In Armentieres. Marys Wohnung. Mary und Desportes sitzen beide
ausgekleidet an einem kleinen gedeckten Tisch. Stolzius nimmt
Servietten aus.
Desportes. Wie ich dir sage, es ist eine Hure vom Anfang an gewesen,
und sie ist mir nur darum gut gewesen, weil ich ihr Präsente machte.
Ich bin ja durch sie in Schulden gekommen, daß es erstaunend war, sie
hätte mich um Haus und Hof gebracht, hätt' ich das Spiel länger
getrieben. Kurzum, Herr Bruder, eh' ich's mich versehe, krieg ich
einen Brief von dem Mädel, sie will zu mir kommen nach Philippeville.
Nun stell dir das Spektakel vor, wenn mein Vater die hätte zu sehen
gekriegt. (Stolzius wechselt einmal ums andere die Servietten um, um
Gelegenheit zu haben, länger im Zimmer zu bleiben.) Was zu tun, ich
schreib meinem Jäger, er soll sie empfangen, und ihr so lange
Stubenarrest auf meinem Zimmer ankündigen, bis ich selber wieder nach
Philippeville zurückkäme, und sie heimlich zum Regiment abholte.
Denn sobald mein Vater sie zu sehen kriegte, wäre sie des Todes. Nun
mein Jäger ist ein starker robuster Kerl, die Zeit wird ihnen schon
lang werden auf einer Stube allein. Was der nun aus ihr macht, will
ich abwarten, (lacht höhnisch) ich hab ihm unter der Hand zu
verstehen gegeben, daß es mir nicht zuwider sein würde.
Mary. Hör, Desportes, das ist doch malhonett.
Desportes. Was malhonett, was willst du--Ist sie nicht versorgt
genug, wenn mein Jäger sie heuratet? Und für so eine- Mary. Sie war
doch sehr gut angeschrieben bei der Gräfin. Und hol mich der Teufel,
Bruder, ich hätte sie geheuratet, wenn mir nicht der junge Graf in
die Quer' gekommen wäre, denn der war auch verflucht gut bei ihr
angeschrieben.
Desportes. Da hättest du ein schön Sauleder an den Hals bekommen.
(Stolzius geht heraus.)
Mary (ruft ihm nach). Macht, daß der Herr seine Weinsuppe bald
bekommt--Ich weiß nicht, wie es kam, daß der Mensch mit ihr bekannt
ward, ich glaube gar, sie wollte mich eifersüchtig machen, denn ich
hatte eben ein paar Tage her mit ihr gemault. Das hätt' alles noch
nichts zu sagen gehabt, aber einmal kam ich hin, es war in den
heißesten Hundstagen, und sie hatte eben wegen der Hitze nur ein
dünnes, dünnes Röckchen von Nesseltuch an, durch das ihre schönen
Beine durchschienen. Sooft sie durchs Zimmer ging, und das Röckchen
ihr so nachflatterte--hör, ich hätte die Seligkeit drum geben mögen,
die Nacht bei ihr zu schlafen. Nun stell dir vor, zu allem Unglück
muß den Tag der Graf hinkommen, nun kennst du des Mädels Eitelkeit.
Sie tat wie unsinnig mit ihm, ob nun mich zu schagrinieren, oder weil
solche Mädchens gleich nicht wissen, woran sie sind, wenn ein Herr
von hohem Stande sich herabläßt, Ihnen ein freundlich Gesicht zu
weisen. (Stolzius kommt herein, trägt vor Desportes auf, und stellt
sich totenbleich hinter seinen Stuhl.) Mir ging's wie dem
überglühenden Eisen, das auf einmal kalt wie Eis wird. (Desportes
schlingt die Suppe begierig in sich.) Aller Appetit zu ihr verging
mir. Von der Zeit an hab ich ihr nie wieder recht gut werden können.
Zwar wie ich hörte, daß sie von der Gräfin weggelaufen sei.
Desportes (im Essen). Was reden wir weiter von dem Knochen? Ich
will dir sagen, Herr Bruder, du tust mir einen Gefallen, wenn du mir
ihrer nicht mehr erwähnst. Es ennuyiert mich, wenn ich an sie denken
soll.
(Schiebt die Schale weg.)
Stolzius (hinter dem Stuhl, mit verzerrtem Gesicht). Wirklich?
(Beide sehen ihn an voll Verwunderung.)