Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

~Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau~

Zuweilen ist mir in irgend einer Stadt, in irgend einer Gesellschaft

ein Kranz mit einer Schleife verehrt worden. Die Kränze sind verdorrt,

die Schleifen habe ich mir aufgehoben. Unter ihnen befindet sich

ein verblichenes blaues Band, darauf steht: »Paul Keller zu seinem

19. Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden Bartsch, Bentzinger,

Böttcher, Heilgans, Scherwentke.« Der Kranz, der zu dem Band gehörte,

hat vielleicht einmal schlecht und recht einen Taler gekostet samt

der Schleife, auf welche die spendenden Freunde die Inschrift mit

chinesischer Tusche selbst aufgepinselt hatten.

Fünf neunzehnjährige Seminaristen schenkten einem Kameraden zum

Geburtstag einen Lorbeerkranz für drei Mark. Jeder gab sechzig Pfennig.

Welch ein Opfer! Für sechzig Pfennig konnte man in jener billigen Zeit

-- es war 1892 -- in einem Restaurant Breslaus fein zu Mittag speisen;

für sechzig Pfennig konnte man einen Sitzgalerieplatz im Stadttheater

haben, den »Lohengrin« hören, den »König Lear« oder die »Haubenlerche«;

für sechzig Pfennig konnte man selbst »bei ausgesprochenem Pech«

tagelang Zwanzigstelpfennig-Skat spielen; für sechzig Pfennig konnte

man sich drei Reklam-Bücher kaufen; für sechzig Pfennig konnte man

zwölf Tassen heißen Kaffee im Seminar haben; für sechzig Pfennig hätte

man sich bei einem Ferienkommers in bayerischem Bier um den Verstand

saufen können.

Und eine solche Summe gab man so hin! Für einen Freund! Für einen

Kranz!

Ach, ihr fünf treuen guten Kerle, deshalb ist mir ja Euer verblaßtes

Band, auf das Ihr selbst Eure Namen gepinselt habt, heute noch so eine

Kostbarkeit.

Dieses Band ist einmal sehr teuer gewesen.

* * * * *

Ich war auf eine etwas abenteuerliche Art ins Breslauer Seminar

gekommen. Da ich meine dreijährige Vorbildung in der Grafschaft Glatz

und zwar in der Königlichen Präparandenanstalt zu Landeck genossen

hatte, war ich -- wie alle dortigen Schüler -- für das Seminar in

Habelschwerdt bestimmt. Aber ich wollte nicht nach Habelschwerdt.

Warum, weiß ich selbst nicht recht. Die Hauptursache war wohl mein

Freund Oskar Bartsch, der aus Breslau stammte, mir glänzende Bilder

von dieser Stadt zeichnete und sagte: »Ein Mann wie du gehört nicht

nach Habelschwerdt, er gehört nach Breslau.« Darauf gingen wir zwei

zu dem Vorsteher unserer Anstalt, sagten ihm, wir möchten nicht nach

Habelschwerdt, wir möchten gerne zu der Aufnahmeprüfung ins Seminar

nach Breslau; aber er -- der prächtige, humorvolle Doktor -- schmiß

uns ganz gemütlich raus, indem er sagte: »Das Habelschwerdter Seminar

wird die Riesenehre, euch zwei als Schüler zu haben, bei gesundem

Leibe überstehen!« Draußen auf der Treppe stopfte Bartsch die Hände

in die Hosentaschen und sagte: »Das ist eine Gemeinheit!« Ich gab

ihm recht, und wir gingen in die Osterferien. Dort gelang es mir,

auf einem Feldspaziergang meinem Vater das Reisegeld nach Breslau

abzupressen, um daselbst eine große »Aktion« ins Werk zu setzen. Mein

Freund Bartsch führte mich durch die Wunderstadt, und wir gingen

direkt ins Lehrerseminar. Der Direktor, dessen äußere Bärbeißigkeit mit

seinem inneren jovialen Wesen -- wie wir später erfuhren -- in krassem

Widerspruch stand, saß trotz der Ferien in seinem Amtszimmer. Als ob

er ausgerechnet auf uns zwei Lebensstürmer gewartet hätte. Als er uns

so prüfend ansah, die wir an seiner Tür andauernd mit »Dienermachen«

beschäftigt waren, verloren wir die Sprache.

»Was wünschen Sie?« fragte er dreimal mit seiner tiefen Stimme.

Wir dienerten nur.

»Also wer sind Sie denn eigentlich? Und was wollen Sie?«

Da brachte ich heraus:

»Wir sind zwei Präparanden aus Landeck und möchten gern ins Breslauer

Seminar eintreten.«

»So? Haben Sie denn bei uns die Aufnahmeprüfung, die vor zwei Wochen

war, mitgemacht?«

»Nein. Wir durften nicht.«

»Wieso durften Sie nicht?«

»Der Herr Vorsteher unserer Anstalt hat gesagt, wir gehörten nach

Habelschwerdt; wir hätten in Breslau nichts zu suchen.«

Der Direktor lächelte.

»Na, da hat ja Ihr Herr Vorsteher ganz recht gehabt. Wie kommen Sie

denn dann hierher?«

»Wir -- wir sind -- so auf eigene Faust ...«

»Aah -- auf eigene Faust! Das ist gut von Präparanden! Und wie denken

Sie sich das -- eh ...? Sie wissen doch, daß man in einem Königlich

Preußischen Lehrerseminar nur dann aufgenommen werden kann, wenn

man die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Und Sie wissen auch, daß die

diesjährige Aufnahmeprüfung für das Breslauer Lehrerseminar vorbei ist.

Also, wie haben Sie sich die Sache eigentlich gedacht?«

»Wir -- wir hatten gedacht, wir könnten ja extra geprüft werden.«

Da hieb der Direktor mit der Faust auf den Tisch. Aber er erboste sich

nicht. Er lächelte.

»Also, man wird alt wie ein Haus und lernt nie aus. Vier Tage lang

haben wir Aufnahmeprüfung gehalten. Zweiunddreißig haben bestanden,

vierzig sind durchgefallen. Und jetzt kommen zwei aus Landeck daher,

vierzehn Tage zu spät, gegen den Willen ihres Anstaltsleiters kommen

sie auf eigene Faust und wünschen eine Extraprüfung. Sie sind gut, Sie

zwei!«

Mir dämmerte, daß wir eine Frechheit begangen hatten, und ich wollte

mich mit einer eiligen Verneigung drücken. Mein Freund Bartsch schloß

sich mir an. Aber als wir schon halb zur Tür hinaus waren, rief der

Direktor: »Halt, bleiben Sie mal da! Finden Sie sich in Breslau

zurecht?«

Bartsch nickte. Er sei Breslauer Kind, sagte er.

»So -- dann gehen Sie nach der Schuhbrücke Nummer soundso. Da ist

ein Haus, an dem außen ein Fries angebracht ist, das einen Hexentanz

darstellt. In diesem Hause wohnt der Herr Provinzialschulrat Dr. X.;

dem sagen Sie, Sie seien Präparanden aus Landeck, gehörten eigentlich

nach dem Seminar in Habelschwerdt, seien aber gegen den Willen Ihres

Anstaltsleiters auf eigene Faust nach Breslau gefahren und wünschten

eine Sonderprüfung, da die Breslauer Aufnahmeprüfung schon vorbei sei.

Und nun gehen Sie. Ich wünsche Ihnen viel Glück!«

In überschwenglichem Gefühl dankten wir dem Direktor, nicht ahnend den

mörderlichen Hinterhalt, den er uns legte. Dieser Provinzialschulrat

+Dr.+ X. war sein Freund, wohl auch sonst ein tüchtiger Mann, aber

er war als arger Wüterich verrufen; noch heute fährt bei der Nennung

seines Namens manchem schlesischen Lehrer eine Gänsehaut über den

Rücken.

Wir zwei Dummlinge aber torkelten vergnügt drauf los, fanden das Haus

und standen bald einem Manne gegenüber, der uns aus runden Gläsern

fixierte wie eine Brillenschlange ihre Opfer.

»Was wollen Sie?«

Ich stotterte mit Todesverachtung die ganze Geschichte heraus.

Iwan der Schreckliche begriff anfangs rein nichts. Dann aber erkundigte

er sich mit zischenden Fragen, und als ihm die irrsinnige Frechheit

klar geworden war, daß sich zwei Präparanden erkühnten, eine Königlich

Preußische Haus- und Prüfungsordnung umstoßen zu wollen, und in ihrem

Anarchismus bis zu einem Provinzialschulrat kamen, kriegte er das

Wundfieber.

Er raste, und ich glaubte, mein und meines Freundes Bartsch letztes

Stündlein zähle nur noch nach Sekunden. Einen Blick nach der Tür wagte

ich nicht zu werfen. Ich war wie gelähmt.

Plötzlich aber stand der Tobende still, wischte sich die Stirn und

sagte mit fast stiller Miene:

»Ja, das ist ja menschlich gar nicht erklärlich! Wie kommen Sie

eigentlich dazu? Wie können Sie das ...«

Die Stimme versagte ihm.

Worauf ich -- fest überzeugt, daß wir so wie so verloren seien --

erwiderte:

»Herr Provinzialschulrat, wir wären nicht zu Ihnen gekommen. Aber wir

waren zuerst im Seminar, und der Herr Seminardirektor hat uns gesagt:

Gehen Sie nur nach der Schuhbrücke, in das Haus, wo der Hexentanz dran

ist, und da bringen Sie mal Ihr Anliegen vor. Ich wünsche Ihnen Glück

dazu!«

Seine Furchtbarkeit starrten erst mit den Augen, dann fingen

hochdieselben an merkwürdig zu grinsen. Zweimal ging der Herr über

Leben und Tod durch das große Zimmer, dann sagte er mit unglaublicher

Milde:

»Na, da gehen Sie zum Herrn Seminardirektor zurück und sagen Sie ihm,

Sie würden wirklich eine Extraprüfung haben. Die Verfügung ans Seminar

würde kommen. Inzwischen besorgen Sie sich die nötigen Papiere!«

* * * * *

Das Gesicht des Herrn Direktors, das er machte, als er uns lebendigen

Leibes wiederkommen sah, ist nicht zu beschreiben. Schließlich fing er

furchtbar an zu lachen.

Wir bekamen wirklich eine Extraprüfung. Sieben Seminarlehrer samt

Direktor mußten zwei Präparanden zwei Tage lang prüfen. Bartsch wußte

nicht, wer der letzte römische Kaiser gewesen sei, und ich zerbrach mir

über die Kryptogamen, die »Geheimblütler«, so lange den Kopf, bis ich

zu den Pilzen, die mir einfielen, auch die Kohlköpfe rechnete, da ich

nie einen Kohlkopf öffentlich hatte blühen sehen.

Das war nun ganz falsch. Aber da Geschichte und Naturkunde nur

Nebenfächer waren, kamen wir durch.

Unser guter Vorsteher aus Landeck, Herr +Dr.+ Krause, schickte uns

einen Glückwunschbrief.

* * * * *

Das war meine erste Prüfung, im Seminar von Breslau heimisch zu

werden, und sie war wirklich nicht leicht. Der Prüfende in Naturkunde

hatte mich Siebzehnjährigen zum Beispiel gefragt, was ich über

Sauerstofffabriken wisse. Natürlich nichts. Fast noch schwerer aber war

das, was folgte. Provinzialschulrat +Dr.+ X. war als Schultyrann

eine milde Fee gegen das, was mein neuer Seminarbruder Heilgans als

Kunsttyrann war. Dieser siebzehnjährige hochgemute Jüngling mit den

hochgebürsteten Haaren und den rollenden Augen war um mich, den von

außen Gekommenen, lange wortlos herumgestrichen. Endlich erwischte er

mich allein. Wir hatten beide zusammen Orgelübungsstunde. Abwechselnd

mußte einer eine halbe Stunde lang spielen, die andere halbe Stunde

Bälge treten.

»Spielen Sie zuerst!« sagte Heilgans.

Wir zwei »Neuen« wurden von den anderen gesiezt.

Ich war ein sehr mittelmäßiger Orgelspieler, packte meine »Orgelschule«

aus, trampelte meine »Pedalübungen« und marterte mich an einem

F-Moll-Choral verzweiflungsvoll ab. Heilgans »machte Wind«. Er lächelte

verächtlich über meine Leistungen; dann kam er dran zu spielen. Er

breitete ein großes Buch vor sich aus, dessen Umfang mich in Erstaunen

setzte und dessen Titelblatt er mir mit lässiger Handgebärde zeigte:

~Die Walküre~,

Oper von Richard Wagner.

»Ich spiele jetzt den Walkürenritt!« sagte Heilgans; »das ist die Perle

vom Ganzen!«

Und er reckte sich in dem alten Überzieher, den er anhatte, und sauste

mit den Filzschuhen, die er trug, in so wahnsinnigem Tempo über die

Pedale, brachte solch grauenhaft majestätische Musik bei sämtlichen

gezogenen Registern zum Vorschein, daß ich völlig außer Atem kam, und

zwar nicht nur wegen der Bewunderung für die Heilganssche Fertigkeit,

sondern auch, weil ich für diese Kunststürme den Wind zu liefern hatte.

Gerade waren wir mitten in der Ekstase, da kam der Oberlehrer

revidieren. Und was neulich der Direktor gesagt hatte, das sagte nach

Überschauung der Sachlage auch er: »Man wird alt wie ein Haus und

lernt nie aus! Spielt einer in dieser engen Stube mit voller Orgel den

Walkürenritt! Noch dazu in Filzschuhen! Ja, Mensch, die Bude fällt uns

ja über dem Kopf zusammen.«

Nach dieser Abkanzelung spielte Heilgans mit einer einzigen gedeckten

Flöte »Tauet, Himmel, den Gerechten!« so lange, bis er den Oberlehrer

außer Hörweite glaubte. Dann aber ging er -- immer mit den Tönen der

sanften Flöte -- in andere, ganz andere Rhythmen über und fing endlich

an leise dazu zu singen:

»~Mein lieber Schwan, ach, diese letzte traurige Fahrt, wie gerne

hätt' ich sie dir erspart. Nach einem Jahr, wenn deine Zeit im Dienst

zu Ende sollte gehn, dann durch des Grales Macht befreit, wollt' ich

dich anders wiedersehn!~«

Der Zauber der süßen Melodie packte mich so, daß ich auf das

Bälgetreten vergaß und die Orgel stillstand.

»Warum machen Sie keinen Wind, Herr?«

»Ach,« sagte ich ganz selbstvergessen, »das war schön! Was war denn das

für herrliche Musik?«

»Na, doch dritter Akt, dritte Szene von ›Lohengrin‹.«

»Was ist das: ›Lohengrin‹?«

Heilgans sah mich düster an. Ich glaube, ihm graute vor meiner

Unwissenheit.

»Sie können so herrlich spielen!« sagte ich in ehrlicher Bewunderung.

Da blickte er etwas freundlicher.

»Waren Sie nie im Theater?« fragte er.

»O ja, im Landecker Badetheater habe ich ›Minna von Barnhelm‹ gesehen,

und im Salzbrunner Badetheater den ›Veilchenfresser‹.«

»Badetheater sind Mumpitz,« belehrte mich Heilgans. »Die ›Minna‹ von

Lessing is ja noch 'n ganz leidliches Stück, aber der ›Veilchenfresser‹

is Kitsch. So was von Schiller, Goethe, Shakespeare oder Theodor Körner

haben Sie nicht gesehen?«

»Nein,« sagte ich beschämt.

»Auch keine Oper?«

»Keine einzige.«

»Es ist unglaublich,« sagte Heilgans und verfiel in Trübsinn über den

geistigen Tiefstand mancher seiner Volksgenossen.

»Da wissen Sie wohl überhaupt nichts von Dichtern?«

»O ja, gelesen habe ich sehr viel, und ich -- ich dichte selbst ein

bissel.«

Heilgans meckerte vor Vergnügen.

»Sie dichten selber? Das is ulkig. Da -- da schießen Sie mal mit was

los, was Sie gedichtet haben.«

Ich besann mich nicht lange und deklamierte:

»~O, wie das Herz auch wallt und ringt und wie es liebt und haßt, es

kommt der Abend, und er zwingt es bald zu langer Rast. Wenn dann den

fernen Westen säumt ein leuchtend' Abendrot, ist wenig wahr, was man

geträumt, und manche Hoffnung tot.~«

»Das haben Sie doch nicht alleine gemacht,« unterbrach mich Heilgans.

»O ja. Das ist das letzte Gedicht das von mir gedruckt wurde. Ich hab's

eingesteckt.«

Ich zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte es ihm. Er las es,

las meinen Namen, aber ich mußte ihm erst noch einen Redaktionsbrief

zeigen, ehe er an mich glaubte.

»Hm ja,« sagte er dann, »das Ding ist ja gar nicht übel. Es reimt

sich. Aber wissen Sie, die eigentliche, die richtige Kunst ist bloß

beim Theater. Wenn das Theater nicht wär', hätte überhaupt das ganze

Leben keinen Zweck. Ich bin schon siebzehnmal im ›Lohengrin‹ gewesen;

ich kann jedes Wort und jede Note auswendig; ich habe acht Wagnersche

Klavierauszüge, da kostet jeder vierzehn Mark. Richard Wagner ist

überhaupt der Inbegriff von allem, was man wissen muß.«

Er versprach, mich in den »Lohengrin« und in »Tannhäuser« einzuführen.

»Vielleicht auch noch in die ›Meistersinger‹ und in den ›Holländer‹,«

fügte er hinzu; »denn den ›Ring‹ oder gar ›Tristan und Isolde‹ werden

Sie nie verstehen.«

Ach Gott, wie war ich dankbar, daß sich dieser hochgebildete

Großstädter mit so einem Glatzer Waldburschen, wie ich daherkam,

überhaupt abgab.

Am selben Abend stellte mich Heilgans seinem Freunde Felix Böttger vor,

der ein fast ebenso kunsterfahrener Mann war wie er.

»Er versteht nichts vom Theater,« sagte Heilgans bei der Vorstellung

»ich hab' ihn anfangs überhaupt nicht leiden gekonnt; aber ich denke,

wenn wir uns ein bißchen Mühe geben, wird was aus ihm.«

»Na, nur immer Mut, junger Mann,« sagte Böttger mit tiefer, jovialer

Stimme und legte mir die Hand auf die Schulter.

* * * * *

Wir wohnten alle im Internat. Das Seminar war ein uraltes früheres

Klostergebäude mit vielen hygienischen Unzulänglichkeiten, aber auch

mit einer kostbaren gemütlichen Romantik.

Unser Kursus hatte zwei Schlafsäle. Der kleinere hieß die »Vorhölle«,

der größere der »Himmel«. Ich schlief anfangs im »Himmel«, aber

Heilgans sorgte dafür, daß ich zu ihm in die »Vorhölle« zog. Er sagte,

dort sei es gemütlicher; im »Himmel« wohnten die Banausen. Für diese

Bemerkung wurde er von einer Schar himmlischer Geister am Abend

durchgehauen.

Und diese tätliche Beleidigung erforderte Rache.

»Können Sie Gespenstergeschichten erzählen?« fragte mich Heilgans.

Ob ich das konnte!

Am nächsten Abend, als die Lichter erloschen waren und tiefe

Dunkelheit in den alten Klosterräumen herrschte, erzählte ich eine

Gespenstergeschichte nach der anderen. Ich mußte eigens in den Himmel

kommen und erzählte dort durch die Finsternis.

»Noch eine Geschichte, noch eine,« sagten die Himmelsleute, und ich

erzählte mit halbverhaltener Stimme. Fast fürchtete ich mich vor den

eigenen Geschichten.

Dann brachte Heilgans die Rede auf einige Selbstmorde, die früher im

Seminar passiert waren, und sagte, daß ganz ernsthafte Leute glaubten,

es spuke. Auf dem angrenzenden Kirchboden solle es oft rumoren.

Die »Himmelianer« taten zwar mutig, aber ganz richtig war keinem ums

Herz.

Um Mitternacht nun, als alles schlief, läutete plötzlich durch die

tiefe Stille der bange Ton eines Glöckleins. Es war ein schauriger

Klang. Nur wimmernd und ganz vereinzelt schlug die Glocke an.

»Bim bim!«

Dann lange Pause.

Dann wieder einmal: »Bimm, bimm, bimm!« Und dann wieder minutenlanges

Schweigen.

»Bimm!«

Ein verlorener klagender Ton.

Der ganze »Himmel« wachte auf. Wir hörten Zischeln, leises Sprechen.

Aber es stand keiner auf.

Die Dunkelheit war so tief, der Klang des Glöckleins so sterbensbange,

daß selbst mir die Haut schauderte, obwohl ich wußte, daß Heilgans

und mein Landecker Freund Bartsch heimlich an dem Gasrohr des Himmels

eine kleine Glocke angebracht hatten, von der eine Schnur durch ein

Fensterchen über der Türe zu uns in die Vorhölle lief.

Eine ganze Stunde lang bimmelte die Geisterglocke, und erst als draußen

von einem Turm eine Uhr Eins schlug, hörte der Spuk auf.

Ein paar sonst ganz robuste Burschen aus dem Himmel sagten am nächsten

Morgen, sie hätten kalten Angstschweiß geschwitzt. Das hätte ich mit

meinen verdammten Gespenstergeschichten zuwege gebracht; das Gebimmel

sei grausig gewesen.

Die Sonne brachte die Geisterglocke an den Tag, und der darob

einsetzende Feldzug des uns an Zahl viermal überlegenen Himmels gegen

uns Vorhöllenleute endete mit unserer schweren Niederlage.

»Aber Banausen sind sie doch!« sagte Heilgans, als er sich seine

schmerzenden Gliedmaßen rieb. Mit mir machte er Bruderschaft.

* * * * *

In die Vorhölle siedelten nach und nach lauter der Kunst ergebene

Leute über, und hier entwickelte Heilgans die große Idee der Gründung

eines Königlichen Seminartheaters. Er hatte indes sämtliche Mitglieder

des Kursus auf ihre Theatertalente hin beobachtet und geprüft und

fand, daß nur sechs absolut talentlos waren. Diese bestimmte er zu

Kulissenschiebern, Theaterboten, Portiers und Garderobiers. Es wurde

eine Theaterkommission eingesetzt, und diese ernannte in fulminanten

Dekreten Herrn Arthur Heilgans zum Direktor, Herrn Felix Böttger zum

Oberregisseur, Herrn Paul Keller zum Dramaturgen, Herrn Liersch zum

Kapellmeister, Herrn Eduard Bentzinger zum Theatermaler und technischen

Leiter. Mein Freund Bartsch wurde »Bonvivant«; ein dicker, frischer

Junge, der sonst den Spitznamen »Doppelpunkt« führte, wurde erste

Liebhaberin; Blasel, der damals Meisterschwimmer von Deutschland

war, wurde Heldentenor, der dicke Wurbs komische Alte, Picha erster

Operettenheld, und so erhielt jeder sein Fach und seinen Posten. Das

erste Theaterrequisit, das wir hatten, war ein Kupierrädchen, wie es

bei der Schneiderei gebraucht wird; Blasel hatte es seiner Mutter

gestohlen, und es diente dazu, die Theaterbillette zu »lochen«. Es gab

drei Arten von Plätzen: zu zehn, fünf und zwei Pfennig. Freibillette

wurden nicht ausgegeben, nicht mal an die Kritiker.

Heilgans hielt nun täglich in allen Pausen Vorträge über dramatische

Kunst. Einmal wurde er während einer Studierstunde von dem

revidierenden Lehrer erwischt, als er gerade auf allen Vieren auf dem

Fußboden herumkroch und wie besessen schrie:

»Mein schaudernd Gebein deckt kalter Schweiß!

Was fürcht' ich denn? Mich selbst? Sonst ist hier niemand. Ist hier

ein Mörder? Nein. -- Ja, ich bin hier!«

»Sind Sie verrückt?« fragte der aufs höchste erstaunte Lehrer.

»Entschuldigen -- nein,« stammelte Heilgans; »ich bin bloß

Richard III.«

Der Lehrer war so grausam, dem edlen Shakespeare-Darsteller eine

Stunde Arrest zuzudiktieren. Als er gegangen war, bestieg Heilgans das

Katheder und hielt eine kurze Ansprache:

»Meine Herren! Wer sich der Kunst vermählt hat, wie ich, muß leiden.

Denken Sie an die Karlsschüler; denken Sie daran, wie Schiller unter

dem Unverstand seiner Lehrer und Vorgesetzten gelitten hat. Es ist

immer die alte Geschichte: ›Es liebt die Welt, das Strahlende zu

schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehn.‹ Sie haben gesehen,

wie dieser Pauker mich schwärzen und in den Staub ziehen wollte. Aber

das gelingt ihm nicht. Ich werde meine Stunde Arrest mit Freuden

absitzen, weil es für die Kunst geschieht. Und Schiller, dem ebenfalls

Verfolgten, zu Ehren werden wir zur Eröffnung unseres Königlichen

Seminartheaters ein Schillersches Stück geben, und zwar ›Wallensteins

Tod‹. Dieses Stück erfordert keine große Ausstattung, da es nur in

Zimmern spielt. Ich selbst übernehme die Rolle des Wallenstein, Böttger

spielt den Max Piccolomini, Herr von Schalscha übernimmt die Thekla,

die anderen Rollen werde ich noch verteilen. Meine Herren, wenn Sie den

›Wallenstein‹ richtig erfassen wollen, dann ...«

Der revidierende Lehrer kam zurück.

»Warum stehen Sie auf dem Katheder? Warum sitzen Sie nicht auf Ihrem

Platz und arbeiten?«

»Ich -- ich -- hatte nur einen -- einen kleinen Vortrag über Friedrich

Schiller gehalten.«

»Zwei Stunden Arrest,« entschied der Gestrenge.

Heilgans schlich auf seinen Platz und »arbeitete«. Als aber jemand kam

und glaubwürdig berichtete, der Revisor habe nun bestimmt das Seminar

verlassen, ging Heilgans nach dem Katheder zurück und sagte:

»Meine Herren, entschuldigen Sie die kleine Störung, durch die ich

vorhin abermals unterbrochen wurde. Also, wenn Sie ›Wallenstein‹

richtig auffassen wollen, dann ...«

* * * * *

Mit der »richtigen Auffassung« des »Wallenstein« hatte es seinen Haken.

Nach etwa vierzehn Tagen sagte mir Heilgans:

»Mit dem ganzen Tode von Wallenstein ist es nichts. Die Kerle wollen

nicht genug pauken. Und pauken muß nu ein Schauspieler. Ich habe die

vier ersten Akte gestrichen, und wir geben nur den letzten ...«

Der große Tag nahte. An einem Schornstein unter dem Dach hing ein

vom Theatermaler Bentzinger entworfener riesiger Zettel, auf dem die

Eröffnungsvorstellung angezeigt wurde. Die beiden oberen Klassen

(Ober- und Mittelkursus) waren eingeladen worden. Natürlich gegen

Entree. Sämtliche Plätze gingen schon im Vorverkauf weg. Das Privileg

dazu hatte Blasel, weil er das Kopierrädchen geliefert hatte. Die

Vorstellung fand im geräumigen Himmelssaal statt; die Vorhölle

diente als »Garderobe« und »Foyer«. Die Theaterdiener geleiteten die

Herrschaften zu ihren Plätzen. Alles war in gespannter Erwartung.

Die Bühne wurde durch den hintersten Teil des Himmels, den ein

Rundbogen abschloß gebildet. Ein Kunstwerk an sich war der Vorhang.

Er war aus Schlafdecken hergestellt, die dem Königlich Preußischen

Fiskus gehörten und nun »zusammengestückelt«, auch vielfach mit Löchern

versehen worden waren, damit sich der Vorhang malerisch raffen und

»ziehen« ließ. Gott habe diese alten Decken selig; sie sind im Dienste

erhabener Kunst eines ehrenvollen Todes gestorben.

Ober- und Mittelkursus stellten je einen Kritiker, die, mit

Notizbüchern bewaffnet, in der ersten Reihe saßen. Der Kritiker des

Mittelkursus, ein Herr Wawrok, galt als ein gestrenger Kunstrichter.

Ich habe das auch zu fühlen bekommen.

Die Vorstellung war herrlich. Ich selbst spielte die Rolle des alten

Gordon, aber ich mußte mich sehr zusammennehmen, daß ich meinen Part

stellte; denn Heilgans als Wallenstein riß mich gänzlich hin. Schon

sein Äußeres war gut. Er trug als Wams eine ganz neue »Düffeljacke«

seiner Mutter, einen spitzen Hut, einen richtigen Degen und Stiefel mit

Sporen und großen flatternden Papiermanschetten.

Und wie er sprach! Als er sagte: »Die Hoffnung nenn' ich meine Göttin

noch,« und gar, als er die letzten Worte: »Ich denke einen langen

Schlaf zu tun ...« wie in die Ewigkeit hineinsprach, fühlte ich in

tiefer Erschütterung die Größe dramatischer Kunst.

Allein wie seine Stimme tremolieren konnte -- hinreißend!

Der Beifall war stark und wohlverdient. Am nächsten Tage waren an

den Schornsteinen die handschriftlichen Rezensionen der Kritiker

angeheftet. Herr Wawrok hatte sechs Bogenseiten geschrieben. Er zog

eine geistvolle Parallele zwischen Arthur Heilgans und Ernst von

Possart und wies ganz unparteiisch nach, in welchen Stücken Possart

den Heilgans überrage, aber auch in welchen Punkten Heilgans dem

Münchener Tragöden zweifellos überlegen sei. Jedenfalls -- das stand

selbst diesem scharfen Kritikus fest -- wir lebten mit einem der

größten Tragöden Deutschlands unter einem Dach.

Ich selbst kam schlecht weg. Zunächst bemängelte der Kritiker meine

Garderobe. Er schrieb: »Herr Keller sah als Gordon einem italienischen

Räuberhauptmann viel ähnlicher, als dem würdevollen Kommandanten der

Festung Eger. Überhaupt scheint Herr Keller als Schauspieler nur von

mittlerer Begabung zu sein, dem man wichtigere Rollen an so einem

ernstem Kunstinstitut, wie es das Königliche Seminartheater ist,

nicht anvertrauen sollte. Herr Keller wird gut tun, lieber gar nicht

aufzutreten, sondern zur Kritik überzugehen.«

Und so geschah es auch. Ich wurde wegen Mangel an Talent -- Kritiker.

Als solcher habe ich einen riesigen Einfluß gewonnen und mich sogar zum

Vorsitzenden der Theaterkommission aufgeschwungen, der daran dachte,

Herrn Wawrok als Kritiker »abzusägen«.

* * * * *

Etwa vier Wochen später beauftragte mich der Theaterdirektor Heilgans,

ein eigenes Stück zu dichten.

»Wie lang soll es sein?« fragte ich.

»Drei Akte -- jeder Akt bis fünfzehn Minuten lang.«

»Ernst oder lustig?«

»Beides. Keine Tragödie. Keine Komödie. Ein Schauspiel. Mit

befriedigendem Ausgang. Damenrollen höchstens eine. Für Böttger eine

besonders wirkungsvolle Rolle. Ein Intrigant muß auch drin vorkommen.

In vierzehn Tagen kannst du's wohl machen?«

Ich war in acht Tagen fertig; denn ich hatte es, wie alle jungen

Dichter, sehr eilig, auf die Bühne zu kommen. »Magdalena. Ein

ländliches Schauspiel.« Der rührende Abschied eines Handwerksburschen

von seinem Schatz, einem armen, braven Webermädel. Dann die Not des

Vaters. Als Bewerber um die Maid tritt ein halbidiotischer reicher

Bauernsohn auf (Herr Böttger); dessen Vater ist der Gläubiger des

Webers. Das Mädel mag nicht. Verzweiflungsszenen. Zum Schluß große

Zwangsauktion. Des Webers Häuschen wird versteigert. Ein Fremder

erwirbt es. Er ist -- na, wer kann es auch sonst sein? -- der

heimkehrende besagte Handwerksbursch, der inzwischen reich geworden ist

und nun den »befriedigenden Ausgang« macht.

Es war ein voller Erfolg. Heilgans umarmte mich unter Freudentränen.

Herr Wawrok schrieb: »Der Monolog der ›Magdalena‹ am Anfang war zwar zu

lang, und moderne Dichter sollten überhaupt keine Monologe verwenden,

aber dieser Monolog war nur ein Sonnenfleck; denn das Ganze war eine

Sonne.«

Dieser letzte Satz söhnte mich mit Herrn Wawrok für alle Zeiten aus.

* * * * *

Nach mir und Schiller kam zur Abwechselung mal Theodor Körner dran.

»Das Fischermädchen« wurde aufgeführt. Ich sehe jetzt noch unseren

»Naturburschen« Scholz hinter der Szene Donner und Blitz machen. Die

Blitze machte er mit brennendem Kolophonium, in das er blies. Aber die

Sache funktionierte nicht, und Scholz verbrannte sich so arg den Mund,

daß er während der Vorstellung um Hilfe schrie. Ein reines Wunder ist

es, daß bei unseren künstlerischen Experimenten nicht die ganze morsche

Seminarbude abgebrannt ist. Die Musen haben uns beschützt.

Aus dem Publikum kamen Anträge an die Theaterkommission, daß man

nicht immer nur »klassische Stücke«, sondern auch mal gute Schwänke

und Lustspiele aufführen solle. Heilgans wollte anfangs davon nichts

wissen; denn er trug sich bereits mit Plänen, zur Oper überzugehen,

aber schließlich machte er dem Publikum Konzessionen.

»Ein in Gedanken stehen gebliebener Regenschirm« erweckte Lachstürme

auf den Zweipfennig-Plätzen. Das bessere Publikum auf den

Zehnpfennig-Plätzen hielt sich reservierter, amüsierte sich heimlich

aber auch ganz königlich.

Bei einem Stücke dieser Art geschah es, daß der Naturbursche Scholz

vor der Aufführung vor den Vorhang trat und folgende Rede ans Publikum

hielt:

»Meine Damen und Herren! (Die Damen existierten nur in Scholzens

Phantasie.) Dieses Stück, das wir geben wollen, ist ein

Ausstattungsstück. Wir brauchen dazu ein paar Stiefel, die ganz ganz

sind. Kann jemand ein paar ganz ganze Stiefel pumpen? Er erhält sie

nach der Aufführung gewichst zurück; denn es kommt im Stücke vor, daß

die Stiefel gewichst werden.«

Da sich nicht gleich jemand meldete, zog Scholz mir, der ich als

Kritiker in der ersten Reihe saß, zwangsweise die Stiefel aus und

verschwand damit. Ich erhielt das Schuhwerk nach der Aufführung

teilweise arg mit Wichse bekleistert, aber durchaus in ungewichstem

Zustande zurück und schrieb daher zornerfüllt in meine Kritik: »Der

gestrige Theatertag zeigte, daß das Königliche Seminartheater von

seiner hohen Warte herabsinkt und zu einer Schmiere wird.«

Darauf kehrte Heilgans zu den Klassikern zurück und gab zunächst

»Wilhelm Tell«. Wie hat Böttger den Tell gespielt! Glänzend! Vor dem

Apfelschuß, als er Geßler bestürmte, das grausame Gebot zurückzunehmen,

ja, sein eigenes Leben anbot, zitterte er in seiner Vaterangst so, als

ob er den Veitstanz hätte. Heilgans (Geßler) aber sagte herrisch und

hartherzig: »Iche will dein Leben nicht; iche will den Schoß!«

* * * * *

Da wir unsere Aufführungen zumeist an den freien Nachmittagen hielten,

waren die Lehrer unserem Theater noch nicht auf die Spur gekommen.

Einmal aber, als der Oberkursus Examen hatte, dachten wir, die

Gelegenheit sei günstig, verließen auf den Zehen unsere Studierstube

und schlichen nach dem Himmelssaal, allwo alsbald »Der Lügner und

sein Sohn« über die weltbedeutenden Bretter ging. Mitten im Spiel

erschien ein Warner mit der Schreckenskunde: »Der Oberlehrer kommt

rauf!« Alles meinte, er komme über die Hinterstiege, und eilte nach

der Vordertreppe. Und da lief eben alles dem Oberlehrer in die Hände:

Heilgans als Heldenvater in Schlafrock und Nachtmütze, Böttger als

Stromer, von Schalscha als junges, reizend gekleidetes Fräulein,

Bartsch als Sonntagsjäger mit der Flinte.

Der Oberlehrer war starr. Er wußte sich solche Erscheinungen hier in

den Schlafsälen an einem Unterrichtsvormittag nicht zu erklären und

murmelte: »Bin ich verrückt oder sind Sie verrückt?« Wir stoben zu

unseren Büchern zurück. Nach einer halben Stunde sagte einer: »Der

Blasel hat sich gerade ankleiden wollen und ist in der Angst in den

Unterhosen in die Orgel oben gekrochen.«

Blau gefroren holten wir den Ärmsten aus der Orgel heraus; denn es war

ein Wintertag, und die Orgelstube war ungeheizt.

Das erwartete Donnerwetter blieb zunächst aus. Aber es kam später. Auch

Heilgans hatte ein Stück gedichtet. Es hieß: »Die Axt des Glückes.«

Alle Proben, sogar die Generalprobe, hatte er in der freien Zeit

gehalten; nun ritt ihn aber doch einen Tag vor der Aufführung der

Teufel, noch eine zweite Generalprobe zu halten, und er verschwand

mit seinen Mannen während der vorgeschriebenen Studierzeit nach dem

»Himmel«. Dort erwischte ihn der revidierende Lehrer, meldete diesen

Fall dem Direktor, und dieser sagte am nächsten Tage:

»Ich habe schon lange gewußt, daß Sie Theater spielen; ich weiß, daß

Heilgans der Direktor, Böttger der Regisseur und Keller der Dramaturg

ist. Ich habe gedacht: Wenn die jungen Leute nichts Dümmeres treiben

als sowas, ist's schon gut, und habe nichts gesagt. Ja, ich hab' mich

gefreut. Ich habe gedacht, da gehen die Leute aus sich heraus; es

steckt ein idealer Kern drin, und sie lernen auch was dabei. Da Sie

aber die Arbeitszeit mißbrauchen, verbiete ich das Theaterspielen ein

für alle mal!«

So fiel ein Reif in unsere Frühlingsnacht. Als der Direktor das Zimmer

verlassen hatte, bestieg Heilgans das Katheder und sagte:

»Meine Herren! Eingetretener Umstände halber sehe ich mich gezwungen,

das Amt eines Theaterdirektors, das ich unter Ihnen zu bekleiden so

lange die Ehre und das Vergnügen hatte, niederzulegen. Allein, es muß

augenblicklich etwas geschehen, unser getötetes Kunstleben wieder

lebendig zu machen.«

Wir schickten eine Bittdeputation zum Direktor, die reumütig Abbitte

tat und alles Gute für die Zukunft versprach. Es war umsonst; das

Theaterspielen blieb strengstens untersagt. O, diese unglückliche »Axt

des Glückes«!

* * * * *

Um diese Zeit geschah es, daß Heilgans in Liebe verfiel. Abends,

wenn er in seinem Bette, dicht an der Feueresse lag, fing er an zu

philosophieren, und seine Gedanken bewegten sich immer in demselben

Zirkel: »Lieben kann man bloß jemanden, den man kennt. Sie kennt mich

nicht; folglich kann sie mich auch nicht lieben.«

»Sie« hatte Heilgans in der Singakademie gesehen, wo wir unsere Übungen

hatten. Sie war die Tochter eines Stadtrates, ein schönes, stolzes

Fräulein von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Heilgans war neunzehn.

Heilgans entwarf nun einen Plan, wie er sich seiner Holden bekannt

machen könne, und sagte eines Abends:

»Kinder, ich mach' es einfach so: ich gehe an ihre Entreetür, klingele,

und wenn sie herauskommt, frage ich sie, ob in dem Hause nicht ein

Doktor Linke wohne. Na, da gibt dann ein Wort das andere. Aber klappen

muß es. Wie im Theater. Proben muß man! Wer von Euch spielt mal das

Fräulein Grete?«

Keiner erbot sich dazu.

»Nun, da probe ich allein,« sagte Heilgans, der das Theaterspielen nun

mal nicht lassen konnte. Er schleppte ein Tafelgestell in die Nähe

der Tür, sagte, daß er sich unter diesem Gestell sein Fräulein Grete

vorstelle, und guckte dann zur Tür herein:

»Ach Verzeihung, gnädiges Fräulein, wohnt in diesem Hause nicht ein

Doktor Linke?«

Flugs stand er darauf hinter dem Gestell und antwortete mit hoher

Diskantstimme:

»Nein, mein Herr, ich glaube, in diesem Hause wohnt kein Doktor Linke.«

»Das ist sehr schade, mein gnädiges Fräulein, daß in diesem Hause

kein Doktor Linke wohnt. Ich hätte mir auch nicht erlaubt zu fragen

nach diesem Doktor Linke, aber ich kenne das gnädige Fräulein von der

Singakademie her.«

»Ach, das trifft sich ja gut!«

So wurde der Dialog fortgesetzt, bis sie ihn einlud, »doch mal

näherzutreten«.

Leider ist die Aufführung dieser Szene anders ausgefallen als die

Probe. Denn als Heilgans wirklich an der Tür des Stadtrats läutete, kam

nicht die Tochter, sondern der Vater öffnen. Außerdem aber erschien

eine riesige Dogge, die dem liebebrennenden Mann mit dem etwas

schlechten Gewissen Schrecken einjagte. Der Schluß war, daß Heilgans

dem Stadtrat die auf die Straße entwischte Dogge einfangen helfen

mußte, das Töchterlein aber nicht sah. Gebrochen kam der Jüngling heim.

Ernst ist das Leben, heiter allein die Kunst.

* * * * *

Es war tief in der Nacht. Irgendwo in der Ferne summte wohl noch das

Lied der Großstadt; im Seminar war Totenstille, selbst die Vorhölle

»schlief in himmlischer Ruh«.

Ach, was ist der Schlaf in so jungen Jahren tief und süß! Unser

Theatermaler Bentzinger schlief so gern, daß er uns bat, ihn jedesmal

zu wecken, wenn mal einer erwache, und ihm dann zu sagen, wie spät es

sei. »Es ist mir allerhöchste Wonne,« sagte Bentzinger, »wenn mich

jemand um zwei Uhr in der Nacht weckt und mir sagt: jetzt darfst du

noch dreieinhalb Stunden schlafen!«

So wurde Bentzinger wirklich fast in jeder Nacht geweckt, oft zwei-

oder dreimal, und er war immer dankbar für solchen Freundschaftsdienst.

In dieser Nacht wurde auch ich geweckt. Heilgans saß auf meiner

Bettkante und seufzte tief und schwer. Ich aber war unwirsch ob der

Störung und sagte:

»Heilgans, laß mich jetzt bloß mit deiner Stadtratstochter in Ruh'.

Jetzt will ich schlafen. Du kannst mir doch deinen Kummer bei Tage

klagen.«

»Es ist nicht die Grete, die mich nicht schlafen läßt,« entgegnete

Heilgans, »sondern ich habe einen schwereren Kummer. Das Theater! Wir

müssen wieder Theater spielen.«

»Das geht doch nicht!«

»O ja, es muß gehen. Du mußt ein neues Stück schreiben, und wir führen

es auf und laden den Direktor dazu ein.«

»Du bist verrückt!«

»Mit nichten! Hör' zu. Der Alte' gibt doch bei uns Psychologie. Du

mußt nun ein Thema aus der Psychologie nehmen und dem Alten vorreden,

dieses Thema hätte dich in seinem Unterricht so kolossal interessiert,

daß du gar nicht hättest anders können, du hättest müssen ein Stück

machen, und das solle er sich mal ansehen. Es wäre uns gar nicht um das

Theaterspielen, es wäre uns bloß um die Psychologie zu tun.«

»Denkst wohl, der Alte ist so dumm, daß er das glaubt?«

»Das glaubt er bestimmt; denn er wird sich geschmeichelt fühlen, und

wenn sich jemand geschmeichelt fühlt, glaubt er alles.«

»Psychologie! Das ist verdammt schwer!«

»Na, du brauchst ja nicht gerade über die Induktion oder die

Apperzeption oder solches Gemäre zu dichten. Such' dir halt was. Und in

acht Tagen muß es fertig sein. Da beginnen die Proben. Ich und Böttger

machen die Hauptrollen. Schalscha muß auch 'ne Rolle kriegen und der

Schlolaut auch. Den müssen wir jetzt mal öfters herausstellen. 'n ganz

gutes Talent. Und nu denk' nach! Mich friert. Ich weck' jetzt bloß noch

den Bentzinger, dann kriech' ich wieder in die Klappe.«

Er schlich davon.

»Bentzinger, wach' auf! Es is dreivierteleins. Fünf Stunden kannst du

noch schlafen.«

Bentzinger dehnte sich wohlig. Da sagte ihm Heilgans noch: »Der Keller

macht bis über acht Tage 'n psychologisches Drama. Mit dem schlagen wir

den Alten breit.«

»Da will ich auch mitspielen,« sagte Bentzinger und schlief

augenblicklich wieder ein. Ich aber wälzte mich nun schlaflos im Bett.

Heilgans hatte mir keinen schlechten Wurm in den Kopf gesetzt. Ein

psychologisches Stück. Für fünf Personen. In acht Tagen. Das war kein

Pappenstiel. Und ein solches Stück, das den Direktor milde stimmen

sollte! Aber gerade die Grenze, die meiner künstlerischen Freiheit mit

den fünf Personen gesteckt war, brachte mich rasch auf einen Gedanken.

Ich sprang aus dem Bett und rüttelte Heilgansen munter: »Ich hab's! Ich

hab's schon! Die vier Temperamente! Und der fünfte, der macht einen

Gemischt-temperamentigen.«

Heilgans rieb sich die Augen.

»Die vier Temperamente? Ja, was -- was hab' ich denn eigentlich für 'n

Temperament?«

»Du machst den Melancholiker. Das mußt du ja jetzt nach deiner

verkrachten Liebe tadellos können. Der Böttger macht den Phlegmatiker.«

»Großartig!« schrie Heilgans begeistert, hüpfte aus dem Bett und sprang

zu Böttgers Lager.

»Böttger, altes Murmeltier, wach' auf; du spielst den Phlegmatiker!«

Böttger begriff nicht, wieso der Phlegmatiker in seine Nachtruhe

platzte, als er aber alles gehört hatte, gesellte er sich zu uns

beiden, und wir weckten noch den Schalscha, dem wir klar machten, daß

er ein tobender Choleriker, sei, und der uns auch wirklich ob der

Störung mächtig anschnauzte, den Schlolaut, dem wir erklärten, daß

er »gemischttemperamentig« sei, und den Picha, der den Sanguiniker

übernehmen sollte. Zuletzt weckten wir den Bentzinger. Der aber hörte

von allem nichts, fragte nur, wie spät es sei, rechnete aus, wie lange

er noch schlafen könne, und legte sich selig auf die andere Seite.

* * * * *

»Herr Direktor! Es ist uns nicht um das Theaterspielen. Es ist

uns bloß um die Psychologie. Ihr Vortrag über die Temperamente

hat mich so interessiert, daß es mir keine Ruhe ließ, bis ich ein

Charakterlustspiel gemacht hatte.«

»Was haben Sie gemacht?«

»Ein Charakterlustspiel in einem Akt.«

Der Direktor blinzelte mich an, was so aussah wie: »Spiegelberg, ich

kenn dich!« -- aber er sagte:

»Na, was für einen Gedanken haben Sie denn Ihrem Stück zugrunde

gelegt?«

»Daß reine Temperamente nicht nebeneinander existieren können, daß

sie zu Zank und Streit kommen müssen, daß der gemischt-temperamentige

Mensch der glücklichste ist.«

Er brummte befriedigt und sagte: »Na, da legen Sie mir mal Ihr Heft

vor.«

Ich holte das Heft, und am selben Abend rief mich der Direktor aus dem

Studierzimmer und sagte:

»Spielen Sie das Stück. Aber nicht oben im Schlafsaal. Unten im großen

Musiksaal. Ich werde es mir ansehen. Und die Herren Seminarlehrer laden

Sie auch ein. Jetzt sagen Sie es den anderen; aber machen Sie es mit

dem Indianertanz, der ja nun doch kommen wird, gelinde!«

Es war wirklich ein prächtiger »Alter«, dieser Seminardirektor Ziron.

Er wußte, daß wir ihn besiegt hatten, und lud uns zu dem Siegestanze

selber ein.

Vielleicht würde er die Erlaubnis aber nicht gegeben haben, wenn er

geahnt hätte, daß Böttger und Heilgans in ihrem Enthusiasmus zu einem

richtigen »Coiffeur« gingen, sich dort kunstgerecht schminken und

zurichten ließen und dann -- Böttger als kahlköpfiger, dickbauchiger

Gastwirt, Heilgans als Dorfpoet mit Vatermördern und wallender

Haarmähne -- auf den Straßen Breslaus zum Erstaunen des Publikums

lustwandelten. Die beiden Künstler erreichten glücklich das Seminar,

ehe sie ein Schutzmann wegen Erregung von Straßenaufläufen und groben

Unfugs einsperrte. Sie spielten am Abend glänzend. Mir als Autor

schlug das Herz bis an den Hals vor Freude und Bewunderung. Das ganze

Seminarlehrerkollegium, der Direktor an der Spitze, war erschienen,

auch ihre Damen hatten die Herren mitgebracht. Und sämtliche

Seminaristen waren da; darunter die Kritiker mit heimlich benutzten

Notizbüchern. Böttger, als Phlegmatiker, klagte während des ganzen

Stückes über seine »Beene, die ihm so weh täten,« und noch Monate

später, ehe wir das Seminar überhaupt verließen, sagte der Direktor:

»Böttger, ich wünsche Ihnen, daß Ihnen auf all Ihren Lebenswegen

niemals die Beene weh tun mögen.« Aber auch die anderen leisteten

Vorzügliches. Heilgans als melancholischer Dorfpoet erntete Stürme

von Beifall. Das Endergebnis war: das Theaterverbot war endgültig

aufgehoben.

* * * * *

Heilgansens Geburtstag kam. Wir sagten ihm, daß wir zur Feier des Tages

ein »Festspiel« geben wollten; er möge einen Wunsch äußern. Da wählte

sich der Schalk -- die Venusbergszene aus dem »Tannhäuser«. Das ging

etwas über die Kräfte des Königlichen Seminartheaters. Aber »gegeben«

wurde der »Tannhäuser« doch. In einem Klavierzimmer, in dem auch

Kleiderschränke standen. Musikmeister Liersch gab den Orchesterpart

tadellos; Blasel war ein hellstimmiger Tannhäuser; dagegen rackerte

sich der dicke Veith, der auf einem Strohsack lag, vergebens ab, eine

verführerische Venus zu sein. Auch die »Nymphen« im Hintergrund waren

unter der Kanone; der Naturbursche Scholz, der sich ebenfalls zu einer

Nymphenrolle gedrängt hatte, hüpfte und sprang wie ein Waldschrat

umher. Für Heilgans aber, den Gefeierten des Tages, war auf einem

Kleiderschrank ein »Logenplatz« errichtet, auf dem er thronte. Von da

oben sah er mit einem Operngucker interessiert auf die Bühne, und in

der Pause »erging« er sich, indem er von einem Kleiderschrank auf den

anderen stieg.

Von seiner »Loge« aus hielt er auch eine Rede an die Künstler und das

Publikum, in der er sagte: »Neunzehnmal habe ich den ›Tannhäuser‹

gesehen; ganz genossen habe ich ihn aber erst heute.«

* * * * *

Auch mein Geburtstag kam. An den Feueressen prangten große Zettel:

»Festvorstellung. ›Magdalenens‹ Premiere in Posemuckel. Festspiel in

zwei Akten von Arthur Heilgans«. Das Stück, das der alte Freund mir

zu Ehren gedichtet hatte, spielte bei einer kleinen Theatertruppe in

Posemuckel, der es erbärmlich schlecht ging und die sich durch eine

wohlgelungene Aufführung der »Magdalena« (meines Erstlingsstückes)

finanziell rettete. Am Schluß des Stückes kam der Laternenanzünder zum

Direktor und sagte: »Herr Direktor, der Dichter ist in unserm Theater!«

»Holt ihn,« rief der Direktor, »wir müssen ihm danken, daß er unser

Theater aus schwerer Not errettet hat.«

Und nun wurde ich -- der von allem keine Ahnung hatte -- auf die Bühne

geholt, und ich erhielt meinen ersten Kranz. »Paul Keller zum 19.

Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden.«

Wenn ich mein ganzes Leben überschaue, ich weiß nicht viele

Augenblicke, die so tief an mein Herz rührten wie jener. Ein

betäubender Duft stieg aus dem Kranz, den ich in Händen hielt, in meine

junge Seele. Heilgans und Böttger standen in ihren Kostümen neben mir.

Aber als sie zu mir sprachen fiel alle Theaterei von ihnen ab; die

ganze Treue ihrer Herzen, der ganze goldene Idealismus ihrer Jugend

sprach aus ihren Worten.

* * * * *

Ehe wir aus dem Seminar schieden, beschlossen Heilgans, Böttger und

ich, uns photographieren zu lassen. Natürlich »in Kostüm«. Ich machte

Pläne, Böttger auch, aber Heilgans sagte: »Nur der Faust' ist unser

würdig. Wir werden uns nach dem Vorspiel zum ›Faust‹ photographieren

lassen als Theaterdirektor, Theaterdichter und Lustige Person.«

So taten wir. Neben dem blauen Bande des Kranzes, den ich damals

erhielt und das noch heute an der Wand meines Arbeitszimmers hängt,

bildet das Bild ein Erinnerungszeichen an jene schöne Zeit.

Glückselige Zeit! Vielleicht brummt mancher Philister, wir hätten zu

viel Zeit »vertändelt«. Er hat unrecht. Vieles, was ich als »unbedingt

notwendig« in der Schule lernte, ist längst unter toter Asche

versunken; aber was ich im jungseligen idealen Kunstdienst unseres

Königlichen Seminartheaters erwarb, besitze ich noch jetzt.

Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein · 第 8 / 50 题