Vorwort zur ersten Auflage.
Der Elementarbestandteil +aller+ lebendigen Substanz und das Substrat
aller elementaren Lebensäußerungen ist die Zelle. Wenn daher die
Physiologie in der Erklärung der Lebensäußerungen ihre Aufgabe sieht,
so kann -- das liegt auf der Hand -- die +allgemeine+ Physiologie nur
eine Zellularphysiologie sein.
Die Entwicklung der modernen Physiologie ist an einem Punkte angelangt,
wo ihre Probleme mehr und mehr beginnen, mit Entschiedenheit eine
Verfolgung in der Zelle zu fordern. Immer deutlicher zeigt sich uns
in der physiologischen Forschung die Tatsache, daß die +allgemeinen+
Probleme des Lebens bereits in der Zelle enthalten sind, dem
elementaren Substrat, das allem Leben auf der Erdoberfläche zugrunde
liegt. Dieser Umstand erweckte in mir die Absicht, die allgemeinen
Probleme und Tatsachen, Theorien und Hypothesen vom Wesen des Lebens,
die bisher nie eine ausführlichere Zusammenfassung erfahren hatten,
nach zellularphysiologischen Gesichtspunkten in einheitlicher Weise
zu bearbeiten, um so den Grundriß eines Gebietes zu entwerfen, in das
sämtliche Zweige der speziellen Physiologie einmünden. Ich habe daher
im vorliegenden Buch den Versuch gemacht, die allgemeine Physiologie
als +allgemeine Zellularphysiologie+ zu behandeln.
Indem ich dieses Unternehmen dem Andenken ~Johannes Müllers~ widmete,
wollte ich nicht bloß dem Danke Ausdruck geben, den wir alle dem
Wirken unseres erhabenen Meisters in der Physiologie schuldig sind,
ich wollte vor allem den Standpunkt damit andeuten, den ich stets
in meiner Forschung mit Energie zu vertreten bestrebt war: das ist
der vergleichend-physiologische Standpunkt ~Johannes Müllers~. Die
vergleichende Behandlungsweise physiologischer Probleme, welche die
Forschung unseres Meisters so außerordentlich fruchtbar gestaltete, ist
leider nach seinem Tode der Physiologie, als sie sich mehr und mehr in
die speziellen Probleme des menschlichen Körpers vertiefte, abhanden
gekommen. Allein jetzt, wo sich immer mehr zeigt, daß der Umfang des
gebräuchlichen Arbeitsmaterials zu eng wird für die Ausdehnung, welche
die physiologischen Probleme auch auf diesen Gebieten anzunehmen
beginnen, verlangt die Physiologie wieder dringender nach einer
vergleichenden Behandlung, um schiefen und falschen Verallgemeinerungen
aus dem Wege zu gehen und sich freier weiterzuentwickeln. Aus diesem
Grunde scheint es mir unerläßlich, auf die Forschungsweise ~Johannes
Müllers~ zurückzugreifen, und aus diesem Grunde widmete ich die
folgenden Blätter den Manen des großen Physiologen.
Der Plan des vorliegenden Buches nahm zuerst festere Gestalt
an auf einer Studienreise, die ich im Jahre 1890 zum Zwecke
vergleichend-physiologischer Untersuchungen nach verschiedenen
Punkten des Mittelmeeres und des Roten Meeres unternahm. Meine
Universitätsvorlesungen in Jena boten mir nach meiner Rückkehr
Gelegenheit, das Material zum ersten Male im Zusammenhang darzustellen.
Trotzdem blieb mir die Hauptmasse der Arbeit noch übrig, als ich
im Sommer 1892 mit dem Manuskript des Buches begann. Obwohl ich
mich seit nahezu zehn Jahren vorwiegend mit den Problemen der
allgemeinen Physiologie beschäftigt und mich in einer Reihe von
Arbeiten bemüht habe, Beiträge zur Lösung allgemein-physiologischer
Fragen zu liefern, so war doch mit dem Zusammenschaffen, Nachprüfen,
Auswählen, Vervollständigen und Anordnen des vielfach sehr zerstreuten
Materials eine so große Arbeit verbunden, daß das Buch nur langsam
vorwärtsrückte. Dabei waren die Empfindungen, die mich während der
Abfassung der einzelnen Abschnitte begleiteten, sehr wechselnd.
Vielfach stellten sich Momente der Sorge ein, ob der Erfolg im
einzelnen der Begeisterung und Liebe, mit der das Ganze unternommen
war, entsprechen würde. Allein, hier kann nur die Kritik der
Fachgenossen die Entscheidung treffen. Es liegt auf der Hand, daß
ein Buch, welches ein bisher nie einheitlich behandeltes Material
zum ersten Male unter bestimmten Gesichtspunkten zu einem eigenen
Gebiete zusammenfaßt, nicht gleich bei seinem ersten Erscheinen etwas
Vollkommenes bieten kann. Ich gebe mich daher nicht der Illusion hin,
daß mir auch das nur annähernd gelungen sei. Vielmehr bin ich fest
überzeugt, daß sich hier und dort mancherlei Fehler und Irrtümer
eingeschlichen haben, die ich meine Fachgenossen freundlichst zu
verbessern bitte.
Eine besondere Genugtuung aber hat es mir gewährt, daß einer meiner
amerikanischen Fachgenossen, Prof. ~Frederic S. Lee~ aus New-York,
in einem Vortrage auf der Versammlung amerikanischer Naturforscher
und Aerzte gleichzeitig mit mir dieselben Ideen über die Forderungen
der modernen Physiologie entwickelt hat, wie sie im ersten Kapitel
dieses Buches von mir ausführlich begründet und bereits an anderen
Orten, hauptsächlich aber in einem Artikel des „+Monist+“ (Chicago)
ausgesprochen worden sind.
Bei der Darstellung des Stoffes wurde hauptsächlich Wert auf eine
leichtverständliche und nicht allzu ermüdende Sprache gelegt.
Diese Forderung tritt immer auf, wenn man die in einem Buche
niedergelegten Ideen einem weiteren Leserkreise zugängig machen
will. Das war hier der Fall. Ich wollte ein Buch schreiben, das sich
zwar zunächst an meine engeren Fachgenossen wendet und ihnen neben
einigen neuen Tatsachen und Ideen vor allem eine Zusammenfassung
des bisher zerstreuten Materials bieten sollte, aber zugleich ein
Buch, das +jedem+ naturwissenschaftlich gebildeten Leser, der sich
für den Gegenstand interessiert, sei er Arzt oder Philosoph, sei
er Botaniker oder Zoolog, einen Ueberblick über die Probleme und
Tatsachen, Theorien und Hypothesen des Lebens geben sollte, ein Buch
schließlich, das den Studenten der Medizin und Naturwissenschaft in
das Wesen der allgemeinen Physiologie einführen und ihm die für sein
Studium wichtigen theoretischen Vorstellungen dieses Gebietes liefern
sollte. Es war schwierig, dieser vielseitigen Absicht gerecht zu
werden, und nur dann möglich, wenn eine Sprache zur Verwendung kam,
die jedem Gebildeten verständlich ist. Inwieweit es mir gelungen ist,
meine Absicht zu erreichen und für so verschiedene Ansprüche etwas
Brauchbares zu liefern, kann nur das Urteil des Lesers entscheiden, den
ich um eine nachsichtige Kritik ersuche.
Schließlich fühle ich mich verpflichtet, allen meinen Freunden, die an
der Entstehung, Entwicklung und Vollendung meines Planes einen regen
Anteil genommen haben, sowie besonders Herrn ~Gustav Fischer~, der mir
bei dem Verlage und der Ausstattung des Buches mit großer Liberalität
entgegengekommen ist, meinen verbindlichsten Dank zu sagen.
+London+, den 4. November 1894.
=Der Verfasser.=
Vorwort zur zweiten Auflage.
Indem ich die zweite Auflage der Oeffentlichkeit übergebe, drängt
es mich vor allem, meinen wärmsten Dank auszusprechen für die
überaus günstige Aufnahme, welche das Buch bei seinem Erscheinen
von seiten der Leser und speziell von seiten der Kritik gefunden
hat. Besonders bin ich auf das freudigste überrascht gewesen durch
die Wahrnehmung, daß die +allgemeine Physiologie+ nicht bloß in den
Kreisen der theoretischen Naturforschung, sondern grade auch in den
Kreisen der praktischen Medizin das lebhafteste Interesse und die
reichste Anerkennung geerntet hat, wie mir nicht nur die zahlreichen
brieflichen und mündlichen Zustimmungen, sondern vor allem die Kritik
der Fachzeitschriften des In- und Auslandes gezeigt haben. Ich
erblicke darin mit großer Genugtuung ein Zeichen, daß die praktische
Medizin unserer Zeit die eminente Bedeutung richtig erkannt hat,
welche die allgemein-physiologischen Erfahrungen über das Leben der
Zelle für das Verständnis der physiologischen und pathologischen
Erscheinungen im Zellenstaat des menschlichen Körpers besitzen. In
dieser Ansicht werde ich um so mehr bestärkt, als ich mit besonderer
Freude konstatieren kann, daß die Zahl der zellularphysiologischen
Arbeiten sich in den letzten Jahren ungewöhnlich gesteigert hat. Ich
bin daher bemüht gewesen, in der zweiten Auflage die wichtigeren unter
den neuen Erscheinungen zu berücksichtigen. Leider habe ich dabei in
Rücksicht auf den Umfang des Buches manches Neue kürzer behandeln
müssen, als es mir lieb war, und manches Alte einschränken müssen,
was in der ersten Auflage einen breiteren Raum einnahm, aber ich
glaube dennoch durch Einfügung einer beträchtlichen Zahl neuer Figuren
und Ersetzung mangelhafter durch bessere die lebendige Anschauung
wesentlich erleichtert zu haben. Im übrigen gebe ich mich auch bei
dieser zweiten Auflage nicht der Illusion hin, daß sie frei wäre von
Fehlern und Mängeln; aber ich denke, daß jeder objektive Kritiker
die großen Schwierigkeiten bei der Behandlung eines so ausgedehnten
Materials anerkennen und die Irrtümer nachsichtig beurteilen wird. Für
den freundlichen Hinweis auf einzelne Mängel und Irrtümer in der ersten
Auflage bin ich meinen Kritikern aufrichtig zu Dank verpflichtet.
Ich habe mich bemüht, dieselben, soweit es sich um tatsächliche
Fehler handelte, in dieser Auflage zu berichtigen und, soweit dabei
Auffassungs- oder Standpunktsdifferenzen zugrunde lagen, dieselben nach
bestem Wissen und Gewissen zu würdigen.
Eine +englische+ sowie eine +italienische+ Uebersetzung der
„Allgemeinen Physiologie“ sind im Erscheinen begriffen. Eine
+russische+ Ausgabe ist bereits vor längerer Zeit erschienen, doch sehe
ich mich leider genötigt, die Verantwortung für die letztere durchaus
abzulehnen, da dieselbe gänzlich ohne mein Vorwissen publiziert worden
und bisher weder meinem Herrn Verleger noch mir zu Gesicht gekommen ist.
Schließlich möchte ich nicht unterlassen, Herrn Dr. ~Gustav Fischer~
auch für seine liebenswürdige Mühe wegen der zweiten Auflage meinen
wärmsten Dank zu sagen.
+Jena+, physiologisches Institut der Universität, im Juni 1897.
=Der Verfasser.=
Vorwort zur dritten Auflage.
Als im Sommer 1900 der Druck einer dritten Auflage der „Allgemeinen
Physiologie“ notwendig wurde, war ich leider nicht sogleich in der
Lage, die Herausgabe derselben in Angriff zu nehmen, und als ich
dann im Herbst die Zeit dazu fand, stellte sich heraus, daß einzelne
Abschnitte doch infolge des inzwischen wieder bedeutend angewachsenen
Materials eine Erweiterung und teilweise Umarbeitung erforderten, die
eine beträchtliche Zeit in Anspruch nahm. Leider war ich auch durch
anderweitige dringende Arbeiten mehrmals gezwungen, die Neubearbeitung
des Buches zeitweilig zu unterbrechen. So kam es, daß sich die
Herausgabe der dritten Auflage über Gebühr verzögert hat und daß das
Buch mehr als ein halbes Jahr lang vergriffen war.
Ich habe mich bemüht, auch bei dieser Auflage den Umfang des Buches
seinem Zwecke entsprechend möglichst wenig zu vergrößern. Wenn sich
trotzdem eine Erweiterung von beinahe zwei Bogen, sowie eine Vermehrung
der Abbildungen bei der Neubearbeitung ergeben hat, so liegt das
daran, daß die Fülle selbst des wichtigen Materials im Laufe der
drei seit dem Erscheinen der zweiten Auflage verflossenen Jahre eine
ganz gewaltige geworden ist. Es wird an allen Ecken und Enden in der
allgemeinen Physiologie gearbeitet, denn die +allgemeinen+ Fragen
der Wissenschaft haben in den letzten Jahren nach einer gewissen
Periode der Vernachlässigung wieder angefangen, ein erhöhtes und
ausgedehnteres Interesse für sich in Anspruch zu nehmen. Leider konnte
selbstverständlich nicht alles Wünschenswerte in dem engen Rahmen des
Buches Aufnahme finden. Wenn daher manches Wichtige nur kurz berührt
oder vielleicht ganz unberücksichtigt geblieben ist, so bitte ich, das
damit zu entschuldigen, daß ich bestrebt war, die Grenzen des Buches
und damit seinen ursprünglichen Zweck und Charakter durchaus zu wahren.
Das Buch würde seinen Zweck verfehlen und würde seine Brauchbarkeit
zum großen Teile einbüßen, wenn es zu einer trockenen Materialsammlung
auswüchse, die bei dem ungeheuren Umfang des Gebietes der allgemeinen
Physiologie ja doch immer ein unvollständiges Stückwerk bleiben
+müßte+. Das Buch soll orientieren und anregen.
Bei der mühevollen und undankbaren Arbeit des Korrekturlesens haben
mich Herr cand. med. ~Pütter~ aus Breslau und Herr Dr. ~Klimmer~ aus
Dresden in liebenswürdigster Weise unterstützt. Ich möchte beiden
Herren an dieser Stelle für die große Mühe und Arbeit, welche sie dem
Buche gewidmet haben, meinen wärmsten Dank aussprechen.
Von Uebersetzungen sind nunmehr die +englische+, +französische+,
+russische+ und +italienische+ erschienen. Bei der +italienischen+
haben sich aber leider so ungemein viel Druck- und vor allem Sinnfehler
eingeschlichen, daß manche Teile derselben dadurch fast unbrauchbar
geworden sind.
Indem ich schließlich auch für die Herausgabe dieser dritten Auflage
meinem hochverehrten Freunde, Herrn Verlagsbuchhändler Dr. ~Gustav
Fischer~ in Jena meinen wärmsten Dank sage, übergebe ich das Buch
hiermit zum dritten Male seinen Lesern.
+Göttingen+, physiologisches Institut der Universität, im Mai 1901.
=Der Verfasser.=
Vorwort zur vierten Auflage.
Der Druck der vierten Auflage, welcher diesmal bereits anderthalb Jahre
nach dem Erscheinen der letzten Auflage notwendig wurde, hat sich
leider wiederum über Gebühr in die Länge gezogen. Bei der schnellen
Aufeinanderfolge der Auflagen, deren Neubearbeitung und Drucklegung
jedesmal eine beträchtliche Zeit erfordert, habe ich mich daher in
Uebereinstimmung mit dem Herrn Verleger entschlossen, die neue Auflage
in einer etwas größeren Zahl von Exemplaren zu drucken als bisher.
Das Material ist trotz der kurzen Zeit, die seit dem Erscheinen
der dritten Auflage verflossen ist, doch wieder so bedeutend
angewachsen, daß ich mich an verschiedenen Stellen zu Erweiterungen
und Aenderungen entschlossen habe, die ich, um den Umfang des
Buches nicht allzusehr auszudehnen, durch Verkürzungen an einigen
weniger wichtigen Stellen des Buches zu kompensieren bemüht war.
Ich habe natürlich auch diesmal wieder nur das Wichtigste aus der
Fülle des neuen Materials berücksichtigen können. Der Zufluß des
Interesses zu den allgemeinen Fragen der Physiologie ist jetzt
ein so mächtiger geworden, daß es nicht mehr möglich ist, selbst
manche von den interessanteren Ergebnissen in den begrenzten Rahmen
eines orientierenden Buches mitaufzunehmen. Dem Leser, der sich
tiefer in die einzelnen Fragen der allgemeinen Physiologie und ihre
jüngste Behandlung versenken will, habe ich durch die Begründung der
„+Zeitschrift für allgemeine Physiologie+“ (Verlag von ~Gustav Fischer~
in Jena) seit vorigem Jahre eine Sammelstelle zu bieten unternommen,
an der er in Originaluntersuchungen, Sammelreferaten und Besprechungen
der wichtigeren anderweitig erschienenen Einzelarbeiten sich einen
Ueberblick verschaffen kann über die Arbeit, welche in unserer Zeit
auf dem Gebiete der allgemeinen Physiologie geleistet wird. So bietet
die Zeitschrift in gewisser Weise eine Ergänzung und Erweiterung des
vorliegenden Buches über seinen begrenzten Rahmen hinaus.
Bei der Neubearbeitung der vierten Auflage haben mich mehrere Herren
durch ihre freundliche Unterstützung zu großem Dank verpflichtet.
Herr Geheimrat Prof. Dr. ~A. von Baeyer~ in München und Herr Prof.
Dr. ~Coehn~ in Göttingen waren so liebenswürdig, mir in bezug auf
den chemischen resp. physikalisch-chemischen Teil des Buches einige
zweckmäßige Aenderungen vorzuschlagen. Herr Prof. Dr. ~Rhumbler~ hat
die große Freundlichkeit gehabt, den Abschnitt über die Mechanik
des Zellteilungsvorganges (p. 571–581 der neuen Auflage) auf Grund
der neuesten Untersuchungen auf diesem Gebiet, an denen er durch
seine eigenen Arbeiten in erster Linie beteiligt ist, selbst einer
erweiternden Bearbeitung zu würdigen. Schließlich hat mich Herr
Dr. ~Pütter~ auch bei den Korrekturen dieser Auflage wieder in
aufopferndster Weise unterstützt. Indem ich allen diesen Herren,
die mir bei der Herausgabe der neuen Auflage in so liebenswürdiger
Weise behilflich gewesen sind, sowie auch meinem verehrten Freunde
Herrn Verlagsbuchhändler Dr. ~Gustav Fischer~ an dieser Stelle meinen
wärmsten Dank sage, übergebe ich diese vierte Auflage der „Allgemeinen
Physiologie“ ihren Lesern.
+Göttingen+, physiologisches Institut, Juli 1903.
=Der Verfasser.=
Vorwort zur fünften Auflage.
Obwohl die vierte Auflage der „+Allgemeinen Physiologie+“ bereits vor
nahezu 3 Jahren vergriffen war, ist es mir doch leider auch diesmal
wieder nicht möglich gewesen, wie ich gern gewollt hätte, die neue
Auflage der alten sofort folgen zu lassen. Einerseits war meine von den
laufenden Verpflichtungen freie Zeit bis gegen das Ende des vorigen
Jahres durch andere Arbeiten, vor allem durch die Herausgabe des
„+Physiologischen Praktikums+“ in Anspruch genommen, andererseits habe
ich der neuen Auflage diesmal eine so umfangreiche Neubearbeitung
zuteil werden lassen, daß kaum ein Abschnitt des Buches davon unberührt
geblieben ist. Das hat die Ausgabe der fünften Auflage bis heute
verzögert.
Eine ausgedehnte Neubearbeitung des Buches schien mir diesmal um so
mehr geboten, als seit der Ausgabe der ersten Auflage auf nahezu
allen Gebieten der Physiologie das Streben nach der Behandlung
allgemeiner Fragen einen höchst erfreulichen Aufschwung genommen hat,
der von einem reichen Gewinn neuen Materials begleitet war. Unsere
Analyse der Lebensvorgänge in der Zelle hat durch Heranziehung der
neueren Erfahrungen aus den Gebieten der Chemie, der Physik und der
physikalischen Chemie eine mächtige Förderung erfahren. Unsere älteren
Kenntnisse von den allgemeinen Lebensäußerungen der Zelle, von den
Lebensbedingungen, von den Wirkungen der Reize etc. sind durch eine
unabsehbare Fülle von neuen Tatsachen und Beispielen bestätigt und
erweitert worden. Namentlich hat sich unser Einblick in das Getriebe
der Reizwirkungen in der lebendigen Substanz durch die Erkenntnis
fundamentaler Vorgänge des Stoffwechsels und Energieumsatzes ganz
beträchtlich vertieft. So konnten unter anderem in der neuen Auflage
zum ersten Male die engen Zusammenhänge zwischen der Erstickung, der
Ermüdung, der Narkose, dem Refraktärstadium der lebendigen Substanz
und ihrem Verhalten bei Reizung nachgewiesen und auf grundlegende
Prinzipien zurückgeführt werden. Es drängt mich, bei dieser Gelegenheit
namentlich meinen Mitarbeitern der letzten 8 Jahre aus dem Göttinger
physiologischen Institut für ihre lebhaften und erfolgreichen
Bemühungen nach dieser Richtung hin meinen persönlichen Dank
auszusprechen.
Eine vollständige Umgestaltung hat der erkenntnistheoretische Teil des
ersten Kapitels erfahren. Ich bin hier vor allem bemüht gewesen, den
exakten und präzisen Standpunkt des wissenschaftlichen Konditionismus,
zu dem ich mich in den letzten Jahren immer klarer hindurchgearbeitet
und dem ich bereits seit mehreren Jahren auch bei anderen Gelegenheiten
Ausdruck gegeben habe, an die Stelle des unklaren kausalistischen
Standpunktes zu setzen. Diese Grundauffassung vom Wesen und der Aufgabe
aller wissenschaftlichen Forschung hat zwar, ohne daß ich derselben
vollbewußten Ausdruck verliehen habe, schon die Darstellung des Buches
von der ersten Auflage an stark beeinflußt, besonders in dem Kapitel
von den Lebensbedingungen, aber ich habe doch in der vorliegenden
Auflage zum ersten Male die Erörterung und Analyse der Lebensäußerungen
unter völliger Vermeidung des Ursachenbegriffs allein vom Standpunkte
des exakten Konditionismus aus durchgeführt. Ich wollte dabei an
einem Beispiel zeigen, daß die streng wissenschaftliche Analyse der
Lebensäußerungen althergebrachten Vorurteilen zum Trotz den alten
unklaren und noch halb mystischen Begriff der Ursache vollständig
entbehren kann. Der mißverständliche Begriff der Ursache hat daher für
die Erklärung der Lebensäußerungen im ganzen Buche nirgends einen Platz
gefunden. Es ist zu hoffen, daß er, wenn auch langsam, aus der exakten
wissenschaftlichen Forschung auch auf anderen Gebieten vollständig
verwiesen wird, so wie er bereits heute in der Mathematik keinen Platz
mehr findet.
War es infolge der gewaltigen Ausdehnung unserer allgemein
physiologischen Erfahrungen einerseits nötig, in allen Kapiteln
zahlreiche neue Abschnitte einzufügen, manchen älteren Abschnitt zu
ändern oder ganz wegzulassen, so bin ich doch ganz besonders bemüht
gewesen, die Anlage des Ganzen, die Gruppierung des Stoffes, kurz
den spezifischen Charakter des Buches, der ihm zu seinem Erfolge
verholfen hat, zu erhalten. Leider hat es sich trotz vielfacher
Kürzungen an Stellen, die es erforderten, doch nicht vermeiden lassen,
daß der Umfang dieser Neubearbeitung um mehr als 5 Druckbogen und 19
Abbildungen zugenommen hat. Ich hoffe indessen, daß dieser Umstand dem
Buche nicht zum Nachteil gereichen wird, da ich sehr sorgsam bemüht
war, das Buch nicht auf das Niveau einer einfachen Materialsammlung
herabsinken zu lassen. Für die Zwecke eines selbständigen und weiter
ausgedehnten Studiums der allgemein physiologischen Probleme bietet
ja die „+Zeitschrift für allgemeine Physiologie+“ nach wie vor ein
umfangreiches Material an Originalarbeiten, Sammelreferaten und
Besprechungen der neueren Literatur.
Schließlich möchte ich meinem treuen Mitarbeiter und Freunde, Herrn
Privatdozent Dr. ~Fröhlich~ für die liebenswürdige Mühe, mit der er
mich beim Korrekturlesen unterstützte, sowie meinem verehrten Freunde,
Herrn Geheimrat Dr. ~Gustav Fischer~ für das Entgegenkommen bei dem
Verlag dieser fünften Auflage meinen herzlichsten Dank aussprechen.
+Göttingen+, physiologisches Institut, Weihnachten 1908.
=Max Verworn.=
Inhaltsverzeichnis.