»Was einmal recht schön war, wird nimmer wieder so schön.« Dieses
Sprichwort traf in bezug auf die Weihnachtsfeier nicht ein, da man
im Kirchlein noch zweimal mit lieblichem Gesang das Kindel wiegte,
und der Engel noch zweimal süße Gaben austeilte; das letztemal sogar
Zuckerkringel, die der Goldschmied aus der Stadt geschickt. Eins der
kleinen Mädchen fragte daheim die Mutter, ob wohl das gute Essen dran
schuld sei, daß der Weihnachtsengel so gar groß geworden wäre.
»Vielleicht ist's heut ein anderer gewesen«, sprach die Frau.
»Nein, nein; es war derselbe! Ich hab' ihn gleich wiedererkannt an den
freundlichen Augen und der holden Stimme!«
Ja, Annchen war sehr gewachsen und viel ernster geworden. Sie hüpfte
und sprang nicht mehr so munter, wie damals bei der Hühnerjagd. Es wäre
auch in dem langen Kleide, das sie nun trug, gar nicht recht gegangen.
Ihr blondes Köpfchen war jetzt mit einer kleinen goldgestickten Haube
geschmückt, und nicht selten hingen die Schlüssel zu Speisekammer und
Keller an ihrem Gürtel, da sie von Frau Berta fleißig in den Geschäften
des Haushaltes geübt ward.
Obgleich sie sich redlich bemühte, im Verkehr mit dem Vater die sonnige
Heiterkeit zu zeigen, die ihm so wohl tat, lastete doch schwere Sorge
auf ihrem jungen Herzen. Kam sie abends in ihr Stübchen, so saß sie
oft noch lange am Fenster und schaute, den Kopf in die Hand gestützt,
gedankenvoll zu dem schmalen Streifen Sternenhimmel empor, der zwischen
den Giebeln der hohen Häuser sichtbar war. Ach, es war wohl gut, daß
lieb Mütterlein dort oben geborgen war im ewigen Frieden, da hier
unten Angst und Furcht herrschte vor etwas Schrecklichem, das früher
oder später kommen mußte! Als ihr Verstand reifte, und ihr Gemüt tiefe
Empfänglichkeit zeigte für das, was Pater Thomas sie lehrte, hatte ihr
der Vater gesagt, daß dies das wahre, seligmachende Evangelium sei,
während man in den Kirchen der Stadt die armen Seelen auf falschen
Weg führe. Sie wußte nun, daß viele ihrer Mitbürger, Männer, Frauen,
ja sogar Kinder um des wahren Glaubens willen eines grausamen Todes
gestorben seien. Hatte auch die Verfolgung in den letzten Jahren ein
wenig geruht, so stand zu erwarten, daß sie bald desto heftiger wieder
ausbrechen werde. Während das liebreiche Mägdlein an sich selbst nur
wenig dachte, zagte sein Herz um den teuren Vater und den geliebten
Lehrer. Auch an Gottfried, dem sie herzlich zugetan war, dachte sie mit
schwerer Sorge.
Ein bestimmter Abend in jeder Woche war besonders angstvoll für das
Mägdlein. Da kamen im Schutz der Dunkelheit (von Straßenbeleuchtung
wußte man damals noch nichts) einige wackere Männer ins Haus, dessen
Tür der Vater selbst öffnete und sorgfältig wieder schloß. Leise
stiegen sie die Treppe empor und verschwanden im großen Saale. Annchen
wußte wohl, was sie dort trieben. Pater Thomas las mit ihnen die
Bibel, die der Vater jetzt in der Landessprache besaß; auch wurden
die Schriften Doktor Luthers eifrig studiert. Sehr leise mußte das
wohl geschehen, da das Kind, als es einst, von unbestimmter Angst
getrieben, ein wenig an der starken eichenen Tür lauschte, auch nicht
das Geringste vernahm.
Der Winter war vergangen, und die Zeit des Umzugs nach dem Schlößlein
nahte heran, doch konnte sich Annchen diesmal nicht so harmlos darauf
freuen wie sonst. Ging doch auch Pater Thomas ernst und sorgenvoll
einher. Wenn auch niemand offen davon sprach, so waren sich doch die
Ernstgesinnten in seiner Gemeinde wohl bewußt, daß er, wenn auch noch
zaghaft, die neue Lehre predigte, die von den Priestern in den Abgrund
der Hölle verdammt ward. Auf der Kanzel tat er es zwar nur vorsichtig,
bekannte sich aber in der Seelsorge desto freier dazu. Freilich ward
nur eine kleine Schar ergriffen von der süßen Lehre des Evangeliums;
bei der Menge ging eben alles zu einem Ohr hinein und zum andern wieder
heraus. Jedenfalls dachte bis jetzt noch niemand daran, den stillen,
freundlichen, wohltätigen Mann an die stolzen Klosterleute zu verraten.
Es lebte sich ja so gut mit ihm! Und wenn man ihn einem grausamen Tode
oder ewiger Gefangenschaft preisgäbe, was würde der Lohn sein? Man
würde doch nur einen feisten, dummen, habgierigen Mönch zum Ersatz
bekommen.
Trotzdem verrichtete Thomas sein Amt mit schwerem, angstvollem Herzen.
Ach, er liebte seine Leute so sehr, die Großen wie die Kleinen; und es
war ihm zumute wie einem Vater, der seine Kinder verlassen soll. Wenn
ihn auch niemand anklagte, so durfte er doch nicht bleiben! Er hatte
ja bisher noch die tägliche Messe gehalten, obgleich ihm immer klarer
ward, daß sie ein Mißbrauch sei. Tat er aber das nicht mehr, so war er
rettungslos verloren, wenn er nicht eilend entfloh. Dazu kam, daß ihn
die gute Grete, so empfänglich sie sonst für die himmlische Wahrheit
war, täglich mit Bitten bestürmte, diesen letzten Schritt noch ein
wenig hinauszuschieben, nur noch ein ganz klein wenig!
Dagegen stärkte er sich an des Goldschmieds Mut. »Gott ist allmächtig;
Er kann uns wohl hindurchretten«, sprach er. »Er kann auch des Kaisers
Herz lenken, daß er die neue Lehre, die er in vielen deutschen Städten,
ja in ganzen Ländern dulden muß, endlich auch hier freigibt. Er muß
doch einmal erkennen, daß sie eine göttliche Kraft ist, der er nicht
widerstehen kann. Laß uns nur immer fester werden in der Wahrheit!
Will es Gott anders, nun, so sterben wir mutig und gehen ein zur
himmlischen Herrlichkeit.«
Wo der Same des Wortes Gottes ausgestreut wird, fällt er immer
auf verschiedenen Acker. So ging es auch im Freundeskreis des
Leutpriesters. Die brave Frau Berta hatte im Anfang gern zugehört,
wenn das Kind ihr die schönen biblischen Geschichten erzählte und so
lieblich von himmlischen Dingen zu reden wußte. Auch Pater Thomas'
Predigten gefielen ihr wohl; es war ja recht und nötig, die rohen
Fischersleute zum Guten zu ermahnen. Als er aber anfing tiefer zu
gehen, und Christum als den Sünderheiland darstellte, der alles, alles
für uns getan und gelitten hat, zog sie sich mehr und mehr zurück.
War doch ihr Leben eigentlich nichts anderes als eine Kette von guten
Werken. Von Jugend auf war sie sittsam, ehrbar, fleißig und wohltätig
gewesen. Niemand sollte ihr diesen Ruhm rauben, auch Pater Thomas
nicht! Schwächen und kleine Fehler hatte man ja, aber dafür opferte man
seine Gebete und ein schönes Stück Geld! Sünder gab's allerdings in
der Welt, Räuber, Mörder, Ehebrecher, nichtsnutzige Faulpelze wie der
Carlos! Für solche wäre des Leutpriesters Predigt passender gewesen,
als für sie, die feine, ehrbare Matrone!
Und nun hielt eine Anzahl braver, angesehener Männer gar noch heimliche
Versammlungen bei ihrem Herrn! Ja, sie kannte sogar den Raum, in dem
die Verblendeten zusammenkamen; keinem war er sonst bekannt! Nimmermehr
würde sie ihren guten Herrn verraten; aber es galt doch, sich
beizeiten zurückzuziehen von einer so gefährlichen Sache. Vor Jahren
hatte sie einmal selbst gesehen, wie man Ketzer gefangen fortführte,
mit Stricken gebunden und einen Knebel im Munde! Wer weiß, wie bald es
wieder so weit kommen würde!
Darum besuchte sie wieder regelmäßig die Messe in der Marienkirche und
sorgte dafür, daß sie auch gesehen ward. Vielleicht wär's das beste,
dem Goldschmied den Dienst aufzusagen! Lag doch im tiefsten Grund ihrer
Truhe ein schwerer Beutel voll Geld, reichlich genug, sich zur Ruhe zu
setzen. Wäre nur ihr Herzblatt, ihr Gottfried, mit ihr eines Sinnes
gewesen! Aber ach, der ging durchs Feuer für die neue Lehre, für seinen
Herrn und besonders für das Kind! Tag für Tag verstrich, ohne daß es
zur Kündigung kam. Wer würde das Essen so kochen, wie es dem Herrn
schmeckte? Wer würde Annchens schönes Haar so gut pflegen? Wer würde
ihr den Hustentee zur rechten Zeit kochen? Ein klein wenig hatte sie
doch die schwache Brust von der Mutter geerbt!
Indessen hatte die warme Frühlingssonne den damals ganz bodenlosen
Schmutz der Landstraßen getrocknet. Der Himmel strahlte so heiter und
blau; Gärten und Felder begannen zu grünen, und in der Stadt war gar
keine Zeit zu ernsten, trüben Gedanken. Alles befand sich in freudiger
Aufregung, da ein Besuch des Kaisers angemeldet war. Alsbald begannen
die großartigsten Vorbereitungen. Auch an des Goldschmieds Hause
sollte der glänzende Zug vorbeikommen, und Frau Berta hatte mit den
Mägden alle Hände voll zu tun mit Vorrichten der Teppiche, die man auf
die Gasse breiten, der seidenen Banner und Bänder, mit denen man die
Fenster und besonders den schönen Erker schmücken wollte, von dem aus
der Hausherr und sein holdes Töchterlein den glänzenden Zug betrachten
wollten. Für Annchen ward ein Kleid von himmelblauem Sammet gefertigt,
dessen geschlitzte Aermel weißen Atlas durchschauen ließen. Das
Leibchen war zwar tief ausgeschnitten, aber Brust und Hals zierlich und
züchtig mit weißem Atlas und kostbaren Spitzen verhüllt.
Freilich wurden diese heiteren Geschäfte durch häuslichen Verdruß etwas
gestört. Carlos, der in der letzten Zeit immer unnützer, träger und
hochmütiger geworden war, verschwand plötzlich ganz spurlos, nachdem
ihm der Goldschmied einen wohlverdienten Verweis gegeben. »Wenn du
dich nicht besser beträgst«, hatte er endlich gedroht, »werde ich
dich während der Festtage in deiner Kammer einschließen, so daß du
von der ganzen Herrlichkeit nichts zu sehen bekommst. Jahrelang trug
ich dein wüstes Wesen mit Geduld; jetzt ist sie zu Ende.« Ein böser,
wilder Blick aus den kohlschwarzen Augen des unnützen Burschen hatte
den milden Herrn fast erschreckt, so daß er begütigend hinzufügte: »Du
bist nun bald ein Mann; so lege doch endlich die kindischen Unarten
ab! Raffe dich auf, sei fleißig und gehorsam, so will ich's noch
einmal mit dir versuchen und dich wieder in die Werkstatt nehmen.
Fährst du aber in deinem bösen Wesen fort, so ist deines Bleibens in
meinem Hause nicht mehr lange.« Da ward des Jünglings Gesicht glühend
rot, er ballte die Faust, wandte sich ab und verließ das Gemach. Am
andern Morgen war er nirgends zu finden, und hatte keine andere Spur
hinterlassen, als ein tiefes Loch in der Wand hinter seinem Bett. Im
Grunde war man froh, ihn los zu sein, und fürchtete mehr als daß man
hoffte, er werde nach den Festtagen, von Hunger getrieben, plötzlich
wieder erscheinen.
Endlich erscholl von Gase zu Gasse der Ruf: »Der Kaiser kommt!« Das
Wetter war günstig. Tiefblau wölbte sich der Himmel über der herrlich
geschmückten Stadt. Auf den Balkonen und in den Erkern harrten
reichgekleidete Patrizierfrauen und holde Mägdlein des Augenblicks,
da sie dem Herrscher einen Gruß zurufen sollten. Schon längst waren
ihm die geistlichen und weltlichen Häupter der Stadt in reichen,
goldgestickten Gewändern auf prächtigen Rossen entgegengeritten.
Endlich, endlich nahte sich der glänzende Zug. Voran des Kaisers
spanische Leibwache, ernst und streng, mit blanken Schwertern in den
Händen. Dann das Geleit der Stadt, und endlich der Kaiser selbst auf
schneeweißem Roß in kleidsamer spanischer Tracht. Ueber ihm und seinen
nächsten Begleitern wölbte sich, von vornehmen Jünglingen getragen, ein
reichgestickter Thronhimmel.
Karl V. stand jetzt im kräftigsten Mannesalter. Hoch und stattlich
saß er zu Roß; seine großen, sonst sehr ernsten Augen blickten
heute lebhaft und heiter umher, und der Mund, dessen etwas zu dicke
Oberlippe der dichte Bart verbarg, lächelte freundlich zu dem Jubelruf
der Menge, der ihn am Tor begrüßte und immer von neuem wiederholt ward.
Hier war er ja in seinem eigenen Erbland, wo er selbständig regierte,
ohne daß ihm irgend ein eigenwilliger Fürst hereinreden durfte. Hier
war ihm auch die Dankbarkeit des Volkes gewiß, dessen Handel zu Wasser
und zu Lande er kräftig schützte, und dessen Wohlfahrt er auf alle
Weise förderte. Es war ja sein Heimatland, dessen Sprache ihm schon das
Herz erwärmte.
Sein Begleiter zur Rechten, ein frischer niederländischer Edelmann,
war offenbar in derselben heiteren Stimmung. Er machte den hohen
Herrn hier und da aufmerksam auf ein neues Gebäude, einen schönen
Brunnen, oder eine Gruppe edler Frauen, die ihn vom hohen Balkon herab
begrüßte. Stets erhielt er eine heitere, wohl gar scherzhafte Antwort
im treuherzigen niederländischen Dialekt.
Eine Weile hatte der hohe geistliche Würdenträger, der zur linken Seite
ritt, dies harmlose Gespräch geduldet. Alle Kleiderpracht verschmähend,
trug er nur die Ordenstracht der Dominikaner; doch hing auf seiner
Brust an schwerer goldener Kette ein prachtvolles goldenes Kreuz, mit
funkelnden Edelsteinen besetzt, das ihm der »heilige Vater« zum Lohn
für seinen Eifer in Verfolgung der Ketzer verliehen. Seinem finsteren
Wesen und seiner Verachtung des Volkes behagte es nicht, daß der
Kaiser so leutselig um sich blickte; darum suchte er ihn in halblaut
geführtes ernstes Gespräch zu ziehen, was ihm auch endlich gelang.
Des Kaisers Blick verdüsterte sich, und seine Züge wurden streng und
hart. Da flog plötzlich ein Kränzlein zarter, frischer Frühlingsblumen
durch die Luft, und blieb, von geschickter Hand geworfen, an dem
kostbaren Zaumschmuck des kaiserlichen Rosses hängen. Lächelnd löste
er es und blickte empor. Da stand im weitgeöffneten Erkerfenster
eines stattlichen Bürgerhauses ein gar liebliches Mägdlein, kaum dem
Kindesalter entwachsen. Es trug ein himmelblaues Sammetkleid, mit
weißem Atlas ausgeschmückt. »Heil, Heil dem Kaiser!« rief es mit
glockenheller Stimme; der mächtige Herr aber nickte ihm freundlich zu
und bewegte grüßend die Hand.
Als der düstere Nachbar gleich darauf sein Gemurmel wieder begann,
wehrte der Kaiser ungeduldig ab. »Nicht jetzt!« sprach er halblaut.
»Erst will ich mich dieses Kränzleins freuen, als eines Liebeszeichens
meiner Niederländer.«
Die Lust und Freude, die sich während der nächsten Tage in der reichen
Stadt entfaltete, war ganz unbeschreiblich. Die sonst so emsige Arbeit
ruhte. Die Maschinen standen still, die Werkstätten waren geschlossen;
arm und reich, vornehm und gering gab sich der Festfreude hin. Während
die Patrizier einander in ihren Häusern köstlich bewirteten, suchte das
Volk seine Lust gern auf den Gassen und freien Plätzen. Auf dem Markte
briet man an großem Feuer einen ganzen fetten Ochsen, um ihn dann der
Menge preiszugeben. Schier unerschöpflich ward roter und weißer Wein
aus mächtigen Fässern gezapft; an die Kinder wurden Brezeln und Kuchen
ausgeteilt. Von hohen Tribünen erklang heitere Musik; alles lachte,
spielte, hüpfte, aß und trank nach Herzenslust. Selbst die Schiffe im
Hafen hatten bunte Wimpel aufgezogen, und geschmückte Kähne schaukelten
sich auf der Flut.
Der aber, um deswillen alles so sang und sprang und sich schmückte,
durfte sich keineswegs ungestörter Freude hingeben. Die Verhandlungen
und Berichte im Rathause verliefen in gutem Frieden. Wenn Karl V.
schwere Steuern von seinen Niederländern verlangte, nun, so hatte
er sich ein Recht dazu erworben, indem er ihnen immer neue Wege
des Handels und Gewinnes öffnete. Darum gab man ihm willig, was er
begehrte. Man konnte es auch, da der Reichtum des Landes, besonders der
Stadt Antwerpen, damals fast unermeßlich war. Auch sonst herrschte gute
Ordnung, Frieden, Fleiß und Treue unter der emsig tätigen Bevölkerung.
Dagegen hatten die Diener, oder vielmehr die Herren der Kirche viel
zu klagen. Ach, die Ketzerei schlich zwar heimlich, aber doch mächtig
durch die gute Stadt! Wohl waren Kirchen und Beichtstühle immer noch
gefüllt mit gehorsamen, gläubigen Seelen, dennoch war ihre Zahl im
Abnehmen, während sich doch die Bevölkerung der Stadt von Jahr zu Jahr
mehrte. Wer sollte aber bei dem steten Ab- und Zuzug der Menge, zu Land
und zu Wasser, die Schafe von den Böcken scheiden? Und welche Menge
von ketzerischen Büchern und Schriften mochten die kühnen deutschen
Kaufleute, die vielleicht heute kamen, um morgen wieder zu gehen,
heimlich unter das Volk verbreiten? War es da nicht die höchste Zeit,
durch die strengsten Gesetze und die emsigste Nachforschung diesem
Uebel zu wehren? --
Obgleich Karl V. kein grausames Herz hatte, wie sein Sohn Philipp II.,
so war er doch ein strenger Herrscher, und dazu ein eifriger Anhänger
der alten Kirche. Daß er die Ausbreitung der Reformation in so vielen
deutschen Städten und Ländern nicht hindern konnte, da mächtige Fürsten
ihr zufielen, war ihm im tiefsten Grunde zuwider. Desto mehr fühlte er
sich verpflichtet, die neue Lehre in seinen Erbländern mit allen nur
möglichen Mitteln im Keim zu ersticken. Redeten ihm doch die Priester
ein, daß er damit ein gutes Werk tue, seine eigenen Sünden bedecke und
den Himmel verdiene!
Fröhlich war er in die gute Stadt eingezogen; finster, schweren Herzens
und ganz in der Stille verließ er sie wieder.
Das wackere Volk aber ahnte bis jetzt noch nichts von der schweren
Gewitterwolke, die sich über ihm zusammenzog. Es ging, als die
Freudentage vorüber waren, mit erneuter Lust an die Arbeit.
Der schlanke, blasse Bursche in guter, aber arg vernachlässigter
Kleidung, der dort mißmutig einherschlenderte, schien zur Arbeit gar
keine Lust zu haben. Mit wilder Gier hatte er sich von einem Genuß in
den andern gestürzt, war fast immer berauscht gewesen, und bemerkte
nun erst mit Schrecken, daß seine Barschaft bald zu Ende sei. Es war
Carlos. Noch wirr im Kopf von dem ganz ungewohnten Genuß des Weines,
voll Wut über die leichtsinnigen Gefährten, die ihm im Würfelspiel
nicht nur sein Geld, sondern auch alle die kleinen Spielereien und
Kostbarkeiten, die er heimlich entwendet, abgewonnen hatten, fühlte
er sich ganz ratlos und elend. Betteln war in der wackeren Stadt nur
den Krüppeln und Altersschwachen erlaubt; wenn er arbeiten sollte,
hätte er ebensogut beim Goldschmied bleiben können! Stehlen war allzu
gefährlich; es brachte zu jener Zeit an den Galgen!
Horch! Tönte da nicht die Stimme eines Ausrufers? Ja, dort stand er,
einen langen Zettel in der Hand, in der Mitte einer schnell wachsenden
Menge. Carlos eilte herbei und horchte gespannt. Was war es doch, das
der Mann mit lauter Stimme vorlas? Warum malte sich auf den Gesichtern
der Zuhörer teils bleicher Schrecken, teils heimlicher Triumph? Es
war ein Gesetz, das im Namen des Kaisers alles Lesen reformatorischer
Schriften, alle Versammlungen zu heimlicher Erbauung, alles Singen
ketzerischer Lieder, ja sogar das Sprechen über die neue, verfluchte
Lehre bei den grausamsten Strafen verbot. Wem aber Leute bekannt seien,
die sich solcher Todsünden schuldig machten, der solle ja nicht zögern,
sie seinem Beichtvater anzuzeigen. Es solle ihm, als ein verdienstlich
Werk, reich belohnt werden.
Da auch die Priester in den Kirchen dies schreckliche Gesetz
verkündeten, ward es bald in der ganzen großen Stadt bekannt, und
machte auf die Bevölkerung, die sich in den letzten Tagen harmloser
Freude hingegeben, einen furchtbaren Eindruck. War doch dadurch der
Feindschaft, der Rachsucht und der Mißgunst Tor und Tür geöffnet!
Wer durfte unter solchen Verhältnissen noch dem Freunde, dem Nachbar,
dem Geschäftsteilhaber trauen? Ein unbedachtes Wort, ein Scherz, das
Lesen einer Schrift, das Singen eines Liederverses konnte ins Verderben
stürzen.
Schwüle Stille herrschte auf den sonst so belebten Gassen. Viele
Werkstätten blieben geschlossen, Fabriken stellten aus Mangel an
Kräften die Arbeit ein; selbst auf der Börse stockte der gewohnte
Verkehr. Dagegen verließen viele fleißige, ehrsame Bürger im Schutz der
Dunkelheit die Stadt, von der mühsam erworbenen Habe nur so viel mit
sich führend, als auf dem Saumroß oder auf dem Wäglein neben Weib und
Kind Raum fand. Auch am Hafen mischten sich begüterte Familien unter
die Schar der Fremden, die dort täglich auf und nieder wogte, um sich
unbemerkt mit einzuschiffen nach irgend einem fernen Land, wo man auf
Religionsfreiheit hoffen durfte.
Indessen ruhten die Feinde nicht. In besonders verdächtigen Häusern
durchsuchten finstere Mönche jeden Kasten, jeden Winkel nach
ketzerischen Büchern. Schon loderten auf öffentlichen Plätzen die
Flammen, die sie verzehrten, während man die unglücklichen Eigentümer
gefesselt in unterirdische Gefängnisse warf wie gemeine Verbrecher.
Auch des Goldschmieds Haus hatte man durchsucht, aber nicht das
geringste Verdächtige gefunden; und der kluge, hochbegabte Mann hatte
so ruhig und geschickt auf alle Fragen geantwortet, daß man ihm nichts
anhaben konnte. Da aber die Feinde mit drohenden, mißtrauischen Worten
das Haus verlassen hatten, schickte er das Kind mit Frau Berta
schleunig heraus ins Schlößlein. Weinend hing Annchen beim Abschied
am Halse des Vaters, als könne sie sich kaum von ihm trennen. Er aber
tröstete sie freundlich:
»Sei tapfer, mein Liebling! Ich hoffe, die Gefahr ist für diesmal
vorüber. Dennoch glaube ich nicht, daß unseres Bleibens hier noch lange
ist; nur noch einiges möchte ich ordnen um deinetwillen, mein Kind.
Je ruhiger ich mein Geschäft fortführe, je offener ich mich zeige,
desto weniger Verdacht wird man schöpfen. Aber höre! Sollte irgend
etwas geschehen, das eilige Flucht nötig macht, so folge willig dem
Boten, den ich dir sende, sei es bei Tag oder Nacht. Hier! Birg dies
Beutelchen mit Goldstücken im Gewand und zeige es niemand, auch Frau
Berta nicht. Sie ist verdrossen und übellaunisch, seit uns Gefahr
droht. Weiber sind furchtsam! Du aber, Töchterlein, sei tapfer und
treu! Hier, mein Sohn Gottfried, geleite das Kind hinaus und befiehl es
Jungfer Grete zum besonderen Schutz. Dann aber kehre schleunig zurück;
es gibt Arbeit für dich.«
Am nächsten Tage schlich Carlos behutsam durch die Gasse, an der das
Haus des Goldschmieds stand. Ob er wohl geflohen war? »O, wenn er doch
geflohen wäre!« rief eine leise Stimme in seinem Herzen. Aber nein!
Die Werkstatt stand offen; die scharfen Augen des Spaniers erkannten
ganz deutlich die hohe Gestalt seines guten Herrn, der emsig schreibend
am Arbeitstisch saß, während Gottfried am Juwelenschrank zu schaffen
hatte. »Nun wohl!« dachte der böse Bube. »Wenn du so kühn bist, deinem
Schicksal zu trotzen, so soll es dich ereilen! O, der dumme Carlos ist
klüger, als du denkst; er weiß dein Geheimnis! Mein letzter Pfennig ist
vertan; die Zeit der Rache ist gekommen!«
Der finstere geistliche Herr, der neben dem Kaiser geritten, war nicht
mit diesem wieder abgereist, sondern im Dominikanerkloster vor dem
Stadttor geblieben, wo Thomas einst glückliche Schuljahre verlebt
hatte. Seit dieser hohe Herr im Kloster weilte, waren die Mönche
plötzlich sehr fromm geworden. Nichts von Behaglichkeit, nichts von
Scherz, Spiel und losem Geschwätz war zu spüren; die leckeren Speisen
und vollen Weinkrüge waren spurlos verschwunden. Jedermann wandelte mit
niedergeschlagenen Augen einher, aufs allerstrengste die Ordensregel
beobachtend. Dagegen strahlte die Kirche im reichsten Schmuck
von Sammet und Seide, von goldenem und silbernem, mit funkelnden
Edelsteinen besetzten Gerät. Herrliche, süße Gesänge erklangen vom Chor
herab, und heute hörte der fremde Heilige selbst die Beichte.
Es dauerte geraume Zeit, ehe er die lange Reihe der Andächtigen
abgefertigt hatte. Er gähnte mächtig in seinem seidenen Lehnstuhl,
und war ganz und gar nicht befriedigt. Statt der vielen Anklagen
auf Ketzerei, die er erwartet, waren nur zwei oder drei erfolgt.
Der biedere, freundliche Charakter der Niederländer neigte wenig
zum Verrat. Da nahte sich noch zuletzt ein blasser Jüngling in
sehr vernachlässigter Kleidung. Er sah hungrig und übernächtig aus
und schien in großer, innerer Erregung. Als er einige kindische
Verfehlungen gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatte, bat
er noch einmal um Gehör und sprach lange in wachsender Erregung. Der
Priester gähnte nicht mehr, sondern horchte gespannt, und seine dunkeln
Augen leuchteten unheimlich, wie die eines Raubtiers, das reiche Beute
wittert. Die Gestalt des Jünglings aber zitterte wie im Fieber, und
kalte Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn, als er seinen Bericht
zu Ende brachte:
»Ich ahnte schon längst, was da oben vorging, konnte aber lange nichts
Sicheres entdecken. Einmal aber, es war im letzten Winter, hatte man
des kalten Windes wegen die dichten Vorhänge zugezogen, und es gelang
mir, unbemerkt hinter einen derselben zu schlüpfen. Zitternd stand ich,
denn wehe mir, wenn man mich entdeckt hätte! Aber die heilige Jungfrau
beschützte mich. Ganz harmlos sah ich sie hereinkommen, sechs an der
Zahl, lauter vermögende, angesehene Männer. Zuletzt den Leutpriester
Thomas, den Goldschmied und meinen untreuen Gefährten Gottfried. Einer
nach dem andern verschwand in der Oeffnung; sie schloß sich, und bald
hörte ich das leise murmelnde Geräusch, das mir aufgefallen war, als
ich vor Jahren meinen Groschen suchte. Im Schutz der nächsten Nacht
entdeckte ich die verborgene Feder, die den Raum erschließt, und bin
bereit, als Führer zu dienen. -- Wie schwer es mir wird, ehrwürdiger
Vater, den zu verraten, dessen Brot ich, wenn auch in Mühsal und
Verachtung, gegessen habe, werdet Ihr mit mir fühlen. Aber der Gehorsam
gegen die heilige Kirche -- --«
»Es ist genug, mein Sohn. Durch Schweigen hättest du dich schwer
versündigt! Aber sage mir, weiß das Mägdlein von der Ketzerei?«
»Gewiß! Seit Jahren hat der Leutpriester ihre junge Seele vergiftet.
Aber sie ist fast noch ein Kind! Wenn's möglich ist, gönnt ihr das
Leben!«
»Wohl! Sie war es, die dem Kaiser das Kränzlein zuwarf; das soll sie
retten. In strenger Zucht frommer Klosterschwestern kann ihre Seele
wohl noch genesen. Du aber melde dich in der Gastherberge; Obdach und
Nahrung soll dir nicht fehlen, bis das Werk vollbracht ist. Morgen
abend sollst du es ausführen helfen. Gehe hin in Frieden!«
In Frieden! Ja, wenn er gesagt hätte, in Qual, Angst, Unruhe und
Schrecken, da hätte er die Wahrheit gesprochen! Das gute Essen, das
man Carlos in der Herberge reichte, verzehrte er gierig, da er sehr
hungrig war. Den Tag über lungerte er in den Höfen umher, allerlei
sehend und hörend, um es im nächsten Augenblick wieder zu vergessen.
Zeitig warf er sich auf sein Lager, wälzte sich aber lange umher, ehe
der Schlaf ihn umfing. Endlich machte sich die Erschöpfung geltend;
die heißen Augen schlossen sich, und bald kam ein Traum geflogen aus
ferner Vergangenheit. Ihm träumte, er sei noch ein kleiner Knabe, und
säße mit Gottfried auf einem Bänkchen am Lehnstuhl von Annchens Mutter.
In die Kissen zurückgelehnt, hielt sie ihr holdes Töchterchen auf dem
Schoß und erzählte den lauschenden Kindern vom Leiden und Sterben des
Heilandes. »Aber einer unter den zwölf Jüngern«, sprach sie, »hieß
Judas, und er war ein Verräter!« Da schwand der Traum; Carlos fuhr vom
Lager empor, und mit dem Schlaf war's vorbei. »Er war ein Verräter!«
klang's um ihn her, wie von tausend Stimmen gerufen, die ganze, lange,
dunkle Nacht! Nun, wenn nur erst alles vorüber war, wollte er diese
Stimme schon zum Schweigen bringen. Fort, weit, weit fort wollte er,
übers unermeßliche Meer nach den Inseln, wo es immer Sommer war, wo
man ohne Arbeit reich ward und die Kinder des Landes unter die Füße
trat! Von einem Genuß zum andern eilend würde er bald alles Vergangene
vergessen. --
Am nächsten Abend ward es zeitig dunkel in der Stadt, da der Himmel
mit schwarzen Wolken bedeckt war, die, vom Sturme gejagt, in wilden,
unheimlichen Gestalten einherflogen. Tiefe Stille herrschte auf den
sonst so belebten Gassen. Kein fackeltragender Diener geleitete seine
geputzte Herrschaft zu festlicher Mahlzeit; kein Mägdlein winkte der
Nachbarin, um ihr in der Haustür ein Geheimnis mitzuteilen; kein
Lautenspiel ertönte vom Balkon; kein junger Bursche stahl sich heimlich
zur Weinschenke. Alles war totenstill, als läge ein Bann auf der Stadt.
Auch des Goldschmieds Haus lag in Ruhe und Dunkelheit. Gottfried,
der noch in der Werkstatt beschäftigt war, hatte den schweren Laden
vorgeschoben, so daß kein Schein seines Lämpchens auf die Gasse fiel.
Die Fenster des Saales im Oberstock befanden sich auf der Rückseite des
Hauses. Lautlos, in dichte Mäntel gehüllt, huschten drei Gestalten die
Gasse entlang und verschwanden in der Haustür, die sich leise öffnete
und schloß.
»Nur drei?« fragte der Goldschmied seine Gäste.
»Ja! Zwei unserer Brüder haben die Stadt verlassen; der dritte ist
furchtsam, vielleicht gar wankend geworden. Auch wir halten's für
besser, eine Zeitlang unsere Versammlungen einzustellen. Heute sind wir
wohl noch sicher, da man dein Haus durchsucht hat. Ist Pater Thomas da?«
»Ja; treu und fest wie immer, beschämt er uns alle.«
Leise stiegen sie die Treppe hinauf und verschwanden im Saale.
Auch im verborgenen Gemach sprach man nur wenig und leise, denn
schwerer Druck lag auf den Gemütern. Thomas aber schlug die Bibel
auf und las die Worte des 56. Psalms: »Wider die Verfolger.« Bei den
Schlußworten erhoben sich die gesenkten Häupter seiner Zuhörer und
ihr trüber Blick hellte sich auf. »Auf Gott hoffe ich, und fürchte
mich nicht; was können mir Menschen tun? Ich habe Dir, Gott, gelobet,
daß ich Dir danken will. Denn Du hast meine Seele vom Tode errettet,
meine Füße vom Gleiten, daß ich wandeln mag vor Gott im Lichte der
Lebendigen.« --
Horch! Was war das? Geräusch im Hause! Es mußte schon stark sein,
wenn man es hier hörte! Nun war wieder alles still. Aber jetzt, o
Schrecken! Jetzt glitt das geheime Pförtchen geräuschlos zurück, und
in der Oeffnung erschien ein totenbleiches, von wirrem schwarzen Haar
umrahmtes Antlitz. Carlos, der Verräter! Im Nu war er hinter seinen
Begleitern verschwunden, und diese, handfeste Klosterknechte, drangen
in den engen Raum, gefolgt von mehreren Mönchen.
»Im Namen des geistlichen Gerichts, ihr seid Gefangene«, rief einer
derselben. »Auf frischer Tat ertappt in verbotener Versammlung, beim
Lesen ketzerischer Bücher! Bindet die Verfluchten, und sammelt die
heillosen Schriften, daß man sie verbrenne.«
Da jeder Widerstand vergeblich, Flucht aber ganz unmöglich war, ergaben
sich alle, bleich und verstört, aber doch mit männlichem Mut in ihr
Schicksal.
»Bald wird unsere Seele wandeln im Lichte der Lebendigen«, sprach der
Goldschmied, die Arme um des Leutpriesters Hals schlingend. »Gott
stärke dich im letzten Kampf, Thomas, mein geliebter Sohn!«
»O wie süß klingt es mir, daß du mich so nennst!« flüsterte der
Leutpriester, dem helle Tränen über die Wangen liefen. »Dein
Töchterlein wird Gott behüten; eine innere Stimme sagt mir's.«
Da riß man sie voneinander, band ihnen die Arme auf den Rücken und
steckte ihnen, als den Sprechern der kleinen Schar, einen Knebel in
den Mund. So schleppte man diese edlen Männer, die zu den Besten und
Vornehmsten der Stadt gehörten, wie gemeine Verbrecher die Treppen
hinab. Im Hausflur stand Carlos, an allen Gliedern zitternd.
»Sprachst du nicht von einem Jüngling?« fuhr ihn einer der Mönche an.
»Wir fanden keinen unter den Verfluchten.«
Der Verräter aber konnte kein Wort hervorbringen; ein Blick des
Goldschmieds hatte ihn vollends aller Fassung beraubt. Da packte ihn
der Mönch und stieß ihn zur Tür heraus. Nun durchsuchte man die unteren
Räume, fand aber alles leer, denn das wenige Gesinde hatte tödlich
erschrocken das Weite gesucht, von Gottfried aber war keine Spur
vorhanden.