagte leise zu mir:
»Nu sagen's, wie konnte die Franziska an solchen Kerl nehmen, der nicht
im geringsten an Schneid hat?«
Das Fest selbst aber wurde sehr, sehr schön. Junge Liebe und junges
Glück zu sehen, ist freilich für den, der übers Leben schaut, eine
wehmütige Freude, aber doch eine Freude voll schweren Erinnerungsduftes
aus fernen Frühlingstagen.
Liebich war sehr schweigsam. Die Verlobung wurde vollzogen, und
der Wein, den wir tranken, war alles österreichische Marke und
wahrscheinlich geschmuggelt; aber Wenzel ließ ihn sich schmecken;
denn was ging es ihn an, wenn sich preußische Grenzer über den Löffel
balbieren ließen? Ja, er trank viel und wir andern auch, und die
Stimmung wurde sehr lustig. Da erhob sich der Müller zu einer Rede.
»Hier sitzen wir nu, und das is sehr schön. Daß die Franziska nich
dabei is, is freilich sehr schade. Aber ich weiß, wo die is; das weiß
ich schon durch meine lahme Achsel. Na, das is nu aber ja längst alles
vollkommen vergessen, und die Kinder, die sich heiraten werden, haben
das alles nich mit erlebt. Wozu reden wir also erst darüber? Und damit
du siehst, Wenzel, wie gut ich's mit dir meine, schenk' ich dir hier
eine echt silberne Tabaksdose, damit du immer an mich denkst, wenn du
draus schnupfst. Das Brautpaar lebe, hurra -- hoch!«
Aus blauem Florpapier wurde eine ganz prächtige silberne Dose enthüllt,
die Liebich erst kurz zuvor in Breslau erstanden hatte. Wenzel war
tiefgerührt. Es ärgerte ihn aber jetzt sehr, daß er kein Gegengeschenk
hatte und nun in seinem Smoking gegen den Hemdärmelmann unvorteilhaft
abstach. Als das reiche Abendbrot vorüber war und die Böhmen an die
Heimkehr dachten, befahl der Müller seinem Sohne, nun auch ihr eigenes
Wäglein zurechtzumachen; sie würden die lieben Gäste heimbegleiten;
denn so ein Tag wie heut sei nicht oft.
Fröhlich ging es die Berge hinauf, der Grenze zu. Wir kamen ans
österreichische Zollhaus. Ein Beamter trat heraus und fragte der Reihe
nach jeden nach Steuerbarem. Wir verneinten alle, auch Wenzel, der
Grenzer in Zivil, natürlich. Da sagte der Beamte, der (wie ich später
erfuhr) auf seinen Kollegen nicht gut zu sprechen war:
»Es tut mir leid, Herr Wenzel Hollmann; aber es ist eine Anzeige
eingelaufen, Sie brächten eine neue silberne Dose über die Grenze.«
Ein Schrei aus Wenzels Mund. Und schon flog ein Bündel blaues
Florpapier auf die Straße und aus dem Papier heraus flog eine neue
silberne Dose.
Wir glaubten alle, nun müsse die Welt untergehen. Wenzel, der
gefürchtete Grenzer, das Muster von Gewissenhaftigkeit und
unnachsichtlicher Strenge, war beim Schmuggeln ertappt worden.
Er stieg aus dem Wagen und klappte ganz zusammen. Gebrochen lehnte er
sich mit seinem schönen Anzug an das sandige Rad, der Zylinder fiel ihm
vom Kopfe.
»Ich -- ich -- hab' -- nicht drangedacht,« brachte er heiser heraus.
Der Beamte zuckte die Achsel.
»Es war meine Pflicht. Die Anzeige ist schriftlich gekommen.«
Er hob die Dose auf.
»Die muß ich natürlich konfiszieren. Bitt' schön!«
Er wies mit der Hand auf die Tür des Zollhauses. Wie einen armen
Schächer, der zum Schaffot getragen werden muß, schleppten der
Hahnenwirt und ich den unglücklichen Wenzel ins Amtslokal.
Da mischte sich Liebich ein.
»Herr Kontrolleur,« sagte er, »Sie wissen doch ganz genau, daß Herr
Wenzel Hollmann nicht im Traume daran gedacht hat, absichtlich
zu schmuggeln. Ein Beamter wie er -- ich bitt' Sie! Ich habe ihn
mit dieser Dose überrascht, hab' sie ihm geschenkt, und nu hat er
eben nicht dran gedacht. Denken Sie etwa den ganzen Tag an Ihre
Schnupftabakdose?«
»Es tut mir leid -- die Anzeige ist schriftlich gekommen; vor dem
Gesetz sind alle gleich.«
Die für Wenzel Hollmann maßlos qualvollen Formalitäten wurden
vollzogen. Er brachte kaum ein Ja oder Nein heraus. Totenblaß saß er
da. Der Müller erbot sich, alles zu zahlen, sowohl den Rückkaufspreis
für die konfiszierte Dose, wie auch die ziemlich hohe Strafsumme.
Endlich konnten wir weiterfahren. Der Müllersohn setzte sich zu seinem
gänzlich gebrochenen zukünftigen Schwiegervater, und ich bestieg das
Wäglein Liebichs, der die Zügel führte. Als wir ein Stück gefahren
waren, sagte der Müller kleinlaut:
»So is es! Erst macht's einem einen Heidenspaß, einen dummen Streich zu
machen, und nachher kommen die Gewissensbisse.«
»Was haben Sie denn?«
»Was ich hab'? Ich hab' -- ich hab' nämlich die Anzeige selber ins
Zollamt geschickt.«
»Sie sind wohl nicht gescheit?«
»Nee, wahrscheinlich nicht! Es kommt mir jetzt so vor, als ob ich 'ne
richtige Tracht Prügel verdiente.«
»Aber um des Himmels willen, warum haben Sie denn das getan?«
»'s hat mir eben keine Ruh gelassen, ich mußt' ihm noch 'n Streich
spielen, ich mußt' ihm noch was versetzen. Ich dachte, wenn wir erst
verwandt sind, dann is es nu doch amal auf immer vorbei mit so was, und
da hatt' ich mir das eben so schön ausgetüftelt und dachte, 's würde a
Heidenspaß sein. Ich dachte, ich schenk ihm die Dose, und wenn a nach
Hause fährt, denkt a nich an die Dose und fällt rein, weil a doch eben
am Zollamt schon geklemmt is. Ein famoser Witz, dacht' ich. Aber jetzt
-- ob a etwa noch Unannehmlichkeiten bei seinen Vorgesetzten haben
wird?«
»Wahrscheinlich. Sicher sogar. Eine Strafversetzung wird wohl das
Mindeste sein.«
»Verdammt noch mal, bin ich ein Lausekerl!«
Liebich kam in arge Gewissensnot.
»Vor allen Dingen sagen Sie sonst niemand, daß Sie die Anzeige
geschickt haben, sonst wird noch das junge Glück zuschanden, und was
können die Kinder dafür?«
»Nee, die können nischt dafür, daß sie solch mordsdämliche Väter haben.
Sie halten mich wohl jetzt für einen großen Esel?«
Ich schwieg, und er nickte trübe vor sich hin. Schließlich versprach
ich ihm, eine ganz ausführliche Eingabe an die österreichische
zuständige Behörde aufzusetzen und darin nachzuweisen, daß es sich bei
der ganzen Angelegenheit um einen derben Schabernack gehandelt hätte,
an dessen Ausgang der seit Jahrzehnten als goldtreu erprobte Beamte
ganz unschuldig gewesen sei. Auch wolle ich versuchen, selbst bei den
maßgebenden Persönlichkeiten vorstellig zu werden und den Sachverhalt
aufzuklären. Liebich meinte, wenn ich das täte, würde er es mir sein
Leben lang nicht vergessen; denn die Reue über die elende Geschichte
nehme ihm reinweg den Atem.
Und so ist es gekommen. Die Eingabe und der Besuch taten ihre Wirkung.
Wenzel erhielt eine Vorladung und kam mit einer sanften Nase davon. Als
Liebich den guten Ausgang erfuhr, kicherte er in tiefstem Vergnügen und
sagte zu mir:
»Ich freu' mich jetzt doch riesig, daß ich mir den schönen Spaß gemacht
habe.«
* * * * *
Einer aber aus der edlen Grenzhäuser-Kumpanei erfuhr noch einen großen
Schmerz, und das war mein Freund, der Hahnenwirt.
Wieder einmal war Wenzel bei ihm eingekehrt und hatte seine Dienstkappe
auf den Tisch gelegt. Da beschloß der Hahnenwirt seine übliche
Bestellung beim »Blauen« drüben zu machen und steckte wie spielend
ein Lindenblatt an die Mütze. Wenzel sah das, nahm das Blatt und
zerpflückte es langsam.
»Warum zerpflückst du denn das hübsche Blättel?« fragte der Wirt
verwundert.
Da sah ihn der Hollmann an und sagte langsam:
»'s hat kan Zweck -- der ›Blaue‹ drüben hat jetzt selber kane
+Regalia media+.«
Wie entgeistert saß der Hahnenwirt vor ihm.
»Was -- was meinst du denn damit?« stotterte er.
»Ich meine,« sagte der Grenzer gemütlich, »daß du mich seit mehr als
zwanzig Jahren für einen dummen Kerl hältst, der Euch die Bestellungen
hinüber und herüber schafft. Und ich meine, daß ich das seit zwanzig
Jahren gewußt hab'. Hatt' ich aber ein Sträußerl an der Mütze, da wußt'
ich: halt, heute is was los. Na, und hab' ich ja auch genug von Euren
Leuten erwischt.«
Das Gesicht meines Freundes Hollmann spiegelte ins Gelbgrüne. Mit
schwerem Vorwurf gegen mich sagte er: »Und einem solchen Kerl haben Sie
aus der Patsche geholfen!«