Wenn der Physiker einen Naturvorgang analysieren will, dann begnügt
er sich nicht damit, die Bedingungen festzustellen, unter denen er
eintritt, sondern er sucht auch zu erfahren, wie sich der Vorgang
gestaltet, wenn er die Bedingungen verändert. Erst dann kennt er ganz
die Gesetzmäßigkeit des Vorganges.
Das Leben ist ein Naturvorgang. Wir haben die Lebensäußerungen
kennen gelernt, wir haben auch die Bedingungen festgestellt, unter
denen sie eintreten, und wir haben die Folgen der gänzlichen
Entziehung dieser Bedingungen gesehen. Was uns übrig bleibt, das
ist: zu erfahren, wie sich die Lebensäußerungen verhalten, wenn
wir die Lebensbedingungen nicht entziehen, sondern nur quantitativ
verändern, und wenn wir außer den allgemeinen Lebensbedingungen
andere, qualitativ neue Bedingungen auf die lebendige Substanz
einwirken lassen. Man hat die Lebensäußerungen, wie sie eintreten,
wenn alle äußeren Lebensbedingungen dauernd und unverändert erfüllt
bleiben, als +spontane Lebensäußerungen+ bezeichnet und ihnen
die Veränderungen, die eintreten, wenn andere Einflüsse auf sie
einwirken, als +Reizwirkungen+ gegenübergestellt. Wir können diese
Unterscheidung beibehalten, allein wir müssen uns doch bewußt bleiben,
daß die Spontaneität keine unbedingte ist, daß in Wirklichkeit die
spontanen Lebensäußerungen nicht minder auf einer Wechselwirkung der
lebendigen Substanz mit der Außenwelt beruhen, als die Reizwirkungen.
Die spontanen Lebensäußerungen repräsentieren nur die Reaktion der
lebendigen Substanz auf die +normalen+ äußeren Lebensbedingungen,
die Reizwirkungen dagegen die Reaktion der lebendigen Substanz auf
die +veränderten+ äußeren Lebensbedingungen. Aber es ist in vielen
Fällen überhaupt nicht möglich, zu entscheiden, ob ein Vorgang eine
spontane Lebensäußerung oder eine Reizwirkung in diesem Sinne ist,
weil eben auch in der Natur die äußeren Bedingungen eines Organismus
nicht kontinuierlich gleich bleiben, sondern sich häufig in einer Weise
verändern, die sich selbst unseren feinsten Untersuchungsmethoden
entzieht. Um daher die Reizwirkungen in unzweifelhafter Form studieren
zu können, wählen wir den Weg des Experiments und erzeugen sie
künstlich, indem wir Reize auf die lebendige Substanz einwirken
lassen können, die wir willkürlich nach methodischen Gesichtspunkten
bestimmen. Dagegen gewinnen wir den unschätzbaren Vorteil, daß wir die
Bedingungen, unter denen die Reizwirkungen eintreten, selbst in der
Hand haben und genau kontrollieren, so daß wir mit den Lebensvorgängen
wie mit jedem einfachen physikalischen Vorgang experimentieren können.