DIESES Sprichwort ist eine hundsgemeine Lüge.
Der Privatdozent Kladderosinenzagel mußte es am eigenen Leibe erfahren.
Er, den wir um der Kürze willen K. nennen wollen, machte sich an einem
Ferientage auf die denn doch nicht mehr so eigentlich ganz naturfarbig
genannt werden dürfenden Socken, um gen Rom zu fahrten.
Er, K., fußte auf dem Sprichwort: Alle Wege führen nach Rom.
K. wanderte, mit reichlichem Mundvorrate und einer leeren Thermosflasche
ausgestattet, einen vollen Nachmittag lang.
Reiseziel: Rom.
Es führen aber mitnichten alle Wege nach Rom.
_Der Weg_, den K. einzuschlagen für ratsam befunden hatte, hörte plötzlich
auf, ein Weg zu sein und verwandelte sich in eine Wiese, auf welcher
notgedrungen sieben Kühe -- die Verkörperung der fetten Jahre -- sich an
ihrem Anblicke und dem saftigen Grün weideten.
Und K. stand hinter einer Tafel, die von vorn zu besichtigen er nicht
umhinkonnte.
Die Tafel bezog sich auf den Weg, welchen K. zurückgelegt hatte, und trug
die Aufschrift: «Verbotener Weg».
In einem Lande, wo die Polizei so auf dem Damme ist wie in Deutschland,
führt zwar mancher Weg nach Rom, aber er ist verboten.
K. mußte umkehren und sich des Planes, auf natürlichem Wege nach Rom zu
gelangen, entschlagen.
«HÖHENLUFT»
Ein Roman aus den Tiroler Bergen
von
Paul Grabein
ist im Okt. 1916 als Ullstein-Buch -- 1 M.! -- erschienen. Ich habe das
Buch gelesen -- unter Aufgebot größter Energie. Ein paar Worte darüber und
dazu.
Die Personen des Buches sind:
Karl Gerboth, Maler,
Hilde, seine Tochter,
Franz Hilgers, Maler,
Günther Marr, Leutnant.
Handlung: Franz hat seinen Jugendfreund Günther eingeladen. Günther leistet
der Einladung -- Erholungsurlaub -- Folge. Auf Seite 19 trifft er, nach dem
Dörfchen, in dem Franz wohnt, wandernd, eine Dame. Dies ist Hilde Gerboth.
Sofort weiß man «alles», und es kommt auch tatsächlich «alles» so. Franz
ist der einzige Schüler Karl Gerboths und Bräutigam eben jener Hilde,
freilich, ohne daß diese darum weiß. Der alte Gerboth hat sich von der Welt
zurückgezogen und schafft in aller Stille. Hilde wird von ihm behütet und
betreut, daß es eine Art hat. Sie ist die Tochter einer Dame, die -- als
Gattin Gerboths -- Temperament und etliches darüber hinaus besaß. Aus
Angst, Hilde könne ihrer Mutter nachschlagen, läßt sie der alte Gerboth
nicht von sich. Sie ist absolut naiv und ahnungslos. Sie weiß nicht Musik,
Tramway, Kino, Theater, Börse, Bordell, Liebe, Geld, Börse (absichtlich 2
Mal) -- kurz: was Leben ist. Das weiß sie nicht. Sie ist 20 Jahre alt. Und
Franz ist ein Schwächling, ein thraniger, limonadiger Hampelmann. Er muß
kurz nach Günthers Ankunft verreisen. Infolgedessen Solo-Szene zwischen
Günther und Hilde. Aussprache -- er schildert ihr die Welt und das Leben.
Sie -- die Freiheit lockt -- verliebt sich in ihn. Sie will hinaus -- in
die sogenannte Welt. Sagt's ihrem Vater. Der refüsiert. Hilde knickt
zusammen. Günther trifft sie -- tatsächlich durch Zufall! (Ich glaub's! Wer
noch?) -- ein zweites Mal. Er redet ihr energisch zu. Franz kehrt zurück
(aber das ging fix!) und erfährt durch Günther selbst, daß er, G., Hilde
liebt und überhaupt: daß was los war. Franz zum alten Gerock oder Gehrock
oder Gerboth: Höre mal, so und so -- -- und Gerboth spricht gründlich mit
seinem Töchting. Klamauk. Sie will Franz nicht. Sie will Günther. Und in
die Welt hinaus. Bon. Am Tag drauf hält Günther um ihre Hand an beim alten
Klopstock. Der sagt Nein. Da sagt Günther: Dann heirat ich Ihre Hilde gegen
Ihren Willen. Bumms. Aber der Alte -- philosophisch! -- gestattet eine
letzte Aussprache zwischen Hilde und Günther, worin sie ihm erklärt, er
dürfe hoffen, wenn er vor sie hinträte.
Am nächsten Tag reist Günther nicht ab, oh nein. Er kann nicht: eine
richtige Lawine hat sich bemüht, herniederzugehen, und das ist ihr auch
gelungen. Aber die gute Hilde, die irgendeinen Schafhirten hat retten
wollen vom Hungertode, gerät mitsamst ihrem Freßkörbchen und dem
Bernhardiner (aha!) in sie (die Lawinije) hinein.
Na, und Günther rettet sie selbstredend.
Na, und dann kriegen sie sich.
Na, und das ist ja die Hauptsache.
Das Buch schließt (auf Seite 253!) mit den Worten Günthers:
«Wagen wir es denn zusammen, Hilde!»
Und nun sind sie glücklich, und uns entpullert eine Träne.
Ich setze das Romänchen fort:
Am 12. Sept. 1916 fällt Günther in der Sommeschlacht (das Buch spielt
nämlich direktemang im Weltkrieg).
Daraufhin begeht seine Frau einen ganz totsicheren Selbstmord.
Daraufhin kriegt ihr Vater einen geharnischten Schlaganfall.
Sela.