Über Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weißer Mantel
lag über der Erde.
Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, daß er gestern einen
Brief erhalten hatte, eine überraschende, erlösende Nachricht, er
fühlte sich jung und glücklich, und er fing an, ein wenig zu
singen. Da geschah es, daß er ans Fenster trat, den Vorhang
zurückzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte plötzlich,
ein trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und seine armen,
schräg abfallenden Schultern zuckten.
Mit dem Winter kam eine böse Zeit für ihn, eine Qual wie keine
andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des
Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die
langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen,
sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten,
seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Während eines
Sommers hatte er in einem kleinen Städtchen ein helles und großes
Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweißt
waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte
ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner
Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate
lang in dem Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber, daß auch
das Eis seine Schönheit für viele habe, daß Winter und Sommer
beide Äußerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehörten,
-- aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht
anrühren, und die tägliche Qual zehrte an ihm. -- -- Späterhin im
Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste
feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das
Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die
Abende waren schwül, und über der Stadt schwebte der Blumenduft
aus den großen Parks; die Straßen schimmerten im Schein des
elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde Menschen wogten auf
und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel
Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter
die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer
halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder
heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm
geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die große Menge
Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergnügen nahm ein
jähes Ende.
Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt.
Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland,
am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! -- --
Über Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die
Vögel im Walde frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der
Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte
der Hase heute leben!
Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang würde er jetzt
das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier
Wänden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken.
Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war
jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an
Kräften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine
zufällige Witterungsveränderung sah er sich plötzlich darauf
beschränkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken.
Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im
allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt
eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an
alle möglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine
Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß
das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären, und daß er durch
diese vielen Briefe nach Süden und nach Norden eine Zeitlang noch
die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten könne. Auch in
anderer Hinsicht gingen Veränderungen mit ihm vor; sein
Gemütsleben war gestört, er weinte oft still für sich, und sein
Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Träume
beunruhigten.
Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten Sinn hatte,
konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren
Niedergeschlagenheit überwältigt werden. Alle seine Übergänge
waren jäh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor
seinem jüngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen
Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, daß der Knabe
niemals eine öffentliche Persönlichkeit werden möge, wie er
selber. Bei allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die
Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch verdorben, daß man
sie öffentlich besprach, daß das Publikum sie auf der Straße
beachtete, und daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende
über sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre
Haltung durch diese ewige Ausstellung verfälscht! Der Knabe
sollte die Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte
ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie
suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach
einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle
die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das
Lächeln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in
umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen.
Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde
Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den
Stangen wehten nicht dieselben Flaggen.
Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem Naturzusammenhang
herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen
Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehört, -- so
sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er während
seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er
geerntet hatte, leben und sterben.
-30° Celsius.
Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt, und daß alles Leben
auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus,
und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu
der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind
wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen. Eine arme,
kleine Meise hat noch Kräfte genug, um die Flügel zu bewegen; da,
wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen
Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und
kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und weiß wie
Talg.
Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten
zieht vorüber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame.
Über dem Pferd und den beiden Menschen lagert während der ganzen
Zeit eine weiße Wolke, die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr
und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube
wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine
gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit
dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt
zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn
sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam
bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande würde sich über diesen
Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung
dies entsetzliche, kalte Rätsel an, das sie an allen Seiten
umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber
Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind.
Er sieht seine kleine Tochter draußen auf dem Hof vor den
Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene
Kleider gehüllt, nur unter den langen Strümpfen aus Ziegenhaaren
liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im
Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen
seine Schultern an zu zucken, er schließt die Augen, als wäre er
ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schweiß
auf die Stirn.
Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz
unbefangen nach oben und klagt, daß der Strick an seinem
Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knüpft den
Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine
dicken Kleider an. »Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn fror
nicht, seine Hände waren warm, nur einen stechenden Schmerz
verursachte die eisgesättigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror
nie.
Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor der Hausthür ihr
Aussehen verändert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte
gethan! denkt er mit zitternder Seele.
In der Nacht schlug die Witterung um. Er saß aufrecht im Bett und
wartete auf das milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter
wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit währen würde.
Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzündet werde.
Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich an, von den
Dächern zu tropfen, und draußen im Weltenraum brauste es wie von
gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit größeren und größeren
Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchströmte
ihn wie Musik, es konnte der Frühling sein, der seine goldenen
Trommeln rührte.
Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch gegen sein
Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine
wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider über,
eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen an. Sein Heimweh
nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine
gebundenen Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in
derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen
Gegenden strömten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten
ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schönen
Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Märchenthal, und
mitten in dem Thal stand _Der Mensch_, die junge Herrlichkeit, die
zum erstenmal den Blick über die Erde schweifen läßt.
Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des Lebens erblüht ist und
sich selber in einer verzauberten Gegend stehen findet. Die
Vegetation ist üppig, da sind überall Palmen und tropische
Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten Blüten, die wie
Fleisch aussehen und zu atmen scheinen, Indigobäume, Reis- und
Weinfelder. Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat sie in
seiner Nähe und hört, wie sie fressen; oben auf einem Felsen
sitzt eine Schar zwitschernder Vögel, ihre Federn sind steif wie
Schwerter, und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen. Ganz
im Hintergrunde liegt wieder eine Palmenlandschaft, die sich in
der Ferne verliert.
Über dieser Landschaft taucht gerade der erste feine Rand der
Morgensonne aus dem Weltall auf und beleuchtet den Menschen vom
Scheitel bis zur Sohle. -- --
Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann schläft er eine Stunde
und beginnt von neuem. Nichts könnte ihn zurückhalten, eine
ungewöhnliche Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort. Während
fünf aufeinander folgender Regentage macht er den Entwurf zu dem
Bilde: _Der Sohn der Sonne_. --
Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher Mann, ohne Bart
und mit kahler, kalter Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem
Stuhl und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit zu Zeit und
fährt verlegen mit der Hand nach dem Munde. Richtet man ein Wort
an ihn, so zuckt er nervös zusammen und starrt den Sprecher eine
Weile an, ehe er antwortet. Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er
den ganzen Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen, und
sein ganzes Wesen so wenig hervortretend, daß sich niemand etwas
daraus macht, sich mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als
sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft bekannter
Männer geraten.
Einige Wochen später stellt derselbe Mann ein Bild aus. Und von
demselben Tage an kennen ihn alle. -- --
Ich habe diese Geschichte von einem Maler erfunden. Vielleicht
mag er hier im Norden in den furchtbaren Wintern leben, und
vielleicht mag er ein solches Bild gemalt haben, das _Der Sohn
der Sonne_ heißt.