EIN PHYSIOLOGE.

Vorwort zur ersten Auflage.

Der Elementarbestandteil +aller+ lebendigen Substanz und das Substrat

aller elementaren Lebensäußerungen ist die Zelle. Wenn daher die

Physiologie in der Erklärung der Lebensäußerungen ihre Aufgabe sieht,

so kann -- das liegt auf der Hand -- die +allgemeine+ Physiologie nur

eine Zellularphysiologie sein.

Die Entwicklung der modernen Physiologie ist an einem Punkte angelangt,

wo ihre Probleme mehr und mehr beginnen, mit Entschiedenheit eine

Verfolgung in der Zelle zu fordern. Immer deutlicher zeigt sich uns

in der physiologischen Forschung die Tatsache, daß die +allgemeinen+

Probleme des Lebens bereits in der Zelle enthalten sind, dem

elementaren Substrat, das allem Leben auf der Erdoberfläche zugrunde

liegt. Dieser Umstand erweckte in mir die Absicht, die allgemeinen

Probleme und Tatsachen, Theorien und Hypothesen vom Wesen des Lebens,

die bisher nie eine ausführlichere Zusammenfassung erfahren hatten,

nach zellularphysiologischen Gesichtspunkten in einheitlicher Weise

zu bearbeiten, um so den Grundriß eines Gebietes zu entwerfen, in das

sämtliche Zweige der speziellen Physiologie einmünden. Ich habe daher

im vorliegenden Buch den Versuch gemacht, die allgemeine Physiologie

als +allgemeine Zellularphysiologie+ zu behandeln.

Indem ich dieses Unternehmen dem Andenken ~Johannes Müllers~ widmete,

wollte ich nicht bloß dem Danke Ausdruck geben, den wir alle dem

Wirken unseres erhabenen Meisters in der Physiologie schuldig sind,

ich wollte vor allem den Standpunkt damit andeuten, den ich stets

in meiner Forschung mit Energie zu vertreten bestrebt war: das ist

der vergleichend-physiologische Standpunkt ~Johannes Müllers~. Die

vergleichende Behandlungsweise physiologischer Probleme, welche die

Forschung unseres Meisters so außerordentlich fruchtbar gestaltete, ist

leider nach seinem Tode der Physiologie, als sie sich mehr und mehr in

die speziellen Probleme des menschlichen Körpers vertiefte, abhanden

gekommen. Allein jetzt, wo sich immer mehr zeigt, daß der Umfang des

gebräuchlichen Arbeitsmaterials zu eng wird für die Ausdehnung, welche

die physiologischen Probleme auch auf diesen Gebieten anzunehmen

beginnen, verlangt die Physiologie wieder dringender nach einer

vergleichenden Behandlung, um schiefen und falschen Verallgemeinerungen

aus dem Wege zu gehen und sich freier weiterzuentwickeln. Aus diesem

Grunde scheint es mir unerläßlich, auf die Forschungsweise ~Johannes

Müllers~ zurückzugreifen, und aus diesem Grunde widmete ich die

folgenden Blätter den Manen des großen Physiologen.

Der Plan des vorliegenden Buches nahm zuerst festere Gestalt

an auf einer Studienreise, die ich im Jahre 1890 zum Zwecke

vergleichend-physiologischer Untersuchungen nach verschiedenen

Punkten des Mittelmeeres und des Roten Meeres unternahm. Meine

Universitätsvorlesungen in Jena boten mir nach meiner Rückkehr

Gelegenheit, das Material zum ersten Male im Zusammenhang darzustellen.

Trotzdem blieb mir die Hauptmasse der Arbeit noch übrig, als ich

im Sommer 1892 mit dem Manuskript des Buches begann. Obwohl ich

mich seit nahezu zehn Jahren vorwiegend mit den Problemen der

allgemeinen Physiologie beschäftigt und mich in einer Reihe von

Arbeiten bemüht habe, Beiträge zur Lösung allgemein-physiologischer

Fragen zu liefern, so war doch mit dem Zusammenschaffen, Nachprüfen,

Auswählen, Vervollständigen und Anordnen des vielfach sehr zerstreuten

Materials eine so große Arbeit verbunden, daß das Buch nur langsam

vorwärtsrückte. Dabei waren die Empfindungen, die mich während der

Abfassung der einzelnen Abschnitte begleiteten, sehr wechselnd.

Vielfach stellten sich Momente der Sorge ein, ob der Erfolg im

einzelnen der Begeisterung und Liebe, mit der das Ganze unternommen

war, entsprechen würde. Allein, hier kann nur die Kritik der

Fachgenossen die Entscheidung treffen. Es liegt auf der Hand, daß

ein Buch, welches ein bisher nie einheitlich behandeltes Material

zum ersten Male unter bestimmten Gesichtspunkten zu einem eigenen

Gebiete zusammenfaßt, nicht gleich bei seinem ersten Erscheinen etwas

Vollkommenes bieten kann. Ich gebe mich daher nicht der Illusion hin,

daß mir auch das nur annähernd gelungen sei. Vielmehr bin ich fest

überzeugt, daß sich hier und dort mancherlei Fehler und Irrtümer

eingeschlichen haben, die ich meine Fachgenossen freundlichst zu

verbessern bitte.

Eine besondere Genugtuung aber hat es mir gewährt, daß einer meiner

amerikanischen Fachgenossen, Prof. ~Frederic S. Lee~ aus New-York,

in einem Vortrage auf der Versammlung amerikanischer Naturforscher

und Aerzte gleichzeitig mit mir dieselben Ideen über die Forderungen

der modernen Physiologie entwickelt hat, wie sie im ersten Kapitel

dieses Buches von mir ausführlich begründet und bereits an anderen

Orten, hauptsächlich aber in einem Artikel des „+Monist+“ (Chicago)

ausgesprochen worden sind.

Bei der Darstellung des Stoffes wurde hauptsächlich Wert auf eine

leichtverständliche und nicht allzu ermüdende Sprache gelegt.

Diese Forderung tritt immer auf, wenn man die in einem Buche

niedergelegten Ideen einem weiteren Leserkreise zugängig machen

will. Das war hier der Fall. Ich wollte ein Buch schreiben, das sich

zwar zunächst an meine engeren Fachgenossen wendet und ihnen neben

einigen neuen Tatsachen und Ideen vor allem eine Zusammenfassung

des bisher zerstreuten Materials bieten sollte, aber zugleich ein

Buch, das +jedem+ naturwissenschaftlich gebildeten Leser, der sich

für den Gegenstand interessiert, sei er Arzt oder Philosoph, sei

er Botaniker oder Zoolog, einen Ueberblick über die Probleme und

Tatsachen, Theorien und Hypothesen des Lebens geben sollte, ein Buch

schließlich, das den Studenten der Medizin und Naturwissenschaft in

das Wesen der allgemeinen Physiologie einführen und ihm die für sein

Studium wichtigen theoretischen Vorstellungen dieses Gebietes liefern

sollte. Es war schwierig, dieser vielseitigen Absicht gerecht zu

werden, und nur dann möglich, wenn eine Sprache zur Verwendung kam,

die jedem Gebildeten verständlich ist. Inwieweit es mir gelungen ist,

meine Absicht zu erreichen und für so verschiedene Ansprüche etwas

Brauchbares zu liefern, kann nur das Urteil des Lesers entscheiden, den

ich um eine nachsichtige Kritik ersuche.

Schließlich fühle ich mich verpflichtet, allen meinen Freunden, die an

der Entstehung, Entwicklung und Vollendung meines Planes einen regen

Anteil genommen haben, sowie besonders Herrn ~Gustav Fischer~, der mir

bei dem Verlage und der Ausstattung des Buches mit großer Liberalität

entgegengekommen ist, meinen verbindlichsten Dank zu sagen.

+London+, den 4. November 1894.

=Der Verfasser.=

Vorwort zur zweiten Auflage.

Indem ich die zweite Auflage der Oeffentlichkeit übergebe, drängt

es mich vor allem, meinen wärmsten Dank auszusprechen für die

überaus günstige Aufnahme, welche das Buch bei seinem Erscheinen

von seiten der Leser und speziell von seiten der Kritik gefunden

hat. Besonders bin ich auf das freudigste überrascht gewesen durch

die Wahrnehmung, daß die +allgemeine Physiologie+ nicht bloß in den

Kreisen der theoretischen Naturforschung, sondern grade auch in den

Kreisen der praktischen Medizin das lebhafteste Interesse und die

reichste Anerkennung geerntet hat, wie mir nicht nur die zahlreichen

brieflichen und mündlichen Zustimmungen, sondern vor allem die Kritik

der Fachzeitschriften des In- und Auslandes gezeigt haben. Ich

erblicke darin mit großer Genugtuung ein Zeichen, daß die praktische

Medizin unserer Zeit die eminente Bedeutung richtig erkannt hat,

welche die allgemein-physiologischen Erfahrungen über das Leben der

Zelle für das Verständnis der physiologischen und pathologischen

Erscheinungen im Zellenstaat des menschlichen Körpers besitzen. In

dieser Ansicht werde ich um so mehr bestärkt, als ich mit besonderer

Freude konstatieren kann, daß die Zahl der zellularphysiologischen

Arbeiten sich in den letzten Jahren ungewöhnlich gesteigert hat. Ich

bin daher bemüht gewesen, in der zweiten Auflage die wichtigeren unter

den neuen Erscheinungen zu berücksichtigen. Leider habe ich dabei in

Rücksicht auf den Umfang des Buches manches Neue kürzer behandeln

müssen, als es mir lieb war, und manches Alte einschränken müssen,

was in der ersten Auflage einen breiteren Raum einnahm, aber ich

glaube dennoch durch Einfügung einer beträchtlichen Zahl neuer Figuren

und Ersetzung mangelhafter durch bessere die lebendige Anschauung

wesentlich erleichtert zu haben. Im übrigen gebe ich mich auch bei

dieser zweiten Auflage nicht der Illusion hin, daß sie frei wäre von

Fehlern und Mängeln; aber ich denke, daß jeder objektive Kritiker

die großen Schwierigkeiten bei der Behandlung eines so ausgedehnten

Materials anerkennen und die Irrtümer nachsichtig beurteilen wird. Für

den freundlichen Hinweis auf einzelne Mängel und Irrtümer in der ersten

Auflage bin ich meinen Kritikern aufrichtig zu Dank verpflichtet.

Ich habe mich bemüht, dieselben, soweit es sich um tatsächliche

Fehler handelte, in dieser Auflage zu berichtigen und, soweit dabei

Auffassungs- oder Standpunktsdifferenzen zugrunde lagen, dieselben nach

bestem Wissen und Gewissen zu würdigen.

Eine +englische+ sowie eine +italienische+ Uebersetzung der

„Allgemeinen Physiologie“ sind im Erscheinen begriffen. Eine

+russische+ Ausgabe ist bereits vor längerer Zeit erschienen, doch sehe

ich mich leider genötigt, die Verantwortung für die letztere durchaus

abzulehnen, da dieselbe gänzlich ohne mein Vorwissen publiziert worden

und bisher weder meinem Herrn Verleger noch mir zu Gesicht gekommen ist.

Schließlich möchte ich nicht unterlassen, Herrn Dr. ~Gustav Fischer~

auch für seine liebenswürdige Mühe wegen der zweiten Auflage meinen

wärmsten Dank zu sagen.

+Jena+, physiologisches Institut der Universität, im Juni 1897.

=Der Verfasser.=

Vorwort zur dritten Auflage.

Als im Sommer 1900 der Druck einer dritten Auflage der „Allgemeinen

Physiologie“ notwendig wurde, war ich leider nicht sogleich in der

Lage, die Herausgabe derselben in Angriff zu nehmen, und als ich

dann im Herbst die Zeit dazu fand, stellte sich heraus, daß einzelne

Abschnitte doch infolge des inzwischen wieder bedeutend angewachsenen

Materials eine Erweiterung und teilweise Umarbeitung erforderten, die

eine beträchtliche Zeit in Anspruch nahm. Leider war ich auch durch

anderweitige dringende Arbeiten mehrmals gezwungen, die Neubearbeitung

des Buches zeitweilig zu unterbrechen. So kam es, daß sich die

Herausgabe der dritten Auflage über Gebühr verzögert hat und daß das

Buch mehr als ein halbes Jahr lang vergriffen war.

Ich habe mich bemüht, auch bei dieser Auflage den Umfang des Buches

seinem Zwecke entsprechend möglichst wenig zu vergrößern. Wenn sich

trotzdem eine Erweiterung von beinahe zwei Bogen, sowie eine Vermehrung

der Abbildungen bei der Neubearbeitung ergeben hat, so liegt das

daran, daß die Fülle selbst des wichtigen Materials im Laufe der

drei seit dem Erscheinen der zweiten Auflage verflossenen Jahre eine

ganz gewaltige geworden ist. Es wird an allen Ecken und Enden in der

allgemeinen Physiologie gearbeitet, denn die +allgemeinen+ Fragen

der Wissenschaft haben in den letzten Jahren nach einer gewissen

Periode der Vernachlässigung wieder angefangen, ein erhöhtes und

ausgedehnteres Interesse für sich in Anspruch zu nehmen. Leider konnte

selbstverständlich nicht alles Wünschenswerte in dem engen Rahmen des

Buches Aufnahme finden. Wenn daher manches Wichtige nur kurz berührt

oder vielleicht ganz unberücksichtigt geblieben ist, so bitte ich, das

damit zu entschuldigen, daß ich bestrebt war, die Grenzen des Buches

und damit seinen ursprünglichen Zweck und Charakter durchaus zu wahren.

Das Buch würde seinen Zweck verfehlen und würde seine Brauchbarkeit

zum großen Teile einbüßen, wenn es zu einer trockenen Materialsammlung

auswüchse, die bei dem ungeheuren Umfang des Gebietes der allgemeinen

Physiologie ja doch immer ein unvollständiges Stückwerk bleiben

+müßte+. Das Buch soll orientieren und anregen.

Bei der mühevollen und undankbaren Arbeit des Korrekturlesens haben

mich Herr cand. med. ~Pütter~ aus Breslau und Herr Dr. ~Klimmer~ aus

Dresden in liebenswürdigster Weise unterstützt. Ich möchte beiden

Herren an dieser Stelle für die große Mühe und Arbeit, welche sie dem

Buche gewidmet haben, meinen wärmsten Dank aussprechen.

Von Uebersetzungen sind nunmehr die +englische+, +französische+,

+russische+ und +italienische+ erschienen. Bei der +italienischen+

haben sich aber leider so ungemein viel Druck- und vor allem Sinnfehler

eingeschlichen, daß manche Teile derselben dadurch fast unbrauchbar

geworden sind.

Indem ich schließlich auch für die Herausgabe dieser dritten Auflage

meinem hochverehrten Freunde, Herrn Verlagsbuchhändler Dr. ~Gustav

Fischer~ in Jena meinen wärmsten Dank sage, übergebe ich das Buch

hiermit zum dritten Male seinen Lesern.

+Göttingen+, physiologisches Institut der Universität, im Mai 1901.

=Der Verfasser.=

Vorwort zur vierten Auflage.

Der Druck der vierten Auflage, welcher diesmal bereits anderthalb Jahre

nach dem Erscheinen der letzten Auflage notwendig wurde, hat sich

leider wiederum über Gebühr in die Länge gezogen. Bei der schnellen

Aufeinanderfolge der Auflagen, deren Neubearbeitung und Drucklegung

jedesmal eine beträchtliche Zeit erfordert, habe ich mich daher in

Uebereinstimmung mit dem Herrn Verleger entschlossen, die neue Auflage

in einer etwas größeren Zahl von Exemplaren zu drucken als bisher.

Das Material ist trotz der kurzen Zeit, die seit dem Erscheinen

der dritten Auflage verflossen ist, doch wieder so bedeutend

angewachsen, daß ich mich an verschiedenen Stellen zu Erweiterungen

und Aenderungen entschlossen habe, die ich, um den Umfang des

Buches nicht allzusehr auszudehnen, durch Verkürzungen an einigen

weniger wichtigen Stellen des Buches zu kompensieren bemüht war.

Ich habe natürlich auch diesmal wieder nur das Wichtigste aus der

Fülle des neuen Materials berücksichtigen können. Der Zufluß des

Interesses zu den allgemeinen Fragen der Physiologie ist jetzt

ein so mächtiger geworden, daß es nicht mehr möglich ist, selbst

manche von den interessanteren Ergebnissen in den begrenzten Rahmen

eines orientierenden Buches mitaufzunehmen. Dem Leser, der sich

tiefer in die einzelnen Fragen der allgemeinen Physiologie und ihre

jüngste Behandlung versenken will, habe ich durch die Begründung der

„+Zeitschrift für allgemeine Physiologie+“ (Verlag von ~Gustav Fischer~

in Jena) seit vorigem Jahre eine Sammelstelle zu bieten unternommen,

an der er in Originaluntersuchungen, Sammelreferaten und Besprechungen

der wichtigeren anderweitig erschienenen Einzelarbeiten sich einen

Ueberblick verschaffen kann über die Arbeit, welche in unserer Zeit

auf dem Gebiete der allgemeinen Physiologie geleistet wird. So bietet

die Zeitschrift in gewisser Weise eine Ergänzung und Erweiterung des

vorliegenden Buches über seinen begrenzten Rahmen hinaus.

Bei der Neubearbeitung der vierten Auflage haben mich mehrere Herren

durch ihre freundliche Unterstützung zu großem Dank verpflichtet.

Herr Geheimrat Prof. Dr. ~A. von Baeyer~ in München und Herr Prof.

Dr. ~Coehn~ in Göttingen waren so liebenswürdig, mir in bezug auf

den chemischen resp. physikalisch-chemischen Teil des Buches einige

zweckmäßige Aenderungen vorzuschlagen. Herr Prof. Dr. ~Rhumbler~ hat

die große Freundlichkeit gehabt, den Abschnitt über die Mechanik

des Zellteilungsvorganges (p. 571–581 der neuen Auflage) auf Grund

der neuesten Untersuchungen auf diesem Gebiet, an denen er durch

seine eigenen Arbeiten in erster Linie beteiligt ist, selbst einer

erweiternden Bearbeitung zu würdigen. Schließlich hat mich Herr

Dr. ~Pütter~ auch bei den Korrekturen dieser Auflage wieder in

aufopferndster Weise unterstützt. Indem ich allen diesen Herren,

die mir bei der Herausgabe der neuen Auflage in so liebenswürdiger

Weise behilflich gewesen sind, sowie auch meinem verehrten Freunde

Herrn Verlagsbuchhändler Dr. ~Gustav Fischer~ an dieser Stelle meinen

wärmsten Dank sage, übergebe ich diese vierte Auflage der „Allgemeinen

Physiologie“ ihren Lesern.

+Göttingen+, physiologisches Institut, Juli 1903.

=Der Verfasser.=

Vorwort zur fünften Auflage.

Obwohl die vierte Auflage der „+Allgemeinen Physiologie+“ bereits vor

nahezu 3 Jahren vergriffen war, ist es mir doch leider auch diesmal

wieder nicht möglich gewesen, wie ich gern gewollt hätte, die neue

Auflage der alten sofort folgen zu lassen. Einerseits war meine von den

laufenden Verpflichtungen freie Zeit bis gegen das Ende des vorigen

Jahres durch andere Arbeiten, vor allem durch die Herausgabe des

„+Physiologischen Praktikums+“ in Anspruch genommen, andererseits habe

ich der neuen Auflage diesmal eine so umfangreiche Neubearbeitung

zuteil werden lassen, daß kaum ein Abschnitt des Buches davon unberührt

geblieben ist. Das hat die Ausgabe der fünften Auflage bis heute

verzögert.

Eine ausgedehnte Neubearbeitung des Buches schien mir diesmal um so

mehr geboten, als seit der Ausgabe der ersten Auflage auf nahezu

allen Gebieten der Physiologie das Streben nach der Behandlung

allgemeiner Fragen einen höchst erfreulichen Aufschwung genommen hat,

der von einem reichen Gewinn neuen Materials begleitet war. Unsere

Analyse der Lebensvorgänge in der Zelle hat durch Heranziehung der

neueren Erfahrungen aus den Gebieten der Chemie, der Physik und der

physikalischen Chemie eine mächtige Förderung erfahren. Unsere älteren

Kenntnisse von den allgemeinen Lebensäußerungen der Zelle, von den

Lebensbedingungen, von den Wirkungen der Reize etc. sind durch eine

unabsehbare Fülle von neuen Tatsachen und Beispielen bestätigt und

erweitert worden. Namentlich hat sich unser Einblick in das Getriebe

der Reizwirkungen in der lebendigen Substanz durch die Erkenntnis

fundamentaler Vorgänge des Stoffwechsels und Energieumsatzes ganz

beträchtlich vertieft. So konnten unter anderem in der neuen Auflage

zum ersten Male die engen Zusammenhänge zwischen der Erstickung, der

Ermüdung, der Narkose, dem Refraktärstadium der lebendigen Substanz

und ihrem Verhalten bei Reizung nachgewiesen und auf grundlegende

Prinzipien zurückgeführt werden. Es drängt mich, bei dieser Gelegenheit

namentlich meinen Mitarbeitern der letzten 8 Jahre aus dem Göttinger

physiologischen Institut für ihre lebhaften und erfolgreichen

Bemühungen nach dieser Richtung hin meinen persönlichen Dank

auszusprechen.

Eine vollständige Umgestaltung hat der erkenntnistheoretische Teil des

ersten Kapitels erfahren. Ich bin hier vor allem bemüht gewesen, den

exakten und präzisen Standpunkt des wissenschaftlichen Konditionismus,

zu dem ich mich in den letzten Jahren immer klarer hindurchgearbeitet

und dem ich bereits seit mehreren Jahren auch bei anderen Gelegenheiten

Ausdruck gegeben habe, an die Stelle des unklaren kausalistischen

Standpunktes zu setzen. Diese Grundauffassung vom Wesen und der Aufgabe

aller wissenschaftlichen Forschung hat zwar, ohne daß ich derselben

vollbewußten Ausdruck verliehen habe, schon die Darstellung des Buches

von der ersten Auflage an stark beeinflußt, besonders in dem Kapitel

von den Lebensbedingungen, aber ich habe doch in der vorliegenden

Auflage zum ersten Male die Erörterung und Analyse der Lebensäußerungen

unter völliger Vermeidung des Ursachenbegriffs allein vom Standpunkte

des exakten Konditionismus aus durchgeführt. Ich wollte dabei an

einem Beispiel zeigen, daß die streng wissenschaftliche Analyse der

Lebensäußerungen althergebrachten Vorurteilen zum Trotz den alten

unklaren und noch halb mystischen Begriff der Ursache vollständig

entbehren kann. Der mißverständliche Begriff der Ursache hat daher für

die Erklärung der Lebensäußerungen im ganzen Buche nirgends einen Platz

gefunden. Es ist zu hoffen, daß er, wenn auch langsam, aus der exakten

wissenschaftlichen Forschung auch auf anderen Gebieten vollständig

verwiesen wird, so wie er bereits heute in der Mathematik keinen Platz

mehr findet.

War es infolge der gewaltigen Ausdehnung unserer allgemein

physiologischen Erfahrungen einerseits nötig, in allen Kapiteln

zahlreiche neue Abschnitte einzufügen, manchen älteren Abschnitt zu

ändern oder ganz wegzulassen, so bin ich doch ganz besonders bemüht

gewesen, die Anlage des Ganzen, die Gruppierung des Stoffes, kurz

den spezifischen Charakter des Buches, der ihm zu seinem Erfolge

verholfen hat, zu erhalten. Leider hat es sich trotz vielfacher

Kürzungen an Stellen, die es erforderten, doch nicht vermeiden lassen,

daß der Umfang dieser Neubearbeitung um mehr als 5 Druckbogen und 19

Abbildungen zugenommen hat. Ich hoffe indessen, daß dieser Umstand dem

Buche nicht zum Nachteil gereichen wird, da ich sehr sorgsam bemüht

war, das Buch nicht auf das Niveau einer einfachen Materialsammlung

herabsinken zu lassen. Für die Zwecke eines selbständigen und weiter

ausgedehnten Studiums der allgemein physiologischen Probleme bietet

ja die „+Zeitschrift für allgemeine Physiologie+“ nach wie vor ein

umfangreiches Material an Originalarbeiten, Sammelreferaten und

Besprechungen der neueren Literatur.

Schließlich möchte ich meinem treuen Mitarbeiter und Freunde, Herrn

Privatdozent Dr. ~Fröhlich~ für die liebenswürdige Mühe, mit der er

mich beim Korrekturlesen unterstützte, sowie meinem verehrten Freunde,

Herrn Geheimrat Dr. ~Gustav Fischer~ für das Entgegenkommen bei dem

Verlag dieser fünften Auflage meinen herzlichsten Dank aussprechen.

+Göttingen+, physiologisches Institut, Weihnachten 1908.

=Max Verworn.=

Inhaltsverzeichnis.

Allgemeine Physiologie · 第 15 / 283 题