"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelände hinter dem Lazarett, kann
ich's euch zeigen."
"Vielleicht gleich nächsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard.
"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!"
Gebhard kam ganz im Glück über diesen Vorschlag nach Hause. Die
Großmutter war gleich für den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag
wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der
Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Mißmutig stand Gebhard
am Fenster, schaute hinunter auf die Straße, ob es denn wirklich so
schlimm aussähe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber
ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit
zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundeführer und kam
geradewegs auf das Haus zu, drückte auch schon auf den Klingelknopf!
Gebhard stürzte hinaus, öffnete und wurde ganz rot vor stolzer,
freudiger Erregung, daß dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der
nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloß sagen, daß er bei dem
schlechten Wetter die Übung leider nicht machen dürfe; aber er wurde
bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden
Enkelinnen überredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den
Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer
eine Freude und so ein Sanitätshundeführer war noch ganz besonders
willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum
Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der
siebzehnjährige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben können.
"Das war im Gefecht bei Ch.," erzählte er, "die Unsrigen hatten einen
harten Stand gegen die Übermacht; aber am Nachmittag mußte der Feind
weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitäter suchten die
Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend
wurden alle Namen festgestellt; da hieß es: Es fehlen noch 5 Mann.
Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag
keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man
sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und
Gestrüpp verwachsen, daß man gar nicht vorwärts kommt; wenigstens ist's
so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein
verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der
Nacht. Also fünf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht
verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten
Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte.
Jetzt, denke ich, muß der seine Kunst zeigen. Ich führe ihn in der
Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und
geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in
den Wald hinein. Eine Weile höre ich noch rascheln und knacken, dann
wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf
mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der
stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Lämpchen habe ich wohl in der
Tasche, aber das spart man für die äußerste Not. Ich weiß nicht, wie
lang das währte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da höre ich in der Ferne
so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen
gefunden! Da ist mir's siedheiß vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und
laß mein Lämpchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es
wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmütze im Maul. Schnell lege
ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Führ mich!' Er zieht an und führt
mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er
plötzlich stehen. Ich höre ein Stöhnen und sehe vor mir einen unserer
Vermißten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und
wie war er dankbar für einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuß
in den Oberschenkel hatte er, und so großen Blutverlust, er hat sich
nicht rühren können vor Schwäche und Schmerzen. Ich habe ihm einen
Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm
versprochen, daß ihn die Träger holen würden. Allein hätte ich ja den
Weg in der Nacht nicht zurückgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder,
daß mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und
bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit,
den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder
geführt und wir haben unsern Landwehrmann glücklich zum Verbandplatz
gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespürt und
errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon
verblutet. Hätten wir mehr Hunde mit Führern gehabt, wäre der vielleicht
auch noch gerettet worden."
Der Soldat schien fertig mit seiner Erzählung; aber alle hätten gern
noch mehr gehört.
"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?"
fragte Frau Dr. Stegemann.
"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind
lagen. Das ist immer das gefährlichste. Wenn es so steht, dann bindet
man den Hunden den Fang zu, daß sie keinen Laut geben können; das haben
sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen
lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm
draußen war und mit den Trägern ganz nahe an den vordersten
Schützengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten,
sondern hat uns lautlos herangeführt; aber die Verwundeten haben
gestöhnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die
Schießerei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich
getroffen, so daß ich noch selbst habe zurückgehen und mit der linken
Hand den Hund führen können; unsere Leute hätten sonst in der Nacht
nicht zurückgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch
gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmächtig
geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die
Kameraden gleich zugerufen, ich bekäme das Eiserne Kreuz. Nun, ich
will's später noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich
wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden geführt, und ich
muß schauen, daß ich wieder einen Hund abrichte. Er muß halt folgen und
klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden
raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein
Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser
Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Mädchen, die
nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehört hatten, ließen
ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich würde meinen Hund gleich verkaufen!"
rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das
Geld würde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und
Päckchen an die Soldaten schicken oder ich gäbe es für die Ostpreußen."
"Die Fräulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund
und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich hätte meinen Tell
auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch
nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?"
"Im Hof."
"Da hast du recht. Laß ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er
verweichlicht."
Der Soldat hatte sich neben dem Erzählen den Kaffee wacker schmecken
lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen,
ob draußen noch Vorrat wäre. Gebhard folgte ihr in die Küche.
"Großmutter, gelt, ich muß meinen Leo nicht hergeben?"
"Niemand kann das von dir verlangen."
"Großmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie
gern ich meinen Leo habe, aber du weißt es doch, Großmutter!"
"Ich weiß es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er
ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe,
alte Heimat. Du würdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm
hängt."
"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Großmutter. Leo könnte es
auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als müßte ich ihn hergeben,
weil man ihn im Krieg so nötig brauchen könnte, aber ich bin froh, daß
du selbst sagst, ich soll ihn behalten."
"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur
du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fürs Vaterland hergeben
mußt oder nicht!"
"Nein, Großmutter, sage mir, was du meinst."
"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage
den Kaffee in das Zimmer!"
"Ich will aber doch wissen, was du denkst!"
Die Großmutter überhörte den ärgerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte
in das Zimmer zurück. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Ärger
und Unmut da, dann tat er doch, was die Großmutter gesagt; er ging
hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und
freudig seinen kleinen Herrn begrüßte, der ihn diesmal mit stürmischer
Zärtlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht
verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!"
Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstände, noch weiter
dem Kaffee zuzusprechen und noch länger zu verweilen.
"Ich meine," sagte die Großmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben
dürfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem
Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine
Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch
wieder an unsere Arbeit."
"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und
gab sich noch einmal dem seltenen Genuß hin, am behaglichen
Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzählen zu dürfen.
Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder
herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine führend.
Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er
glich selbst schon einem Führer, der mit seinem Hund einen schweren Gang
wagen will.
Der Soldat unterbrach seine Erzählung und wandte sich dem Knaben zu. Der
trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier
legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem
Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem
Vaterland." Er ließ die Leine los, sie lag nun in des Führers Hand. Der
junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so überrascht war er, so
bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Großmutter trat und zu ihr
sagte: "Ich habe es _doch_ tun müssen, Großmutter!"
Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie.
Aber der Feldgraue machte Einwände: "Ich kann das gar nicht annehmen von
dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu groß!"
"Ei was, wer wird darüber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann
und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht
leicht das Glück, daß er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das
darf wohl auch wehtun, sonst wäre es ja gar kein Opfer!"
"Es tut weh, Großmutter!"
"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!"
Sie sah, daß der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Tränen
zurückzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten
wandte.
"Nun werden Sie erst erproben müssen, ob Leo wirklich brauchbar ist als
Sanitätshund."
"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier
ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafür bin.
Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo
zurück, Gebhard, dann soll er wieder dir gehören." Das war eine schöne
Hoffnung, Gebhard sah schon wieder fröhlich aus.
"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet."
"Ja, ob er solche Verwundete aufspürt, die sonst umgekommen wären."
"Gebhard sähe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Könnten Sie
das einrichten?" fragte die Großmutter.
"Aber natürlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das
Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muß ich es
im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Laß doch sehen,
ob er sich nicht losreißt von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging
auf die Türe zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte
folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und
verließ das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist
doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!"
bemerkte Else.
"Er merkt, daß mir die Leine übergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie
werden gleich sehen!" Der Soldat ließ die Leine zu Boden gleiten, sofort
war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!"
"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater."
"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?"
"Im Feld nicht, aber in russischen Händen. Was sie ihm getan haben und
ob er noch lebt, das wissen wir nicht."
"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, daß Sie so eine Sorge haben," sagte
der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und
nehme dem Kind noch seine größte Freude weg, das geht doch nicht."
"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem
Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und
Entbehrungen zu gewöhnen, so wachsen Helden heran."
Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stück Weges das
Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens
von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorüber, grüßten den
Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen,
denn der grüßte heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er
doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit
dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben!
Neuntes Kapitel.
Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte
Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmählich daran gewöhnt,
manche Stunde so liegend zu verträumen. Arbeit gab es nicht für sie in
diesem Hause; für ihr Töchterchen war ein Kindermädchen gedungen
worden; denn die Geschwister wünschten nicht, daß sie das Kind selbst
ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwägerin mochte sie nicht
teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war für sie ein besonders
wehmütiger Tag, ihr Hochzeitstag jährte sich zum zweiten Mal. Und sie
wußte nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glück
gewesen?
Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr
lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht
mehr mit derselben Freude ansehen wie früher, sie bedauerte es. Ohne den
Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und
fröhlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein flügellahmer Vogel
vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurück. Eine Weile später
trat leise das Kindermädchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen.
"Ich will nicht stören," sagte das Mädchen, "wollte nur die Post
bringen." Sie gab einen Brief ab und verließ das Zimmer.
Gleichgiltig öffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei,
nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte
immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer
Mädchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte,
aber Worte, die sie auffahren ließen, ihr Herz klopfen machten, ihr
schier unglaublich schienen, so daß sie ihren Augen nicht traute und
einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und grüßt Sie
tausendmal!"
So lebhaft war Helene aufgesprungen, daß ihr Töchterchen davon
erwachte.
"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa!
Jüngferlein, der Papa lebt und läßt uns tausendmal grüßen!"
Sie nahm das Kind heraus, drückte es jubelnd an sich und lachte so, daß
das Kleine auf ihrem Arm ganz übermütig wurde. Aber nach dieser ersten
überquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum
schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn
man nur mehr wüßte! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte
man verfolgen. Das mußte sie mit seiner Mutter besprechen, zu der
gehörte sie jetzt. Ein heißes Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard;
wie würde der jubeln!
Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwägerin den Brief zu zeigen und sich
mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, daß
Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen müsse, aber sie hatten
beide den Eindruck, daß gegen diesen stürmischen Wunsch gar nichts zu
machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte,
niedergeschlagene Frau. Man mußte sie gewähren lassen.
So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob
sie zu ihr kommen dürfe mit dem Töchterchen und bei ihr bleiben, damit
sie alle beisammen wären, wenn ihr Mann käme. Er lebte--also kam er, wer
konnte wissen, wie bald!
Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hieß Helene mit dem Kind
willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen.
Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die
Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser
langen, trübseligen Zeit," sagte sie.
"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du
kannst jederzeit wiederkommen, du weißt, wir haben dich lieb!"
"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehört auch dazu. Wenn ich ihn
erst wieder habe, müßt ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz
schön!"
"Gott gebe es!"
Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit
ihrem Töchterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche;
denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und
grüßt Sie tausendmal!"
Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten
hatte. Mündlich wollte sie der Mutter die Nachricht überbringen, wollte
ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem früheren Zug,
als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur
das Mädchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer,
besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkäme.
Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf
das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten
sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben
einer Übung des Sanitätshundes Leo beigewohnt und waren noch erfüllt
davon. Die junge Frau konnte nicht länger warten, öffnete das Fenster
und rief Gebhards Namen; der blickte auf, löste sich aus der Gruppe,
rannte der Haustür zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die
strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewußt, daß
sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glück, und es überkam ihn so
plötzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, daß
ihm Tränen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte
und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm,
wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!"
"Doch Gebhard, jetzt können wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, daß der
Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der
Vater lebt und grüßt uns tausendmal!"
Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfaßt, so erklang draußen ein
wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Großmutter, darf ich's ihr sagen,
Mutter?"
"Wir miteinander!"
Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so
leichtfüßig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Mädchen noch zuvor.
Die Großmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hörte nichts als:
Er lebt und grüßt uns tausendmal!
Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie
brachten für Helene nicht mehr verträumte Stunden auf dem Ruhebett; in
diesem altmodischen Haus gab es überhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr.
Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, daß es für
gesunde Menschen genüge, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, daß junge
Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnügen, in
bloßem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese
Auffassung und kam durch Arbeit hinweg über die Enttäuschung, daß der
ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos
blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei
Arbeit für andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge
Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr mußte man helfen
Verdienst zu suchen, und dabei hörte man von anderen, die in ähnliche
Not geraten waren.
Da gab es für Helene viele Gänge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu
schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige
Woll- und Metallsammlerinnen fürs Vaterland, hatten auch Gebhard mit
hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Tätigkeit,
selten ein Gespräch, das nicht mit dem Krieg zusammenhing.
Über all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte
Vorfrühling über in einen Mai, so wonnig, daß all die Krieger im Feld
und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer
dieser wonnigen Maitage löste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher
über dem Schicksal des Försters gewaltet hatte.
Helene war mit ihrem Töchterchen und den großen Kindern den Nachmittag
im Wald gewesen, nun kamen sie zurück mit großen Sträußen von Waldblumen
und jungem Grün; ein ganzer Frühlingseinzug war es, als all diese Jugend
heimkehrte und fröhlich die Großmutter begrüßte. Die mußte sich
gleichzeitig von jedem erzählen lassen, wie schön es im Wald gewesen,
mußte die Sträuße in Empfang nehmen, die für sie gepflückt waren, und
konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehör verschaffen. Aber als
Helene mit den Kindern in die große Wohnstube ging, da folgte ihnen die
Großmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn
du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herüber. Ich habe dir etwas
zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr,
daß sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wußte: eine Nachricht war
gekommen!
"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen,
Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind,
das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Großen auf den Boden
und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?"
"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir.
Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blaß.
"Sind es keine guten Nachrichten?"
"Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns
längst gesagt, daß wir aufs Schlimmste gefaßt sein müssen. Aber er lebt
doch und wird wiederkommen!"
Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester
geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich
will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme:
"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, daß ich dir einen Brief
schicken kann, wie ein Wunder, daß ich wieder im deutschen Vaterland
bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland
herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit
eigener Lebensgefahr über die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich
dir das alles mündlich erzählen, nur auf eines soll dich dieser Brief
vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es
ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben
grausame Rache an mir verübt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen
nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen.
Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiß ich, ein
grauenvoller Anblick, und dies quält mich vor allem bei dem Gedanken an
meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen
kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen
Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drückte Helene
beide Hände vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im
Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht möglich, weiter
vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich,
Helene; nicht wahr, wir wußten schon lange, daß er in den Händen
grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet."
"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern
gehalten."
Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest
ins Auge zu fassen, was kommen mußte. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll,
"du wolltest doch tapfer sein!"
"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Türe ließ sich
eine Stimme hören.
"Großmutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein
Mütterlein aufgelöst in Tränen, daneben die Großmutter mit dem strengen
Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter fürchtete
ihn, das wußte er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er
vergaß sich und rief mit zornigem Ausdruck, während ihm die Röte ins
Gesicht stieg: "Großmutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, daß
sie so weinen muß, das leidet der Vater nicht!"
Die Großmutter, die ihm sonst nie solch ungebärdiges Auftreten hingehen
ließ, übersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten für die
Mutter gefiel ihr.
"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern
dieser Brief, obgleich darin steht, daß der Vater bald kommt. Nun sieh
nur zu, wie du sie tröstest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!"
Sie gab das Blatt in seine Hand und verließ die beiden. Gebhard stand
ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine
schwere Aufgabe.
"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und trösten auch nicht."
Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst
mich nicht trösten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen,
warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind;
seine lieben, schönen Augen sind ihm zerstört worden aus Rache, weil er
die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich,
wie entsetzlich mußte ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese
Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Tränen kamen
ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es:
"Jetzt müssen es alle glauben, daß der Vater kein Verräter ist, alle,
auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?"
"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so
schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das
in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehört
und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht
mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett
ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der
hat schon oft mit dem Hundeführer und mir geplaudert und war ganz
vergnügt!"
"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz ängstlich klang die Frage.
"Ich weiß nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut."
"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?"
"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater
nicht mehr wehtun."
"Vielleicht steht darüber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach,
denn der kleine Mann hatte sie doch getröstet, sie war wieder gefaßt und
las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es:
"Bald darf ich reisen; zunächst komme ich noch nicht zu dir ins Haus,
sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine
tapfere Mutter, mich besuchen. Ich weiß nicht, ob meine Lieben bei dir
sind, und überlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit
mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir
schwer an ihren Jammer zu denken. Aber _eine_ Mitteilung weiß ich doch,
die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht
kämpfen durfte fürs Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen für die
_eine_ Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die
Feinde seitab von der Spur führte, die sie suchten, und ihre Rache auf
mich nahm. Erst kürzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der
Heeresleitung gekommen."
Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam
über das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt
mehr die alte Reue sie überfallen, nie durfte irgend jemand an seiner
Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich
genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene
Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Mächtig wuchs ihr
Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und glücklich
mit ihm sein!
"Wie heißt es in dem Brief? _Bald darf ich reisen._ Was heißt bald?
Komm, wir müssen die Großmutter fragen; und an meinen Bruder muß ich
schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!"
Hand in Hand, in einer gleichen, großen Freude eilten sie hinaus, die
Großmutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die
Kleine saß da, im niedrigen Kinderstühlchen; neben ihr Grete, die ihr
das Abendsüppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind.
"Gebhard, wir müssen es dem Jüngferlein auch sagen, daß der Vater kommt.
Hörst du, Jüngferlein? Sag: Papa!"
"Mam-ma!" rief die Kleine.
"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else
vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich
das Mäulchen, machte sichtlich eine große Anstrengung und rief--"Mama!"
Da lachten alle zusammen.
Frau Dr. Stegemann war nebenan und hörte das Lachen; hell und fröhlich
klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgelöst in
Tränen verlassen hatte.
"O Jugend!" sagte die Großmutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht
erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt
doch noch Herzensfreude für dich. Gottlob, dies Lachen hörst ja auch du,
so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau
zuflüstern, die nur du hören wirst!"
Zehntes Kapitel.
An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten
abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanitätshund,
abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie
Gebhard an, daß sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie
hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um
seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie
wollte sich daran gewöhnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander
vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen.
Gebhard führte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die
Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und
Helene brachte schüchtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu
sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die
Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenüber." Sie
betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen
leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, daß sie sich
im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geöffneten
Fenster, durch das der Duft blühender Linden hereinströmte. "Das ist der
Blinde," sagte Gebhard und führte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu
ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine
Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tüchlein befestigt, die
die Augenhöhlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann
hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der
Blinde hörte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch
für die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man muß es halt
hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschäftigung
gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden
Nachmittag Unterricht."
"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?"
"Ja, das wäre mir wohl recht."
Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er führte den blinden
Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Draußen sprach sie
mit der Schwester. "Darf ich öfter kommen?" fragte sie, "ich möchte so
gerne mehr von ihm hören," und zaghaft fügte sie hinzu: "Ich möchte ihn
auch ohne die Binde sehen."
"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde trägt er bloß, wenn
er über die Straße geht. Sie werden sich schnell an den Anblick
gewöhnen--wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr
daran, das ist nicht so schlimm!"
Erleichterten Herzens verließ Helene das Gebäude. Der Blinde, die
Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht
so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiß nicht. Gleich morgen
wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener
geliebter Blinder kommen würde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte
sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente
eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein!
Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der
Sanitätshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten
Kreuz geschmückte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu.
"Heute sollst du sein Meisterstück sehen, Gebhard," sagte der
Hundeführer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Frühe
ab, gleich an die Front!"
Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer
kleinen Anhöhe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die
Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen wären. Auf einem andern Weg
folgte nun der Führer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und
Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon ähnliche Übungen mit dem
Hund gemacht," sagte der Führer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber
sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, ließ
er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such
verwundet!"
Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien
er sich zu besinnen, schnüffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase
auf dem Boden. Allmählich näherte er sich dem Wald.
"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Führer. "Der Steg ist weiter oben.
Die Soldaten werden sicher nicht über den Steg gegangen sein, sondern
durchs Wasser."
"Aber im Wasser verliert er die Spur!"
"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird
ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo
verschwand plötzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches
wieder auf, schüttelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand
im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinüber an den
Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend.
Plötzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf.
"Er bringt eine Mütze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnügen dem
wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und
die Soldatenmütze zu den Füßen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav,"
lobte der Führer und befestigte die Leine am Halsband. "Führe mich,
Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in
den Wald hinein, durch dick und dünn eine gute Strecke weit; dann gab
der Hund Laut und blieb stehen. Möglichst im Unterholz versteckt lag ein
Soldat ohne Mütze. Der Führer sprach ruhig und freundlich den Soldaten
an, während er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muß
merken, daß es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklärte er,
streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und führte diesen am Arm
mit sich fort.
Die Übung wurde wiederholt, der neue Sanitätshund bewährte sich
glänzend, er fand alle Versteckten.
Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurück, der Führer
begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied.
"Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann,
der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar
nicht. Ich glaube auch, daß Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe.
Er weiß, daß er Verwundete suchen muß. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es
verstand jedenfalls so viel, daß von ihm die Rede war. Nun wandte sich
Gebhard ab, gab dem Führer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir
wollen jetzt doch lieber gehen."
Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glück!" rief sie.
"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich.
Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Straßen
waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In
der Mitte der Straße bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten
begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen
Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kümmerte sich
viel um den gewohnten Anblick.--Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder
hing über dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstücke; man wußte: das sind
Frauen, deren Männer im Krieg sind und die nun nähen für das Militär, um
Geld zu verdienen für sich und die Kinder.--An einem Ladenfenster klebt
ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe
steht davor, auch Helene und Gebhard bemühen sich, sie zu lesen, können
aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es
handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."--Zwei vorübergehende
Frauen plaudern miteinander, man hört nur drei Worte, nur den
gewichtigen Ausruf: "das Stück 14 Pfennig!" aber man weiß: von den Eiern
reden sie.--Auch was die zwei älteren Damen meinen, die so besorgt
aussehen, ergänzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hört: "Morgen
sind's schon drei Wochen!" daß keine Nachricht vom Sohn mehr
eingetroffen ist.--Ein paar muntere Mädchen eilen vorüber, die eine
rühmt sich: "O wir haben im vorigen Monat _zehn_ übrig behalten,"
Brotkarten natürlich.
Und plötzlich schauen alle, horchen alle--drei Schüsse? Ein Sieg? Da und
dort fährt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Straße: Was ist's denn?
Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl
ist gefallen!"
_Eine_ Freude fliegt durch die ganze Stadt.
Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, können kaum erwarten heim zu
kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu
läuten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Großmutter Fenster
erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe
österreichische; denn _eine_ kann nimmer genügen, um die Siegesfreude
auszusprechen in dieser einzig großen, schweren Zeit.
Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit
gelebt. Immer wieder hatte sie zurückdenken müssen an den Tag, der ihr
Glück vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat
sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie
es werden sollte, wenn er zurückkäme. Seine Stelle konnte er ja nicht
mehr ausfüllen, das Forsthaus war keine Heimat mehr für sie. Vor
längerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu
erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschädigt geblieben
sei und geholt werden könnte. Heute war amtliche Mitteilung darüber
eingetroffen. Sie besagte, daß infolge russischer Plünderung sämtliche
Möbel und Hausgeräte zertrümmert seien, die Betten aufgeschnitten und
besudelt, Bücher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die
zerstörte Wohnung später noch durch Diebsgesindel durchsucht worden,
denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden.
Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche
künstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht--nun war die ganze
schöne Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an
geliebten Gegenständen, jedes Andenken an frühere Zeiten, die Spiele,
die Gebhards Kinderglück ausgemacht hatten, alles war in die Hände roher
Gesellen gefallen und vernichtet worden.
Helene war tief gebeugt über diese vollständige Verarmung. Noch vor
kurzem hätte sie sich wenig darum bekümmert, aber eben jetzt, wo sie
ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von
ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden
im eigenen Haus empfangen. Aber das wußte sie: die Mutter würde Raum
schaffen für ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja
gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn
doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu
ihr käme er gerne und man mußte dankbar sein, daß das möglich war.
So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn
Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich weiß, du wirst ihn mit Freuden
aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir
dann nicht zu viel?"
"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort.
"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.--"Ich meine zu
viel für mich, weil zu wenig bleibt für dich. Ich habe schon viel
darüber nachgedacht und möchte gerne herausbringen, daß Ihr eine kleine,
einfache Wohnung für Euch allein nehmen und einrichten könnt. Aber das
genügt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und
stilgemäß sein. Dazu reicht es aber nicht. Es müßte eine ganz
bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Möbel dazu verwendet
werden, das könnten wir mit vereinten Kräften schon bestreiten und dann
wäret Ihr vier beisammen; so käme es mir am besten vor."
"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glück umarmte sie
die Mutter und rief in übermütiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll
unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unkünstlerisch als
du nur willst. Ein urgemütliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter,
gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah glücklich auf die
strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie
dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben.
In den nächsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen
Zukunftsplan Einfluß hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er
sprach herzliche Teilnahme aus über das Schicksal des Erblindeten; aber
auch Stolz und Freude über das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur
Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu dürfen bei der
Gründung eines neuen Heims.
Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, daß dank
der großen Summen, die aus ganz Deutschland für die vertriebenen
Ostpreußen eingegangen seien, eine Entschädigung für den verlorenen
Besitz bewilligt werden könnte, sobald der Antrag gestellt würde.
Zu Tränen gerührt war Helene über diese freiwillige Hilfe von allen
Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so
schön und reichlich anschaffen, wie einst als Braut.
Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und
sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der
Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle
Wünsche befriedigen? Sie war so fröhlich und eifrig gewesen bei dem
Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie möglich einzurichten.
Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch
ausgerechnet, daß wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann
möchte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die für die
Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an ärmeren ab. Ich meine,
Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?"
"Ich denke, daß du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort.
Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr
auch blieb, während sie die bescheidene Wohnung wählte und mit
schlichten Möbeln ausstattete. Ein fröhliches Vorbereiten, ein
bräutliches Erwarten erfüllte sie in diesen Tagen.
Elftes Kapitel.
An seinen Schulheften saß Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf
den Vater unerträglich lang. Die Mutter hatte es gut--ihre Tage waren
ganz ausgefüllt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete
die Wohnung für ihn; sie ging um seinetwillen fast täglich ins Lazarett
zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege.
Und die Großmutter war von früh bis spät in allerlei Kriegshilfe tätig;
viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten
hatte sie ein wenig Muße für ihren Enkel. Else und Grete waren in allen
Freistunden unterwegs, sie sammelten fürs Vaterland das Gold ein, von
dem noch viel bei ängstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte.
Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als
"Kuckuck" ließ sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad
war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt.
Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert
so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie tröstete ihn.
"Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird
es um so schöner bei uns." Vom nächsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch
mit, daß ihm die Zeit rascher vergehe über dem Lesen.
Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Großmutter. "Wann kommt denn
endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!"
"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draußen
müssen doch alle warten!"
"Ja, aber es ist keine schöne Zeit, wenn man so wartet, Großmutter."
"Willst du denn eine schöne Zeit haben im Krieg, während so viele
leiden? Sei froh, daß du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine
schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater
kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig
ausharrst."
So ernst nahm es die Großmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war,
wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf
sich nehmen, das sollte die Großmutter sehen. Er nahm sich zusammen und
ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei
die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett
gegen mich," erzählte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo
gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch
den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die
Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber daß ihm alle Herzen zugetan
waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die
andern an, ohne daß er's wußte.
Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad
beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch
eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder
Sanitäter war, Gebhard an, daß an diesem Vormittag ein Zug mit
Verwundeten ankäme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht
die neugierigen Menschen an die Bahn kämen. Sie würden alle in das
Lazarett gebracht, außer einem, den müsse sein Bruder abholen und in die
Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards
Vater sein könne?
"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die
plötzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der
Zug?"
"Das weiß man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben
doch bis zwölf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug
kommt."
Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, daß vielleicht der Vater
ankomme? das ging doch nicht? Aber es _mußte_ gehen. Die Großmutter
würde sagen: ausharren. Wie sonderbar, daß er da saß in dem großen
Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der
Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wüßte! Wie qualvoll dieses
Stillehalten!--Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so
furchtbar schwer!
Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Nähe und
richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief,
wie wenn er eine Last mit in die Höhe zu heben hätte. Der Lehrer lachte.
"Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus
gepreßtem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater
ankommt und ich in der Schule bin!"
"Dein Vater kommt? Heute früh? Du hättest ihn gern begrüßt? Ja! Möchtest
fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?"
Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung.
"Närrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!"
Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der
Türe zu.
"Deine Mütze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal,
sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Mütze vom Nagel, auf
und davon, dem Bahnhof zu.
Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn nötig, vor
dem Bahnhof warten, ohne daß er daheim vermißt wurde. So lange wollte er
ausharren, o leicht und gern!
Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von
Lazarettzügen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor.
Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der
Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er
sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Körben am Arm, die da
standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die
Verwundeten ankämen. Die eine lachte: "Da bist du zu spät aufgestanden!"
und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklärte die andere: "Die
sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon
heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt
immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und
gingen ihres Weges.
Also zu spät, nicht zu früh! Bitter enttäuscht stand Gebhard, konnte
sich nicht gleich entschließen den Platz zu verlassen; zögernd, planlos
ging er noch auf den Bahnhof zu und stand plötzlich betroffen still. Aus
dem Bahnhofgebäude kam ein Sanitäter, führte zwei Männer und diese
beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte
noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt näherte sich die Gruppe; der
Sanitäter stützte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat
war und auch am Fuß verletzt schien; sorglich führte er ihn die breiten
Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb
der andere, den Führer erwartend, an einer Säule der Vorhalle stehen,
und da nun seine stattliche, kräftige Gestalt ganz zu sehen war,
erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zögern war vorbei, in jubelnder
Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender
Stimme:
"Vater! Grüß dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf
hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden
Händen und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Grüß dich Gott, mein
Männlein, mein guter Bub! Ich hätte nicht gedacht, daß du mich gleich
erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!"
"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten können, bis du kommst; das
wissen wir ja schon lang, daß du blind bist, das macht _gar_ nichts,
Vater!"
"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen.
Der Sanitäter kam nun zurück, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu
holen.
"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut
führen!"
"Zunächst bin ich noch ins Lazarett überschrieben, aber bald darf ich
heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen."
"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der
Sanitäter und fügte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, daß heute
Verwundete ankommen?"
"Ein Schulkamerad."
"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur
mit!"
Sorgsam führte der Sanitäter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard
ging auf der andern Seite.
"Künftig darf ich dich immer führen, gelt Vater?"
"Letzte Stufe," sagte der Führer und wandte sich an Gebhard: "Immer
voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankündigen, das
ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig
und zuversichtlich. Darauf mußt du achten!"
"Ja das will ich gewiß tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust
du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitäter dem Blinden
das Einsteigen ermöglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe.
Bald saßen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel,
weil sie noch kaum das Glück fassen konnten, wieder beisammen zu sein.
Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen
sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn
mußten sich trennen. "Bitte die Großmutter, sie möchte zuerst allein zu
mir kommen; für die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde,
küßte den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuß gib der
Mutter!"
Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen
Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die
wunderbare Mär glauben, die er nun verkündigen wollte: daß der Vater
angekommen sei!
Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren
nach der künftigen kleinen Wohnung hinübergegangen; Helene war fertig
mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und
führte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefällt es dir, Mutter? Ist
dir's recht so?"
"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn
eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine frühere reiche,
stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie
erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte
fröhlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil.
Wie wenn man Reste aus ein paar zerstörten Häusern zusammengetragen
hätte: da ein paar schöne, alte Möbel von dir, dort schlichte, gebeizte
vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt
hat, und davor ein gewöhnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten
Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein
kleiner Spiegel vom Trödelmarkt. Aber sieh, die sogenannte
Mädchenkammer, hat die nicht ein nettes Stübchen für Gebhard gegeben?
Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln dürfen und sein
schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu paßt auch statt
eines Mädchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles
stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur _er_ noch! Wie lange wohl?"
Draußen wurde geklopft. "Es muß jemand an der Vorplatztüre sein," sagte
Helene, "die Klingel geht nämlich nicht immer und der Aufzug ist auch
ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehört eben auch zum
Kriegsstil."
Sie gingen miteinander hinaus und öffneten. Gebhard stand vor ihnen auf
der Schwelle, wußte vor übergroßer Erregung nicht gleich, wie er
erzählen sollte, war auch so gesprungen, daß es ihm den Atem benommen
hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und
rief: "Der Vater kommt?"
"Der Vater ist schon da!" Glückselig fiel er der Mutter um den Hals und
jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuß von ihm!"
Zwölftes Kapitel.
Am Bett ihres Sohnes saß Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen
leer, die Verwundeten waren an dem schönen Nachmittag ins Freie gebracht
worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des
Wiedersehens und ungestört hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine
Erlebnisse erzählen können. Sie wußte jetzt, was er durchgemacht von dem
Augenblick an, da er sich bereit erklärt, die Russen zu führen, in der
stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie
in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der
Offizier traute seinem Führer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht
zu Willen sei, solle er nie mehr seine schöne Frau wiedersehen, er würde
ihm die Augen ausstechen lassen.
So wußte er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf
irgend einen glücklichen Zufall, der ihm zu Hilfe käme, und betete im
stillen. Aber das Mißtrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte,
daß der bittere Kelch nicht an ihm vorübergehen sollte, und bereitete
sich innerlich vor auf das, was kommen mußte.
Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut
der Feinde gegen ihn. Sie verübten an ihm die grauenvolle Untat, ließen
ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon.
Als Stegemann so weit erzählt hatte, spürte er an der zitternden Hand
der Mutter, daß sie überwältigt war, und er hielt inne.
"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja überstanden, auch die
schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter
davon erzählen; ich danke dir, daß du mich so tapfer angehört hast. Dir
habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen.
Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir,
Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau
aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfühlend ist und
mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude
angelegt? Zwar glaube ich nicht, daß wir Not leiden müssen. Das ganze
Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, daß wir arbeiten lernen
und etwas verdienen können. Damit habe ich schon angefangen und werde
meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen für die Meinigen. Aber
dennoch--wie schwer ist es für Helene! Nie hätte ich, so wie ich jetzt
bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in
seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in
die ihrige und sprach in voller Überzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt,
Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Bräutigam
entgegensehen, als sie ihrem Helden!"
"Weil sie nicht weiß, was für ein Anblick ihr bevorsteht und was es
heißt, einen hilfsbedürftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines
ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg
räumt!"
"O, sie weiß das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate
Krieg erlebt, die waren für deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen
und Warten; sie hat sich durchgekämpft, ist stark geworden, um Leid und
Entbehrung mit dir zu tragen."
"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist,
dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe
mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine
weitere Stunde soll die Trennung verlängert werden."
"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich
bringe ihr deine Botschaft."
Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die
Schublade auf.
"Was suchst du? Kann ich dir helfen?"
"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz.
Wenn du mir das befestigen willst. Daß sie doch _etwas_ Schönes sieht an
ihrem Mann!--So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr,
man sieht die Zerstörung nicht?"
"Nein."--Sie wollte hinzufügen: "Deine Frau hat sich längst geübt, auch
das zu sehen," aber sie unterdrückte es. Wer konnte wissen, wie es sie
im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschüttern würde?
Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet.
"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein
sprechen?"
"Er hat Mitleid mit dir, daß du ihn so wiedersehen mußt, hat Angst, es
möchte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es
furchtbar erschüttert; ich mußte mich _so_ zusammennehmen, um die
Fassung zu bewahren."
Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie
diese Fassung und konnte die bittern Tränen nicht zurückhalten. Das
hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstärke
überlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in
ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich
angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?"
Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder
zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er
wartet!"
Der Mutter Schwäche wurde eine merkwürdige Hilfe für die junge Frau.
Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann mußte sie die tapfere sein.
Alles Bangen wich von ihr, leichtfüßig eilte sie die Treppe hinauf, sie
wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser
lang ersehnten Stunde.
Sie öffnete die Türe, sah, wie bei dem Geräusch ein Kopf sich aus dem
Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Türe wandte.
"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn
stürmisch und rief ihm fröhlich zu: "Glaubst du, daß ich's bin, wenn du
mich gleich nicht siehst?"
Er spürte ihre Fröhlichkeit und zog sie an sein Herz.
"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, daß ich
dich habe!" Er küßte sie. Da schob sie sanft die Binde über seine Stirne
hinweg, drückte einen Kuß auf jede der verheilten Wunden und sagte zu
ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf
diese Narben!"
Er legte sich zurück, fühlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab
sich der Wonne des wiedergefundenen Glückes hin.