Meine liebe Warwara Alexejewna!
Ihr Büchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten habe, beeile ich
mich, Ihnen zurückzusenden. Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit
Ihnen in diesem Briefe zu verständigen. Es ist nicht gut, mein Kind,
wirklich nicht gut, daß Sie mich in solch eine Zwangslage gebracht
haben.
Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist sein Stand von dem Höchsten
zugeteilt. Dem einen ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem
anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen – jenem, zu befehlen,
diesem, widerspruchslos und in Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal
so, ist genau nach den menschlichen Fähigkeiten so eingerichtet: der
eine hat die Fähigkeit zu diesem, der andere zu jenem, die Fähigkeiten
selbst aber, die stammen von Gott.
Ich bin schon an die dreißig Jahre im Dienst. Ich erfülle meine Pflicht
mit Peinlichkeit, pflege stets nüchtern zu sein, und habe mir noch nie
etwas zuschulden kommen lassen. Als Bürger und Mensch halte ich mich
nach eigener Erkenntnis für einen Mann, der sowohl seine Fehler, wie
auch seine Tugenden besitzt. Die Vorgesetzten achten mich und selbst
Seine Exzellenz sind mit mir zufrieden – wenn sie mir bisher auch noch
keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben haben, so weiß ich doch auch
so, daß sie mit mir zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefällig,
nicht allzu groß, aber auch nicht allzu klein, läßt sich am besten mit
Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls aber befriedigt sie! Bei uns kann
allerhöchstens Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das heißt,
auch der nur annähernd so gut. Mein Haar ist im Dienst allgemach grau
geworden. Eine große Sünde wüßte ich nicht begangen zu haben. Natürlich,
wer sündigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sündigt, und sogar Sie
sündigen, mein Kind! Doch ein großes Vergehen oder auch nur eine bewußte
Unbotmäßigkeit habe ich nicht auf dem Gewissen – etwa daß ich die
öffentliche Ruhe gestört hätte oder so etwas – nein, so etwas habe ich
mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich bei so etwas betroffen. Sogar
ein Kreuzchen habe ich erhalten – doch was soll man davon reden! Das
müßten Sie ja alles wissen, und auch er hätte es wissen müssen, denn
wenn er sich schon einmal an das Beschreiben machte, dann hätte er sich
eben vorher nach allem erkundigen sollen! Nein, das hätte ich nicht von
Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen nicht, Warinka![8]
Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem Winkelchen leben –
gleichviel wie und wo es auch sein möge – ganz still für sich, ohne ein
Wässerchen zu trüben, ohne jemanden anzurühren, gottesfürchtig und
zurückgezogen, damit auch die anderen einen nicht anrühren, ihre Nasen
nicht in deine Hütte stecken und alles durchschnüffeln: wie sieht es
denn bei dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste, hast du
auch alles Nötige an Leibwäsche, hast du auch Stiefel und wie sind sie
besohlt, was ißt du, was trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn
dabei, mein Kind, daß ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter auf
den Fußspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen? Warum muß man gleich von
einem anderen geschwätzig schreiben, daß er mitunter in Geldverlegenheit
sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle Menschen unbedingt Tee
trinken müßten! Sehe ich denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen,
was für ein Stück der Betreffende gerade kaut? Wen habe ich denn schon
so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb andere beleidigen, die einem
nichts Böses getan haben?
Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara Alexejewna, da sehen
Sie, was das heißt: dienen, dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine
Pflicht erfüllen – ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich (was man
da auch immer reden wird, aber sie achten dich doch), – und da setzt
sich nun plötzlich jemand dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne
alle Veranlassung mir nichts dir nichts daran, eine Schmähschrift über
dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines, wie es dort in dem Buche
steht!
Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues angeschafft, so freut
man sich darüber, schläft womöglich vor lauter Freude nicht, wie sonst:
hat man zum Beispiel neue Stiefel – mit welch einer Wonne zieht man sie
an. Das ist wahr, das habe auch ich schon empfunden, denn es ist
angenehm, seinen Fuß in einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz
richtig beschrieben! Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig, daß Fedor
Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen lassen und nicht für sich selbst
eingetreten ist.
Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und schreit manchmal ganz
gern seine Untergebenen an. Aber weshalb soll er denn das nicht dürfen?
Warum soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit unsereinem
anders doch nicht auskommt? Nun ja, sagen wir, er tut es nur um des
Tones willen, – nun, aber auch das ist nötig. Man muß die Zügel stramm
halten, muß Strenge zeigen, denn sonst – unter uns gesagt, Warinka –
ohne Strenge, ohne Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur
seine Stelle haben, um sagen zu können: „Ich diene dort und dort,“ doch
um die Arbeit sucht sich ein jeder, so gut es eben geht, herumzudrücken.
Da es aber verschiedene Ränge gibt und jeder Rang den verdienten Rüffel
in einer seiner Höhe entsprechend abgestuften Tonart verlangt, so ergibt
das naturgemäß verschiedene Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle
durchnimmt, – das liegt nun schon in der Ordnung der Dinge! Darauf ruht
doch die Welt, mein Kind, daß immer einer den anderen beherrscht und im
Zaum hält, – ohne diese Vorsichtsmaßregel könnte ja die Welt gar nicht
bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung? Nein, ich wundere mich
wirklich, wie Fedor Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat
durchlassen können!
Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das nötig? Wird denn jemand von
den Lesern auch nur einen Mantel dafür kaufen? Oder ein neues Paar
Stiefel? – Nein, Warinka, der Leser liest es und verlangt noch obendrein
eine Fortsetzung!
Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich und verkriecht sich,
man fürchtet sich, auch nur seine Nase zu zeigen, weil man davor
zittert, bespöttelt zu werden, weil man weiß, daß alles, was es in der
Welt gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst du, zieht
dein ganzes bürgerliches wie häusliches Leben durch die Literatur, alles
ist gedruckt, gelesen, belacht, verspottet! Man kann sich ja nicht
einmal mehr auf der Straße zeigen! Hier ist doch nun alles so genau
beschrieben, daß man allein schon am Gange erkannt werden muß! Wenn er
sich doch wenigstens zum Schluß geändert und, sagen wir, irgend etwas
wieder gemildert hätte, wenn er zum Beispiel nach jener Stelle, an der
man seinem Helden die Papierschnitzel auf den Kopf streut, gesagt hätte,
daß er bei alledem ein tugendhafter und ehrenhafter Bürger gewesen und
eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient hätte, daß er
den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft seine Pflicht erfüllt (hier
hätte er dann noch ein Beispielchen hineinflechten können), daß er
niemandem Böses gewünscht, daß er an Gott geglaubt und, als er gestorben
(wenn er ihn nun einmal unbedingt sterben lassen wollte), von allen
beweint worden sei.
Am besten aber wäre es gewesen, wenn er ihn, den Armen, gar nicht hätte
sterben lassen, sondern wenn er es so gemacht hätte, daß sein Mantel
wieder aufgefunden worden wäre, und daß Fedor Fedorowitsch – nein, was
sage ich! – daß jener hohe Vorgesetzte Näheres über seine Tugenden
erfahren und ihn in seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen höheren
Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner bisherigen
gegeben hätte, so daß es dann, sehen Sie, so herausgekommen wäre, daß
das Böse bestraft wird und die Tugend triumphiert – die anderen
Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, hätten dann alle das Nachsehen
gehabt!
Ja, ich zum Beispiel hätte es so gemacht: denn so wie er es geschrieben
hat – was ist denn dabei Besonderes, was ist dabei Schönes? Das ist ja
doch einfach nur irgend so ein Beispiel aus dem alltäglichen niedrigen
Leben! Und wie haben _Sie_ sich nur entschließen können, mir ein solches
Buch zu senden, meine Gute? Das ist doch ein böswilliges, ein
vorsätzlich Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach nicht
wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen, daß es einen
solchen Beamten irgendwo geben könnte! Nein, ich werde mich beklagen,
Warinka, werde mich ganz einfach und ausdrücklich beklagen!
Ihr gehorsamster Diener
Makar Djewuschkin.