Nach allem diesem, und was daraus erfolgen mochte, war nun Wilhelms
erstes Anliegen, sich den Verbündeten wieder zu nähern und mit
irgendeiner Abteilung derselben irgendwo zusammenzutreffen. Er zog
daher sein Täfelchen zu Rat und begab sich auf den Weg, der ihn vor
andern ans Ziel zu führen versprach. Weil er aber, den günstigsten
Punkt zu erreichen, quer durchs Land gehen mußte, so sah er sich
genötigt, die Reise zu Fuße zu machen und das Gepäck hinter sich her
tragen zu lassen. Für seinen Gang aber ward er auf jedem Schritte
reichlich belohnt, indem er unerwartet ganz allerliebste Gegenden
antraf; es waren solche, wie sie das letzte Gebirg gegen die Fläche
zu bildet, bebuschte Hügel, die sanften Abhänge haushälterisch
benutzt, alle Flächen grün, nirgends etwas Steiles, Unfruchtbares und
Ungepflügtes zu sehen. Nun gelangte er zum Haupttale, worein die
Seitenwasser sich ergossen; auch dieses war sorgfältig bebaut, anmutig
übersehbar, schlanke Bäume bezeichneten die Krümmung des
durchziehenden Flusses und einströmender Bäche, und als er die Karte,
seinen Wegweiser, vornahm, sah er zu seiner Verwunderung, daß die
gezogene Linie dieses Tal gerade durchschnitt und er sich also vorerst
wenigstens auf rechtem Weg befinde.
Ein altes, wohlerhaltenes, zu verschiedenen Zeiten erneuertes Schloß
zeigte sich auf einem bebuschten Hügel; am Fuße desselben zog ein
heiterer Flecken sich hin mit vorstehendem, in die Augen fallendem
Wirtshaus; auf letzteres ging er zu und ward zwar freundlich von dem
Wirt empfangen, jedoch mit Entschuldigung, daß man ihn ohne Erlaubnis
einer Gesellschaft nicht aufnehmen könne, die den ganzen Gasthof auf
einige Zeit gemietet habe; deswegen er alle Gäste in die ältere,
weiter hinauf liegende Herberge verweisen müsse. Nach einer kurzen
Unterredung schien der Mann sich zu bedenken und sagte: "Zwar findet
sich jetzt niemand im Hause, doch es ist eben Sonnabend, und der Vogt
kann nicht lange ausbleiben, der wöchentlich alle Rechnungen
berichtigt und seine Bestellungen für das Nächste macht. Wahrlich, es
ist eine schickliche Ordnung unter diesen Männern und eine Lust, mit
ihnen zu verkehren, ob sie gleich genau sind, denn man hat zwar
keinen großen, aber einen sichern Gewinn." Er hieß darauf den neuen
Gast in dem obern großen Vorsaal sich gedulden und, was ferner sich
ereignen möchte, abwarten.
Hier fand nun der Herantretende einen weiten, saubern Raum, außer
Bänken und Tischen völlig leer; desto mehr verwunderte er sich, eine
große Tafel über einer Tür angebracht zu sehen, worauf die Worte in
goldnen Buchstaben zu lesen waren: "Ubi homines sunt modi sunt";
welches wir deutsch erklären, daß da, wo Menschen in Gesellschaft
zusammentreten, sogleich die Art und Weise, wie sie zusammen sein und
bleiben mögen, sich ausbilde. Dieser Spruch gab unserm Wanderer zu
denken, er nahm ihn als gute Vorbedeutung, indem er das hier
bekräftigt fand, was er mehrmals in seinem Leben als vernünftig und
fördersam erkannt hatte. Es dauerte nicht lange, so erschien der Vogt,
welcher, von dem Wirte vorbereitet, nach einer kurzen Unterredung
und keinem sonderlichen Ausforschen ihn unter folgenden Bedingungen
aufnahm: drei Tage zu bleiben, an allem, was vorgehen möchte, ruhig
teilzunehmen und, es geschehe, was wolle, nicht nach der Ursache zu
fragen, so wenig als beim Abschied nach der Zeche. Das alles mußte
der Reisende sich gefallen lassen, weil der Beauftragte in keinem
Punkte nachgeben konnte.
Eben wollte der Vogt sich entfernen, als ein Gesang die Treppe
herauf scholl; zwei hübsche junge Männer kamen singend heran, denen
jener durch ein einfaches Zeichen zu verstehen gab, der Gast sei
aufgenommen. Ihren Gesang nicht unterbrechend, begrüßten sie ihn
freundlich, duettierten gar anmutig, und man konnte sehr leicht
bemerken, daß sie völlig eingeübt und ihrer Kunst Meister seien. Als
Wilhelm die aufmerksamste Teilnahme bewies, schlossen sie und fragten:
ob ihm nicht auch manchmal ein Lied bei seinen Fußwanderungen
einfalle und das er so vor sich hin singe? "Mir ist zwar von der
Natur", versetzte Wilhelm, "eine glückliche Stimme versagt, aber
innerlich scheint mir oft ein geheimer Genius etwas Rhythmisches
vorzuflüstern, so daß ich mich beim Wandern jedesmal im Takt bewege
und zugleich leise Töne zu vernehmen glaube, wodurch denn irgendein
Lied begleitet wird, das sich mir auf eine oder die andere Weise
gefällig vergegenwärtigt."
"Erinnert Ihr Euch eines solchen, so schreibt es uns auf", sagten
jene; "wir wollen sehen, ob wir Euren singenden Dämon zu begleiten
wissen." Er nahm hierauf ein Blatt aus seiner Schreibtafel und
übergab ihnen folgendes:
"Von dem Berge zu den Hügeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flügeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat."
Nach kurzem Bedenken ertönte sogleich ein freudiger, dem
Wanderschritt angemessener Zweigesang, der, bei Wiederholung und
Verschränkung immer fortschreitend, den Hörenden mit hinriß; er war
im Zweifel, ob dies seine eigne Melodie, sein früheres Thema, oder ob
sie jetzt erst so angepaßt sei, daß keine andere Bewegung denkbar wäre.
Die Sänger hatten sich eine Zeitlang auf diese Weise vergnüglich
ergangen, als zwei tüchtige Burschen herantreten, die man an ihren
Attributen sogleich für Maurer anerkannte, zwei aber, die ihnen
folgten, für Zimmerleute halten mußte. Diese viere, ihr
Handwerkszeug sachte niederlegend, horchten dem Gesang und fielen gar
bald sicher und entschieden in denselben mit ein, so daß eine
vollständige Wandergesellschaft über Berg und Tal dem Gefühl
dahinzuschreiten schien und Wilhelm glaubte, nie etwas so Anmutiges,
Herz und Sinn Erhebendes vernommen zu haben. Dieser Genuß jedoch
sollte noch erhöht und bis zum Letzten gesteigert werden, als eine
riesenhafte Figur, die Treppe heraufsteigend, einen starken, festen
Schritt mit dem besten Willen kaum zu mäßigen imstande war. Ein
schwer bepacktes Reff setzte er sogleich in die Ecke, sich aber auf
eine Bank nieder, die zu krachen anfing, worüber die andern lachten,
ohne jedoch aus ihrem Gesang zu fallen. Sehr überrascht aber fand
sich Wilhelm, als mit einer ungeheuren Baßstimme dieses Enakskind
gleichfalls einzufallen begann. Der Saal schütterte, und bedeutend
war es, daß er den Refrain an seinem Teile sogleich verändert und
zwar dergestalt sang:
"Du im Leben nichts verschiebe;
Sei dein Leben Tat um Tat!"
Ferner konnte man denn auch gar bald bemerken, daß er das Tempo zu
einem langsameren Schritt herniederziehe und die übrigen nötige, sich
ihm zu fügen. Als man zuletzt geschlossen und sich genugsam
befriedigt hatte, warfen ihm die andern vor, als wenn er getrachtet
habe, sie irrezumachen. "Keineswegs", rief er aus, "ihr seid es, die
ihr mich irrezumachen gedenkt; aus meinem Schritt wollt ihr mich
bringen, der gemäßigt und sicher sein muß, wenn ich mit meiner Bürde
bergauf, bergab schreite und doch zuletzt zur bestimmten Stunde
eintreffen und euch befriedigen soll."
Einer nach dem andern ging nunmehr zu dem Vogt hinein, und Wilhelm
konnte wohl bemerken, daß es auf eine Abrechnung angesehen sei,
wornach er sich nun nicht weiter erkundigen durfte. In der
Zwischenzeit kamen ein Paar muntere, schöne Knaben, eine Tafel in der
Geschwindigkeit zu bereiten, mäßig mit Speise und Wein zu besetzen,
worauf der heraustretende Vogt sie nunmehr alle sich mit ihm
niederzulassen einlud. Die Knaben warteten auf, vergaßen sich aber
auch nicht und nahmen stehend ihren Anteil dahin. Wilhelm erinnerte
sich ähnlicher Szenen, da er noch unter den Schauspielern hauste,
doch schien ihm die gegenwärtige Gesellschaft viel ernster, nicht zum
Scherz auf Schein, sondern auf bedeutende Lebenszwecke gerichtet.
Das Gespräch der Handwerker mit dem Vogt belehrte den Gast hierüber
aufs klarste. Die vier tüchtigen jungen Leute waren in der Nähe
tätig, wo ein gewaltsamer Brand die anmutigste Landstadt in Asche
gelegt hatte; nicht weniger hörte man, daß der wackere Vogt mit
Anschaffung des Holzes und sonstiger Baumaterialien beschäftigt sei,
welches dem Gast um so rätselhafter vorkam, als sämtliche Männer hier
nicht wie Einheimische, sondern wie Vorüberwandernde sich in allem
übrigen ankündigten. Zum Schlusse der Tafel holte St. Christoph, so
nannten sie den Riesen, ein beseitigtes gutes Glas Wein zum
Schlaftrunk, und ein heiterer Gesang hielt noch einige Zeit die
Gesellschaft für das Ohr zusammen, die dem Blick bereits
auseinandergegangen war; worauf denn Wilhelm in ein Zimmer geführt
wurde von der anmutigsten Lage. Der Vollmond, eine reiche Flur
beleuchtend, war schon herauf und weckte ähnliche und gleiche
Erinnerungen in dem Busen unseres Wanderers. Die Geister aller lieben
Freunde zogen bei ihm vorüber, besonders aber war ihm Lenardos Bild
so lebendig, daß er ihn unmittelbar vor sich zu sehen glaubte. Dies
alles gab ihm ein inniges Behagen zur nächtlichen Ruhe, als er durch
den wunderlichsten Laut beinahe erschreckt worden wäre. Es klang aus
der Ferne her, und doch schien es im Hause selbst zu sein, denn das
Haus zitterte manchmal, und die Balken dröhnten, wenn der Ton zu
seiner größten Kraft stieg. Wilhelm, der sonst ein zartes Ohr hatte,
alle Töne zu unterscheiden, konnte doch sich für nichts bestimmen; er
verglich es dem Schnarren einer großen Orgelpfeife, die vor lauter
Umfang keinen entschiedenen Ton von sich gibt. Ob dieses
Nachtschrecken gegen Morgen nachließ, oder ob Wilhelm, nach und nach
daran gewöhnt, nicht mehr dafür empfindlich war, ist schwer
auszumitteln; genug, er schlief ein und ward von der aufgehenden Sonne
anmutig erweckt.
Kaum hatte ihm einer der dienenden Knaben das Frühstück gebracht,
als eine Figur hereintrat, die er am Abendtische bemerkt hatte, ohne
über deren Eigenschaften klar zu werden. Es war ein wohlgebauter,
breitschultriger, auch behender Mann, der sich durch ausgekramtes
Gerät als Barbier ankündigte und sich bereitete, Wilhelmen diesen so
erwünschten Dienst zu leisten. übrigens schwieg er still, und das
Geschäft war mit sehr leichter Hand vollbracht, ohne daß er
irgendeinen Laut von sich gegeben hätte. Wilhelm begann daher und
sprach: "Eure Kunst versteht Ihr meisterlich, und ich wüßte nicht, daß
ich ein zarteres Messer jemals an meinen Wangen gefühlt hätte,
zugleich scheint Ihr aber die Gesetze der Gesellschaft genau zu
beobachten."
Schalkhaft lächelnd, den Finger auf den Mund legend, schlich der
Schweigsame zur Türe hinaus. "Wahrlich!" rief ihm Wilhelm nach: "Ihr
seid jener Rotmantel, wo nicht selbst, doch wenigstens gewiß ein
Abkömmling; es ist Euer Glück, daß Ihr den Gegendienst von mir nicht
verlangen wollt, Ihr würdet Euch dabei schlecht befunden haben."
Kaum hatte dieser wunderliche Mann sich entfernt, als der bekannte
Vogt hereintrat, zur Tafel für diesen Mittag eine Einladung
ausrichtend, welche gleichfalls ziemlich seltsam klang: das Band, so
sagte der Einladende ausdrücklich, heiße den Fremden willkommen,
berufe denselben zum Mittagsmahle und freue sich der Hoffnung, mit
ihm in ein näheres Verhältnis zu treten. Man erkundigte sich ferner
nach dem Befinden des Gastes, und wie er mit der Bewirtung zufrieden
sei; der denn von allem, was ihm begegnet war, nur mit Lob sprechen
konnte. Freilich hätte er sich gern bei diesem Manne, wie vorher bei
dem schweigsamen Barbier, nach dem entsetzlichen Ton erkundigt, der
ihn diese Nacht, wo nicht geängstigt, doch beunruhigt hatte; seines
Angelöbnisses jedoch eingedenk, enthielt er sich jeder Frage und
hoffte, ohne zudringlich zu sein, aus Neigung der Gesellschaft oder
zufällig nach seinen Wünschen belehrt zu werden.
Als der Freund sich allein befand, dachte er über die wunderliche
Person erst nach, die ihn hatte einladen lassen, und wußte nicht
recht, was er daraus machen sollte. Einen oder mehrere Vorgesetzte
durch ein Neutrum anzukündigen, kam ihm allzu bedenklich vor. übrigens
war es so still um ihn her, daß er nie einen stilleren Sonntag erlebt
zu haben glaubte; er verließ das Haus, vernahm aber ein
Glockengeläute und ging nach dem Städtchen zu. Die Messe war eben
geendigt, und unter den sich herausdrängenden Einwohnern und
Landleuten erblickte er drei Bekannte von gestern, einen
Zimmergesellen, einen Maurer und einen Knaben. Später bemerkte er
unter den protestantischen Gottesverehrern gerade die drei andern.
Wie die übrigen ihrer Andacht pflegen mochten, ward nicht bekannt, so
viel aber getraute er sich zu schließen, daß in dieser Gesellschaft
eine entschiedene Religionsfreiheit obwalte.
Zu Mittag kam demselben am Schloßtore der Vogt entgegen, ihn durch
mancherlei Hallen in einen großen Vorsaal zu führen, wo er ihn
niedersetzen hieß. Viele Personen gingen vorbei, in einen
anstoßenden Saalraum hinein. Die schon bekannten waren darunter zu
sehen, selbst St. Christoph schritt vorüber; alle grüßten den Vogt
und den Ankömmling. Was dem Freund dabei am meisten auffiel, war,
daß er nur Handwerker zu sehen glaubte, alle nach gewohnter Weise,
aber höchst reinlich gekleidet; wenige, die er allenfalls für
Kanzleiverwandte gehalten hätte.
Als nun keine neuen Gäste weiter zudrangen, führte der Vogt unsern
Freund durch die stattliche Pforte in einen weitläufigen Saal; dort
war eine unübersehbare Tafel gedeckt, an deren unterem Ende er
vorbeigeführt wurde, nach oben zu, wo er drei Personen quer vorstehen
sah. Aber von welchem Erstaunen ward er ergriffen, als er in die Nähe
trat und Lenardo, kaum noch erkannt, ihm um den Hals fiel. Von
dieser überraschung hatte man sich noch nicht erholt, als ein Zweiter
Wilhelmen gleichfalls feurig und lebhaft umarmte und sich als den
wunderlichen Friedrich, Nataliens Bruder, zu erkennen gab. Das
Entzücken der Freunde verbreitete sich über alle Gegenwärtigen; ein
Freud--und Segensruf erscholl die ganze Tafel her. Auf einmal aber,
als man sich gesetzt, ward alles still und das Gastmahl mit einer
gewissen Feierlichkeit aufgetragen und eingenommen.
Gegen Ende der Tafel gab Lenardo ein Zeichen, zwei Sänger standen
auf, und Wilhelm verwunderte sich sehr, sein gestriges Lied
wiederholt zu hören, das wir, der nächsten Folge wegen, hier wieder
einzurücken für nötig finden.
"Von dem Berge zu den Hügeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flügeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat."
Kaum hatte dieser Zwiegesang, von einem gefällig mäßigen Chor
begleitet, sich zum Ende geneigt, als gegenüber sich zwei andere
Sänger ungestüm erhuben, welche mit ernster Heftigkeit das Lied mehr
umkehrten als fortsetzten, zur Verwunderung des Ankömmlings aber sich
also vernehmen ließen:
"Denn die Bande sind zerrissen,
Das Vertrauen ist verletzt;
Kann ich sagen, kann ich wissen,
Welchem Zufall ausgesetzt
Ich nun scheiden, ich nun wandern,
Wie die Witwe trauervoll,
Statt dem einen mit dem andern
Fort und fort mich wenden soll!"
Der Chor, in diese Strophe einfallend, ward immer zahlreicher, immer
mächtiger, und doch konnte man die Stimme des heiligen Christoph, vom
untern Ende der Tafel her, gar bald unterscheiden. Beinahe furchtbar
schwoll zuletzt die Trauer; ein unmutiger Mut brachte, bei
Gewandtheit der Sänger, etwas Fugenhaftes in das Ganze, daß es unserm
Freunde wie schauderhaft auffiel. Wirklich schienen alle völlig
gleichen Sinnes zu sein und ihr eignes Schicksal eben kurz vor dem
Aufbruche zu betrauern. Die wundersamsten Wiederholungen, das öftere
Wiederaufleben eines beinahe ermattenden Gesanges schien zuletzt dem
Bande selbst gefährlich; Lenardo stand auf, und alle setzten sich
sogleich nieder, den Hymnus unterbrechend. Jener begann mit
freundlichen Worten: "Zwar kann ich euch nicht tadeln, daß ihr euch
das Schicksal, das uns allen bevorsteht, immer vergegenwärtigt, um zu
demselben jede Stunde bereit zu sein. Haben doch lebensmüde, bejahrte
Männer den Ihrigen zugerufen: "Gedenke zu sterben!", so dürfen wir
lebenslustige jüngere wohl uns immerfort ermuntern und ermahnen mit
den heitern Worten: "Gedenke zu wandern!"; dabei ist aber wohlgetan,
mit Maß und Heiterkeit dessen zu erwähnen, was man entweder willig
unternimmt, oder wozu man sich genötigt glaubt. Ihr wißt am besten,
was unter uns fest steht und was beweglich ist; gebt uns dies auch in
erfreulichen, aufmunternden Tönen zu genießen, worauf denn dieses
Abschiedsglas für diesmal gebracht sei!" Er leerte sodann seinen
Becher und setzte sich nieder; die vier Sänger standen sogleich auf
und begannen in abgeleiteten, sich anschließenden Tönen:
"Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften,
überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los:
Daß wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß."
Bei dem wiederholenden Chorgesange stand Lenardo auf und mit ihm
alle; sein Wink setzte die ganze Tischgesellschaft in singende
Bewegung; die unteren zogen, St. Christoph voran, paarweis zum Saale
hinaus, und der angestimmte Wandergesang ward immer heiterer und
freier; besonders aber nahm er sich sehr gut aus, als die
Gesellschaft, in den terrassierten Schloßgärten versammelt, von hier
aus das geräumige Tal übersah, in dessen Fülle und Anmut man sich
wohl gern verloren hätte. Indessen die Menge sich nach Belieben
hier--und dorthin zerstreute, machte man Wilhelmen mit dem dritten
Vorsitzenden bekannt. Es war der Amtmann, der das gräfliche,
zwischen mehreren Standesherrschaften liegende Schloß dieser
Gesellschaft, so lange sie hier zu verweilen für gut fände,
einzuräumen und ihr vielfache Vorteile zu verschaffen gewußt, dagegen
aber auch, als ein kluger Mann, die Anwesenheit so seltener Gäste zu
nutzen verstand. Denn indem er für billige Preise seine Fruchtböden
auftat und, was sonst noch zu Nahrung und Notdurft erforderlich wäre,
zu verschaffen wußte, so wurden bei solcher Gelegenheit längst
vernachlässigte Dachreihen umgelegt, Dachstühle hergestellt, Mauern
unterfahren, Planken gerichtet und andere Mängel auf den Grad gehoben,
daß ein längst vernachlässigtes, in Verfall geratenes Besitztum
verblühender Familien den frohen Anblick einer lebendig benutzten
Wohnlichkeit gewährte und das Zeugnis gab: Leben schaffe Leben, und,
wer andern nützlich sei, auch sie ihm zu nutzen in die Notwendigkeit
versetze.