In der Nähe des Dorfes Pastolik, an der Yukonmündung, wächst eine hohe,
dünne Grasart. Die Frauen dieses Dorfes gehen im Herbst, knapp vor
Wintersbeginn, hinaus und sammeln eine Menge von diesem Gras ein; sie
reißen es aus oder schneiden es aus dem Boden, machen große Bündel daraus
und tragen sie am Rücken nach Hause. Das Gras wird dann getrocknet und zu
Matten, Körben oder Sitzpölstern für die Fellboote verarbeitet.
Einer dieser Grasstengel, der von einer Frau schon fast ausgerissen worden
wäre, begann darüber nachzudenken, wie unvorteilhaft es eigentlich sei,
nicht etwas anderes zu sein und sah sich um. Fast auf den ersten Blick sah
er ein in der Nähe wachsendes Pflanzenbüschel, das so ruhig und ungestört
aussah, daß der Grashalm sich wünschte, auch so eines zu sein. Kaum hatte
er diesen Wunsch, als er auch schon in so eine Pflanze verwandelt wurde,
wie die, welche er beneidet hatte, eine war und für kurze Zeit hatte er nun
Ruhe.
Eines Tags aber sah er die Frauen mit scharfen Spitzhacken wiederkommen und
die Pflanzen mit diesen ausjäten, einige Wurzeln essen und die anderen in
Körben nach Hause bringen. Als die Frauen abends nach Hause gingen, blieb
die Verwandelte übrig und wünschte, da sie das Schicksal der Gefährten
gesehen hatte, doch eine andere Gestalt angenommen zu haben. Sie sah sich
also wieder um und bemerkte eine andere unscheinbare Kriechpflanze, die ihr
gefiel, weil sie so winzig und versteckt war. Sofort wünschte sie so eine
zu werden und das geschah auch; wieder verstrich einige Zeit ganz ruhig,
dann aber kamen die Frauen wieder und rissen die Gefährten aus; die
Verwandelte übersahen sie. Das nächste Mal bekam sie aber Angst und wollte
in eine kleine Knollenfrucht, wie solche in der Nähe wuchsen, verwandelt
werden. Die Verwandlung war kaum geschehen, als eine Feldmaus durchs Gras
geschlichen kam, die Knolle einer ähnlichen Pflanze in der Nähe auszugraben
begann, sie zwischen den Vorderpfoten hielt und daran knabberte und dann
weglief. »Um in Sicherheit zu sein, muß ich eine Maus werden!« dachte sich
die Wandelbare und sofort wurde sie eine Maus und lief ganz glücklich über
die neue Verwandlung herum. Hin und wieder blieb sie stehen, um eine Knolle
auszugraben und zu verzehren, wie es die andere getan hatte, oder sie
setzte sich auf die Hinterbeine und sah sich die wechselnden Aussichten an.
Während die Maus so herumwanderte, sah sie plötzlich ein fremdes, weißes
Ding auf sich zukommen, das am Boden herumpickte und nachdem es um irgend
etwas zu fressen stehengeblieben war, wieder aufflog. Wie es näherkam,
erkannte es die Maus als eine große, weiße Eule. In diesem Augenblick
bemerkte auch die Eule die Maus und stürzte auf sie los. Während sie aber
noch im Flug war, gelang es der Maus glücklicherweise in ein Loch, das
eine andere gemacht hatte, zu entschlüpfen, worauf die Eule wegflog.
Nach einer Weile wagte sich die Maus aus ihrem Versteck heraus, obwohl ihr
Herz noch von der letzten Angst zitterte. »Ich will eine Eule sein«, dachte
die Maus, »auf die Art werde ich gerettet sein.« Mit diesem Wunsch
verwandelte sie sich nun wieder in eine schöne weiße Eule und brach mit
langsamem, geräuschlosem Flügelschlag nach Norden auf; hie und da rastete
sie, um eine Maus zu fangen. Nach einem langen Flug kam ihr die
Sledge-Insel in Sicht; ihre Flügel waren schon so müde, daß sie nur mit
äußerster Anstrengung die Küste erreichen konnte, wo sie sich auf ein im
Sande steckendes Stück Treibholz setzte. Bald darauf sah sie zwei stramme
Männer die Küste entlang gehen und ihr altes Unzufriedenheitsgefühl
erwachte wieder. »Ich will ein Mensch sein«, dachte sie; mit einem
Flügelschlag war sie am Boden und wurde da in einen schönen jungen Mann
verwandelt; der war nun nackt. Bald darauf wurde es Nacht und er setzte
sich mit dem Rücken gegen das Holzstück, auf dem er kurz vorher als Eule
gesessen hatte und schlief dort bis zum Morgen. Der warme Sonnenschein
weckte ihn auf und Chun-uh-luk, so nannte er sich selbst, war, als er
aufstand, ganz steif und lahm vom Sitzen in der kalten Nachtluft.
Er sah sich um und fand einiges Gras, aus dem er sich etwas, wie einen
leichten Mantel, zum Schutz gegen die Kälte, wob. Dann sah er in der Nähe
einige Renntiere weiden und bekam Lust, eines davon zu töten und zu
verzehren. Er schlich sich auf den Händen und Knien heran, sprang auf das
nächste zu, faßte es bei den Hörnern und brach ihm mit einem Ruck das
Genick; dann nahm er es auf seine Schultern, ging zurück und warf es in der
Nähe seines Schlafplatzes hin. Er griff nun den Renntierkörper ab und fand
dabei, daß das Fell eine so gute Schutzdecke war, daß er es mit seinen
Fingern nicht aufreißen konnte. Lange dachte er nach, wie er das Fell
herunterbringen könnte; schließlich fand er einen scharfkantigen Stein, hob
ihn auf und entdeckte, daß man damit das Fell durchschneiden kann. Das Tier
war rasch gehäutet, aber nun fehlte ihm ein Feuer, um das Fleisch zu
kochen. Er suchte herum und fand an der Küste zwei weiße Steine, die viel
Funken gaben, wenn er sie aneinander schlug. Mit ihnen und etwas trockenem
Zeug, das er an der Küste fand, gelang es ihm, ein Feuer anzufachen, über
dem er ein Stück vom Fleisch rösten konnte. So wie er als Eule die Mäuse
gefressen hatte, versuchte er nun ein großes Stück herunterzuschlucken,
aber es ging nicht; er schnitt also einige kleine Stücke ab und aß sie.
Noch eine Nacht verging und am Morgen fing er ein anderes Renntier und am
folgenden Tag zwei weitere; diese beiden nahm er zugleich auf die Schultern
und trug sie zugleich zu seinem Lagerplatz an der Küste. Da Chun-uh-luk in
den Nächten sehr fror, häutete er die beiden letzten Renntiere ab und
hüllte sich vom Kopf bis zu den Füßen in ihre Felle; sie trockneten rasch
auf ihm und saßen wie angewachsen. Die Nächte wurden aber immer kälter; da
sammelte Chun-uh-luk an der Küste einen Stoß Treibholz zusammen und machte
sich daraus eine rohe Hütte, die für ihn schon sehr bequem war.
Nachdem er sein Haus fertiggestellt hatte, ging er eines Tages über die
Hügel und sah ein fremdartiges schwarzes Tier bei einigen Blaubeerbüschen
Beeren fressen. Chun-uh-luk wußte zuerst nicht, ob er sich mit diesem
unbekannten Tier einlassen sollte oder nicht; schließlich fing er es aber
doch bei einem seiner Hinterbeine. Mit wütendem Geknurr wandte es sich um,
sah ihn an und fletschte seine weißen Zähne. Da packte Chun-uh-luk den
Bären plötzlich bei seinen starken Backenhaaren, schwang ihn über seinen
Kopf und schlug ihn mit solcher Gewalt gegen den Boden, daß er tot dalag;
dann schulterte er ihn und ging nach Hause.
Als er den Bären abhäutete, fand Chun-uh-luk, daß er sehr fett war und er
nun Licht in seinem Haus haben könnte, wenn er nur etwas fände, um das Fett
hineinzutun, denn in seinem Haus war es dunkel, so daß er sich nur mühsam
zurechtfinden konnte. Er ging an der Küste herum und fand einen langen
flachen Stein mit etwas ausgehöhlter Oberfläche; hierin hielt sich das Fett
sehr gut und nachdem er noch einen Docht aus Moos hineingegeben hatte, war
sein Haus so gut, als er sich nur wünschen konnte, beleuchtet.
Vor den Eingang hängte er das Bärenfell, um den kalten Wind, der manchmal
hereinblies und ihn in der Nacht ganz starr machte, abzuhalten. So lebte er
nun viele Tage, bis er sich einsam zu fühlen begann, wenn er an die beiden
Männer zurückdachte, die er gesehen hatte, als er noch als Eule an der
Küste gestanden. Er dachte sich: »Ich habe einmal zwei Männer vorübergehen
gesehen, es können also andere Leute nicht gar zu weit weg wohnen. Ich will
sie suchen gehen, denn es ist hier doch sehr einsam.« Er ging also aus auf
die Suche nach Leuten. Er wanderte eine ziemliche Strecke die Küste entlang
und kam schließlich zu zwei schönen Kajaks, die am Fuß eines Hügels lagen
und auf ihnen lagen Speere, Schnüre, Schwimmer und anderes Jagdgerät.
Nachdem er diese Merkwürdigkeiten untersucht hatte, sah er in der Nähe
Spuren, die zum Gipfel des Hügels führten und folgte ihnen. Auf der Kuppe
des Hügels war ein Haus und in der Nähe zwei Speicher und davor lagen
mehrere frisch getötete weiße Wale und die Schädel von vielen anderen lagen
herum. Er wollte nun, bevor er sich ihnen selbst zeigte, die Bewohner des
Hauses sehen und kroch daher leise in den Eingang und an die Tür heran.
Vorsichtig hob er einen Zipfel des Fells, das im Torweg hing und sah
hinein. Der Tür gegenüber saß ein junger Mann und arbeitete an einigen
Pfeilen; ein Bogen lag neben ihm. Chun-uh-luk ließ den Vorhang fallen und
rührte sich eine Zeitlang nicht, denn er befürchtete, der junge Mann werde
mit den Pfeilen nach ihm schießen, wenn er eintrete, noch bevor er ihm
seine friedlichen Absichten bezeugen könne. Schließlich dachte er sich:
»Wenn ich hineingehe und sage: >Ich bin gekommen, Bruder<, wird er mir
nichts tun.« Er hob rasch den Vorhang und trat ein. Da spannte der Hausherr
sofort den Bogen, legte einen Pfeil an, bereit gegen seinen Kopf
loszuschießen als Chun-uh-luk gerade sagte: »Ich bin gekommen, Bruder!« Da
senkte der junge Mann Bogen und Pfeile und sagte freudig: »Bist du mein
Bruder? Komm und setz dich neben mich.« Chun-uh-luk tat so und war ganz
glücklich. Der Hausherr zeigte sich sehr erfreut und sagte: »Ich freue mich
sehr, dich zu sehen, Bruder, denn immer habe ich geglaubt, ich hätte
irgendwo einen Bruder, konnte ihn aber nie finden. Wo hast du gelebt? Hast
du die Eltern gekannt? Wie bist du aufgewachsen?« Und so stellte er noch
viele Fragen, auf die Chun-uh-luk erwiderte, daß er seine Eltern nie
gekannt habe und er beschrieb ihm sein Leben an der Küste bis zu dem
Zeitpunkt, wo er auf diese Suche ausgegangen war. Der Hausherr erzählte
dann, daß auch er die Eltern nie gekannt habe und seine erste Erinnerung
sei, daß er sich ganz allein in diesem Haus gefunden habe und hier habe er
nun gelebt, indem er Wild zu seiner Nahrung erlegte.
Der Hausherr lud nun Chun-uh-luk ein, ihm zu einem der Vorratsspeicher zu
folgen; dort war eine große Menge wertvoller Pelze, Seehundsspeck und
andere Speisen in Überfluß. Dann öffnete er die Türe des anderen Speichers
und zeigte dem Ankömmling eine Menge erschlagener Leute. Der Hausherr
erzählte nun, er habe sie aus Rache für den Tod seiner Eltern umgebracht,
denn für ihn stände es fest, daß sie von diesen Leuten umgebracht worden
waren und so habe er keinen lebend vorüberziehen lassen.
Als die Brüder zum Haus zurückkehrten, waren sie schläfrig und schliefen
bis zum Morgen. Bei Tagesanbruch standen sie auf und nach dem Frühstück
sagte der Hausherr zu Chun-uh-luk, er solle, da er weder Bogen noch Pfeile
habe, zu Hause bleiben und für sie beide kochen, während er selbst auf die
Jagd gehe. Er ging dann weg und kam in der Nacht zurück und brachte
Renntierfleisch mit. Chun-uh-luk hatte das Essen fertig und nachdem sie
gegessen, legten sie sich schlafen und schliefen gut. So lebten sie mehrere
Tage, bis Chun-uh-luk dessen schon überdrüssig war, immer zu Hause zu
bleiben und zu kochen.
Eines Morgens bat er seinen Bruder, er möchte doch gestatten, daß er mit
auf die Jagd gehe; der schlug es aber ab und ging allein. Als er bald
darauf einige Renntiere zu beschleichen begann, kam Chun-uh-luk heimlich
nachgekrochen und packte ihn beim Fuß, damit sein Bruder, ohne daß das Wild
aufgescheucht werde, wissen sollte, daß er da sei. Der Jäger wandte sich
aber um und sagte ärgerlich: »Was willst du denn, daß du mir folgst? Du
kannst doch ohne Pfeil und Bogen nichts erlegen.« »Mit meinen Händen allein
kann ich das Wild umbringen«, sagte Chun-uh-luk; sein Bruder aber sagte
spöttisch: »Geh nach Hause und besorge deine Kocherei!« Chun-uh-luk ging
weg, aber statt nach Hause zu gehen, schlich er sich an eine Renntierherde
heran und brachte zwei mit den Händen um, wie er es getan hatte, als er
noch allein lebte. Dann stellte er sich auf und winkte seinem Bruder mit
den Händen, er solle herbeikommen. Der kam und war sehr erstaunt, die
beiden Renntiere zu sehen, denn er hatte mit seinen Pfeilen keines erlegt.
Chun-uh-luk schulterte die beiden Tiere und trug sie nach Hause.
Mit finsterer Miene und Rachegedanken im Herzen folgte ihm sein Bruder, bis
Eifersucht und Ärger alle freundschaftlichen Gefühle, die er für
Chun-uh-luk hegte, verdrängt hatten; aber er hatte auch etwas Furcht, da er
seinen Bruder so große Stärke beweisen gesehen hatte. Alle Abende saß er
still und ärgerlich, rührte die ihm vorgesetzten Speisen kaum an, bis
schließlich sein Argwohn und seine Rachegedanken in Chun-uh-luk die
gleichen Gefühle erregten. So saßen sie die Nacht hindurch einander
auflauernd und irgend einen Verrat fürchtend.
Der nächste Tag war ruhig und klar und der Hausherr fragte Chun-uh-luk, ob
er einen Kajak rudern könne, worauf dieser entgegnete, er glaube, er werde
es schon zustande bringen. Der Hausherr führte ihn nun zu den Kajaks an
die Küste, bestieg den einen und sagte Chun-uh-luk, er möchte ihm in dem
anderen folgen. Anfangs hatte Chun-uh-luk ziemliche Mühe, seinen Kajak
aufrecht zu erhalten, aber bald hatte er es weg, ihn zu beherrschen und sie
fuhren weit ins Meer hinaus. Als die Küste schon weit hinter ihnen lag,
kehrten sie um und der Hausherr sagte: »Laß uns jetzt sehen, wer die Küste
zuerst erreichen kann!« Leicht flogen die Kajaks dahin und zuerst schien
der eine, dann der andere einen Vorsprung zu haben, bis sie schließlich mit
einer letzten Anstrengung landeten und beide Wettkämpfer im selben
Augenblick ans Land sprangen. Der Hausherr machte ein finsteres Gesicht und
sagte zu Chun-uh-luk: »Du bist nicht mehr länger mein Bruder. Du, geh
dorthin, ich werde dahin gehen.« Sie wandten einander den Rücken zu und
trennten sich verärgert. Wie sie auseinandergingen, wurde Chun-uh-luk in
einen braunen Vielfraß und sein Bruder in einen Grauwolf verwandelt und als
solche wandern sie bis zum heutigen Tag im Land herum, aber niemals
zusammen.