W.“

Nachdem unser Held den Brief Wachramejeffs gelesen hatte, blieb er noch

lange unbeweglich auf seinem Diwan sitzen. Ein neues Licht schien den

dichten, rätselhaften Nebel zu durchdringen, der ihn seit zwei Tagen

umgab. Unser Held fing allmählich an, alles, alles zu begreifen ... Er

versuchte sich vom Diwan zu erheben und einige Male durch das Zimmer zu

gehen, um sich zu ermuntern und seine zerstreuten Gedanken zu sammeln

und sie auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren – um dann

reiflich seine Lage zu überlegen. Aber, als er nun aufstehen wollte,

fiel er kraftlos und ohnmächtig auf seinen Diwan zurück.

„Das habe ich ja alles vorausgefühlt! Aber was schreibt er denn und was

ist der Sinn seiner Worte? Den Sinn verstehe ich noch, aber wohin führt

das alles? Wenn er doch einfach sagte: so ist es und so, verlangt wird

das und das, ich würde es sofort tun! Der ganze Gang der Sache ist ein

so unangenehmer! Wenn es doch bereits Morgen wäre und ich mich der Sache

annehmen könnte! Denn jetzt weiß ich, was ich machen würde. So und so,

sage ich, ich bin bereit, zur Vernunft zu kommen, doch meine Ehre gebe

ich nicht preis, aber ... aber, die bekannte Person, diese unangenehme

Persönlichkeit, wie hat sie sich denn da hineingemischt? Und warum hat

sie sich da hineingemischt? Ach, wenn es doch schon Morgen wäre! Bis

dahin werden sie über mich lästern, gegen mich intrigieren! Die

Hauptsache – nur keine Zeit verlieren! Jetzt, zum Beispiel, sollte ich

da nicht einen Brief schreiben: so und so, und das und das, bin damit

und damit einverstanden. – Und morgen, wenn nur erst die Sonne aufgeht,

oder noch früher ... werde ich von der anderen Seite entgegenarbeiten

und den Burschen zuvorkommen ... Sie werden nur lästern über mich, ja,

und das ist alles!“

Herr Goljädkin griff nach dem Papier, nahm die Feder und schrieb

folgende Antwort auf den Brief des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff:

„Sehr geehrter Herr Nestor Ignatjewitsch!

Mit gekränktem Herzen und voll Verwunderung las ich Ihren für mich

so beleidigenden Brief, denn ich habe wohl verstanden, daß Sie mit

den nicht wohlanständigen, falschen und lügnerischen Personen mich

bezeichnen wollen. Mit aufrichtigem Bedauern sehe ich, wie schnell

und wie tief die Verleumdung Wurzeln gefaßt hat, zum Schaden meines

Wohlergehens, meiner Ehre und meines guten Namens. Und um so

beleidigender ist es, als sogar ehrliche und wirklich wohlmeinende

Leute und hauptsächlich die, welche mit einem offenen und geraden

Charakter begabt sind, sich von dem Leben anständiger Leute abwenden

und an einem anderen und tief verderbten teilnehmen, wie es Menschen

führen, welche in jener Sittenlosigkeit versunken sind, die zum

Unglück unserer Zeit unter uns so schädliche Früchte zeitigt.

Zum Schlusse teile ich Ihnen mit, daß ich es für meine heilige

Pflicht halte, Ihnen meine Schuld von zwei Rubeln unverzüglich

zurückzuerstatten.

Was Ihre Anspielung, sehr geehrter Herr, anbelangt, in bezug auf

eine sehr bekannte Person weiblichen Geschlechts und in bezug auf

die Absichten, Berechnungen und verschiedenen Ränke dieser Person,

so kann ich Ihnen nur sagen, sehr geehrter Herr, daß ich alle diese

Anspielungen bloß halbwegs verstanden habe. Erlauben Sie mir auch,

geehrter Herr, meine anständige Gesinnung und meinen ehrlichen Namen

unbefleckt zu erhalten. Auf jeden Fall bin ich bereit, auf

persönliche Erklärungen einzugehen, da ich die mündliche Erörterung

der schriftlichen vorziehe: Jedenfalls bin ich zu friedlicher,

gegenseitiger Verständigung bereit. Daher ersuche ich Sie, sehr

geehrter Herr, meine Bereitwilligkeit zur persönlichen Aussprache

dieser Person anzuzeigen und sie zu bitten, die Zeit und den Ort des

Zusammentreffens zu bestimmen. Es war mir schmerzlich, mein geehrter

Herr, Ihre Anspielungen zu lesen, als hätte ich Sie beleidigt, Ihre

frühere Freundschaft zu mir verraten, und mich im schlechten Sinne

über Sie ausgesprochen. Ich schreibe alle diese Mißverständnisse

schnöder Verleumdung, dem Neid mir gegenüber zu, und zwar

derjenigen, die ich mit Recht meine erbittertsten Feinde nennen

kann. Aber wahrscheinlich wissen diese nicht, daß die Unschuld durch

sich selbst stark ist, wissen nicht, daß die Unverschämtheit und

Frechheit früher oder später zu einer allgemeinen Verachtung führt,

die sie treffen wird, und daß solche Personen durch ihre eigenen

schlechten Absichten und die Verworfenheit ihres Herzens zugrunde

gehen müssen.

Zum Schluß bitte ich Sie noch, geehrter Herr, jenen Personen zu

sagen, daß ihre sonderbare Anmaßung und ihre unedlen phantastischen

Wünsche und Bestrebungen, andere aus der Stellung zu verdrängen, die

sie durch ihre Verdienste einnehmen, nur Erstaunen und Bedauern

erweckt und sie selbst für das Irrenhaus reif macht. Überdies sind

solche Bestrebungen durch das Gesetz strengstens verboten, was

meiner Meinung nach durchaus gerecht ist, da jeder mit seiner

eigenen Stellung zufrieden sein muß. Alles hat seine Grenzen, und

wenn das ein Scherz sein soll, so ist es ein unwürdiger Scherz, ich

sage mehr: ein unsittlicher Scherz, denn ich versichere Ihnen, mein

geehrter Herr, daß meine Anschauung über die Stellung eines jeden

hier auf Erden auf ethischen Voraussetzungen beruht.

Sämtliche Werke 14 · 第 92 / 102 题