Dies, daß Tonio Kröger sich an die lustige Inge Holm verlor,

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Tonio Kröger

von

Thomas Mann

1921

S. Fischer / Verlag / Berlin

23. bis 33. Auflage

Illustrationen von Erich M. Simon

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

[Illustration]

1.

Die Wintersonne stand nur als armer Schein, milchig und matt hinter

Wolkenschichten über der engen Stadt. Naß und zugig war's in den

giebeligen Gassen, und manchmal fiel eine Art von weichem Hagel, nicht

Eis, nicht Schnee.

Die Schule war aus. Über den gepflasterten Hof und heraus aus der

Gatterpforte strömten die Scharen der Befreiten, teilten sich und

enteilten nach rechts und links. Große Schüler hielten mit Würde ihr

Bücherpäckchen hoch gegen die linke Schulter gedrückt, indem sie mit dem

rechten Arm wider den Wind dem Mittagessen entgegen ruderten; kleines

Volk setzte sich lustig in Trab, daß der Eisbrei umherspritzte und die

Siebensachen der Wissenschaft in den Seehundsränzeln klapperten. Aber

hie und da riß alles mit frommen Augen die Mützen herunter vor dem

Wotanshut und dem Jupiterbart eines gemessen hinschreitenden

Oberlehrers ...

»Kommst du endlich, Hans?« sagte Tonio Kröger, der lange auf dem

Fahrdamm gewartet hatte; lächelnd trat er dem Freunde entgegen, der im

Gespräch mit anderen Kameraden aus der Pforte kam und schon im Begriffe

war, mit ihnen davon zu gehen ... »Wieso?« fragte er und sah Tonio

an.... »Ja, das ist wahr! Nun gehen wir noch ein bißchen.«

Tonio verstummte, und seine Augen trübten sich. Hatte Hans es vergessen,

fiel es ihm erst jetzt wieder ein, daß sie heute mittag ein wenig

zusammen spazieren gehen wollten? Und er selbst hatte sich seit der

Verabredung beinahe unausgesetzt darauf gefreut!

»Ja, adieu, ihr!« sagte Hans Hansen zu den Kameraden. »Dann gehe ich

noch ein bißchen mit Kröger.« -- Und die beiden wandten sich nach links,

indes die anderen nach rechts schlenderten.

Hans und Tonio hatten Zeit, nach der Schule spazieren zu gehen, weil sie

beide Häusern angehörten, in denen erst um vier Uhr zu Mittag gegessen

wurde. Ihre Väter waren große Kaufleute, die öffentliche Ämter

bekleideten und mächtig waren in der Stadt. Den Hansens gehörten schon

seit manchem Menschenalter die weitläufigen Holzlagerplätze drunten am

Fluß, wo gewaltige Sägemaschinen unter Fauchen und Zischen die Stämme

zerlegten. Aber Tonio war Konsul Krögers Sohn, dessen Getreidesäcke mit

dem breiten schwarzen Firmendruck man Tag für Tag durch die Straßen

kutschieren sah; und seiner Vorfahren großes altes Haus war das

herrschaftlichste der ganzen Stadt ... Beständig mußten die Freunde, der

vielen Bekannten wegen, die Mützen herunternehmen, ja, von manchen

Leuten wurden die Vierzehnjährigen zuerst gegrüßt ...

Beide hatten die Schulmappen über die Schultern gehängt, und beide waren

sie gut und warm gekleidet; Hans in eine kurze Seemanns-Überjacke, über

welcher auf Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen seines

Marineanzuges lag, und Tonio in einen grauen Gurtpaletot. Hans trug eine

dänische Matrosenmütze mit schwarzen Bändern, unter der ein Schopf

seines bastblonden Haares hervorquoll. Er war außerordentlich hübsch und

wohlgestaltet, breit in den Schultern und schmal in den Hüften, mit

freiliegenden und scharf blickenden stahlblauen Augen. Aber unter Tonios

runder Pelzmütze blickten aus einem brünetten und ganz südlich scharf

geschnittenen Gesicht dunkle und zart umschattete Augen mit zu schweren

Lidern träumerisch und ein wenig zaghaft hervor ... Mund und Kinn waren

ihm ungewöhnlich weich gebildet. Er ging nachlässig und ungleichmäßig,

während Hansens schlanke Beine in den schwarzen Strümpfen so elastisch

und taktfest einherschritten ...

Tonio sprach nicht. Er empfand Schmerz. Indem er seine etwas schräg

stehenden Brauen zusammenzog und die Lippen zum Pfeifen gerundet hielt,

blickte er seitwärts geneigten Kopfes ins Weite. Diese Haltung und Miene

war ihm eigentümlich.

Plötzlich schob Hans seinen Arm unter den Tonios und sah ihn dabei von

der Seite an, denn er begriff sehr wohl, um was es sich handelte. Und

obgleich Tonio auch bei den nächsten Schritten noch schwieg, so ward er

doch auf einmal sehr weich gestimmt.

»Ich hatte es nämlich nicht vergessen, Tonio,« sagte Hans und blickte

vor sich nieder auf das Trottoir, »sondern ich dachte nur, daß heute

doch wohl nichts daraus werden könnte, weil es ja so naß und windig ist.

Aber mir macht das gar nichts, und ich finde es famos, daß du trotzdem

auf mich gewartet hast. Ich glaubte schon, du seist nach Hause gegangen,

und ärgerte mich ...«

Alles in Tonio geriet in eine hüpfende und jubelnde Bewegung bei diesen

Worten.

»Ja, wir gehen nun also über die Wälle!« sagte er mit bewegter Stimme.

»Über den Mühlenwall und den Holstenwall, und so bringe ich dich nach

Hause, Hans ... Bewahre, das schadet gar nichts, daß ich dann meinen

Heimweg allein mache; das nächste Mal begleitest du mich.«

Im Grunde glaubte er nicht sehr fest an das, was Hans gesagt hatte, und

fühlte genau, daß jener nur halb so viel Gewicht auf diesen Spaziergang

zu zweien legte wie er. Aber er sah doch, daß Hans seine Vergeßlichkeit

bereute und es sich angelegen sein ließ, ihn zu versöhnen. Und er war

weit von der Absicht entfernt, die Versöhnung hintanzuhalten ...

Die Sache war die, daß Tonio Hans Hansen liebte und schon vieles um ihn

gelitten hatte. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muß

leiden, -- diese schlichte und harte Lehre hatte seine vierzehnjährige

Seele bereits vom Leben entgegengenommen; und er war so geartet, daß er

solche Erfahrungen wohl vermerkte, sie gleichsam innerlich aufschrieb

und gewissermaßen seine Freude daran hatte, ohne sich freilich für seine

Person danach zu richten und praktischen Nutzen daraus zu ziehen. Auch

war es so mit ihm bestellt, daß er solche Lehren weit wichtiger und

interessanter achtete, als die Kenntnisse, die man ihm in der Schule

aufnötigte, ja, daß er sich während der Unterrichtsstunden in den

gotischen Klassengewölben meistens damit abgab, solche Einsichten bis

auf den Grund zu empfinden und völlig auszudenken. Und diese

Beschäftigung bereitete ihm eine ganz ähnliche Genugtuung, wie wenn er

mit seiner Geige (denn er spielte die Geige) in seinem Zimmer umherging

und die Töne, so weich, wie er sie nur hervorzubringen vermochte, in das

Plätschern des Springstrahles hinein erklingen ließ, der drunten im

Garten unter den Zweigen des alten Walnußbaumes tänzelnd emporstieg ...

Der Springbrunnen, der alte Walnußbaum, seine Geige und in der Ferne das

Meer, die Ostsee, deren sommerliche Träume er in den Ferien belauschen

durfte, diese Dinge waren es, die er liebte, mit denen er sich gleichsam

umstellte und zwischen denen sich sein inneres Leben abspielte, Dinge,

deren Namen mit guter Wirkung in Versen zu verwenden sind und auch

wirklich in den Versen, die Tonio Kröger zuweilen verfertigte, immer

wieder erklangen.

Dieses, daß er ein Heft mit selbstgeschriebenen Versen besaß, war durch

sein eigenes Verschulden bekannt geworden und schadete ihm sehr, bei

seinen Mitschülern sowohl wie bei den Lehrern. Dem Sohne Konsul Krögers

schien es einerseits, als sei es dumm und gemein, daran Anstoß zu

nehmen, und er verachtete dafür sowohl die Mitschüler wie die Lehrer,

deren schlechte Manieren ihn obendrein abstießen, und deren persönliche

Schwächen er seltsam eindringlich durchschaute. Andererseits aber

empfand er selbst es als ausschweifend und eigentlich ungehörig, Verse

zu machen, und mußte all denen gewissermaßen recht geben, die es für

eine befremdende Beschäftigung hielten. Allein das vermochte ihn nicht,

davon abzulassen....

[Illustration]

Da er daheim seine Zeit vertat, beim Unterricht langsamen und

abgewandten Geistes war und bei den Lehrern schlecht angeschrieben

stand, so brachte er beständig die erbärmlichsten Zensuren nach Hause,

worüber sein Vater, ein langer, sorgfältig gekleideter Herr mit

sinnenden blauen Augen, der immer eine Feldblume im Knopfloch trug, sich

sehr erzürnt und bekümmert zeigte. Der Mutter Tonios jedoch, seiner

schönen, schwarzhaarigen Mutter, die Consuelo mit Vornamen hieß und

überhaupt so anders war als die übrigen Damen der Stadt, weil der Vater

sie sich einstmals von ganz unten auf der Landkarte heraufgeholt hatte,

-- seiner Mutter waren die Zeugnisse grundeinerlei ...

Tonio liebte seine dunkle und feurige Mutter, die so wunderbar den

Flügel und die Mandoline spielte, und er war froh, daß sie sich ob

seiner zweifelhaften Stellung unter den Menschen nicht grämte.

Andererseits aber empfand er, daß der Zorn des Vaters weit würdiger und

respektabler sei, und war, obgleich er von ihm gescholten wurde, im

Grunde ganz einverstanden mit ihm, während er die heitere

Gleichgültigkeit der Mutter ein wenig liederlich fand. Manchmal dachte

er ungefähr: Es ist gerade genug, daß ich bin, wie ich bin, und mich

nicht ändern will und kann, fahrlässig, widerspenstig und auf Dinge

bedacht, an die sonst niemand denkt. Wenigstens gehört es sich, daß man

mich ernstlich schilt und straft dafür, und nicht mit Küssen und Musik

darüber hinweggeht. Wir sind doch keine Zigeuner im grünen Wagen,

sondern anständige Leute, Konsul Krögers, die Familie der Kröger ...

Nicht selten dachte er auch: Warum bin ich doch so sonderlich und in

Widerstreit mit allem, zerfallen mit den Lehrern und fremd unter den

anderen Jungen? Siehe sie an, die guten Schüler und die von solider

Mittelmäßigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine

Verse und denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut

aussprechen kann. Wie ordentlich und einverstanden mit allem und

jedermann sie sich fühlen müssen! Das muß gut sein ... Was aber ist mit

mir, und wie wird dies alles ablaufen?

Diese Art und Weise, sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu

betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen.

Er liebte ihn zunächst, weil er schön war; dann aber weil er in allen

Stücken als sein eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien. Hans Hansen

war ein vortrefflicher Schüler und außerdem ein frischer Gesell, der

ritt, turnte, schwamm wie ein Held und sich der allgemeinen Beliebtheit

erfreute. Die Lehrer waren ihm beinahe mit Zärtlichkeit zugetan, nannten

ihn mit Vornamen und förderten ihn auf alle Weise, die Kameraden waren

auf seine Gunst bedacht, und auf der Straße hielten ihn Herren und Damen

an, faßten ihn an dem Schopfe bastblonden Haares, der unter seiner

dänischen Schiffermütze hervorquoll und sagten: »Guten Tag, Hans Hansen,

mit deinem netten Schopf! Bist du noch Primus? Grüß' Papa und Mama, mein

prächtiger Junge ...«

So war Hans Hansen, und seit Tonio Kröger ihn kannte, empfand er

Sehnsucht, sobald er ihn erblickte, eine neidische Sehnsucht, die

oberhalb der Brust saß und brannte. Wer so blaue Augen hätte, dachte er,

und so in Ordnung und glücklicher Gemeinschaft mit aller Welt lebte, wie

du! Stets bist du auf eine wohlanständige und allgemein respektierte

Weise beschäftigt. Wenn du die Schulaufgaben erledigt hast, so nimmst du

Reitstunden oder arbeitest mit der Laubsäge, und selbst in den Ferien,

an der See, bist du vom Rudern, Segeln und Schwimmen in Anspruch

genommen, indes ich müßiggängerisch und verloren im Sande liege und auf

die geheimnisvoll wechselnden Mienenspiele starre, die über des Meeres

Antlitz huschen. Aber darum sind deine Augen so klar. Zu sein wie du ...

Er machte nicht den Versuch, zu werden wie Hans Hansen, und vielleicht

war es ihm nicht einmal sehr ernst mit diesem Wunsche. Aber er begehrte

schmerzlich, so, wie er war, von ihm geliebt zu werden, und er warb um

seine Liebe auf seine Art, eine langsame und innige, hingebungsvolle,

leidende und wehmütige Art, aber von einer Wehmut, die tiefer und

zehrender brennen kann als alle jähe Leidenschaftlichkeit, die man von

seinem fremden Äußern hätte erwarten können.

Und er warb nicht ganz vergebens, denn Hans, der übrigens eine gewisse

Überlegenheit an ihm achtete, eine Gewandtheit des Mundes, die Tonio

befähigte, schwierige Dinge auszusprechen, begriff ganz wohl, daß hier

eine ungewöhnlich starke und zarte Empfindung für ihn lebendig sei,

erwies sich dankbar und bereitete ihm manches Glück durch sein

Entgegenkommen -- aber auch manche Pein der Eifersucht, der Enttäuschung

und der vergeblichen Mühe, eine geistige Gemeinschaft herzustellen. Denn

es war das Merkwürdige, daß Tonio, der Hans Hansen doch um seine

Daseinsart beneidete, beständig trachtete, ihn zu seiner eigenen

herüberzuziehen, was höchstens auf Augenblicke und auch dann nur

scheinbar gelingen konnte ...

»Ich habe jetzt etwas Wundervolles gelesen, etwas Prachtvolles ...«

sagte er. Sie gingen und aßen gemeinsam aus einer Tüte Fruchtbonbons,

die sie beim Krämer Iwersen in der Mühlenstraße für zehn Pfennige

erstanden hatten. »Du mußt es lesen, Hans, es ist nämlich Don Carlos von

Schiller ... Ich leihe es dir, wenn du willst ...«

»Ach nein«, sagte Hans Hansen, »das laß nur, Tonio, das paßt nicht für

mich. Ich bleibe bei meinen Pferdebüchern, weißt du. Famose Abbildungen

sind darin, sage ich dir. Wenn du mal bei mir bist, zeige ich sie dir.

Es sind Augenblicksphotographien, und man sieht die Gäule im Trab und im

Galopp und im Sprunge, in allen Stellungen, die man in Wirklichkeit gar

nicht zu sehen bekommt, weil es zu schnell geht ...«

»In allen Stellungen?« fragte Tonio höflich. »Ja, das ist fein. Was aber

Don Carlos betrifft, so geht das über alle Begriffe. Es sind Stellen

darin, du sollst sehen, die so schön sind, daß es einem einen Ruck gibt,

daß es gleichsam knallt ...«

»Knallt es?« fragte Hans Hansen ... »Wieso?«

»Da ist zum Beispiel die Stelle, wo der König geweint hat, weil er von

dem Marquis betrogen ist ... aber der Marquis hat ihn nur dem Prinzen

zuliebe betrogen, verstehst du, für den er sich opfert. Und nun kommt

aus dem Kabinett in das Vorzimmer die Nachricht, daß der König geweint

hat. ›Geweint?‹ ›Der König geweint?‹ Alle Hofmänner sind fürchterlich

betreten, und es geht einem durch und durch, denn es ist ein schrecklich

starrer und strenger König. Aber man begreift es so gut, daß er geweint

hat, und mir tut er eigentlich mehr leid, als der Prinz und der Marquis

zusammengenommen. Er ist immer so ganz allein und ohne Liebe, und nun

glaubt er einen Menschen gefunden zu haben, und der verrät ihn ...«

Hans Hansen sah von der Seite in Tonios Gesicht, und irgend etwas in

diesem Gesicht mußte ihn wohl dem Gegenstande gewinnen, denn er schob

plötzlich wieder seinen Arm unter den Tonios und fragte:

»Auf welche Weise verrät er ihn denn, Tonio?«

Tonio geriet in Bewegung.

»Ja, die Sache ist,« fing er an, »daß alle Briefe nach Brabant und

Flandern ...«

»Da kommt Erwin Jimmerthal,« sagte Hans.

Tonio verstummte. Möchte ihn doch, dachte er, die Erde verschlingen,

diesen Jimmerthal! Warum muß er kommen und uns stören! Wenn er nur nicht

mit uns geht und den ganzen Weg von der Reitstunde spricht ... Denn

Erwin Jimmerthal hatte ebenfalls Reitstunde. Er war der Sohn des

Bankdirektors und wohnte hier draußen vorm Tore. Mit seinen krummen

Beinen und Schlitzaugen kam er ihnen, schon ohne Schulmappe, durch die

Allee entgegen.

»Tag, Jimmerthal,« sagte Hans. »Ich gehe ein bißchen mit Kröger ...«

»Ich muß zur Stadt,« sagte Jimmerthal, »und etwas besorgen. Aber ich

gehe noch ein Stück mit euch ... Das sind wohl Fruchtbonbons, die ihr da

habt? Ja, danke, ein paar esse ich. Morgen haben wir wieder Stunde,

Hans.« -- Es war die Reitstunde gemeint.

»Famos!« sagte Hans. »Ich bekomme jetzt die ledernen Gamaschen, du, weil

ich neulich die Eins im Exerzitium hatte ...«

»Du hast wohl keine Reitstunde, Kröger?« fragte Jimmerthal, und seine

Augen waren nur ein Paar blanker Ritzen ...

»Nein ...« antwortete Tonio mit ganz ungewisser Betonung.

»Du solltest,« bemerkte Hans Hansen, »deinen Vater bitten, daß du auch

Stunde bekommst, Kröger.«

»Ja ...« sagte Tonio zugleich hastig und gleichgültig. Einen Augenblick

schnürte sich ihm die Kehle zusammen, weil Hans ihn mit Nachnamen

angeredet hatte; und Hans schien dies zu fühlen, denn er sagte

erläuternd:

»Ich nenne dich Kröger, weil dein Vorname so verrückt ist, du,

entschuldige, aber ich mag ihn nicht leiden. Tonio ... Das ist doch

überhaupt kein Name. Übrigens kannst du ja nichts dafür, bewahre!«

»Nein, du heißt wohl hauptsächlich so, weil es so ausländisch klingt und

etwas Besonderes ist ...« sagte Jimmerthal und tat, als ob er zum Guten

reden wollte.

Tonios Mund zuckte. Er nahm sich zusammen und sagte:

»Ja, es ist ein alberner Name, ich möchte, weiß Gott, lieber Heinrich

oder Wilhelm heißen, das könnt ihr mir glauben. Aber es kommt daher, daß

ein Bruder meiner Mutter, nach dem ich getauft worden bin, Antonio

heißt; denn meine Mutter ist doch von drüben ...«

Dann schwieg er und ließ die beiden von Pferden und Lederzeug sprechen.

Hans hatte Jimmerthal untergefaßt und redete mit einer geläufigen

Teilnahme, die für Don Carlos niemals in ihm zu erwecken gewesen wäre

... Von Zeit zu Zeit fühlte Tonio, wie der Drang zu weinen ihm prickelnd

in die Nase stieg; auch hatte er Mühe, sein Kinn in der Gewalt zu

behalten, das beständig ins Zittern geriet ...

Hans mochte seinen Namen nicht leiden, -- was war dabei zu tun? Er

selbst hieß Hans, und Jimmerthal hieß Erwin, gut, das waren allgemein

anerkannte Namen, die niemand befremdeten. Aber »Tonio« war etwas

Ausländisches und Besonderes. Ja, es war in allen Stücken etwas

Besonderes mit ihm, ob er wollte oder nicht, und er war allein und

ausgeschlossen von den Ordentlichen und Gewöhnlichen, obgleich er doch

kein Zigeuner im grünen Wagen war, sondern ein Sohn Konsul Krögers, aus

der Familie der Kröger ... Aber warum nannte Hans ihn Tonio, solange sie

allein waren, wenn er, kam ein dritter hinzu, anfing, sich seiner zu

schämen? Zuweilen war er ihm nahe und gewonnen, ja. Auf welche Weise

verrät er ihn denn, Tonio? hatte er gefragt und ihn untergefaßt. Aber

als dann Jimmerthal gekommen war, hatte er dennoch erleichtert

aufgeatmet, hatte ihn verlassen und ihm ohne Not seinen fremden Rufnamen

vorgeworfen. Wie weh es tat, dies alles durchschauen zu müssen! ... Hans

Hansen hatte ihn im Grunde ein wenig gern, wenn sie unter sich waren, er

wußte es. Aber kam ein dritter, so schämte er sich dessen und opferte

ihn auf. Und er war wieder allein. Er dachte an König Philipp. Der König

hat geweint ...

»Gott bewahre,« sagte Erwin Jimmerthal, »nun muß ich aber wirklich zur

Stadt! Adieu, ihr, und Dank für die Fruchtbonbons!« Darauf sprang er auf

eine Bank, die am Wege stand, lief mit seinen krummen Beinen darauf

entlang und trabte davon.

[Illustration]

»Jimmerthal mag ich leiden!« sagte Hans mit Nachdruck. Er hatte eine

verwöhnte und selbstbewußte Art, seine Sympathien und Abneigungen

kundzugeben, sie gleichsam gnädigst zu verteilen ... Und dann fuhr er

fort, von der Reitstunde zu sprechen, weil er einmal im Zuge war. Es war

auch nicht mehr so weit bis zum Hansenschen Wohnhause; der Weg über die

Wälle nahm nicht so viel Zeit in Anspruch. Sie hielten ihre Mützen fest

und beugten die Köpfe vor dem starken, feuchten Wind, der in dem kahlen

Geäst der Bäume knarrte und stöhnte. Und Hans Hansen sprach, während

Tonio nur dann und wann ein künstliches Ach und Jaja einfließen ließ,

ohne Freude darüber, daß Hans ihn im Eifer der Rede wieder untergefaßt

hatte, denn das war nur eine scheinbare Annäherung, ohne Bedeutung.

Dann verließen sie die Wallanlagen unfern des Bahnhofes, sahen einen Zug

mit plumper Eilfertigkeit vorüberpuffen, zählten zum Zeitvertreib die

Wagen und winkten dem Manne zu, der in seinen Pelz vermummt zuhöchst auf

dem allerletzten saß. Und am Lindenplatze, vor Großhändler Hansens

Villa, blieben sie stehen, und Hans zeigte ausführlich, wie amüsant es

sei, sich unten auf die Gartenpforte zu stellen und sich in den Angeln

hin und her zu schlenkern, daß es nur so kreischte. Aber hierauf

verabschiedete er sich.

»Ja, nun muß ich hinein,« sagte er. »Adieu, Tonio. Das nächste Mal

begleite ich dich nach Hause, sei sicher.«

»Adieu, Hans,« sagte Tonio, »es war nett, spazieren zu gehen.«

Ihre Hände, die sich drückten, waren ganz naß und rostig von der

Gartenpforte. Als aber Hans in Tonios Augen sah, entstand etwas wie

reuiges Besinnen in seinem hübschen Gesicht.

[Illustration]

»Übrigens werde ich nächstens ›Don Carlos‹ lesen!« sagte er rasch. »Das

mit dem König im Kabinett muß famos sein!« Dann nahm er seine Mappe

unter den Arm und lief durch den Vorgarten. Bevor er im Hause

verschwand, nickte er noch einmal zurück.

Und Tonio Kröger ging ganz verklärt und beschwingt von dannen. Der Wind

trug ihn von hinten, aber es war nicht darum allein, daß er so leicht

von der Stelle kam.

Hans würde ›Don Carlos‹ lesen, und dann würden sie etwas miteinander

haben, worüber weder Jimmerthal noch irgend ein anderer mitreden konnte!

Wie gut sie einander verstanden! Wer wußte, -- vielleicht brachte er ihn

noch dazu, ebenfalls Verse zu schreiben? ... Nein, nein, das wollte er

nicht! Hans sollte nicht werden, wie Tonio, sondern bleiben, wie er war,

so hell und stark, wie alle ihn liebten und Tonio am meisten! Aber daß

er ›Don Carlos‹ las, würde trotzdem nicht schaden ... Und Tonio ging

durch das alte, untersetzte Tor, ging am Hafen entlang und die steile,

zugige und nasse Giebelgasse hinauf zum Haus seiner Eltern. Damals lebte

sein Herz; Sehnsucht war darin und schwermütiger Neid und ein klein

wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.

2.

Die blonde Inge, Ingeborg Holm, Doktor Holms Tochter, der am Markte

wohnte, dort, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen stand,

sie war's, die Tonio Kröger liebte, als er sechzehn Jahre alt war.

Wie geschah das? Er hatte sie tausendmal gesehen; an einem Abend jedoch

sah er sie in einer gewissen Beleuchtung, sah, wie sie im Gespräch mit

einer Freundin auf eine gewisse übermütige Art lachend den Kopf zur

Seite warf, auf eine gewisse Art ihre Hand, eine gar nicht besonders

schmale, gar nicht besonders feine Klein-Mädchenhand zum Hinterkopfe

führte, wobei der weiße Gazeärmel von ihrem Ellenbogen zurückglitt,

hörte, wie sie ein Wort, ein gleichgültiges Wort, auf eine gewisse Art

betonte, wobei ein warmes Klingen in ihrer Stimme war, und ein Entzücken

ergriff sein Herz, weit stärker als jenes, das er früher zuweilen

empfunden hatte, wenn er Hans Hansen betrachtete, damals, als er noch

ein kleiner, dummer Junge war.

An diesem Abend nahm er ihr Bild mit fort, mit dem dicken, blonden Zopf,

den länglich geschnittenen, lachenden, blauen Augen und dem zart

angedeuteten Sattel von Sommersprossen über der Nase, konnte nicht

einschlafen, weil er das Klingen in ihrer Stimme hörte, versuchte leise,

die Betonung nachzuahmen, mit der sie das gleichgültige Wort

ausgesprochen hatte und erschauerte dabei. Die Erfahrung lehrte ihn, daß

dies die Liebe sei. Aber obgleich er genau wußte, daß die Liebe ihm viel

Schmerz, Drangsal und Demütigung bringen müsse, daß sie überdies den

Frieden zerstöre und das Herz mit Melodien überfülle, ohne daß man Ruhe

fand, eine Sache rund zu formen und in Gelassenheit etwas Ganzes daraus

zu schmieden, so nahm er sie doch mit Freuden auf, überließ sich ihr

ganz und pflegte sie mit den Kräften seines Gemütes, denn er wußte, daß

sie reich und lebendig mache, und er sehnte sich, reich und lebendig zu

sein, statt in Gelassenheit etwas Ganzes zu schmieden ...

Dies, daß Tonio Kröger sich an die lustige Inge Holm verlor, ereignete

sich in dem ausgeräumten Salon der Konsulin Husteede, die es an jenem

Abend traf, die Tanzstunde zu geben; denn es war ein Privatkursus, an

dem nur Angehörige von ersten Familien teilnahmen, und man versammelte

sich reihum in den elterlichen Häusern, um sich Unterricht in Tanz und

Anstand erteilen zu lassen. Aber zu diesem Behufe kam allwöchentlich

Ballettmeister Knaak eigens von Hamburg herbei.

[Illustration: MONSIEUR FRANÇOIS KNAAK]

François Knaak war sein Name, und was für ein Mann war das! »_J'ai

l'honneur de me vous représenter_«, sagte er, »_mon nom est Knaak_ ...

Und dies spricht man nicht aus, während man sich verbeugt, sondern wenn

man wieder aufrecht steht, -- gedämpft und dennoch deutlich. Man ist

nicht täglich in der Lage, sich auf Französisch vorstellen zu müssen,

aber kann man es in dieser Sprache korrekt und tadellos, so wird es

einem auf Deutsch erst recht nicht fehlen.« Wie wunderbar der seidig

schwarze Gehrock sich an seine fetten Hüften schmiegte! In weichen

Falten fiel sein Beinkleid auf seine Lackschuhe hinab, die mit breiten

Atlasschleifen geschmückt waren, und seine braunen Augen blickten mit

einem müden Glück über ihre eigene Schönheit umher ...

Jedermann ward erdrückt durch das Übermaß seiner Sicherheit und

Wohlanständigkeit. Er schritt -- und niemand schritt wie er, elastisch,

wogend, wiegend, königlich -- auf die Herrin des Hauses zu, verbeugte

sich und wartete, daß man ihm die Hand reiche. Erhielt er sie, so dankte

er mit leiser Stimme dafür, trat federnd zurück, wandte sich auf dem

linken Fuße, schnellte den rechten mit niedergedrückter Spitze seitwärts

vom Boden ab und schritt mit bebenden Hüften davon.

Man ging rückwärts und unter Verbeugungen zur Tür hinaus, wenn man eine

Gesellschaft verließ, man schleppte einen Stuhl nicht herbei, indem man

ihn an einem Bein ergriff, oder am Boden entlang schleifte, sondern man

trug ihn leicht an der Lehne herzu und setzte ihn geräuschlos nieder.

Man stand nicht da, indem man die Hände auf dem Bauch faltete und die

Zunge in den Mundwinkel schob; tat man es dennoch, so hatte Herr Knaak

eine Art, es ebenso zu machen, daß man für den Rest seines Lebens einen

Ekel vor dieser Haltung bewahrte ...

Dies war der Anstand. Was aber den Tanz betraf, so meisterte Herr Knaak

ihn womöglich in noch höherem Grade. In dem ausgeräumten Salon brannten

die Gasflammen des Kronleuchters und die Kerzen auf dem Kamin. Der Boden

war mit Talkum bestreut, und in stummem Halbkreise standen die Eleven

umher. Aber jenseits der Portieren, in der anstoßenden Stube, saßen auf

Plüschstühlen die Mütter und Tanten und betrachteten durch ihre

Lorgnetten Herrn Knaak, wie er, in gebückter Haltung, den Saum seines

Gehrockes mit je zwei Fingern erfaßt hielt und mit federnden Beinen die

einzelnen Teile der Masurka demonstrierte. Beabsichtigte er aber, sein

Publikum gänzlich zu verblüffen, so schnellte er sich plötzlich und ohne

zwingenden Grund vom Boden empor, indem er seine Beine mit verwirrender

Schnelligkeit in der Luft umeinander wirbelte, gleichsam mit denselben

trillerte, worauf er mit einem gedämpften, aber alles in seinen Festen

erschütternden Plumps zu dieser Erde zurückkehrte ...

Was für ein unbegreiflicher Affe, dachte Tonio Kröger in seinem Sinn.

Aber er sah wohl, daß Inge Holm, die lustige Inge, oft mit einem

selbstvergessenen Lächeln Herrn Knaaks Bewegungen verfolgte, und nicht

dies allein war es, weshalb alle diese wundervoll beherrschte

Körperlichkeit ihm im Grunde etwas wie Bewunderung abgewann. Wie

ruhevoll und unverwirrbar Herrn Knaaks Augen blickten! Sie sahen nicht

in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden;

sie wußten nichts, als daß sie braun und schön seien. Aber deshalb war

seine Haltung so stolz! Ja, man mußte dumm sein, um so schreiten zu

können wie er; und dann wurde man geliebt, denn man war liebenswürdig.

Er verstand es so gut, daß Inge, die blonde, süße Inge, auf Herrn Knaak

blickte, wie sie es tat. Aber würde denn niemals ein Mädchen so auf ihn

selbst blicken?

O doch, das kam vor. Da war Magdalena Vermehren, Rechtsanwalt Vermehrens

Tochter, mit dem sanften Mund und den großen, dunklen, blanken Augen

voll Ernst und Schwärmerei. Sie fiel oft hin beim Tanzen; aber sie kam

zu ihm bei der Damenwahl, sie wußte, daß er Verse dichtete, sie hatte

ihn zweimal gebeten, sie ihr zu zeigen, und oftmals schaute sie ihn von

weitem mit gesenktem Kopfe an. Aber was sollte ihm das? Er, er liebte

Inge Holm, die blonde, lustige Inge, die ihn sicher darum verachtete,

daß er poetische Sachen schrieb ... er sah sie an, sah ihre

schmalgeschnittenen, blauen Augen, die voll Glück und Spott waren, und

eine neidische Sehnsucht, ein herber, drängender Schmerz, von ihr

ausgeschlossen und ihr ewig fremd zu sein, saß in seiner Brust und

brannte ...

»Erstes Paar _en avant_!« sagte Herr Knaak, und keine Worte schildern,

wie wunderbar der Mann den Nasallaut hervorbrachte. Man übte Quadrille,

und zu Tonio Krögers tiefem Erschrecken befand er sich mit Inge Holm in

ein und demselben Karree. Er mied sie, wie er konnte, und dennoch geriet

er beständig in ihre Nähe; er wehrte seinen Augen, sich ihr zu nahen,

und dennoch traf sein Blick beständig auf sie ... Nun kam sie an der

Hand des rotköpfigen Ferdinand Matthiessen gleitend und laufend herbei,

warf den Zopf zurück und stellte sich aufatmend ihm gegenüber, Herr

Heinzelmann, der Klavierspieler, griff mit seinen knochigen Händen in

die Tasten, Herr Knaak kommandierte, die Quadrille begann.

Sie bewegte sich vor ihm hin und her, vorwärts und rückwärts, schreitend

und drehend, ein Duft, der von ihrem Haar oder dem zarten, weißen Stoff

ihres Kleides ausging, berührte ihn manchmal, und seine Augen trübten

sich mehr und mehr. Ich liebe dich, liebe, süße Inge, sagte er

innerlich, und er legte in diese Worte seinen ganzen Schmerz darüber,

daß sie so eifrig und lustig bei der Sache war und sein nicht achtete.

Ein wunderschönes Gedicht von Storm fiel ihm ein: »Ich möchte schlafen;

aber du mußt tanzen.« Der demütigende Widersinn quälte ihn, der darin

lag, tanzen zu müssen, während man liebte ...

»Erstes Paar _en avant_!« sagte Herr Knaak, denn es kam eine neue Tour.

»_Compliment! Moulinet des dames! Tour de main!_« Und niemand

beschreibt, auf welch graziöse Art er das stumme _e_ vom »_de_«

verschluckte.

»Zweites Paar _en avant_!« Tonio Kröger und seine Dame waren daran.

»_Compliment!_« Und Tonio Kröger verbeugte sich. »_Moulinet des dames!_«

Und Tonio Kröger, mit gesenktem Kopfe und finsteren Brauen, legte seine

Hand auf die Hände der vier Damen, auf die Inge Holms, und tanzte

»_moulinet_«.

Ringsum entstand ein Kichern und Lachen. Herr Knaak fiel in eine

Ballettpose, welche ein stilisiertes Entsetzen ausdrückte. »O weh!« rief

er. »Halt, halt! Kröger ist unter die Damen geraten! _En arrière_,

Fräulein Kröger, zurück, _fi donc_! Alle haben es nun verstanden, nur

Sie nicht. Husch! Fort! Zurück mit Ihnen!« Und er zog sein gelbseidenes

Taschentuch und scheuchte Tonio Kröger damit an seinen Platz zurück.

Alles lachte, die Jungen, die Mädchen und die Damen jenseits der

Portieren, denn Herr Knaak hatte etwas gar zu Drolliges aus dem

Zwischenfall gemacht, und man amüsierte sich wie im Theater. Nur Herr

Heinzelmann wartete mit trockener Geschäftsmiene auf das Zeichen zum

Weiterspielen, denn er war abgehärtet gegen Herrn Knaaks Wirkungen.

Dann ward die Quadrille fortgesetzt. Und dann war Pause. Das Folgmädchen

klirrte mit einem Teebrett voll Weingeleegläsern zur Tür herein, und die

Köchin folgte mit einer Ladung Plumcake in ihrem Kielwasser. Aber Tonio

Kröger stahl sich fort, ging heimlich auf den Korridor hinaus und

stellte sich dort, die Hände auf dem Rücken, vor ein Fenster mit

herabgelassener Jalousie, ohne zu bedenken, daß man durch diese Jalousie

gar nichts sehen konnte, und daß es also lächerlich sei, davorzustehen

und zu tun, als blicke man hinaus.

Er blickte aber in sich hinein, wo so viel Gram und Sehnsucht war.

Warum, warum war er hier? Warum saß er nicht in seiner Stube am Fenster

und las in Storms »Immensee« und blickte hie und da in den abendlichen

Garten hinaus, wo der alte Walnußbaum schwerfällig knarrte? Das wäre

sein Platz gewesen. Mochten die anderen tanzen und frisch und geschickt

bei der Sache sein!... Nein, nein, sein Platz war dennoch hier, wo er

sich in Inges Nähe wußte, wenn er auch nur einsam von ferne stand und

versuchte, in dem Summen, Klirren und Lachen dort drinnen ihre Stimme zu

unterscheiden, in welcher es klang von warmem Leben. Deine länglich

geschnittenen, blauen lachenden Augen, du blonde Inge! So schön und

heiter wie du kann man nur sein, wenn man nicht »Immensee« liest und

niemals versucht, selbst dergleichen zu machen; das ist das Traurige!...

Sie müßte kommen! Sie müßte bemerken, daß er fort war, müßte fühlen, wie

es um ihn stand, müßte ihm heimlich folgen, wenn auch nur aus Mitleid,

ihm ihre Hand auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns, sei

froh, ich liebe dich. Und er horchte hinter sich und wartete in

unvernünftiger Spannung, daß sie kommen möge. Aber sie kam keineswegs.

Dergleichen geschah nicht auf Erden.

Hatte auch sie ihn verlacht, gleich allen anderen? Ja, das hatte sie

getan, so gern er es ihret- und seinetwegen geleugnet hätte. Und doch

hatte er nur aus Versunkenheit in ihre Nähe »_moulinet des dames_«

mitgetanzt. Und was verschlug das? Man würde vielleicht einmal aufhören

zu lachen! Hatte etwa nicht kürzlich eine Zeitschrift ein Gedicht von

ihm angenommen, wenn sie dann auch wieder eingegangen war, bevor das

Gedicht hatte erscheinen können? Es kam der Tag, wo er berühmt war, wo

alles gedruckt wurde, was er schrieb, und dann würde man sehen, ob es

nicht Eindruck auf Inge Holm machen würde ... Es würde =keinen= Eindruck

machen, nein, das war es ja. Auf Magdalena Vermehren, die immer hinfiel,

ja, auf die. Aber niemals auf Inge Holm, niemals auf die blauäugige,

lustige Inge. Und war es also nicht vergebens?...

[Illustration]

Tonio Krögers Herz zog sich schmerzlich zusammen bei diesem Gedanken. Zu

fühlen, wie wunderbare spielende und schwermütige Kräfte sich in dir

regen, und dabei zu wissen, daß diejenigen, zu denen du dich

hinübersehnst, ihnen in heiterer Unzugänglichkeit gegenüberstehen, das

tut sehr weh. Aber obgleich er einsam, ausgeschlossen und ohne Hoffnung

vor einer geschlossenen Jalousie stand und in seinem Kummer tat, als

könne er hindurchblicken, so war er dennoch glücklich. Denn damals lebte

sein Herz. Warm und traurig schlug es für dich, Ingeborg Holm, und seine

Seele umfaßte deine blonde, lichte und übermütig gewöhnliche kleine

Persönlichkeit in seliger Selbstverleugnung.

Mehr als einmal stand er mit erhitztem Angesicht an einsamen Stellen,

wohin Musik, Blumenduft und Gläsergeklirr nur leise drangen, und suchte

in dem fernen Festgeräusch deine klingende Stimme zu unterscheiden,

stand in Schmerzen um dich und war dennoch glücklich. Mehr als einmal

kränkte es ihn, daß er mit Magdalena Vermehren, die immer hinfiel,

sprechen konnte, daß sie ihn verstand und mit ihm lachte und ernst war,

während die blonde Inge, saß er auch neben ihr, ihm fern und fremd und

befremdet erschien, denn seine Sprache war nicht ihre Sprache; und

dennoch war er glücklich. Denn das Glück, sagte er sich, ist nicht,

geliebt zu werden; das ist eine mit Ekel gemischte Genugtuung für die

Eitelkeit. Das Glück ist, zu lieben und vielleicht kleine trügerische

Annäherungen an den geliebten Gegenstand zu erhaschen. Und er schrieb

diesen Gedanken innerlich auf, dachte ihn völlig aus und empfand ihn bis

auf den Grund.

=Treue!= dachte Tonio Kröger. Ich will treu sein und dich lieben,

Ingeborg, solange ich lebe! So wohlmeinend war er. Und dennoch flüsterte

in ihm eine leise Furcht und Trauer, daß er ja auch Hans Hansen ganz und

gar vergessen habe, obgleich er ihn täglich sah. Und es war das Häßliche

und Erbärmliche, daß diese leise und ein wenig hämische Stimme recht

behielt, daß die Zeit verging und Tage kamen, da Tonio Kröger nicht mehr

so unbedingt wie ehemals für die lustige Inge zu sterben bereit war,

weil er Lust und Kräfte in sich fühlte, auf seine Art in der Welt eine

Menge des Merkwürdigen zu leisten.

Und er umkreiste behutsam den Opferaltar, auf dem die lautere und

keusche Flamme seiner Liebe loderte, kniete davor und schürte und nährte

sie auf alle Weise, weil er treu sein wollte. Und über eine Weile,

unmerklich, ohne Aufsehen und Geräusch, war sie dennoch erloschen.

Aber Tonio Kröger stand noch eine Zeitlang vor dem erkalteten Altar,

voll Staunen und Enttäuschung darüber, daß Treue auf Erden unmöglich

war. Dann zuckte er die Achseln und ging seiner Wege.

3.

Er ging den Weg, den er gehen mußte, ein wenig nachlässig und

ungleichmäßig, vor sich hinpfeifend, mit seitwärts geneigtem Kopfe ins

Weite blickend, und wenn er irre ging, so geschah es, weil es für

etliche einen richtigen Weg überhaupt nicht gibt. Fragte man ihn, was in

aller Welt er zu werden gedachte, so erteilte er wechselnde Auskunft,

denn er pflegte zu sagen (und hatte es auch bereits aufgeschrieben), daß

er die Möglichkeiten zu tausend Daseinsformen in sich trage, zusammen

mit dem heimlichen Bewußtsein, daß es im Grunde lauter Unmöglichkeiten

seien ...

[Illustration]

Schon bevor er von der engen Vaterstadt schied, hatten sich leise die

Klammern und Fäden gelöst, mit denen sie ihn hielt. Die alte Familie der

Kröger war nach und nach in einen Zustand des Abbröckelns und der

Zersetzung geraten, und die Leute hatten Grund, Tonio Krögers eigenes

Sein und Wesen ebenfalls zu den Merkmalen dieses Zustandes zu rechnen.

Seines Vaters Mutter war gestorben, das Haupt des Geschlechtes, und

nicht lange darauf, so folgte sein Vater, der lange, sinnende,

sorgfältig gekleidete Herr mit der Feldblume im Knopfloch, ihr im Tode

nach. Das große Krögersche Haus stand mitsamt seiner würdigen Geschichte

zum Verkaufe, und die Firma ward ausgelöscht. Tonios Mutter jedoch,

seine schöne feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel und die

Mandoline spielte und der alles ganz einerlei war, vermählte sich nach

Jahresfrist aufs neue, und zwar mit einem Musiker, einem Virtuosen mit

italienischem Namen, dem sie in blaue Fernen folgte. Tonio Kröger fand

dies ein wenig liederlich; aber war =er= berufen, es ihr zu wehren? Er

schrieb Verse und konnte nicht einmal beantworten, was in aller Welt er

zu werden gedachte ...

Und er verließ die winklige Heimatstadt, um deren Giebel der feuchte

Wind pfiff, verließ den Springbrunnen und den alten Walnußbaum im

Garten, die Vertrauten seiner Jugend, verließ auch das Meer, das er so

sehr liebte, und empfand keinen Schmerz dabei. Denn er war groß und klug

geworden, hatte begriffen, was für eine Bewandtnis es mit ihm hatte, und

war voller Spott für das plumpe und niedrige Dasein, das ihn so lange in

seiner Mitte gehalten hatte.

Er ergab sich ganz der Macht, die ihm als die erhabenste auf Erden

erschien, zu deren Dienst er sich berufen fühlte, und die ihm Hoheit und

Ehren versprach, der Macht des Geistes und Wortes, die lächelnd über dem

unbewußten und stummen Leben thront. Mit seiner jungen Leidenschaft

ergab er sich ihr, und sie lohnte ihm mit allem, was sie zu schenken

hat, und nahm ihm unerbittlich all das, was sie als Entgelt dafür zu

nehmen pflegt.

Sie schärfte seinen Blick und ließ ihn die großen Wörter durchschauen,

die der Menschen Busen blähen, sie erschloß ihm der Menschen Seelen und

seine eigene, machte ihn hellsehend und zeigte ihm das Innere der Welt

und alles letzte, was hinter den Worten und Taten ist. Was er aber sah,

war dies: Komik und Elend -- Komik und Elend.

Da kam, mit der Qual und dem Hochmut der Erkenntnis, die Einsamkeit,

weil es ihn im Kreise der Harmlosen mit dem fröhlich dunklen Sinn nicht

litt und das Mal an seiner Stirn sie verstörte. Aber mehr und mehr

versüßte sich ihm auch die Lust am Worte und der Form, denn er pflegte

zu sagen (und hatte es auch bereits aufgeschrieben), daß die Kenntnis

der Seele allein unfehlbar trübsinnig machen würde, wenn nicht die

Vergnügungen des Ausdrucks uns wach und munter erhielten ...

Er lebte in großen Städten und im Süden, von dessen Sonne er sich ein

üppigeres Reifen seiner Kunst versprach; und vielleicht war es das Blut

seiner Mutter, welches ihn dorthin zog. Aber da sein Herz tot und ohne

Liebe war, so geriet er in Abenteuer des Fleisches, stieg tief hinab in

Wollust und heiße Schuld und litt unsäglich dabei. Vielleicht war es das

Erbteil seines Vaters in ihm, des langen, sinnenden, reinlich

gekleideten Mannes mit der Feldblume im Knopfloch, das ihn dort unten so

leiden machte und manchmal eine schwache, sehnsüchtige Erinnerung in ihm

sich regen ließ an eine Lust der Seele, die einstmals sein eigen gewesen

war und die er in allen Lüsten nicht wiederfand.

Ein Ekel und Haß gegen die Sinne erfaßte ihn und ein Lechzen nach

Reinheit und wohlanständigem Frieden, während er doch die Luft der Kunst

atmete, die laue und süße, duftgeschwängerte Luft eines beständigen

Frühlings, in der es treibt und braut und keimt in heimlicher

Zeugungswonne. So kam es nur dahin, daß er, haltlos zwischen krassen

Extremen, zwischen eisiger Geistigkeit und verzehrender Sinnenglut hin-

und hergeworfen, unter Gewissensnöten ein erschöpfendes Leben führte,

ein ausbündiges, ausschweifendes und außerordentliches Leben, das er,

Tonio Kröger, im Grunde verabscheute. Welch Irrgang! dachte er zuweilen.

Wie war es nur möglich, daß ich in alle diese exzentrischen Abenteuer

geriet? Ich bin doch kein Zigeuner im grünen Wagen, von Hause aus ...

Aber in dem Maße, wie seine Gesundheit geschwächt ward, verschärfte sich

seine Künstlerschaft, ward wählerisch, erlesen, kostbar, fein, reizbar

gegen das Banale und aufs höchste empfindlich in Fragen des Taktes und

Geschmacks. Als er zum ersten Male hervortrat, wurde unter denen, die es

anging, viel Beifall und Freude laut, denn es war ein wertvoll

gearbeitetes Ding, was er geliefert hatte, voll Humor und Kenntnis des

Leidens. Und schnell ward sein Name, derselbe, mit dem ihn einst seine

Lehrer scheltend gerufen hatten, derselbe, mit dem er seine ersten Reime

an den Walnußbaum, den Springbrunnen und das Meer unterzeichnet hatte,

dieser aus Süd und Nord zusammengesetzte Klang, dieser exotisch

angehauchte Bürgersname zu einer Formel, die Vortreffliches bezeichnete;

denn der schmerzlichen Gründlichkeit seiner Erfahrungen gesellte sich

ein seltener, zäh ausharrender und ehrsüchtiger Fleiß, der im Kampf mit

der wählerischen Reizbarkeit seines Geschmacks unter heftigen Qualen

ungewöhnliche Werke entstehen ließ.

Er arbeitete nicht wie jemand, der arbeitet, um zu leben, sondern wie

einer, der nichts will, als arbeiten, weil er sich als lebendigen

Menschen für nichts achtet, nur als Schaffender in Betracht zu kommen

wünscht und im übrigen grau und unauffällig umhergeht, wie ein

abgeschminkter Schauspieler, der nichts ist, solange er nichts

darzustellen hat. Er arbeitete stumm, abgeschlossen, unsichtbar und

voller Verachtung für jene Kleinen, denen das Talent ein geselliger

Schmuck war, die, ob sie nun arm oder reich waren, wild und abgerissen

einhergingen oder mit persönlichen Krawatten Luxus trieben, in erster

Linie glücklich, liebenswürdig und künstlerisch zu leben bedacht waren,

unwissend darüber, daß gute Werke nur unter dem Druck eines schlimmen

Lebens entstehen, daß, wer lebt, nicht arbeitet, und daß man gestorben

sein muß, um ganz ein Schaffender zu sein.

4.

»Störe ich?« fragte Tonio Kröger auf der Schwelle des Ateliers. Er hielt

seinen Hut in der Hand und verbeugte sich sogar ein wenig, obgleich

Lisaweta Iwanowna seine Freundin war, der er alles sagte.

»Erbarmen Sie sich, Tonio Kröger, und kommen Sie ohne Zeremonien

hinein!« antwortete sie mit ihrer hüpfenden Betonung. »Es ist bekannt,

daß Sie eine gute Kinderstube genossen haben und wissen, was sich

schickt.« Dabei steckte sie ihren Pinsel zu der Palette in die linke

Hand, reichte ihm die rechte und blickte ihm lachend und kopfschüttelnd

ins Gesicht.

»Ja, aber Sie arbeiten,« sagte er. »Lassen Sie sehen ... O, Sie sind

vorwärts gekommen.« Und er betrachtete abwechselnd die farbigen Skizzen,

die zu beiden Seiten der Staffelei auf Stühlen lehnten, und die große,

mit einem quadratischen Liniennetz überzogene Leinwand, auf welcher in

dem verworrenen und schemenhaften Kohleentwurf die ersten Farbflecke

aufzutauchen begannen.

Es war in München, in einem Rückgebäude der Schellingstraße, mehrere

Stiegen hoch. Draußen, hinter dem breiten Nordlicht-Fenster, herrschte

Himmelsblau, Vogelgezwitscher und Sonnenschein, und des Frühlings

junger, süßer Atem, der durch eine offene Klappe hereinströmte,

vermischte sich mit dem Geruch von Fixativ und Ölfarbe, der den weiten

Arbeitsraum erfüllte. Ungehindert überflutete das goldige Licht des

hellen Nachmittags die weitläufige Kahlheit des Ateliers, beschien

freimütig den ein wenig schadhaften Fußboden, den rohen, mit Fläschchen,

Tuben und Pinseln bedeckten Tisch unterm Fenster und die ungerahmten

Studien an den untapezierten Wänden, beschien den Wandschirm aus

rissiger Seide, der in der Nähe der Tür einen kleinen, stilvoll

möblierten Wohn- und Mußewinkel begrenzte, beschien das werdende Werk

auf der Staffelei und davor die Malerin und den Dichter.

Sie mochte etwa so alt sein wie er, nämlich ein wenig jenseits der

Dreißig. In ihrem dunkelblauen, fleckigen Schürzenkleide saß sie auf

einem niedrigen Schemel und stützte das Kinn in die Hand. Ihr braunes

Haar, fest frisiert und an den Seiten schon leicht ergraut, bedeckte in

leisen Scheitelwellen ihre Schläfen und gab den Rahmen zu ihrem

brünetten, slawisch geformten, unendlich sympathischen Gesicht mit der

Stumpfnase, den scharf herausgearbeiteten Wangenknochen und den kleinen,

schwarzen, blanken Augen. Gespannt, mißtrauisch und gleichsam gereizt

musterte sie schiefen und gekniffenen Blicks ihre Arbeit ...

Er stand neben ihr, hielt die rechte Hand in die Hüfte gestemmt und

drehte mit der Linken eilig an seinem braunen Schnurrbart. Seine

schrägen Brauen waren in einer finsteren und angestrengten Bewegung,

wobei er leise vor sich hinpfiff, wie gewöhnlich. Er war äußerst

sorgfältig und gediegen gekleidet, in einen Anzug von ruhigem Grau und

reserviertem Schnitt. Aber in seiner durcharbeiteten Stirn, über der

sein dunkles Haar so außerordentlich simpel und korrekt sich scheitelte,

war ein nervöses Zucken, und die Züge seines südlich geschnittenen

Gesichts waren schon scharf, von einem harten Griffel gleichsam

nachgezogen und ausgeprägt, während doch sein Mund so sanft umrissen,

sein Kinn so weich gebildet erschien ... Nach einer Weile strich er mit

der Hand über Stirn und Augen und wandte sich ab.

»Ich hätte nicht kommen sollen,« sagte er.

»Warum hätten Sie nicht, Tonio Kröger?«

Tonio Kröger [Erstausgabe; Illustrationen von Erich M. Simon] · 第 1 / 6 段