Es ist schwer und verantwortungsvoll, von Fedor Michailowitsch
Dostojewski und seiner Bedeutung für unsere innere Welt würdig zu
sprechen, denn dieses Einzigen Weite und Gewalt will ein neues Maß.
Ein umschlossenes Werk, einen Dichter vermeinte erstes Nahen zu finden
und entdeckt Grenzenloses, einen Kosmos mit eigen kreisenden Gestirnen
und anderer Musik der Sphären. Mutlos wird der Sinn, diese Welt jemals
restlos zu durchdringen: zu fremd ist erster Erkenntnis ihre Magie, zu
weit ins Unendliche verwölkt ihr Gedanke, zu fremd ihre Botschaft, als
daß die Seele unvermittelt aufschauen könnte in diesen neuen wie in
heimatlichen Himmel. Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen
erlebt. Im tiefsten müssen wir die eigene Kraft des Mitfühlens und
Mitleidens erst prüfen und stählen zu einer neuen gesteigerten
Empfänglichkeit: bis zu den untersten geheimsten Wurzeln unseres Wesens
müssen wir graben, um die Zusammenhänge mit seiner erst phantastischen
und dann wundervoll wahren Menschlichkeit zu entdecken. Nur dort, ganz
im Untersten, im Ewigen und Unabänderlichen unseres Seins, Wurzel in
Wurzel, können wir uns Dostojewski zu verbinden hoffen; denn wie fremd
scheint äußerem Blick diese russische Landschaft, die, wie die Steppen
seiner Heimat, weglose und wie wenig Welt von unserer Welt! Nichts
Freundliches umfriedet dort lieblich den Blick, selten rät eine sanfte
Stunde zur Rast. Mystische Dämmerung des Gefühls, trächtig von Blitzen,
wechselt mit einer frostigen, oft eisigen Klarheit des Geistes, statt
warmer Sonne flammt vom Himmel ein geheimnisvoll blutendes Nordlicht.
Urweltlandschaft, mystische Welt hat man mit Dostojewskis Sphäre
betreten, uralt und jungfräulich zugleich, und süßes Grauen schlägt
einem entgegen wie vor jeder Nahheit ewiger Elemente. Bald schon sehnt
sich Bewunderung gläubig zu verweilen, und doch warnt eine Ahnung das
ergriffene Herz, hier dürfe es nicht heimisch werden für immer, müsse
es doch wieder zurück in unsere wärmere, freundlichere, aber auch
engere Welt. Zu groß ist, spürt man beschämt, diese erzene Landschaft
für den täglichen Blick, zu stark, zu beklemmend diese bald eisige,
bald feurige Luft für den zitternden Atem. Und die Seele würde fliehen
vor der Majestät solchen Grauens, wäre nicht über dieser unerbittlich
tragischen, entsetzlich irdischen Landschaft ein unendlicher Himmel der
Güte sternenklar ausgespannt, Himmel auch unserer Welt, doch höher ins
Unendliche gewölbt in solchem scharfen geistigen Frost, als in unseren
linden Zonen. Beruhigter Aufblick aus dieser Landschaft zu ihrem Himmel
spürt erst die unendliche Tröstung dieser unendlichen irdischen Trauer,
und ahnt im Grauen die Größe, im Dunkel den Gott.
Nur solcher Aufblick zu seinem letzten Sinne vermag unsere Ehrfurcht
vor dem Werke Dostojewskis in eine brennende Liebe zu verwandeln, nur
der innerste Einblick in seine Eigenheit das Tiefbrüderliche, das
Allmenschliche dieses russischen Menschen uns klarzutun. Aber wie weit
und wie labyrinthisch ist dieser Niederstieg bis zum innersten Herzen
des Gewaltigen; machtvoll in seiner Weite, schreckhaft durch seine
Ferne, wird dies einzige Werk in gleichem Maße geheimnisvoller, als wir
von seiner unendlichen Weite in seine unendliche Tiefe zu dringen
suchen. Denn überall ist es mit Geheimnis getränkt. Von jeder seiner
Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des
Irdischen, jeder Aufschwung ins Geistige rührt mit seiner Schwinge bis
an Gottes Antlitz. Hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz
seiner Menschen, jeder Falte seiner Verhüllungen liegt die ewige Nacht
und glänzt das ewige Licht: denn Dostojewski ist durch Lebensbestimmung
und Schicksalsgestaltung allen Mysterien des Seins restlos verschwistert.
Zwischen Tod und Wahnsinn, Traum und brennend klarer Wirklichkeit steht
seine Welt. Überall grenzt sein persönliches Problem an ein unlösbares
der Menschheit, jede einzelne belichtete Fläche spiegelt Unendlichkeit.
Als Mensch, als Dichter, als Russe, als Politiker, als Prophet: überall
strahlt sein Wesen von ewigem Sinn. Kein Weg führt an sein Ende, keine
Frage bis in den untersten Abgrund seines Herzens. Nur Begeisterung darf
ihm nahen, und auch sie nur demütig in der Beschämung, geringer zu sein
als seine eigene liebende Ehrfurcht vor dem Mysterium des Menschen.
Er selbst, Dostojewski, hat niemals die Hand gerührt, um uns an sich
heranzuhelfen. Die anderen Baumeister des Gewaltigen in unserer
Zeit offenbarten ihren Willen. Wagner legte neben sein Werk die
programmatische Erläuterung, die polemische Verteidigung, Tolstoi riß
alle Türen seines täglichen Lebens auf, jeder Neugier Zutritt, jeder
Frage Rechenschaft zu geben. Er aber, Dostojewski, verriet seine
Absicht nie anders als im vollendeten Werk, die Pläne verbrannte er in
der Glut der Schöpfung. Schweigsam und scheu war er ein Leben lang,
kaum das Äußerliche, das Körperliche seiner Existenz ist zwingend
bezeugt. Freunde besaß er nur als Jüngling, der Mann war einsam: wie
Verminderung seiner Liebe zur ganzen Menschheit schien es ihm,
einzelnen sich hinzugeben. Auch seine Briefe verraten nur Notdurft der
Existenz, Qual des gefolterten Körpers, alle haben sie verschlossene
Lippen, so sehr sie Klage und Notruf sind. Viele Jahre, seine ganze
Kindheit sind von Dunkel umschattet, und schon heute ist er, dessen
Blick manche in unserer Zeit noch brennen sahen, menschlich etwas ganz
Fernes und Unsinnliches geworden, eine Legende, ein Heros und ein
Heiliger. Jenes Zwielicht von Wahrheit und Ahnung, das die erhabenen
Lebensbilder Homers, Dantes und Shakespeares umwittert, entirdischt uns
auch sein Antlitz. Nicht aus Dokumenten, sondern einzig aus wissender
Liebe läßt sich sein Schicksal gestalten.
Allein also und führerlos muß man hinab in das Herz dieses Labyrinths
zu tasten suchen und den Faden Ariadnes, der Seele, vom Knäuel der
eigenen Lebensleidenschaft ablösen. Denn je tiefer wir uns in ihn
versenken, desto tiefer fühlen wir uns selbst. Nur wenn wir an unser
wahres allmenschliches Wesen hinangelangen, sind wir ihm nah. Wer viel
von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm, der oder keiner das
letzte Maß aller Menschlichkeit gewesen. Und dieser Gang in sein Werk
führt durch alle Purgatorien der Leidenschaft, durch die Hölle der
Laster, führt über alle Stufen irdischer Qual: Qual des Menschen, Qual
der Menschheit, Qual des Künstlers und der letzten, der grausamsten,
der Gottesqual. Dunkel ist der Weg, und von innen muß man glühen in
Leidenschaft und Wahrheitswillen, um nicht in die Irre zu gehen: unsere
eigene Tiefe erst müssen wir durchwandern, ehe wir uns in die seine
wagen. Er sendet keine Boten, einzig das Erlebnis führt Dostojewski zu.
Und er hat keine Zeugen, keine anderen als des Künstlers mystische
Dreieinheit in Fleisch und Geist: sein Antlitz, sein Schicksal und sein
Werk.