Des Obristen Wohnung. Der Obriste Graf von Spannheim. Die Gräfin La
Roche.
Gräfin. Haben Sie die beiden Unglücklichen gesehen? Ich habe das
Herz noch nicht. Der Anblick tötete mich.
Obrister. Er hat mich zehn Jahre älter gemacht. Und daß das bei
meinem Corps--ich will dem Mann alle seine Schulden bezahlen, und
noch tausend Taler zu seiner Schadloshaltung obenein. Hernach will
ich sehen, was ich bei dem Vater des Bösewichts für diese durch ihn
verwüstete Familie auswirken kann.
Gräfin. Würdiger Mann! nehmen Sie meinen heißesten Dank in dieser
Träne--das beste liebenswürdigste Geschöpf! was für Hoffnungen fing
ich nicht schon an von ihr zu schöpfen.
(Sie weint.)
Obrister. Diese Tränen machen Ihnen Ehre. Sie erweichen auch mich.
Und warum sollte ich nicht weinen, ich, der fürs Vaterland streiten
und sterben soll; einen Bürger desselben durch einen meiner
Untergebenen mit seinem ganzen Hause in den unwiederbringlichsten
Untergang gestürzt zu sehen.
Gräfin. Das sind die Folgen des ehlosen Standes der Herren Soldaten.
Obrister (zuckt die Schultern). Wie ist dem abzuhelfen? Schon Homer
hat, deucht mich, gesagt, ein guter Ehmann sei ein schlechter Soldat.
Und die Erfahrung bestätigt's.--Ich habe allezeit eine besondere
Idee gehabt, wenn ich die Geschichte der Andromeda gelesen. Ich sehe
die Soldaten an wie das Ungeheuer, dem schon von Zeit zu Zeit ein
unglückliches Frauenzimmer freiwillig aufgeopfert werden muß, damit
die übrigen Gattinnen und Töchter verschont bleiben.
Gräfin. Wie verstehen Sie das?
Obrister. Wenn der König eine Pflanzschule von Soldatenweibern
anlegte; die müßten sich aber freilich denn schon dazu verstehen, den
hohen Begriffen, die sich ein junges Frauenzimmer von ewigen
Verbindungen macht, zu entsagen.
Gräfin. Ich zweifle, daß sich ein Frauenzimmer von Ehre dazu
entschließen könnte.
Obrister. Amazonen müßten es sein. Eine edle Empfindung, deucht
mich, hält hier der andern die Waage. Die Delikatesse der weiblichen
Ehre dem Gedanken, eine Märtyrerin für den Staat zu sein.
Gräfin. Wie wenig kennt ihr Männer doch das Herz und die Wünsche
eines Frauenzimmers.
Obrister. Freilich müßte der König das Beste tun, diesen Stand
glänzend und rühmlich zu machen. Dafür ersparte er die Werbegelder,
und die Kinder gehörten ihm. O ich wünschte, das sich nur einer
fände, diese Gedanken bei Hofe durchzutreiben, ich wollte ihm schon
Quellen entdecken. Die Beschützer des Staats würden sodann auch sein
Glück sein, die äußere Sicherheit desselben, nicht die innere
aufheben, und in der bisher durch uns zerrütteten Gesellschaft Fried'
und Wohlfahrt aller und Freude sich untereinander küssen.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Soldaten, von Jakob Michael
Reinhold Lenz.