Der Garten, zu dem man wallfahrtet

Die Zahl der Füße sind wohl kaum zu zählen, die über die Schwelle dieses

Gartens schritten.

Und ein Meer geheimnisvoller Freuden müßte die Ufer dieses heiligen Gartens

umrauschen, wenn all die heimlichen Seligkeiten derer sich zu einem Spiel

der Welten verdichten könnten, die je hier die stillen Hoch-Zeiten ihrer

Seelen gefeiert.

Wie eine Insel der Seligen liegt er mitten im Herzen der deutschen Lande,

und von den Grenzen aller Reiche strömen die Scharen der Wissenden, wie

von einem weittragenden Magnete geheimnisvoll gelockt, zu dieser weltfernen

Oase des Friedens. Die Wissenden, die wie eine geheime Bruderschaft sich um

die Aura des gewaltigen Geistes sammeln, der hier in der leisen Stille des

schweigenden Gartens seines Wesens unlöschliche Spur aller Zeiten Dauer

aufgeprägt.

Kommst du als Wissender und Liebender über die Schwelle dieser

Gartenstille, so werden alle seligen Schauer der Ehrfurcht deine Seele

überströmen und du fühlst, wo deine Schritte wandeln, ist heiliges Land.

Ein Geist, der aller Welten Weiten umspannte, der jeder Tiefe Geheimnisse

kannte, der jedes Glaubens letzten Grund durchschaute und an den

Ufern jeder Liebe landete, dem das Leben ein königlich Reich wissender

Erkenntnisse war, ein Geist, in dessen unausschöpfbarer Unendlichkeit

aller Weisheit Licht und Leuchten, aller Zonen Duft und Farben, aller Erde

Schmerzen und Beglückungen sich zusammenfanden --

Dieses Geistes machtvolle Erinnerung ist wie in eines Tempels Schrein

diesem Garten eingebaut.

Du fühlst die Ausstrahlung seiner einzigartigen Harmonien ringsumher in

Licht und Schatten seiner stillen Wege. Auf Schritt und Tritt kommt es hier

wie ein Rufen zu dir, wie ein Rufen und Halten von all den lockenden Ufern,

die du auf den tausend Nachen seines weltumfassenden Geistes mit dem Gruße

des Erkennens geschaut.

Und wenn es deiner Seele gegeben, aus der in tausendfache seelische

Wirkungen aufgelösten Persönlichkeit das Bild derselben in seiner Ganzheit

im tiefsten Sehwinkel deiner selbst zu erfassen -- kann es dir geschehen,

daß mitten im spielenden Schatten der hochragenden Baumsäulen, einen

seligen Augenblick lang der Große dir begegnet, der dieses Gartens kleines

Rund mit der Macht seines Wesens bis zum Rande füllte.

Sein strahlendes Auge grüßt dich.

Und alles ihm Verwandte rauscht in dir auf und mengt sich mit der lohenden

Leuchte seines flammenden Geistes.

Um solch geheimen Begegnens willen suchen Millionen Füße dieser stillen

Wege Spuren, verschwinden alle Fernen, rücken aller Länder Grenzen nahe

zusammen, finden sich aller Sprachen wirre Melodien zu dem Orgelton

des Geistes hin, der alle Strahlenbrechungen weit auseinander liegender

Erkenntniswelten in die Zone seiner Ganzheit sammelte. --

Still und sanft liegt er am Wege dieser seltsame Garten. Umbrandet von der

brausenden Pracht des sich weit hinstreckenden Parkes, dem auch aus dieses

selben Meisters Hand Plan und Leben kam.

Unzählige Erinnerungen, unendliches Erleben, eine Fülle der Gesichte

liegt hier wie eine unzerstörbare Schicht über Wegen und Stegen, über den

plaudernden Wellen des silbernen Flußes, der ihn durchströmt. Traumhafte

Schönheit breitet sich über seine Höhen und Tiefen, im Schatten seiner

wundervollen Bäume, im Duft und Farbenspiel seiner buntleuchtenden Wiesen.

Hier bringt der Alltag fort und fort ein wogendes Leben. Neugierige und

Müßige, Müde und Wanderfrohe schlingen Tag und Tag den Reigen durch die

grüne Unendlichkeit dieses Parkes, in dessen schützender Umarmung das

andere kleine Gärtlein in heimlicher Stille und Verborgenheit ruht.

Zu diesem aber wallfahrtet die Gemeinde derer, die sich am kastalischen

Quell den Rausch der Seele getrunken und an den tiefen Brunnen der Weisheit

ihren Durst gestillt. Und dort und hier kredenzte ihnen dieses Meisters

Hand die übervollen Becher der Freude, die ihrem Wesen Licht und Leben

gab. Und so fühlen sie sich ihm unzertrennlich verbunden in unversiegbarem

Dankesglück.

Und eine treibende Sehnsucht führt diese Liebenden immer wieder zu dieser

geheiligten Stätte, da sein Fuß wandelte und sein Geist wie in einem Tempel

aller Gottheit die höchsten Schätze des Menschentums mit neuem Wert und

neuem Glanze nährte. Ja wie in einem Tempel durchschauert es dich beim

Eintritt in diesen raumengen und dennoch so weltweiten Kreis dieses kleinen

Gartens, in dem ein König von Geistes Gnaden sich selbst ein heilig Denkmal

schuf.

Sieben Stufen führen zu ihm hinan.

Auf der Schwelle grüßt dich das mystische Zeichen des Fünfwinkels und dein

zögernder Fuß fühlt die Weihe der Stätte, die du betrittst.

Wie Säulen stehen die hohen Linden. Sie werfen ihr Schattenspiel auf

langgestreckte Wege zwischen grünen, ruhenden Matten, Wege wie sie der

Schaffende liebt und der Träumende braucht, um ungestört dem gleitenden

Fluße seiner Gedanken, dem wirbelnden Spiele seiner bilderbeladenen Seele

zu folgen.

Und an allen Ecken der Windrose findest du hier Denkmale aufgerichtet,

Altäre heiliger Erinnerungen, geheimnisvolle Beziehungen zu der Fülle des

Glückes und den Weihen der Liebe, die das Leben der großen Schaffenden wie

ein ewig brandendes Meer umwellen.

An den Wegen, wo jetzt purpurne Disteln wie hohe Kerzen stehen, blühten

einst Malven, die mit ihren sanft verschleierten Farben sich mit den leisen

Tönen der Dichterharfe mischten und den Frieden der Stille mit der endlosen

Melodie mystischer Rhythmen füllten, wie sie den schaffenden Geist auf

seinem Fluge zur Höhe begleiten.

Du fühlst dich aufgelöst in Schauen und Lauschen. In Seligkeit gefesselt an

das starke Fluid der Persönlichkeit, die diesen Raum füllt und beherrscht.

Was dir der Große, der hier lebte, geworden, spürst du hier mit stolzem

Danke und grüßest ihn mit deiner Seele, die sich ihm nahe weiß in der

Gebundenheit zu seinem Denken und der flugfrohen Freude zu den Weiten, die

er dir gab.

Wie verzaubert weilst du lange Stunden in dieses Gartens magischem Kreis.

Dein traumverlorner Geist sucht nach einem Symbol der Materie, um sich

zurückzufinden aus den Gefilden fernster Horizonte, zu denen die Manen des

Großen dich mit hinreißender Gewalt entführten.

Und siehe -- da liegt das kleine Haus, in dem er wohnte.

Ein seltsam steiles Viereck mit der kleinen Fensterreihe hoch oben unter

dem jäh aufsteigenden Dach. Von kletterndem Grün umsponnen, steht es in

verträumter Geschlossenheit mitten im bebenden Glanze des sommersonnenden

Gartens.

Ein Traum mehr zur übrigen Versonnenheit umher, eine Erinnerung mehr in dem

seltsam lebenden Bilde, das gewoben ist aus den seelischen Elementen eines

längst Gestorbenen und der Liebe derer, die sein nicht vergessen können

und das er mit seinem eigenen Wesen so heiß erfüllt hat, daß du Zwiesprache

hältst mit ihm, der hier sein überreiches Leben lebte -- ein Leben, das

nicht sterben kann noch im Tode.

Und deine Seele segnet diesen stillen Winkel, der so voll Traum und Leben

ist, so von tiefster Bewegung durchatmet, von heiligster Liebe derer

durchglüht, die fort und fort zu ihm wallfahrten und seines Segens voll, zu

ihrem eigenen Wege heimkehren.

Kommt dir da der Wunsch zu deinem Herzen, daß nicht der Zeiten Schritt je

diese heilige Schwelle zerstörend überschreite --

Von den Gärten der Erde: Ein Buch der tiefen Stille · 第 26 / 111 题