5. Der Leutpriester.

Als Thomas und Grete mit ihrem Wäglein im Fischerdorf ankamen, fühlten

sich beide etwas enttäuscht. Obgleich sie keinen feierlichen Empfang

erwartet hatten, hofften sie doch, das Häuschen in sauberem Zustande

zu finden. Aber ach, die Schaffnerin des alten Leutpriesters war

eine Fremde gewesen, die sich die Reinlichkeit und Ordnungsliebe der

Niederländerinnen jedenfalls nicht zum Muster genommen hatte. Ihr alter

dicker Herr war ja nach und nach so stumpfsinnig geworden, daß er gar

nicht mehr merkte, ob Schüssel und Teller gewaschen, ob der Fußboden

gescheuert und die Fenster geputzt waren. Nur aufs Essen und Schlafen

hatte er bis zuletzt gehalten, und der Bierkrug war sein bester Trost

gewesen. Für wen hätte denn da die alte Lotte fegen und putzen sollen?

So war im Laufe der Jahre alles gar jämmerlich vernachlässigt, und der

arme Thomas stand ganz ratlos zwischen dem wackligen, verschwärzten

Hausrat, der dem Kloster gehörte und wohl seit undenklichen Zeiten

nicht erneuert worden war.

Grete aber verlor den Mut nicht so leicht. »Mit Händeringen und Seufzen

ist nichts getan, Pater Thomas«, sagte sie lachend. »Faß tapfer zu,

Brüderlein! Für heut ist's zu spät. Es ist gut, daß ich ein Abendbrot

und saubere Bettstücke mitgebracht habe. Jetzt laß uns essen und

schlafen; morgen aber geht's wacker an die Arbeit. Heut ist Montag;

wenn's Sonntag zur Frühmesse läutet, muß alles blinken und blitzen.«

Das ward eine saure Woche! Allein hätten's die beiden nicht fertig

gebracht; doch wußte man sich Hilfstruppen zu verschaffen. Das

neugierige Kindervolk, das nach und nach am Gartenzaun und am Hoftor

erschien, ward alsbald von Grete in den Dienst gezwungen. Unter den

mitgebrachten Vorräten befand sich ein Sack gedörrter Pflaumen und

Birnen, die sich als Lockspeise und Belohnung gar wohl bewährten.

Blitzschnell verbreitete sich die Kunde davon im ganzen Dorf, so daß

schon am dritten Tage der Andrang der Helfer fast zu groß wurde.

Dennoch gab's Arbeit für alle, da nicht nur das Haus, sondern auch Hof

und Garten in trübseligem Zustande war. Daheim erzählten die Kinder,

wie freundlich Jungfer Grete mit ihnen gescherzt, wie ihnen der Pater

die Hand aufs Haupt gelegt und die Wangen gestreichelt habe.

In der täglichen Messe war das Kirchlein recht leer gewesen, aber

am Sonntag hatte sich alles versammelt, was nicht eben draußen auf

dem Meere zu schaffen hatte. Als Thomas an den kleinen, mit allerlei

seltsamem Schmuck behangenen Altar trat, stießen die Weiber einander

mit den Ellenbogen und flüsterten: »Sie hat das Meßgewand gewaschen!«

»Sie hat auch das große Loch im Aermel geflickt!« Und welch schöne,

klare Stimme hatte der neue Pater! Schade nur, daß kein Mensch

verstand, was er sang und las, weil ja alles lateinisch war.

Als aber der Altardienst beendet war, und der Leutpriester die

Kanzel bestieg, setzten sich nach alter Gewohnheit alle zu einem

Schläfchen zurecht, da sie sich unter einer Predigt ein für allemal

was schrecklich Langweiliges vorstellten. Auch die Reliquien, die der

alte Pater manchmal während der Predigt gezeigt hatte, kannte man schon

lange. Es war ein Knochen des heiligen Sebastian, ein wenig Heu aus

dem Kripplein Christi und ein ganz kleines Läppchen vom Kleide der

heiligen Agnes. Aber horch! Der neue Pater sprach ja gar nicht davon,

daß man Geld geben müsse, daß man fasten, wallfahrten oder gar ins

Kloster gehen solle. Nein, er erzählte eine Geschichte, und zwar von

dem hochgelobten Mariensohn JEsus Christus, von dem man so sehr, sehr

wenig wußte. Als Er noch auf Erden wandelte, war Er einmal an einen See

gekommen, der hieß Genezareth. Da hatten Schifflein am Ufer gelegen,

und die Fischer waren ausgetreten und wuschen ihre Netze. »Ei, das war

ja gerade wie bei uns«, dachte mancher, der sich zum Schlafen gerüstet

hatte, und hob den Kopf wieder empor. Der Leutpriester aber erzählte

weiter:

»Da trat Er in der Schiffe eines, das Simon Petrus gehörte, ließ es

ein wenig vom Lande führen und lehrte das Volk aus dem Schiff. Als

Er aufgehört hatte, sagte Er den Fischern, sie sollten die Netze

auswerfen, damit sie einen Zug täten. Sie hatten zwar die ganze Nacht

gearbeitet, ohne etwas zu fangen; aber weil der HErr Christus so schön

gepredigt hatte, warfen sie auf Sein Wort das Netz noch einmal aus,

und fingen eine große Menge Fische. Da fiel der heilige Petrus vor dem

Gottessohn nieder und rief: ›HErr, gehe von mir hinaus; ich bin ein

sündiger Mensch.‹ Der aber sprach: ›Folge mir nach; ich will einen

Menschenfischer aus dir machen.‹ Da verließ der heilige Petrus alles

und ward JEsu Jünger und der höchste von allen Aposteln, der viele

Fische gefangen, das heißt, viele Menschen ins Himmelreich gebracht hat.

Ich bin kein Petrus«, fuhr der Leutpriester fort, »ich bin nur ein

armer, junger Mann, der noch viel, sehr viel zu lernen hat. Dennoch

spricht heute der Heiland der Welt auch zu mir: ›Ich will dich zum

Menschenfischer machen.‹ Ja, ich soll euch alle lehren, für euch

beten und die heiligen Handlungen am Altar verrichten, damit ihr die

himmlische Seligkeit erlangt.« Und nun versicherte er so freundlich,

wie gern er das alles tun wolle; nur müßten sie auch fleißig zur

Kirche kommen und gern hören und lernen, auch für ihn beten. In aller

ihrer Not sollten sie nur getrost zu ihm kommen; er wolle ihnen so gern

raten und helfen.

Das war den armen Leuten was ganz Neues! Zum alten Leutpriester hatte

sich niemand gern gewagt, es sei denn, daß er ihm Geld brachte für

Seelenmessen oder irgend eine kirchliche Handlung. Geschlafen hatte

diesmal keiner während der Predigt, und alle gingen heim mit der festen

Ueberzeugung, daß der neue Leutpriester eine gute Errungenschaft sei.

Dennoch machten sie ihm in den ersten Jahren das Leben oft recht

schwer, und setzten seinem Wirken Hindernisse in den Weg, an die er nie

gedacht hatte. Ach, er war gar so kindlich, unerfahren und weltfremd!

Die Schule und das Kloster war ja bisher seine Welt gewesen. Zuerst

mußte er lernen, daß fast alle seine Kirchkinder einen ganz andern Gott

hatten als er! Sein Gott war der allmächtige Schöpfer Himmels und der

Erden; der Gott der armen Leutlein war das Geld! Was in der reichen

Stadt unter besserer Bildung, unter allerlei Schönem und Großartigem

verborgen war, das trat hier nackt und häßlich hervor. Um einen

Groschen mehr zu verdienen, nahm man die Kinder aus der Schule, blieb

man fern von Messe und Predigt. Man ließ den Kranken hilflos in der

Hütte zurück; man schleppte den Säugling in Wind und Wetter mit hinaus,

ums Geld! Um des Geldes willen lebten Nachbarn in Feindschaft; um des

Geldes willen kam es zu wildem Streit, zu blutigen Wunden! Sprach

Thomas ein Wort dagegen, so hieß es: »Das versteht Ihr nicht, Herr

Pater! Ihr habt ja weder Weib noch Kind; und was Ihr braucht, fliegt

Euch zu!«

Nun, es war herzlich wenig, was dem Leutpriester zuflog; doch verstand

es Grete zu vermehren. Sie grub den verwilderten Garten um, beschnitt

und düngte die Obstbäume, und baute sogar mit Hilfe des Bruders eine

kleine Laube. Auf dem Hofe spreizte bald ein stolzer Hahn seine bunten

Federn, und muntere Kücklein liefen den Gluckhennen nach.

Im ersten Jahre staunte man das alles verwundert an; im zweiten begann

man es schon nachzuahmen. Die Kinder gruben und pflanzten um die Hütten

her, und bald merkten auch die Alten, wie gut ein Gericht Kohl oder

Salat zum gesottenen Fisch schmeckte, und wie ein Blumenstrauß das

ganze Stübchen freundlich machte. Obgleich nun Thomas sich über dies

alles freute, fühlte er doch, daß es nicht die Hauptsache sei. Nicht

für den Leib seiner Leute sollte er sorgen, sondern für die Seele! Ach,

diese war während der langen Amtsführung seines Vorgängers gar sehr

vernachlässigt worden!

Zuerst ging Thomas in die Schule, da mit den Erwachsenen an Wochentagen

gar nichts anzufangen war. Trübselig saß das kleine Volk über den

Büchern und Schreibtafeln, die Stunde herbeisehnend, da es wieder im

Ufersand waten und in den Wellen plätschern durfte nach Herzenslust. Es

waren nur sehr junge Kinder; die älteren mußten schon beim Fischfang

helfen oder den kleinen Haushalt führen. Der Schulmeister war alt und

kränklich, dazu gar sehr unwissend, kannte auch kein anderes Mittel,

die Kinder zu ziehen, als die Rute. Thomas aber gedachte der Zeit, da

er an Winterabenden zu Muhme Lenes Füßen gesessen und ihren Erzählungen

gelauscht hatte. So begann er zu reden vom schönen Paradiesgarten,

von Adam und Eva, von Kain und Abel, von Noah und den vielen, vielen

Tieren im Kasten. O wie hingen alle die hellen Augen an seinem Munde!

Wie beweinten die Mägdlein den frommen Abel; wie ballten die Buben

die kleinen Fäuste gegen den bösen Kain! Aber ganz umsonst waren die

schönen Geschichten nicht zu haben. Man mußte sie verdienen durch

fleißiges Lernen.

Durch alle Finsternis des Papsttums hatten sich doch noch drei

scheinende Lichter erhalten: die zehn Gebote, das Apostolische

Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. Luther selbst sagt, diese

drei Stücke seien in den Schulen noch gelernt worden, während man in

den Kirchen nichts mehr davon gelehrt habe. So sprach sie auch Pater

Thomas den Kindern fleißig vor, und erklärte sie ihnen so schlicht und

einfältig, daß sie es wohl fassen konnten. Auch beten und singen ließ

er sie; nicht lateinisch, sondern in der trauten Muttersprache, wie

die liebe Muhme ihn gelehrt. Dem alten Schulmeister begegnete er so

freundlich, daß er ihn liebgewann und seinen Worten lauschte, als sei

er selbst noch ein Schülerlein. Die Kinder aber hingen bald wie die

Kletten an dem neuen Leutpriester. Vor dem alten waren sie ausgerissen;

wenn der neue durchs Dorf ging, sprangen sie ihm entgegen, hingen sich

an seine Hände, und er unterhielt sich mit ihnen so eifrig, als seien

es große Leute. Von ihnen erfuhr er auch, daß etwa der Großvater krank

liege, die Ahne blind sei, oder das kleine Brüderchen am Fieber leide.

Wer ihn dann zu dem Kranken führen durfte, war stolz und glücklich.

Selten trat er mit ganz leeren Händen an ein ärmliches Lager. Eine

Frucht, einen Wecken, ein paar Eier oder auch nur ein Blumensträußlein

legte er gar zu gern auf die Bettdecke. Er dünkte sich ja so reich!

Aber da bekam er's mit Grete zu tun. War sie bisher allzusehr als Magd

gehalten worden, so behagte ihr jetzt die Herrschaft desto besser. Daß

ihr kleiner Thomas sich dagegen sträuben werde, hätte sie nie gedacht.

Sie war nicht geizig; gab auch gern, wo sie wirkliche Not sah. Aber nur

so zum Vergnügen heute dies, morgen jenes wegzuschenken, nein, dazu

hatte man's nicht! »Du drehst den Spieß um«, schalt sie den Bruder.

»Sie sollen dir geben, nicht du ihnen!« Aber es half ihr nichts. Der

große Thomas war nicht mehr so fügsam als der kleine. War's nicht zu

arg, daß er ein ganz gutes Bettlaken heimlich aus der Truhe genommen,

die alte gelähmte Katharine selbst aus dem Bett gehoben und es ihr

untergelegt hatte? Und den kleinen Hans hatte er mit Gefahr des eigenen

Lebens aus dem tiefen Wasserloch geholt, in das sich der Bengel aus

reinem Uebermut gewagt! Da hatte sie ernstlich gescholten; Thomas aber

hatte nur dazu gelächelt.

Auch mit seinen Predigten war sie nicht ganz zufrieden; sie kosteten

viel zu viel Zeit und Mühe! Selbst wenn's im Garten haufenweis zu

tun gab, saß er schon am Freitag stundenlang über der lateinischen

Postille, las und schrieb, oder ging mit gefalteten Händen im Stübchen

auf und nieder. Und wieviel Oel verbrannte unnütz, wenn er am

Samstagabend gar nicht ins Bett zu bringen war!

»Du gibst dir viel zu viel Müh' für die dummen Leut'«, sprach sie

endlich. »Mach' dir's doch bequem! Hast schon längst nimmer so rote

Wangen wie ehemals. Erzähl' doch eine Heiligengeschichte; das hören sie

gern! Und wenn du was sagen willst, das sie nicht gern hören, so schilt

ordentlich, daß man so selten zur Messe kommt und allzu knapp gibt.

Dann hast du genug getan. Sieh, es war ja lieblich anzuhören, wie du

letzthin vom Frieden predigtest. Ich hab' helle Zähren dabei geweint.

Na, wir zwei zanken uns ja, gottlob! nimmer. Aber wie macht's das Volk?

Am selbigen Abend war im Dorf der böse Streit, wo es blutige Köpfe gab!

Das hast du von deiner Friedenspredigt!«

Ganz still hatte Thomas die Schwester ausreden lassen. Jetzt stand er

auf, klopfte sie sachte auf die Schulter und fragte lächelnd: »Grete,

wer ist denn eigentlich der Leutpriester, du oder ich?«

Da wurde sie rot und ging in die Küche.

Der Leutpriester blieb nachdenklich zurück. Waren der guten Schwester

seine Predigten zu reich und tief, so schienen sie ihm selbst zu arm

und leer! Jetzt, da er ganz frei war von klösterlicher Zucht und

Umgebung, auch reichlich Zeit und Ruhe hatte zum Sinnen und Nachdenken,

ward alles, was er in früher Jugend von Muhme Lene gelernt, alles, was

er in jener Schrift Johann Wessels gelesen, wieder klar und lebendig in

seinem Herzen. Die Gestalt JEsu, des einigen Heilandes, Erlösers und

Seligmachers, stand oft hellstrahlend vor seinem geistigen Auge. Sollte

er dies herrliche, tröstliche Bild nicht auch seinen Kirchkindern

zeigen? Ach nein, das wagte er nicht! Wen man in der Kindheit allzuoft

dumm, töricht, unnütz und träumerisch gescholten, der behält meist ein

stilles Mißtrauen gegen sich selbst. Ach ja, Thomas hatte von klein

auf vieles bewundert, geliebt und hochgeschätzt, das andere, Klügere,

gering achteten. Wie, wenn es auch jetzt so wäre?

Daß die Kirche einer Erneuerung und Umwandlung bedurfte, war ihm gewiß.

Aber sollte diese nicht vom römischen Stuhle, vom Statthalter Christi,

den man ihm im Kloster fast als einen Gott dargestellt, ausgehen? Was

erzählte man dagegen von dem Wittenberger Doktor für entsetzliche

Dinge! Kein Laster war ja zu groß und zu häßlich, das man ihm nicht

andichtete. Auch verbreitete man Bilder von ihm, da er mit dem Kopf

nach unten von zwei gräßlichen Teufeln in die Hölle gerissen ward.

Und doch verlangte Thomas im stillen danach, einmal eine der vielen

Schriften dieses wunderbaren Mannes zu lesen, dessen Lehre ganze Länder

samt ihren Fürsten zufielen. Es war ihm aber nie eine zu Gesicht

gekommen, und er scheute sich, in der Stadt danach zu fragen. Zwar war

man in letzter Zeit in der Verfolgung der Ketzer etwas matt geworden,

da der Kaiser weit im Süden Krieg führte, und seine Räte allzuviel

mit weltlichen Händeln zu tun hatten, doch trieb das sogenannte

»geistliche Gericht« sein unheimliches Wesen in aller Stille. Hier und

da verschwand ein Mann, eine Frau, ja sogar eine ganze Familie spurlos

aus der Stadt, und die heilige Kirche nahm ohne weiteres Besitz von

ihrem Haus und Gut. Ach, man wußte nur zu wohl, daß, wer so verschwand,

nimmer wiederkehrte; ja, daß es gefährlich war, nach ihm zu fragen!

Er schmachtete in irgend einer andern Provinz im finsteren Kerker, um

endlich eines qualvollen Todes zu sterben. In einer kleineren Stadt mit

abgeschlossener Bevölkerung würde dies unheimliche Verschwinden große

Aufregung erzeugt haben. In Antwerpen aber, wo man an stetes Kommen

und Gehen, an Auswanderung zu Wasser und zu Lande und stets wechselnde

Bevölkerung gewöhnt war, schlossen sich diese Lücken viel leichter.

Dazu war die Scheu vor der geheimnisvollen Macht der Kirche unter dem

Volke noch sehr groß.

Auch dem jungen Leutpriester erschien diese Macht viel zu heilig

und unwiderstehlich, als daß er gewagt hätte, sich ihr offen

entgegenzusetzen. Aber wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

Darum wies Thomas seine armen Leute gar oft zu Christo hin, ohne die

Heiligen als Vermittler dazwischen zu stellen. Noch weniger scheute

er sich an Kranken- und Sterbebetten, der zagenden Seele den einzig

rechten Weg zum Himmel zu zeigen.

Dennoch ließ man ihn in Frieden. Pater Ignatius, der damals Johann

Wessels Buch verbrannt, war bald darauf gestorben; den andern

Klosterbrüdern aber war der Weg zum Fischerdorf zu weit und zu

beschwerlich. Die Fische, die dem Kloster zu liefern waren, trafen

viel regelmäßiger ein als ehemals. Mord und Totschlag war nimmer

geschehen, seit Thomas das Amt führte. Wenn er vierteljährlich im

Kloster erschien, um Bericht zu erstatten, lamentierte er nicht über

allzu knappes Einkommen wie sein Vorgänger, sondern wußte nur Gutes zu

erzählen, so daß der dicke Herr Abt seine Genügsamkeit hoch rühmte.

Dennoch kehrte der junge Leutpriester von diesen Besuchen im Kloster

jedesmal traurig und gedrückt heim. »Ach«, dachte er, »wenn unter

diesen Männern, die man für heilig hält, nur ein einziger wäre, den

ich um Rat und Belehrung bitten könnte! Ich bin zu jung und unwissend,

das Heil so vieler Seelen auf dem Herzen zu haben. Ich hatte es mir

leichter gedacht! Ich wollte, ich wäre niemals geistlich geworden!«

Wenn er aber dann sein Häuschen wiedersah, und die Dorfkinder ihr Spiel

verließen, um ihm entgegen zu springen, gefiel es ihm wieder so gut!

Da der Weg zur Stadt am Schlößchen vorüberführte, hatte Thomas dem

Bau oft etwas zugeschaut, und auch erfahren, daß er dem Goldschmied

van der Groot gehöre. Da war's ihm warm ums Herz geworden, und seine

Wangen hatten sich gerötet. Doch sagte er sich sogleich, daß der

reiche Herr den armen Gärtnerbuben, dem er einst manchmal zugenickt,

längst vergessen haben werde. Und das Mägdlein, das ihn damals geküßt,

schwänzelte wohl schon im seidenen Schleppkleidchen einher; es mußte

ja nun zwölf Jahre alt sein, wenn nicht gar dreizehn. Dennoch suchte

Thomas das Goldstück, das ihm der Herr bei der Hochzeit geschenkt,

hervor, putzte es blitzblank und legte es, in ein sauberes Tüchlein

gehüllt, in den Kasten, wo er sein Schreibgerät verwahrte.

Eines Tages fiel's ihm auf, daß es trotz des schönsten Frühlingswetters

recht still im Dörfchen war und kein Jauchzen spielender Kinder an sein

Ohr drang.

»Wo steckt denn heute das kleine Gesindel?« fragte er Grete, die eifrig

im Garten säete und pflanzte.

»Na, du Bücherwurm«, erwiderte sie, »hast du den Heidenlärm nicht

gehört, als das ganze Chor hier vorbeirannte, hinauf zum Schlößlein?

Hochbepackt mit allerlei Hausgerät sind ja droben zwei Wagen

angekommen. Der Goldschmied wird wohl einziehen.«

»Er selbst wohl nicht. Was sollte dann aus der Werkstatt werden? Ich

hab' gehört, er werde sein Töchterlein herausschicken im Schutz der

ehrsamen Witwe, die es seit dem Tode der Mutter so wohl gehütet. Um uns

wird sich kaum jemand kümmern.«

Aber schon am nächsten Tage klopfte es an Gretes Küchentür, und eine

nettgekleidete Bürgersfrau mit sehr freundlichem Gesicht trat herein,

ein liebliches Mägdlein mit langen blonden Zöpfen an der Hand führend.

Ganz kindlich war das holde Gesichtchen und auch der Anzug, aber

die hohe, schöngeformte Stirn, die großen, sinnigen Augen und der

feine Mund deuteten auf einen lebhaften Geist. Die gute Grete, die

viel Respekt vor Reichtum hatte, verbeugte sich tief und fing schon

an für die hohe Ehre des Besuchs zu danken, als sie von der andern

unterbrochen ward:

»Die Ehr' ist nur bei mir! Ihr seid, denk' ich, des Herrn Paters

Schwester; ich bin nur die Haushälterin des Meisters van der Groot.«

»So tretet doch wenigstens in die Stube«, bat Grete.

»Nein, nein; mein Geschäft paßt eben für die Küche! Die Bank ist ja

schneeweiß gescheuert und gibt Platz für drei! Komm, Annchen, grüße

Jungfer Grete fein und setze dich zu uns.«

Das Mägdlein gehorchte und gewann durch den freundlichen Blick der

schönen Augen sogleich das Herz der guten Grete.

»Ich soll hier wirtschaften den Sommer hindurch mit einer Magd und dem

Gartenknecht«, begann Frau Berta, die Haushälterin. »Es gefällt mir

nur halb! Fürs Kind mag es gut sein, es ist zart und klein für seine

dreizehn Jahre. Aber für den Herrn ist's bös! Ich fürcht', er wird bald

den Kopf hängen wie ein Schilf, wenn ihm sein Trostengelein fehlt. All'

Sonntag will er herauskommen. Da gilt's für ein gutes Essen sorgen,

denn die Woch' hindurch wird er's bald merken, daß die dumme Trine

kocht statt Frau Berta. Na, er will's, also muß es sein! Nun sagt mir

doch, was hier zu kriegen ist für die Küche? Milch, Mehl, Eier und

Butter gibt's doch wohl?«

»Ei freilich«, erwiderte Grete, »und gesottenen Fisch dazu im

Ueberfluß.«

»Ja, soll denn mein Goldkind alle Tag' Fisch essen?« rief die gute

Frau. »Das geht nimmer! Ein gebraten Täubchen muß es haben und dann

wieder ein Huhn, oder ein kräftig Süppchen. O, ich hab's gut gehalten;

's war ja zum Zerblasen elend, als ich's zuerst sah. Grämte sich

allzusehr ums Mütterlein.«

Während nun Grete darzulegen begann, wie der Tisch des kleinen

Fräuleins am besten versorgt werden könne, ward Annchen immer

unruhiger, und ihr Gesichtchen immer röter. Sie mochte gar nicht gern

hören, wieviel Umstände und Mühe man sich um ihre kleine Person machte.

Als endlich die Küchenfrage erledigt war, und Frau Berta anfing zu

rühmen, wie klug das Kind schon sei, fast klüger als ihr einziger

Sohn Gottfried, der doch schon unendlich viel gelernt habe, rutschte

die Kleine flink von der Bank herunter und war, husch, husch! zur Tür

hinaus.

»Laßt sie doch«, rief Grete, als die Pflegerin ängstlich nachlaufen

wollte. »Draußen im Sonnenschein ist's lustiger für das Kind, als

zwischen uns zwei alten Weibern! Seht, da schlüpft es schon in den

Garten. Mein Bruder ist drinnen; der mag Kinder allzu gern!«

»Ja, seht«, fuhr die Gesprächige fort, »von meinem Jungen wollt' ich

erzählen. Das ist ein Prachtbub! Sechzehn Jahre alt und größer als

ich! Und wie klug und geschickt im Handwerk! Meister Groot nannt' ihn

neulich einen kleinen Künstler! Klein ist er ja nimmer, aber noch gar

kindlichen Gemütes. Ihr werdet ihn oft sehen, denn er hält sich auch

Sonntags am liebsten zu seinem Herrn und zu dem Kinde. Der andere aber,

der Carlos, der Spanier, das ist ein Nichtsnutz. Hab' in einer Woche

mehr Verdruß mit ihm, als mir mein Bub im ganzen Jahre macht. Hat rein

nichts gelernt, trotzdem er die Schul' und die Lehre gehabt hat wie

sein Kamerad. In der Werkstatt tat er nur Schaden! Jetzt dient er in

Haus und Hof, macht aber auch da noch viel Verdruß. Der Herr ist allzu

gut: er hätt' ihn längst fortjagen sollen. ›Du nimmst noch ein Ende mit

Schrecken‹, sag' ich oft zu ihm, und, was gilt's, ich behalte recht!«

Nach diesem Herzenserguß vertieften sich die beiden Frauen wieder in

häusliche Angelegenheiten, fanden viel Wohlgefallen aneinander, und

freuten sich schon auf häufige Zusammenkünfte beim Spinnrocken und

Nähzeug. --

»Mach' ja die Gartentür fein zu, daß das Hühnervolk nicht hereinkommt«,

hatte Grete zu dem Bruder gesagt, als er mit Hacke und Rechen bewaffnet

hinausgegangen war. Daß er ein Buch unterm Rocke trug, ahnte sie nicht.

Die vordere Tür gewissenhaft schließend, ging er mit großem Eifer an

die Arbeit, und gönnte sich erst nach einer Stunde ein wenig Rast bei

seinem lateinischen Buche, das auf der Bank in der kleinen Laube lag.

Hier draußen studierte sich's prächtig, besonders am Vormittag, wenn

Grete in der Küche gut aufgehoben war. Gedankenvoll ließ er das Buch

sinken, und den Blick über den Garten schweifen.

Aber was war denn das? Auf den frischbepflanzten Beeten wimmelte es ja

von jungen Hühnerchen, die mit viel Geschick wieder herauskratzten,

was er eben gepflanzt! Vater Hahn und drei Hennen sahen wohlgefällig

dem Zerstörungswerk zu. Wie waren sie nur hereingekommen? Ach, es gab

ja auch noch eine hintere Gartentür, und die hatte Thomas, als er ein

paar Hände voll Unkraut hinauswarf, weit offen gelassen. O weh, o weh!

Was würde Grete sagen? Nun jagte er die Hühner, aber nicht gegen die

offene, sondern gegen die geschlossene Tür, aus einem Winkel in den

andern. Im ganzen Garten rannten sie herum, gerieten sogar über sein

Buch und versuchten es von der Bank zu zerren.

Atemlos vertrieb der Leutpriester die Unverschämten, und bemerkte

plötzlich, daß er einen Kampfgenossen bekommen hatte. Eine helle,

schlanke Gestalt war wie durch Zauberei erschienen, flog wie ein

Vöglein die Wege auf und nieder und wußte mit ihrem buntseidenen

Schürzchen, ja mit den langen Bändern, die ihre blonden Zöpfe

schmückten, die kleine freche Gesellschaft so geschickt zu scheuchen,

daß sie endlich in Reih' und Glied durch die weitgeöffnete Vordertür

abzog. Erhitzt stand das Kind dem Manne gegenüber, faßte sich aber

sofort, neigte sich zierlich und sprach den gewohnten Gruß:

»Gelobt sei JEsus Christ!«

»In Ewigkeit, Amen!« erwiderte Thomas mechanisch.

Er wußte jetzt, wer das Mägdlein war! Vor elf Jahren hatte er ihm die

Rose gebracht, und es hatte ihn geküßt! Ja, wenn er nicht schon heiß

und rot gewesen wäre, würde er's jetzt geworden sein. Aber er war ja

ein geweihter Priester; was ging ihn das Kind an?

»Habet Dank für Eure schnelle Hilfe, Jüngferlein«, sprach er so würdig

als möglich.

»Ich heiße Annchen«, erwiderte die Kleine. »Aber die Beete sind arg

zertreten!«

»Freilich«, seufzte Thomas sorgenvoll; »was ist da zu tun?«

»Glatt machen! Gebt mir nur den Rechen! Ich kann's! Hab's daheim in

meinem winzigen Gärtlein im Hofe oft getan.«

Ja, sie konnt' es so gut und flink, daß Thomas ihr staunend zusah. Als

sie dann mit vereinten Kräften die Pflänzchen wieder eingesetzt, und

sich am Trog die Hände gewaschen hatten, ruhten sie wie gute Gesellen

auf der Bank in der Laube. Das Kind, das in der Küche still und scheu

gewesen war, plauderte jetzt ganz zutraulich, da nichts so schnell

verbindet, als gemeinsame Arbeit. Endlich schlug es sogar das Buch auf,

das neben ihm lag.

»Das kannst du nicht lesen«, sagte Thomas, »es ist ja lateinisch.«

»O doch!« erwiderte die Kleine. »Mein Vater hat längst angefangen,

mich's zu lehren; doch werd' ich im Sommer vieles vergessen. Aber

horcht, Herr Pater; Muhme Berta ruft mich! Sie mag nicht gern warten.«

Noch ein zierliches Knixchen, und das Vöglein flog zum Garten hinaus.

Thomas, der Leutpriester · 第 9 / 17 题