C₇₁₂H₁₁₃₀N₂₁₄O₂₄₅Fe₁S₂

und Formeln von ähnlich hoher Konstitution sind auch für das Eiweiß,

welches das Weiße des Hühnereies bildet, berechnet worden. Aus allen

diesen Analysen ergibt sich, +daß das Molekül der Eiweißkörper wegen

der Menge der darin enthaltenen Atome außerordentlich groß sein

muß+[65].

Die physikalischen Eigenschaften der Eiweißkörper.

Die natürlich vorkommenden Eiweißkörper bilden in Wasser keine

eigentlichen, sondern +kolloidale Lösungen+. Seitdem ~Graham~ im Jahre

1861 zuerst kristalloide und kolloide Stoffe unterschieden hat, ist

diese Unterscheidung wenigstens bezüglich des Löslichkeitsverhaltens

der chemischen Stoffe immer schärfer charakterisiert worden. Während

die kristalloiden Stoffe, wie z. B. fast alle Salze, in Wasser

Lösungen bilden, indem sich ihre Moleküle gleichmäßig im Lösungsmittel

isoliert voneinander verteilen, bleiben in den Lösungen kolloider

Stoffe die Moleküle zu mehr oder weniger großen Komplexen miteinander

verbunden, so daß sie als feine Partikel im Lösungsmittel suspendiert

sind. Aus der kolloidalen Natur der Eiweißlösungen ergibt sich die

wichtige +Eigenschaft der Eiweißkörper wie andere kolloide Stoffe

durch semipermeable Membranen nicht zu diffundieren+. Bringt man in

ein weites Glasrohr, dessen Oeffnung mit einer Membran, am besten

von künstlichem Pergament, überzogen ist (Fig. 42), eine Lösung von

Kochsalz oder einem anderen löslichen Salz in Wasser und hängt man

das Glasrohr in ein Gefäß mit reinem Wasser, so findet man nach

kurzer Zeit, daß die Salzlösung in dem inneren Glasrohr bedeutend an

Konzentration abgenommen hat, während das Wasser im äußeren Gefäß

jetzt einen ebenso großen Prozentgehalt an Salz besitzt wie die

Lösung im inneren Glasrohr. Es ist also Salz aus dem Glasrohr durch

die Membran in das äußere Wasser diffundiert, bis der Prozentgehalt

an Salz in beiden Flüssigkeiten gleich war. Nimmt man aber statt des

Salzes eine Lösung von Hühnereiweiß, die man erhält, wenn man das Weiße

eines Hühnereies mit etwa 100 ccm Wasser tüchtig zusammenreibt und

durchfiltriert, so kann man die Lösung im Dialysator, wie man diesen

Apparat nennt, stunden- und tagelang stehen lassen, ohne daß eine Spur

von Eiweiß aus dem inneren Rohr in das äußere Wasser diffundiert. Aus

der kolloidalen Natur der Eiweißlösung erklärt sich diese Tatsache sehr

einfach: die Eiweißmoleküle sind zu größeren Partikeln untereinander

vereinigt, die zu groß sind, als daß sie durch die sehr feinen Poren

der Membran hindurchgehen könnten, während den isolierten Molekülen der

Salze kein Hindernis im Wege steht. Für die chemische Untersuchung der

Eiweißkörper ist übrigens diese Eigenschaft von praktischer Bedeutung,

denn man kann durch Dialyse die Eiweißkörper von allen Salzen, die etwa

mit ihnen zusammen in Lösung sind, immer leicht trennen.

Schließlich darf nicht übersehen werden, daß die Eiweißmoleküle durch

Einwirkung bestimmter Reagentien übergeführt werden können in Stoffe,

+welche durch Membranen diffundieren+, ohne dabei die chemischen

Eigenschaften der Eiweißkörper verloren zu haben. Diese Stoffe, in

die z. B. die Eiweißkörper unter dem Einfluß der Verdauungssäfte des

Magens und des Pankreas im Körper übergehen, werden als „+Albumosen+“

und „+Peptone+“ bezeichnet, und man weiß, daß sie durch Spaltung des

ursprünglichen Eiweißmoleküls unter Wasseraufnahme entstehen, daß sie

Hydrate der ursprünglichen Eiweißkörper vorstellen. Aus dieser Tatsache

ergibt sich eine wichtige Schlußfolgerung. Da das Eiweißmolekül

bei der Peptonisierung gespalten wird in Peptonmoleküle, die viel

kleiner und daher diffusibel sind, die aber in chemischer Beziehung

die Eigenschaften der Eiweißkörper haben, so folgt daraus, +daß das

ursprüngliche Eiweißmolekül kein einfaches Molekül ist, sondern ein

polymeres Molekül, d. h. ein Molekül, das aus einer kettenartigen

Verknüpfung vieler gleichartiger Moleküle besteht+. Bei dem Uebergang

in den Peptonzustand zerfällt das Eiweißmolekül unter Wasseraufnahme

in die einzelnen gleichartigen Atomgruppen, die zwar noch sämtlich die

chemischen Eigenschaften der Eiweißkörper haben, aber viel kleinere

Moleküle vorstellen.

[Illustration: Fig. 42. +Dialysator.+]

Hat die Unterscheidung ~Graham~s zwischen kristalloiden und kolloiden

Stoffen bezüglich der Verschiedenheiten ihrer Löslichkeit gerade

in neuerer Zeit zu sehr wichtigen Anschauungen und Erfahrungen

geführt, so ist sie doch bezüglich der Verschiedenheiten im

Kristallisationsvermögen nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Die

kristalloiden Stoffe sollten aus ihren Lösungen auskristallisieren

können, die kolloiden Stoffe dagegen nicht. In Wirklichkeit kennen wir

heute eine Menge +Eiweißkörper, die echte Kristalle bilden können+,

wie die bereits genannten Eiweißkörper in den Kürbiskernen, die als

Aleuronkörner in Pflanzensamen weit verbreitet vorkommen, und wie

ferner das Hämoglobin der roten Blutkörperchen. Schüttelt man z. B.

geschlagenes Meerschweinchenblut längere Zeit mit etwas Aether, wodurch

das Hämoglobin aus der Substanz der roten Blutkörperchen ausgezogen und

in die Blutflüssigkeit übergeführt wird, und läßt man einen Tropfen

dieser Flüssigkeit auf einer Glasplatte langsam verdunsten, oder noch

besser, vermischt man etwas Meerschweinchenblut mit Kanadabalsam, der

in Aether gelöst ist, auf einem Objektträger und bedeckt das Ganze

sogleich mit einem Deckgläschen, so scheiden sich allmählich sehr

zierliche tetraederförmige Kristalle aus (Fig. 43 +II+), die reines

Hämoglobin vorstellen. Ebenso ist es in neuerer Zeit gelungen, auch

eine ganze Reihe anderer Eiweißkörper zur Kristallisation zu bringen.

[Illustration: Fig. 43. +Hämoglobinkristalle.+ _I_ vom Menschen, _II_

vom Meerschweinchen, _III_ vom Eichhörnchen. Nach ~Kirkes~.]

Wenig aufgeklärt ist bisher eine weitere physikalische

Eigentümlichkeit, die fast allen Eiweißkörpern mit Ausnahme weniger

Stoffe dieser Gruppe, wie z. B. der Peptone, zukommt, das ist +die

Fähigkeit, zu gerinnen, zu koagulieren+. Die Gerinnung besteht in einem

Uebergang aus dem gelösten in einen festeren Zustand innerhalb des

Lösungsmittels. Ein Mittel, das fast alle Eiweißkörper zur Gerinnung

bringt, ist das Kochen. In einem frischen Hühnerei ist das Eiweiß in

einer dicken, klaren, fadenziehenden Lösung vorhanden. Im gekochten

Hühnerei dagegen ist es zu einer festen, weißen, undurchsichtigen Masse

geworden, es ist koaguliert. Aus dünnen Lösungen kann sich das Eiweiß

beim Kochen in Gestalt von feinen geronnenen Flocken ausscheiden.

Indessen auch andere Mittel bringen das Eiweiß in seinen Lösungen zur

Gerinnung und fällen es unter Trübung der Flüssigkeit durch Koagulation

aus, wie z. B. gewisse organische Säuren und Alkohol. Daß die

Koagulationsfähigkeit mit den kolloidalen Eigenschaften des Eiweiß in

irgendeinem Zusammenhang steht, dafür scheint die Tatsache zu sprechen,

daß auch anorganische Stoffe, wie Kieselsäure, in kolloidaler Lösung zu

einer Gallerte gerinnen können. Stellt man z. B. Kieselsäure dar, indem

man zu einer Lösung von kieselsaurem Natron Salzsäure hinzusetzt,

wobei neben Kochsalz freie Kieselsäure entsteht, so kann man durch

Dialyse die Kieselsäure von dem Kochsalz trennen, da sie als kolloider

Körper im Gegensatz zu der Kochsalzlösung nicht durch Membranen

diffundiert. Diese Kieselsäurelösung kann man aber durch Zuleiten

einiger Kohlensäureblasen sofort in eine geronnene gallertähnliche

Masse verwandeln.

Die chemische Zusammensetzung der Eiweißkörper.

Bis vor wenigen Jahren war unsere Kenntnis von der chemischen

Zusammensetzung der Eiweißkörper noch eine sehr lückenhafte, und

so fehlten uns auch noch die Anhaltspunkte, um bestimmte chemische

Reaktionen mit ihnen zu machen. Trotzdem hatte man schon rein empirisch

eine Reihe von Eiweißreaktionen ermittelt, die für die Eiweißkörper

charakteristisch sind und die in Zweifelsfällen die Anwesenheit

von Eiweiß ermitteln lassen. Diese üblichen Eiweißreaktionen, von

denen allerdings eine allein nicht immer ausreichen würde, um mit

vollkommener Sicherheit die Eiweißdiagnose zu gestatten, sind folgende:

1. Die +Xanthoproteinprobe+, die darin besteht, daß eine Eiweißlösung

durch Kochen mit Salpetersäure gelb gefärbt wird, eine Farbe, die bei

Zusatz von Ammoniak in Orange übergeht.

2. Die +Biuretprobe+: Macht man eine Eiweißlösung mit Kali- oder

Natronlauge alkalisch, so nimmt sie im Kalten bei Zusatz eines

Tropfens Kupfersulfatlösung eine klare, violette Farbe an.

3. Die ~Millon~+sche Probe+: Mit einer Lösung von Quecksilbernitrat

und etwas salpetriger Säure längere Zeit gekocht, wird das Eiweiß

rosenrot gefärbt.

4. Die ~Adamkiewicz~+sche Probe+: Eine starke Eiweißlösung mit

Eisessig versetzt, zeigt bei Zusatz von konzentrierter Schwefelsäure

an der Grenzfläche beider Flüssigkeiten einen roten bis violetten

Ring.

5. Die ~Molisch~+sche Probe+: Eine Eiweißlösung mit einer

alkoholischen Thymollösung versetzt, zeigt bei Zusatz von

konzentrierter Schwefelsäure eine Rotfärbung.

6. Die +Salzsäureprobe+: Kochen mit konzentrierter Salzsäure löst die

koagulierten Eiweißkörper unter Violettfärbung der klaren Flüssigkeit.

7. Die +Ferrocyankaliumprobe+: Eine Eiweißlösung, die mit Essigsäure

versetzt ist, zeigt bei Zusatz von etwas Ferrocyankaliumlösung eine

weiße Trübung.

8. Die +Schwefelbleiprobe+: Eine durch Kali- oder Natronlauge

alkalisch gemachte Eiweißlösung liefert beim Kochen mit Bleiacetat

einen schwarzen Niederschlag bezw. eine Braunfärbung von Schwefelblei.

9. Die +Jodprobe+: Als gutes mikroskopisches Erkennungsmittel der

Eiweißkörper dient Zusatz von Jodtinktur oder einer Lösung von Jod in

Jodkalium. Durch das Jod werden die Gerinnsel gelbbraun gefärbt.

Man hatte nun schon aus einigen dieser Proben gewisse Anhaltspunkte

gewonnen für die Anwesenheit bestimmter Atomgruppen im Eiweißmolekül.

So deutete z. B. die ~Millon~sche Probe darauf hin, daß ein

aromatischer Atomkomplex im Eiweißmolekül enthalten ist, denn die

~Millon~sche Reaktion geben alle Benzolderivate, bei denen ein

Wasserstoffatom durch eine Hydroxylgruppe vertreten ist. Ein tieferer

Einblick in den Bau des Eiweißmoleküls wurde aber erst gewonnen durch

die genauere Erforschung der Spaltungsprodukte des Eiweiß. Obwohl

manche dieser Spaltungsprodukte bereits seit längerer Zeit bekannt

sind, so haben doch erst die systematischen Untersuchungen von

~Kossel~, besonders aber von ~Emil Fischer~ und seinen Schülern den

gewaltigen Fortschritt in der Eiweißchemie hervorgerufen, den wir in

den letzten Jahren erlebt haben. Ja, den Arbeiten von ~Emil Fischer~

verdanken wir auch bereits die ersten wichtigen Schritte in der

künstlichen Synthese von Körpern der Eiweißgruppe.

Sowohl bei der Spaltung der Eiweißkörper mit Säuren oder Alkalien

in der Siedehitze als auch bei der Spaltung, wie sie unter dem

Einfluß der Verdauungsenzyme sich vollzieht, entstehen aus dem

Eiweißmolekül eine ganze Anzahl von Aminosäuren, d. h. von Säuren

der Fettsäurereihe, in denen ein Wasserstoffatom durch die

Aminogruppe NH₂ ersetzt ist. So erhält man z. B. als Produkte der

Eiweißspaltung: Glykokoll oder Glyzin, d. i. Aminoessigsäure, Alanin,

d. i. Aminopropionsäure, ferner Abkömmlinge des Alanins wie Serin,

d. i. Aminooxypropionsäure und besonders aromatische Abkömmlinge des

Alanins wie Phenylalanin, Tyrosin (Paraoxyphenylaminopropionsäure)

und Tryptophan (Indolaminopropionsäure), sodann Asparaginsäure, d. i.

Aminobernsteinsäure, Valin, d. i. Aminovaleriansäure, Leucin, d. i.

Aminocapronsäure, und schließlich basische Stoffe wie Lysin, d. i.

Diaminocapronsäure, Histidin, d. i. Imidazolalanin, Arginin, d. i.

Guanidinaminovaleriansäure und viele andere, zum Teil noch nicht

näher ermittelte Stoffe. Man muß daher das Eiweißmolekül auffassen

als ein sehr komplexes Molekül, dessen hauptsächlichste Atomgruppen

von verschiedenartigen Aminosäuren gebildet werden. Manche von diesen

Aminosäuren enthalten zugleich aromatische Gruppen und in gewissen

Eiweißkörpern finden sich auch Aminosäuren mit Kohlehydratgruppen

vereinigt. Durch die Mannigfaltigkeit der Aminosäuren, durch die vielen

Substitutionsmöglichkeiten, welche die Aminosäuren anderen Gruppen

bieten und durch die große Zahl der in einem Eiweißmolekül enthaltenen

Aminosäuren wird die ganze große Fülle der verschiedenartigen

Eiweißkörper, welche die Organismenwelt zusammensetzen und wird auch

zugleich die riesige Größe des Eiweißmoleküls verständlich. Hier ist

durch Variation der Zahl, der Art und der Substitution von Aminosäuren

im Molekül die Möglichkeit für eine ganz unabsehbare Mannigfaltigkeit

von Stoffen der Eiweißgruppe gegeben und es wird noch lange dauern, bis

wir auch nur die bekanntesten und verbreitetsten unter den Körpern der

großen Eiweißgruppe bis in ihre sämtlichen spezifischen Konstituenten

hinein analysiert haben werden. Das schließt nicht aus, daß ~Emil

Fischer~[66] schon jetzt mit großem Erfolg versucht hat, Stoffe, die

den natürlich vorkommenden Eiweißkörpern ähnlich sind, synthetisch

durch Aneinanderkoppelung von Aminosäuren aufzubauen. Auf diese Weise

gelangte ~Emil Fischer~ zu einer Gruppe von Stoffen, die er als

„+Peptide+“ bezeichnete.

Eine sehr häufige Verkoppelungsweise von zwei Molekülen in der

organischen Chemie besteht darin, daß das eine Molekül eine OH-Gruppe,

das andere ein H-Atom abspaltet, so daß die in jedem Molekül dadurch

frei werdende Valenz sich gegenseitig absättigen kann, während

als Nebenprodukt H₂O entsteht. Auf diese Weise können z. B. zwei

Glykokoll-Moleküle miteinander verkoppelt werden, so daß unter

Wasseraustritt ein Körper entsteht, der als Glyzylglyzin bezeichnet

worden ist:

H₂N·CH₂·COOH + H₂N·CH₂·COOH =

Glykokoll Glykokoll

(Amidoessigsäure) (Amidoessigsäure)

H₂N·CH₂·CO-HN·CH₂·COOH + H₂O

Glyzylglyzin Wasser

In diesem Falle sind zwei Moleküle der einfachsten Aminosäure, der

Aminoessigsäure, miteinander zu einem Molekül verkoppelt. Es ist ein

„+Dipeptid+“ entstanden, das wir gewissermaßen als den ersten Schritt

auf dem Wege zur Eiweißsynthese betrachten können. Indessen können nun

auch verschiedenartige Aminosäuren nach demselben Prinzip zu Dipeptiden

vereinigt werden, z. B. Glykokoll (Aminoessigsäure) mit Alanin

(Aminopropionsäure) zu Glyzylalanin:

H₂N·CH₂·COOH + H₂N·CH·CH₃·COOH =

Glykokoll Alanin

H₂N·CH₂·CO-HN·CH·CH₃·COOH + H₂O

Glyzylalanin Wasser

Aber noch mehr. Es ist ~Emil Fischer~ nicht bloß gelungen, zwei,

sondern eine ganze Anzahl, neuerdings bis zu 14 Aminosäure-Moleküle

miteinander zu verkoppeln und so synthetisch verschiedenartige

„+Polypeptide+“ aufzubauen, von denen einzelne bereits eine

erstaunliche Aehnlichkeit mit Eiweißkörpern besitzen und eine Reihe der

charakteristischen Eiweißreaktionen liefern, wenn sie auch in ihrer

Gliederzahl und Zusammensetzung noch nicht den natürlich vorkommenden

Eiweißkörpern gleichen. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, daß die

letzten Spaltungsprodukte der Eiweißkörper, die noch Eiweißnatur haben,

also die bei der Eiweißverdauung entstehenden Peptone, chemisch solche

einfacheren Polypeptide sind. Wie dem aber auch sei, nachdem ~Emil

Fischer~ einmal den Weg gezeigt hat, auf dem wir in die Erkenntnis der

Eiweißgruppe gelangen können, ist die Aufklärung dieser wichtigsten

Gruppe von Bausteinen der lebendigen Substanz nur eine Frage der Zeit.

Eine natürliche +Einteilung der Eiweißkörper+ würde als

Einteilungsprinzip die Art der Atomgruppen (Aminosäuren, Benzolringe,

Kohlehydratgruppen etc.) benutzen, die in den verschiedenen

Eiweißkörpern enthalten sind. Eine solche Einteilungsweise wäre die

allein wünschenswerte, aber wir sind augenblicklich noch nicht in

der Lage, sie durchzuführen, weil von den meisten Eiweißkörpern die

Zusammensetzung aus diesen oder jenen Gruppen noch nicht bekannt

ist. Infolgedessen müssen wir uns vorläufig noch mit äußerlichen

Einteilungsprinzipien begnügen und jede Einteilung der Eiweißkörper

bleibt daher bis zu einem gewissen Grade willkürlich. Die verschiedenen

Autoren haben deshalb auch im einzelnen sehr voneinander abweichende

Einteilungen gegeben. Augenblicklich ist die Verwirrung besonders groß

geworden, weil einerseits heute schon das natürliche Einteilungsprinzip

sich zu entwickeln beginnt und andererseits doch noch die alten

äußerlichen Einteilungsprinzipien unentbehrlich sind, so daß viele

Stoffe, die früher auf Grund äußerlicher Eigenschaften wie der

Fällbarkeit, Aussalzbarkeit, Diffusionsfähigkeit, Koagulierbarkeit etc.

in eine gemeinsame Gruppe gebracht worden waren und einen gemeinsamen

Namen erhalten hatten, jetzt weit voneinander getrennt werden müssen,

weil sie eine total verschiedene Zusammensetzung erkennen lassen.

Als die einfachste Gruppe der Eiweißkörper können gewissermaßen die

von ~Emil Fischer~ künstlich durch Aneinanderfügen von Aminosäuren

hergestellten _Peptide_ angesehen werden. Unter den Polypeptiden

befinden sich manche, die bereits die Biuretreaktion geben und andere

Eigenschaften mit den eigentlichen Eiweißkörpern gemeinschaftlich haben.

An die Polypeptide schließen sich die _hydrolytischen Spaltungsprodukte

der natürlich vorkommenden Eiweißkörper_, die Albumosen und Peptone an,

die sich einerseits durch Diffusibilität, schwere Fällbarkeit etc. von

den nativen Eiweißkörpern unterscheiden, die sich aber andererseits

durch eine Reihe von typischen Eiweißreaktionen, wie Biuretprobe,

~Millon~sche Reaktion etc. doch als echte Eiweißkörper zu erkennen

geben.

Die _nativen Eiweißkörper_, d. h. die natürlich vorkommenden einfachen

Körper der Eiweißgruppe werden sich in nächster Zeit bald auf Grund

ihrer Spaltungsprodukte in ein natürliches System einordnen lassen.

Bisher pflegte man zwei große Gruppen voneinander zu unterscheiden

nach dem Verhalten ihrer Löslichkeit in Wasser, die +Albumine+ und

+Globuline+. Die +Albumine+ sind in reinem Wasser ohne weiteres

löslich. Zu ihnen gehört z. B. das Laktalbumin, das in geringer Menge

in der Milch vorkommt, ferner das Serumalbumin, ein Albuminkörper,

der in der Blutflüssigkeit enthalten ist, das Muskelalbumin, der in

Wasser lösliche Eiweißkörper der Muskelzellen, das Pflanzenalbumin,

das im Zellsaft der Pflanzenzellen gelöst ist, und manche andere. Das

Eiereiweiß, das früher auch zu den nativen Eiweißkörpern gerechnet

wurde, ist eine kompliziertere Eiweißverbindung. Die +Globuline+ sind

nur in Wasser löslich, wenn dasselbe neutrale Salze, aber nicht bis

zur Sättigung, enthält. Sättigt man dagegen eine Globulinlösung mit

Salzen, so fällt das Globulin in Flocken aus, eine Behandlungsweise,

die als „Aussalzen“ bezeichnet wird, und ebenso fällt das Globulin

aus, wenn man die Lösung durch Diffusion im Dialysator von den Salzen

ganz befreit. Zu den Globulinen gehört z. B. das Serumglobulin, das

ebenfalls in der Blutflüssigkeit gelöst ist, ferner das Fibrinogen,

der dritte Eiweißkörper des Blutes, der beim Stehenlassen des Blutes

außerhalb der Blutgefäße schon von selbst zu Fibrinflocken und -fasern

gerinnt, dann das Myosin, der Globulinkörper der Muskeln, der ebenso

beim Stehenbleiben von selbst koaguliert, ein Vorgang, der z. B. im

absterbenden Muskel bei der Totenstarre eintritt, und schließlich das

Pflanzenglobulin, das dem Inhalt der Getreidekörner seine klebrige

Beschaffenheit verleiht und daher auch als „Kleber“ bezeichnet worden

ist.

Neben den einfachen Eiweißkörpern kennen wir aber auch

_Eiweißverbindungen_. Bei diesen Verbindungen der Eiweißkörper, die

man auch als „Proteide“ den einfachen Eiweißkörpern oder Proteinen

gegenübergestellt hat, verhält sich das Eiweißmolekül chemisch im

allgemeinen wie eine schwache Säure, und man kann es durch Zusatz

stärkerer Säuren vielfach aus seinen Verbindungen verdrängen, wobei

die stärkere Säure an seine Stelle tritt. Dann wird das Eiweiß frei.

Eine Gruppe der Eiweißverbindungen lernten wir bereits kennen, die

+Hämoglobine+, die im Blut eine so hervorragende Rolle spielen und

durch ihren Eisengehalt charakterisiert sind. Die verbreitetsten

Verbindungen aber, in denen die Eiweißkörper ausnahmslos in jeder Zelle

auftreten, sind die +Nukleoproteide+. Die Nukleoproteide stellen, wie

~Altmann~[67] gezeigt hat, Verbindungen von Eiweiß mit Nukleinsäure

vor, einer Säure, die selbst eine Verbindung ist von Phosphorsäure mit

eigentümlichen basischen Körpern, den sogenannten Nukleinbasen: Guanin,

Adenin, Xanthin und Hypoxanthin. Die Nukleoproteide sind in jeder

Zelle in Form von Nukleinen in großer Menge im Zellkern enthalten.

Den Nukleoproteiden durch ihren Phosphorgehalt ähnlich ist die Gruppe

der +Pseudonukleine+ (Paranukleine) und +Pseudonukleoproteide+

(Paranukleoproteide), die aber scharf von den echten Nukleoproteiden

unterschieden ist dadurch, daß sie keine Nukleinsäuren enthält. Ein

solches an Kalk gebundenes Pseudonukleoproteid ist das Kasein, ein

Körper, der den physiologischen Chemikern lange Zeit Schwierigkeiten

gemacht hat. Das Kasein ist das an Kalk gebundene Pseudonukleoproteid

der Milch, das zum Käse verarbeitet wird und die Eigentümlichkeit

hat, beim Kochen der Milch nicht zu gerinnen, während es, wenn man

es etwa durch Essigsäure von dem Kalk trennt, sofort ausfällt. Auch

die im Eidotter enthaltenen Vitelline gehören, wie es scheint, zu

den Pseudonukleoproteiden. Eine vierte Gruppe von Eiweißverbindungen

sind die +Glykoproteide+, in denen das Eiweiß mit einem Kohlehydrat

verbunden ist und unter denen vor allem das in den Zellen der

Schleimdrüsen enthaltene Mucin, der Schleim, ferner die Amyloidsubstanz

der Gefäßwände und der früher als „Eieralbumin“ bezeichnete Bestandteil

des Eiereiweißes eine wichtige Rolle spielt.

Von besonderem Interesse erscheint es, daß in der lebendigen Substanz

der Zelle die Eiweiß+verbindungen+ bei weitem die Hauptmasse bilden.

Während man früher und vielfach noch heute die Vorstellung hatte, daß

die Hauptmasse des Protoplasmas aus nativem Eiweiß besteht, haben

schon ~Reinke~ und ~Krätzschmar~[68] gezeigt, daß es, wie sie sich

ausdrücken, „lebenstätiges Protoplasma gibt, in dem sich keine Spur

von Eiweißstoffen nachweisen läßt“. So besitzt der Zellkörper der

Alge +Vaucheria+ „ein durchaus eiweißloses Protoplasma“. Spätere

Untersuchungen von ~Hammarsten~[69] und ~Lilienfeld~[70] haben das

für verschiedene andere Gewebe bestätigt, und ~Sosnowski~[71] hat

das gleiche bei einzelligen Organismen gefunden. Die Hauptmasse

des Protoplasmas besteht nicht aus reinen Eiweißkörpern, sondern

aus komplizierten Eiweißverbindungen, die zum Teil ganz andere

Eigenschaften haben wie die ersteren. Wir müssen endlich den

althergebrachten Gedanken fallen lassen, daß das Protoplasma der Zelle

einen einfachen Eiweißklumpen vorstelle. Die Eiweißverbindungen spielen

im Protoplasma der meisten Zellen die Hauptrolle. Dabei ist aber immer

zu berücksichtigen, daß wir es bei der chemischen Untersuchung mit

abgetötetem Protoplasma zu tun haben.

Neben den echten Eiweißkörpern und ihren Verbindungen, die wir

soeben charakterisiert haben, existiert schließlich eine Anzahl

von Körpern, die sich in mancher Beziehung ähnlich verhalten wie

die Eiweißkörper und deshalb als +Albuminoide+ bezeichnet worden

sind. Die Gruppe der Albuminoide ist eine wahre Rumpelkammer in der

physiologischen Chemie. Sie enthält die verschiedenartigsten Körper,

die teilweise wohl einfache Eiweißkörper, teilweise Verbindungen

von Eiweißkörpern sind, die aber in ihrem chemischen Verhalten viel

weniger Gleichartigkeit zeigen und noch viel weniger bekannt sind als

die bisher genannten Stoffe der Eiweißgruppe. Vor allem rechnet man

zu den Albuminoiden einen großen Teil derjenigen Stoffe, die von der

Zelle als Skelettsubstanzen zur Stütze weicherer Teile des Organismus

produziert werden. Ein näheres Eingehen auf die bisher bekannten

Reaktionen, welche die einzelnen der zahlreichen Albuminoidkörper

liefern, würde zu weit führen und für unseren Zweck überflüssig

sein[72]. Es genügt, einige der wichtigsten Körper, die sämtlich in

festem, ungelöstem Zustande auftreten, hier anzuführen. Solche zu den

Albuminoiden gezählte Körper sind das +Keratin+, das in den meisten,

von den Epidermiszellen der Haut produzierten Horngebilden (Hörnern,

Hufen, Haaren, Federn, Nägeln etc.) enthalten ist, das +Elastin+, das

die elastischen Fasern der Zellen des Bindegewebes und das mächtige

gelbe Nackenband zusammensetzt, das +Kollagen+, das die organische

Grundsubstanz der Knochen und Knorpel ausmacht und unter Wasseraufnahme

beim Kochen in Leim übergeht, das +Spongin+, die Skelettsubstanz der

Badeschwämme, das +Konchiolin+, die organische Substanz der Muschel-

und Schneckenschalen, das +Kornein+, die der Korallen, und viele

andere Substanzen, die besonders bei wirbellosen Tieren skelettbildend

auftreten.

Schließlich wird zu den Albuminoiden vielfach auch eine Reihe von

Körpern gerechnet, die ihrer Zusammensetzung nach noch gar nicht

bekannt sind, die aber jedenfalls Derivate der Eiweißkörper vorstellen

und im Leben des Organismus, vor allem für die Verdauung, die größte

Bedeutung besitzen. Das sind die gelösten +Fermente+ oder +Enzyme+,

wie z. B. das Pepsin, das die Drüsenzellen des Magens, das Ptyalin,

das die Zellen des Pankreas und der Speicheldrüsen, das Trypsin, das

ebenfalls die Pankreaszellen produzieren, und zahllose andere. Auf die

Eigentümlichkeiten dieser Körper und ihre Rolle im Leben des Organismus

werden wir an einer anderen Stelle näher einzugehen haben.

Die hier gegebene Charakterisierung der Eiweißkörper und ihrer

Verbindungen würde also etwa zu folgender Klassifikation derselben

führen, die natürlich, wie nochmals betont sei, nur ein ganz

provisorisches Schema zum Ausdruck bringen kann.

Eiweißkörper.

Allgemeine Physiologie · 第 86 / 283 题