»Und verratet mich nicht,« sagte Mario Malvolto zu seinen zwei Freunden.
»Laßt sie glauben, ich käme zurück.«
»Du kommst nicht?«
»Ich muß nach Hause. Ich habe Kopfschmerzen . . . Nein, ich will euch
gestehen, ich muß allein sein.«
»Deinen Triumph überdenken. Gute Nacht, glücklicher Dichter.«
»Schlafen wirst du kaum.«
»Wer weiß. Gute Nacht.«
Die andern gingen hinein. Mario Malvolto stand noch einen Augenblick oben
an der Treppe. Hinter ihm verhallte das Bankett zu seinen Ehren. Links und
rechts neigten sich tief zwei Lakaien voll goldener Schnüre. Er hielt seine
schmächtige Gestalt ganz steif und schritt hinab, über den blassen, dicken
Teppich, zwischen den vergoldeten Geländern.
»Diese Eitelkeit muß ausgekostet werden,« dachte er dabei. »Drinnen
arbeitete ich zu sehr an meiner Rolle. Jetzt beherrsche ich das Erlebnis.«
»Wohin fahren wir, Herr Malvolto?« fragte der Kutscher.
»Nach Settignano.«
»Warum fragte denn der. Meinte er, ich fahre jetzt noch zu Mimi? O Mimi, du
hinundherwehendes Seidenfähnchen! Bald flattert es dem um den Hals, bald
jenem. Ich hab' es geküßt, so oft an mir die Reihe war, habe sogar
Abenteuer hineingestickt. Ja, Mimi, kleine Kokotte mit flüchtigen Impulsen,
aber ohne Spur von Größe in deiner Sinnlichkeit, ich habe dir
Leidenschaften angedichtet, habe sie zu meiner eigenen Genugtuung, aus
Eitelkeit, aus Sehnsucht, deinen ganzen Lebenslauf entlang aufgestellt, wie
Puppen, die große Gebärden schleudern. Du warst nur ein Mädel. Adieu, Mimi.
Wir wünschen mehr, wünschen Stärkeres. So etwas wie Mimi läßt sich noch
neben einer Tragödie her lieben. Es nimmt so wenig Herz ein. Meine Tragödie
hat heute abend gesiegt. Ja, ich werde stark. Aber es heißt von den kleinen
Genugtuungen ganz frei bleiben, die schwach erhalten, und die Der
verbietet, der in meinem Zimmer über seine eiserne Schulter hinweg mich
herausfordert!«
Nahm dieses enge Florenz kein Ende? Es verlangte ihn auf einmal heftig nach
der Luft von seinen Hügeln, nach der von Öllaub durchschimmerten, von
Lorbeer gewürzten Luft, die ihn bitter und sanft auf den Mund küßte. Die
Gassen ließen noch immer ihr nächtliches Echo klappern. Der Schatten von
Pferd und Kutscher stieg die Mauern hinauf und hinab. Dann lichteten sich
die Vorstadthäuser. In die ersten Gärten tauchte das Mondlicht.
»Ich habe den Hügel dort hinten erobert, der mein Haus trägt. Und nicht
bloß ihn -- alle diese Hügel hab' ich erobert.«
Seine Hand formte in der Luft einen Halbkreis; sie glitt über das entfernte
Bild eines Hügels, wie über eine Frauenbrust.
»Dies ganze Land, alle seine Städte, jedes Haus, bis auf das letzte, hab'
ich erobern müssen. Denn mir gehörte keines. Kein heimlicher Feldweg in
keinem Winkel des Landes kennt mich von meinem Anfang an. Bedenke das
heute. Du bist auf dem Meer geboren, von einer Mutter aus fremdem Volk.
Deine tragische Kunst hat um dieses Land, um jede seiner Ackerfurchen
geworben, wie ein sehnsüchtiger Pilger im Kettenhemd, der aus Inbrunst Blut
vergießt.
Jetzt hab' ich Fuß gefaßt. Jeder in Italien weiß, in welchem Dorf und auf
welchem Tisch das Blatt Papier liegt, das ich mit Zeichen bedecke. Heute
Nacht sind die Besiegten an mir vorübergezogen, ein ganzer Theatersaal, von
mir unterworfen. Was habe ich zu vermerken? Elf Hervorrufe. Die Worte der
Königin. Den Händedruck des Grafen von Turin. Dann das Bankett. Die beiden
Deputierten, das Telegramm des Ministers. Der Bürgermeister redet. Die
Kollegen helfen sich mit Ironie. Was noch? Nichts; keine Frauen beim
Bankett. Keine Frauen -- was bleibt von allem also übrig.«
Aus dem Wagen gelehnt, das Kinn in der Hand, sah Mario Malvolto zu, wie die
Blütenbäume weithin in bleichem Lichte schwammen. Vor Ponte a Mensola
meinte er einen Augenblick einen zweiten Wagen zu entdecken, dem seinigen
voraus, in der Höhe. Er war gleich wieder verschwunden. Das Verdeck war
aufgestellt gewesen. Der Kutscher hatte nichts gesehen, und wer sollte die
Nacht auf der Landstraße verbringen.
»Ob sie's eigentlich wissen, die Frauen, daß alles im Grunde nur für sie
geschieht? Manche tun, als ob sie an den Geist glaubten -- an den Geist,
das hilflose Kind, das ohne unsere Sinne nicht stehen und gehen kann. Wir
haben nur unsere Sinnlichkeit; und wem gilt die, wie heißt ihr höchster
Preis? O, eine Sitzung am Schreibtisch ist verschwendetes Werben um die
Frau, eine durchdichtete Nacht ist eine fruchtlose Liebesnacht. Ob sie's
wissen? Was frag' ich. Ihr Mißtrauen gegen das Talent lehrt mich genug, und
ihre Vorliebe für den Dummkopf, der nur ihnen gehört, und nicht dem Buch.
Die Frau und das Buch, das sind Feinde.
Ein Dichter von zwanzig Jahren, ich kann mich entsinnen, hat ihnen zu viel
zu sagen -- darum schweigt er linkisch; sucht zu viel Leidenschaft -- das
ist den Wesen unbequem, die keinen Rausch kennen als den der Eitelkeit. Ich
habe damals von jeder einzelnen geträumt, so viele in einem Salon saßen,
oder in den Wagen beim Korso. Mit fanatischer Entschlossenheit und fürs
Leben hätte ich mich der zu Füßen geworfen, die mich erkannt hätte. Sie
sind nicht so dumm. Keine einzige fühlt sich berufen, unsere
neurasthenischen Überreiztheiten zu trösten. Sie gesellen sich niemals
unsern einsamen Verfeinerungen, sondern unfehlbar dem wohlgelungenen Typus.
Den erhalten sie, das ist ihre Bestimmung. Sie lassen es, unwissend über
ihre Funktion, geschehen, daß wir schönen Krankhaftigkeiten uns an ihnen
zugrunde richten. Sie aber sind von der Menschheit das Unverwüstliche. Und
ich bete sie an, weil ich die Kraft anbete!
Mitten aus meinen Schüchternheiten heraus entführte ich mich damals
plötzlich -- mich, und die kleine Prinzessin Nora. Was für eine
Überraschung! Ein Hauslehrer von unbedeutender Gestalt, dem die Damen nicht
einmal ein Paket zu tragen gaben! . . . Ich hatte sie durch eine Tat der
Verzweiflung alle auf einmal erniedrigt. Eine entführte Prinzessin
Gallipoli -- wer war die, vor der ich noch die Lider zu senken brauchte.
Ach, ich behielt trotzdem immer die Neigung, zu Boden zu sehen. Jede
Frechheit bei Frauen ist mir seither gelungen; aber zu jeder habe ich mich
zwingen müssen.
Man wirft mir Unzartheiten vor, etwas Schlimmeres als Frechheiten. Ein
Klubmann hat sich geweigert, sich mit mir zu schlagen, und ein Ehrenrat hat
ihm recht gegeben. Die Toren, wie könnten sie ahnen, daß meine Unzartheiten
aus meiner Furcht vor der eigenen Zartheit stammen. Ich leide an zu viel
Verstehen, zu viel Bedenken, zu viel Voraussicht des Jammers der andern.
Ich habe ganz das Zeug, als Besiegter zu enden. Welche Selbstvergewaltigung
hat es mich gekostet, die kleine Prinzessin Nora sitzen zu lassen, entehrt,
deklassiert. Noch heute, wenn ich ihr in Rom in der hohen Halbwelt begegne
-- ich spüre etwas wie Angst . . .
Hab' ich nicht oftmals Angst wegen Tina, der großen Tragödin, die an mir
leidet?«
Mario Malvolto warf sich in den Wagen zurück, er spähte erregt nach der
Höhe des fernen Berges, wo dem Mondgrau weiter Laubwellen mondgrau ein
Schloß entstieg. Ein Licht, ein kleines, bohrendes, schwälendes Licht stak,
ähnlich einem Gedanken, hinter einer Baumkrone und verwandelte sie in eine
rötliche Wolke.
»Wo in der Welt wacht sie jetzt? Wie lange schon bin ich ohne Nachricht. Es
ist schlimm diesmal, da sie sich geweigert hat, heute abend die Schöpferin
meiner Arachne zu sein. Habe ich ihr einen Schmerz zugefügt, den ich nicht
von ihr empfangen hätte? Wer ist so kundig im Leiden und im Leidenmachen
als wir beide. Wir wissen, daß wir nirgends so arbeiten, daß wir nie so
große Künstler sind, wie beieinander, durcheinander. Und trotz aller
Verwünschungen, aller Erschlaffung und allen Hasses stürzen wir immer
wieder aufeinander zu. Es gibt in der Welt keine Komödie wie unsere Liebe.
Hinter allen unseren Leidenschaften, wilden Gestalten, die von unserm Leben
brennen, lauert die Kunst, ein zweifelhaft lächelnder Kulissenmensch,
gierig nach Wirkungen für eine neue Rolle.
Von Zeit zu Zeit ertappt einer den andern darauf, daß er nur Komödie
spielt. Und plötzlich bricht bei beiden der Ekel aus, und wir prallen
auseinander. Aber vier Monate später erscheinen wir wieder bei der Probe.
Das ist Berufsangelegenheit. Von Liebe hat das nichts -- nichts von der
Liebe, für die man als Jüngling die arbeitsamen Nächte durchwacht, um
derentwillen man den Ruhm ersehnt. Denn ich möchte wissen, wozu der Ruhm
dient, wenn er nicht Liebe einträgt . . . Ach, er ist Phantom wie sie. Er
entweicht immer weiter, je hastiger man auf ihn zuläuft. Als ich ganz
unbekannt war, hatte er Körper; ein König, der den goldenen Kranz schwang.
Seit ich ihn Fetzen um Fetzen erkauft habe und genau weiß, wie er
hergestellt wird -- was kann er mich noch fühlen lassen. Der Ruhm ist ein
von mir weithin ausgestreuter, glänzender Irrtum über meine Person. Er gilt
einem, der nicht ich bin. Über mich darf die Wahrheit keiner wissen.
Man muß sagen: Dieser Malvolto behandelt Weiber und Leben mit einer
Entschlossenheit -- etwas anrüchig ist er. Er ist ein stählerner
Daseinskämpfer, das ist auch die Seele seiner Kunst. Die Größe und die
Kraft der Rasse ist auferstanden in einem Dichter. Man sieht, auch in einer
schmalen Brust können sie sich erheben. Die Renaissance ist, zum Angriff
bereit, zurückgekehrt . . . Das muß man sagen, und darf nichts ahnen von
meinen schwarzen Ängsten, von der Demütigung, die mir jede Frau, jedes
große Kunstwerk, jeder gesunde Mann zufügt; nichts davon, daß ich für eine
meiner Seiten, worin das Leben rauscht mit reichem Blut, halbe Tage
seelischen Jammers und hygienischer Übungen bezahle. Ich will nicht, daß
man es ahne. Es steht wohl hinter jeder vollendeten Schönheit der Schmerz
und hat noch den Meißel in der Hand. Sollte ich nicht stolz sein?
Ich fühle den melancholischen Stolz auf ein Werk, das nicht die Kraft
schuf, sondern nur der Wille zu ihr; auf ein Leben ohne wahre Stärke, das
nur sehnsüchtiger Drang in die Höhe reckt, wie eine Niobe ihre Arme. Ich
sehne mich am Schlusse von allen, die ich gehabt habe, noch heute nach der
Frau. Ich träume noch von ihr wie mit zwanzig Jahren -- nur hoffnungsloser.
Denn ich habe sie inzwischen erprobt, und daß sie nie die Gefährtin des
Komödianten ist. Sie ist mir zu ähnlich, was hätte sie mir zu bieten, oder
ich ihr. Sie will selber Applaus. Sie will mit Leidenschaften bezahlt
werden: -- mir ist sie zu teuer. Ich brauche meine Gefühle, um sie den
Leuten vorzuspielen. Ich muß an meiner Seele sparen, damit andere sich mit
ihr berauschen können. Je mehr ich Leben austeile, desto ärmer muß mein
eigenes werden.
Die seltenere Frau aber und die wahre -- sie, die sich einfach hingibt, in
unbedachter Leidenschaft; die an nichts zweifelt, nichts verlangt, keinen
Beifall, kein Martyrium; die all ihr Leben zusammenrafft, um es ohne ein
Zaudern, ohne ein Besinnen auf Welt, Ruf, Zukunft in meines zu werfen, mich
reich zu machen, durch mich zu atmen und mit mir unterzugehen: natürlich
gibt es sie für mich nicht. Träte sie auch leibhaftig in meine Tür, das
Wunder wäre unvollständig. Denn in mir, in meinen Tagen, hätte sie nicht
Raum: nicht sie selbst, die zu groß, zu stark wäre; nur die Sehnsucht nach
ihr!
Hab' ich sie heute abend wieder begehrt, auf der Bühne, durch das Loch im
Vorhang, hinter dem mein Platz ist! Hab' ich sie alle begehrt!«
Mario Malvolto legte den Kopf in den Nacken, stöhnte und schaute tief in
den bleichen Fluß der Sterne.
»Ich kannte fast alle. Ein paar hatte ich besessen, einige andere könnte
ich haben. Wozu. Soll ich sie zu meiner sentimentalen Erziehung und zu
meinem gesellschaftlichen Fortkommen benutzen, wie die kleine Prinzessin
Nora, oder zum Studium von zwanzig verschiedenen Rollen, wie Tina, die
Tragödin? Oder sollen sie arme leere Gliederpuppen sein wie Mimi, und ich
behänge sie im Traum mit Leidenschaften, die weder sie erleben werden noch
ich? Sollen sie zum Schluß dahinterkommen, wer ich bin, und mich beleidigt
und voll Verachtung wegschicken? . . . Man wird müde, die Sterne dort oben
mit den Augen zu pflücken, einen nach dem andern, und am Ende nichts in den
Händen zu halten . . .