VON DEN NAMEN

DER ewige Ahasver stiert in die offene Welt und überläßt sich seinen

Gedanken. Tausend Menschen schwimmen an ihm vorüber und achten seiner

nicht. Aber Ahasver achtet ihrer und rührt nackte Herzen an. Etwelche sind

gut, die meisten schlecht und faulig. Die Herzen leben und zucken und

machen, daß die dazugehörigen Menschen leben und zucken. Ahasver denkt: Ihr

bildet euch ein, zu leben, weil eure Herzen leben. Ihr bildet euch ein,

Menschen zu sein. Aber ihr seid lediglich durch Zufall als Menschen lebig.

Ihr könntet gewißlich ebensogut Nähmaschinen sein oder Wäscheklammern. So

wahr mir Gott helfe, du eignest dich, mein Freund, vorzüglich zur

Gießkanne. Warum bist du Mensch? Du weißt es nicht. Du steckst in deiner

Haut und nimmst dich auf die leichte Achsel. Du mimst einen Menschen.

_Bist_ du einer? Du bist eine ausgefüllte Haut und gleichst allen andern,

obwohl du Lehmann heißt und ein Lehmann bist. Weißt du, warum du Lehmann

heißt? Weil dein Herz ein Lehmann ist, ein ganz ordinärer Lehmann. Deine

Haut steht dir gut, sie ist blaß wie dein Herz. Du paßt in die Familie. Ihr

gleicht euch wie ein Lehmann dem andern, wenn ihr auch nicht allesamt

Lehmann heißt. Ich weiß es: Ihr heißt bloß teilweise Lehmann. Ein großer

Prozentsatz eurer Häute läßt sich durch den Namen Ziergiebel tragen. Und

die mit Ziergiebels verwandten Häute heißen geradezu Matterstock,

Knebelsdorff und Hammer. Aber das Seltsamliche ist, daß die

Matterstockischen auf den ersten Hieb in Matterstocks, Kirstes,

Freudenbergs und Föllners zerfallen. Auch Rippers gehören zu deiner Sippe.

Und die Freudenbergs sind verwurzelt in sogenannten Schröders, der Teufel

mag wissen, wieso. Der eine Schröder ist ein berühmter Dichter und hat sich

wohlweislich durch ein Pseudonym unkenntlich gemacht. Bruderherz,

Bruderhaut: Bist du dessen eingedenk, daß es um dich herum lebt und heißt?

Und daß ihr alle, die um dich und die mit dir und die neben dir, daß ihr

alle verknäuelt seid ineinander? Und verenkelt und verschwippschwägert und

verfilzt, ihr wißt nicht, wie? Und daß es Menschen gibt, die -- beim Himmel

-- akkurat so heißen wie du und dennoch ganz anders aussehen und sind? Es

gibt Menschen, Herr Bruder, die heißen wie du, und du schreitest achtlos an

ihnen vorüber und schaust ihnen lauwarm in die Augen. Du gehst auf der

Straße, fährst auf der Stadtbahn, betrittst einen Konzertsaal, und die

Menschen um dich herum heißen Gelbstein, Mosler, Trautscholdt,

Berlit-Boosen, van Delten, Kenne, Heinz, Kumpanini -- -- und du verspürst

es nicht! Willst du es nicht verspüren, Herr Mensch? Und alle diese

Menschen _sind_ etwas, stellen etwas vor, üben etwas aus, betreiben ein

Handwerk, ein Gewerbe, eine Tätigkeit, rackern sich ab, faulenzen, trinken

Tee, gehen spazieren, sind kränklich -- -- und du wandelst an ihnen

vorüber, ohne dessen eingedenk zu sein, daß sie aus dem nämlichen Holze

geschnitzt sind wie du, Freund Mensch. Und was sind sie von Beruf?

Schneidermeister und Balbiere und Photographen und Cellovirtuosen! Manche

sind sogar Kaufleute. Ich kenne einen, der ist Kolonialwarenhändler. Der

kauft en gros Waren ein und verkauft sie en detail. En gros kriegt er sie

billiger, als wenn er sie en detail einkaufte. Verstehst du das? Auf der

Berechnung, daß en detail kaufende Mitmenschen -- die Nächsten -- teurer

bezahlen müssen, als er im Einkauf bezahlt hat, beruht seine Existenz.

Seine Gattin heißt Rosamunde und kriegt jeden Monat einen neuen Hut. Ich

werde auch Kaufmann werden. Das ist ein probates Mittel, Geld zu verdienen,

und um Geld zu verdienen, ist man auf der Welt, nicht wahr, Herr homo

sapiens? Es gibt aber auch Bonbonkocher und Seifensieder und Gußputzer und

Salon-Feuerwerker und Geheimpolizisten und Papierzähler. Von weiblichen

Berufen zu geschweigen. Ich kenne einen Papierzähler, das ist ein

vernunftbegabtes Lebewesen mit Namen Kutzschebauch, und dieses Lebewesen

steht seit seinem siebzehnten Lebensjahre tagaus, tagein im Donnergepolter

der Maschinen und zählt Papier ab. Sechsunddreißig Jahre ist er alt. Er

zählt täglich hunderttausend Bogen Papier. Er darf sich nicht verzählen. Er

verzählt sich auch nie. Er hat keine Zeit dazu. Wenn er bei neunzigtausend

ist und glaubt, sich verzählt zu haben, kann er nicht wiederum bei eins

anfangen. Es ist unmöglich. Wenn es der Himmel fügt, erreicht das

vernunftbegabte, papierzählende Lebewesen ein biblisches Alter. Sein Leben

ist mehr als Mühe und Arbeit gewesen; es ist Stumpfsinn gewesen. Aber ein

Leben ist es gewesen. Gelebt von jenem einzigen Kutzschebauch, der

ausgerechnet Kutzschebauch heißt, Solltest du zufällig gleicherweise

Kutzschebauch heißen, so zürne mir nicht. Ich will dir meinerseits gewiß

nicht zürnen, ich verspreche es dir. Ich bin einsichtig genug anzuerkennen,

daß es Kutzschebäuche geben muß. Aber ich habe nur dies eine Mal Nachsicht.

Sei lieb und heiße das nächste Mal besser. Es gibt so viele schöne Namen!

Gschwindbichler und Hühnerschlund, Fleischpinsel und Bettbetreff! Oder sind

dir das keine schönen Namen? Felix Kutzschebauch, was sagst du zu dem Namen

Telofonsky? Und zu Umschlauch? Ach, Felix Kutzschebauch, du hast das Gefühl

dafür verloren! Ich will dich nicht befragen. Du heißest Kutzschebauch, als

müßte dies so sein. Aber es muß nicht so sein, man kann der

Kutzschebäuchigkeit oder, wenn du willst, der Kutzschebeleibtheit aus dem

Wege gehen: Man kann sich umbringen. Ein vertrackter Name, ist das kein

Selbstmordmotiv? Du lächelst, denn du bist arg weit entfernt, deinen Namen

umzubringen. Im Gegenteil: Du stehst im Begriffe zu heiraten. Viele kleine

Kutzschebäuche sehe ich die unschuldige Welt bewimmeln. Sie werden

dermaleinst Papier zählen. Und deine Braut -- eine geborene Nolke -- gibt

freudigen Herzens ihren Namen auf, um Kutzschebauch zu werden. Sie heißet

Olga. Sie will gerufen werden. O Olga! Du siehst einer Olga verblüffend

ähnlich. Dein Name steht dir gut, dein Name kleidet dich. O Olga Nolke,

warte nur, balde hat es sich ausgenolkt, und du darfst glücklich sein wie

dein künftiger Gatte. Tu, Felix Kutzschebauch, nube! Und vergiß die Fritzi

und die Gerta und die Friedel, und wie sie alle geheißen haben -- ohne

eines Familiennamens bedurft zu haben. Die Fritzi ist die Fritzi, aber

deine Olga ist die Olga Nolke. Kanntest du nicht dereinst eine Olga, deren

Photographie du jüngst verbrennen mußtest, auf daß sie der Normalbraut

nicht in die Hände falle? Hast du die beiden Olgas miteinander verglichen?

Gegeneinander ins Treffen geführt? Gewägt? Und verspürst du es nicht, daß

_beide_ -- Olga heißen müssen? Daß sie nicht anders heißen dürfen? Denn

jegliche Frau sieht so aus, wie sie mit ihrem Rufnamen heißt. Und jeglicher

Mann heißt so, daß man -- sobald man weiß: er heißt _so_ -- überzeugt ist:

er heißt mit Fug und Recht _so_. Jeglicher heißt richtig. Wir alle heißen,

wie wir müssen. Ich kann nicht Cohn heißen, ob ich gleich Ahasver bin. Und

Theodulf Schwertnagel ist Theodulf Schwertnagel. Name ist weder Schall noch

Rauch. Ohne daß ich ihn dir schildere, ohne daß du sein Konterfei siehst,

weißt du, wie einer aussehen muß, der Woldemar Lohengrin heißt. Im Anfang

war der Name. Nota bene: Eigenname. Wisse das und heiße hinfort bewußt! Und

bist du, der du mich Ahasver denken ließest, ein belangloser Schulze oder

ein Meier oder Müller -- dein Name hat dich! Drum lobsinge dem Schöpfer,

daß du Schulze heißest oder Meier oder Müller. Es ist nämlich kein

leichtes, Richard Wagner zu heißen. Als Richard Wagner _darfst_ du nicht

Bäckermeister sein. Und als Ludwig Ganghofer _darfst_ du nicht Kassenbote

sein. Es lebt ein Ludwig Ganghofer, der betreibt ein Friseurgeschäft.

«Rasier, Friseur und Haarschneiden» steht über seinem Laden. Das ist recht

trauriges Deutsch, aber der arme Mensch von diesem Friseur hat es besonders

gut machen wollen. Es ist ein armer Mensch, das versichere ich. Wenn er

seinen berühmten Namen, den ein anderer hat, in der Tageszeitung liest, so

trifft ihn jedesmal ein robuster Schlaganfall. Der Name, den er hat, und

der gar nicht sein ist, beutelt ihn und polkt ihn in Grund und Boden.

Fühlst du es nach, Bruderherz, daß es seinen Haken hat, ein Ludwig

Ganghofer zu heißen? Ich persönlich bedanke mich dafür und ziehe es vor,

Ahasver zu sein.

Kobolz: Grotesken · 第 57 / 57 题