Pätus. (sieht auf und schreibt fort)

Fritz.

Pätus!--Hast zu thun?

Pätus.

Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das

Schreibzeug weg)

Fritz.

Pätus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht

das Herz, ihn aufzumachen.

Pätus.

Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand?

Fritz.

Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so

bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und

ließ mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl)

Pätus. (liest)

"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren

ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere,

verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese

angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge für eine

rasende Orthographie hat.

Fritz.

Lies doch nur--

Pätus.

"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten

von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier

vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie,

welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre

erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in

Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet,

weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater in

Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird

geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den

Unglücksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher

aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden,

weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, worüber sie sich

so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich gesprungen,

durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den

höchsten Schröcken"--Berg! was ist Dir--(begießt ihn

mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Hätt

ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewiß

ists eine Erdichtung--Berg! Berg!

Fritz.

Laß mich--Es wird schon übergehn.

Pätus.

Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlägt.

Fritz.

O pfuy doch--thu doch so französisch nicht--Ließ mirs

noch einmal vor.

Pätus.

Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvöttischen

malitiösen Brief den Augenblick--(zerreißt ihn)

Fritz.

Genothzüchtigt--ersäuft. (schlägt sich an die Stirn)

Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein--

Pätus.

Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben,

daß sie sich vom Hofmeister verführen läßt--

Fritz.

Pätus, ich schwur ihr, zurückzukommen, ich schwur ihr--

Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen,

ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine

Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich

aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren

Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein,

Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du

das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht ein? Ich

bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft

sich wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht)

Pätus.

Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht

gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend Sapperment,

daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube,

der Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will

Dir einen Streich spielen--Laß mich ihn einmal zu

sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, daß sie todt ist,

und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst

umgebracht...

Fritz.

Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst

umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich!

Pätus. (stampft abermal mit dem Fuß)

Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht.

Seiffenblase lügt; wir müssen mehr Bestätigung haben.

Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast,

daß Du in Deine Kusine verliebt wärst; siehst Du, das

hat die malitiöse Kanaille aufgefangen--aber weißt

Du was; weißt Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif

ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke

dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte,

Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib

ihm zurück: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das

vernünftigste, was Du bey der Sache thun kannst.

Fritz.

Ich will nach Hause reisen.

Pätus.

So reis' ich mit Dir--Berg, ich laß Dich keinen

Augenblick allein.

Fritz.

Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich

keine abschlägige Antwort befürchtete, so wolle ich

es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber ich bin

ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig--

Pätus.

Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir müssen die

Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen,

ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spaß nur--

Siebente Scene.

In Königsberg.

Geh. Rath (führt) Jungfer Rehaar (an der Hand)

Augustchen. Major.

Geh. Rath.

Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd

in einem Alter, einem Verhältnisse--Gebt Euch die

Hand, und seyd Freundinnen.

Gustchen.

Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich weiß

nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg,

wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so

viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen

und Serenaden belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu

unrechter Zeit zu kommen fürchtete.

Jungfer Rehaar.

Ich wäre Ihnen zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn

ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus

mich einzudrängen, hielt' ich für unbesonnen, und mußte

dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor

Ihre Thür geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.

Geh. Rath.

Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die

Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie

ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt,

unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon

an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von

sich abzulehnen gewußt, und ist gleich Tags drauf mit

dem Minister Deichsel hingefahren kommen, daß die arme

Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu

verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese

Straße bestellt und einen am Brandenburger Thor, das

wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfährt die Madam

gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er für

Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum

Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam

Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund

abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren,

aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also

verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend

hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern

zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich

vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten.

Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht--

Um die Madam völlig zu beruhigen, hab' ich ihr

angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir

wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen,

bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als

es ihr selber nur da gefallen kann--

Major.

Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach

Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht

los. Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit

Ihnen in Insterburg.

Geh. Rath.

Das wär wohl am besten. Ohnehin taugt das Land für

Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich nicht von mir.

Major.

Gut, daß Deine Frau Dich nicht hört--oder hast Du

Absichten auf Deinen Sohn?

Geh. Rath.

Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in

Leipzig oft genug müssen gesehen haben, den bösen

Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth?

Er verdient's nicht.

Gustchen.

Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein

minder gütiger Herz bey Ihnen finden?

Geh. Rath.

Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen.

Major.

Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfündig

gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister schreibt;

eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich muß noch

heut auf mein Gut.

Geh. Rath.

Daraus wird nichts. Du mußt die Nacht in Insterburg

schlafen.

Achte Scene.

Leipzig.

Bergs Zimmer.

Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gestützt)

Pätus. (stürzt herein)

Pätus.

Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott!

(greift sich an den Kopf und fällt auf die Knie)

Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfuß hat

Dir nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich--Ich

hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig

Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf

und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein!

Fritz.

Bist Du närrisch worden?

Pätus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft

alles auf die Erde)

Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem

Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas--

und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf)

Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or

schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel,

und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich

Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen,

und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen.

Juchhei

Neunte Scene.

Die Schule.

Wenzeslaus. Läuffer. (beyde in schwarzen Kleidern)

Wenzeslaus.

Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat

Er sich erbaut?

Läuffer.

Gut, recht gut. (seufzt)

Wenzeslaus. (nimmt seine Perücke ab und setzt eine

Nachtmütze auf)

Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen,

welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet

an seinem Herzen gewesen. Hör' Er--setz' Er sich.

Ich muß Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in

der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir

da so wetterwendisch gesessen, daß ich mich Seiner,

die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschämt

habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen

bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kämpfer, der so

ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strauß

schon gewissermaßen überwunden hat--ich muß es Ihm

bekennen: Er hat mich geärgert, σκανδαλον ἐδωκας,

ἔταξας! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich

habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu

da nach der Orgel hinunter.

Läuffer.

Ich muß bekennen, es hieng ein Gemälde dort, das

mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit

einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah,

als der Löwe, der bey ihm saß, und der Engel beym

Evangelisten Matthäus eher einer geflügelten Schlange

ähnlich.

Wenzeslaus.

Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht

ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild

sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's

alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt habe?

Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder

anzuführen? Und sie war doch ganz für Ihn gehalten;

ganz kasuistisch--O! o! o!

Läuffer.

Der Gedanke gefiel mir vorzüglich, daß zwischen

unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen

dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit

herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch

heftige Stöße und Klopfen von seiner alten Hülse

befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch durch

allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der

Sinnlichkeit für den Himmel zubereitet werden.

Wenzeslaus.

Er war kasuistisch, mein Freund--

Läuffer.

Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, daß Ihre Liste

von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und

die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer

sich für den schönsten gehalten--Die heutige Welt

ist über den Aberglauben längst hinweg; warum will

man ihn wieder aufwärmen. In der ganzen heutigen

vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt--

Wenzeslaus.

Darum wird auch die ganze heutige vernünftige Welt

zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber

Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in

seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte böse

Zeit. Ich mag mich drüber weiter nicht auslassen:

ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch

solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen;

Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch,

aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wären

all Aberglauben, über Geister, über Höll, über Teufel,

da--Was thut's Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch

so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts

Böses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel

nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wären wie

Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt.

Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still,

lieben Leut'. Erwägt erst mit reifem Nachdenken, was

der Aberglaube bisher für Nutzen gestiftet hat, und

denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen

Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den

Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird

mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben.

Aber ich weiß jemand, der gesagt hat, man soll beydes

wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da

Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben--

Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird

freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen.

Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel

gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, daß es

welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen--

Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er

angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir

nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst' Er schielen,

daß es eine Schande wäre.

Läuffer.

Das Bild.

Wenzeslaus.

Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mädchen

sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber

Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in

seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal

geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt--Ich

bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr,

die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das

rothe Häubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen,

die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft

hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es

ist wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab's nur

einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach

allemal die Augen platt zudrücken, wenn sie auf sie

fielen, sonst wär' mirs gegangen, wie den weisen

Männern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit

vergaßen um einer schnöden Phryne willen.--Aber sag'

Er mir doch, wo will Er hin, daß Er Sich noch bösen

Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt,

sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold

dahingeben? Ist das das Gelübd, das er dem Herrn

gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm--

Er, der itzt mit so wenig Mühe über alle Sinnlichkeit

triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen und

bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach

mein lieber Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus

wahrer herzlicher Sorgfalt für Ihn vergieße; kehr'

Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da Er

Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine

unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das

Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt hat nichts

mehr für Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal

belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche Freude,

geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und überlasse

Dich Deinen Entschließungen. (geht ab)

(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)

Zehnte Scene.

Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne

daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang

stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird

sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an)

Läuffer. (nähert sich ihr)

Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an

die Hand) Was führt Dich hieher, Lise?

Lise.

Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt

haben, es würd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie--

so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen,

ob morgen Kinderlehre seyn wird.

Läuffer.

Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in

unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich,

wenn ihr könnt--Lise, warum zittert Deine Hand?

Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen

so roth? Was willst Du?

Lise.

Ob morgen Kinderlehr seyn wird?

Läuffer.

Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg--

Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche

gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem)

Lise. (will aufstehn)

Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht

gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind,

als ich zur Kirche kam.

Läuffer. (nimmt ihre beyden Hände in seine Hand)

O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals--

Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt?

Lise. (Munter)

O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths

Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt:

ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen

so viel Mühe macht, und denn hab' ich auch noch einen

Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr.

Läuffer.

Einen Officier?

Lise.

Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag'

ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber

ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm

nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens.

Läuffer.

Würdest Du--O ich weiß nicht, was ich rede--Würdest

Du wohl--Ich Elender!

Lise.

O ja, von ganzem Herzen.

Läuffer.

Bezaubernde!--(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja

noch nicht, was ich fragen wollte.

Lise. (zieht sie weg)

O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy

doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen

Herrn hätt' ich allewege gern: von meiner ersten

Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern

gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich,

nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich

einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht,

wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die

geistlichen Herren in so bunten Röcken giengen, wie

die Soldaten, das wäre zum Sterben.

Läuffer.

Laß' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen

zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, wie

unglücklich ich bin.

Lise.

O pfuy, Herr, was machen Sie?

Läuffer.

Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (küßt sie.

Wenzeslaus tritt herein)

Wenzeslaus.

Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun,

falscher, falscher, falscher Prophet! Reißender Wolf

in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner

Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die

Du vor Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß

kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß

kommt!

Läuffer.

Herr Wenzeslaus!

Wenzeslaus.

Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer

wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verführer!

Lise. (kniet vor Wenzeslaus)

Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan.

Wenzeslaus.

Er hat Dir mehr böses gethan, als Dir Dein ärgster

Feind thun könnte. Er hat Dein unschuldiges Herz

verführt.

Läuffer.

Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen

Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem

Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und

ich behielt nur eine Ader von Blut noch übrig, so würde

diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen.

Lise.

Er hat mir nichts Leides gethan.

Wenzeslaus.

Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater!

Läuffer.

Ich hab ihr gesagt, daß sie die liebenswürdigste

Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt hat;

ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab

diesen unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt,

welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch

weit größeren Verbrechen würde hingerissen haben.

Wenzeslaus.

Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn

heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr

den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel

gelesen de pudicitia? Da führt er einen Mänius an,

der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er

seine Tochter einmal küßte und die Raison: ut etiam

oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das?

Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem,

etiam oscula. Und Mänius war doch nur ein Heyde: was

soll ein Christ thun, der weiß, daß der Ehstand von

Gott eingesetzt ist und daß die Glückseligkeit eines

solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem

künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und

Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort,

aus meinen Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch

nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und laßt

Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber nicht

zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender

Wolf in Schaafskleidern!

Läuffer.

Ich will Lisen heyrathen.

Wenzeslaus.

Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch

zufrieden?

Lise.

O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister.

Läuffer.

Ich unglücklicher!

Lise.

Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich laß

einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben;

ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein

Herz sagt mir, daß ich niemand auf der Welt so gern

haben kann als ihn.

Wenzeslaus.

So--daß doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht--

Lise, es läßt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst

ihn nicht heyrathen; es ist unmöglich.

Lise.

Warum soll es denn unmöglich seyn, Herr Schulmeister?

Wie kann's unmöglich seyn, wenn ich will und wenn er

will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat

mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen

Herrn bekommen könnte--

Wenzeslaus.

Aber daß dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott

verzeih mir meine Sünde, so laß Dir doch sagen.

Läuffer.

Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey

Dir nicht schlafen.

Lise.

So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag

über beisammen sind und uns so anlachen und uns

einsweilen die Hände küssen--Denn bey Gott! ich hab'

ihn gern. Gott weiß es, ich hab' Ihn gern.

Läuffer.

Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von

mir. Und ist's denn nothwendig zum Glück der Ehe, daß

man thierische Triebe stillt?

Wenzeslaus.

Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine

sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in

Gottes Wort. Wo Eh' ist, müssen auch Kinder seyn.

Lise.

Nein Herr Schulmeister, ich schwör's Ihm, in meinem

Leben möcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch,

Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär mir auch wol

groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein

Vater hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage

füttern muß, wenn ich noch Kinder ebenen füttern müste.

Läuffer. (küßt sie)

Göttliche Lise!

Wenzeslaus. (reißt sie von einander)

Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht

denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser

ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist

es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm

gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein

Heldenmuth einflößte.--Gütiger Himmel! wie weit ist

doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater

und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht',

er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio!

Das müßt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht

und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein Pfeiler

unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer

Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! (geht ab)

Läuffer.

Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch

und ich bin der glücklichste Mensch auf dem Erdboden!

Eilfte Scene.

Zu Insterburg.

Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. Jungfer

Rehaar.

(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der

Ankunft der erstern in die Kammer.)

(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)

Fritz. (fällt vor ihm auf die Knie)

Mein Vater!

Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn)

Mein Sohn!

Fritz.

Haben Sie mir vergeben?

Geh. Rath.

Mein Sohn!

Fritz.

Ich bin nicht werth, daß ich Ihr Sohn heiße.

Geh. Rath.

Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast

Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine

Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen?

Fritz.

Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt.

Geh. Rath.

Wie denn?

Pätus.

Dieser noch großmüthigere--O ich kann nicht reden.

Geh. Rath.

Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater

sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus?

Pätus.

Keine Zeile von ihm gesehen.

Geh. Rath.

Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht?

Pätus.

In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es

kam uns zu statten, da wir herreisen wollten.

Geh. Rath.

Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Väter.

Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat

Dich auch bey mir verleumdet.

Pätus.

Seiffenblase gewiß?

Geh. Rath.

Ich mag ihn nicht nennen; das gäbe Katzbalgereyen, die

hier am unrechten Ort wären.

Pätus.

Seiffenblase! Ich laß mich hängen.

Geh. Rath.

Aber was führt Dich denn nach Hause zurück, eben

jetzt da?--

Fritz.

Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das

eben jetzt ists, was ich wissen wollte.

Geh. Rath.

Was denn? was denn?

Fritz.

Ist Gustchen todt?

Geh. Rath.

Holla! der Liebhaber!--Was veranlaßt Dich, so zu fragen?

Fritz.

Ein Brief von Seiffenblase.

Geh. Rath.

Er hat Dir geschrieben: sie wäre todt?

Fritz.

Und entehrt dazu.

Pätus.

Es ist ein verleumderischer Schurke!

Geh. Rath.

Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig?

Fritz.

O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister.

Geh. Rath.

Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen

Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht.

Pätus. (steht auf)

Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen.

Geh. Rath.

Wo wollen Sie hin?

Pätus.

Ist er in Insterburg?

Geh. Rath.

Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu

eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben

Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?

Pätus.

Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe

sie gekannt.

Geh. Rath.

Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick

in die Kammer spatzieren? (führt ihn an die Thür)

Pätus. (macht auf und fährt zurück, sich mit beyden

Händen an den Kopf greiffend)

Jungfer Rehaar--Zu Ihren Füssen--(hinter der Scene)

Bin ich so glücklich? oder ist's nur ein Traum? Ein

Rausch?--Eine Bezauberung?--

Geh. Rath.

Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst

noch an Gustchen?

Fritz.

Sie haben mir das furchtbare Rätzel noch nicht

aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen?

Geh. Rath.

Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns

die Freud' itzt nicht verderben.

Fritz. (kniend)

O mein Vater, wenn Sie noch Zärtlichkeit für mich

haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und

Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben.

Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle

Ungewißheit nicht länger aushalten. Lebt Gustchen?

Ists wahr, daß sie entehrt ist?

Geh. Rath.

Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit.

Fritz.

Und hat sich in einen Teich gestürzt?

Geh. Rath.

Und ihr Vater hat sich ihr nachgestürzt.

Fritz.

So falle denn Henkers Beil--Ich bin der

Unglücklichste unter den Menschen!

Geh. Rath.

Steh' auf! Du bist unschuldig dran--

Fritz.

Nie will ich aufstehn. (schlägt sich an die Brust)

Schuldig war ich; einzig und allein schuldig.

Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!

Geh. Rath.

Und was hast Du Dir vorzuwerfen?

Fritz.

Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen!

wär' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig

auf) Wo ist der Teich?

Geh. Rath.

Hier! (führt ihn in die Kammer)

Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey)

Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel!

Himmel welche Freude!--Laß mich sterben! laß mich

an Deinem Halse sterben.

Geh. Rath. (wischt sich die Augen)

Eine zärtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier

wäre! (geht hinein.)

Letzte Scene.

Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Pätus.

Major.

Kommen Sie, Herr Pätus. Sie haben mir das Leben

wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir

noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren,

und Ihre alte blinde Großmutter will ich in Gold

einfassen lassen.

Der alte Pätus.

O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten

Besuch weit glücklicher gemacht, als Sie. Sie haben

nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige

Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich

an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert,

und deren mütterliche Zärtlichkeit ich leider noch

durch nichts habe erwiedern können, als Haß und

Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen,

nachdem sie mir den ganzen Nachlaß meines Vaters

und ihr Vermögen mit übergeben hatte; ich habe ärger

gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade

von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch

verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch

in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte

Verbrechen wieder gut zu machen.

Major.

Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kömmt) Hier

ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? Mein

allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine

allerliebste närrische Puppe!

Geh. Rath.

Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Pätus?

Major.

Sie Herr Pätus hat's mir verschaft--Seine Mutter

war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns

Gustchen so viel erzählt hat.

Der alte Pätus.

Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir

die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen,

was ich für ein Ungeheuer war--

Geh. Rath.

Weißt Du was neues, Major? Es finden sich Freyer für

Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den

Namen zu sagen.

Major.

Freyer für meine Tochter!--(wirft das Kind ins

Kanapee) Wo ist sie?

Geh. Rath.

Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine

Einwilligung geben?

Major.

Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel?

Geh. Rath.

Ich zweifle.

Major.

Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte

die erste Parthie im Königreich werden. Das ist ein

vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort

hätte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen.

Geh. Rath. (öfnet die Kammer; auf seinen Wink tritt

Fritz mit Gustchen heraus)

Major. (fällt ihm um den Hals)

Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du

meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weißt

Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst Du, wie

mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn

ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein

Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir

noch schön genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwöre

Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger.

Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem

Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.

Fritz.

Lassen Sie mich zum Wort kommen.

Major. (drückt ihn immer an die Brust)

Nein Junge--Ich möchte Dich todt drücken--Daß Du

so großmüthig bist, daß Du so edel denkst--das Du--

mein Junge bist--

Fritz.

In Gustchens Armen beneid' ich keinen König.

Major.

So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden

haben; sie wird Dir alles erzählt haben--

Fritz.

Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer--

macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur

in den Spiegel sehn, um überzeugt zu seyn, daß sie

mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie

immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen

Gedanken: sie werde mich unglücklich machen. O was

hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten,

als einen Himmel?

Major.

Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, daß die

Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch

die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse

gethan und ich hab für meine Thorheiten und daß ich

einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser

verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft:

und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur

Gesellschaft mit glücklich.

Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein)

Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier.

Der alte Pätus.

Was hör' ich--Mein Sohn?

Pätus. (fällt ihm um den Hals)

Ihr unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich

meiner als eines armen Wäysen angenommen. Hier, Papa,

ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde

angewandt; hier ist's zurück und mein Dank dazu; es hat

doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt

und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.

Der alte Pätus.

Muß denn alles heute wetteifern, mich durch Großmuth zu

beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der

eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in

ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner

Großmutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat

mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so

wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes

Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen,

nur laß mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die

ich bey einem ähnlichen Geschenk gegen Deine Großmutter

äußerte.

Pätus.

Erlauben Sie mir, das tugendhafteste süsseste Mädchen

glücklich damit zu machen--

Der alte Pätus.

Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir

alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern Enkel

sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure

Großmutter für Euch bewiesen hat.

Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, küßt's und

trägts zu Gustchen)

Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges

Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der

Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der

vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch

Hofmeister.

Major.

Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden?

Geh. Rath.

Giebts für sie keine Anstalten, keine Nähschulen, keine

Klöster, keine Erziehungshäuser?--Doch davon wollen

wir ein andermal sprechen.

Fritz. (küßt's abermal)

Und dennoch mir unendlich schätzbar, weil's das Bild

seiner Mutter trägt. Wenigstens, mein süsses Kind!

werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen.

Der Hofmeister · 第 6 / 6 题