DIE METAMORPHOSE DER WELTERSCHEINUNGEN.

Den höchsten Grad der Reife erlangte Goethes Weltanschauung,

als ihm die Anschauung der zwei großen Triebräder der Natur:

die Bedeutung der Begriffe von Polarität und von Steigerung

aufgieng. (Vergl. den Aufsatz: Erläuterung zu dem Aufsatz "die

Natur". Deutsche Nationallitteratur. Goethes Werke Band 34 S. 63

f.) Die Polarität ist den Erscheinungen der Natur eigen, insofern wir

sie materiell denken. Sie besteht darin, daß sich alles Materielle

in zwei entgegengesetzten Zuständen äußert, wie der Magnet in einem

Nordpol und einem Südpol. Diese Zustände der Materie liegen entweder

offen vor Augen, oder sie schlummern in dem Materiellen und können

durch geeignete Mittel in demselben erweckt werden. Die Steigerung

kommt den Erscheinungen zu, insofern wir sie geistig denken. Sie

kann beobachtet werden bei den Naturvorgängen, die unter die Idee

der Entwicklung fallen. Auf den verschiedenen Stufen der Entwicklung

zeigen diese Vorgänge die ihnen zu Grunde liegende Idee mehr oder

weniger deutlich in ihrer äußeren Erscheinung. In der Frucht ist

die Idee der Pflanze, das vegetabilische Gesetz, nur undeutlich

in der Erscheinung ausgeprägt. Die Idee, die der Geist erkennt,

und die Wahrnehmung sind einander unähnlich. "In den Blüten tritt

das vegetabilische Gesetz in seine höchste Erscheinung, und die Rose

wäre nur wieder der Gipfel dieser Erscheinung." In der Herausarbeitung

des Geistigen aus dem Materiellen durch die schaffende Natur besteht

das, was Goethe Steigerung nennt. Die Natur ist "in immerstrebendem

Aufsteigen" begriffen, heißt, sie sucht Gebilde zu schaffen, die,

in aufsteigender Ordnung, die Ideen der Dinge auch in der äußeren

Erscheinung immer mehr zur Darstellung bringen. Goethe ist der

Ansicht, daß "die Natur kein Geheimnis habe, was sie nicht irgendwo

dem aufmerksamen Beobachter nackt vor die Augen stellt". Die Natur

kann Erscheinungen hervorbringen, von denen sich die Ideen für ein

großes Gebiet verwandter Vorgänge unmittelbar ablesen lassen. Es sind

die Erscheinungen, in denen die Steigerung ihr Ziel erreicht hat,

in denen die Idee unmittelbare Wahrnehmung wird. Der schöpferische

Geist der Natur tritt hier an die Oberfläche der Dinge; was an

den grob-materiellen Erscheinungen nur dem Denken erfaßbar ist,

was nur mit geistigen Augen geschaut werden kann: das wird in den

gesteigerten dem leiblichen Auge sichtbar. Alles Sinnliche ist

hier auch geistig und alles Geistige sinnlich. Durchgeistigt denkt

sich Goethe die ganze Natur. Ihre Formen sind dadurch verschieden,

daß der Geist in ihnen mehr oder weniger auch äußerlich sichtbar

wird. Eine tote geistlose Materie kennt Goethe nicht. Als solche

erscheinen diejenigen Dinge, in denen sich der Geist der Natur

eine seinem ideellen Wesen unähnliche äußere Form gibt. Weil

ein Geist in der Natur und im menschlichen Innern wirkt, deshalb

kann der Mensch sich zur Teilnahme an den Produktionen der Natur

erheben. "Vom Ziegelstein, der dem Dache entstürzt, bis zum leuchtenden

Geistesblitz, der dir aufgeht und den du mitteilst" gilt für Goethe

alles im Weltall als Wirkung, als Manifestation Eines schöpferischen

Geistes. "Alle Wirkungen, von welcher Art sie seien, die wir in der

Erfahrung bemerken, hängen auf die stetigste Weise zusammen, gehen

ineinander über; sie undulieren von der ersten bis zur letzten." "Ein

Ziegelstein löst sich vom Dache los: wir nennen dies im gemeinen

Sinne zufällig; er trifft die Schultern eines Vorübergehenden,

doch wohl mechanisch; allein nicht ganz mechanisch, er folgt den

Gesetzen der Schwere, und so wirkt er physisch. Die zerrissenen

Lebensgefäße geben sogleich ihre Funktion auf; im Augenblicke

wirken die Säfte chemisch, die elementaren Eigenschaften treten

hervor. Allein das gestörte organische Leben widersetzt sich eben

so schnell und sucht sich herzustellen; indessen ist das menschliche

Ganze mehr oder weniger bewußtlos und psychisch zerrüttet. Die sich

wiedererkennende Person fühlt sich ethisch im tiefsten verletzt;

sie beklagt ihre gestörte Thätigkeit, von welcher Art sie auch sei,

aber ungern ergäbe der Mensch sich in Geduld. Religiös hingegen wird

ihm leicht, diesen Fall einer höheren Schickung zuzuschreiben, ihn

als Bewahrung vor größerem Übel, als Einleitung zu höherem Guten

anzusehen. Dies reicht hin für den Leidenden; aber der Genesende

erhebt sich genial, vertraut Gott und sich selbst und fühlt sich

gerettet, ergreift auch wohl das Zufällige, wendets zu seinem

Vorteil, um einen ewig frischen Lebenskreis zu beginnen." Als

Modifikationen des Geistes erscheinen Goethe alle Weltwirkungen,

und der Mensch, der sich in sie vertieft und sie beobachtet von

der Stufe des Zufälligen bis zu der des Genialen, durchlebt die

Metamorphose des Geistes von der Gestalt, in der sich dieser in

einer ihm unähnlichen äußeren Erscheinung darstellt, bis zu der,

wo er in seiner ihm ureigensten Form erscheint. Einheitlich wirkend

sind im Sinne der Goetheschen Weltanschauung alle schöpferischen

Kräfte. Ein Ganzes, das sich in einer Stufenfolge von verwandten

Mannigfaltigkeiten offenbart, sind sie. Goethe war aber nie geneigt,

die Einheit der Welt sich als einförmig vorzustellen. Oft verfallen

die Anhänger des Einheitsgedankens in den Fehler, die Gesetzmäßigkeit,

die sich auf einem Erscheinungsgebiete beobachten läßt, auf die ganze

Natur auszudehnen. In diesem Falle ist z. B. die mechanistische

Weltanschauung. Sie hat ein besonderes Auge und Verständnis für

das, was sich mechanisch erklären läßt. Deshalb erscheint ihr

das Mechanische als das einzig Naturgemäße. Sie sucht auch die

Erscheinungen der organischen Natur auf mechanische Gesetzmäßigkeit

zurückzuführen. Ein Lebendiges ist ihr nur eine complicierte Form

des Zusammenwirkens mechanischer Vorgänge. In besonders abstoßender

Form fand Goethe eine solche Weltanschauung in Holbachs "Système

de la nature" ausgesprochen, das ihm in Straßburg in die Hände

fiel. "Eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit

her bewegt, und sollte nun mit dieser Bewegung rechts und links

und nach allen Seiten, ohne weiteres, die unendlichen Phänomene des

Daseins hervorbringen. Dies alles wären wir sogar zufrieden gewesen,

wenn der Verfasser wirklich aus seiner bewegten Materie die Welt vor

unsern Augen aufgebaut hätte. Aber er mochte von der Natur so wenig

wissen als wir; denn indem er einige allgemeine Begriffe hingepfahlt,

verläßt er sie sogleich, um dasjenige, was höher als die Natur,

oder was als höhere Natur in der Natur erscheint, zur materiellen,

schweren, zwar bewegten, aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur zu

verwandeln, und glaubt dadurch recht viel gewonnen zu haben" (Dichtung

und Wahrheit 11. Buch). In ähnlicher Weise hätte sich Goethe geäußert,

wenn er den Satz du Bois-Reymonds (Grenzen des Naturerkennens S. 13)

hätte hören können: "Naturerkennen ist Zurückführung der Veränderungen

in der Körperwelt auf Bewegungen von Atomen, die durch deren von der

Zeit unabhängige Centralkräfte bewirkt werden, oder Auflösung der

Naturvorgänge in Mechanik der Atome." Goethe dachte sich die Arten

von Naturwirkungen mit einander verwandt und in einander übergehend;

aber er wollte sie nie auf eine einzige Art zurückführen. Er trachtete

nicht nach einem abstrakten Prinzip, auf das alle Naturerscheinungen

zurückgeführt werden sollen, sondern nach Beobachtung der

charakteristischen Art, wie sich die schöpferische Natur in jedem

einzelnen ihrer Erscheinungsgebiete durch besondere Formen ihrer

allgemeinen Gesetzmäßigkeit offenbart. Nicht eine Gedankenform

wollte er sämtlichen Naturerscheinungen aufzwängen, sondern durch

Einleben in verschiedene Gedankenformen wollte er sich den Geist so

lebendig und biegsam erhalten, wie die Natur selbst ist. Wenn die

Empfindung von der großen Einheit alles Naturwirkens in ihm mächtig

war, dann war er Pantheist. "Ich für mich kann bei den mannigfaltigen

Richtungen meines Wesens, nicht an einer Denkweise genug haben; als

Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist als Naturforscher,

und eines so entschieden als das andere. Bedarf ich eines Gottes

für meine Persönlichkeit als sittlicher Mensch, so ist dafür auch

schon gesorgt." (An Jacobi, 6. Jan. 1813). Als Künstler wandte sich

Goethe an jene Naturerscheinungen, in denen die Idee in unmittelbarer

Anschauung gegenwärtig ist. Das Einzelne erschien hier unmittelbar

göttlich; die Welt als eine Vielheit göttlicher Individualitäten. Als

Naturforscher mußte Goethe auch in den Erscheinungen, deren Idee

nicht in ihrem individuellen Dasein sichtbar wird, die Kräfte der

Natur verfolgen. Als Dichter konnte er sich bei der Vielheit des

Göttlichen beruhigen; als Naturforscher mußte er die einheitlich

wirkenden Naturideen suchen. "Das Gesetz, das in die Erscheinung tritt,

in der größten Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen, bringt das

Objektiv-Schöne hervor, welches freilich würdige Subjekte finden muß,

von denen es aufgefaßt wird." Dieses Objektiv-Schöne im einzelnen

Geschöpf will Goethe als Künstler anschauen; aber als Naturforscher

will er "die Gesetze kennen, nach welchen die allgemeine Natur handeln

will." Polytheismus ist die Denkweise, die in dem Einzelnen ein

Geistiges sieht und verehrt; Pantheismus die andere, die den Geist

des Ganzen erfaßt. Beide Denkweisen können nebeneinander bestehen;

die eine oder die andere macht sich geltend, je nachdem der Blick

auf das Naturganze gerichtet ist, das Leben und Folge ist aus einem

Mittelpunkte, oder auf diejenigen Individuen, in denen die Natur

in einer Form vereinigt, was sie in der Regel über ein ganzes Reich

ausbreitet. Solche Formen entstehen, wenn z. B. die schöpferischen

Naturkräfte nach "tausendfältigen Pflanzen" noch eine machen, worin

"alle übrigen enthalten", oder "nach tausendfältigen Tieren ein Wesen,

das sie alle enthält: den Menschen."

Goethe macht einmal die Bemerkung: "Wer meine Schriften und mein

Wesen überhaupt verstehen gelernt, wird doch bekennen müssen, daß

er eine gewisse innere Freiheit gewonnen." (Unterhaltungen mit dem

Kanzler von Müller, 5. Jan. 1831.) Damit hat er auf die wirkende Kraft

hingedeutet, die sich in allem menschlichen Erkenntnisstreben geltend

macht. Solange der Mensch dabei stehen bleibt, die Gegenstände um sich

her wahrzunehmen und ihre Gesetze als ihnen eingepflanzte Prinzipien

zu betrachten, von denen sie beherrscht werden, hat er das Gefühl,

daß sie ihm als unbekannte Mächte gegenüberstehen, die auf ihn

wirken und ihm die Gedanken ihrer Gesetze aufdrängen. Er fühlt sich

den Dingen gegenüber unfrei; er empfindet die Gesetzmäßigkeit der

Natur als starre Notwendigkeit, der er sich zu fügen hat. Erst wenn

der Mensch gewahr wird, daß die Naturkräfte nichts anderes sind als

Formen des Geistes, der in ihm selbst wirkt, geht ihm die Einsicht

auf, daß er der Freiheit teilhaftig ist. Die Naturgesetzlichkeit

wird nur so lange als Zwang empfunden, so lange man sie als fremde

Gewalt ansieht. Lebt man sich in ihre Wesenheit ein, so empfindet man

sie als Kraft, die man auch selbst in seinem Innern bethätigt; man

empfindet sich als produktiv mitwirkendes Element beim Werden und Wesen

der Dinge. Man ist Du und Du mit aller Werdekraft. Man hat in sein

eigenes Thun das aufgenommen, was man sonst nur als äußeren Antrieb

empfindet. Dies ist der Befreiungsprozeß, den im Sinne der Goetheschen

Weltanschauung der Erkenntnisakt bewirkt. Klar hat Goethe die Ideen des

Naturwirkens angeschaut, als sie ihm aus den italienischen Kunstwerken

entgegenblickten. Eine klare Empfindung hatte er auch von der

befreienden Wirkung, die das Innehaben dieser Ideen auf den Menschen

ausübt. Eine Folge dieser Empfindung ist seine Schilderung derjenigen

Erkenntnisart, die er als die der umfassenden Geister bezeichnet. "Die

Umfassenden, die man in einem stolzern Sinne die Erschaffenden nennen

könnte, verhalten sich im höchsten Sinne produktiv; indem sie nämlich

von Ideen ausgehen, sprechen sie die Einheit des Ganzen schon aus,

und es ist gewissermaßen nachher die Sache der Natur sich in diese

Idee zu fügen." Zu der unmittelbaren Anschauung des Befreiungsaktes

hat es aber Goethe nie gebracht. Diese Anschauung kann nur derjenige

haben, der sich selbst bei seinem Erkennen belauscht. Goethe hat zwar

die höchste Erkenntnisart ausgeübt; aber er hat diese Erkenntnisart

nicht an sich beobachtet. Gesteht er doch selbst:

"Wie hast du's denn so weit gebracht?

Sie sagen, du habest es gut vollbracht!"

Mein Kind! Ich hab' es klug gemacht;

Ich habe nie über das Denken gedacht.

Aber so wie die schöpferischen Naturkräfte "nach tausendfältigen

Pflanzen" noch eine machen, worin "alle übrigen enthalten" sind,

so bringen sie auch nach tausendfältigen Ideen noch eine hervor,

worin die ganze Ideenwelt enthalten ist. Und diese Idee erfaßt

der Mensch, wenn er über sein Denken nachdenkt. Eben weil Goethes

Denken stets mit den Gegenständen der Anschauung erfüllt war, weil

sein Denken ein Anschauen, sein Anschauen ein Denken war: deshalb

konnte er nicht dazu kommen, das Denken selbst zum Gegenstande des

Denkens zu machen. Die Idee der Freiheit gewinnt man aber nur durch

die Anschauung des Denkens. An dem Zustandekommen aller übrigen

Anschauungen ist der Mensch unbeteiligt. In ihm leben die Ideen

dieser Anschauungen auf. Diese Ideen würden aber nicht da sein,

wenn in ihm nicht die produktive Kraft vorhanden wäre, sie zur

Erscheinung zu bringen. Wenn auch die Ideen der Inhalt dessen sind,

was in den Dingen wirkt; zum erscheinenden Dasein kommen sie durch

die menschliche Thätigkeit. Die eigene Natur der Ideenwelt kann

also der Mensch nur erkennen, wenn er seine Thätigkeit anschaut. Bei

jeder anderen Anschauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das

Ding, in dem gewirkt wird, bleibt als Wahrnehmung außerhalb seines

Geistes. In der Anschauung der Idee ist Wirkendes und Bewirktes

ganz in seinem Innern enthalten. Er hat den ganzen Prozeß restlos

in seinem Innern gegenwärtig. Die Anschauung erscheint nicht mehr

von der Idee hervorgebracht; denn die Anschauung ist jetzt selbst

Idee. Diese Anschauung des sich selbst Hervorbringenden ist aber die

Anschauung der Freiheit. Bei der Beobachtung des Denkens durchschaut

der Mensch das Weltgeschehen. Er hat hier nicht nach einer Idee dieses

Geschehens zu forschen; denn dieses Geschehen ist die Idee selbst. Der

Mensch, der diese in sich selbst ruhende Thätigkeit anschaut, fühlt

die Freiheit. Goethe hat diese Empfindung zwar erlebt, aber nie in

der höchsten Form. Er übte in seiner Naturbetrachtung eine freie

Thätigkeit; aber sie wurde ihm nie gegenständlich. Er hat nie hinter

die Kulissen des menschlichen Erkennens geschaut, und deshalb die Idee

des Weltgeschehens in dessen ureigenster Gestalt, in seiner höchsten

Metamorphose nie in sein Bewußtsein aufgenommen. Sobald der Mensch

zur Anschauung dieser Metamorphose gelangt, bewegt er sich sicher im

Reich der Dinge. Er hat in dem Mittelpunkte seiner Persönlichkeit den

wahren Ausgangspunkt für alle Weltbetrachtung gewonnen. Er wird nicht

mehr nach unbekannten Gründen, nach göttlichen Ursachen der Dinge

forschen; er weiß, daß das höchste Erlebnis, dessen er fähig ist,

in der Selbstbetrachtung der eigenen Wesenheit besteht. Wer ganz

durchdrungen ist von den Gefühlen, die dieses Erlebnis hervorruft,

der wird die wahrsten Verhältnisse zu den Dingen gewinnen. Bei wem das

nicht der Fall ist, der wird die höchste Form des Daseins anderswo

suchen, und, da er sie in der Erfahrung nicht finden kann, in einem

unbekannten Gebiet der Wirklichkeit vermuten. Seine Betrachtung

der Dinge wird etwas Unsicheres bekommen; er wird sich bei der

Beantwortung der Fragen, die ihm die Natur stellt, fortwährend auf

ein Unerforschliches berufen. Weil Goethe durch sein Leben in der

Ideenwelt ein Gefühl hatte von dem festen Mittelpunkt innerhalb der

Persönlichkeit, ist es ihm gelungen innerhalb bestimmter Grenzen im

Naturbetrachten zu sicheren Begriffen zu kommen. Weil ihm aber die

unmittelbare Anschauung des innersten Erlebnisses abging, tastet er

außerhalb dieser Grenzen unsicher umher. Er redet aus diesem Grunde

davon, daß der Mensch nicht geboren sei, die "Probleme der Welt zu

lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht, und sich sodann in

der Grenze des Begreiflichen zu halten." Er sagt: "Kant hat unstreitig

am meisten genützt, indem er Grenzen zog, wie weit der menschliche

Geist zu dringen fähig sei, und daß er die unauflöslichen Probleme

liegen ließ." Hätte ihm die Anschauung des höchsten Erlebnisses

Sicherheit in der Betrachtung der Dinge gegeben, so hätte er auf

seinem Wege mehr gekonnt als "durch geregelte Erfahrung zu einer

Art von bedingter Zuverlässigkeit gelangen". Statt geradewegs durch

die Erfahrung durchzuschreiten in dem Bewußtsein, daß das Wahre nur

eine Bedeutung hat, insoweit es von der menschlichen Natur gefordert

wird, gelangt er doch zu der Überzeugung, daß "ein höherer Einfluß

die Standhaften, die Thätigen, die Verständigen, die Geregelten und

Regelnden, die Menschlichen, die Frommen" begünstige und daß sich

"die moralische Weltordnung" am schönsten da zeige, wo sie "dem Guten,

dem wacker Leidenden mittelbar zu Hilfe kommt."

Weil Goethe das innerste menschliche Erlebnis nicht kannte, war es ihm

unmöglich, zu den Gedanken über die sittliche Weltordnung zu gelangen,

die zu seiner Naturanschauung notwendig gehören. Die Ideen der Dinge

sind der Inhalt des in den Dingen Wirksamen und Schaffenden. Die

sittlichen Ideen erlebt der Mensch unmittelbar in der Ideenform. Wer

zu erleben imstande ist, wie in der Anschauung der Ideenwelt das

Ideelle sich selbst zum Inhalt wird, sich mit sich selbst erfüllt,

der ist auch in der Lage, die Produktion des Sittlichen innerhalb

der menschlichen Natur zu erleben. Wer die Naturideen nur in ihrem

Verhältnis zu der Anschauungswelt kennt, der wird auch die sittlichen

Begriffe auf etwas ihnen Äußeres beziehen wollen. Er wird eine ähnliche

Wirklichkeit für diese Begriffe suchen, wie sie für die aus der

Erfahrung gewonnenen Begriffe vorhanden ist. Wer aber Ideen in ihrer

eigensten Wesenheit anzuschauen vermag, der wird bei den sittlichen

gewahr, daß nichts Äußeres ihnen entspricht, daß sie unmittelbar

als Ideen produziert werden. Ihm ist klar, daß weder ein göttlicher

Wille, noch eine sittliche Weltordnung wirksam sind, um diese Ideen

zu erzeugen. Denn es ist in ihnen nichts von einem Bezug auf solche

Gewalten zu bemerken. Alles was sie aussprechen, ist in ihrer reinen

Ideenform auch eingeschlossen. Nur durch ihren eigenen Inhalt wirken

sie auf den Menschen als sittliche Mächte. Kein kategorischer Imperativ

steht mit der Peitsche hinter ihnen und drängt den Menschen, ihnen zu

folgen. Der Mensch empfindet, daß er sie selbst hervorgebracht hat

und liebt sie, wie man sein Kind liebt. Die Liebe ist das Motiv des

Handelns. Die Lust am eigenen Erzeugnis ist der Quell des Sittlichen.

Es gibt Menschen, die keine sittlichen Ideen zu produzieren

vermögen. Sie nehmen diejenigen anderer Menschen durch Überlieferung

in sich auf. Und wenn sie kein Anschauungsvermögen für Ideen als solche

haben, erkennen sie den menschlichen Ursprung des Sittlichen nicht. Sie

suchen ihn in einem übermenschlichen, göttlichen Willen. Oder sie

glauben, daß eine außerhalb des Menschen bestehende objektive sittliche

Weltordnung bestehe, aus der die moralischen Ideen stammen. In dem

Gewissen des Menschen wird oft das Sprachorgan dieser Weltordnung

gesucht. Wie in seiner übrigen Weltanschauung ist Goethe auch in

seinen Gedanken über den Ursprung des Sittlichen unsicher. Auch

hier treibt sein Gefühl für das Ideengemäße Sätze hervor, die den

Forderungen seiner Natur gemäß sind. "Pflicht: wo man liebt, was

man sich selbst befiehlt." Nur wer die Gründe des Sittlichen rein in

dem Inhalt der sittlichen Ideen sieht, sollte sagen: "Lessing, der

mancherlei Beschränkung unwillig fühlte, läßt eine seiner Personen

sagen: Niemand muß müssen. Ein geistreicher, frohgesinnter Mann

sagte: Wer will, der muß. Ein dritter, freilich ein Gebildeter,

fügte hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so glaubte man den

ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und Müssens abgeschlossen zu

haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen,

von welcher Art sie auch sei, sein Thun und Lassen; deswegen auch

nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln zu sehen." Daß

in Goethe ein Gefühl für die echte Natur des Sittlichen herrscht,

welches sich nur nicht zur klaren Anschauung erhebt, zeigt folgender

Ausspruch: "Der Wille muß, um vollkommen zu werden, sich im Sittlichen

dem Gewissen, das nicht irrt, fügen ... Das Gewissen bedarf keines

Ahnherrn, mit ihm ist alles gegeben; es hat nur mit der eigenen innern

Welt zu thun." Das Gewissen bedarf keines Ahnherrn, kann nur heißen:

der Mensch findet in sich keinen sittlichen Inhalt ursprünglich vor;

er gibt sich ihn selbst. Diesen Aussprüchen stehen andere gegenüber,

die den Ursprung des Sittlichen in ein Gebiet außerhalb des Menschen

verlegen: "Der Mensch, wie sehr ihn auch die Erde anzieht mit ihren

tausend und abertausend Erscheinungen, hebt doch den Blick sehnend

zum Himmel auf, weil er tief und klar in sich fühlt, daß er ein Bürger

jenes geistigen Reiches sei, woran wir den Glauben nicht abzulehnen,

noch aufzugeben vermögen." "Was gar nicht aufzulösen ist, überlassen

wir Gott als dem allbedingenden und allbefreienden Wesen."

Für die Betrachtung der innersten Menschennatur, für die

Selbstbeschauung fehlt Goethe das Organ. "Hierbei bekenne ich, daß

mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe: erkenne

dich selbst, immer verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter

Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren

und von der Thätigkeit gegen die Außenwelt zu einer innern falschen

Beschaulichkeit verleiten wollten. Der Mensch kennt nur sich selbst,

insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr

gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues

Organ in uns auf." Davon ist gerade das Umgekehrte wahr: der Mensch

kennt die Welt nur, insofern er sich kennt. Denn in seinem Innern

offenbart sich in ureigenster Gestalt, was in den Außendingen nur im

Abglanz, im Beispiel, Symbol als Anschauung vorhanden ist. Wovon der

Mensch sonst nur als von einem Unergründlichen, Unerforschlichen,

Göttlichen sprechen kann: das tritt ihm in der Selbstanschauung in

wahrer Gestalt vor Augen. Weil er in der Selbstanschauung das Ideelle

in unmittelbarer Gestalt sieht, gewinnt er die Kraft und Fähigkeit,

dieses Ideelle auch in aller äußeren Erscheinung, in der ganzen Natur

aufzusuchen und anzuerkennen. Wer den Augenblick der Selbstanschauung

erlebt hat, denkt nicht mehr daran, hinter den Erscheinungen einen

verborgenen Gott zu suchen; er ergreift das Göttliche in seinen

verschiedenen Metamorphosen in der Natur. Goethe bemerkt in Beziehung

auf Schelling: "Ich würde ihn öfters sehen, wenn ich nicht noch auf

poetische Momente hoffte, und die Philosophie zerstört bei mir die

Poesie, und das wohl deshalb, weil sie mich ins Objekt treibt, indem

ich mich nie rein spekulativ erhalten kann, sondern gleich zu jedem

Satze eine Anschauung suchen muß und deshalb gleich in die Natur hinaus

fliehe." Die höchste Anschauung, die Anschauung der Ideenwelt selbst,

hat er eben nicht finden können. Sie kann die Poesie nicht zerstören,

denn sie befreit den Geist nur von allen Vermutungen, daß in der

Natur ein Unbekanntes, Unergründliches sein könne. Dafür aber macht

sie ihn fähig, sich unbefangen, ganz den Dingen hinzugeben; denn sie

gibt ihm die Überzeugung, daß aus der Natur alles zu entnehmen ist,

was der Geist von ihr nur wünschen kann.

Die höchste Anschauung befreit aber den Menschengeist auch von allem

Abhängigkeitsgefühl. Er fühlt sich durch ihren Besitz souverän im

Reiche der sittlichen Weltordnung. Er weiß, daß die Triebkraft, die

alles hervorbringt, in seinem Innern als sein eigener Wille wirkt,

und daß die höchsten Entscheidungen über Sittliches in ihm selbst

liegen. Denn diese höchsten Entscheidungen fließen aus der Welt der

sittlichen Ideen, die der Mensch selbst produziert. Mag der Mensch

im einzelnen sich beschränkt fühlen, mag er auch von tausend Dingen

abhängig sein; im ganzen gibt er sich sein sittliches Ziel und seine

sittliche Richtung. Das Wirksame aller übrigen Dinge kommt im Menschen

als Idee zur Erscheinung; das Wirksame im Menschen ist die Idee, die

er selbst hervorbringt. In jeder einzelnen menschlichen Individualität

vollzieht sich der Prozeß, der im Ganzen der Natur sich abspielt:

die Schöpfung eines Tatsächlichen aus der Idee heraus. Und der Mensch

selbst ist der Schöpfer. Denn auf dem Grunde seiner Persönlichkeit lebt

die Idee, die sich selbst einen Inhalt gibt. Über Goethe hinausgehend,

muß man seinen Satz erweitern, die Natur sei "in dem Reichtum der

Schöpfung so groß, nach tausendfältigen Pflanzen eine zu machen,

worin alle übrigen enthalten sind, und nach tausendfältigen Tieren ein

Wesen, das sie alle enthält, den Menschen". Die Natur ist in ihrer

Schöpfung so groß, daß sie den Prozeß, durch den sie frei aus der

Idee heraus alle Geschöpfe hervorbringt, in jedem Menschenindividuum

wiederholt, indem die sittlichen Handlungen aus dem ideellen Grunde

der Persönlichkeit entspringen. Was der Mensch auch als objektiven

Grund seines Handelns empfindet, es ist alles nur Umschreibung und

zugleich Verkennung seiner eigenen Wesenheit. Sich selbst realisiert

der Mensch in seinem sittlichen Handeln. In lapidaren Sätzen hat

Max Stirner diese Erkenntnis in seiner Schrift "Der Einzige und sein

Eigentum" ausgesprochen. "Eigner bin ich meiner Gewalt, und ich bin

es dann, wenn ich mich als Einzigen weiß. Im Einzigen kehrt selbst

der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er

geboren wird. Jedes höhere Wesen über mir, sei es Gott, sei es der

Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor

der Sonne dieses Bewusstseins. Stell' ich auf mich, den Einzigen,

meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen

Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und ich darf sagen:

ich hab' mein Sach' auf Nichts gestellt." Aber zugleich darf ich,

wie Faust zu Mephistopheles sagen: "In deinem Nichts hoff' ich das

All zu finden", denn in meinem Innern wohnt in individueller Bildung

die Wirkungskraft, durch welche die Natur das All schafft. So lange

der Mensch in sich diese Wirkungskraft nicht geschaut hat, wird er

sich ihr gegenüber erscheinen wie Faust dem Erdgeist gegenüber. Sie

wird ihm stets die Worte zurufen: "Du gleichst dem Geist, den du

begreifst, nicht mir!" Erst die Anschauung des tiefsten Innenlebens

zaubert diesen Geist hervor, der von sich sagt:

In Lebensfluten, im Thatensturm

Wall' ich auf und ab,

Webe hin und her!

Geburt und Grab,

Ein ewiges Meer,

Ein wechselnd Weben,

Ein glühend Leben.

So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit

Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

Ich habe in meiner "Philosophie der Freiheit" (Weimar, Emil Felbers

Verlag 1894) darzustellen versucht, wie die Erkenntnis, daß der

Mensch in seinem Tun auf sich selbst gestellt ist, hervorgeht aus dem

innersten Erlebnis, aus der Anschauung der eigenen Wesenheit. Stirner

hat bereits 1844 die Ansicht verteidigt, daß der Mensch, wenn

er sich wahrhaft versteht, nur in sich selbst den Grund für seine

Wirksamkeit sehen könne. Bei ihm geht aber diese Erkenntnis nicht aus

der Anschauung des innersten Erlebnisses, sondern aus dem Gefühle

der Freiheit und Ungebundenheit gegenüber allen, Zwang heischenden

Weltmächten hervor. Stirner bleibt bei der Forderung der Freiheit

stehen; ich versuche das Leben in der Freiheit zu schildern, indem

ich zeige, was der Mensch erblickt, wenn er auf den Grund seiner Seele

sieht. Goethe ist bis zu der Anschauung der Freiheit nicht gekommen,

weil er eine Abneigung gegen die Selbsterkenntnis hatte. Wäre das

nicht der Fall gewesen, so hätte die Erkenntnis des Menschen als

einer freien, auf sich selbst gegründeten Persönlichkeit die Spitze

seiner Weltanschauung bilden müssen. Die Keime zu dieser Erkenntnis

treten uns bei ihm überall entgegen; sie sind zugleich die Keime

seiner Naturansicht.

Innerhalb seiner eigentlichen Naturstudien spricht Goethe nirgends

von unerforschlichen Gründen, von verborgenen Triebkräften der

Erscheinungen. Er begnügt sich damit, die Erscheinungen in ihrer Folge

zu beobachten und sie mit Hilfe derjenigen Elemente zu erklären, die

sich den Sinnen und dem Geiste bei der Beobachtung offenbaren. Am

5. Mai 1786 schreibt er in diesem Sinne an Jacobi, daß er den Mut

habe, sein "ganzes Leben der Betrachtung der Dinge zu widmen, die

er reichen" und von deren Wesenheit er sich "eine adäquate Idee zu

bilden hoffen kann", ohne sich im mindesten zu bekümmern, wie weit er

kommen werde, und was ihm zugeschnitten ist. Wer sich dem Göttlichen

in dem einzelnen Naturdinge zu nähern glaubt, der braucht sich nicht

mehr eine besondere Vorstellung von einem Gotte zu bilden, der außer

und neben den Dingen existiert. Nur wenn Goethe das Gebiet der Natur

verlässt, dann hält auch sein Gefühl für die Wesenheit der Dinge nicht

mehr stand. Dann führt ihn der Mangel an menschlicher Selbsterkenntnis

zu Behauptungen, die weder mit seiner ihm angeborenen Denkweise, noch

mit der Richtung seiner Naturstudien zu vereinigen sind. Wer Neigung

hat, sich auf solche Behauptungen zu berufen, der mag annehmen, daß

Goethe an einen persönlichen Gott und eine individuelle Fortdauer des

Individuums geglaubt habe. Mit seinen Naturstudien steht ein solcher

Glaube im Widerspruch. Sie hätten nie die Richtung nehmen können,

die sie genommen haben, wenn sich Goethe bei ihnen von diesem Glauben

hätte bestimmen lassen. Es wird Aufgabe einer besonderen Schrift sein,

die psychologischen Gründe bloßzulegen, die Goethe trotz der Richtung

seiner Naturstudien zu Aussprüchen führten, die auf einen bei ihm

vorhandenen Glauben an einen persönlichen Gott und an eine individuelle

Fortdauer deuten. Als die Naturstudien in Goethes Lebensführung

zurücktraten, nahm er christliche und selbst mystische Elemente in

sein Vorstellungsleben auf. Und mit zunehmendem Alter nahmen auch

diese Elemente an Bedeutung für seine Weltanschauung zu. Hier habe ich

mir weder die Aufgabe gestellt, die aufsteigende Entwicklung Goethes

zu zeigen, die darin besteht, daß sein eigenes Wesen den Einfluß der

christlich-religiösen und philosophisch-platonischen Vorstellungen,

die in seiner Jugend an ihn herantraten, allmählich überwand und sich

selbst herausarbeitete; noch wollte ich die absteigende Entwicklung

charakterisieren, die ihn wieder zu christlichen und mystischen

Vorstellungen hinführte. Er selbst sah die Änderung der Weltanschauung

als Folge der verschiedenen Lebensalter an. Als Förster die Ansicht

aussprach, die Lösung des Faust-Problems werde sich aus dem Worte

ergeben: "Ein guter Mensch in seinem dunkelen Drange ist sich des

rechten Weges wohl bewußt" entgegnete Goethe: "Das wäre ja Aufklärung;

Faust endet als Greis, und im Greisenalter werden wir Mystiker"

(aus Försters Nachlaß S. 216). Und in den Prosasprüchen lesen wir:

"Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie. Das Kind

erscheint als Realist; denn es findet sich so überzeugt von dem Dasein

der Birnen und Äpfel als von dem seinigen. Der Jüngling, von inneren

Leidenschaften bestürmt, muß auf sich selbst merken, sich vorfühlen,

er wird zum Idealisten umgewandelt. Dagegen ein Sceptiker zu werden,

hat der Mann alle Ursache; er thut wohl zu zweifeln, ob das Mittel,

das er zum Zwecke gewählt hat, auch das rechte sei. Vor dem Handeln,

im Handeln hat er alle Ursache, den Verstand beweglich zu erhalten,

damit er nicht nachher sich über eine falsche Wahl zu betrüben

habe. Der Greis jedoch wird sich immer zum Mysticismus bekennen; er

sieht, daß so vieles vom Zufall abzuhängen scheint; das Unvernünftige

gelingt, das Vernünftige schlägt fehl, Glück und Unglück stellen sich

unerwartet ins gleiche; so ist es, so war es, und das hohe Alter

beruhigt sich in dem: der da ist, der da war und der da sein wird"

(vergl. Goethes Werke in Kürschners Deutscher Nat.-Litt. Band 36, 2).

Ich habe in dieser Schrift die Weltanschauung Goethes im Auge, aus

der seine Einsichten in das Leben der Natur hervorgewachsen sind

und welche die treibende Kraft in ihm war von der Entdeckung des

Zwischenknochens beim Menschen bis zur Vollendung der Farbenlehre. Und

ich glaube gezeigt zu haben, daß diese Weltanschauung vollkommener

der Gesamtpersönlichkeit Goethes entspricht, als die Ansichten seiner

Jugend- und auch die seiner Altersepoche. Ich glaube, Goethe hat

in seinen Naturstudien, wenn auch nicht geleitet von einer klaren,

ideengemäßen Selbsterkenntnis, so doch von einem richtigen Gefühle,

eine freie aus dem wahren Verhältnis der menschlichen Natur zur

Außenwelt fließende Verfahrungsweise beobachtet. Goethe ist sich

selbst darüber klar, daß in seiner Denkweise etwas Unvollendetes

liegt: "Ich war mir edler, großer Zwecke bewußt, konnte aber niemals

die Bedingungen begreifen, unter denen ich wirkte; was mir mangelte,

merkte ich wohl, was an mir zu viel sei, gleichfalls; deshalb unterließ

ich es nicht, mich zu bilden, nach außen und von innen. Und doch

blieb es beim Alten. Ich verfolgte jeden Zweck mit Ernst, Gewalt und

Treue; dabei gelang mir oft, widerspenstige Bedingungen vollkommen zu

überwinden, oft aber auch scheiterte ich daran, weil ich nachgeben und

umgehen nicht lernen konnte. Und so ging mein Leben hin unter Thun

und Genießen, Leiden und Widerstreben, unter Liebe, Zufriedenheit,

Haß und Mißfallen Anderer. Hieran spiegele sich, dem das gleiche

Schicksal geworden!"

Goethes Weltanschauung · 第 14 / 25 题