Der Band bringt die ersten Dichtungen Dostojewskis: den Briefroman der
„Armen Leute“ und die Petersburger Geschichte, wie Dostojewski sie
ausdrücklich nannte, vom „Doppelgänger“. Die eine ist in der Reihenfolge
der Werke Dostojewskis mit dem Jahre 1845, die andere mit dem Jahre 1846
verbunden.
Die „Armen Leute“ waren zu ihrer Zeit ein Ereignis: sie wirkten, trotz
Gogol, der vorhergegangen war, wie der Einbruch einer neuen
Literaturrichtung, der naturalistischen, die auf die romantische folgte,
und lenkten mit einem Male die Aufmerksamkeit von ganz Jung-Rußland auf
den neuen Dichter. Heute lesen wir das Werk nicht wegen seines
zeitlichen und literarischen Wertes, den wir in seiner Tragweite kaum
noch verstehen, sondern um des Ewigen und Lyrisch-Mächtigen willen, von
dem es in seiner rührenden Frische und scheuen Menschlichkeit voll ist.
Der „Doppelgänger“, mit den dunklen, unheimlichen und unberechenbaren
Mächten, die wie ein nächtiges Schattenspiel in dem Dichter lebten,
kündete den späteren Dostojewski an: nicht Dostojewski den Idylliker,
der nur selten mehr durchbrechen sollte, sondern Dostojewski den
Fatalisten und Tragiker. Schon in den „Armen Leuten“ war die ungemeine
Psychologie in der Menschenschilderung aufgefallen, aber es war eine
Psychologie der Nähe und Innigkeit gewesen. Jetzt, in dem
„Doppelgänger“, wurde eine Psychologie des Abgrundes und der
Erschütterung daraus, und man ahnte bereits, daß sie zu einer ganzen
Weltanschauung und russischen Menschenanschauung auswachsen konnte. –
Das Doppelgängerproblem selbst lag in der Zeit. Poe hatte ihm im William
Wilson den romantischen Helden gegeben, E. Th. A. Hoffmann in den
Elixieren des Teufels aus ihm eine romantische Aventüre gezogen.
Dostojewski dagegen – und eben dies kennzeichnete ihn so – brachte
dasselbe Problem mit der irren Phantastik zusammen, die das Wirkliche,
das Graue, der Alltag besitzen kann, und ließ es in Wahngebilden aus dem
kranken Hirn eines Menschen steigen, der äußerlich zunächst nicht anders
ist wie Tausende um ihn.