8. Juli.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ihr Büchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten habe, beeile ich

mich, Ihnen zurückzusenden. Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit

Ihnen in diesem Briefe zu verständigen. Es ist nicht gut, mein Kind,

wirklich nicht gut, daß Sie mich in solch eine Zwangslage gebracht

haben.

Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist sein Stand von dem Höchsten

zugeteilt. Dem einen ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem

anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen – jenem, zu befehlen,

diesem, widerspruchslos und in Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal

so, ist genau nach den menschlichen Fähigkeiten so eingerichtet: der

eine hat die Fähigkeit zu diesem, der andere zu jenem, die Fähigkeiten

selbst aber, die stammen von Gott.

Ich bin schon an die dreißig Jahre im Dienst. Ich erfülle meine Pflicht

mit Peinlichkeit, pflege stets nüchtern zu sein, und habe mir noch nie

etwas zuschulden kommen lassen. Als Bürger und Mensch halte ich mich

nach eigener Erkenntnis für einen Mann, der sowohl seine Fehler, wie

auch seine Tugenden besitzt. Die Vorgesetzten achten mich und selbst

Seine Exzellenz sind mit mir zufrieden – wenn sie mir bisher auch noch

keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben haben, so weiß ich doch auch

so, daß sie mit mir zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefällig,

nicht allzu groß, aber auch nicht allzu klein, läßt sich am besten mit

Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls aber befriedigt sie! Bei uns kann

allerhöchstens Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das heißt,

auch der nur annähernd so gut. Mein Haar ist im Dienst allgemach grau

geworden. Eine große Sünde wüßte ich nicht begangen zu haben. Natürlich,

wer sündigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sündigt, und sogar Sie

sündigen, mein Kind! Doch ein großes Vergehen oder auch nur eine bewußte

Unbotmäßigkeit habe ich nicht auf dem Gewissen – etwa daß ich die

öffentliche Ruhe gestört hätte oder so etwas – nein, so etwas habe ich

mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich bei so etwas betroffen. Sogar

ein Kreuzchen habe ich erhalten – doch was soll man davon reden! Das

müßten Sie ja alles wissen, und auch er hätte es wissen müssen, denn

wenn er sich schon einmal an das Beschreiben machte, dann hätte er sich

eben vorher nach allem erkundigen sollen! Nein, das hätte ich nicht von

Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen nicht, Warinka![8]

Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem Winkelchen leben –

gleichviel wie und wo es auch sein möge – ganz still für sich, ohne ein

Wässerchen zu trüben, ohne jemanden anzurühren, gottesfürchtig und

zurückgezogen, damit auch die anderen einen nicht anrühren, ihre Nasen

nicht in deine Hütte stecken und alles durchschnüffeln: wie sieht es

denn bei dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste, hast du

auch alles Nötige an Leibwäsche, hast du auch Stiefel und wie sind sie

besohlt, was ißt du, was trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn

dabei, mein Kind, daß ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter auf

den Fußspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen? Warum muß man gleich von

einem anderen geschwätzig schreiben, daß er mitunter in Geldverlegenheit

sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle Menschen unbedingt Tee

trinken müßten! Sehe ich denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen,

was für ein Stück der Betreffende gerade kaut? Wen habe ich denn schon

so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb andere beleidigen, die einem

nichts Böses getan haben?

Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara Alexejewna, da sehen

Sie, was das heißt: dienen, dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine

Pflicht erfüllen – ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich (was man

da auch immer reden wird, aber sie achten dich doch), – und da setzt

sich nun plötzlich jemand dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne

alle Veranlassung mir nichts dir nichts daran, eine Schmähschrift über

dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines, wie es dort in dem Buche

steht!

Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues angeschafft, so freut

man sich darüber, schläft womöglich vor lauter Freude nicht, wie sonst:

hat man zum Beispiel neue Stiefel – mit welch einer Wonne zieht man sie

an. Das ist wahr, das habe auch ich schon empfunden, denn es ist

angenehm, seinen Fuß in einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz

richtig beschrieben! Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig, daß Fedor

Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen lassen und nicht für sich selbst

eingetreten ist.

Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und schreit manchmal ganz

gern seine Untergebenen an. Aber weshalb soll er denn das nicht dürfen?

Warum soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit unsereinem

anders doch nicht auskommt? Nun ja, sagen wir, er tut es nur um des

Tones willen, – nun, aber auch das ist nötig. Man muß die Zügel stramm

halten, muß Strenge zeigen, denn sonst – unter uns gesagt, Warinka –

ohne Strenge, ohne Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur

seine Stelle haben, um sagen zu können: „Ich diene dort und dort,“ doch

um die Arbeit sucht sich ein jeder, so gut es eben geht, herumzudrücken.

Da es aber verschiedene Ränge gibt und jeder Rang den verdienten Rüffel

in einer seiner Höhe entsprechend abgestuften Tonart verlangt, so ergibt

das naturgemäß verschiedene Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle

durchnimmt, – das liegt nun schon in der Ordnung der Dinge! Darauf ruht

doch die Welt, mein Kind, daß immer einer den anderen beherrscht und im

Zaum hält, – ohne diese Vorsichtsmaßregel könnte ja die Welt gar nicht

bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung? Nein, ich wundere mich

wirklich, wie Fedor Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat

durchlassen können!

Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das nötig? Wird denn jemand von

den Lesern auch nur einen Mantel dafür kaufen? Oder ein neues Paar

Stiefel? – Nein, Warinka, der Leser liest es und verlangt noch obendrein

eine Fortsetzung!

Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich und verkriecht sich,

man fürchtet sich, auch nur seine Nase zu zeigen, weil man davor

zittert, bespöttelt zu werden, weil man weiß, daß alles, was es in der

Welt gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst du, zieht

dein ganzes bürgerliches wie häusliches Leben durch die Literatur, alles

ist gedruckt, gelesen, belacht, verspottet! Man kann sich ja nicht

einmal mehr auf der Straße zeigen! Hier ist doch nun alles so genau

beschrieben, daß man allein schon am Gange erkannt werden muß! Wenn er

sich doch wenigstens zum Schluß geändert und, sagen wir, irgend etwas

wieder gemildert hätte, wenn er zum Beispiel nach jener Stelle, an der

man seinem Helden die Papierschnitzel auf den Kopf streut, gesagt hätte,

daß er bei alledem ein tugendhafter und ehrenhafter Bürger gewesen und

eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient hätte, daß er

den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft seine Pflicht erfüllt (hier

hätte er dann noch ein Beispielchen hineinflechten können), daß er

niemandem Böses gewünscht, daß er an Gott geglaubt und, als er gestorben

(wenn er ihn nun einmal unbedingt sterben lassen wollte), von allen

beweint worden sei.

Am besten aber wäre es gewesen, wenn er ihn, den Armen, gar nicht hätte

sterben lassen, sondern wenn er es so gemacht hätte, daß sein Mantel

wieder aufgefunden worden wäre, und daß Fedor Fedorowitsch – nein, was

sage ich! – daß jener hohe Vorgesetzte Näheres über seine Tugenden

erfahren und ihn in seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen höheren

Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner bisherigen

gegeben hätte, so daß es dann, sehen Sie, so herausgekommen wäre, daß

das Böse bestraft wird und die Tugend triumphiert – die anderen

Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, hätten dann alle das Nachsehen

gehabt!

Ja, ich zum Beispiel hätte es so gemacht: denn so wie er es geschrieben

hat – was ist denn dabei Besonderes, was ist dabei Schönes? Das ist ja

doch einfach nur irgend so ein Beispiel aus dem alltäglichen niedrigen

Leben! Und wie haben _Sie_ sich nur entschließen können, mir ein solches

Buch zu senden, meine Gute? Das ist doch ein böswilliges, ein

vorsätzlich Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach nicht

wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen, daß es einen

solchen Beamten irgendwo geben könnte! Nein, ich werde mich beklagen,

Warinka, werde mich ganz einfach und ausdrücklich beklagen!

Ihr gehorsamster Diener

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 37 / 102 题