Einundvierzigster Band des Buch-Romans

[Illustration]

Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.

~Copyright 1919

by Oskar Meister, Werdau.~

Alle Rechte vorbehalten.

[Illustration]

1.

Um die elfte Vormittagsstunde war derjenige Teil des Oeynhausener

Kurparkes, dem die Gäste den Namen „Schweiz“ gegeben hatten, von

Rollstühlen und Spaziergängern nahezu frei. Die Meisten ruhten nach

den Bädern vorschriftsmäßig aus. Jene aber, die es mit der Kur nicht

so streng nahmen, lustwandelten in möglichster Nähe der Musik. Nur

eines der bequemen Wägelchen glitt, fast zu eilig für den wundervollen

Frieden dieser Einsamkeit an der romantischen Schlucht vorüber, welche

der silberhelle Hambkebach in jahrzehntelanger Kleinarbeit mit Frische

segnete. Es war keine der gewöhnlichen Lenkerinnen, die ihn vorwärts

stieß. Die Hände erschienen gepflegt und schmal. Die feingliedrige

Gestalt zeigte eine stolze Haltung. Der schlanke, sehr weiße Hals

trug einen Kopf mit auffallend schönen Gesichtszügen. Zuweilen

schob sich die Fülle des braunschwarzen lockigen Haares, von einem

Sommerlüftchen gehoben, zu den langbewimperten Lidern hinunter, die

zwei ausdrucksvolle, sammetdunkle Augen bargen.

Als die Fahrt noch an Schnelligkeit zunahm, wandte sich der Kopf der

grauhaarigen Frau im Rollstuhl zu der Führerin herum.

„Fräulein Eva von Ostried, der Gaul, den Ihre Phantasie seit geraumer

Zeit zu reiten belieben, gefällt mir nicht,“ klang es dazu in frischem,

scherzhaften Ton. „Er ist zu hitzig. Steigen Sie sofort ab.“

Die junge Lenkerin ging bereitwillig auf die gütige Zurechtweisung

ein: „Hochverehrte Frau Landgerichtspräsident Hanna Melchers aus

Berlin-Grunewald, Wangenheimstraße 10, ich kann Ihrem Wunsch nicht

nachkommen, denn... er geht, leider, mit mir durch!“

Ein leichtes Seufzen ertönte.

„Schon wieder? -- Was haben Sie, Kind? Ich merke seit einigen Tagen,

daß Sie verändert sind. Zum Verlieben bietet sich hier kein Anlaß. Der

männlichen Jugend ist ja kaum in unversehrtem Zustande zu begegnen und

ich weiß doch zur Genüge von Ihrer durchaus verständlichen Freude an

der Gesundheit..“

„Nein.. verliebt.. bin ich nicht!“

„Was aber ist’s dann? Wir leben nun drei Jahre mit einander und ich

kenne Sie allmählich genau. Spukt in dem Köpfchen wieder der alte

Traum?“

„Ja,“ sagte Eva von Ostried und ihre Lippen preßten sich zusammen, als

müsse sie den Schrei der Sehnsucht ersticken, „ich möchte singen..

singen..“

„Als ob Ihnen das verwehrt würde, Eva. In dem kleinen

Unterhaltungszimmer unserer Pension Messing steht ein ausgezeichneter

Flügel und eine andächtige und dankbare Zuhörerschaft ist Ihnen

ebenfalls sicher. Trotzdem haben Sie mir das feierliche Versprechen

abgenommen, daß ich töricht genug war, Ihnen zu geben. Warum

verheimlichen Sie hier ängstlich Ihr Talent?“

„Soll ich wirklich vor der herzensguten, aber doch bereits unstreitig

etwas kindisch gewordenen Frau la chaise, die mit ihrem seligen

Fritzchen zwölfmal in Brasilien war und daneben lediglich Tabak und

höchstens noch ihre „beste“ Olga von daheim gelten läßt -- oder vor

diesem fürchterlichen, alten Baron, der beständig die Hände bewegt, als

beabsichtige er seine Zuhörerschaft zu kitzeln, damit sie über seine

Witzchen auch lachen kann, singen? -- Verlangen Sie +das+ von mir?“

„Verlangen würde ich es wohl nur von meiner leiblichen Tochter.“

Der Rollstuhl stand plötzlich still. Zwei weiche, heiße Lippen preßten

sich auf die Hände der Präsidentin.

„Ich bin egoistisch und schlecht. Verdanke ich Ihnen doch alles. Was

wäre damals aus mir geworden, wenn Sie mich, die ohne langjährige

Zeugnisse auf Ihr Gesuch kam, nicht den vielen Andern, vorzüglich

Empfohlenen vorgezogen hätten?“

„Lassen wir diese Fragen, mein Kind. Ich bilde mir ein, eine gute

Menschenkennerin zu sein..“

„Und nun habe ich Sie im Laufe der Zeit oft genug enttäuschen müssen.“

„Auch diese Wahrscheinlichkeit blieb damals nicht unberücksichtigt. Sie

hatten mich deutlich in Ihrer Seele lesen lassen.“

„Obwohl ich zuerst von meinen Kämpfen und Enttäuschungen schwieg?“

„Die kargen Tatsachen verrieten mir genug. -- Sie waren auf den Wunsch

eines Jugendfreundes Ihres verstorbenen Vaters von dem nach seinem

Tode in andere Hände übergegangenen Majorat nach Berlin gekommen und

ließen Ihre wundervolle Stimme unentgeltlich von ihm ausbilden. Daß er,

ein Jahr später, bei dem grausamen Eisenbahnunglück ums Leben kam und

Sie, die völlig Mittellose, danach vergeblich den Vormund und früheren

Gutsnachbar um ein Darlehn zum Weiterstudium anflehten, verhehlten

Sie mir nicht. Das Andere -- die harten Enttäuschungen, die Sie in

dem ungewohnten Kampf ums tägliche Brot in den verschiedenen aus Not

angenommenen Stellungen zu bestehen hatten, las ich deutlich aus ihrem

schmalen Gesicht und dem ängstlichen Ausdruck der Augen. Ihre spätere

Beichte vervollständigte nur diese Geschichte..“

„Aber Sie haben nicht angenommen, daß ich rückfällig werden könnte.“

„Ich habe es gewußt! -- Sehnsucht stirbt schwer. Und Sie sollen Ihr

Sehnen ja auch behalten und pflegen. Nur Geduld müssen Sie üben. Erst

fester werden, mein Kind. Erst noch diese heiße Eitelkeit abstreifen,

die fiebernd nach Ruhm und Huldigung verlangt.“

Der dunkle Kopf senkte sich schuldbewußt.

„Sie sind unaussprechlich gut zu mir.“

„Keine Uebertreibungen! Hundertmal haben Sie, in zorniger Aufwallung,

anders gedacht, wenn ich Ihrem Verlangen entgegenstand. Ich begreife

auch das voll.“

„Wenn ich doch wüßte, womit ich Ihnen dies Alles jemals vergelten

könnte.“

Frau Melchers lächelte leise.

„Das Wort „Vergeltung“ ist niemals von einem häßlichen Beigeschmack

frei, Eva. Sie sollen nur stets ganz offen zu mir sein.. und mich

weiter lieb haben. Anderes verlange und erwarte ich nicht.“

„Das glaube ich. Es ist ja so leicht.“

Ein prüfender Blick streifte das schöne Gesicht. Die kluge Frau kannte

die größeste Schwäche ihrer Hausgenossin, die sie wie eine Tochter

lieben gelernt, sehr genau. Wenn die reiche Phantasie spielte und die

ungestüme Eitelkeit den Kritiker abgab, konnte es leicht geschehen,

daß Eva von Ostried sich über die von der Präsidentin geforderte

Wahrhaftigkeit hinwegsetzte, ohne sich eines Unrechts bewußt zu werden.

„Und nun hören Sie mir einmal aufmerksam zu, Eva,“ forderte die gütige

Stimme. „Es kommen nicht sehr viel Stunden, die sich dafür eignen. Sie

sollen etwas wissen, was Sie -- vielleicht längst geahnt haben. --

Sie werden demnächst das einundzwanzigste Jahr vollendet haben. Der

Vormund, der nach dem jähen Tode Ihres Gönners seine Erlaubnis zur

Wiederaufnahme Ihrer Studien, auch mir gegenüber, brieflich versagte,

verliert dann seine Gewalt über Ihr Handeln. Im Herbst dürfen Sie also

über sich verfügen. Aber.. wir wollen erst noch Weihnachten und Ostern

in aller Stille zusammen feiern. So traut und gänzlich der Häuslichkeit

gehörend, wie die andern Jahre. Nichtwahr, mein Kind?“

„Ich begreife nicht, wie Sie das meinen. Soll ich dann fort von Ihnen?“

„Ja, Eva, dann verliere ich Sie. In meinem Heim werden Sie allerdings

weiter leben, aber für mich selbst kaum noch Zeit finden. Denn Sie

werden wieder als einzige Beschäftigung Musik studieren. Ihre Sehnsucht

darf neue Befriedigung suchen. Ihr Fleiß muß eisern werden. -- Die

nötigen Mittel gewähre ich Ihnen. Gegenleistungen verlange ich freilich

auch. Ich muß, so lange ich lebe, über Ihnen wachen dürfen, Eva. Fühlen

Sie, wie ich das meine?“

Eva von Ostried warf sich mit ausgebreiteten Armen über die kluge Frau.

Sie konnte nicht sprechen. Ihr Körper bebte von einem Schluchzen des

Glückes.

Endlich aber schob sie die Präsidentin sanft zurück.

„So und jetzt zum Theater! Denn, nicht wahr, darum nahmen wir doch

jenes Eiltempo? -- Heute Abend wird also Mignon gegeben? Obschon ich

es mir von dieser Stelle aus nicht als reinen Genuß denken kann..

sollen Sie Ihren Willen haben. Ob daraus nicht für Sie, die jeden Ton

dieser Oper genau kennen und die Partie des Mädchens aus der Fremde

ausgezeichnet wiederzugeben wissen, eine arge Enttäuschung wird?“

Das schöne Mädchengesicht strahlte wieder.

„Wie herrlich ist es, daß Sie, die schwer zu Befriedigende, mir dieses

Lob schenken. Ja... ich freue mich unsagbar auf den heutigen Abend.

Zu denken, daß.. ich selbst.. es besser machen könnte.. Ist das nicht

vielleicht der höchste Genuß?“

Ein leichter Schatten glitt über das feine, alte Gesicht.

„Darin werden wir uns niemals verstehen! Mir ist immer weh zumute, wenn

Jemand eine übernommene Aufgabe mangelhaft erfüllt. -- Aber jetzt muß

ich zur Eile mahnen. Der letzte Ton der Kurmusik ist verhallt.“

Und der Rollstuhl glitt wieder durch den Dom satten, frischen Grüns dem

kleinen neuerbauten Theater entgegen.

„Kommen Sie doch auch mit,“ bat Eva, ehe sie zur Kasse ging.

Die Präsidentin schüttelte den Kopf.

„Haben Sie ganz vergessen, daß der Geheimrat meinem rebellischen Herzen

die allergrößeste Schonung und vor allen Dingen frühzeitige Bettruhe

anbefohlen hat? Nein.. das ist ausgeschlossen.“

Eva von Ostried wurde rot. Dann aber fand sie eine Entschuldigung für

ihre Vergeßlichkeit. Wie konnte ein junges, gesundes Wesen beständig

daran denken, daß eine Leidende unausgesetzt der Rücksicht bedürfe?

„Nur etwas aus der Sonne können Sie mich zuvor noch schieben,“ forderte

die Präsidentin ohne Empfindlichkeit, „denn aus den für Sie heiligen

Räumen finden Sie nicht so schnell zurück.“

* * * * *

Es währte aber diesmal sogar für die Langmut der Präsidentin

zu lange. Die dünnen Glöckchen der Kirche und des Salzwerkes

verkündeten die zwölfte Stunde. Vom Königshof herüber erscholl das

melodisch abgestimmte Tamtam, das eine Viertelstunde vor Beginn der

Hauptmahlzeit, die überall zur gleichen Zeit festgesetzt war, die

Gäste zusammenrief und immer noch ließ sich Eva von Ostrieds helles

Gewand nicht erblicken. Schon wollte die an Pünktlichkeit streng

Gewöhnte eine ihr vom Ansehen bekannte, gerade des Weges daherkommende

Rollstuhllenkerin bitten, ihren Wagen in die Pension zu bringen,

als endlich, atemlos vor Erregung, die Säumige kam. Die Präsidentin

vergaß die beabsichtigte scharfe Zurechtweisung. Der Anblick des

jungen, schönen Geschöpfes, dessen ausdrucksvolle Augen begeistert

strahlten, entzückte sie, wie er es stets tat. Das reuige Betteln um

Vergebung dieser neuen, kleinen Nachlässigkeit würde genügt haben,

um ihre Empörung in mildes Begreifen umzuwandeln. -- Sie wartete

umsonst darauf. Eva von Ostried saß im tiefsten, goldensten Land ihrer

Zukunftsträume und klagte Mignons Steyrisches Lied heraus:

Kam ein armes Kind von fern

Zigeuner brachten es eben

Traurig bleich... seine Glieder beben....

Das riß die Geduld der Gütigen.

„Beeilen Sie sich, Eva,“ sagte sie streng und kurz, „oder ich werde,

so matt ich mich gerade heute auch fühle, der ärztlichen Vorschrift

entgegen, aussteigen und versuchen, im Laufschritt noch pünktlich

zu Tisch zu erscheinen.“ In dem nämlichen Augenblick erwachte Eva

von Ostried zur Wirklichkeit. Sie erblaßte und in ihre Augen kam der

Ausdruck einer großen Hilflosigkeit.

„Das werden Sie mir nicht antun,“ schmeichelte sie. „Schelten Sie

tüchtig.. aber sprechen Sie nicht in diesem unerträglich kühlen Ton

zu mir, wenn ich ihn auch verdient habe.. Gewiß -- ich vergaß meine

Pflicht. Sobald Sie die Ursache erfahren, werden Sie mich begreifen..“

„Sie können mir später berichten. Jetzt.. vorwärts, Eva.“

* * * * *

Der geräumige Speisesaal, in welchen die Beiden, heute als letzte

Mittagsgäste, eintraten, war fast zu sehr besetzt. Alle Plätze ohne

Rücksicht auf die Wohlbeleibten, erschienen gleich schmal, sodaß

der Hüne unter den Anwesenden, ein alter früherer Oberst der Garde,

vor seinem gefüllten Teller in zorniger Ungeduld des Augenblickes

wartete, in dem sich seine rechte Nachbarin, einstweilen befriedigt,

zurücklehnte. Zu seiner Linken nahm Eva von Ostried Platz. Das

milderte seinen Zorn. Obwohl er unvermählt geblieben, schätzte er

Frauenschönheit über allem Andern.

Als Eva nicht wie sonst auf seine neckenden Fragen in dem gleichen Ton

antwortete, neigte er den mächtigen Kopf ein wenig zur Seite und sah

sie mit schlauem, verständnisvollen Blinzeln an:

„Strafpauke intus, mein gnädiges Fräulein?“

„Ja,“ nickte sie und setzte leise hinzu „aber verdient.“

„Zu toll geflirtet?“

„Ist das hier überhaupt möglich?“

„Na.. erlauben Sie mal. Wenn Sie von uns elenden Bürgern schon absehen,

der Paul Karlsen, der erste Liebhaber und Opernsänger ist doch noch

da.. Und Sie gehören zu den eifrigsten Besuchern des Theaters..“

Den Namen des jungen Menschen, der ein großer Künstler zu werden

verhieß, hatte er im Gegensatz zu dem andern nur Geflüsterten stark

betont.

Das scharfe Ohr seiner schon wieder auf den nächsten Gang lüsternen

rechten Nachbarin fing ihn auf, sie nickte lebhaft und begann, froh,

endlich einen Gesprächsstoff gefunden zu haben:

„Ja, dieser Karlsen. Denken Sie doch, er soll auch heute im Mignon den

Wilhelm singen!“

Ein Backfisch, der seiner hochgradigen Bleichsucht und des daraus

entstandenen nervösen Herzens wegen hier war, mischte sich mit

allerliebster Wichtigkeit ein:

„Leider wird er ihn nicht singen können. Die schöne Mignon, auf die wir

uns einen halben Monat lang gefreut haben -- der Gast -- hat vor einer

Stunde einen bösen Unfall gehabt.“

Die Neuigkeit pflanzte sich fort, denn sie hatten fast alle hingehen

wollen.

„Wie jammerschade,“ wehklagten die jungen Mädchen.

„Wir werden das Geld natürlich zurückerhalten,“ freuten sich die

praktischen Mütter.

„Keine trügerischen Hoffnungen, meine Damen,“ spöttelte ein alter

Gichtiker, „soviel ich vor kaum zehn Minuten gehört habe, soll bereits

ein vollwertiger Ersatz gefunden sein.“

Lebhafte Fragen bestürmten ihn von allen Seiten.

„Woher wissen Sie es? Das wird nicht ohne weiteres geglaubt.“

„Mir hat es der Theaterdirektor in eigenster Person anvertraut. Eine

berühmte, große Sängerin, die zufällig hier zur Kur weilt, wird

einspringen. Er tat sehr geheimnisvoll und verriet nichts weiter, so

sehr ich auch in ihm drang.“

Frau Melchers wandte sich leise an Eva von Ostried.

„War es das, was Sie mir erzählen wollten, Eva?“

Die langen dunklen Wimpern lagen fast auf der rosigen, weichen Haut der

Wangen.

„Ja,“ sagte sie, „das und.. noch etwas. Die Aufregung über das

plötzliche Mißgeschick war so groß -- daß... ich oben... nicht..

früher fortkonnte..“ Frau Melchers nickte ihr freundlich zu.

„Schon gut, Eva. -- Nun freuen Sie sich natürlich doppelt auf den

heutigen Abend, nicht wahr?“

„Ich.. fürchte.. mich.. aber daneben auch..“

„So hat sich der kleine Teufel des Neides schon wieder von seiner Kette

befreit?“

„Noch nicht...“

„Ich werde das Weitere von Ihnen hören. -- Später. -- Erst muß

ich ruhen. Ich weiß nicht, in meinen Gliedern ist eine sonderbare

Mattigkeit. Sie schmerzt fast. Am liebsten verschliefe ich die ganze

zweite Hälfte des Tages..“

„Soll ich nachher den Geheimrat rufen,“ fragte Eva angstvoll.

„Was soll er mir, Kind? -- Ich habe es mir allein ausgeprobt. Wenn

das Herz matt und doch unruhig hüpft, brauche ich viel Ruhe. Niemand

soll sprechen. Am besten auch jedes Geräusch vermieden werden. -- Sie

dürfen darum heute einen ganz freien Nachmittag haben. Genießen Sie ihn

nach Herzenslust. -- Soll ich die jungen Mädchen am Tisch fragen, ob

vielleicht ein gemeinsamer Ausflug nach der Porta zustande käme. Zum

Beginn des Theaters können Sie, trotzdem, pünktlich zurück sein.“

Eva von Ostrieds Hände legten sich bittend auf die Rechte der

Präsidentin.

Aus ihrer Stimme klang ängstliche Abwehr.

„Bitte, bitte, tun Sie das nicht. Ich bin viel lieber allein. Diese

jungen Mädchen bleiben mir fremd und unverständlich in all ihren Reden

und Empfindungen. Und schließlich würde ich doch nur die Geduldete

unter ihnen sein.“

„Weil Sie mir.. dienen, Eva?“

„Nicht.. weil ich Ihnen diene.. Was gäbe es wohl Schöneres für eine

Waise. Nur, daß ich es überhaupt tun muß, begreifen diese vom Glück

verwöhnten nicht. Das richtet eine Scheidewand zwischen ihnen und mir

auf. -- Wirklich..“

„Sie sind ein großes Kind..“

„Ich wollte, ich wäre es! Als Kind habe ich niemals einschlafen können,

wenn irgend etwas Geheimnisvolles auf mir lastete.“

„Soll das heißen, daß es damit anders geworden ist?“

„Ich verstehe mich selbst manchmal nicht mehr. -- Was mir einen

Augenblick als ein unfaßbares Glück erscheinen will, jagt mir im

nächsten bereits Furcht und Schrecken ein..“

„Eva, Kind, das sind Nerven! Jawohl, so melden sie sich an.“

„Nein -- nein, es ist etwas anderes..“

„Dann könnte es nur ein böses Gewissen sein. Und davon halte ich Sie

frei.“

Der dunkle Kopf senkte sich tief. Eva von Ostried wurde der Antwort

überhoben -- das Gespräch noch allgemeiner und lebhafter, sodaß an eine

weiter unbeachtet geführte Zwiesprache nicht zu denken war. -- --

„Womit also werden Sie diesen sonnigen Nachmittag ausfüllen, Eva,“

fragte die Präsidentin, als sie, sorglich gebettet, sich mit einem

Seufzer des Behagens in dem kühlen Zimmer ausstreckte.

„Wenn Sie mich wirklich nicht brauchen können, lege ich mich in einen

einsamen dunklen Winkel und träume..“

„Und kommen vor dem Theater noch einmal kurz zu mir, damit ich Sie in

dem neuen, weißen Kleide sehe, ja? -- Das Abendessen werde ich heute

auf dem Zimmer nehmen, bitte, sagen Sie es an. Und morgen bin ich

wieder ganz frisch.“

Fühlte sie das Zögern des jungen Wesens? Eva von Ostried blieb noch

einige Minuten neben ihrem Lager stehen, als laste etwas schweres auf

ihrer Seele. Las sie das Geheimnis in den sprechenden Augen, das sich

zuerst offenbaren wollte und nun doch plötzlich dies Vorhaben als so

ungeheuerlich empfand, daß die Ausführung nicht gewagt wurde?

Sie deutete die offenbare Unsicherheit anders.

„Machen Sie nicht länger ein so reueerfülltes Gesicht, Evalein. Ich

hab’s längst vergessen, daß Sie mich ungebührlich lange warten ließen.

Im übrigen, Kind, nicht wahr, Sie wissen doch, daß ich Sie mit dem

Gefühl einer Mutter lieb habe?“

Eva von Ostried schluchzte an der Brust der Gütigen.

„Ja.. das weiß ich und darum..“ Frau Melchers unterbrach sie schnell.

„Darum jetzt heraus in die Sonne. Vergolden und durchwärmen lassen, was

dunkel und geheimnisvoll erscheinen will. Gehen Sie, Eva, ich bin sehr

müde..“

* * * * *

Eva von Ostrieds Pulse klopften in fieberhafter Erregung, als sie,

zu der Stunde der allgemeinen Mittagsrast, den Weg zum Kurtheater

einschlug. Ihr Vorwärtshasten wirkte wie ein beständiger Kampf. Nach

wenigen Laufschritten blieb sie stehen, sah rückwärts, zögerte, als

riefe sie eine mahnende Stimme zur Umkehr und jagte dann doch weiter,

als müsse sie um jeden Preis die versäumte Zeit einholen. Einmal sprach

sie ganz laut zu sich, weil ihre zitternde Seele dies dumpfe Schweigen

nicht länger zu ertragen vermochte.

„Und.. ich werde es ihr doch sagen! Sie ist so gut..“ Gleich darauf

huschte ein ängstlicher Schein über ihr Gesicht. -- „Wenn sie es mir

aber nicht gestattet? O, sie kann auch hart und fest bleiben, sofern

sie etwas nicht billigt.“

Die Mittagssonne goß auf jedes Blatt einen großen, goldenen Tropfen.

Unzählige, bis zum Rande gefüllte Becher schwebten auf allen Zweigen.

Einer strömte seinen kostbaren Inhalt über Eva von Ostrieds schlanke,

schöne Gestalt aus und überfunkelte sie mit verschwenderischen Glänzen.

Ihre Augen waren geblendet. Unsanft stieß sie mit dem Eiligen zusammen,

der ihr entgegenlief.

„Hoppla.. Fräulein von Ostried.. wohin des Weges? Sie wollen mir doch

nicht etwas ins Handwerk pfuschen.“

Der Geheime Sanitätsrat Schwemann war es, der die Präsidentin

behandelte.

„Nein, das wage ich nur in äußerster Not.. etwa, wenn Frau Präsident

absolut nichts von Ihnen oder Ihresgleichen wissen will, Herr

Geheimrat,“ sagte sie frisch.

„S’ wär schon besser gewesen, sie hätte sich früher an einen von

unserer Zunft gewandt,“ brummte er halblaut.

„Steht es schlecht mit ihr, Herr Geheimrat?“

„Habe ich das etwa behauptet? -- Fällt mir gar nicht ein. Ist übrigens

irgend etwas nahes Verwandtes vorhanden?“

„Sie ist ganz einsam in der Welt.“

„Na, dann hören Sie mal einen Augenblick zu. Sie gefällt mir nämlich

immer weniger. Ist körperlich viel zu sehr für dies ernsthafte

Herzleiden herunter. Und schont sich dabei nicht gehörig, was die

Geschichte natürlich verschlimmert.“

„O Gott, was soll ich tun. Sagen Sie mir alles, Herr Geheimrat?“

„Sie? -- Sehr viel ist dagegen nicht zu machen. Sie können ihr

höchstens jede Aufregung fernhalten und sie gehörig päppeln. -- Also...

es ist nicht so einfach, meine Liebe. Kann sehr wohl mal kommen, daß

eines Tages, scheinbar ohne neue Ursache, etwas Menschliches eintritt.

-- Das wollte ich Ihnen doch unter vier Augen sagen, ehe Sie abreisen.

In zwei Tagen soll die Reise ja wohl heimwärts gehen.“

Eva von Ostrieds Lippen bebten.

„Ich habe Niemand mehr als sie“ klagte sie erschüttert.

„Weil ich mir etwas Aehnliches gedacht habe, sage ich Ihnen das auch

hauptsächlich. Nun aber keine vorzeitige Leichenbittermiene. Das würde

sie selbst am meisten betrüben. -- Sie kann sich natürlich auch noch

längere Zeit halten. Wie gesagt.... auch dem Gesundesten geschieht

zuweilen ein rasches Unglück. Sehen Sie die Sängerin an. Fällt vor ein

paar Stunden einfach auf dem ebenen Fußboden hin und bricht sich ein

Bein. Dabei nicht etwa glatt und anständig. Es wird eine langweilige

Geschichte werden. Grade komme ich von ihr. Na ja... sollten sich

übrigens auch besser nach dem Essen aufs Ohr legen. Die Sonne sticht

gewaltig....“ --

Gegenüber der Seitenpforte des Theaters, durch welche die Schauspieler

mehr oder minder pünktlich, zu schlüpfen pflegten, stand eine

kühngeschweifte Bank. Darauf ruhten sie nach den Proben aus und

belustigten sich damit, über die vorüberkommenden Kurgäste, sofern sie

nicht zu den eifrigen Verehrern ihrer Kunst zählten, zu spötteln. Denn

sie kannten fast jeden Einzelnen ihrer treuen Gemeinde, die höchstens

alle Monat einmal ihr Aussehen änderten. Zur Zeit war diese Bank leer.

Eva von Ostried nahm darauf Platz. In ihrem Gesicht lag der Ausdruck

tiefen Kummers. Die Unterredung mit dem Geheimrat hatte vorübergehend

die eigenen Interessen erstickt. Bittere Selbstvorwürfe stürmten auf

sie ein.

Während ihre Wohltäterin nach den vorangegangenen Anzeichen einer

großen Mattigkeit, sicherlich wieder von einem jener tapfer ertragenen

Anfälle gequält wurde, stand sie im Begriff sie zu hintergehen.

Die mütterliche Güte und Nachsicht der Präsidentin, die ihr der

Unbekannten, als sie zerbrochen und matt in ihr Haus kam, wieder die

Kraft zur Lebensfreude schenkte, rührte sie von neuem.

Durfte sie diesen Schritt tun, obgleich sie genau wußte, daß die

Präsidentin ihn mißbilligen, wenn nicht gar auf das Strengste

untersagen würde?

In ihrem Gesicht zuckte ein harter Kampf. Eitelkeit und Dankbarkeit

rangen mit einander. Das berauschende Vorempfinden uneingeschränkter

Bewunderung maß sich mit der überwältigenden Freude, daß sie sich

in absehbarer Zeit ihren geliebten Studien wieder gern voll widmen

und sie ohne drückende Sorgen zu Ende bringen sollte. In diesem

Augenblick lief ein barfüßiger Junge an der Bank vorüber. Sie empfand

sein Erscheinen als die Bekräftigung der guten Vorsätze und winkte ihm

stehen zu bleiben.

„Ich will schnell einen Zettel schreiben,“ sagte sie freundlich „und Du

trägst ihn mir hinein, ja?“ Er nickte bereitwillig und setzte sich zu

ihr. Ein aus dem Taschenbuch herausgerissenes Blatt bedeckte sich mit

ihren feinen, klaren Schriftzeichen.

„Mein Versprechen war übereilt“ schrieb sie, „ich kann es leider nicht

halten. Teilen sie dies bitte, Herrn Direktor mit.“

Schon hatte sie ihn zusammengefaltet und den Wartenden beauftragt,

ihn an Herrn Paul Karlsen abzugeben, als drinnen eine umfangreiche,

wenn auch etwas scharfe Stimme, Philines halb spöttisches halb

mitleidsvolles Lied zum Gehör brachte:

Hollah, mein werter Herr

Mögt Ihr uns nicht erst sagen

Wer ist das arme Kind

Des Antlitz scheint zu klagen.

Wie mit einem Zauberschlage änderte sich der Ausdruck in Eva von

Ostrieds Zügen. Alle weiche, kindliche Dankbarkeit schwand daraus. Ihre

Lippen öffneten sich, als tränken sie jeden einzelnen Ton durstig auf.

Ihre Augen flammten. Mechanisch zerpflückte sie das Geschriebene und

reichte dem erstaunt und neugierig blickenden Jungen ein Geldstück hin.

„Ich werde selbst gehen. Es ist gut!“

Und doch fühlte sie dumpf und schwer, daß der Schritt, den sie im

Begriff stand zu tun, besser unterbleibe. Aber es war für alle

Erwägungen zu spät geworden. Aus der kleinen Seitentür trat in

diesem Augenblick, eine schlanke Männergestalt und lief in freudiger

Erregtheit auf sie zu.

„Wo in aller Welt bleiben Sie? Schnell hinein. Niemand im Städtchen

ahnt, daß Sie der vom Himmel gefallene, göttliche Ersatz sein wollen.

Es wird erhaben werden.“

Und sie folgte in willenloser Mattigkeit dem voranschreitenden Karlsen,

von dem das Publikum auch hier behauptete, daß er ein großer Künstler

zu werden verspreche.

* * * * *

Die dünngewordenen Stimmchen der Glocken hatten schon die vierte

Morgenstunde verkündet, als Eva von Ostried endlich einschlafen konnte.

Ihr Zimmer lag neben demjenigen der Präsidentin. Nachdem sie gegen

elf Uhr heimgekehrt war, hatte sie durch die Verbindungstür schlüpfen

wollen, um alles, was ihr widerfahren war, getreulich zu beichten. Ihr

scharfes Ohr erlauschte aber zuvor die tiefen, regelmäßigen Atemzüge,

die einen friedvollen Schlummer verrieten. Wie wertvoll dieser für die

Präsidentin war, wußte sie genau. Darum verschob sie alles bis zum

nächsten Morgen.

Der zog strahlend und schöner, wie die der gesamten letzten Wochen

herauf. Eva von Ostried wurde nicht wie sonst, durch den ersten Strahl

des großen Lichts zu ihren Pflichten geweckt. Die ungeheure Erregung

des verflossenen Tages hatte eine bleischwere Müdigkeit auf sie

gesenkt. Nun schläft sie, die sonst, pünktlich um sieben Uhr, das erste

Frühstück der Präsidentin ans Bett brachte, mit dem unbewußten Behagen

gesunder, kraftvoller Jugend. Fräulein Messing, die Inhaberin der

Pension, freute sich darüber. Die große Neuigkeit machte sie doppelt

unruhig und geschäftig. Darum trug sie auch eigenhändig das Brettchen

mit der ersten Tagesmahlzeit zu der Präsidentin herein. Mit einem

verständnisvollen Lächeln wies sie dabei zu der fest geschlossenen

Verbindungstür hinüber.

„Wir wollen ihr heute ausnahmsweise den langen Schlaf gönnen, nicht

wahr Frau Präsident?“

Frau Melchers hatte mit Rücksicht auf den gestrigen Theaterbesuch,

bisher die Klingel nicht gerührt. Trotzdem billigte sie diese

Versäumnis durchaus nicht. Mit leicht gerunzelten Brauen gab sie zur

Antwort:

„Sie wollen doch nicht behaupten, daß ein Aufbleiben bis zur zehnten

oder elften Abendstunde für ein junges, kräftiges Mädchen eine

Anstrengung bedeutet?“

Fräulein Messing wiegte den Kopf hin und her und lächelte, als wollte

sie sagen „Halte mich doch nicht für ganz ahnungslos“... Weil ihr die

laute Aeußerung aber zu wenig respektvoll vorgekommen wäre, milderte

sie dieselbe und sagte triumphierend:

„Wir wissen es natürlich jetzt Alle und beglückwünschen auch Sie in

herzlicher Mitfreude.“

Frau Melchers begriff vorläufig nichts, als daß sich am verflossenen

Abend ein Vorgang abgespielt haben mußte, der ihr ein Geheimnis war und

der doch auf das Innigste mit ihrer Begleiterin verknüpft blieb.

„Sie sprechen für mich in Rätseln, Fräulein Messing. Darf ich um eine

klarere Fassung ihrer sicherlich gut gemeinten Wünsche bitten?“

Wäre Fräulein Messing weniger erfüllt von dem überraschenden Ereignis

gewesen, hätte sie den Ausdruck großen Erschreckens auf dem Gesicht

der alten Dame wahrgenommen. So aber merkte sie lediglich, daß hier

ein Geheimnis vorliege und freute sich, die Erste zu sein, die es der

Nichtsahnenden enthüllte. In ehrlicher Verwunderung schlug sie die

Hände zusammen.

„Frau Präsident sind also wirklich ahnungslos? Nein, so etwas! Da will

ich gern berichten. -- Als wir uns gestern Abend an Mignon erfreuen

wollten, wurde uns die große Ueberraschung zuteil, Fräulein von

Ostried als solche zu erleben. Gnädige Frau, es war einfach himmlisch.

Solche Stimme habe ich noch niemals gehört. Das Publikum raste vor

Begeisterung. Und unsere gesamte Pension hat in aller Eile -- das „wie“

ist mir freilich bis jetzt verborgen geblieben -- einen herrlichen

Aufbau aus lauter roten Rosen gestiftet, den Herr Oberst selbst im

Namen Aller überreicht hat.“

Die Präsidentin hatte sich aufgerichtet und rang mühsam nach Atem. Sie

war lange unfähig zu einer Entgegnung. Endlich stieß sie hervor:

„Gehen Sie, bitte.. und senden Sie.. mir sofort.. Fräulein von Ostried.“

Das soeben Gehörte war ein harter Schlag für sie. Zwar hatte sie

gewußt, daß Eva ehrgeizig und eitel zugleich sein konnte -- war auch

wiederholt gegen deren Anwandlungen von kräftiger Selbstsucht zu Felde

gezogen.. daß sie aber jemals imstande sein könnte, hinter ihrem

Rücken, den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit zu wagen, empfand

sie, besonders nach den heute gemachten Zusicherungen, nicht nur als

Undankbarkeit, sondern als eine Unaufrichtigkeit, die sie schmerzhaft

quälte.

Gewiß -- sie verhehlte sich nicht, daß ihre wiederholt geäußerte

Mattigkeit Eva von Ostried das Befragen und Beichten erschwert hatte.

Immerhin -- würde sie bei ernstlichem Willen die Möglichkeit dazu

gefunden haben. Sie suchte sie aber nicht, weil sie im Voraus wußte,

daß ihr unter gar keinen Umständen die Erlaubnis zu diesem verfrühten

Auftreten erteilt worden wäre. Denn die Präsidentin war Eine von Denen,

die es viel zu ernst und heilig mit der Ausübung der Kunst nehmen,

um sie zu einer Entweihung durch fiebernde Eitelkeit mißbrauchen zu

lassen. Mochte für all diese Ohren Eva von Ostrieds Stimme noch so

wunderschön geklungen haben, ihr fehlte doch noch unendlich viel,

um sich öffentlich hören zu lassen. Um sie auch vorher innerlich

reifen zu machen, hatte sie die Beschränkung der Musikstudien bisher

durchgesetzt. Was sie ihr gestattete, war lediglich ein wöchentlich

einmaliger Unterricht durch einen der ersten Stimmbildner. Solange Eva

ihrem Einfluß zugänglich blieb, hatte sie die berechtigte Hoffnung,

sie für alle Gefahren, die ihr um der Schönheit halber viel mehr als

den späteren Genossinnen drohen würden, zu festigen. Sobald sie sich

erst völlig in jenen Kreis der anders Denkenden einfügte, wurde ihr

erziehlicher Einfluß geringer, um fraglos sehr bald aufzuhören.

Daß Eva sich bei der ersten Versuchung als schwach erzeigt hatte,

erfüllte sie mit einer dumpfen Zukunftsangst. Denn sie liebte das junge

Geschöpf!

Eva von Ostried kam bleich und verweint herein. Sie zeigte nichts von

dem Glanz einer überwältigenden Freude. Fräulein Messings überstürzte

Mitteilung, aus der sie entnehmen mußte, daß Frau Melchers alles wisse,

hatte sie tief gedemütigt. Zudem blieb die andere Erfahrung, von

welcher außer ihr bisher -- Gottlob -- nur der Andere etwas wußte, mit

grausamer Härte auf sie ein. Sie warf sich vor dem Lager auf die Knie

und barg schluchzend den Kopf in die Kissen. Die Stimme der Präsidentin

klang ungewohnt hart an ihr Ohr:

„Stehen Sie auf! Nur jetzt kein Theater!“

Diese Worte schmerzten mehr, wie ein Schlag. Sie zuckte zusammen und

stammelte etwas.

„Es ist mir schwer genug geworden -- aber ich konnte.. nicht anders,“

sollte es heißen.

„Warum nicht? Was hielt Sie zurück, der Stimme Ihres Gewissens zu

folgen. Denn ich hoffe, daß es sich geregt hat.“

„Ja -- das tat es. Ich hatte mich bereits zur schriftlichen Absage

durchgerungen. Da hörte ich den Gesang der Philine. Das reizte mich,

der zu Unrecht auf ihr Können Eingebildeten ihre Mängel zu beweisen. --

Sie hatte mich am Vormittag wie ein Kind behandelt, das nicht ernst zu

nehmen ist.“

Die Präsidentin zwang sich zur Ruhe.

„Es bleibt mir unerklärlich, wie man dort überhaupt von Ihrem Talent

erfahren hat oder sollten Sie anläßlich der häufigen Theaterbesuche,

längst innige Freundschaft mit den Verschiedenen gepflegt haben, von

welcher ich natürlich ebenfalls nichts wissen durfte?“

Eva von Ostried richtete sich empor. An dem offenen Blick merkte die

Präsidentin, daß diese Annahme falsch sei.

„Ich kannte bis gestern persönlich nur Herrn Karlsen, der mir auch

jedesmal die Karte für die Vorstellungen ausgehändigt hat.“

„Dann berichten Sie, wie man auf Sie als Ersatz der eigentlichen Mignon

kommen konnte.“

„Herr Karlsen teilte mir heute Mittag in höchster Aufregung den Unfall

des Gastes mit, als ich mir die Karte zur Abendvorstellung besorgen

wollte. Gleichzeitig schilderte er mir den großen Ausfall für die

Schauspieler, weil die gezahlten Preise zurückerstattet werden mußten.

Erfahrungsgemäß werde an einem der alten und ältesten Lustspiele

wenig verdient, sondern lediglich mit einer guteingeübten Oper. Der

Direktor aber müsse nun noch außerdem der anspruchsvollen Philine das

vereinbarte Spielhonorar zahlen. Dies traurige Ereignis vernichte

wiederum die stille Hoffnung aller auf eine endliche Aufbesserung ihrer

Verhältnisse.“

„Nun wurde Ihr Mitleid wach und Sie boten sich an.“

„Nein, das tat ich wirklich nicht. -- Ich sagte nur, daß ich bei

ernstlichen Bemühungen sehr wohl an einen guten Ersatz der Mignon

glaube.“

„Damit reizten Sie natürlich Karlsens Widerspruch?“

„Er wußte mich schnell von der Unrichtigkeit zu überzeugen, indem er

behauptete, die kleinen erreichbaren Vertretungen benachbarter Städte

seien ohne wiederholte Proben überhaupt nicht imstande, die Partie zu

übernehmen.“

„Da konnte Ihre Eitelkeit nicht länger stumm bleiben?“

„War ich eitel? Ich fühlte nur ein eigentümlich wundervolles Behagen,

daß ich ihn widerlegen konnte, stellte mich einfach hin und sang ihm

die wenigen Strophen aus dem ersten Akt vor.“

„Und da war er sogleich starr vor Bewunderung!“

„Ich weiß es nicht! -- Plötzlich umringten sie mich alle. Der Direktor

-- der alte Jarne -- die neidische Philine... Mein Widerspruch

verhallte.. Sie zwangen mich einfach zu einem festen Versprechen.“

„Haben Sie wenigstens gewußt, was Sie mir damit antaten, Eva, indem Sie

mich hintergingen?“

„Ich habe es schwer gefühlt. Die ganze stolze Freude meines ersten

Erfolges hat es mir verbittert..“

„Sie übertreiben. Daran zu glauben vermag ich beim besten Willen nicht.“

„Und doch ist es so. Bei jedem Hervorruf lastete die Reue auf mir. Ich

mußte an irgend eine Strafe denken.“

„Die ich über Sie verhängen würde?“

„Nein -- an eine andere. Und sie ist gekommen. Ich möchte Ihnen so gern

davon sprechen.“

„Um mich zu versöhnen, Eva?“

„Um mich zu erleichtern. Mein Herz ist sehr schwer.“

Da wallte das Muttergefühl an diesem fremden Kinde von neuem warm in

der Präsidentin auf. Ihre Hand legte sich auf den geneigten Scheitel.

„Glücklich sehen Sie freilich nicht. Also, was ist geschehen?“

Eva von Ostried schlug beide Hände vor das erglühende Gesicht, weil sie

sich vor dem klaren, tiefen Blick schämte.

„Der Karlsen hat mich nach der Vorstellung geküßt,“ stammelte sie.

Die Präsidentin erschrak.

„Und Sie lieben ihn?“ Eva schüttelte den Kopf.

„Bisher war er mir gleichgültig. Seitdem er das gewagt hat, verachte

ich ihn. Daß er es tun durfte -- hat mir das Glücksgefühl nach dem

gestrigen Abend vollends ausgelöscht. Sagen Sie mir, daß so etwas nie

-- nie wieder möglich sein wird. -- Ich ertrüge es kein zweites Mal.“

„Damit würde ich etwas behaupten, an das ich selbst nicht einen

Augenblick glaube.“

„Sie sind also überzeugt, daß die Kunst, wenn sie auch als etwas Reines

und Hohes empfunden und ausgeübt wird, vor solchen Uebergriffen nicht

schützt?“

„Ich hätte Sie für reifer gehalten, Eva! -- Das sind die Fragen eines

Kindes.“

„Wissen Sie, was ich bei diesem entsetzlichen Kuß gefühlt habe? Daß ich

imstande wäre, meine geliebte Kunst zu opfern -- wenn mir später das

gleiche geschehen würde.“

Und sie legte, wie ein furchtsames Kind erschauernd ihr heißes Gesicht

in die weichen Hände der Präsidentin.

[Illustration]

[Illustration]

2.

„Niemals erschien mir die Welt ähnlich reich gesegnet wie in diesem

Jahr,“ sagte Frau Präsident Melchers und wies zu den Obstbäumen ihres

Gärtchens hinüber, die unter den silbernen Tauschleiern eines frühen

Septembermorgens tiefgeneigt ihre Lasten trugen.

Eva von Ostried stand, für einen Ausgang bereit, ebenfalls auf

der offenen Veranda. Sie empfand keine staunende Dankbarkeit beim

Anblick dieser Wunder. Aus ihren Blicken sprach etwas Unruhvolles.

Nur für kurze Zeit hatte ihr der Segen dieser Stille, die -- obschon

nahe dem großen Getriebe Berlins -- dennoch aller Unrast fern und

fremd zu bleiben schien, wohlgetan. Jetzt fühlte sie sich wieder

von dieser Abgeschlossenheit gepeinigt. Jede Stunde bedeutete ihr

etwas Verlorenes. Jeder Tag einen unersetzlichen Verlust. Heimlich

durchkostete sie die rieselnden Wonnen ihres ersten Erfolges und wußte

nichts mehr von Reue oder Empörung.

Sagten es ihr nicht immer aufs Neue die bewundernden Blicke fremder

Menschen, daß sie ungewöhnlich schön ist?

War es darum nicht auch verzeihlich, wenn die Leidenschaft eines Mannes

und Künstlers sich an ihrem Anblick entflammte und vergaß?

Die Präsidentin beobachtete heimlich den wechselnden Ausdruck auf Eva

von Ostrieds Zügen. Sie wußte richtig in diesem jungen Gesicht zu

lesen. Die Sorge um Evas Zukunft verringerte sich nicht. Der Wunsch,

neben ihr bleiben zu dürfen, bis die Selbstzucht oder eine harte

Enttäuschung alle Schlacken fortgefegt haben würde, war auch heute in

ihr. Sie fühlte, wie sich die junge Seele ihr seit der Rückkunft aus

Oeynhausen mehr und mehr verschloß. Aber sie unterdrückte tapfer alle

Bitterkeit.

War es nicht auch das Los der leiblichen Mutter allmählich das Kind

der Schmerzen an irgend eine fremde Freude zu verlieren? Und hatte der

kommende Tag wirklich die große Bedeutung, die sie ihm zumaß?

„Nun gehen Sie, Eva und besorgen die Kleinigkeiten zu unserm Mahle,“

sagte sie und zwang damit ihre Gedanken zu fröhlicheren Dingen. „Mein

alter Freund, Justizrat Doktor Weißgerber, hat mir versprochen, das

Fest Ihrer Volljährigkeit mit uns zu feiern.“

„Ach,“ meinte Eva lachend, „was soll er mir? Er ist alt, bedenklich und

weise.“

Ein rascher Blick streifte sie.

War sie wirklich so harmlos, nicht die tiefe Bedeutung seines Besuches

gerade an ihrem Ehrentage zu ahnen? -- Der junge Mund plauderte sorglos

weiter.

„Am liebsten würde ich morgen Abend in das große Wohltätigkeitskonzert

gehen, zu dem mir ein liebenswürdiger, leider unbekannter Spender eine

Karte zugesandt hat..“

„Und ich?“ Nun klang doch eine leichte Bitterkeit aus der gütigen

Stimme.

Eva wurde rot.

„Sie erfreuen sich doch auch gern an guter Musik..“

„Freilich tue ich das! Aber ich ermüde jetzt zu sehr dabei.“

„Wenn Herr Justizrat bei Ihnen bleiben würde?“ Der Eigenwunsch besiegte

alle anderen Bedenken.

„Seine Zeit ist kostbar, das wissen Sie. Opfert er mir schon die

Mittagszeit, wage ich nicht noch weiteres von ihm zu fordern.“

Eva schwieg. Aber ihr war es, als laste eine Kette auf ihr, welche die

Schönheit des Lebens für sie fesselte. -- Unfreudig wandte sie sich

nach kurzem Zaudern, um die aufgetragenen Besorgungen zu erledigen.

Die Präsidentin blickte ihr nach, solange etwas von ihr sichtbar blieb.

Dann sah sie die durch die alte Pauline hereingebrachte Frühpost

durch, vermißte dabei die Zusage des aufmerksamen Freundes und ging

zum Telephon, um ihn zu befragen, wann er morgen frühestens kommen

könnte. Der Vorsteher seines Büros antwortete an seiner Statt, daß der

Justizrat seit gestern leider mit einer heftigen Erkältung zu Bette

liege und hohes Fieber habe. -- Das beunruhigte sie auch wegen des

Andern. Gar zu gern hätte sie nun endlich ihrem längst ordnungsmäßig

aufgesetzten Testament jene Nachschrift angefügt, die Eva von Ostrieds

Zukunft sicher stellte. Einem ausdrücklichen Wunsch ihres verstorbenen

Gatten entsprach es, daß sie vor Ausführung jeden größeren Entschlusses

den Rat seines als treu und klug erprobten Jugendfreundes hörte.

Bisher war sie seinem Wunsch stets gefolgt. Für die beabsichtigten

Stiftungen, denen, mangels Erbberechtigter, ihr großes Vermögen neben

reichen Legaten bestimmt war, hatte sie auch eines klugen, juristischen

Beistandes bedurft. Nun hieß es ein Teilchen von dem bereits Verfügten

abzustreichen und diesem neuen Zweck zuzuführen. Der Gedanke an ein

Hinausschieben wollte sie unruhig machen. Die Gewöhnung an klares,

ruhiges Ueberlegen siegte jedoch.

Schließlich kam es auf ein paar Tage des Wartens dabei nicht an.

Sie war damit beschäftigt, den Gaben, die Eva von Ostried morgen

erfreuen sollten, ein möglichst festliches Aussehen zu verleihen, als

die alte Pauline, die bereits der jungen Frau Assessor Melchers treu

gedient hatte, hereinkam und den Besuch eines fremden Herrn meldete.

Es war kaum zehn Uhr vormittags. Die Stunde dafür also ungewöhnlich.

Deshalb ließ ihn die Präsidentin nicht eher hereinbitten, bis er sein

Anliegen genannt hatte.

Das war in kurzen Worten geschehen.

„Er käme wegen unserm Fräulein,“ berichtete Pauline und die anfängliche

Mißbilligung war aus ihrem Gesicht verschwunden.

Der bald darauf Eintretende war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren.

Seine breitschultrige Gestalt zeigte die Kraft und Frische eines

Menschen, der einem gesunden Beruf nachgeht. Sein Gesicht war tief

gebräunt. Unter den buschigen Brauen blickten die Augen treu und

klar. Er gefiel der Präsidentin, noch ehe sie ihn angehört hatte. Das

anfängliche Unbehagen, es könne sich um einen der vielen heimlichen

Verehrer ihres schönen Schützlings handeln, wandelte sich in eine

Art behaglicher Neugier. Von diesem ehrenhaft Wirkenden konnte ihrem

Liebling unmöglich eine Gefahr drohen. Als er seinen Namen nannte,

streckte sie ihm herzlich die Rechte entgegen.

„Amtsrat Wullenweber aus Hohen-Klitzig, Regierungsbezirk Köslin,

Hinterpommern,“ wiederholte sie mit einem warmen Lächeln. „Also --

Eva von Ostrieds Vormund! Wie es mich freut, Sie persönlich kennen

zu lernen. Unser Briefwechsel war damals kurz und gestaltete sich

unerfreulich, nicht wahr?“

„Ja,“ sagte er, „ich bildete mir fest ein, daß Sie, Frau Präsident, den

unglücklichen Gedanken meines Mündels kräftig unterstützten.“

„Warum bezeichnen Sie ihn als unglücklich, Herr Amtsrat?“

„Das läßt sich nicht in ein paar Worten sagen.“

„Soll dies heißen, daß die Zeit zu einer richtiggehenden, sogar für

eine Frau begreiflichen Erklärung, Ihnen auch heute fehlt?“

„Zeit hätte ich schon, Frau Präsident. Mein Zug geht erst in vier

Stunden. Mein Hauptgeschäft, der Ankauf einer landwirtschaftlichen

Maschine, ist bestens besorgt.“

„Ach,“ machte sie enttäuscht, „und ich dachte, daß Sie zu mir kämen,

weil doch morgen Eva von Ostried selbständig wird.“

Er lächelte. Das gab seinem ernsten, stillen Gesicht etwas unendlich

Gutes und Liebenswertes.

„Ich glaube, Sie unterschätzen die Sorgen und Lasten des Landmannes

in dieser jetzigen, bösen Zeit, Frau Präsident. Sobald er den

Rücken wendet, geschieht bestimmt eine Dummheit. Ich will mich also

nicht als Einer hinstellen, der allein von der Verantwortung seiner

Vormundschaft getrieben wird. Wenn schon ich nicht verhehlen kann, daß

mir Eva von Ostried viel Sorge gemacht hat.“

„Lieber Herr Amtsrat, das Schicksal teile ich mit Ihnen! Wer sie lieb

hat, wird ewig mit einer gewissen Unruhe im Herzen ihrer Entwicklung

zusehen.“

„Eigentlich lieb ist sie mir nie gewesen,“ gestand der Amtsrat

freimütig ein, „dazu hatte sie zu viel von ihrem Vater.“

Ein verstehendes Lächeln erschien auf dem Frauenantlitz.

„Dann haben Sie ihrer Mutter sicher sehr nahe gestanden.“

„Woher wissen Sie das, Frau Präsident?“ Er sah sie erstaunt und

unsicher an.

„Ich ahne es mit dem Gefühl der reifen Frau. -- Der Vater war

augenscheinlich niemals Ihr wahrer Freund. Die Tochter steht Ihrem

Herzen nicht sonderlich nahe und dennoch wehrten Sie sich mit einem

fast leidenschaftlichen Grimm gegen die Fortsetzung ihrer einst vom

Vater gebilligten musikalischen Ausbildung, nachdem der berühmte Gönner

tot war. Da muß also entweder das höchste Gefühl von Verantwortung

und dieses haben Sie mir ja soeben abgestritten -- oder das, einer

geliebten Verstorbenen gegebene Versprechen zugrunde liegen.“

„So ist es wirklich. Evas Mutter war die beste und edelste Frau!“

„Sie sind unvermählt geblieben, Herr Amtsrat?“ Er nickte wehmütig.

„Ein paar mal habe ich später aus dieser Einsamkeit herauswollen und

es doch nie über kläglich gescheiterte Versuche gebracht. Das heißt:

verstehen Sie mich nicht falsch. Der andere Teil merkte nichts davon.

Nur mit mir allein brachte ich die Geschichte in Ordnung. Das genügte.

-- Ich konnte Evas Mutter nicht vergessen.“

„Verzeihen Sie, wenn ich forsche. Unzartheit ist es nicht. Wie konnte

es kommen, daß Sie sich nicht -- war selbst anfangs keine Gegenliebe

vorhanden -- von so viel Tiefe und Treue rühren ließen?“

Sein grauer Kopf neigte sich auf die Brust.

„Als ich sie kennen lernte, gehörte sie schon dem Andern. Und ich

war sein Freund und nächster Nachbar. Wissen Sie.. kein Freund, wie

Sie und auch ich jetzt, ihn verlangen. Dazu waren wir Beide viel zu

verschieden. Ich eines schlichten Vaters vierter und jüngster Junge,

zur strengsten Arbeit und Pflichterfüllung seit den ersten Hosen an,

erzogen -- er, der Einzige des schönen, flotten und leichtsinnigen

Majoratsherrn auf Waldesruh. Springt man aber jahrelang zusammen barfuß

über die Stoppeln, lauert im Erlenbusch auf die nistende Rohrdommel

oder Nachtigall, weil irgend ein Landbezopftes dem dummen Jungen den

Kopf verdreht hat -- na, dann macht sich so was von selbst. Mein

Vater hat zudem dem flotten alten Herrn auf Waldesruh des öfteren

ausgeholfen, ohne sonderlich streng auf die Zinsen zu sehen. So kams,

daß er, der sonst reichlich hochmütig sein konnte, auch mich als

Spielgefährten seines Sohnes gnädig duldete. Meine Brüder sind in

andern Provinzen untergekrochen. Bis auf einen, der sich glücklich

bis zum Major durchgehungert hat und, nachdem ihm ein Jagdunglück,

das kriegerische Handwerk gelegt, hier in Berlin mit seinen beiden

Kindern kein beneidenswertes Dasein hatte. Die Landwirte saßen auf

guten, kleinen Höfen, die Mann, Weib und Kind ernähren. Sie sind schon

verstorben. -- Ich kam durch das Erbteil einer Muhme in die Lage, die

väterliche Domäne zu übernehmen, nachdem mein alter Herr sich zum

Sterben hingelegt hatte. -- Ein Jahr später schoß sich der schöne,

tolle, leichtsinnige Vater Ostried eine Kugel durch den Kopf. Sein

Sohn, der bei den Pasewalker Kürassieren stand, mußte die Uniform

ausziehen. Das verlangte eine Familienbestimmung. Er tat es ungern,

wenngleich er sich trotzdem so viel Vergnügen, wie nur irgend möglich,

bereitete. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, jagte ein Fest das andere.

Der Acker kam dabei natürlich nicht zu seinem Recht. Aber, ich merke

schon, ich erzähle zu langatmig, Frau Präsident.“ Sie wehrte ab.

„Mich interessiert auch das Kleinste in Ihrer Geschichte, Herr Amtsrat.

Und Zeit haben wir reichlich. Der Blick, den Sie soeben nach der Tür

warfen, soll wohl die Frage nach Eva von Ostried ausdrücken, nicht

wahr?“

„Stimmt wieder. Sie ist doch noch bei Ihnen?“

„Sonst wüßten Sie es längst anders. Sie besorgt jetzt nur allerhand für

ihren Geburtstag. Ich bin leider für körperliche Anstrengungen nicht

mehr tauglich. -- Nachher hoffe ich, werden Sie sie noch bestimmt sehen

können.“

Er wiegte bedächtig den Kopf hin und her.

„Darauf lege ich keinen Wert, Frau Präsident. Ich würde ihr gegenüber

entweder gerührt -- oder hilflos sein. Beides könnte den mangelnden

Respekt nicht bringen. -- Nein, lassen Sie nur! Will es der Zufall, daß

sie kommt, so lange ich da bin, drücke ich mich natürlich nicht.“

Sie verstand ihn wieder.

„Und nun weiter,“ drängte sie.

„Ja und zu einem dieser stolzen Feste kam denn auch eine vergrämt

aussehende Baronin mit ihrer Tochter. Mich hatte er auch geladen, und

-- weiß Gott -- wie es kam, ich erschien, obwohl ich zuvor dutzende

von Malen abgesagt hatte. -- Bis dahin wußte ich nicht viel davon,

wie lieblich eine Frau sein kann. Denn die Langbezopften in unserm

Dorf hatten fast durchgängig Regennasen und derbe, rote Gesichter. Ich

war auch sonst keiner von den Redseligen. Aber an dem Tage konnte ich

überhaupt keinen Ton rausbringen. Nicht mal einen Glückwunsch fand

ich zusammen, als mir mein Freund -- Hasso von Ostried -- die mir

unirdisch schön erscheinende Tochter der alten Baronin als seine Braut

vorstellte. -- Ich habe sie dann auch noch singen hören. Mein Gott --

zu Musik hat bei uns nie die Zeit gereicht. Darum wußte ich vorher

nichts von ihrem Zauber. Er hat alles in mir wach und groß gerüttelt.

Aber es durfte doch nicht leben. Als ich lange nach Mitternacht

heimgestolpert bin, wußte ich, daß ich Hasso von Ostrieds Braut liebte

-- und wollte nie, nie wieder in sein Haus. Ihr nie -- nie wieder

begegnen. Und bin nachher doch, ganz freiwillig, hingegangen, weil ich

wußte, daß sie bald Einen nötig hatte, der es treu und gut mit ihr

meinte. Auf den sie unbedingt zählen konnte, wenn das unbarmherzige

Kreuz für ihre schwachen Schultern zu schwer würde. -- Denn er, der

von Gottes- und Rechtswegen dazu bestimmt gewesen, kümmerte sich bloß

die ersten Jahre um sie. Nachher war anderes genug da. -- Die Jagd

-- schöne Gäule -- auch ein paar Frauen, die seiner nicht das Wasser

reichen konnten. Auch wollte er es nicht verwinden, daß das endlich

geborene Kind ein Mädchen war und keinen Bruder bekam. -- Sie -- Evas

Mutter -- wurde blasser und elender von Jahr zu Jahr. Er hat gelacht,

wenn ihn einer warnend darauf hinwies. Ihre Tröster waren die Musik

und -- ich! Das hat sie mir gestanden -- drei Tage vor ihrem Tode, der

ganz leise und sanft gewesen sein muß, denn Niemand im Schloß hat etwas

früher davon gemerkt, als bis alles vorüber gewesen ist.“

„Und sie hat nicht gewollt, daß Eva, wenn sich die schöne Begabung auf

sie übertrüge, sie jemals öffentlich ausübe,“ fragte die Präsidentin,

als er einen Augenblick schwieg.

„Sie hat mein Versprechen mit ins Grab genommen, Frau Präsident.“

„Darf ich wissen, worin dies bestand, Herr Amtsrat?“

„Das ist ja die Hauptsache, damit Sie mich und meine damalige

Schroffheit endlich verstehen. Sie müssen wissen, daß sie sich niemals

zu mir über ihren Mann beklagt hat. Darum hat mich dies Letzte auch so

erschüttert. Für sich und ihre Schönheit wollte sie nichts. Jahraus

-- jahrein ging sie in einem weißen Kleide und ich glaube nicht, daß

sie etwas anderes anzuziehen hatte. Manch einer riß seine Witze drüber

und hat gemeint, sie spare heimlich, um dem teuren Gatten alle Jahr

ein paar Flaschen echten Sekt zu schenken, von dem die Buddel damals

schon 30 Mark gekostet hat. Ich als Einziger habe die Wahrheit erfahren

dürfen. Ganz zuletzt -- wie schon gesagt. Ich will Ihnen ihre Worte

wiederholen. „Sie sollen über meiner Tochter wachen,“ hat sie gebeten

und als ich leise auf Evas Vater hinweisen mußte, nur geflüstert: „Sie

wird ihm bald genug eine Last sein, denn er ist noch jung und will viel

vom Leben. Die Ostriedschen Familiengesetze verlangen aber, daß den

unmündigen Töchtern bei einer zweiten Eheschließung ein Vormund gesetzt

werde. In gewisser Weise hängt er an ihr,“ hat sie dann weiter gesagt,

„denn sie wird einst sehr, sehr schön sein. Das macht ihn stolz. Sonst

aber -- innerlich -- empfindet er dauernd ein Unbehagen, Eva und er

gleichen einander zu sehr. Sie ist eitel und egoistisch wie er -- schon

jetzt -- und..“ Hier hat sie ihr Gesicht in den Händen verborgen, als

schäme sie sich ihrer Geständnisse, „ich glaube beinahe, käme sie nicht

in sehr feste, treue Hände, daß auch sie es mit den Begriffen der Ehre

nicht so ganz genau nähme. Darum -- solange Sie Gewalt über sie haben,

erlauben Sie nicht, daß sie das Talent, das ich ihr vererben mußte,

-- die Stimme, deren Schönheit sich meinem Ohr längst angekündet hat,

zum Beruf ausbildet. Er würde ihr zum Unsegen werden. -- Ich selbst

dachte niemals an etwas derartiges. Schon der Gedanke, mich öffentlich

zeigen zu sollen, mich von jedem bewundern und anstarren zu lassen --

machte mir Schmerzen. -- Entwickelt sie sich aber weiter zur Tochter

ihres Vaters, wird sie gerade dies glühend ersehnen..“ Ja, so hat sie

gesprochen, Frau Präsident. Zuletzt händigte sie mir noch ein Päckchen

ein, das ich ihrer Tochter bei deren Volljährigkeit übergeben müsse.

Es waren fünfhundert Mark. Wieviel Entbehrungen mochten daran hängen?

Bedenken Sie, aus der Hauswirtschaft nahm sie keinen Pfennig ein. Was

der Garten abwarf, bekam der Schloßherr gleich auf den Schreibtisch

-- wenn die Kaufleute die Erzeugnisse nicht schon zuvor für längst

gelieferte Waren mit Beschlag belegt hatten. Einzig hundert Mark

im Jahr erhielt sie aus einer Stiftung vonseiten der verstorbenen

Mutter her. Davon also hat sie dies zusammengerafft. -- Ich hab’s gut

angelegt und hier ist es. Es sind tausend Mark draus geworden. Nicht

viel.. Ich habe mir erzählen lassen, daß nach ihrem Tode der Witwer

einer schönen Schauspielerin einen einzigen Mantel für das Dreifache

gekauft habe. -- Aber, es ist doch viel mehr wert wie Millionen. Das

Herz dieser seltenen, tapferen Frau hängt daran. Wollen Sie das alles

ihrer Tochter erzählen? -- Ich kann’s nicht so. Ich würde wieder und

wieder denken müssen.. das ist Hasso Ostrieds Tochter.. und würde das

Bild vor mir sehen, das ich oft in Wirklichkeit hatte. Obschon der

zwei Jahre nach ihrem Tod von dem Ostriedschen Kuratorium zwangsweise

eingesetzte Verwalter des Majorats ihnen später jeden Kohlkopf und

Groschen zugezählt hat und die Eva mit ihren siebzehn Jahren auch

nicht mehr gänzlich blind und taub durch die Tage ging -- hat sie die

Feste, die er -- wer weiß -- aus welchen Mitteln, schließlich wieder

veranstaltete, mitgemacht -- sich allerlei bunte Fähnchen gekauft und

mitgelacht..“

„Vergessen Sie ihre Jugend nicht, Herr Amtsrat.“

„Ihre Mutter ist auch jung gewesen und schön wie ein Engel und rein und

hochbegabt,“ murrte er.

„Vielleicht auch glücklich. -- Wissen Sie denn, Herr Amtsrat, ob es ihr

nicht ein tiefes großes Glücksempfinden brachte, daß Sie ihr ergeben

waren?“

„Daran habe ich niemals gedacht.“

„Und es liegt doch so nahe! Ich denke mir, daß sie Ihre feine, starke

Liebe immer fühlte und das unbegrenzte Vertrauen zu Ihnen faßte, weil

Sie sich im Zaum hielten. Eine Frau geht nicht dauernd an tiefstem

Mannesempfinden vorbei. Vielleicht wäre sie sonst unter ihrer Last

zusammengebrochen.“

Er saß ganz still. Seine breiten, sonnverbrannten Hände lagen schwer

auf den Knien.

„Wenn es wahr wäre,“ sagte er ein paarmal vor sich hin, „das wäre

schön.“

„Es ist wahr,“ bekräftigte die Präsidentin. „Wie stellte sich übrigens

Evas Vater später zu Ihnen?“

„Er war auffallend kurz und unfreundlich, wenn wir uns zufällig an den

Grenzen trafen. Sein Haus betrat ich nicht wieder.“

„Merken Sie jetzt, daß ich im Recht bin? Obgleich er die Tote nicht mit

wirklicher Treue liebte, war seiner Eitelkeit der Gedanke, daß Sie ihr

mehr, als er, bedeutet hatten, unerträglich.“

„Er bestimmte sogar in einem hinterlassenen Brief ausdrücklich einen

andern Vormund, wie mich, im Falle ich ihn überleben sollte, und seine

Tochter zu diesem Zeitpunkt noch unmündig wäre. Dabei war er von dem

Wunsch der Toten genau unterrichtet.“

„Wie kam es also, daß Sie es dennoch geworden sind?“

„Nun, er war im Laufe der Jahre den Herren vom Gericht bekannt

geworden. Seine zahlreichen Gläubiger wurden durch seine

Gleichgültigkeit stets gezwungen, sich letzten Endes an die große

Stelle für das öffentliche Recht zu wenden. Auch war sein Leumund

schlechter geworden, seitdem er allein mit der Tochter lebte. Derjenige

aber, den er als Vormund für seine Eva vorgeschlagen hatte, war genau

so ein leichtsinniger, loser Vogel wie er selbst.“

„An seinen verhältnismäßig frühen Tod muß er doch gedacht haben. Wie

wäre sonst jener Brief zustande gekommen?“

„Ein toller Ritt nach durchzechter Nacht brachte ihm die schwere

Lungenentzündung, an deren Folgen er nach ein paar Wochen auch

gestorben ist. Seine Natur hat sich erstaunlich lange gegen den

Sensenmann gewehrt. In dieser Zeit der Langenweile und vielleicht auch

der Nachdenklichkeit ist das erwähnte Schriftstück, das sonst keinerlei

Wichtiges enthält, entstanden.“

„War er eigentlich mit dem Entschluß seiner Tochter und dem

hochherzigen Anerbieten seines Freundes, des bekannten Königlichen

Kammersängers, sofort einverstanden? Evas Ansicht, die dies lebhaft

bejaht, ist mir in dieser Beziehung nicht maßgebend?“

„Doch, ich glaube es auch! Das Messer saß ihm an der Kehle. Allmählich

sahen auch die Gläubigsten unter seinen Kreditgebern, daß das

Kuratorium ihn unerbittlich beschränkte. Sie zogen sich mehr und mehr

von ihm zurück, um zu den alten Dummheiten keine neuen anzufügen. Denn

er hatte etwas bestrickend Liebenswürdiges, das auch die Vernünftigsten

oft genug blendete. -- An mich hat er sich niemals gewandt. Und das ist

das Einzige, was ich ihm hoch anrechne. -- Er kannte die ungeheuren

Einnahmen des Kammersängers, der, gleich ihm aus einer altadligen

Familie stammte, und mag wohl -- bestimmt durch die glanzvolle Aussicht

für die Tochter, durch welche sich auch seine Lage endlich wieder

heben mußte, die erbetene Erlaubnis zu ihrer Uebersiedlung nach Berlin

bereitwilligst gegeben haben. Eva soll dort übrigens ganz zur Familie

gehört haben. Die Gattin des Künstlers wurde mir seiner Zeit als gute

Hausfrau gerühmt. -- Davon werden Sie natürlich mehr wissen, wie ich?“

„Eva ist damals ganz in ihrer Kunst aufgegangen und hat sich scheinbar

um die ihr reichlich prosaisch dünkende Frau des Gönners wenig

gekümmert. Jedenfalls hat der Umstand, daß die nach dem Tode ihres

Mannes sofort den Haushalt auflöste und -- ohne Rücksicht auf Eva --

nach München übersiedelte und sich niemals seitdem durch eine Zeile

nach ihr erkundigt hat, zur Genüge bewiesen, wie lose das Band eines

Zusammenhaltes zwischen ihnen gewesen ist..“

„Alles in allem wird Eva von Ostried aber inzwischen eingesehen haben,

daß ich es gut mit ihr gemeint habe?“

„Leider kann ich das nicht bejahen!“

„Ich nahm die Tatsache, daß sie keinen weiteren Versuch zu meiner

Umstimmung machte, für weise Einsicht an.“

„Wie wenig kennen Sie die Tochter Ihrer geliebten Toten! Ihr Schweigen

hatte einen andern Grund. Ich machte ihr klar, daß ich Ihnen keine

schnelle Aenderung einmal gefaßter Ansichten zutraue und vertröstete

sie auf die Zukunft. Da war sie klug genug, sich einstweilen zu

bescheiden.“

„Danach scheinen Sie also ihre Wünsche zu unterstützen, Frau Präsident?

Das ist mir nach dem starken Eindruck, den ich von Ihnen empfing,

unbegreiflich.“

„Auch Sie wären andern Sinnes geworden, hätten Sie sich, gleich mir,

von dem Ernst ihrer Bestrebungen, überzeugen müssen. Und nun gar die

eigene Mutter. Ich habe kein Kind besessen. Und doch fühle ich, daß

eine Jede von uns zurücktreten kann und auch will, wird sie inne, daß

sie der wahren Befriedigung des Kindes hinderlich ist.“

„Darin sollen Sie Recht behalten. Frau von Ostried war wohl eine

scheue, stille Frau für sich selbst. Hätte sie aber einsehen müssen,

daß die Tochter schwer unter der Versagung ihrer Erlaubnis litt, wäre

sie fraglos nachgiebig geworden.“

„Nun begreife ich Sie immer weniger.“

„Das ist auch schwer für Sie. Wir leben in zu verschiedenen

Verhältnissen. Für Sie ist die Grenze, die ich als Horizont achte,

nur ein Scheinbegriff geblieben, hinter dem sich die Unendlichkeit

ausdehnt. Und Wachstum gibt es in Ihrem Leben auch wohl ohne Segen

und Regen. Ich sah nur mein ganzes Leben hindurch klare Luft, den

Horizont und die Entwicklung jeglichen Dinges durch Sonne und Regen...

Einmal bin ich im Theater gewesen und danach nie wieder. Es hat mich

abgestoßen. Lachen Sie ruhig darüber. Eine Frau stand auf der Bühne und

hat alles das vor fremden Ohren preisgegeben, was sie sonst schamhaft

mit sich allein abmacht. -- Mir kam sie dadurch wie entkleidet vor. --

Dies Gefühl hat mir die Richtschnur gegeben. Schön und gut! Es mag viel

Kunst dabei sein können. Das verstehe ich nicht. Viel Unwahrhaftigkeit

und Uebertreibung aber auch. Dazu kommt, daß in der Familie meines

einzig noch lebenden Bruders eine Tochter, die viel Hang zur Musik und

zur Künstlerschaft hatte, verloren gegangen ist. Es ist mir sehr nahe

gegangen. Die Kinder meiner andern Brüder, von denen ich Ihnen auch

sagte, sind frühzeitig gestorben. Nun habe ich nur noch einen Neffen,

mit dem ich nie recht warm werden konnte.“

Daß ein Mann, der das Leben mit all seinen Härten, Entsagungen und

Verlockungen kannte, ein öffentliches Auftreten von dieser Warte

beurteilte, rührte die Präsidentin. Freilich mochte es reichlich

unmodern sein -- ja, in den Augen der Meisten wohl gar lächerlich

wirken. Ihr zeigte es den hohen, sittlichen Wert dieses Mannes, dessen

unbewußte, kinderreine Keuschheit sich gegen Schaustellungen der

Gefühle heftig sträubten.

„Was hätte ich dagegen tun wollen,“ sagte sie nach einer Weile des

Schweigens. „Es wurzelt zu tief bei ihr. Ich hätte sie ganz verloren.

Nun darf ich sie wenigstens noch eine Zeitlang behalten.“

„Sie besitzt aber nichts, als das Geld, das ich vorher in Ihre Hand

gelegt habe, Frau Präsident, und ich habe mir erzählen lassen, wie

hoch die Kosten einer gründlichen Ausbildung sind. Damit sollen aber

die Ausgaben noch nicht aufhören. Eine erhebliche Summe, sozusagen

als Daseinssicherheit, muß außerdem vorhanden sein. Mal gibt’s keine

Einnahmen. Mal kosten die Kleider mehr, wie das gesamte Spielhonorar

beträgt..“ Sie mußte unwillkürlich über seinen Eifer, hinter dem sich

ein Stückchen Triumph barg, lächeln.

„Ich bin reich,“ gestand sie endlich. „Sehr reich sogar und habe für

niemand leiblich Verwandtes zu sorgen. Das hat mir oft bitter weh

getan. Ich meinte, die gnädige Vorsehung schickte mir Eva von Ostried

als Ausgleich für mancherlei Entbehrtes. Nun, Enttäuschungen kamen

auch hinterher. In gewissem Sinne ähnelt sie bestimmt dem Vater, wie

Sie ihn mir schilderten. Wenn auch alles liebenswerter und weicher in

ihr gestaltet ist. Ich konnte gar nicht anders handeln, als ich es

schließlich getan habe. Mit dem Augenblick, in dem ich sie in mein Haus

aufnahm, gab ich mir das Versprechen, für sie zu sorgen. -- Im April

nächsten Jahres etwa wird sie wieder ernsthaft ihre Studien aufnehmen.

Die Mittel bis zum Schluß und ein rundes Kapital für die von Ihnen

erwähnten Dinge, soll sie von mir erhalten. Ich bringe das in den

nächsten Tagen in Ordnung.“

„Dann habe ich das Meiste umsonst geredet, Frau Präsident.“

„Glauben Sie das nicht, Herr Amtsrat. Ich gebe alles in passender

Stunde an Eva weiter. Es wird Wurzel schlagen. Mit Strenge ist nicht

viel bei ihr zu wirken. Regt sich aber der gute Kern -- spricht die

Dankbarkeit und besonders das Erbe ihrer Mutter -- eine große Reinheit

in Empfindung und Anschauung -- dann kann sie erstaunlich fügsam und

weich sein. Die durch die Wiedergabe Ihrer Worte von neuem geweckte

Erinnerung an ihre tote Mutter wird ihr zum Schutz werden.“

„Sie wird das bißchen Erlernte von der Musik gründlich vergessen

haben,“ wandte der Amtsrat ein. „Drei Jahre ist sie nun bei Ihnen.“

„Und Sie meinen wirklich, daß ich in dieser Zeit das Erreichte nicht

wenigstens erhalten hätte? So kurzsichtig und engherzig war ich nicht.

Ich habe ihr einen bedeutenden Lehrer gehalten und wenn ich auch keine

zeitraubenden Uebungsstunden gestattete -- eben weil sie sich an

die Erfüllung bestimmter Pflichten gewöhnen sollte -- dies Ende zur

Rückkehr sah ich stets voraus. Es waren also auch in dieser Beziehung

keine verlorenen Jahre.“

„Die kommenden Zeiten werden unruhig für Sie werden, Frau Präsident.

Und eine Stütze dürften Sie im Alter kaum an ihr haben.“

„Ich glaube auch nicht, daß ich ihrer bedarf, lieber Herr Amtsrat. Ich

entstamme einer kurzlebigen Familie. Eigentlich halte ich mich schon

länger, als es mir vor ungefähr zehn Jahren ein besonders barscher

Arzt bemessen hat. Ich bin auch jederzeit bereit. Nur vorher will ich

noch, etwa im ersten Frühlingsgrün des nächsten Jahres, eine liebe

Jugendbekannte in ihrem Heimatsstädtchen aufsuchen. Immer wieder habe

ich das hinausgeschoben. Jetzt bin ich fest dazu entschlossen. Und

wissen Sie, wen ich bei dieser Gelegenheit noch besuchen möchte? Dieser

Gedanke ist ganz neu.. Einen guten, treuen Menschen, welcher der beste

und zuverlässigste Freund gewesen ist. Seine Scholle liegt meinem Wege

überaus günstig. Wenn ich richtig schätze, kaum eine Bahnstunde von der

pommerschen Seestadt entfernt, in welcher meine Bekannte lebt. Wollen

Sie seinen Namen wissen? Er heißt Amtsrat Wullenweber und wird hiermit

feierlich angefragt, ob er mich wohl auf einen Tag haben mag?“

Er strahlte, sie aus seinen treuen, blauen Augen ehrlich erfreut an.

„Ob ich mag, Frau Präsident! Ich will alles vom Boden bis zum Keller

putzen lassen und meine alte Klidderten soll mal zeigen, was eine

richtige, gute hinterpommersche Wirtschafterin leisten kann.“

„Um Gotteswillen,“ lachte sie fröhlich, „das wird bestimmt unmöglich

gemacht. Eines Tages trete ich, ohne vorherige Anmeldung, mit einem

kleinen Reisetäschlein, bei Ihnen an und werde dankbar sein, wenn

Sie mir einen Platz an Ihrem Tisch und höchstens noch ein Gericht

Dabersche Kartoffeln mit fetter Buttermilch gönnen. Denn Sie müssen

wissen, daß meines lieben Mannes erste Richterstelle in Köslin war, das

ebenfalls im Regierungsbezirk Köslin liegt. Darüber sind freilich schon

einige dreißig Jahre vergangen. Auch haben wir damals weder Zeit noch

Lust gehabt auf den benachbarten Gütern Bekanntschaften anzuknüpfen.

Meines Mannes Dezernat war sehr umfangreich. Ein Anwalt, der ihm die

zahlreichen Verträge und Testamente abgenommen hätte, wollte sich aus

Furcht, kein genügendes Auskommen zu finden, nicht niederlassen.“

„Und jetzt sitzen dort längst ihrer zwei, die in guter Freundschaft

miteinander leben.“ --

„Sie kennen das kleine, saubere Städtchen natürlich ganz genau?“

„Versteht sich, Frau Präsident. So dick gesät sind ja die Nester bei

uns da hinten bekanntlich nicht. Mit meinen jungen Schimmeln schaffe

ich die Geschichte in knappen drei Stunden.“

„Wie seltsam spielt die Vorsehung. Ich bin geneigt, dies alles als

etwas anzusehen, das Eva von Ostried zum Nutzen und Frommen werden muß.

Vielleicht lernen Sie sie bald näher kennen und gewinnen sie im Laufe

der Zeit ebenso lieb, wie ich es tue.“

„Daran würde ihr kaum etwas gelegen sein. Ich habe herausgefühlt,

daß ihr Vater über mich in einem Ton gesprochen haben muß, der weder

Vertrauen noch Hochachtung säen konnte.“

„Und dennoch bitte ich Sie in dieser Stunde von ganzem Herzen, unser

Sorgenkind nicht aus den Augen zu lassen, wenn sich die Prophezeiung

jenes Arztes einmal überraschend schnell an mir vollziehen sollte.“

„Sie werden gemerkt haben, daß ich ein schwerfälliger Mensch bin, Frau

Präsident.“

„Einer, hinter dessen schlichtem Wort jedenfalls die Tat steht, Herr

Amtsrat.“

„Aber auch ein Weltfremder und Ungeschickter.“

„Sie zögern also?“

„Wenn Weg und Ziel im Dunst liegen, geht die Fahrt gewöhnlich schief.

Ich wüßte nicht, womit ich ihr helfen könnte.“

„Das ist mir vorläufig gleichfalls verborgen. Es kann aber sehr wohl

kommen, daß sie durch irgend welche Ereignisse hilflos wird. Ich will

morgen auch diesen Fall mit ihr besprechen. Sie soll sich an Sie

wenden, wenn sie allein nicht mehr weiter kann.“

„Tut sie das, Frau Präsident, will ich ihr nach bestem Wissen raten und

helfen. Darauf mein Wort.“

„Das genügt mir. Ich danke Ihnen innig, Herr Amtsrat, und jetzt lassen

Sie uns ein Glas jenes alten schweren Weines zusammen trinken, dessen

letzte Flasche seit einem viertel Jahrhundert auf einen würdigen

Augenblick im Keller wartet.“

* * * * *

Hell war auch der neue Tag und voll goldenen Lichtes. Eva von Ostried

stand unter einem besonders gesegneten Apfelbaum. Ein Stückchen blauen

Himmels und die begrenzte Ferne drängte sich durch das Gewirr der

Zweige und Früchte. Stolze Träume schoben ihr jedes Hindernis fort.

Sie fühlte sich frei wie nie zuvor, trotzdem ihr nichts geschehen war,

als daß sich heute ihr einundzwanzigstes Lebensjahr vollendete. Der

kommenden, ernsten Arbeit gedachte sie freilich auch. Mehr aber des

andern, nach dem sie sich unaussprechlich sehnte.

Reich -- angebetet -- beneidet zu werden, war ihr Streben. Von jeher

haßte sie dies Einschränken und Sorgenmüssen. Der Traum ungezählter

Tage, das bewußte und unbewußte Sehnen nächtlicher Träume, gilt dem

Glanz einer sorglos heiteren Zukunft. Erst, nach dem großherzigen

Versprechen der Präsidentin erkannte sie schaudernd, daß ihr Leben

verfehlt und zerbrochen gewesen wäre, hätte die gütige Frau ihre

Zukunftswege nicht zu ebnen versprochen.

Bei dem bloßen Gedanken an diese Möglichkeit schüttelte sie wiederum

ein Grauen. Vielleicht hätte sie dann, gezwungen von ihrer Sehnsucht,

den Versuch gemacht, um jeden Preis die fehlenden Mittel selbst zu

beschaffen. So aber war es schöner und bequemer!

Sie nickte der Sonne zu und jauchzte hell auf -- streckte die Arme und

griff spielerisch nach den blendenden Kreisen.

„Der Ruhm soll mir beide Hände mit Gold füllen.“

Von der Veranda her ertönte ihr Name. Ungeduldig winkte ihr die

Präsidentin.

„Wo bleiben Sie, Eva?“

Da flogen die Träume von dannen. Was aber blieb, war noch köstlich

genug. Gaben -- Freundlichkeit -- und Ermahnungen. Auch diese! Eva

von Ostried hörte scheinbar aufmerksam zu, als ihr Frau Melchers vom

alten Amtsrat Wullenweber und allem, was zwischen ihnen gesprochen war,

sagte. Im Stillen dachte sie:

„Ehe ich mich jemals an den engherzigen, mürrischen Nachbar wende,

würde ich lieber hungern.“

Daß dies Schreckliche in Wahrheit eintreten könnte, erschien ihr

freilich undenkbar.

Als sie das Erbe der Mutter empfing, mußte sie weinen.

Es war ja so unendlich wenig. Ihr Vater hatte oft mehr als das

Dreifache in einer Nacht im Spiele verloren. Aber es rührte sie! Die

verblaßten Erinnerungen füllten sich mit lebendigen Farben. --

Ihre feine, kleine, stille, zarte Mutter! -- Wie sie Paul Karlsen in

der Dunkelheit des gemeinsamen Warteraums an sich gerissen, hatte sie

ihrer plötzlich gedenken müssen -- sie um Hilfe anflehend. -- Den

Vater hatte sie damals vergessen. Der war ja auch nur für die lustigen

Stunden dagewesen. -- Sie hielt das Geld traumverloren fest und sah

unverwandt darauf nieder.

„Was gedenken Sie damit zu beginnen, Eva,“ forschte die Präsidentin

neugierig. „Am besten tragen Sie es noch heute auf die Bank.“

„Ich gebe es nicht fort,“ sagte Eva hastig. „In meinem Schmuckkasten,

der leider nichts birgt, als die kleine goldene Brosche von Ihnen, wird

es liegen und geduldig warten.“

„Worauf denn, Kind?“

„Daß ich es in etwas Wunderschönes umsetze. Ich weiß auch schon, worin.

Zum Beispiel einen Teil in den entzückenden Hut mit dem Reiher, von dem

uns neulich die Verkäuferin sagte, daß ihn getrost eine regierende

Fürstin tragen könne.“

„Dies mühsam abgedarbte Scherflein Ihrer guten Mutter wollten Sie so

hinwerfen, Eva?“

„Schelten Sie nur! -- Schön und verführerisch bleibt der Gedanke doch.

Da geht eine Prinzessin oder zum mindesten eine Millionärin, würden sie

sagen und sich nach mir umdrehen. Und würden vor Neid fast platzen. Und

ich lache mich halb tot und freue mich.“

Da brach jene oft bekämpfte Verständnislosigkeit, die den eigentlichen

Wert des Geldes garnicht begriff, wieder durch. Scheinbar war sie

unbesiegbar. Die Präsidentin beschattete die Augen mit der Rechten.

Es war doch nicht möglich, daß sie ohne ihren alten Freund und

Rechtsbeistand die Bestimmung über Eva von Ostrieds zukünftiges Erbe

traf.

Eva von Ostried hatte keinen Augenblick die Empfindung, etwas

Unrechtes ausgesprochen zu haben. Sie lief fröhlich der Post entgegen,

die soeben, nach dem langhallenden Klingelton, in den am Gitter

angebrachten Kasten hineingeschoben wurde. Bald darauf hielt die

Präsidentin einen an sie gerichteten Brief in der Hand. Die Schrift

auf dem Umschlag war ihr fremd. Ohne sonderliche Eile öffnete sie ihn.

Ihre häufig auch nach außen hin betätigte Herzenswärme brachte ihr

fast täglich die bittenden Jammerrufe Notleidender ins Haus. Als sie

die wenigen Zeilen überflogen hatte, erblaßte sie und sagte weich und

zärtlich:

„Du sollst mich nicht vergeblich gerufen haben.“

[Illustration]

[Illustration]

3.

Solange Eva von Ostried im Hause der Präsidentin weilte, hatte sich

jene noch niemals von einer Aufregung sichtbar beherrschen lassen.

Zu allen Zeiten wußte sie das wohltuende Gleichmaß einer abgeklärten

Ruhe zu bewahren. Jetzt aber sprang sie mit den Zeichen einer großen

Erregung auf und ging hastig in dem blumengeschmückten Zimmer auf und

nieder. Dabei ließ sie den soeben empfangenen Brief keinen Augenblick

aus der Hand. Immer wieder überlas sie ihn und fuhr zuweilen sanft

darüber hin, als ob sie etwas Liebes streicheln wolle. Endlich blieb

sie vor Eva stehen.

„Meine alte, liebe Jugendfreundin mußte mich erst rufen, ehe ich mich

zu ihr finde. Was hilft es, daß ich fest entschlossen war, diese Reise

anzutreten? Da steht, daß sie sich längst nach mir gesehnt hat und mich

nur nicht früher zu rufen wagte, weil sie Rücksicht auf mein Herzleiden

nehmen wollte. Wenn ich nun zu spät käme.“

Ehe Eva etwas darauf erwidern konnte, las sie das Schreiben vor:

„Wundere Dich nicht, meine liebe Hanna, daß ich mit Blei schreibe

und daß der Umschlag fremde Handzeichen -- nämlich diejenigen einer

liebevollen Pflegerin -- trägt. Es geht mir nicht gut. Ich hatte

vor einigen Wochen den Fuß gebrochen und war seitdem zu strenger

Ruhe verurteilt. Alles schien einen günstigen Verlauf zu nehmen,

bis eine Lungenentzündung hinzutrat, die mir viel Schmerzen macht.

Zwar bin ich stets, wie Du weißt, ein harter Mensch gewesen, aber

man kann doch nichts voraussagen.

Ich habe Sehnsucht nach Dir, Hanna, und würde mich innig freuen,

wenn Dir Deine Gesundheit endlich gestattete, zu mir zu kommen. In

diesem Fall telegraphiere ausführlich. Du wirst dann von meiner

Pflegerin, die nachmittags stets ein Stündchen spazieren gehen muß,

auf dem Bahnhof erwartet und in mein Haus geleitet werden.

Der Uebel grösstes ... · 第 5 / 25 题