Es war aber von da an nicht mehr auszuhalten mit Frau Behold.
Wahrscheinlich bereitete sich in dieser Zeit schon der furchtbare
Gemütszustand vor, der späterhin ihr Schicksal verhängnisvoll beschloß.
Jedermann scheute sich, mit ihr zu tun zu haben. Kaum hatte sie sich
irgendwo hingesetzt, so sprang sie auch schon wieder auf, um fünf Uhr
früh war sie schon munter, lärmte in den Zimmern und auf den Stiegen und
klopfte Caspar aus dem Schlaf, wobei sie ein solches Gepolter an seiner
Tür machte, daß er mit wehem Kopfe erwachte und den ganzen Tag zu keiner
Arbeit fähig war. Bei Tisch sollte er nicht reden, und wenn er einmal
Widerspruch hielt, drohte sie, ihn beim Gesinde in der Küche essen zu
lassen. Kam ein Fremder und Caspar wurde gerufen, so erging sie sich in
bissigen Wendungen. »Ich bin neugierig, ob Sie aus dem Stockfisch etwas
herausbringen,« sagte sie etwa; »man hat Ihnen sicherlich weisgemacht,
daß Sie ein Unikum von Klugheit an ihm finden werden. Überzeugen Sie
sich doch; sehen Sie zu, ob die arme Seele ein vernünftiges Wort
hergibt.« Solches machte den Gast, wer er auch war, verlegen, und Caspar
stand da und wußte nicht, wohin er schauen sollte.
Wie früher mußten Menschen her, um die Räume des Hauses zu füllen,
Gelächter sollte über die morschen Stiegen hallen und knisternde
Schleppen den Staub der Jahrzehnte abfegen. Aber die Tage waren von den
Nächten so verschieden wie der Ballsaal, wenn die Lichter brennen und
dann, wenn die Leute gegangen sind, der Pförtner die Kerzen auslöscht
und Mäuse über die befleckten Teppiche huschen. In einem solchen Dasein
wächst Schuld wie das Unkraut auf nichtgepflügtem Acker. Große Schuld
kann reinigen in Buße oder Leiden; die kleinen Versäumnisse und
unnennbaren Missetaten, die an vielen Stunden vieler Tage hängen,
zermürben die Seele und fressen das Mark des Lebens auf.
Jedenfalls war Frau Behold eine sehr moralische Natur, weil sie dem
Menschen nicht verzeihen konnte, der ihre Tugend ins Wanken gebracht
hatte, wenngleich nur für eine schwüle Gewitterstunde. Aber lag es bloß
daran? War ihr nicht vielmehr die ganze Welt auf den Kopf gestellt durch
das unerwartete Bild der Unschuld, das ihr der Jüngling dargeboten
hatte? Eine solche umgedrehte Welt war ihr nicht erträglich, um darin zu
leben. Es war ein Raub an ihr geschehen und sie verlangte nach Rache.
Den Freunden Caspars blieb der veränderte Zustand im Hause Behold nicht
verborgen. Bürgermeister Binder war der erste, der mit Nachdruck
erklärte, Caspar dürfe nicht länger dort verbleiben. Daumer unterstützte
diese Meinung lebhaft, und der Redakteur Pfisterle, hitzig und unbequem
wie immer, beschimpfte in seiner Zeitung den Magistratsrat und äußerte
den Verdacht, man wünsche den Findling unschädlich zu machen und die
Stimmen mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, welche die Anrechte seiner
geheimnisvollen Geburt durchsetzen wollten. »Da lebt er, der rätselhafte
Knabe, dem ein unsichtbares Diadem auf der Stirn glänzt, wie ein
einsames Tier, das sich nur mit ein paar schüchternen Sprüngen ans Licht
getraut und, während es über den Acker hüpft, possierlich mit Schwanz
und Ohren wackelt, um seine Feinde zu ergötzen, dabei aber ängstlich
nach allen Seiten spitzt, um bald wieder ins erste beste Loch zu
kriechen.«
So der aufgeregte Schreibersmann. Danach entschlossen sich die
Stadtväter nach mancherlei Beratungen, wie vordem einen Erziehungs- und
Kostbeitrag aus der Gemeindekasse auszusetzen, und weil niemand so wie
Herr von Tucher geeignet schien, dem Elternlosen ein Obdach zu bieten,
legte man ihm die Sache beweglicherweise ans Herz, appellierte an seine
Großmut und an die ausgezeichnete Stellung seiner Familie, deren Name
allein genügen würde, den Jüngling vor gemeinen Verfolgungen zu
schützen.
Herr von Tucher hatte jedoch Bedenken. Das plötzliche Gezeter gegen die
Beholdschen verdroß ihn. »Erst seid ihr froh gewesen, für den jungen
Menschen einen Unterschlupf zu finden, und auf einmal wird hohes
Kammergericht gespielt,« sagte er; »soll ich annehmen, daß es mir besser
ergeht? Ich will nicht Gefahr laufen, daß mein Privatleben von oben bis
unten beschnüffelt wird, ich will nicht jedem müßigen Hahn erlauben,
sein Kikeriki in meinen Frieden zu krähen.«
Auch die Familie, besonders seine Mutter, erhob Einspruch und warnte
ihn, sich in Abenteuer zu begeben. Es hieß sogar, die alte Freifrau habe
dem Sohn einen unangenehmen Auftritt bereitet und ihm gesagt, wenn er
den Hauser zu sich nehmen wolle, möge er nur dessen Unterhalt aus
Gemeindekosten bestreiten, sie gebe keinen Groschen dafür her.
Aber Herr von Tucher war ein Pflichtmensch. Er fand, daß es seine
Pflicht sei, Caspar aufzunehmen. Da er in ihm schon einen halb
Verlorenen sah, stellte er sich vor, daß er damit einen unglücklich
Irrenden wieder auf die gebahnten Wege des Lebens führen könne. Der gute
Caspar ermangelt vielleicht nur einer männlich-kräftigen Hand, sagte er
sich; die Faseleien von Übernatur und Ausnahmswesen, das beständige
Bestarrt- und Bewundertwerden, alles das war ihm verderblich;
Einfachheit, Ordnung, überlegte Strenge, kurz, die Prinzipien einer
gesunden Zucht werden ihm heilsam sein. Probieren wir's!
Herr von Tucher hatte sich also hier eine Aufgabe gestellt, und das war
das wichtigste. Er erklärte: »Ich bin bereit, den Findling zu betreuen,
knüpfe jedoch die Bedingung daran, daß man mich in allen Dingen gewähren
und daß niemand, wer es auch sei, sich einfallen läßt, mich in meinen
Plänen zu beeinträchtigen oder in irgendwelcher Absicht zwischen mich
und Caspar zu treten.«
Natürlich wurde das zugesagt und versprochen.
Kaum hatte Frau Behold gehört, was sich hinter ihrem Rücken abspielte,
so beschloß sie, den Ereignissen zuvorzukommen. Sie wartete eine
Nachmittagsstunde ab, während welcher Caspar nicht zu Hause war, ließ
alles, was sein Eigentum war, Kleider, Wäsche, Bücher und sonstige
Gegenstände, in eine Kiste werfen und diese ohne Deckel auf die Straße
stellen. Dann sperrte sie selber das Tor zu und lehnte sich befriedigt
lächelnd zum Erkerfenster des ersten Stockwerks heraus, um auf Caspars
Rückkehr zu harren und die Verblüffung des angesammelten Volkes zu
genießen.
Caspar kam bald; er wurde von seinem Leibpolizisten über das
Vorgefallene belehrt, und indes der Mann von Amts wegen aufs Rathaus
trollte, um Meldung zu erstatten, lehnte sich Caspar gegen seine Kiste
und schaute hin und wieder verwundert zu Frau Behold hinauf. Es dauerte
gute zwei Stunden, bis man sich auf dem Rathaus entschieden hatte, was
zu tun sei, und Herr von Tucher benachrichtigt worden war. Währenddem
fing es an zu regnen, und hätte nicht ein gutmütiges Marktweib einen
Hopfensack herbeigebracht, mit dem sie die Kiste bedeckte, so wäre
Caspars ganzes Hab und Gut durchnäßt worden. Endlich zeigte sich der
Polizist wieder in Begleitung eines Tucherschen Bedienten; sie brachten
ein Handwägelchen mit und schleppten die Kiste hinauf. Nun ging's fort,
und ein einfältig schwatzender Haufen Menschen folgte bis in die
Hirschelgasse ans Tucherhaus.
Es begann nun wieder ein ganz neues Leben für Caspar. Vor allem hörte
der Besuch der Schule auf und anstatt dessen kam zweimal täglich ein
junger Lehrer ins Haus, ein Studiosus namens Schmidt. Sodann wurde jedem
unberufenen Fremden die Tür verriegelt. Ferner wurde das Reiten nicht
mehr gestattet. »Derlei Übungen sind für Aristokraten und reiche Leute,
nicht aber für einen Menschen, der zu bürgerlichem Brotverdienst erzogen
werden muß und sicherlich einst darauf angewiesen sein wird, sich mit
seiner Hände Arbeit durchzuschlagen,« sagte Herr von Tucher.
Daraus war ersichtlich, daß er den Redereien von vornehmer Abstammung,
die im Lauf der Zeit keineswegs verstummt waren, nicht die mindeste
Bedeutung zumaß. »Die gegebenen Verhältnisse sind schwierig genug,«
erwiderte Herr von Tucher, wenn man ihn nur auf eine Möglichkeit dieser
Art hinwies; »ich bin durchaus nicht gesonnen, einem solchen Phantom,
und mehr ist es nicht, meine Grundsätze zu opfern.«
Herr von Tucher war ein Mann, der unerschütterlich an seine Grundsätze
glaubte. Grundsätze zu haben, war für ihn das erste Element des Lebens,
nach ihnen zu handeln, ein selbstverständliches Gebot. Es gehörte zu
diesen Grundsätzen, daß er von Anfang an eine Entfernung zwischen sich
und Caspar schuf, die den Respekt sicherte. Vertrauliche Beziehungen
waren ohnehin seine Sache nicht; Gefühle zu zeigen, war ihm verhaßt; die
aufrechte Haltung, der gemessene Gang, der kühle Blick, die
Tadellosigkeit in Kleidung und Manieren kennzeichneten auch ganz und gar
sein Inneres.
Strenge erschien ihm wichtig; er zeigte Caspar ein strenges Gesicht. Die
oberste Maxime war: sich nicht rühren lassen. Daneben war es billig, für
erfüllte Pflicht Anerkennung zu gewähren. Die Stunden vom Morgen bis zum
Abend waren aufs genaueste eingeteilt. Am Vormittag der Unterricht, dann
ein Spaziergang unter Aufsicht des Dieners oder Polizisten, am
Nachmittag beschäftigte sich Caspar allein. Neben seiner Stube war eine
kleine Kammer als Werkstätte eingerichtet, und wenn er die Aufgaben
beendigt hatte, verfertigte er allerlei Tischler- und Papparbeiten, wozu
er viel Geschick bewies. Auch an Uhren und deren Zerlegung und
Zusammensetzung fand er Freude. Sein Betragen befriedigte Herrn von
Tucher vollkommen. Er konnte nicht umhin, den eisernen Fleiß des
Jünglings und seinen hartnäckigen Lern- und Bildungseifer zu bewundern.
Es gab nicht Widerspruch noch Auflehnung, niemals tat Caspar weniger,
als von ihm gefordert wurde. Ganz klar, man hat mich falsch berichtet,
dachte Herr von Tucher, die Leute, die bisher um ihn waren, haben ihn
nicht zu behandeln gewußt, zum erstenmal erfährt er den Segen einer
folgerechten Leitung.
Die Grundsätze triumphierten.
Das häufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm, aber im
Verlauf der Zeit wurde ihm doch fühlbar, daß dem ein Zwang obwaltete,
und er hörte auf, die Gelegenheiten zu fliehen, die ihm Zerstreuung und
Unterhaltung versprachen. Wenn auf der sonst so öden Hirschelgasse Lärm
entstand, riß er das Fenster auf und lehnte erwartungsvoll über den
Sims, bis es wieder stille war. Es brauchten nur zwei alte Weiber
schwatzend stehenzubleiben, gleich war unser Caspar auf dem Posten und
lauschte. Er wußte genau, um welche Zeit die Bäckerjungen am Morgen vom
Webersplatz herkamen, und ergötzte sich an ihrem Pfeifen. Sobald der
Postillon am Laufertor sein Horn blies, unterbrach er die Arbeit und
seine Augen glänzten. So machte ihn auch jedes Geräusch aus dem Innern
des weitläufigen Hauses stutzig, und nicht selten lief er zur Tür,
öffnete den Spalt und horchte aufgeregt, wenn er eine Stimme vernommen
hatte, die unbekannt klang. Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam;
sie sagten, er sei ein Türenhorcher und lege es darauf an, sie dem Baron
zu verklatschen.
Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung; er
schritt fast auf Zehen über die Korridore, etwa wie man in der Gegenwart
eines vornehmen Herrn leise spricht. In stolzer Zugeschlossenheit
thronte der Bau abseits vom Getriebe, und wer Einlaß heischte, mußte
sich von einem langbärtigen Pförtner besichtigen und befragen lassen.
Die Mauern waren so gewaltig in die Erde gebohrt, Fassade, Dach und
Giebel so majestätisch gefügt und verwachsen, als hätten altverbriefte
Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem Ansehen
verholfen. Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge
gern am Abend, wenn die feinverschnörkelten Formen, durchglüht von
bläulichem Dunst, sich ineinanderwirkend zu beleben schienen.
Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen
Scheitel über einem pergamentenen Gesicht. Es war die alte Freifrau, die
sich sonst ihm niemals zeigte. Man sagte ihm, daß sie von schwacher
Gesundheit sei und ängstlich das Zimmer hüte. Dies Fremdsein Wand an
Wand erregte sein Nachdenken. Allmählich wurde es ihm klar, daß er unter
lauter fremden Menschen herumging und von der Mitleidsschüssel speiste.
Einer nahm ihn und nährte ihn; da kam ein Wagen, und er wurde geholt.
Ein andres Haus; eines Tages wirft man sein Zeug auf die Gasse: wieder
woandershin.
Wie ging das zu? Andre lebten ständig an ihrer Stelle, kannten ihr Bett
von Kindheit an, keiner durfte sie losreißen, sie hatten Rechte. Das war
es, sie hatten angestammte und gewaltige Rechte. Es gab Arme, die um
Geld dienten, die zu den Füßen derer lagen, welche man als reich
bezeichnete, selbst die standen irgendwo fest auf der Erde, hielten
irgend etwas fest in den Händen, sie verrichteten eine Arbeit, man
bezahlte sie für die Arbeit und sie konnten hingehen und sich ihr Brot
kaufen. Der eine machte Röcke, der zweite Schuhe, der dritte baute
Häuser, der vierte war Soldat, und so war einer dem andern Schutz und
Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank. Warum konnte man sie
nicht wegreißen von der Stelle, wo sie hausten?
Darum war es, ja, darum war's: weil sie eines Vaters und einer Mutter
Sohn waren. Das hielt einen jeden. Vater und Mutter trugen jeden zur
Gemeinschaft der Menschen und zeigten somit allen andern an, woher er
gekommen sei und was er sein wollte.
Das war es, Caspar wußte nicht, woher er gekommen sei; aus irgendeinem
unentdeckbaren Grund war er, er ganz allein vaterlos, mutterlos. Und er
mußte es herausbringen, warum. Er mußte zu erfahren suchen, wer und wo
sein Vater und seine Mutter waren, und vor allem mußte er hingehen und
sich seinen Platz erobern, von dem man ihn nicht vertreiben konnte.
An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn
tief in sich gekehrt. Zwei- oder dreimal wöchentlich pflegte Herr von
Tucher nach beendetem Tagewerk seinen Zögling zu besuchen, um sich ein
wenig mit ihm zu unterhalten. Es lag dies im Schema des
Erziehungsplanes. Das Prinzip verlangte aber von Herrn von Tucher, daß
er eine würdevolle Unnahbarkeit bewahre; das Prinzip zwang ihn, auf die
Freuden eines natürlichen Verkehrs zu verzichten. Und wenn es ihm auch
manchmal schwer wurde, solche Überwindung zu üben, sei es durch ein
eignes Bedürfnis, sich mitzuteilen, oder weil ein stumm forschender
Blick Caspars an sein Herz faßte, es gab kein Schwanken, das Prinzip,
grimmig wie ein Vitzliputzli, verstattete nicht, daß man die Grenze der
Zurückhaltung mehr als nützlich überschreite.
Wie er aber Caspar so gewahrte, verborgenem Sinnen hingegeben, ergriff
ihn der Anblick doch und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen
Klang an, als er den Jüngling um die Ursache seines Nachdenkens
befragte.
Caspar überlegte, ob er sich aufschließen dürfe. Wie bei jeder
Gemütsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch
durchzuckt. Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen
Geste die Haare von der einen Wange gegen das Ohr zurück und fragte mit
einem Ton aus innerster Brust: »Was soll ich denn eigentlich werden?«
Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich. Er machte eine Miene,
als wolle er sagen: die Rechnung stimmt. Darüber habe er auch schon
nachgedacht, erwiderte er; Caspar möge ihm doch sagen, wozu er am
meisten Lust habe.
Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin.
»Wie wäre es mit der Gärtnerei?« fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort.
»Oder wie wäre es, wenn du Tischler würdest oder Buchbinder? Deine
Papparbeiten sind ganz vortrefflich, und du könntest das
Buchbindergewerbe in kurzer Zeit erlernen.«
»Dürft' ich dann alle Bücher lesen, die ich einbinden soll?« fragte
Caspar versonnen, der so geduckt saß, daß sein Kinn die Tischplatte
berührte.
Herr von Tucher runzelte die Stirn. »Das hieße eben den Beruf
vernachlässigen,« antwortete er.
»Ich könnte ja auch Uhrmacher werden,« sagte Caspar; er hatte in diesem
Augenblick eine ziemlich überspannte Vorstellung von einem Uhrmacher; er
sah einen Mann, der im Innern hoher Türme steht und den Glocken zu
läuten befiehlt, der goldene Rädchen ineinander fügt und durch einen
Zauberspruch die Zeit unsichtbar macht und in ein winziges Gehäuse
bannt. Überhaupt mit solchen Namen war es schwer; nicht sein Wollen lag
dahinter, sondern ein unbegreiflich verwickeltes Bild des ganzen Lebens.
Herr von Tucher, voll Argwohn, als wurzle in dem Gehaben Caspars doch
kein wahrer Ernst, erhob sich und sagte kalt, er werde sich die Sache
überlegen.
Am nächsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen. »Ich
bin nun mit Bezug auf unser gestriges Gespräch zu folgendem Entschluß
gelangt,« sagte der Baron; »du bleibst das Frühjahr und den Sommer über
noch in meinem Haus. Wenn du fleißig bist, kann deine Ausbildung in den
Elementarfächern bis zum September beendet sein, dessen versichert mich
auch Herr Schmidt. Damit nun der Tag ein ununterbrochenes Ganzes für
dich wird, sollst du des Mittags nicht mehr mit mir essen, sondern alle
Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen. Ich werde bald mit einem
anständigen Buchbindermeister sprechen; wir wissen dann, woran wir sind.
Bist du's zufrieden, Caspar? Oder hast du andre Wünsche? Nur frisch
heraus mit der Sprache, du kannst noch immer wählen.«
Ein flüchtiger Schauer lief Caspar über den Rücken. Er schüttelte sich
ein wenig, setzte sich nieder und schwieg. Herr von Tucher wollte ihn
nicht weiter bedrängen, er wollte ihm Zeit lassen. Eine Weile ging er
hin und her, dann nahm er vor dem Flügel Platz und spielte einen
langsamen Sonatensatz. Es geschah dies nicht aus zufälliger Laune; am
Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr abends spielte Herr von
Tucher Klavier, und da der Kuckuck der Schwarzwälderuhr soeben sechs
gekrächzt hatte, wäre eine Versäumnis sehr gegen die Regel gewesen.
Es war eine ziemlich schwermütige Melodie. Für Caspar war dergleichen
eine Qual; so gern er Märsche, Walzer und lustige Lieder hörte -- die
Anna Daumer, die kann spielen, sagte er immer --, so unbehaglich war ihm
bei solchen Tönen. Als Herr von Tucher den Schlußakkord des Stückes
angeschlagen hatte, sich auf dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend
anschaute, dachte er, er solle sich äußern, wie es ihm gefalle, und er
sagte: »Das ist nichts. Traurig kann ich von alleine sein, dazu brauch'
ich keine Musik.«
Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Höhe. »Was maßest du dir
an?« entgegnete er ruhig. »Ich habe kein musikalisches Urteil von dir
verlangt, und ich habe nicht den Ehrgeiz, deinen Geschmack in dieser
Hinsicht zu veredeln. Im übrigen geh auf dein Zimmer.«
Caspar war es ganz lieb, daß er nicht mehr mit dem Baron zu essen
brauchte. Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig
und lästig. Vieles entzückte ihn an diesem Manne, besonders seine Ruhe
und sein sachtes Sprechen, das überaus Reinliche seines Körpers, die
porzellanweißen Zähne und vor allem die rosigen gewölbten Nägel der
langen Hände. Er kannte viele Leute mit blassen Nägeln und mißtraute
ihnen; blasse Nägel erweckten ihm die Vorstellung des Neides und der
Grausamkeit.
Doch immer hatte Caspar das Gefühl, als ob Herr von Tucher auf
irgendwelche Art schlechte Nachrichten über ihn erhielte und sich davon
betören lasse; es war ihm manchmal, als müsse er ihm zurufen: es ist ja
alles nicht wahr! Aber was? Was sollte nicht wahr sein? Das wußte Caspar
nicht zu sagen.
In seiner Einsamkeit war ihm zumute, als seien die Menschen seiner
überdrüssig und gingen damit um, sich seiner zu entledigen. Er war
voller Ahnungen, voller Unruhe. In Nächten, wo der Mond am Himmel stand,
verlöschte er die Lampe früher als sonst, setzte sich ans Fenster und
verfolgte unverwandt die Bahn des Gestirns. An Vollmondtagen ward er
häufig unwohl, es fror ihn am ganzen Leibe, erst der Anblick des Mondes
selbst nahm den Druck von seiner Brust. Er wußte, von welchem Dach oder
zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe emporsteigen müsse, hob sie
wie mit Händen aus der Tiefe des Himmels heraus, und wenn Wolken da
waren, zitterte er davor, daß sie den Mond berühren könnten, weil er
glaubte, das strahlende Licht müsse befleckt werden.
Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu
lauschen. Eines Morgens erhob er sich während des Unterrichts plötzlich,
ging zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Herr Schmidt, der
Studiosus, ließ ihn gewähren, als es aber zu lange dauerte, rief er ihn
zurück. Caspar richtete sich auf und schloß das Fenster, sein Gesicht
war so bleich, daß der Studiosus besorgt fragte, was ihm sei.
»Mir war, wie wenn jemand käme,« versetzte Caspar.
»Wie wenn jemand käme? Wer denn?«
»Ja, wie wenn mich jemand unten gerufen hätte.«
Der Studiosus fand dies wunderlich. Er dachte eine Weile nach und hätte
gern eine Frage gestellt. Es war da neuerdings in der Stadt viel von
einer seltsamen Geschichte die Rede, die Caspar betraf oder auf ihn
gedeutet wurde und die in allen Journalen, auch draußen im Reich, des
langen und breiten durchgehechelt wurde. Aber weil Herr von Tucher dem
Studiosus aufs strengste verboten hatte, mit Caspar jemals über solche
Dinge zu sprechen, nahm er sich zusammen und schwieg.
Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit, alle Zeitungsblätter, die
ihm in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen
wußte -- denn Herr von Tucher fürchtete von dieser Seite her
Beeinflussungen mit gutem Grund --, aufs genaueste durchzulesen. Hin und
wieder geschah es, daß er irgendeine Nachricht, eine Mitteilung über
sich selbst entdeckte, und obgleich er noch nie etwas Wesentliches
gefunden hatte, bekam er jedesmal Herzklopfen, sobald er nur seinen
Namen gedruckt sah. Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegespräch mit dem
Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der
»Morgenpost« in die Hände, und beim Lesen fand er folgende eigentümliche
Erzählung:
Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine
schwimmende Flasche aus dem Rheinstrom gezogen, und diese Flasche
enthielt einen Zettel, auf welchem geschrieben stand: »In einem
unterirdischen Kerker bin ich begraben. Nicht weiß der von meinem
Kerker, der auf meinem Thron sitzt. Grausam bin ich bewacht. Keiner
kennt mich, keiner vermißt mich, keiner rettet mich, keiner nennt mich.«
Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name, von dem alle
deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser enthalten waren.
Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden, war
aber bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natürlich wieder in
Vergessenheit geraten. Da hatte vor vier Wochen etwa irgendein
ungenannter Schnüffler den Vorfall aus einem alten Jahrgang der
'Magdeburger Zeitung' neuerdings ans Licht gebracht. Andre Journale
bemächtigten sich der Angelegenheit, die nach und nach viel Staub
aufwirbelte. Auf einmal wurde nachgewiesen, daß seinerzeit ein
Piaristenmönch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde, die
Flasche in den Rhein geworfen zu haben. Es stellte sich ferner heraus,
daß derselbe Mönch plötzlich verschwunden und eines schönen Tages im
Elsaß, in einem Wald der Vogesen, ermordet aufgefunden worden war. Den
Täter hatte man nie entdeckt.
»Wenn auf diese Spur hin das Mysterium, das über dem Findling schwebt,
nicht endlich gelüftet wird,« rief der Querulant in der 'Morgenpost',
nachdem er die Geschichte also ausführlich berichtet hatte, »dann gebe
ich keinen Pfifferling für unsre ganze Justizpflege!«
Caspar las und las. Zwei Stunden verbrachte er damit, die wunderliche
Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne
Wort zu überlegen. Dabei überraschte ihn der Studiosus; er vergewisserte
sich, daß es eben dieselbe Affäre sei, von der er neulich nicht sprechen
gewollt, und sagte hastig: »Ei, was treiben Sie da, Caspar? Was sagen
Sie übrigens dazu? Die meisten Leute halten es für Quark, trotzdem es
ein unwiderlegliches Faktum ist, daß die Sache damals in der
'Magdeburger Zeitung' gestanden hat. Was sagen Sie dazu, Hauser?«
Caspar hörte kaum; als der Mann seine Frage wiederholte, erhob er das
Gesicht, schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise:
»Ich hab' es nicht geschrieben, was da vom Kerker steht.«
»Vom Kerker und vom Throne,« fügte der Studiosus mit sonderbarem und
begierigem Lächeln hinzu. »Daß Sie es nicht geschrieben haben, glaub'
ich schon, Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt.«
»Aber wer kann es geschrieben haben?«
»Wer? Das ist eben die Frage. Vielleicht einer, der helfen wollte; ein
verborgener Freund vielleicht.«
»Vom Kerker und vom Throne,« lallte Caspar mit willenlosem Mund. Er
begab sich in die Ofenecke, kauerte sich auf einem Schemel zusammen und
versank in tiefe Grübelei. Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten
ihn zu wecken, und der Studiosus, der sich schuldig fühlte, blieb, um
kein Aufsehen zu machen, die Stunde über sitzen und entfernte sich dann
still.
Am selben Abend war eine Assemblee im Tucherschen Haus, alle Freunde
der Familie waren geladen, und eine halbe Stunde lang dauerte das
Wagengerassel vor dem Haus. Als die ersten Tanzweisen vom Saal
heraufschallten, begab sich Caspar in den Korridor und horchte. Er hatte
nicht mehr Zutritt zu solchen Festen.
Während er noch stand, ans Geländer gepreßt, den Kopf vorgebeugt, und er
sich so recht verstoßen vorkam, berührte eine Hand seine Schulter. Es
war der Lakai, der ihm auf silberner Platte einige Süßigkeiten brachte.
Caspar schüttelte den Kopf und sagte: »Süßes mag ich nicht,« worauf der
Diener ihn mürrisch mit den Blicken maß und sich zu gehen anschickte.
Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her, die unbeleuchtet war, und
unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener
Haarschärpe vor den beiden; indem sie ihre blauen Augen streng in die
des Jünglings bohrte, sagte sie stolz und befremdet: »Süßes mag er
nicht? Warum mag er denn Süßes nicht?«
Sie kam von unten; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren
Gewändern. Es war ihre Art, sich früh zurückzuziehen. Bevor sie zur Ruhe
ging, pflegte sie täglich durch das ganze Haus zu wandern, um
nachzusehen, ob kein Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe.
Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf. Es ist
anzunehmen, daß seine Phantasie ungewöhnlich erregt war. Plötzlich
spürte er eine lähmende Furcht. Schwärze stieg um seine Augen, es war
ihm, als habe er die Stimme des Vermummten gehört, und den Arm
ausstreckend, schrie er bittend: »Nicht schlagen, nicht schlagen!«
Die alte Dame, die es so schlimm eben nicht gemeint hatte, blickte
verwundert und erschrocken auf. Indes hatte Caspars lauter Schrei die
Aufmerksamkeit einiger Gäste erregt, die im unteren Flur auf und ab
spazierten. Sie wandten sich an Herrn von Tucher, und dieser ging die
Treppe empor, gefolgt von einigen Herren. Unter der Gesellschaft im Saal
verbreitete sich das Gerücht, es sei etwas passiert, und da Caspars
Aufenthalt im Hause natürlich bekannt war, dachten alle an ein Ereignis
wie das bei Daumer vorgefallene. Es entstand ein Schweigen, die
Tanzmusik verstummte, viele drängten hinaus, besonders die jungen Damen
waren erregt, und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb
schauend stehen.
Herr von Tucher, der dies alles aufs peinlichste empfand, wie ihm denn
jedes unnütze Aufsehen ein Greuel war, schickte sich an, Caspar zur Rede
zu stellen, wurde aber durch das versteinerte Bild des Jünglings
abgeschreckt, auch machte ihn die bestürzte Haltung seiner Mutter
stutzig.
Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor. Ihm war, als habe er, was jetzt
geschah, schon einmal erlebt. Wie mit einer Sturzwelle riß es ihn
zurück, und die Zeit schien ihren Atem anzuhalten. Da war die alte Frau,
fürstlich geschmückt und majestätisch anzusehen; wie, glich sie nicht
einem Weib, das einst in ein Gemach gekommen, wo auch er gewesen war,
und hatte ihre Gegenwart nicht alle andern erstarren lassen? Lag nicht
jemand auf dem Bett und vergrub den Kopf in die Kissen? Da war der
Diener, der eine silberne Platte in Händen hielt; war das nicht alt?
Stand nicht auch damals einer da, der Geschenke brachte oder Süßes oder
Kostbares? Da waren feierlich gekleidete Männer, die auf einen Befehl zu
harren schienen, darauf warteten, daß einer käme, noch festlicher
angetan als sie selbst, vor dem sie sich verneigen mußten? Und diese
schlanken weißen Mädchen in weißen Schleiern, deren Blicke tief und bang
waren? Und hier oben die Dämmerung, die sich über zahllose Marmorstufen
hinab ins Licht verlor? Caspar hätte jauchzen mögen, denn er erschien
sich fremd und zugleich von allen angebetet; sie senkten das Haupt, sie
erkannten den Herrn in ihm; ja, er ahnte, was er war und von wo er kam,
er spürte, was jenes Wort vom Kerker und vom Throne zu bedeuten hatte;
ein geisterhaftes Lächeln umspielte seine Lippen.
Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein möglichst
stilles Ende. Er führte Caspar in sein Zimmer, gebot ihm, sich zu Bett
zu begeben, wartete, bis er lag, verlöschte dann selbst das Licht und
sagte beim Hinausgehen in scharfem Ton, er werde ihn am andern Morgen
wegen seiner ungehörigen Aufführung zur Rechenschaft ziehen.
Darum scherte sich Caspar wenig. Es wurde auch nicht viel aus der
gedrohten Abrechnung. Herr von Tucher sah ein, daß den Grundsätzen
eigentlich nichts zuleide geschehen war. Sein Koch verriet ihm im hohlen
Ton der Prophezeiung, Caspar sei mondsüchtig und werde sicherlich einmal
aufs Dach steigen und herunterstürzen. Herr von Tucher konnte den Mond
nicht abschaffen; da der Jüngling krankhaften Zuständen unterworfen
schien, durfte man ihn für gewisse Fehltritte nicht verantwortlich
machen. Ob Caspar Tischler oder Buchbinder werden solle, war noch immer
unentschieden. Es mußte hierzu die Meinung des Präsidenten Feuerbach
eingeholt werden. Herr von Tucher nahm sich vor, im April nach Ansbach
zu fahren und mit dem Präsidenten zu sprechen.
Caspar aber war voller Erwartung. Er wartete auf einen, der kommen
mußte, auf einen, der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu
ihm suchte, und so fest war der Glaube an diesen Kommenden, daß er jeden
Morgen dachte: heute, und jeden Abend: morgen. Er lebte in einem
beständigen innerlichen Spähen, und seine ahnungsvolle Freude glich
einem Traum. Aber wie der Pfau seinen Schweif niederschlägt, wenn er
seine häßlichen Füße gewahrt, so machte seine eigne Stimme, sein eigner
Schritt ihn schon wieder zaghaft, um wie viel mehr erst der Anblick von
Menschen, die täglich seine Erwartung enttäuschen mußten.
Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war außergewöhnlich, und die
aufmerksam horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von
Wahnwitz. Freilich, zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot
sie ein andres Gesicht und hätte einem Mann wie Daumer absonderlichen
Stoff für seine Ideen geliefert.
Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen, und es
überlief ihn kalt, wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel.
Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf, und weil er
oftmals erwachte und die Finsternis ihn quälte, bat er, daß man neben
seinem Bett ein Öllämpchen brennen lasse. Dies geschah.
Einstmals in einer Nacht spürte er, noch schlummernd, ein
eigentümliches Ziehen im Gesicht, als ob ihn von oben her ein kühler
Atem streife. Jählings richtete er sich auf, blickte über Bett und Wand
und gewahrte eine große Spinne, die an einem Faden in der Nähe seines
Kopfes hing. Entsetzt sprang er aus dem Bett, und unfähig, sich zu
regen, beobachtete er, wie das Tier sich aufs Kissen niederließ und über
das weiße Linnen kroch, einen glitzernden Faden hinter sich
herschleppend.
Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen, schaudernden kalten Haut
bedeckt. Er preßte die Hände zusammen und flüsterte angstvoll und
seltsam schmeichelnd: »Spinne! Was spinnst du, Spinne?«
Die Spinne duckte den gelblichen Leib.
»Was spinnst du, Spinne?« wiederholte er flehend.
Das Tier überklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer. »Was schickst
du dich denn so, Spinne?« hauchte Caspar. »Warum so eilig? Suchst du
was? Ich tu' dir nichts ...«
Die Spinne war schon oben an der Decke. Caspar setzte sich auf den
Stuhl, wo die Kleider hingen. »Spinne, Spinne!« sagte er tonlos vor sich
hin. Es schlug vier Uhr draußen und er hatte sich noch immer nicht ins
Bett zurückgetraut. Dann, ehe er sich hinlegte, wischte er Kissen und
Wand eifrig mit dem Taschentuch ab.
Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkältung davon, die
ihn mehrere Tage ans Lager fesselte. Er wurde traurig, des Wartens war
er schon müde. Obwohl ihm schließlich nichts mehr fehlte, hatte er keine
Lust, das Zimmer zu verlassen. Herr von Tucher nahm seinen Zustand für
ein hypochondrisches Zwischenspiel; als er sich jedoch überzeugte, daß
sowohl seine vorsätzliche Gleichgültigkeit wie sein gütiger Zuspruch
fruchtlos blieben und daß da eine unverstellte seelenvolle Betrübnis
waltete, ward er besorgt.
Nun geschah es an einem dieser Tage, daß ein auswärtiger Bote im Haus
vorstellig wurde, der zu Caspar geführt zu werden verlangte, um ihm
einen Brief auszuhändigen. Herr von Tucher verweigerte die Erlaubnis
dazu. Nach einigem Bedenken überließ ihm der Mann das Schreiben und
entfernte sich wieder. Herr von Tucher hielt sich für berechtigt, den
Brief zu öffnen. Er war von rätselhafter Fassung; noch rätselhafter
dadurch, daß ihm ein kostbarer Diamantring beilag, den Caspar damit als
Geschenk bekam. Herr von Tucher war unschlüssig, was er tun solle. Brief
und Ring dem Gericht oder dem Präsidenten Feuerbach auszuliefern,
erschien ihm das ratsamste. Doch widersprach es immerhin seinem
Rechtsgefühl. Eine flüchtige Stimmung von Weichheit gegenüber Caspar
ließ ihn den Vorsatz völlig vergessen; er hoffte, den Jüngling aus
seiner Niedergeschlagenheit aufzurütteln, und diesen Zweck erreichte er
vollkommen. Er brachte Brief und Ring herbei.
Caspar las: »Du, der du das Anrecht hast, zu sein, was viele leugnen,
vertrau dem Freund, der in der Ferne für dich wirkt. Bald wird er vor
dir stehen, bald dich umarmen. Nimm einstweilen den Ring als Zeichen
seiner Treue und bete für sein Wohlergehen, wie er für das deine zu Gott
fleht.«
Als Caspar dies gelesen hatte, drückte er das Gesicht gegen den Arm und
weinte still für sich hin. Herr von Tucher saß am Tisch und ließ den
schönen Stein des Rings nachdenklich im Sonnenlicht spielen.