Devilliers Erzählung von den Hexen auf dem Austerfelsen

Vor mehreren Jahren, da ich als Lieutenant zu Dünkirchen in Garnison

lag, genoß ich der vertrauten Freundschaft meines Majors, eines alten

Gascogners. Er war ein großer Liebhaber von Austern, und zu seiner

Majorschaft gehörte der Genuß von einem großen Austerfelsen, der

hinter einem Lustwäldchen einen halben Büchsenschuß weit vom Ufer in

der See lag, so daß man ihn bei der Ebbe trocknen Fußes erreichen

konnte, um die frischen Austern vom Felsen zu schlagen. Da der Major

eine Zeit her bemerkt hatte, daß in den meisten zutage liegenden

Austern nichts drinnen war, konnte er sich gar nicht denken, wer ihm

die Austern aus den Schalen hinwegstehle, und er bat mich, ihn in

einer Nacht, mit Schießgewehr bewaffnet, nach dem Austerfelsen zu

begleiten, um den Dieb zu belauern. Wir hatten kaum das kleine

Gehölz betreten, als uns ein schreckliches Katzengeheul nach der See

hin rief, und wie groß war unser Erstaunen, als wir den Felsen mit

einer Unzahl von Katzen besetzt fanden, die, ohne sich von der Stelle

zu bewegen, das durchdringendste Jammergeschrei ausstießen. Ich

wollte unter sie schießen, aber mein Freund warnte mich, indem es

gewiß eine Gesellschaft von Zauberern und Hexen sei und ich durch den

Schuß ihre Rache auf uns ziehen könnte. Ich lachte und lief mit

gezogenem Säbel nach dem Felsen hin; aber wie ward mir zumute, da ich

unter die Bestien hieb und sich doch keine einzige von der Stelle

bewegte! Ich warf meinen Mantel über eine, um sie ungekratzt von der

Erde aufheben zu können, aber es war unmöglich, sie von der Stelle zu

bringen, sie war wie angewurzelt. Da lief es mir eiskalt über den

Rücken, und ich eilte, zu meinem Freunde zurückzukommen, der mich

wegen meiner tollkühnen Expedition tüchtig ausschmälte. Wir standen

noch, bis die Flut eintrat, um zu sehen, wie sich die Hexenmeister

betragen würden, wenn das Wasser über sie her strömte; aber da ging

es uns wie unserem kroatischen Freunde, als die Kirchglocke das

Katzenpickenick auf der Eiche unterbrach. Kaum rollte die erste

Welle über den Felsen, als die ganze Hexengesellschaft mit solchem

Ungestüm gegen das Ufer und auf uns los stürzte, daß wir in der

größten Eile Reißaus nahmen. Am andern Morgen begab sich der alte

Major zum Gouverneur der Festung und zeigte ihm an: wie die ganze

Festung voll Hexen und Zauberern sei, deren Versammlung er auf seinem

Austerfelsen entdeckt habe. Der Gouverneur lachte ihn anfangs aus

und begann, als er ernsthaft Truppen begehrte, diese Zauberer in der

nächsten Nacht niederschießen zu lassen, an seinem Verstande zu

zweifeln. Der Major stellte mich als Zeugen auf, und ich bestätigte,

was ich gesehen, und die wunderbare Erscheinung von Unbeweglichkeit

der Katzen. Dem Gouverneur war die Sache unbegreiflich, und er

versprach, in der nächsten Nacht selbst zu untersuchen. Er ließ

allen Wachen andeuten, ehe er in der Nacht mit uns und hundert Mann

Voltigeurs ausmarschierte, keine Rücksicht darauf zu nehmen, wenn sie

schießen hörten.

Als wir dem Gehölz nahten, tönte dasselbe Katzengeschrei, und wir

hatten vom Ufer dasselbe eigentümlich-schauerliche Schauspiel: den

lebendigen heulenden Felsen im Mondschein über der weiten,

unbegrenzten Meeresfläche. Der Gouverneur stutzte, er wollte hin,

aber der Major hielt ihn mit ängstlicher Sorge zurück; nun ließ der

Gouverneur die hundert Mann von der Landseite den Felsen umgeben und

zwei volle Ladungen unter die Hexenmeister geben, aber es wich keiner

von der Stelle, wenngleich eine Menge Stimmen unter ihnen zu

schweigen begannen. Hierüber verwundert ließ sich der Gouverneur

nicht länger halten, er ging nach dem Felsen, und wir folgten ihm; er

versuchte, eine der Katzen wegzunehmen, aber sie waren alle wie

angewachsen; da entdeckte ich, daß sie alle mit einer oder mehreren

Pfoten, manche auch mit dem Schwanz in die fest geschlossenen Austern

eingeklemmt waren. Als ich dies angezeigt, mußten die Soldaten heran

und sie sämtlich erlegen. Da aber die Flut nahte, zogen wir uns ans

Land zurück, und die ganze Katzenversammlung, welche gestern so

lebhaft vor der ersten Woge geflohen war, wurde jetzt von der Flut

mausetot ans Ufer gespült, worauf wir, den guten Major herzlich mit

seinen Hexen auslachend, nach Hause marschierten. Die Sache aber war

folgende: Die Katzen, welche die Austern über alles lieben, zogen sie

mit den Pfoten aus den Schalen, und das gelang nicht länger, als bis

sie von den sich schließenden Muscheln festgeklemmt wurden, wo sie

sich dann so lange mit Wehklagen unterhielten, bis die Austern, von

der Flut überschwemmt, sich wieder öffneten und ihre Gefangenen

entließen; und ich glaube, bei strenger Untersuchung und weniger

Phantasie würde unser Freund bei seinem Katzenabenteuer ebenso gut

lauter Fischdiebe, wie wir Austerdiebe, entdeckt haben. Baciochis

Erzählung vom wilden Jäger

Nachdem die Aufklärung dieses Ereignisses die Erzählung des Kroaten

in ihrer Schauerlichkeit sehr gemildert hatte, kam man auf allerlei

Jagdgespenster zu sprechen, und Lindpeindler fragte: ob einer in der

Gesellschaft vielleicht je den wilden Jäger gesehen oder gehört habe?

Da sagte der Feuerwerker: "Mir kam er schon so nahe, daß ich das

Blanke in den Augen sah, und wenn die Jungfer Nanny sich tapfer

halten und die ganze ehrsame Gesellschaft wenigstens so lange daran

glauben will, bis die Geschichte zu Ende ist, so will ich sie

erzählen." Nanny erwiderte: "Erzähle nur, Baciochi, du kennst mein

Temperament und wirst es nicht zu arg machen."--"Erzählen Sie", fiel

Devillier ein; "wenn wir die Geschichte auch am Ende für eine Lüge

erklären, so soll Ihnen bis dahin geglaubt werden." Und bald waren

alle Stimmen vereint, den Feuerwerker einzuladen, welcher alle

aufforderte, sich an ihre Plätze zu setzen, und seiner Erzählung

einen eigentümlichen theatralischen Charakter zu geben wußte. Alle

saßen an Ort und Stelle, er machte eine Pause, steckte sich eine

Pfeife Tabak an und schlug mit der Faust so unerwartet heftig auf den

Tisch, daß die Lichter verlöschten und alle laut aufschrien.

"Meine Feuerwerke fangen immer mit einem Kanonenschuß an", sagte er,

"erschrecken Sie nicht!" und in demselben Augenblick brannte er

mehrere Sprühkegel an, die er aus Pulver und vergoßnem Weine in der

Stille geknetet hatte, und sagte: "Stellen Sie sich vor, Sie wären

bei meinem großen Feuerwerke in Venedig, welches ich am Krönungstage

Napoleons dort abbrannte. Es mußten mir einige Körner prophetischen

Schießpulvers in die Masse gekommen sein; kurz gesagt: als der Thron

und die Krone und das große Notabene, NB, Napoleon Bonapartes

Namenszug, im vollen Brillantfeuer, von hunderttausend Schwärmern und

Raketen umzischt, kaum eine Viertelstunde von einer hohen Generalität

und dem verehrten Publikum beklatscht worden waren, fing mein

Feuerwerk an, ein wenig zu frösteln; es platzte und zischte manches

zu früh und zu spät ab, eine gute Partie einzelner Sonnen und Räder

brannten mir in einer Scheune nieder, die dabei das Dach verlor. Das

Schauspiel war so grandios angelegt, daß man diesen ganzen kunstlosen

Scheunenbrand für seinen Triumph hielt, man klatschte, und ich paukte

und trompetete; schnell ließ ich alle meine übrigen Stücke in die

Lücken stellen und von neuem losfigurieren. Aber der Satan fuhr mir

mit dem Schwanz drüber, und die ganze Pastete flog mit einem großen

Geprassel auf einmal in die Luft, die Menschen fuhren gräßlich

auseinander, Gerüste brachen ein, alle Einzäunungen wurden

niedergerissen, die Menge stürzte nach den Gondeln, die Gondelführer

wehrten ab, die Bürger prügelten sich mit den französischen Soldaten,

meine Kasse wurde geplündert; es war eine Verwirrung, als sei der

Teufel in die Schweine gefahren und diese stürzten dem Meer zu.

Unsereins kennt sein Handwerk, man ist auf dergleichen gefaßt, mein

persönlicher Rückzug war gedeckt. Ich ließ nichts zurück als alle

meine Schulden, meine Reputation und meinen halben Daumen. Meine

selige Frau, welcher der Rock am Leibe brannte, riß mich in die

Gondel ihres Bruders, eines Schiffers, und der brachte mich an einen

Zufluchtsort, worauf wir am folgenden Morgen die Stadt verließen.

Als wir das Gebirg erreichten, nahten wir uns auf Abwegen einer

Kapelle, bei welcher ich mit meinem liebsten Gesellen Martino

verabredet hatte, wieder zusammenzutreffen, wenn wir durch irgendein

Unglück auseinander gesprengt werden sollten. Mein gutes Weib hatte

ein Stück von einer Wachsfackel, die bei der Leiche unsers seligen

Töchterleins gebrannt hatte, in der Tasche und pflegte, wenn sie

nähte, ihren Zwirn damit zu wichsen; aus diesem Wachs hatte sie

während unseres Weges die Figur eines Daumens geknetet und hängte

dieselbe, nebst einem Rosenkranz von roten und schwarzen Beeren, den

sie auch sehr artig eingefädelt hatte, dem kleinen Jesulein auf dem

Schoße der Mutter Gottes in der Kapelle als ein Opfer an das Händchen,

und wir beteten beide von Herzen, daß mein Daumen heilen und wir

glücklich über die Grenze in das österreichische kommen möchten. Wir

lagen noch auf den Knien, als ich die Stimme Martinos rufen hörte:

"Sia benedetto il San Marco!"; da schrie ich wieder: "E la Santissima

Vergine Maria!", wie wir verabredet hatten, und lief mit meinem Weibe

vor die Kapelle. Da trat uns Martino in einem tollen Aufzug entgegen.

Er hatte bei dem Feuerwerk den Meergott Neptun vorgestellt und in

seinem vollen Kostüm Reißaus genommen; er hatte den Schilfgürtel noch

um den Leib, einen Wams von Seemuscheln an und eine Binsenperücke auf,

sein langer Bart war von Seegras, auf der Schulter trug er den

Dreizack, auf welchem er ein tüchtiges Bauernbrot und drei fette

Schnepfen, die er mitsamt dem Neste erwischte, gespießt hatte. Nach

herzlicher Umarmung erzählte er uns: wie ihn seine Kleidung glücklich

gerettet habe; die Strickreiter seien ihm auf der Spur gewesen, da

habe er sich in das Schilf eines Sumpfes versteckt, und sein

Schilfgürtel machte ihn da nicht bemerkbar. Als er stille liegend

sie vorüberreiten lassen, hätten sich die drei Schnepfen sorglos

neben ihm in ihr Nest niedergelassen, und er habe sie mit der Hand

alle drei ergriffen. Das Brot hatte er von einem Contrebandier um

einige Pfennige gekauft, der ihm zugleich die nächste Herberge auf

der Höhe des Gebirges beschrieben, aber nicht eben allzu vorteilhaft:

denn der ganze Wald sei nicht recht geheuer, der wilde Jäger ziehe

darin um und pflege grade in dieser Herberge sein Nachtquartier zu

halten. "Wohlauf denn!" sagte ich, "so haben wir heute nacht gute

Gesellschaft; ich hätte den Kerl lange gern einmal gesehen, um seinen

Jagdzug recht natürlich in einem Feuerwerk darstellen zu können."

Mein Weib Marinina aber, welche, um ja nichts zu versäumen, alles

miteinander glaubte, machte ein saures Gesicht zu der Herberge. Das

konnte aber nichts helfen, wir mußten den Weg wählen; er war ganz

entlegen und sicher und ein Schleichweg der Contrebandiers, mit

welchen Martino einige Bekanntschaft hatte. Die Nacht brach herein,

es nahte ein Gewitter, und wir mußten uns auf den Weg machen.

Martino machte unsere Wanderschaft etwas lustiger, er übergab meiner

Marinina die Schnepfen und sagte: "Rupft sie unterwegs, damit wir in

der Herberge dem wilden Jäger bald einen Braten vorsetzen können",

und nun marschierte er mit tausend Späßen in seinem tollen Habit, wie

ein vazierender Waldteufel, voraus. Ich folgte ihm auf dem schmalen

Waldpfade und hatte meinen halben Daumen, der mich nicht wenig

schmerzte, meistens in dem Munde, und hinter mir zog--daß Gott

erbarm!--meine selige Marinina und rupfte die Schnepfen unter Singen und

Beten. über der rechten Hüfte war ihr ein ziemliches Loch in den Rock

gebrannt, und sie schämte sich, vorauszugehen, daß Martino, der

seinen Witz in allen Nestern auszubrüten pflegte, an ihrer Blöße

nicht ärgernis nehmen möchte. Der Weg war steil, unheimlich und

beschwerlich; der Sturm sauste durch den Wald, es blitzte in der

Ferne, Marinina schlug ein Kreuz über das andre. Aber die Müdigkeit

vertrieb ihre Furcht vor dem wilden Jäger immer mehr, von welchem

Martino die tollsten Geschichten vorbrachte. "Es ist gut", sagte er,

"daß wir selbst Proviant bei uns haben, denn wenn wir mit ihm essen

müßten, dürften wir leicht mit dem Schenkel eines Gehängten oder mit

einem immarinierten Pferdekopf bewirtet werden. Fasset Mut, Frau

Marinina, schaut mich nur an, ärger kann er nicht aussehen!"

Unter solchen Gesprächen hatten wir die Gebirgshöhe erstiegen und

waren ein ziemlich Stück Wegs in den wilden, finstern Wald

geschritten, da hörten wir ein abscheuliches Katzengeheul und kamen

bald an eine Hütte, mit Stroh und Reisern gedeckt; alte Lumpen hingen

auf dem Zaun, und an einer Stange war ein großes Stachelschwein über

der Türe herausgesteckt als Schild. "Da sind wir", sagte Martino;

"wie glaubt ihr, daß dies vornehme Gasthaus heiße?"--"Zum

Stachelschwein!" sagte ich.-"Nein!" erwiderte Martino, "es hat

mehrere Namen; einige nennen es des Teufels Zahnbürste, andre des

Teufels Pelzmütze, andre gar seinen Hosenknopf." Wir lachten über

die närrischen Namen. Die Katze saß vor der Türe auf einem

zerbrochenen Hühnerkorb, machte einen Buckel gegen uns und ein Paar

feurige Augen und hörte nicht auf zu solfeggieren. In dem Hause aber

rumpelte es wie in einem Raspelhause und leeren Magen. Nun schlug

Martino mit der Faust gegen die Türe und schrie: "Holla, Frau Susanna,

für Geld und gute Worte Einlaß und Herberge; Eure Katze will auch

hinein." Da krähte eine Stimme heraus: "Wer seid ihr Schalksknechte

zu nachtschlafender Zeit?" Und Martino, der in Reimen wie ein

Improvisatore schwatzen konnte, schrie: "Ich bin ja der Rechte und

komme von weit!" Nun keifte die Stimme wieder: "Wenn die Katze nicht

draußen wär, ich ließ Euch nimmermehr ein!" Und Martino sagte: "Ihr

denket so zärtlich ungefähr wie Euer Schild, das Stachelschwein."

Marinina war in tausend ängsten; sie bat immer den Martino, die alte

Wirtin nicht zu schelten, sie sei gewiß eine Hexe und werde uns

nichts Gutes antun. Da ging die Tür auf, ein schwarzbraunes,

zerlumptes, sonst glattes und hübsches Mägdlein, glänzend und schlank

wie ein brauner Aal, leuchtete uns aus der Küche mit einer Kienfackel

ins Gesicht und war nicht wenig erschrocken, als Martino in seinem

wilden Aufzug ihr rasch entgegenschritt und, indem er drängend sie

verhinderte, die Türe wieder zuzuschlagen, ihr sagte: "Brauner Schatz,

mach uns Platz! Menschen sind wir, schönes Kind, hier: hast zum

Zeichen diesen Schmatz!" und somit küßte er sie herzlich; wir drangen

indessen hinein. Die kleine Braune aber sagte: "Und wenn du auch

nicht der Satan selbst bist, so könnt ihr heute hier doch nicht

bleiben; meine Großmutter ist sehr brummig, sie fürchtet, das

Waldgespenst komme heut nacht, und da nimmt sie keine Gäste, um die

Herberge nicht in bösen Ruf zu bringen; unsre Kammer, wo wir schlafen,

ist eng, und sie rückt schon allen Hausrat vor ihr Bett, um das

Gespenst nicht zu sehen, welches oft quer durch unsre Hütte zieht."

Martino aber erwiderte: "Eben in dieser Kammer wollen wir schlafen,

und eben dieses Waldgespenst wollen wir mit gebratenen Schnepfen

bewirten; wir sind des wilden Jägers Küchengesinde!" Und somit

packte er ein Bund Stroh auf, das in der Ecke lag, und marschierte in

die Kammer; wir kamen nach, trotz allen Zeremonien, welche die

nußbraune Jungfer machen wollte.

Es war gar keine alte Großmutter in der Hütte; das Mädchen log uns

etwas vor. Martino breitete das Stroh an die Erde, und Marinina,

furchtsam und müde, legte sich gleich, mit dem Gesicht, über das sie

noch ihre Schürze deckte, gegen die Wand gekehrt, nieder und rührte

sich nicht. Martino begab sich mit den Schnepfen wieder in die Küche,

in welcher die braune Jungfer schmollend und brummend

zurückgeblieben war, und ich sah mich einstweilen in der Stube um.

Eine Kienfackel brannte in der Mitte; sie war in einen Kürbis

festgesteckt, der neben schmutzigen Spielkarten auf einem breiten

Eichenstumpf lag, welcher als Tisch und Hackstock diente und fest

genug stand, denn er steckte noch mit allen seinen Wurzeln in der

Erde, welche ungedielt der ganzen Hütte ihren Grund und Boden gab.

Ein paar Bretter, auf eingepfählte Stöcke befestigt, waren die

unbeweglichen Sitze; die Wände bestanden aus Flechtwerk, mit Lehm und

Erde verstrichen, und einzelne hereinragende äste bildeten mancherlei

Wandhaken, an denen zerlöcherte Körbe, Lumpen, Zwiebelbündel, Hasen-,

Hunde-, Katzen--und Dachsfelle hingen, auch einige zerbrochene

Gartenwerkzeuge. Auf einem derselben aber saß ein greuliches Tier,

eine ungeheure Ohreule, welche gegen die Kienfackel mit den Augen

blinzte und sich in die Schultern warf wie ein alter Professor, der

soeben den Theriak erfunden hat. In einem ausgebauten Winkel der

Stube lag, auf zwei Baumstücken, die Bettstelle der Großmutter, die

sehr dauerhaft in einer ausgehöhlten Eiche bestand, an der die Rinde

noch saß. Sonst war das Bett wohl bedacht, denn seine schmutzigen

Federkissen lagen so hoch aufgebauscht, daß die niedre Hüttendecke,

aus der das Stroh herabhing, weder hoch noch hart gefallen wäre, wenn

sie einstürzte; aber, sich noch zu besinnen, schien sie

unentschlossen hin und her zu schwanken. Der Hausrat, von welchem

das Mädchen gelogen hatte: daß die Großmutter ihn vor das Bett rücke,

bestand in einer zerbrochenen Türe und einer alten Tonne, mit welcher

wahrscheinlich der Lärm gemacht worden war, den wir in der Hütte

hörten. Sie waren beide vor den Bettrog der Großmutter gerückt.

Außer allem diesen sah man nichts als eine sehr baufällige Leiter,

die an einem Loche in der Ecke lehnte, durch welches ich einige

Hühner oben gackern hörte, die das Geräusch unsrer Ankunft erweckt

hatte, die Katze nicht zu vergessen, welche auf einer alten Trommel

hinter der Türe schlief. Eine Geige, ein Triangel und ein Tambourin

hingen an der Wand, und neben ihnen ein zerrissener bunter Tiroler

Teppich.

Ich hatte kaum alle diese Herrlichkeiten betrachtet, als Martino

hereintrat und zu mir sagte: "Meister, ich habe alle Schwierigkeiten

geebnet und weiß, wo wir sind. Wir hausen bei einer alten Zigeunerin,

welche außer ihren Privatgeschäften: der Wahrsagerei, Hexerei,

Dieberei, Viehdoktorei, auch eine Hehlerin der Contrebandiers macht;

die Kleine draußen ist ihr Tochterkind, das auf der hohen Schule bei

ihr ist und der Großmutter Tod abwarten soll, um hinter einen Topf

von Gold zu kommen, von dem sie immer spricht, ohne doch je zu sagen,

wo sie ihn hin versteckt hat. Das hat mir das Mädchen alles

anvertraut; ich habe ihr Herzchen gerührt, sie ist kirre wie ein

Zeisig, und wenn wir wollen, läßt sie die Großmutter und den Goldtopf

im Stich, läuft morgen mit uns und verdient uns das Brot mit

Burzelbäumen, deren sie ganz wunderbare schlagen kann. Für all dies

Vertrauen habe ich ihr versprechen müssen, zu glauben: daß der wilde

Jäger heute nacht wirklich durch die Hütte zieht; wir sollen uns nur

um Gottes willen ruhig halten. Die Großmutter wird in kurzer Zeit

zurückkommen; sie ist mit Lebensmitteln zu einem Zug Schleichhändler

gegangen, der über das Gebirge zieht. Der wilde Jäger, sagt sie,

treibe um Mitternacht durch die Stube, und wenn wir uns ruhig hielten,

werde er uns kein Haar krümmen, sonst aber riskieren wir Leib und

Leben; ich denke aber, wir wollen es mit ihm versuchen." Nun legte

er meinen Prügel und seinen Dreizack neben uns auf das Stroh nieder

und fuhr fort: "Es ist beinahe eilf Uhr, die Kleine hat es an ihrer

Sanduhr gesehen; die Schnepfen weiß sie nicht am Spieß zu braten, sie

hat sie mit Zwiebeln gefüllt in einen Topf gesteckt, und wenn wir die

Schnepfensuppe gegessen, sollen wir das Fleisch mit Essig und

Olivenöl als Salat verzehren; Wein muß hier in der Kammer ein

Schlauch voll sein." Da suchte Martino herum und fand unter einigen

alten Brettern ein tiefes Loch in der Erde, das, als Keller, einen

alten Dudelsack voll Wein enthielt. Er zog ihn heraus, wir setzten

die zwei Pfeifen an den Mund und drückten den vollen Sack so zärtlich

an das Herz, daß uns der süße Wein in die Kehle stieg. Nie hat ein

Dudelsack so liebliche Musik gemacht. Wir labten uns herzlich; ich

weckte meine Marinina, und sie mußte auch eins drauf spielen; dazu

verzehrten wir unser Brot und einige Zwiebeln aus dem Vorrat, der an

der Wand hing, und streckten uns, in der Erwartung des weiteren, zur

Ruhe auf das Stroh. Marinina schlief fest ein. Ich betete mit

Martino noch eine Litanei; dann legten wir uns neben unsere Waffen

bequem, und Martino sagte: "Laßt uns nun ruhen; mir ist so rund und

so wohl, daß mir das Blut in den Adern flimmert; wer den wilden Jäger

zuerst sieht, stößt den andern, dann springen wir mit unseren

Tröstern über ihn her und schlagen den Kerl zu Brei; ich habe noch

einen Schwärmer in der Tasche, den will ich dem Schelm unter die Nase

brennen." Ich freute mich an seinem frischen Herzen; wir empfahlen

uns dem Schutz des heiligen Markus und lauschten dem Schlafe entgegen,

der uns den Rücken hinaufkroch und uns schon hinter den Ohren

krabbelte. Nun ward alles mäuschenstill; der Donner rollte fern, der

Sturm hatte sich in den Waldwipfeln schlafen gelegt, die ihn mit

leisem Rauschen einwiegten. Die Kienfackel knisterte, Grillen sangen,

die Katze schnurrte auf der Trommel, welche, von dem Tone

erschüttert, das ferne Donnern zu begleiten schien; Marinina pfiff

durch die Nase, denn sie hatte sich einen Schnupfen geholt, in der

Küche knackte das grüne Holz im Feuer, die Schnepfensuppe sauste im

Topf, und unsere braune Köchin sang mit einer klaren und starken

Stimme, wie ich noch keine Primadonna gehört, folgendes Lied:

Mitidika! Mitidika!

Wien üng quatsch,

Ba nu, Ba nu n'am tsche fatsch,

Waja, Waja, Kur libu,

Ich bin ich und du bist du;

Ich spricht Stolz,

Du spricht Lieb!

Wer sich scheut vor Galgenholz,

Wird im grünen Wald zum Dieb.

Mitidika! Mitidika!

Wien üng quatsch,

Ba nu, Ba nu n'am tsche fatsch,

Singt die Magd, so kocht der Brei,

Singt das Huhn, so legts ein Ei;

Er spricht Schimpf,

Sie spricht Fremd;

Fehlen mir gleich Schuh und Strümpf,

Hab ich doch ein buntes Hemd.

Mitidika! Mitidika!

Wien üng quatsch,

Ba nu, Ba nu n'am tsche fatsch,

Hör, was pocht dort an der Tür?

Draußen schrein sie nach Quartier.

Ists der Er?

Ists der Sie?

Mach ich auf wohl nimmermehr,

Nur du Lieber, du schläfst hie.

Mitidika! Mitidika!

Wien üng quatsch,

Ba nu, Ba nu n'am tsche fatsch,

Waja, Waja, Kur libu,

In dem Topf hats nimmer Ruh;

Saus und Braus

'rab und 'rauf,

Küchenteufel drinnen haus:

Daß es mir nicht überlauf!"

Als der Feuerwerker den Anfang dieses Liedes: "Mitidika! Mitidika!"

gesagt, nahm der Zigeuner Michaly seine Violine und sang es unter den

lieblichsten Variationen der Gesellschaft vor; alle dankten ihm, der

Feuerwerker aber sagte: "Michaly, du sangst das nämliche Lied, wie

die kleine Braune, und hast eine ähnlichkeit mit ihr in der Stimme.

"--"Kann sein", sagte Michaly lächelnd, "aber erzähl nur weiter, ich

bin auf den wilden Jäger sehr begierig."--"Ich hob a a Schneid uf den

soakrische Schlankl!" sagte der Tiroler; alle drangen auf die weitere

Erzählung, und der Feuerwerker fuhr fort:

"Als die Kleine das Lied sang, ward sie von einem Schlag gegen die

Türe unterbrochen: "Mitidika!" rief es draußen mit einer rauhen,

heiseren Stimme. "Gleich, Großmutter!" antwortete sie, öffnete die

Türe und erzählte ihr von den Gästen; die Großmutter brummte allerlei,

was ich nicht verstand, und trat sodann zu uns in die Stube. Ihr

Schatten sah aus wie der Teufel, der sich über die Leiden der

Verdammten bucklicht gelacht, und wäre er nicht vor ihr her in die

Stube gefallen, um einen ein wenig vorzubereiten, ich hätte geglaubt,

der Alp komme, mich zu würgen, als sie eintrat. Sie war von oben und

rings herum eine Borste, ein Pelz und eine Quaste und sah darin aus

wie der Oberpriester der Stachelschweine. Sie ging nicht, lief nicht,

hüpfte nicht, kroch nicht, schwebte nicht, sie rutschte, als hätte

sie Rollen unter den Beinen wie großer Herren Studierstühle. Wie die

kleine flinke Braune hinter ihr drein und um sie her schlüpfte, um

sie zu bedienen, dachte ich: so mag des Erzfeinds Großmutter aussehen

und die Schlange, ihre Kammerjungfer.

"Mache mir das Bett, Mitidika!" sagte sie, "und wenn ich ruhe, kannst

du die Gäste besorgen." Während das Mädchen die Kissen aufschüttelte,

begann die Alte sich zu entkleiden, und ich weiß nicht zu sagen, ob

ihre Kleidung oder ihr Bett aus mehreren Stücken bestand. Sie zog

einen Schreckenswams, eine Schauderjacke und Zauberkapuze um die

andre aus, und die ganze Wand, an der sie die Schalen aufhängte, ward

eine Art Zeughaus; ich dachte alle Augenblick: noch eine Hülse

herunter, so liegt ein bißchen Lung und Leber an der Erde, das frißt

die Katze auf, und die Großmutter ist all; keine Zwiebel häutet sich

so oft. Bei jedem Kissen, welches die Kleine ins Bett legte und

aufschüttelte, brummte die Alte und legte es anders, befahl ihr dann,

es ganz sein zu lassen und ihr ein Rauchbad zu geben, sie müsse in

einen Ameisenhaufen getreten haben; das Gewitter mache alles Vieh

lebendig. Da setzte sich die Alte auf die zerbrochene Leiter und

hängte die Tiroler Decke über sich, und die junge zündete Kräuter

unter ihr an und machte einen scheußlichen Qualm, den sie uns, da sie

von neuem anfing, die Federbetten hin und her zu werfen, in dicken

Wolken auf den Leib jagte, als gehörten wir auch zu den Ameisen, die

vertrieben werden sollten. Es sah ziemlich aus, als wenn man eine

Hexe verbrennte oder einen ungeheuren Taschenkrebs räuchre, als die

Alte so über dem Dampf wie eine Mumie, in den bunten Tiroler Teppich

gehüllt, auf der Leiter saß."

"Da sieht man, Wastl", sprach der Zigeuner zu dem Tiroler, "wozu ihr

die Teppiche fabriziert: um die Hexen darin zu räuchern."--"Potz

Schlakri", erwiderte Wastl, "wonn's daine sakrische ziganerische

Großmuetta is, so loß i's poassiera; i bin gawis, es möga a Legion

Spodifankerl aus ihr raussi floga sein, un du bist a ains dervo."

Die Gesellschaft lachte über Wastls Antwort, und die Kammerjungfer

wie auch Lindpeindler baten den Feuerwerker: er möge machen, daß die

Alte ins Bett komme, die Schnepfen könnten übergar werden. "Ganz

recht", sagte Baciochi, "das meinte Martino auch; denn als der sie in

der Decke zappeln sah wie Hunde und Katzen, die in einen Sack

gesteckt sind, und der Rauch zu dick zu werden begann, sprang er vom

Stroh auf, trat vor die Alte hin und sagte: "Hochverehrte Frau Wirtin,

ich versichere Euch im Namen Eurer Gäste, daß wir kein Rauchfleisch

zu essen bestellt haben, und daß wir auch von keinem verpesteten Orte

kommen, um eines so kostbaren Rauchkerzchens zu bedürfen; seid so

gütig, dem Wohlgeruch ein Ende zu machen, wir müssen sonst mit all

den Ameisen, die Euch plagen, davonlaufen." Da fing die Alte eine

weitläufige Gegenrede an und sagte: "Schicksalen und Verhältnissen

haben mich so weit gebracht." Martino aber nahm keine Vernunft an,

packte die Alte mit beiden Händen und warf sie von der Leiter in ihre

Federbetten; sie zappelte wie eine Meerspinne, aber er wälzte ein

Federbett über sie und sang ihr ein Wiegenlied mit so viel gutem

Humor vor, indem er sie mit beiden Händen festhielt, daß sie endlich

selbst mit lachte und sagte: "Nun, legt Euch nur wieder nieder, hätte

ich doch nicht gedacht, heute von einem so lustigen Gesellen zu Bette

gebracht zu werden. Mitidika, gib den Kavalieren zu essen!" Und

somit kriegte sie den Martino beim Kopf und gab ihm unter großem

Gelächter einen Kuß.

"Profiziat!" sprach dieser, "schlaf wohl, du allerschönster Schatz!"

und legte sich mit einem sauern Gesichte wieder neben mich. "Gott

sei Dank, Martino, daß sie weg ist!" flüsterte ich.

"Hast du gewacht, Meister?" sprach der Schelm.

"Leider Gottes!" erwiderte ich, "du hast ein Kunststück gemacht; sie

rauchte wie ein nasses Feuerwerk; für einen Hutmacher wäre sie ein

sauberes Gestell, alle seine Mützen daran aufzuhängen, er brauchte

keinen Nagel einzuschlagen."-"Ich werde mich wohl häuten müssen, da

sie mich geküßt hat", sagte Martino.

"Warum?" fragte ich.

"Ei", entgegnete er, "ich werde sonst die Augen nie wieder zukriegen

können und die Zähne immer blecken wie ein Mops; die Haut ist mir vor

Schrecken zu kurz geworden."--Unter diesen Scherzreden hörten wir die

Alte einschnarchen, und Mitidika ging ab und zu und verbaute leise

das Bett der Alten mit der Tonne und der alten Türe, die Küchentüre

ließ sie auf, daß der Dampf hinauszog. Dann zupfte sie den Martino

bei den Haaren und flüsterte. "Komm hinaus, deine Schnepfen sind gar,

ich habe die Brühe abgegossen, ich muß das Feuer löschen, die

zwölfte Stunde naht; denn fährt der wilde Jäger mir durch das Feuer,

steckt er uns die ganze Hütte an." Martino ging hinaus, und ich

streckte den Kopf nach der Türe und hörte ihre Scherzreden. Mitidika

sagte: "Ich habe dir deine Vögel trefflich gekocht und dir auch

Kräuter an die Suppe getan; was gibst du mir nun?"-"Geben?" sagte

Martino, "ich will dich mit der Münze bezahlen, welche hier zu gelten

scheint, und in der mich deine Großmutter zahlte; einen Kuß will ich

dir geben."--"Das läßt sich hören", erwiderte sie; "aber die

Großmutter gab dir ein altes Schaustück, das kann ich nicht brauchen,

die Münze ist verschlagen."--"Auch du bist verschlagen, Schelm!"

erwiderte Martino, "ich will dir kleine Münze geben, wenn du

herausgeben und wechseln kannst; wärst du nur nicht so schwarz!

"--"Und du nicht so weiß", sagte sie; "ich werde dir einen Schein

geben, einen Wechsel schwarz auf weiß, aber gib mir keine

Scheidemünze!" sagte sie. "Die kriegst du morgen früh beim Abschied",

erwiderte Martino, faßte sie beim Kopf, küßte sie herzlich und sagte:

"Ich habe dich lieb und bleibe dir treu."--"Ei so lüge, daß du

schwarz wirst!" sprach sie. "Dann wäre ich deinesgleichen, und es

könnte etwas daraus werden", sprach Martino und schenkte ihr eine

Nadelbüchse von Elfenbein und Ebenholz, die er bei sich trug.

Das Mädchen dankte und sprach: "Sieh, wie artig schwarz und weiß

zusammen aussehn; bleib bei uns; wenn die Alte stirbt, finden wir den

Goldtopf und contrebandieren."--"Ja, auf die Galeere!" sprach Martino.

"Ich gehe mit auf die Galeere!" sagte sie; "pitsch, patsch! geht

das Ruder, und ich singe dir dazu."--"Das wollen wir überlegen",

meinte Martino, "es ist eine zu glänzende Aussicht um Mitternacht."

Da traten sie mit der Suppe und den Schnepfen herein und stellten sie

auf den Eichenblock; die Suppe tranken wir aus dem Topf, ich wollte

meine Marinina nicht wecken und ließ ihr Teil in die warme Asche

setzen, die Vögel wollten wir morgen früh verzehren. Nun begann sich

der Sturm in dem Walde wieder zu heben, und das Gewitter zog mit

Macht heran. "Ach Gott", sagte Mitidika, "lege dich nieder, Martino,

und schlafe ein! Hörst du das Wetter? Der Jäger bläst sein Horn, er

wird gewiß bald kommen; lege dich nieder, gleich, gleich!" Dabei sah

sie ängstlich in der Stube umher. "Nun, nun, was fehlt dir?" fragte

Martino, und sie sagte: "Schlafen sollst du und das Angesicht von mir

kehren, denn ich muß mich entkleiden und schlafen gehn, und das

sollst du nicht sehen; ach, dreh dich um, Blanker!"-"Bravo!" sagte

Martino; "es freut mich, daß du so auf Zucht hältst, putze nur den

Kien aus, bei der Nacht sind alle Kühe schwarz, selbst die

schwatzen"-"Ja", sagte sie, "auch die blanken Esel! Dreh dich um,

ich bitte dich, ich will den Kien schon löschen, wenn es Zeit ist."

Da drehte sich der ehrliche Martino um. "Gute Nacht, Mitidika!"

sagte er.--"Gute Nacht, Martino!" sprach sie.

Nun breitete sie sich eine bunte wollene Decke an die Erde aus neben

dem Eichenblock, stellte einen halben Kürbis voll Wasser darauf,

holte einen kleinen, zierlichen Kasten gar heimlich unter der Trommel

hervor und setzte ihn neben sich auf die Bank, wobei sie sich

ängstlich nach uns umsah. Ich blinzte durch die Augen und schnarchte,

als läge ich im tiefsten Schlaf. Mitidika traute und schloß das

Kästchen leise auf, musterte alle die Herrlichkeiten, die darin waren,

und suchte sich einen Raum aus, die Nadelbüchse des Martino bequem

hineinzulegen. Ihr könnt euch meine Verwunderung nicht denken, als

ich, in dieser wüsten Zigeunerherberge, die Kleine auf einmal in

einem so zierlichen und reichgefüllten Schmuckkästchen kramen sah.

Es sah nicht ganz so aus, als sei ein Affe hinter die Toilette seiner

Herrschaft geraten, auch nicht, als richte der Satan einen

Juwelenkasten ein, um einem unschuldigen Mädchen die Augen zu blenden;

aber eine indianische Prinzessin, welche die Geschenke eines

englischen Gouverneurs mustert, mag wohl so aussehn. Als sie so die

Perlen--und Korallenschnüre, die brillantenen Ohrringe und die

Zitternadeln durch die schwarzen Hände laufen ließ, konnte ich vor

Augenlust gar nicht denken, daß dies gestohlnes Gut sein müsse. Nun

stellte sie mehrere Kristallfläschchen mit Wohlgerüchen und Salben

aus dem Kästchen auf den Block, zog feine Kämme und Zahnbürsten

hervor und begann sich zu putzen und zu schmücken, wie die Nacht, die

mit dem Monde Hochzeit machen will. Sie nahm die kleine, von buntem

Stroh geflochtene Mütze von ihrem Kopf, und ein Strom von schwarzen

Haaren stürzte ihr über die Schultern; sie gewann dadurch ein

reizendes und wildes Ansehn, wenn ihre weißen Augäpfel und die

blanken Zähne aus den schwarzen Mähnen hervorfunkelten. Sie kämmte

sich, schlängelte sich goldene Schnüre in die Zöpfe, die sie flocht

und kunstreich wie eine Krone um das schöne runde Köpfchen legte.

Sie wusch sich das Gesicht und die Hände, putzte die Zähne, beschnitt

sich die Nägel und tat alles mit so unbegreiflicher Zierlichkeit,

Anmut und hinreißender Schnelligkeit der Bewegungen, daß es mir vor

den Augen zitterte und bebte. Als sie die brillantenen Ohrringe in

die kleinen schwarzen Muschelöhrchen befestigte und die glitzernden

Zitternadeln in den Flechtenkranz steckte und die Korallen--und

Bernsteinschnüre um das braune Hälschen legte und dabei hin und her

zuckte wie ein Wunderwerkchen, gingen mir die Augen über. Sie begoß

sich mit Wohlgerüchen, rieb sich die schwarzen Patschchen mit

duftendem öl und steckte sich ein blitzendes Ringlein um das andere

an die schlanken Fingerchen. Nun stellte sie einen Spiegel auf und

bleckte die Zähnchen so artig hinein, es ist nicht zu beschreiben.

Und bei allem dem donnerte und blitzte es draußen, und ihre Eile ward

immer größer; ich verstehe mich auf Lichtwirkungen in der Nacht, aber

ich habe mein Lebtag kein solches Feuerwerk gesehen, kein Blitzen auf

so schönem dunkeln Grund als das Spiel der Diamanten und Perlen auf

ihr; denn sie war ein wunderschönes, frei, kühn, scheu und züchtig

bewegtes Menschenbild.

Flüchtig packte sie nun alle Geräte wieder in das Kästchen, steckte

noch eine Handvoll weißes Zuckerwerk in das Mäulchen und knupperte

wie eine Maus, während sie das Kästchen mit scheuen Blicken um sich

her: ob wir auch schliefen, wieder unter die alte Trommel stellte.

Die schwarze Katze, die auf derselben schlief, erhob sich dabei und

machte einen hohen Buckel, als verwundere sie sich über sie, da sie

ihr mit den funkelnden Händen über den Rücken strich. Nun brachte

sie ein feines Hemd von weißer Seide, legte es über den Arm und fing

an, ihr Mieder aufzuschnüren, wobei sie uns den Rücken kehrte; es sah

aus, als werfe sie Kußhändchen aus, wenn sie die Nestel zog; nun aber

schlüpfte sie in die Küche und trat in wenigen Minuten wieder herein

in einem schneeweißen Röckchen und einem Mieder von rotem

venetianischen Samt. So stand sie mitten auf der Decke und

betrachtete ihren Staat mit kindischem Wohlgefallen; der Donner

rollte heftiger, Martino wachte auf, Mitidika faßte den Teppich mit

beiden Händen über die Schultern, stieß mit dem Fuß die Kienfackel

aus, wickelte sich schnell ein wie eine Schmetterlingslarve, ein

heller Blitz erleuchtete die Kammer, sie schoß wie eine Schlange an

die Erde nieder und krümmte sich zusammen. Martino hatte sie im

Leuchten des Blitzes noch gesehen, aber er wußte nicht, was es war;

er sprach: "Meister, saht Ihr etwas?" Ich war aber so erstaunt, daß

ich stumm blieb; da sprach er: "Mitidika, schläfst du?", aber sie

schwieg; Martino drehte sich um und schlief auch wieder. Meine

Gedanken über das, was ich gesehen, ließen mich nicht ruhen, der

wunderbare Schmuck in dem Besitz der kleinen braunen Bettlerin, und

daß sie ihn jetzt so sorgsam und heimlich angelegt, befremdete mich

ungemein; alles kam mir wie Zauberei vor. Sie erwartet ein

Waldgespenst und schmückt sich wie eine Braut. War dies gestohlnes

Gut? Ist sie eine verkleidete, versteckte Prinzessin? Warum geht

sie in dieser Pracht schlafen, und warum wickelt sie sich mit all der

Herrlichkeit in den alten Teppich ein? Sollte alles dies geheim sein,

wie war es möglich, da wir sie morgen früh doch in ihrem Putz finden

mußten? So lag ich nachsinnend; das Gewitter war in vollem Grimme

über uns, und das Licht der zuckenden Blitze zeigte mir öfters das

Bild der Mitidika, welche, wie eine Mumie in den Teppich gehüllt, an

der Erde ausgestreckt lag. Als ich aber durch das wilde Wetter ein

Horn schallen hörte, stieß ich Martino an und flüsterte ihm zu:

"Halte dich bereit, ich glaube, der wilde Jäger ist im Anzug." Wir

hörten das Horn nochmals und Pferdegetrapp und Gewieher, und ich

bemerkte, daß Mitidika aufstand; ich kroch aber quer vor die offene

Küchentüre, und als sie mit dem Fuße an mich anstieß, glaubte sie

umgegangen zu sein und wendete sich nach einer andern Seite. Martino

stand auf, die Haustüre öffnete sich, und es trat eine Gestalt mit

raschem Schritt durch die Küche auf uns zu; ich faßte sie bei den

Beinen, daß sie niederschlug, und Martino drosch so gewaltig auf ihn

los, daß der wilde Jäger Zetermordio zu schreien begann. "Mitidika,

Hülfe, Hülfe! man mordet mich!" schrie er.-"Ha ha! Herr wilder

Jäger", schrie nun Martino, "wir haben dich!" und so zerrten wir ihn

in die Stube herein und machten die Türe zu. Der Lärm ward allgemein;

der Kerl wehrte sich verzweifelt. Meine Marinina erwachte und

schrie: "Jesus, Maria, Joseph! Licht her, Licht her! Was ist das, o

Baciochi, Martino!" Die Alte fuhr aus ihren Betten auf, warf die

alten Bretter um, die vor ihr standen, und schrie: "Mörder, Hülfe,

Mitidika!" Dabei wurden die Hühner auf dem Boden rebellisch, die

Trommel kollerte brummend durch die Stube; Mitidika allein ließ sich

nicht hören. "Martino, schlage Feuer!" rief ich und drückte meinen

fremden Gast fest in die Gurgel, daß er sich nicht rühren konnte. Da

stieß Martino einen Schwärmer in die glühende Asche des Herds, der

leuchtend durch die Kammer zischte und dem ganzen Spektakel ein noch

tolleres Ansehen gab. Mein Gefangener fing von neuem an zu ringen,

und indem ich ihn gegen die Wand drückte, trat ich gegen einige

Bretter, die auswichen--ich warf ihn nieder. Ein großer Bock, der

hinter den Brettern geruht hatte, sprang auf und fing nicht schlecht

an zu stoßen, und ich warf meinen wilden Jäger so kräftig zur Erde,

daß er keinen Laut mehr von sich gab. Martino brachte nun eine

brennende Kienfackel herein, und wir sahen die ganze Verwirrung. Der

wilde Jäger war ein schöner, schlanker Kerl in galanter Jagduniform.

Er rührte sich nicht; der Gedanke, daß ich ihn gar totgedrückt hätte,

fuhr mir unheimlich durch die Glieder, ich stürzte zur Küche nach

Wasser; Martino faßte die Alte, die fluchend und schreiend aus dem

Bett gesprungen war, und warf sie wieder in die Federn mit den Worten:

"Schweig still, Drache! Wir wollen dir kein Haar krümmen; wir haben

nur den wilden Jäger abgefangen." Nun trat ich mit einem Eimer

Wasser hinein und goß ihn pratsch! über den leblosen wilden Jäger; da

sprang er wie eine nasse Katze in die Höhe--."

"Das Wasser, das kalte Wasser", schrie hier Devillier aufspringend,

"war das Allerfatalste!" und die ganze Gesellschaft sah ihn

verwundert an. "Nun, was schauen Sie", fuhr er fort, "soll ich

länger schweigen? Habe ich nicht schrecklich ausgehalten und mich

hier in der Erzählung nochmals mißhandeln lassen?" Baciochi wußte

nicht, was er vor Erstaunen sagen sollte über Devilliers

Unterbrechung; dieser aber sprach heiter: "Ja, Herr Baciochi, ich war

der wilde Jäger, mich habt Ihr so kräftig zugedeckt, ich habe es von

Anfang der Geschichte gewußt und hätte gern geschwiegen, aber das

kalte Wasser lief mir wieder erweckend über den Rücken." Da ward die

ganze Gesellschaft vergnügt, der Feuerwerker reichte Devillier die

Hand, und dieser sagte: "Es freut mich, Euch wiederzusehen; alles ist

längst vergessen, nur Mitidika nicht!"--"Das will ich hoffen", meinte

der Zigeuner ernsthaft, "ich bitte mir das Ende der Geschichte aus."

Da tranken alle lustig herum, und Devillier trank die Gesundheit der

Mitidika, wozu Michaly einen Tusch geigte und Lindpeindler das

hochpoetische freie Leben der Zigeuner pries; der Vizegespan meinte

jedoch: sie hätten nicht die reinsten Hände. Die Kammerjungfer aber

fragte: "Wo hat sie nur den Schmuck hergehabt?" Der Tiroler sagte:

"Den wilda Jaaga hobt's maisterli zuagdeckt!" und alle drangen,

Devillier möge weiter erzählen.

"Wohlan!" sagte dieser: "Ich hatte damals Geschäfte mit der

Contrebande und manche andere politische Berührungen diesseits und

jenseits auf der Grenze. Ich dirigierte den ganzen Schleichhandel

und forschte auf höhere Veranlassung dem Orden der Carbonari nach.

Auf meinen Streifereien hatte ich Mitidika kennengelernt und mich

leidenschaftlich in dies schöne, unschuldige und geistvolle wilde

Naturkind verliebt. In bestimmten Nächten besuchte ich sie; der

Schmuck, den Ihr, Baciochi, sie anlegen sahet, war ein Geschenk von

mir. Sie hatte den Glauben der Alten an den wilden Jäger benutzt, um

sich unentdeckt einige Stunden von mir unterhalten zu lassen. Wenn

ich kommen sollte, schmückte sie sich immer wie eine Zauberin; ich

setzte sie dann mit auf mein Pferd und brachte sie nach einer Höhle,

eine Viertelstunde von ihrer Hütte, welche das Warenlager meines

Schleichhandels war; da saß sie in einem mit dem feinsten englischen

bunten Kattun ausgeschlagenen Raum mit mir und ergötzte mich und

einen verstorbenen Freund mit Tanz, Gesang und freundlicher Rede.

Gegen Morgen ging sie zurück, einen Bündel Holz in die Küche tragend,

und wurde von der Großmutter wegen ihrem Fleiß gelobt. Ich liebte

sie unaussprechlich um ihrer Tugend und Schönheit, und ihr ganzes

Wesen war so wunderbar und bei allem Mutwillen und aller kindlichen

Ergebenheit so gebieterisch, daß ich nie daran denken konnte, ihre

Unschuld auch nur mit einem Gedanken zu verletzen. O, sie war gar

nicht mehr wie ein Mensch, sie war wie eine Zauberin, wie ein

Berggeist, wenn sie in dem Edelsteinschmuck vor uns tanzte, sang,

lachte und weinte; ich kann sie nie vergessen. In der Nacht, wo Ihr

und Martino mich so häßlich zerprügeltet, ging die ganze Herrlichkeit

zu Ende. Anfangs hielt ich meine Angreifer für italienische

Gendarmen, die mir auf die Spur kamen; als wir uns aber erklärt

hatten, nahm mir die Entdeckung vom Gegenteil allen Zorn hinweg, und

unsere erste Sorge war: wo Mitidika hingekommen sei. Die alte

Zigeunerin jammerte auch nach ihr, wir suchten alle Winkel aus und

fanden sie nicht, bis die Alte die Leiter vermißte. Baciochi sagte:

zur Türe könne sie nicht hinausgekommen sein, er habe davorgelegen;

da machte uns der Regen, der durch das Loch in der Decke

hereinströmte, aufmerksam; Martino kletterte auf den Schultern

Baciochis hinan und fand die Leiter, aber Mitidika, welche die Leiter

nach sich gezogen, war durch das Strohdach hinaus geklettert und

nirgends zu finden. Ich eilte nach der Türe und vermißte mein Pferd;

nun war ich gewiß, daß sie nach meinem Schlupfwinkel entflohen sein

müsse, und war ruhig. Ich durfte diesen weder an Baciochi noch an

die Zigeunerin, die nichts von meinem Verhältnisse mit Mitidika wußte,

verraten und suchte deshalb noch lange mit. Das Wetter war aber so

abscheulich, daß wir bald wieder zurückkehrten, und die Alte jammerte

nicht mehr lange; da hörten wir Hufschlag, und Mitidika stürzte in

ihrem ganzen Schmuck mit wilder Gebärde in die Stube auf mich zu:

"Geschwind, fort, geflohen!" schrie sie, "die italienischen Gendarmen

streifen in der Nähe, Euren Freund haben sie mit einem ganzen Zug

Schleichhändler gefangen; es ist ein Glück, daß hier der Spektakel

losging, ich bin aus Angst durch das Dach geschlüpft, dadurch habe

ich die nahe Gefahr entdeckt; geschwind fort!"--"Wohin?" schrie ich,

und Baciochi, Martino und Marinina, die sich auch vor der Entdeckung

fürchteten, folgten alle mit mir der treibenden Mitidika zur Türe

hinaus. Sie schwang sich auf mein Pferd, ich hinter sie, und so

sprengten wir beide nach unserem Schlupfwinkel, unbekümmert um Euch,

Herr Baciochi, und die Eurigen."

"Ja", sagte der Feuerwerker, "Ihr rittet nicht schlecht, und wir

hatten in dem wilden Wetter übles Nachsehen; übrigens war es Euch

nicht zu verargen, daß Ihr uns nicht eingeladen, mitzugehen; wir

hatten Euch schlecht bewillkommt. Ich will mein Lebtag an den

Mordweg denken. Meine Marinina ward krank und starb zwei Monate

nachher in Kroatien; Gott habe sie selig! Martino ließ sich bei der

österreichischen Artillerie anwerben und war neulich mit in Neapel,

wenn er noch lebt. Ich fand mein Brot--Gott sei gelobt!--bei unserm

gnädigen Herrn. Es freut mich, daß Ihr so gut davongekommen; aber

was ist denn aus der braunen Mitidika geworden?"

"Ja, wer das wüßte!" sagte Devillier; "wir kamen vor der Höhle an und

zogen das Pferd herein. Sie war voll Sorge um mich, wusch mir meine

Kopfwunden und Beulen mit Wein und bewies mir unendliche Liebe. So

brachten wir die Nacht in steter Angst und Sorge zu. Gegen Morgen

hatte sie keine Ruhe mehr, sie verlangte nach der alten Mutter; sie

beschwor mich, sogleich die Höhle zu verlassen und zu fliehen. Das

Schicksal meines Freundes erschütterte mich tief, ich war

entschlossen, ihn aufzusuchen. Sie schwur mir ewige Treue; ich

versprach ihr, wenn ich sie nach einiger Zeit hier wieder fände, sie

zu meiner Frau zu machen; sie lachte und meinte: sie wolle nie einen

Mann, der kein Zigeuner sei, und nun auch keinen Zigeuner, sie wolle

gar keinen Mann. Dabei scherzte und weinte sie, tanzte und sang noch

einmal vor mir, und als ich sie umarmen wollte, schlug sie mich ins

Gesicht und floh zur Höhle hinaus. Ich verließ den Ort gegen Abend.

Als ich vom Tode meines Freundes gehört hatte und zu Mitidika

zurückkehrte, war ihre Hütte abgebrannt; ich ging nach der Höhle, sie

war ausgeplündert. Auf der Wand aber fand ich mit Kohle geschrieben:

"Wie gewonnen, so zerronnen! Ich behalte dich lieb, tue, was du

kannst, ich will tun, was ich muß." Ich habe das holdselige Geschöpf

durch ganz Ungarn aufgesucht, aber leider nicht wiedergefunden;

hundert Mitidikas sind mir vorgestellt worden, aber keine war die

rechte."

"Es gibt auch nur eine", sagte hier Michaly, "und wird alle tausend

Jahre nur eine geboren."--"Kennt Ihr sie?" sprach Devillier heftig.

"Was geht es Euch an", erwiderte Michaly, "ob ich sie kenne? Habt

Ihr nicht die Ehe ihr versprochen und doch eine Ungarin geheiratet?

Sie hat Euch Treue gehalten bis jetzt, sie ist meine Schwester, und

ich wollte sie abholen, da die Großmutter in Siebenbürgen gestorben,

wo sie sich mit Goldwaschen ernährten; der Pestkordon hat mir aber

den Weg abgeschnitten." Da ward Devillier äußerst bewegt; er sagte:

"Ich habe sie lange gesucht und nicht gefunden, sie hatte mir

ausdrücklich gesagt, sie werde nie einem Blanken die Hand reichen und

nun auch keinem Zigeuner; nur in der Hoffnung, sie wiederzusehen,

blieb ich bis jetzt in Ungarn, und ich würde nicht die Mittel gehabt

haben, hier zu bleiben, wenn ich die alte Dame nicht geheiratet hätte,

die mir jetzt mein schönes Gütchen zurückgelassen. Könnt Ihr mich

mit Mitidika wieder zusammenbringen, so will ich sie gern heiraten

und ihr alles lassen, was ich habe."--"Das ist ein nicht zu

verachtender Vorschlag, Michaly", sagte der Vizegespan, "schlagt das

nicht so in den Wind, Ihr habt Zeugen!" Michaly aber lachte und

sprach: "Mitidika wird nicht an dem Stückchen Erde kleben, sie wird

nicht in einem gemauerten Hause gefangen sein wollen und sich um

Abgaben und Zinsen zerquälen. Wer nichts hat, hat alles; es war

immer ihr Sprüchwort: "Der Himmel ist mein Hut; die Erde ist mein

Schuh; das heilige Kreuz ist mein Schwert; wer mich sieht, hat mich

lieb und wert.""-"Das ist echt zigeunerisch gesprochen", sagte der

Vizegespan, "drum bleibt ihr auch immer vogelfreies Gesindel."

Michaly nahm da seine Geige und wollte ein Lied auf die Freiheit

singen, aber der Nachtwächter blies zwölf Uhr und mahnte die

Gesellschaft zur Ruhe. Lindpeindler hatte sich mit dem Feuerwerker

und der Kammerjungfer, welche durch die erwachte Neigung Devilliers

für Mitidika sehr gekränkt worden war (denn sie spitzte sich selbst

auf ihn), noch eine Viertelstunde nach dem Edelhof begeben. Als sie

sich der Gesellschaft empfahlen, bot Devillier der Zofe seine

Begleitung an; sie sagte aber: "Ich danke, ich möchte das werte

Andenken an die unbeschreibliche Mitidika nicht stören." Damit

machte sie einen höhnischen Knicks und verließ die Stube mit

Lindpeindler, der diese Nacht als eine der romantischsten seines

Lebens pries.

Der Kroate, der Tiroler und der Savoyarde waren bereits

eingeschlummert, und der Vizegespan lud Wehmüllern, der mit seiner

Arbeit ziemlich fertig war, wie auch den Zigeuner und Devillier zu

sich in sein Haus ein. Sie nahmen es mit Freuden an, da sie dort

doch ein Bett zu erwarten hatten. Frau Tschermack, die Wirtin, ward

bezahlt und schloß die Türe mit der Bitte: wenn sie länger hier

blieben, nochmals eine so schöne Gesellschaft bei ihr zu halten. Vor

Schlafengehen wußten Devillier und der Zigeuner den Vizegespan zu

bereden, am andern Morgen den Kordon mit durchschleichen zu dürfen,

denn Michaly und Devillier sehnten sich ebenso sehr nach Mitidika,

die jenseits war, als Wehmüller nach seiner Tonerl. Sie schliefen

bis zwei Uhr, da packte der Vizegespan jedem eine Jagdflinte auf, und

sie zogen, als Jäger, einem Waldrücken zu; aber kaum waren sie

hundert Schritt vor dem Dorf, als sie seitwärts bei den

Kordonpiketten verwirrtes Lärmen und Schießen hörten und bald einen

Husaren, dem das Pferd erschossen war, querfeldein laufen sahen,

welcher auf das Anrufen des Vizegespans schrie: "Cordonus est ruptus

cum armes in manibus a pestiferatis loci vicini, der Kordon ist mit

bewaffneter Hand von den Pestkranken des benachbarten Ortes

durchbrochen." Als der Vizegespan dies hörte, ließ er seine

Gesellschaft im Stich und lief über Hals und Kopf nach dem Dorfe

zurück, um seine Bauern unter die Waffen zu bringen. Wehmüller und

der Zigeuner schrien: "Gott sei Dank, nun laßt uns eilen!" Devillier

besann sich auch nicht lange, und sie liefen spornstreichs nach dem

verlassenen Pikettfeuer hin, wo sie Bauern beschäftigt fanden, unter

großem Geschrei das Brot und die anderen Vorräte zu teilen, welche

das Pikett zurückgelassen hatte. Als sie sich näherten, kam ihnen

ein Reiter entgegen und schrie: "Steht, oder ich schieße euch nieder!"

Sie standen und warfen die Waffen hinweg. Sie wurden gefragt, wer

sie seien? und als sie erklärt: sie wollten über den Kordon, und der

Reiter ihre Stimmen vernommen, stürzte er vom Pferde und fiel dem

Zigeuner und Devillier wechselsweise um den Hals und schrie immer:

"Michaly! Devillier! Ich bin Mitidika."

Vor Freude des Wiedersehens ganz zitternd, riß das Mädchen sie in die

Erdhütte des Piketts, wo sie dieselbe in männlicher Kleidung, mit

Säbel und Pistole bewaffnet, erkannten, und sie wollte eben zu

erzählen anfangen, als sie Wehmüllern scharf ansah und zu ihm sprach:

"Bist du noch immer hier, Betrüger? Ich meinte, du seist gestern zu

deiner angeblichen Frau nach Stuhlweißenburg gereist." Alle sahen

bei diesen Worten auf den bestürzten Wehmüller; dieser sperrte das

Maul auf vor Verwunderung.

"Ich?" fragte er endlich, "ich, gestern zu meiner angeblichen

Frau?"-"Ja, du!" sagte Mitidika, "du, der du dich Wehmüller nennst

und es nicht bist, du, der du deine Frau nicht einmal kennst."-"O,

das ist um rasend zu werden!" schrie Wehmüller, "welche tolle

Beschuldigungen, und das von einer wildfremden Person, die ich

niemals gesehen!"-"Unverschämter Gesell!" schrie Mitidika; "du

kenntest mich nicht! Hast du mir nicht seit mehreren Tagen mit

deinen Liebesversicherungen zugesetzt? Hat der wirkliche Wehmüller

dir nicht deswegen schon ins Gesicht bewiesen: daß du Wehmüller nicht

sein könnest, weil der rechte Wehmüller an niemand denkt als an sein

liebes Tonerl?"--"Der rechte Wehmüller?" schrie nun Wehmüller, "wo

haben Sie den je gesehen? Er wenigstens kennt Sie nicht."--"Kennt

mich nicht?" erwiderte Mitidika, "und reist mit mir?"--"Ich werde

verrückt!" schrie Wehmüller, "nun ist gar noch ein dritter auf dem

Tapet; wo sind die zwei andern? Geschwind, ich will sie sehn, ich

will sie erwürgen!"--"Den dritten lügst du hinzu", versetzte Mitidika;

"der echte wird nicht weit von hier sein, ich will ihn holen, da

sollst du beschämt werden!" Nun lief sie schnell zur Hütte hinaus.

Dieser Wortwechsel war so schnell und heftig und die Veranlassung so

wunderbar, daß Michaly und Devillier nicht Zeit hatten, dem

verblüfften Maler zu bezeugen: daß er seit gestern in ihrer

Gesellschaft sei und unmöglich der sein könne, welchen Mitidika

kannte. Sie waren eben noch beschäftigt, den weinenden Wehmüller zu

trösten, als eine ganz ähnliche Figur wie er selbst in die Hütte trat;

bei dem erloschenen Feuer war es unmöglich, jemand bestimmter zu

erkennen. Kaum hatte Wehmüller sein Ebenbild in derselben Gestalt

und Kleidung erkannt, als er wie eine Furie darauf losstürzte; der

andre tat ein gleiches, und beide schrien: "Ha, ertappe ich dich bei

deiner Buhlerei unter meinem ehrlichen Namen!" Sie rissen sich wie

zwei Hähne herum. Devillier und Michaly brachten sie mit Gewalt

auseinander, und Mitidika führte den dritten Wehmüller herein. Wie

groß war die Bestürzung aller, da nun wirklich drei Wehmüller zugegen

waren. "Nein, das ist zum Verzweifeln!" rief der Wehmüller, den

Mitidika mitgebracht hatte, "da ist noch einer!"--"Herr Jesus!"

schrie nun unser Wehmüller, "Tonerl, bist du es, bist du hier,

Tonerl?"--"Franzerl, lieber Franzerl!" schrie der andere, und sie

sanken sich als Mann und Frau in die Arme. Da wurde es dem einen

Wehmüller, den Devillier festhielt, nicht recht wohl, und er sank vor

Schreck zur Erde. Michaly schürte nun das Feuer wieder an, daß man

sehen konnte, und Mitidika bezeugte die größte Freude, daß Tonerl,

die in einem ganz ähnlichen Kleide wie ihr Mann von Stuhlweißenburg

mit ihr diesem entgegengereist war, ihn endlich gefunden habe,

nachdem sie zu ihrem großen Schrecken von dem falschen Wehmüller in

dem Dorfe, das man wegen Pestverdacht eingeschlossen, sehr geplagt

worden war, ohne sich ihm als Wehmüllers Weib zu entdecken, denn sie

war auf einen alten Paß ihres Mannes gereist.

Sie hatten sich kaum von der ersten Freude erholt, als Mitidika sagte:

"Wir müssen doch den falschen Wehmüller, der die Sprache verloren

hat, wieder zu sich bringen." Da aber ihr Rütteln und Schütteln ganz

vergeblich war, sagte sie: "Ich habe ein untrüglich Mittel von der

seligen Großmutter gelernt; das Herz ist ihm gefallen, wir wollen es

ihm wieder heraufziehen." Da nahm sie ein Schoppenglas und gab es

Michaly nebst einem Endchen Licht--das sie am Feuer anzündete--und

einem Scheibchen Brot. "Aha, ich weiß schon!" sagte Michaly und

öffnete dem Ohnmächtigen die Weste über dem Magen, setzte ihm das

Licht, auf der Brotscheibe befestigt, auf den Leib und stülpte das

Glas darüber. Das brennende Licht, welches die Luft unter dem Glas

verzehrte, machte ihm den Leib wie in einem Schröpfkopf in das Glas

aufsteigen. Die ganze Gesellschaft lachte über dieses zigeunerische

Kunststück, und der falsche Wehmüller kam bald zu Sinnen; der echte

ging auf ihn zu und sprach: "Wer sind Sie, der auf eine so

unverschämte Weise meinen Namen mißbrauchte?" Da antwortete der

Patient, welchen Devillier und Michaly an der Erde festhielten: "Was

Guckuck habe ich auf dem Leib? Es ist, als wollten Sie mir den Magen

herausreißen; tun Sie mir die vermaledeite Laterne vom Leibe, eher

sage ich kein Wort; ich bin Wehmüller und bleibe Wehmüller!"--"Gut",

sagte Mitidika, "wenn du noch nicht bei Sinnen bist, wollen wir dir

etwas Süßes eingeben."-"Recht", sagte Michaly, "Katzenkot mit Honig,

Zigeunertheriak." Auf dieses Rezept bekam der Patient andere

Gesinnung und sprach: "Um Gottes willen, laßt mich aufstehen, ich

will alles bekennen! Ich bin der Maler Froschauer von Klagenfurt.

"-"Das habe ich gleich gedacht", sagte Wehmüller, "jetzt habe ich Sie

in meinen Händen, ich kann Sie als einen Falsarius bei der Obrigkeit

angeben, aber ich will großmütig sein, wenn Sie mir einen

körperlichen Eid schwören: daß Sie auf ewige Tage resignieren,

ungarische Nationalgesichter in meiner Manier zu malen."-"Das ist

sehr hart", sagte Froschauer, "denn ich habe ganz darauf studiert und

müßte verhungern; den Eid kann ich nicht schwören."--"Er ist noch

hartnäckig!" sagte Michaly; "geschwind den Zigeunertheriak her!" Und

da Mitidika sich stellte, als wolle sie ihm etwas eingeben, entschloß

er sich kurz und schwor alles, was man haben wollte, worauf sie ihn

losließen und ihm die Laterne vom Leib nahmen.

Die Freude und der Mutwille ward nun allgemein; aber der Tag näherte

sich, und Mitidika rief eben die Kordonbrecher zusammen, um mit ihrem

erbeuteten Proviant sich dahin zurückzuziehen, wo sie hergekommen

waren. Aber der Vizegespan kam mit dem Kroaten, dem Feuerwerker, dem

Gutsbesitzer und einigen Heiducken und Panduren herbei und brachte

die freudige Nachricht, daß sie gar nicht nötig hätten, sich

zurückzuziehen, denn der Kordonkommandant habe soeben bekanntgemacht:

nur durch Mißverständnis sei das Dorf, in dem sie vierzehn Tage

blockiert waren, in den Kordon eingeschlossen worden. Es solle ihnen

deshalb verziehen sein, daß sie den Kordon durchbrachen, wenn sie

dagegen auch keine Klage über den Irrtum erheben wollten; der Kordon

habe sich schon nach einer andern Richtung bewegt. Der Gutsbesitzer

bestätigte dies und lud die Gesellschaft, von der ihm Baciochi, Nanny

und Lindpeindler so viel Interessantes erzählten, sämtlich nach

seinem Edelhofe ein.

Die Bauern und Zigeuner, die unter der Anführung Mitidikas den Kordon

durchbrochen hatten, waren hoch erfreut über diese Nachricht, dankten

ihrer Anführerin herzlich und kehrten singend nach ihrer Heimat

zurück. Michaly aber nahm seine Violine und spielte lustig vor der

Gesellschaft her, die dem Edelmanne folgte. Unterwegs gab es viele

Aufklärungen und Herzensergießungen. Devillier und Mitidika hatten

ihre Neigung bald zärtlich erneuert und gingen Arm in Arm; dann aber

folgten die drei Wehmüller, Tonerl in der Mitte, und die andern

gingen hintendrein über das Stoppelfeld. Mitidika sagte, daß sie

Tonerl in Stuhlweißenburg kennengelernt, die, sehr bekümmert über das

Ausbleiben ihres Mannes, eine Reisegesellschaft nach Kroatien gesucht,

und da sie selbst, nach dem Tode ihrer Großmutter, zu ihrem Bruder

Michaly habe ziehen wollen, hätten sie sich entschlossen, zusammen zu

reisen in männlicher Kleidung. Frau Tonerl sei in einem Habit ihres

Mannes und sie als ungarischer Arzneihändler gereist, bis sie in dem

Dorfe plötzlich von dem Kordon eingeschlossen worden seien, wo sie

auch Froschauer unter dem Namen Wehmüller ganz in derselben Kleidung

vorgefunden, was die arme Tonerl nicht wenig erschreckt habe. Nach

vierzehn Tagen sei die Ungeduld und der Mangel der Einwohner, die

wohl Hunger, aber keine Pest gehabt, über alle Grenzen gestiegen, und

so habe sie sich an ihre Spitze gesetzt und den Kordon durchbrochen;

das sei ihr aber gar leicht geworden, denn die Kordonisten wären, aus

Furcht, angesteckt zu werden, gleich ausgerissen, als sie mit ihrem

Haufen unter ihnen erschien.

Nun mußte Froschauer erzählen; er war eigentlich ein guter Schelm und

sagte: "Lieber Herr Wehmüller, ich will Ihnen die Wahrheit sagen; der

Spaß kostet mich fünfundzwanzig Dukaten und meine Braut. Ich bin der

Maler Froschauer von Klagenfurt und liebe die Tochter eines

Fleischhauers; das Mädchen aber wählte immer zwischen mir und einem

wohlhabenden Siebmacher, der auch um sie freite. Er setzte dem Vater

des Mädchens in den Kopf: es sei in den kaiserlichen Erblanden kein

Maler, der eine Frau ernähren könne, und der überhaupt Genie habe,

als der Wehmüller in Wien, der die ungarischen Nationalgesichter male,

und der so und so gekleidet gehe; dabei hörte er nicht auf, von

Ihnen und Ihrer Arbeit zu reden, so daß der alte Fleischhauer und

seine Tochter mir endlich erklärten: sie würden den Siebmacher

vorziehen, wenn ich Ihnen in Ungarn den Rang nicht abliefe, und nun

wettete ich mit dem Siebmacher: daß ich ihm in Jahr und Tag das

Mädchen abtreten und noch fünfundzwanzig Dukaten dazu geben wollte,

wenn ich Ihnen den Rang nicht ablaufen könne. Ich reiste nach Wien

und nach Ungarn, forschte nach allen Ihren Bildern und warf mich so

in Ihre Manier, daß man unsre Bilder nicht mehr unterscheiden konnte.

Da ich nun erfuhr, daß Sie die Reise nach Stuhlweißenburg machen

würden, wo Sie noch nicht gewesen, und sich auf dem Gute des Grafen

Giulowitsch vorbereiteten, benutzte ich die Gelegenheit, Ihnen

zuvorzukommen, denn ich wußte durch einen Freund bei der

Hofkriegskanzelei, daß die dortigen Regimenter verlegt werden würden.

Mit einem Vorrate von Nationalgesichtern in einer Blechbüchse und

ganz gekleidet wie Sie, machte ich mich nun als neuer Wehmüller auf,

und als ich auf der Grenze an der Maut ein Päckchen liegen sah, an

Herrn Wehmüller, wenn er durchreist, überschrieben, ward es mir von

dem Mautbeamten ausgeliefert. Es war dies das Bild Ihrer Gemahlin,

welches sie auf ihrer Reise in einem Posthause hatte liegen lassen;

ich nahm es mit, um es ihr einhändigen zu lassen, habe es aber

vergessen dem Boten abzunehmen, der es trug, als er mich durch den

Kordon brachte; denn meine Eile war groß, und ich triumphierte schon,

daß ich, indem der Kordon Sie aussperrte, Ihnen gewiß zuvorkommen

würde. Aber wie war mir zumute, da ich mich mit Ihrer Frau, als

einem zweiten Wehmüller, den ich auch nicht für den echten erkannte,

weil er von der Malerei gar nichts verstand, eingesperrt sah; bald

ward ich aber von der Kühnheit und Schönheit Mitidikas, die es kein

Hehl hatte, daß sie eine verkleidete Jungfer sei, so hingerissen, daß

ich gern auf meine Braut und Wehmüllerschaft resigniert und alles

gleich eingestanden hätte; aber Ehrgeiz und die fünfundzwanzig

Dukaten hielten mich zurück. Ihr Erscheinen fuhr mir aber so durch

alle Glieder, daß ich die Besinnung verlor; die fatale Laterne auf

dem Magen und der angedrohte Theriak haben mich gänzlich hergestellt,

und nun bleibt mir nichts übrig, als Sie herzlich um Verzeihung zu

bitten, mit dem Vorschlag: mich in Ihren Unternehmungen zum Kompagnon

zu machen; Sie können meine Arbeiten untersuchen, und gehen Sie den

Vorschlag ein, so glaube ich, daß wir einen solchen Vorrat von

Nationalgesichtern anfertigen, daß unser Glück begründet ist, wenn

wir redlich teilen."--"Das läßt sich hören!" sagte Wehmüller, "die

ganze Geschichte macht mir jetzt Spaß, und wenn ich meine Tonerl

nicht so lieb hätte, so möchte ich, um es Ihnen wettzumachen, nach

Klagenfurt reisen und Ihre Fleischerstochter und die fünfundzwanzig

Dukaten Ihnen wegschnappen, aber so geht es nicht." Da umarmte er

Tonerl herzlich und ward mit Froschauer eins: daß er ihm, wenn er

seine Arbeiten untersucht, ein eigenhändiges Attest schreiben wolle:

daß er ihn in allem sich gleich achte; gewänne er dann seine Wette,

so könne er sein Mädchen heiraten und sich mit ihm auf gleichen

Vorteil vereinigen. "Ja", sagte Tonerl, "da habe ich doch eine

Gesellschaft an Frau Froschauer, wenn ihr herumzieht."

So ward der Friede gestiftet, und sie kamen auf dem Edelhofe an. Die

Kammerjungfer und Lindpeindler standen unter der Türe und waren in

großem Erstaunen über die drei Wehmüller, noch mehr aber über

Mitidika; schnell liefen sie, der gnädigen Frau und dem jungen Baron

die interessante Gesellschaft anzukündigen, und diese trat, von dem

Edelmann geführt, in eine geräumige Weinlaube, wo die Hausfrau bald

mit einem guten Frühstück erschien und alle die Abenteuer nochmals

berichtet werden mußten; der Tiroler und der Savoyarde stellten sich

auch ein, und der Edelmann bat alle, bei der Weinlese ihm behilflich

zu sein, was zugesagt wurde.

Am Abend, als noch viel über die drei Wehmüller gescherzt worden war,

wollte Devillier der Gesellschaft eine Geschichte erzählen, die er

selbst erlebt, und bei welcher die Verwechselung zweier Personen noch

viel unterhaltender war, als der Graf Giulowitsch und Lury, sein

Hofmeister, mit seinen Eleven bei dem Edelmann zum Besuch kamen; sie

freuten sich ungemein, den guten Wehmüller zu finden und die

Aufklärung seines Abenteuers zu hören. Die Erzählung Devilliers ward

aufgeschoben, aber nach dem Abendessen mußte die schöne Mitidika all

ihren Schmuck, den sie einst von Devillier empfing, anlegen; die

Edeldame half ihr selbst bei ihrer Toilette, denn Nanny, die

Kammerjungfer, wurde unpäßlich. So geschmückt trat das braune

Mädchen wie eine Zauberin vor die Gesellschaft; der Tiroler breitete

seine Teppiche aus, und das reizende Geschöpf tanzte, schlug das

Tambourin und sang--wozu Michaly sie begleitete--so ganz wunderbar

hinreißend, daß alles vor Erstaunen versteinert war. Sie schloß

ihren Tanz damit, daß sie den Teppich plötzlich erfaßte, sich schnell

in ihn einpuppte und an die Erde niederstreckte, wie damals in der

Hütte. Ein lebhaftes Beifallklatschen rauschte durch den Saal;

Devillier aber kniete vor ihr, weinte wie ein Kind und wurde

ausgelacht; so schied die Gesellschaft für diesen Abend auseinander.

Die Erzählung, welche Devillier versprochen, eine andere des Tirolers

und eine des Savoyarden unterhielten an den folgenden Tagen, und ich

werde sie mitteilen, wenn ich Lust dazu habe.

Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter · 第 5 / 5 题