Bei Donauwörth trafen die Heere der protestantischen Fürsten zusammen.
Jetzt wäre wohl die Zeit gewesen, in voller Kraft und Einigkeit gegen
den Kaiser zu ziehen und einen herrlichen Sieg zu erkämpfen. Leider
aber fehlte es an einem recht entschlossenen kriegskundigen Anführer.
Die gute Jahreszeit verstrich, ohne daß etwas Entscheidendes geschah,
und endlich kam der Winter, wo das Fortkommen eines Kriegsheeres zu
jener Zeit mit unsäglichen Schwierigkeiten verbunden war.
Dennoch eilte Johann Friedrich mitten im Dezember nach Sachsen zurück,
als er hörte, Moritz habe die Kurwürde angenommen und sich huldigen
lassen. Mit Jubel begrüßte das Sachsenvolk seinen treuen, frommen
Herrn, und schnell war das Land wieder in Johann Friedrichs Händen.
Auch die niederdeutschen Städte sandten ihre Hilfstruppen, so daß das
Kriegsglück auf seiner Seite schien. Aber schon hatte der Kaiser die
Gefahr erkannt, sammelte in großer Schnelligkeit ein bedeutendes Heer,
verband sich mit dem klugen, tapferen Moritz und zog in Eilmärschen
nach dem Sachsenland.
Bei dem Städtchen Mühlberg an der Elbe kam es am 24. April 1547 zur
Schlacht. Johann Friedrich war zum Gottesdienst in die Kirche gegangen,
da er nicht ahnte, daß der Feind schon am andern Ufer heranzog. Man
sagt, ein Müller, dem des Kurfürsten Soldaten ein paar Pferde genommen,
habe den Kaiserlichen eine Furt gezeigt. So schnell sich auch das
sächsische Heer sammelte, so tapfer es sich auch hielt, war es doch
der Uebermacht nicht gewachsen. Johann Friedrich kämpfte selbst mit
Heldenmut; als er aber einen Säbelhieb in die Wange erhielt, und das
Blut sein Antlitz überströmte, mußte er sich ergeben, und der Sieg
war auf seiten des Kaisers. Bald darauf ward auch Philipp von Hessen
bezwungen und fiel dem Kaiser in die Hände, der beide Fürsten mehrere
Jahre lang gefangen mit sich herumführte.
Durch diese Schlacht war die Macht des Schmalkaldischen Bundes
gebrochen; die Anhänger des Papstes triumphierten, die Evangelischen
aber weinten und klagten! Ach, sie hatten wohl Ursache dazu, denn
schweres Kreuz und allerlei Drangsal brach über sie herein. Der Kaiser
stand auf der Höhe seiner Macht, und hätte wohl am liebsten ganz
Deutschland wieder zur katholischen Kirche zurückgeführt. Da er aber
wohl wußte, daß das unmöglich sei, dachte er auf einen andern Ausweg,
auf eine Art Vergleich zwischen beiden Konfessionen. Einige katholische
Theologen und ein falscher evangelischer Prediger namens Agrikola
stellten ein seltsames Gemisch von Wahrheit und Irrtum zusammen, in
dem die allertröstlichsten Lehren des Evangeliums gänzlich getrübt und
abgeschwächt waren. Dieses Machwerk, das man das Interim nannte, sollte
nun allen protestantischen Städten als Glaubensbekenntnis aufgedrungen
werden. Leider fügte sich eine Stadt nach der andern, trotz des Bittens
und Abmahnens treuer Prediger, die lieber ins Elend gehen, als von
Gottes Wort abweichen wollten.
In Süddeutschland fügte man sich leichter als im Sachsenlande,
und am festesten blieb die gute Stadt Magdeburg, auf der noch
die Acht des Kaisers lag. Nicht nur stand sie einmütig treu beim
lutherischen Bekenntnis, sie nahm auch viele der um ihres Glaubens
willen abgesetzten und vertriebenen Prediger mit Weib und Kind in
ihren Mauern auf. Weil nun aus diesen Mauern auch eine große Menge
Streitschriften, Verteidigungen der Wahrheit, ja auch Spottverse und
sinnige, lächerliche Bilder, die das Interim verhöhnten, in die Welt
hinausflogen, nannte man die wackere Stadt »Unseres HErrgotts Kanzlei«.
--
Von der mutigen Schar, die aus ihren Toren zum Kampf gezogen war,
kehrte nur ein Teil wieder; nicht wenige hatten Blut und Leben für
ihren Glauben gelassen. Auch Dietrichs Behausung stand noch leer, und
der Brave ward von vielen, besonders aber von Thomas und Annchen,
als tot betrauert. O wie gern hätten sie ihm das muntere rotwangige
Knäblein gezeigt, das gerade am Christfest die blauen Augen geöffnet,
und deshalb den Namen Christoph erhalten hatte! Jetzt saß es schon
strampelnd und lachend im Gras, rupfte Blümchen ab, und machte
ungeschickte Versuche, auf vier Beinchen zur Mutter zu gelangen, die
eifrig nähend in der Laube saß. Brachte aber Gottfried seine Mutter
hinaus zu ihrer Pflegetochter, damit sie einige Tage Landluft und
Sonnenschein genieße, durfte Klein-Christoph überhaupt nicht sitzen,
sondern ward von Muhme Berta den ganzen Tag umhergetragen, geliebkost
und bewundert nach Herzenslust. Konnte es doch auf der ganzen Welt
kein klügeres und schöneres Kind geben, als ihres Annchens Söhnlein.
Hatten die Erwachsenen den braven Dietrich fast aufgegeben, so
taten's die Buben noch lange nicht! Ei, in den prächtigen Ritter- und
Kriegsgeschichten, die er erzählte, besonders aber in den Märlein,
war's gar nichts Seltenes, daß einer jahrelang wegblieb und dann doch
heimkam, noch dazu mit Gold und Edelstein beladen! Wer weiß, ob's mit
Dietrich nicht auch so gehen würde! Darum hielten sie am Feierabend gar
oft Ausschau von der Anhöhe, wo sie Abschied von ihm genommen, ob er
nicht etwa von ferne zu sehen sei, kehrten aber immer getäuscht zurück.
Eines Abends aber, kurz vor der Erntezeit, saßen Thomas und Anna
in der Gartenlaube beim Abendessen, während Christoph in einem
Wäglein schlief, als sich plötzlich im Hofe ein wahrer Heidenlärm
erhob. Zürnend wollte Thomas die Ruhestörer verjagen. Aber wie?
Sie drangen sogar in den Garten ein! Das war doch allzu frech! Im
nächsten Augenblick aber stürmte der ehrwürdige Herr Pfarrer selbst
den Gartenpfad hinab, als sei er noch ein wilder Bube, und fiel dem
staubbedeckten struppigen Mann, den die Buben im Triumph hereinführten,
um den Hals. Es war ja Dietrich, sein Retter! Ein Junge trug das
Schießgewehr, ein anderer das kurze Schwert, der dritte ein Bündel,
und alle waren bitter getäuscht, als sie die Sachen gleich ablegen
und ihres Weges gehen mußten. Der Herr Pfarrer war doch sonst so brav
und freundlich; warum wollte er nur diesmal die Freude ganz für sich
allein haben? So dachten die Buben. Nun, ihre Zeit würde schon kommen!
Ei, was würde Dietrich für Abenteuer erzählen, wenn man wieder im
Schuppen ums Winterfeuer hockte!
Ihre Hoffnung hat sich auch reichlich erfüllt; nur die Geschichte,
die Dietrich dem Freund erzählte, als er noch spät abends mit ihm im
Studierstüblein saß, erfuhren sie niemals. Selbst Anna hörte sie erst
nach langer Zeit.
»In manch heißem Kampf war ich gewesen«, berichtete Dietrich, »aber
immer mit ziemlich heiler Haut davongekommen. Bei Mühlberg ging's
anders. Mein braves Rößlein ward mir unterm Leibe erschossen; ich
selber blutete aus einer Kopfwunde und erhielt noch tüchtige Schrammen,
als das Roß zusammenstürzte. Es währte eine gute Weile, bis ich mich
aufrappeln konnte. Der Kampf hatte sich in die Ferne gezogen, und ich
war allein. Mit Mühe humpelte ich einem Wässerlein zu, das in der
Nähe rauschte. Da hört' ich im Gebüsch ein Stöhnen, und fand einen
Kriegsmann am Boden liegen, dem der Tod sein Zeichen schon aufgedrückt
hatte. ›Wasser, Wasser‹, ächzte er, sobald er mich erblickte. Ich
füllte mein Becherlein und ließ ihn trinken, wieder und wieder. Es ward
mir nicht leicht, denn 's war einer aus des Feindes Heer und noch dazu
ein Spanier. Du weißt ja, wie die's treiben, und wie verhaßt sie sind.
Aber ich dacht' an die letzte Kinderlehr', die ich mit angehört, wo
du den Spruch: ›Liebet eure Feinde‹, so schön auslegtest. Unheimlich
sah der Kerl aus! Von Todesschweiß feucht hing ihm das pechschwarze
Haar ums gelbe Gesicht, und die Augen traten ihm vor Schmerz und Angst
weit hervor. ›Sterben muß ich‹, ächzte er, ›jämmerlich sterben! Hu,
wie brennt das Feuer schon inwendig!‹ Sein Anblick stieß mich ab, aber
seine Sprache heimelte mich an. Es war die niederländische Mundart, die
mir und dir noch so lieb ist. Es währte noch Stunden, schreckliche,
schauerliche Stunden! Wenn ich Miene machte, ihn zu verlassen, krallte
er seine Hand fest an mein Wams und jammerte entsetzlich. Wasser
konnt' ich ihm endlich nicht mehr holen, da mein von dem stürzenden
Roß gequetschtes Bein stark anschwoll und arg schmerzte. ›Sei doch
ein Mann!‹ sprach ich zu ihm. ›Bedenk' doch, wie viele heut ihr Leben
lassen mußten! Bete zu Gott und dem Heiland, daß Er deine Seele in
Gnaden zu sich nehme!‹ Da schrie er ganz laut auf, und, o Schrecken!
er nannte deinen Namen und den des Goldschmieds! ›Wie kann ich beten‹,
rief er, ›wenn diese zwei mir den Weg zu Gott versperren? Land und Meer
hab' ich durchzogen, um sie zu bannen, aber ganz umsonst! Ueberall
blicken sie mich mit hohlen Augen an!‹«
»So war es Carlos!« sagte Thomas tiefbewegt.
»Er war es! Ich sah ihn ja nimmer; doch hattest du mir von ihm erzählt.«
»Und was tatest du?«
»Ach Thomas! Ich griff nach meinem Messer und wollt's ihm in die Brust
stoßen! Doch war's nur ein Augenblick! Gott wolle mir's vergeben! Dann
kniet' ich dicht zu ihm hin und sagt' ihm alles, was ich wußte von
der Gnade des Heilandes, vom Schächer am Kreuz, und von der Freude der
Engel über einen Sünder, der Buße tut. Was ich etwa für Trostsprüchlein
gelernt hatte, seit ich bei dir bin, die sagt' ich ihm alle. Ich
sagt' ihm auch, daß du gerettet seist, und der Goldschmied in Frieden
gestorben!«
»Und er?«
»Er ward endlich ruhiger und faltete seine Hände. Aber ich ward auch
matt, und zuletzt sank ich um, und die Sinne vergingen mir. Als ich
erwachte, schien der Mond still am Himmel; ein alter Bauer beugte sich
über mich, und freute sich, daß ich wieder zum Leben kam. Der Spanier
aber lag kalt und tot dicht neben mir. Der Alte brachte mich mit Mühe
in seine Hütte, verband meine Wunden und pflegte mich lange Zeit, denn
ein schleichendes Fieber hatte mich ergriffen. Zum erstenmal in meinem
Leben war ich krank! Als ich genas, blieb ich lange schwach und konnte
nicht ans Wandern denken; half nur dem braven Alten ein wenig in seinem
Garten, der arg verwüstet war. Und du siehst ganz bleich aus, Thomas!
Mach', daß du zu Bett kommst und schlaf in Frieden!«
Da schlang der Pfarrer den Arm um des Freundes Hals und sprach:
»Ich danke dir, Dietrich! Du hast mich an meinem Todfeind gerächt, wie
es Christen ziemt. Ob deine Worte in das geängstete Herz gedrungen
sind, weiß Gott allein.«
Ganz geräuschlos, als sei er überhaupt nicht fortgewesen, übernahm
Dietrich all seine verschiedenartigen Geschäfte wieder, wußte die
Dienstleute im Pfarrhause, die es bei Thomas und Anna fast zu gut
hatten, in Respekt zu erhalten, und war Hausfreund und Ratgeber im
ganzen Dorfe. Thomas aber war damit nicht ganz zufrieden.
»Herzensfreund«, sprach er eines Abends zu ihm, als sie noch spät
zusammen im Garten auf und nieder gingen, »es wird nun hohe Zeit, an
dich selbst zu denken. Ein schmucker Bursch bist du immer noch, aber
aus dem Kriege hast du auf deinem Schwarzkopf etliche weiße Haare
mitgebracht.«
»Die sind von der Nacht, da ich des Spaniers Todesangst mit erlebte.«
»Das glaub' ich wohl; aber Zeit ist's, dir selbst eine Heimat zu
gründen. Sieh, ich verdank' dir ja mein Leben! Laß mich dir doch
helfen, ein Häuslein bauen, und führ' eine wackere Bürgerstochter
herein als Ehegemahl. Deiner fleißigen, kunstfertigen Hand wird's an
Gewinn nicht mangeln.«
Ganz erschrocken blickte Dietrich auf. »Das hätt' ich nimmer gedacht,
daß du meiner überdrüssig würdest«, sprach er traurig.
»O Dietrich, sprich nicht so! Ich möchte dich nur glücklich sehen, da
ich so sehr, ach, so sehr glücklich bin! Und sieh, Gottes Wort sagt ja
auch: ›Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will ihm eine
Gehilfin machen, die um ihn sei.‹«
»Als ob ich allein wäre!« rief Dietrich. »Den ganzen Tag geht's bei mir
aus und ein, so daß ich den Riegel vortun muß, wenn ich mal Ruh' haben
will! Und eine Gehilfin? Wozu denn? Sauber instand hält mich dein
Annchen, und mein Essen hab' ich auch bei dir. Und die Jungen reißen
sich drum, wer mir an der Schnitzbank oder beim Schmiedefeuer helfen
darf. Wart' nur, Thomas, 's können noch Tage kommen, wo einer, der
nicht für Weib und Kind zu sorgen hat, übergenug zu tun findet. Nein,
als ich dich im Kahn wusch und kleidete und fütterte wie ein Kindlein,
da hab' ich mich dir gelobt fürs Leben, und dabei bleibt's!«
Da schloß der Pfarrer sein treues Reiterlein in die Arme und ließ es
ungestört seines Weges gehen.
Es war damals eine trübe, sorgenvolle Zeit für das evangelische
Deutschland. Mit unumschränkter Gewalt und eiserner Strenge herrschte
der Kaiser; ja, man sprach davon, er werde seinem Sohne, dem finsteren,
grausamen Philipp, die Kaiserkrone hinterlassen. Wehe dann allen, die
am Evangelium festhielten!
Magdeburg ward immer von neuem aufgefordert, das Interim anzunehmen,
stand aber felsenfest bei Gottes Wort und Luthers Lehre. Da verbreitete
sich die Schreckenskunde, Kurfürst Moritz, vom Kaiser gesandt, ziehe
mit großem Kriegsheer heran, die widerspenstige Stadt zu belagern.
Größer noch, als in der mit starken Mauern und Bollwerk umgebenen
Stadt, war der Schrecken in der Umgegend. In blinder Eile flüchteten
die Landbewohner hinter die schützenden Mauern. Alle Häuser taten sich
gastlich auf, die Heimatlosen zu empfangen, und endlich schlossen sich
die wohlverschanzten Tore vor dem anrückenden Feind.
Auch Thomas hatte mit Anna, die ein halbjähriges Töchterlein in den
Armen trug, als letzter das geliebte Dorf verlassen. Dietrichs Hilfe
aber war unschätzbar gewesen. Von einem Haus zum andern eilend, hatte
er geraten, geholfen, und die Bauern, die alles im Stich lassen
wollten, wacker gescholten.
Aber wenn auch große Mengen von Korn und allerlei Frucht in die
Stadt gebracht, und viel Vieh hereingetrieben worden war, so ward
es doch ein schweres Angst- und Notjahr für die vielen, vielen eng
zusammengedrängten Menschen.
Aber wie stand es um Moritz, der als Liebling und rechte Hand des
mächtigen Kaisers die glaubenstreue Stadt belagerte? Finster und
unbefriedigt ging er einher! Was half es ihm, daß er Kurfürst von
Sachsen war, wenn das ganze Volk ihm entfremdet war und ihn wohl gar
für einen Verleugner des Glaubens hielt? Wer weiß, wie bald es sich
wider ihn empören würde? Und warum ließ der Kaiser trotz aller seiner
Bitten die gefangenen Fürsten noch nicht frei? Dazu mochte ihn sein
Gewissen wohl quälen, daß er so schändlich an seinen Glaubensgenossen
gehandelt. Und was würde aus Deutschland werden, wenn der grausame
Spanier die Herrschaft erhielt? Nein, Karl mußte gedemütigt werden, und
er allein vermochte es zu tun. Durch Verrat am Kaiser wollte er den
Verrat an den Glaubensgenossen wieder gutmachen.
Nach einem Jahr der Belagerung kapitulierte Magdeburg, und Moritz hielt
am 4. November 1551 seinen Einzug. Doch hielt er sich nur kurze Zeit
darin auf und verfuhr mild mit den Einwohnern, da sein Sinn ihn zum
Kampf gegen einen gewaltigeren Feind trieb.
Der Kaiser weilte damals, schwer an der Gicht leidend, in Innsbruck,
ohne Heer und genügende Geldmittel bereit zu haben. Da vernahm er
plötzlich, Moritz, den er mit Gunst und Ehren überladen, wiegele alles
Land gegen ihn auf und ziehe in Eilmärschen nach seinem Zufluchtsort.
In Schnee und bitterer Kälte mußte der kranke, alternde Mann bei Nacht
übers Gebirge fliehen, während sein falscher Günstling ungehindert in
Innsbruck einzog.
Doch konnte er sich dieses Triumphes nicht lange freuen. Schon
zwei Jahre später fand er, gegen seinen Jugendfreund Albrecht von
Brandenburg kämpfend, in der Schlacht bei Sievershausen seinen Tod.
Die gute Stadt Magdeburg erholte sich schnell von den Schäden und
Leiden der Belagerung. Ringsum ward das zertretene und verwüstete Land
wieder angebaut, und auch Thomas' Kirchkinder machten sich rüstig
daran, ihr übel zugerichtetes Dorf wieder wohnlich zu machen. Nur waren
sie gar nicht zufrieden, daß sie ihren Pfarrer nicht wiederbekommen
sollten. Den wollte man in der Stadt behalten und zu hohen Ehren
bringen.
Aber das war nicht nach seinem Sinn. Von klein auf zur Stille und
Zurückgezogenheit geneigt, sehnte er sich wieder hinaus in Wald und
Feld. »Laßt mich ziehen«, bat er mit bewegter Stimme. »Ich bin nicht
ein Mann des Kampfes, sondern des Friedens. Arbeitet ihr heldenmütig
in unseres HErrgotts Kanzlei, streitet in Wort und Schrift für
das Evangelium, daß man's in aller Welt hört! Mich aber laßt den
Einfältigen und Kleinen das Brot des Lebens bringen, wie ich's einst
tat im lieben Fischerdörflein. Es muß ja auch Leute geben, die dies
erwählen!« So ließ man ihn ziehen, und draußen ward er mit Jubel
empfangen.
Noch ein paar Jahre lang gab es viel Streit in weltlichen und
geistlichen Sachen, bis endlich der Augsburger Religionsfriede den
Protestanten im deutschen Lande Glaubensfreiheit brachte. Das war dem
Kaiser im Grunde zuwider, und es war ganz nach seinem Sinn, daß sein
finsterer Sohn Philipp, dem er die Niederlande übergeben, dort mit
Feuer und Schwert gegen die Evangelischen wütete und in wenig Jahren
Tausende hinmorden ließ.
Er selbst legte bald darauf krank und entmutigt die Kaiserkrone nieder
und zog sich in das Kloster St. Just zurück. Man sagt, er habe in
seiner Einsamkeit versucht, viele Uhren zu ganz gleichzeitigem Schlag
und Gang zu bringen. Als es ihm nicht gelang, habe er gesagt: »Ich
kann nicht einmal den Gang dieser Uhren nach meinem Willen lenken, und
meinte doch, den Glauben so vieler Menschenseelen nach meinem Sinne
wenden zu können!«
Thomas ging die Not seines Vaterlandes tief zu Herzen, und Anna
trauerte mit ihm, so oft neue Schreckenskunde eintraf! Mit desto
innigerem Dank gegen Gott blickten sie auf den Wohlstand und Frieden,
den Gott der Dorfgemeinde schenkte. Der Same, den Thomas so eifrig
ausstreute, brachte reiche Frucht, so daß man die kleine Gemeinde
einen Garten Gottes nannte. Dennoch kamen Stunden, da der Pfarrer still
und traurig einherging und Blick und Gedanken ins Weite schweiften.
»Ich weiß, woran der Vater jetzt denkt«, sprach einst Christoph zu
seinem Schwesterlein Elsbeth.
»Ich auch! Ans Fischerdörflein und seine Kinder dort«, erwiderte das
blonde Mägdlein. »Er sagt, die wären noch braver gewesen als wir und
hätten so gut gelernt.«
»Ja, weil sie nichts zu spielen hatten«, meinte Christoph; »wenn man
aber solch wildes Steckenpferd hat, wie mir Dietrich gemacht, vergißt
mans Lernen wohl einmal. Drum hab' ich's jetzt in Stall geschafft, und
's darf nicht eher wieder 'raus, bis ich mein Lied kann.«
»Ich lern' auch!« rühmte sich das Schwesterchen. »Muhme Grete sagt
mir's vor, daß ich zu Weihnachten mit singen kann. Und Mütterchen sagt,
's wird wunderschön, fast so schön wie im Himmel! Aber denke nur; meine
Puppe ist weg! Ich hab' gesucht, Muhme Grete hat gesucht, und lieb
Mütterlein auch! Aber sie ist ganz weg!«
»Da bin ich froh«, erwiderte Christoph lachend. »Zum Gruseln hat sie
ausgesehen mit dem struppigen Wergschopf und der halben Nase!«
»Sie war aber doch mein Kind, und ich hatte sie so lieb! Ach, wenn sie
doch das Christkind wiederbrächte! Vielleicht ganz gesund!«
»Ach was! Puppen sind garstig. Da lob' ich mir Waffen! O, wenn ich
eine Armbrust geschenkt kriegte, da wollt' ich so brav werden wie --
na, wie der Vater!«
»Das wird nimmer«, entschied das Schwesterchen. »Dietrich sagt, der sei
so brav gewesen, so fromm und lieb und fleißig, fast wie ein Engel.«
»Das glaub' ich! So ist er ja noch jetzt. O, ich hab' ihn so lieb, so
lieb! -- Aber weißt? Jetzt wird der Kuchenteig gemacht unten in der
Backstube! Komm, laß uns zusehen! Da fällt schon manchmal ein Rosinlein
ab für uns!«
Ja, Thomas wollte diesmal Weihnachten feiern, wie er's einst im
Fischerdorf getan. Bescheidener Wohlstand war wieder im Dorfe
eingekehrt, Felder und Gärten hatten ihre Frucht gebracht; da durfte
man wohl den Kindern eine Freude bereiten. Wenn er nun in der etwas
engen, dumpfen Schulstube sich mit dem alten Lehrer vereint bemühte,
Verse und Sprüchlein in die kleinen harten Bauernköpfe zu bringen, ach,
da dachte er oft an seinen munteren Hans, an das kluge Mariechen, an
alle, die er damals ~seine~ Kinder genannt! Wie mochte es ihnen
wohl gehen? Waren sie treu geblieben samt ihren Eltern? Gedachten
sie noch seiner oder war er vergessen? Ach, es ist schwer, vergessen
zu sein von solchen, denen man sein ganzes Herz, seine ganze Kraft
hingegeben hat!
Aber am Christabend herrschte eitel Freude im Dorfe und im Pfarrhaus.
Das Wetter war ebenso schön als vor vielen Jahren bei jener ersten
Weihnachtsfeier im Fischerdorf. Selbst von Magdeburg waren etliche
herausgewandert, um das Fest mitzufeiern. Stundenlang hatte Dietrich
in der Kirche gewirtschaftet, gepocht und gehämmert und unzählige
Lichtlein aufgesteckt.
Als Thomas an der Spitze einer weit größeren Schar als damals in das
hellstrahlende Gotteshaus einzog, konnte er nicht mitsingen, da ihm
heiße Tränen über die Wangen liefen, ward aber bald ganz hingenommen
von der herrlichen Feier. Gar lieblich schallten die Gesänge, frisch
und freudig kamen die Antworten, aber ein viel schöneres Kindel ward
gewiegt als damals im Fischerdorf! Hatte es doch Herr Burkhardt im
Herbst aus Nürnberg mitgebracht! Und darüber wölbte sich ein richtiger
kleiner Stall, den Dietrich in seiner Werkstatt gezimmert. Nun wußten
auch die Buben, warum er sie so lange nicht eingelassen hatte. Müllers
blondes Lieschen war für die Kleinen ganz gewiß ein richtiger Engel,
als es Kuchen und Aepfel so freundlich austeilte. Und der fröhliche
Reigen am Schluß wollte gar kein Ende nehmen, weil die Schar so
groß war. Dann aber stimmte groß und klein ein Lied an, das man im
Fischerdorf noch nicht gekannt:
»Vom Himmel hoch, da komm ich her,
Ich bring' euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring' ich so viel,
Davon ich sing'n und sagen will.
Euch ist ein Kindlein heut geborn
Von einer Jungfrau auserkorn,
Ein Kindelein so zart und fein,
Das soll eur' Freud' und Wonne sein.«
Im Pfarrhause war ein langer Tisch gedeckt zum einfachen Abendbrot, da
die Stadtgäste den Rückweg bei Mondschein doch nicht hungrig antreten
sollten. Es waren Burkhardts heranwachsende Knaben, Gottfried und noch
ein fremder junger Mensch mit dunkelm Lockenhaar und gebräuntem Antlitz.
Ehe man sich niedersetzte, trat er auf Thomas zu und fragte:
»Herr Pfarrer, kennt Ihr mich nimmer?«
»Wie sollt' ich? Ihr seid mir ganz fremd.«
»Beinah' wär' ich vorgesprungen«, sprach der Jüngling lächelnd, »und
hätt' mir einen Apfel aus des Engels Korb geholt. Vor zwölf Jahren war
ich der erste, der's wagte!«
»'s ist mein Hans, mein kleiner Hans!« rief der Pfarrer, den errötenden
Jüngling mit den Armen umschlingend und küssend. Auch Grete begrüßte
freudig ihren Liebling.
»Ihr tut mir viel zu viel Ehr' an«, sprach dieser; »aber o, wie lacht
mir's Herz, Euch wiederzusehen! Und so wacker und frisch nach allem,
was Ihr gelitten! Erst in Magdeburg erfuhr ich, daß Ihr lebt.«
»O sage mir, bist du der einzige, der noch meiner gedenkt? Nein, nicht
meiner, sondern der himmlischen Wahrheit, die ich euch lehrte?«
»Der einzige? Wo denkt Ihr hin! Viele, viele gedenken Euer und sind
treu geblieben. Nach Hamburg zogen die meisten, als Ihr uns entrissen
wurdet; etliche auch weit übers Weltmeer. Auch ich hab' mehr auf dem
Wasser gelebt als zu Lande; aber das, was Ihr mir ins Herz gelegt,
hab' ich nimmer vergessen! Als ich jüngst von langer Fahrt heimkam,
waren die Eltern gestorben, und Lotte, meine Schwester, ganz verlassen.
Da nahm ich sie zu mir und wandte mich gen Magdeburg, weil ich hörte,
daß es eine wackere, reiche Stadt sei, wo jeder sein Brot fände für
Leib und Seele. Ich hab' auch gute Arbeit, die mich und die Schwester
reichlich nährt. Aber daß ich Euch gefunden hab', ist doch das Beste!«
Als die Gäste fort, und die Kinder, mit Armbrust und Puppe beglückt, zu
Bett waren, saßen der Pfarrer und seine Frau noch lange beisammen.
»Nun erst bin ich hier so recht glücklich«, sprach Thomas. »O wie
oft hab' ich mich gesehnt, zu wissen, ob meine erste, so angstvolle
Arbeit wohl etliche Frucht gebracht habe! Nun darf ich auch von meinen
Niederländern sagen: ›Hier bin ich, HErr, und die Kinder, die Du mir
gegeben hast!‹«
»Es kann ja nicht anders sein, mein Thomas«, erwiderte Anna. »Wer sich
so ganz seinem heiligen Amt hingibt, wer nicht Ehre, nicht Gut, nicht
behaglich Leben sucht, sondern nur die Seligkeit der anvertrauten
Seelen, wer den Verlorenen so geduldig nachgeht und der Schwachen
wartet, dessen Arbeit muß Gott ja segnen! Aber auch ich kann dir
fröhliche Botschaft bringen. Gottfried trat zu mir, nach seiner Weise
errötend wie ein Mägdlein, und verriet mir ein tiefes Geheimnis. Er
hat Lotte, die Schwester deines Hans, liebgewonnen, obgleich sie erst
wenige Wochen in Magdeburg ist. Nun fragt der gute Junge mich, was er
tun soll! Frau Berta weiß es schon, und will das arme Kind, das nichts
mitzubringen hat als fleißige Hände und ein frommes Herz, mit Freuden
als Tochter annehmen. Da sieht man, wie Gottes Wort den Sinn wendet!«
»So hat uns Gott beiden ein köstliches Weihnachtsgeschenk gesendet, und
weggenommen, was unsere Herzen bedrückte«, erwiderte Thomas. »Horch,
was singt unser Christoph noch in seinem Bettchen?«
»Das hat Er alles uns getan,
Sein' groß' Lieb' zu zeigen an.
Des freu' sich alle Christenheit,
Und dank' Ihm des in Ewigkeit!«
[Illustration]