Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der
Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher
Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige
flickten Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes
Werkzeug oder Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und
Mähmaschinen.
Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche,
wo er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er
ward indes draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein
Essen brachte. Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun
an mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein
Fieber mehr. Der Koch antwortete, wenn er das Essen nicht haben
wolle, das er ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf die
blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und fragte: »Ist dir das
vielleicht nicht gut genug?«
Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein
Schicksal. Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man
ihm gab.
»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?«
knurrte er nur und machte sich über die Schüssel her.
»Kücken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß
aus seinen Augen, als er sich umwandte und ging.
»Kücken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen
mit seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Kücken, du
Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce.
Und er aß von dem Fleisch.
Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug
werden konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen
mit zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat,
nimmt er das Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund
kann seinen Knochen selber behalten!« murmelte er und geht an die
Thüröffnung, um es genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es
mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche zurück und
sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen Finger, -- die
Flasche war verschwunden.
Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit
verzerrtem Gesicht bleibt er in der Thür stehen und sagt, so daß
alle es hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein
Finger?«
Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.
Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische an zu
kichern.
Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und,
Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt'
ich den nicht wiedererkennen?«
Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die
wunderlichen Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.
»Was hast du eigentlich?« fragt einer.
»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,«
erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem
Essen gebracht. Hier ist auch der Nagel.«
Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los,
und die Leute schrieen durcheinander.
»Hat er deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen
gegeben? Du hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du
hast die eine Seite abgenagt!«
»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- --
ich dachte nicht -- --«
Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Thür hinaus.
Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich,
wandte sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem
anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?«
»Nein,« erwiderte Polly. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür
haltet ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz
anderen Kessel.«
Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande,
man stritt und lachte darüber wie die Verrückten, und der Koch
feierte einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.
Zachäus aber war verschwunden.
Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch
immer nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus
aber wanderte weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug
seine kranke Hand in der Binde und schützte sie, so gut er
konnte, gegen den Regen; im übrigen war er von oben bis unten
durchnäßt.
Er setzt seine Wanderung fort.
Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim
Schein eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg
wieder zurück, den er gekommen ist. Mit schwerfälligen,
bedächtigen Schritten geht er durch den Weizen, als habe er die
Zeit und den Weg genau berechnet. Gegen acht Uhr langt er wieder
bei der Farm an.
Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum
beim Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster
guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen,
daß er sehr guter Laune ist.
Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den
Schutz stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken
schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt noch immer und von
Zeit zu Zeit schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel
mitten durch und schlägt weit hinten in der Prärie nieder.
Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den
Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um
nicht naß zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig
und eigensinnig, dann begiebt er sich nach der Küche.
Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er
tritt ruhig ein.
»Guten Abend!« sagt er.
Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:
»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«
Zachäus entgegnet:
»Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist
gestern abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder
waschen.«
»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.
»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«
»Ich rate dir davon ab.«
»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.
»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«
Und Zachäus geht hinaus.
Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so
recht mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem
Wasser herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.
Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht
geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf
Zachäus zu.
»Was machst du hier?« fragt er.