Indessen ist es für sie von ungeheurem Vorteil, wenn sie abwechselnd _auf

beiden Seiten_ ihres Pferdes zu reiten in der Lage ist. Wenn sie sich einen

sogenannten Linkssattel beschaffen kann, so soll sie stets einmal rechts,

einmal links reiten. Sie sollte dies nicht nur zu ihrem Vergnügen, welches

ihr dieses Verfahren ohne Zweifel verschaffen wird, tun, sondern besonders

im Interesse ihres Pferdes. So gut sie auch zu reiten vermag, sie kann es

nicht verhindern, daß die Seite des Pferdes, auf welcher sich die beiden

Beine befinden, etwas stärker belastet wird. Diese stärkere einseitige

Belastung des Pferdes führt aber vielfach zu Druckschäden, welche um so

gefährlicher sind, je mehr sie dem Widerrist nahe liegen. Die Damen lernen

daher am besten auf _beiden_ Seiten des Pferdes reiten. Bei heranwachsenden

Mädchen ist dieses Verfahren wegen der wenn auch sehr geringen Verdrehung

des Körpers, die der Reitsitz mit sich bringt, sogar geboten. Aber auch

die erwachsene Dame wird ein großes körperliches Wohlbehagen durch die

Inanspruchnahme der am Tage vorher nicht gebrauchten Muskeln empfinden.

Diese gleichmäßige Übung der Muskellagen _beider_ Seiten wird sich

übrigens auch in einem elastischeren, stolzeren Gange und einem viel

graziöserem Reitsitz bemerkbar machen.«

_James Fillis_ allerdings, der berühmte Reitmeister, befürwortet

diese Reitmethode nicht. Er sagt in seinen »Principes de Dressage et

d'Équitation«, daß -- _unter einem guten Lehrer_ -- die nach links

gesetzte Reiterin (weit entfernt, ihr Rückgrat aus seiner Lage zu bringen)

an Anmut und Geschmeidigkeit nur gewinnen kann. »Fahren wir doch fort, die

Reiterin nur auf ein und derselben Seite reiten zu lassen und zwar auf

der linken. Sonst müßte man ihr ja die Peitsche in die linke Hand geben,

welche doch weniger bestimmt und geschickt ist. Das wäre eine grobe

Unzuträglichkeit, da doch gerade die Peitsche den fehlenden Schenkel

ersetzen soll.«

_Der Reitsitz_ der Dame muß -- um damit auf die zweite Frage überzugehen

-- _aufrecht_, _gerade_ und _geschlossen_ sein.

[Illustration:

Fig. 33.

Der gute und der schlechte Reitsitz.]

Um aufrecht zu sitzen, darf man sich weder vorwärts noch rückwärts

lehnen. Jeder Anwesende, in erster Linie natürlich der Reitlehrer oder

ihr Kavalier, kann der Dame sagen, ob sie aufrecht sitzt, und wenn sie so

sitzt, kann sie lange ohne Ermüdung reiten. Anfangs wird sie wegen des

ungewohnten Sitzes und der ungewohnten Körperhaltung dieses nur schwer

selbst bestimmen können. Es ist aber von höchster Wichtigkeit, daß ihr

der aufrechte Sitz von Anfang an zur Gewohnheit wird. Und dieser aufrechte

Sitz -- also ganz perpendikulär zum Pferderücken -- muß so eingenommen

werden, daß die Perpendikulärlinie auch genau auf die Wirbelsäule des

Pferdes fällt, daß also die Dame _auf der Mitte des Sattels_ sitzt, und

nicht etwa seitwärts und nicht an derselben hängt. (Fig. 33 der gute

und der schlechte Reitsitz.) Ein solcher falscher Reitsitz führt in erster

Linie zur Beschädigung des Pferdes durch Satteldruck. Ebensowenig dürfen

sich die Schultern der Dame aus der Frontlinie hinaus verschieben, zu

welchem Fehler die führende Zügelhand leicht Veranlassung gibt.

_Sitz und Zügelführung müssen vollständig unabhängig voneinander

sein._

Um _geschlossen_ zu sitzen, muß sich die Dame mit den Muskeln des einen

Schenkels allein an den Sattel halten, denn das andere Bein kommt mit

demselben gar nicht in Berührung. Allerdings kann diese Kunst erst

allmählich erlernt werden. Ich kannte einst eine junge Dame auf dem

Lande, welche keinen Damensattel besaß und auf der englischen Pritsche im

Seitsitz ritt. Ich bin oft mit derselben geritten, in jeder Gangart --

das rechte Bein hatte sie über den Sattelknopf gelegt -- und habe sie

bewundert, mit welcher Sicherheit, ja Grazie sie auf dem Pferde saß und

dasselbe führte. Sicher erfordert das eine sehr große Übung der Muskeln

und ein außerordentlich feines Gefühl für das Gleichgewicht. Eine sehr

gute Übung besteht darin, sich auf die Kante eines Geländers, einer

Barriere oder dergleichen zu setzen, das eine Bein herabhängen zu lassen

und sich mit den Muskeln des anderen Schenkels festzuhalten. Das wird

dieselben stärken und sie gewissermaßen lehren, was sie zu tun haben,

anstatt, wie auf dem Stuhl, einfach im Sattel zu ruhen. Des Ferneren ist es

außerordentlich wichtig, daß die Ferse des im Steigbügel ruhenden Fußes

gegen den Boden gedrückt wird. Dann nimmt das Bein seine richtige Lage

von selbst an. Die Zehen des anderen, hängenden Fußes werden dagegen nach

unten gedrückt.

Der schon mehrfach zitierte Reitmeister _James Fillis_ sagt vom Reitsitz

der Dame: »Die Reiterin soll -- abgesehen von den Beinen -- genau so zu

Pferde sitzen, wie der Reiter. Die Schultern und die ganze Haltung des

Oberkörpers sollen parallel zu den Pferdeohren sein. Das ist aber nicht

möglich, wenn nicht auch die Hüften diese Stellung einnehmen -- also ist

es die Stellung der Hüften, von welcher die ganze Haltung der Reiterin

abhängt. Indem beide Beine nach links liegen, umfaßt das rechte Bein die

Gabel und liegt höher und weiter noch als das linke. Dieses wieder lehnt

sich leicht mit dem Teil des Beines _über_ dem Knie an die linke Gabel.

Der Fuß ruht im Bügel. Aus dieser Lage der Beine ergibt sich, daß

die Reiterin eine ganz erklärliche Neigung dazu hat, fast das ganze

Körpergewicht nach der rechten Seite hin zu verlegen, während die linke

fast nichts zu tragen hat, und hieraus folgt wieder, daß die linke Hälfte

gegen die rechte zurücktritt -- _und das muß vermieden werden_. Das

Körpergewicht muß auf beiden Seiten des Pferdes gleichmäßig verteilt

sein -- die Reiterin muß auf ihrem Sattel genau so sitzen, wie auf einem

Stuhle -- die Hüften und Schultern parallel den Pferdeohren. Es ist das

ein Haupterfordernis für die Sicherheit.

Selten ist eine Reiterin nach links aus dem Sattel geworfen, denn auf

dieser Seite findet sie Halt an der Gabel und im Notfall am Bügel. Die

ganze Gefahr, heruntergeworfen zu werden, liegt rechts und ist um so mehr

vorhanden, je mehr die linke Schulter gegen die rechte zurücksteht.

Das, was der Reiterin die Sicherheit gibt, verleiht ihr gleichzeitig die

elegante Haltung. Sie braucht mithin nicht zu besorgen, die eine etwa der

anderen aufopfern zu müssen.«

Dies sind nur wenige Fingerzeige für den Damensitz im Sattel, und wir

werden demnächst sehen, auf welche Weise er spielend gelernt werden kann,

wenn man, um damit zur Beantwortung der dritten Frage überzugehen, _das

Reitsystem des Grafen Dénès Széchényi_ dabei zur Anwendung bringt.

Ist erst ein wirklich guter Sitz erreicht, dann kann die Reiterin der

Zügelführung bezw. ihrem Pferde Aufmerksamkeit schenken. Ohne einen guten

Sitz wird sie aber niemals wirklich reiten können.

Unter der Zugrundelegung des schon mehrfach ausgesprochenen Grundsatzes,

daß Sitz und Zügelführung gänzlich unabhängig voneinander sein

müssen, wenn man gut reiten lernen will, führt die genannte Reitmethode

des Grafen Széchényi am _leichtesten_ und _schnellsten_ zum Ziele. Ich

will dieselbe hier kurz beschreiben, indem ich dabei bemerke, daß sie von

gleichem Werte für Herren wie für Damen und für Kinder ist.

Die Methode besteht in Ballwerfen zu Pferde und in systematischem und

frühen Barrierespringen.

Die Zügel werden erst in die Hand genommen, wenn der Sitz durch die

angeführten Übungen _zu einem vollkommen sicheren_ geworden ist, so daß

die Zügel in der _Folge nur zur Führung_ des Pferdes, nicht aber zum

_Festhalten_, wie üblich, gebraucht werden.

Zur Erreichung dieses Zweckes bedient man sich eines auf einem Zirkel

an der Longe gehenden Pferdes, dessen Zügel eingeschnallt sind. Das

_Ballwerfen_ hat den Zweck, den Oberkörper biegsam und geschmeidig,

_unabhängig_ von den Bewegungen des Pferdes und von den später die Zügel

führenden Armen zu machen, während die Mittelpositur des Körpers von

den Hüften bis zu den Knieen unentwegt in der Perpendikularlinie auf dem

Sattel bleiben müssen. Der herabfallende Ball, welcher nach rechts und

nach links, nach vorn und nach hinten fällt, zwingt den Oberkörper, zum

Wiederauffangen desselben seiner Richtung zu folgen, wodurch eine stete

Verlegung des Schwerpunkts und folgerichtig eine enorme Sicherheit des

Sitzes entsteht. Die Dame eignet sich dadurch gleichsam mechanisch in

ca. vier Wochen den unabhängigen Sitz und die _Balance_ an, zu deren

gründlicher Erlernung sonst Jahre gehören.

Das _Barrierespringen_ dient dem gleichen Zwecke. Hat beim Ballwerfen

der Körper der Reiterin seine Haltung verändert, während das Pferd in

gleichmäßiger Bewegung blieb, so ist es hier umgekehrt. Der Körper lernt

den Sitz behalten, indes das Pferd eine heftigere und sozusagen anormale

Bewegung macht. Nach kurzer Übung kann auch hierbei wieder Ball geworfen

werden, und durch dieses Zusammenwirken bildet sich eine solche Sicherheit

des Sitzes aus, daß die Reiterin nach wenigen Lektionen sich bereits auf

dem Pferde zuhause fühlen wird. Nicht zuletzt wird man finden, wie auf

diese Weise auch das moralische Element gehoben wird, ohne welches doch

alles Reiten nur ein Unding ist. Ist nun die Reiterin solchergestalt

vorgebildet, dann bekommt sie die Zügel in die Hand und lernt ihr Pferd

_selbst_ führen, und ich glaube mit Bestimmtheit sagen zu dürfen, daß

die Amazone nach solchen Vorstudien nur noch recht selten die Zügel

als Regulatoren ihres Sitzes benutzen wird, und daß dementsprechend das

Damenpferd stets ein frisches Maul behalten wird. Das ganze Geheimnis

beruht eben in der _Unabhängigkeit der Zügelführung vom Sitz_.

Lassen wir uns an diesen kurzen Anführungen genügen, die auch der

Anfängerin einleuchten müssen, -- die praktische Anwendung werden wir

später kennen lernen.

Gleichzeitig aber sei hier noch angeführt, daß für diese Lektionen ein

Pferd vorhanden sein muß, welches tadellos das Gehen an der Longe auf dem

Zirkel gewohnt ist, und welches auch die Kommandos für die betreffenden

Gangarten kennt. Der Herr, welcher der Dame den Reitunterricht

erteilt, muß daher, falls er nach dieser sehr empfehlenswerten Methode

unterrichtet, das Pferd vorher dafür dressieren, was einem zum Damenpferd

bestimmten Tiere sehr nützlich ist und was seitens desselben auch in sehr

kurzer Zeit erlernt wird.

Der gute Reitsitz dient aber nicht allein zur Sicherung der Dame in allen

Gangarten und bei allerhand Zufällen, sondern er ist das wichtigste

Hilfsmittel, um das Pferd _im Gehorsam und im Gleichgewicht_ zu erhalten.

Ohne diese beiden Eigenschaften gibt es kein Damenpferd. Im guten Reitsitz,

wie er beschrieben worden ist, vereinigt sich daher die _Sicherheit der

Reiterin_ mit der _Beherrschung des Pferdes_.

4. Von den Gewichtshilfen.

Wenn man unter »Hilfen« die tätigen Einwirkungen des Reiters bezw. der

Reiterin auf den Pferdekörper, besser vielleicht -Mechanismus versteht,

welche diesen in Gang setzen, regulieren und wieder zum Stillstand bringen,

so stehen bei der Dame besonders, welcher der tätige zweite Schenkel

fehlt, allen anderen Hilfen die _Gewichtshilfen_ voran, ohne welche eine

zweckdienliche Wirkung der anderen, welche wir später kennen lernen

werden, gar nicht gedacht werden kann. Sie sind eben Vorbedingungen

für die Herbeiführung und Erhaltung des Gleichgewichts, ohne welches

gemeinsame, regelmäßige Bewegungen nicht ausgeführt werden können.

Geschickte Reiterinnen können ein Pferd lediglich durch Gewichtshilfen

zum Antreten, Anhalten und Wenden veranlassen. Diese Hilfen äußern sich

naturgemäß durch das Gesäß und die Mittelpositur der Reiterin auf

deren Unterstützungsfläche auf dem Pferdekörper. Die Einwirkungen der

Mittelpositur (von den Hüften bis zum Knie) können nun aktiv oder passiv

sein. Im ersteren Falle äußern sie sich in verschärftem Belasten,

also vermehrtem Einsitzen und Fühlenlassen des Gesäßes in Richtung

des Geworfenwerdens durch das Pferd im Gleichgewicht, oder in seitlichen

Verlegungen des Reiterkörpers. Im anderen Falle geht die Mittelpositur

ruhig im Gleichgewicht mit dem Pferde mit, d. h. sie fällt bei jedem

Tritt wieder auf den Schwerpunkt zurück, von welchem sie durch die

Bewegung des vorhergehenden soeben erhoben wurde. Das nennt man »Mitgehen

mit dem Pferde«. Fällt die Mittelpositur immer hinter den gemeinsamen

Schwerpunkt zwischen Reiter und Pferd, dann ist doch ein Aufrechterhalten

des Gleichgewichtes unmöglich. Der Mangel an Mitgehen mit dem Pferde sorgt

am meisten dafür, daß die unfolgsamen Pferde nicht aussterben.

Der linke Unterschenkel und die Reitpeitsche, drückend auf der rechten

Seite des Pferdes angewendet, können nur in Verbindung mit Gewichtshilfen

richtig vorschiebend wirken, so wie die Zügel nur im Verein mit ihnen

den Kopf herbeistellen und dadurch die Vorhand beeinflussen können. Die

treibende Wirkung des Gesäßes spielt stets eine hervorragende Rolle,

namentlich aber in allen den Fällen, in denen ein Pferd das Vorwärtsgehen

verweigert. Darum hat jede Reiterin ihre Aufmerksamkeit vor allem der

Haltung der Mittelpositur zuzuwenden.

Nun kann auch eine Seite des Gesäßes mehr belastend wirken als die

andere, ohne daß sie ihre Lage auf dem Rücken verändert. Der Oberkörper

der Reiterin ist dabei wesentlich in Anschlag zu bringen. Je senkrechter

sie nämlich auf den Hüften ruht, desto belastender wirkt sie senkrecht

nach unten. Je mehr sie sich nach vorn neigt, desto mehr verliert das

Gesäß an Treib- und Belastungskraft; je mehr sie das Kreuz über den

Hüften anzieht und das Gesäß dem gemeinsamen Schwerpunkt zuschiebt,

desto treibender wirkt ihr Körpergewicht. Ein Zurücksetzen im Sattel

bedeutet vermehrte Belastung der Hinterhand. Je mehr der Körper nach

einer der Seiten geneigt wird, desto größer wird seine Wirkung auf die

Gesamtunterstützungsfläche der Mittelpositur. Diese muß der Bewegung

des Oberkörpers folgen. Wird der Oberkörper mit der rechten Hüfte

nach rechts geneigt, dann wird die rechte Seite des Pferderückens mehr

belastet, knickt aber der Oberkörper über der rechten Hüfte ein, dann

geht die Mittelpositur nach links, um das Gleichgewicht herzustellen.

Während also im ersten Falle eine Mehrbelastung der rechten Pferdeseite

stattfindet, ist das im andern nicht der Fall. Verschieben sich _beide_

Gesäßknochen nach links, dann ist der Oberkörper ebenfalls genötigt,

sich über der rechten Hüfte nach links zu neigen. Auch ist es ein Fehler,

mit dem Gesäß eine Wendung zu machen, so daß der eine Gesäßknochen

mehr zurückliegt als der andere, denn dann wird die Bewegung der

Hinterbeine unregelmäßig gefühlt, sie werden ebenso belastet.

Eine Belastung der rechten Seite erfolgt nur dann, wenn der rechte

Gesäßknochen schärfer aufzuliegen kommt, während gleichzeitig der

Oberkörper, ohne über der Hüfte einzuknicken, auch nach rechts vermehrt

belastet. Diese richtige Gewichtsverlegung ist sehr wichtig _bei allen

Wendungen und Seitengängen_, so wichtig, daß eine unbestimmte oder

ungeschickte seitliche Gewichtsverlegung sehr oft eine Wendung zu hindern

vermag. Befördert nämlich die richtige Gewichtsverlegung der Reiterin

nach einer Seite die Verlegung des Pferdeschwerpunktes nach dieser Seite

und bereitet eine Wendung vor, so wird die entgegengesetzte Belastung die

Wendung hindern oder mindestens erschweren. Selbst viele gut gerittene

Pferde verweigern mit der Zeit das Wenden, wenn es fortgesetzt so falsch

eingeleitet wird.

Mancher von den hier ausgesprochenen Grundsätzen wird allerdings der

Anfängerin erst verständlich werden, wenn sie auch das übrige gelesen

hat, noch mehr, wenn sie von ihrem Reitlehrer _auf dem Pferde_ darauf

aufmerksam gemacht wird. Ein gut gerittenes Pferd wird sich diesen Hilfen

willig fügen, und die Reiterin wird es angenehm empfinden -- notabene wenn

sie das richtige »Reitergefühl« hat -- wie leicht und ohne Anstrengung

man das Pferd nach seinem Willen lenkt und führt.

5. Von der Zügelführung und -Wirkung.

Es ist bereits mehrfach betont worden, daß der Reitsitz vollständig

unabhängig von der Zügelführung sein müßte. Wir haben den ersteren

kennen gelernt, und wenden uns nun der letzteren zu.

Wie also ausgeführt, bildet der richtige Sitz der Reiterin die Basis,

während die Zügelführung allerdings in ihrer Wechselwirkung mit dem

linken Schenkel der Reiterin -- der rechte wird durch eine kurze, aber

kräftige Reitpeitsche ersetzt -- das Steuerruder ist, vermittels dessen

die ganze Maschinerie geleitet wird. Zuförderst dienen die Zügel zur

Beizäumung bezw. Aufrichtung des Pferdes, also zum _Zurückhalten_, der

linke Schenkel in Zusammenwirkung mit der Reitpeitsche auf der rechten

Seite zum Herantreiben und Gegenschieben des Pferdes an das Gebiß, demnach

zum _Vorwärtstreiben_. Dadurch wird das Pferd gezwungen, seine Vorhand

zu erleichtern und seine eigene, sowie die Last der Reiterin auf die

Hinterhand zu nehmen, wodurch die Biegung der Hanken erreicht wird. Sind

dieselben biegsam gemacht und haben sie sich so gestellt, daß sie

geeignet sind, die Last, die auf sie gelegt wird, federnd aufzunehmen, hat

gleichzeitig jede Steifheit des Halses und der Ganaschen aufgehört, so

ist das Pferd kampagnemäßig dressiert und gehorsam. Ist das Pferd dagegen

noch steif in den Ganaschen und Hanken, widersetzt es sich der Aufnahme der

Gewichtsverteilung durch Steifen dieser Gelenke, so wird es auf der Vorhand

liegen und unfähig zu kurzen Wendungen, Arrêts, überhaupt zum Tummeln

sein. Das Pferd demgemäß auszubilden, ist Sache der Dressur, es darin

zu erhalten, Sache der Reiterin. Geschieht dies von seiten der letzteren

nicht, so sinkt das bestdressierte Pferd allmählich wieder in seine

natürliche Stellung und geht, wie man es nennt, auseinander, womit das

richtige Zusammenwirken von Vor- und Hinterhand verloren geht.

Um dies zu verhüten, arbeitet man gleichzeitig mit Zügeln und linkem

Schenkel bezw. mit der Reitpeitsche auf der rechten Seite. Letztere beide

Faktoren treiben das Pferd gegen das Gebiß, wodurch das Pferd gezwungen

ist, dasselbe anzunehmen und sich in die von der Reiterin geforderte

Haltung zu stellen, da jeder Zügelanzug, die richtige Stellung des Halses

vorausgesetzt, von den Laden sich über Hals- und Rückenwirbel bis in die

Hanken fortsetzt. Eine einseitige Wirkung auf das Pferd, ob mit Schenkel

oder Zügel, ist demnach ein Unding.

Inwieweit ein Pferd aufgerichtet bezw. beigezäumt werden kann, ist von der

Art seines Baues abhängig, und es muß dem einsichtsvollen Reitmeister,

welcher dem Damenpferde seine Form gibt, überlassen bleiben, das Pferd

dabei nicht zu übernehmen.

Für ein normal gebautes, gut dressiertes Pferd wird die Stellung

anzustreben sein, wie sie Fig. 34 zeigt, d. h. die Nase ungefähr in der

Höhe des Widerristes, die Stirn annähernd senkrecht zum Boden gestellt;

die Biegung des Halses erstreckt sich nur auf die drei ersten Wirbel, die

beiden mittleren stehen senkrecht aufeinander. -- Steht und bewegt sich das

Pferd in eben beschriebener Art und Weise, folgt es willig allen Hilfen,

so sagt man: das Pferd ist in Haltung. Diese Haltung jedoch -- welche im

Stillstand »Neigung in den Gang« genannt wird -- ist bei den Pferden

verschieden, je nachdem sie für besondere Zwecke bestimmt sind.

[Illustration:

Fig. 34.

Pferd im mittleren Gleichgewicht.]

Wenn die Zügel und die Schenkelhilfen richtig zusammenwirken, dann kaut

sich das Pferd auf dem Gebiß ab und schäumt, ein Zeichen, daß keine

Steifung der Ganaschen und des Genickes mehr vorhanden ist. Ein _kauendes_

Pferd wird stets in Gehorsam sein.

Die Stellung und Bewegung der Zügelfaust geben dem Gebiß mittels der

Zügel die Wirkung auf den ganzen Körper des Pferdes. Ein _Vorgehen mit

der Hand_ gibt dem Pferde Luft und wirkt demnach auf die Vorhand, wie ein

Heben der Hand nach vorwärts das Pferd aufrichtet, indem Kopf und Hals

dadurch in die Höhe genommen werden. Eine Bewegung rückwärts wirkt

dagegen auf die Rücken- und Hinterhandmuskeln, vorausgesetzt, daß der

Körper durch leichte Neigung nach rückwärts die Bewegung der Faust

unterstützt. Sie spannt die Steifung der Muskeln der Hinterhand ab,

veranlaßt das Pferd, das Kreuz herzugeben, und zwingt die Hanken in die

Beuge. Hebt man die Faust nach rückwärts, so wirkt man damit auf die Vor-

und Hinterhand. Die Bewegung der Faust nach rechts oder links zwingt das

Pferd, dieser Bewegung zu folgen, bringt es also von der geraden Linie ab

-- doch ist es dabei erforderlich, den Schwerpunkt des Körpers nach

der betreffenden Seite hin zu verlegen, da ohne dieses die Rechts- resp.

Linksschieberei der Faust auf das Pferdemaul fast ohne alle mechanische

Wirkung ist, die dem Pferde nur als ein Zeichen zur Wendung dient.

Die richtige Anlehnung des Pferdes an das Gebiß gibt der Reiterin das

Gefühl der unbedingten Sicherheit der Führung; sie weiß, daß das Pferd

jeder, auch der geringsten Bewegung der Hand Folge leistet, woraus erhellt,

wie wichtig es ist, keine unmotivierten Bewegungen mit der zügelführenden

Hand zu machen, am wenigsten unwillkürliche, durch etwaige Unsicherheit

des Sitzes hervorgerufene. Noch weniger aber dürfen es beabsichtigte

sein, z. B. Rucken und Reißen in den Zügeln, wie man es leider bei

unerfahrenen oder ungeduldigen Reiterinnen öfters sehen kann. Dadurch

bekommt das Pferd Furcht vor dem Gebiß und der Faust der Reiterin, wird

widersetzlich und schließlich bis zur Unreitbarkeit unbequem.

Daß gegen die Regeln der Wirkung der Zügel und deren Führung im

allgemeinen stark gesündigt wird, ist eine Tatsache, die nicht geleugnet

werden kann. In erster Linie geschieht dies durch _Bummelnlassen_ der

Zügel, bei welchem die Reiterin meist von der ganz löblichen Absicht

ausgeht, das Pferd nicht unnötig zu molestieren. Sie vergißt aber dabei,

daß sie dadurch sich und dem Pferde nur Schaden bereitet, da dann

das Pferd nicht am Zügel steht, wodurch die mühsam andressierte

Gleichgewichtsstellung wieder verloren geht, wie schon mehrfach angeführt.

Der Gegensatz dazu, nämlich das Pferd zu fest zu halten, entsteht

einerseits aus zu schwerer Faust, andererseits aus Ängstlichkeit der

Reiterin. Darauf basiert ein großer Teil der Unarten des Pferdes,

Hartmäuligkeit, Kopfschlagen etc., bei Pferden mit schwacher Hinterhand

und weichem Maule Steigen und Überschlagen. Endlich ist auch die

_unruhige_ Faust noch zu erwähnen. Bei den schnelleren Gangarten, Trab,

Galopp und Karriere, wo die Sicherheit des Sitzes erst erprobt werden soll,

kommt die Stetigkeit der Hand am meisten zur Geltung, denn wenn die Hand

dabei, jedem Stoß der Gangart folgend, wie ein Schmiedehammer auf- und

niederfährt oder sich hin- und herschleudern läßt, so muß das

feine Gefühl des Pferdemaules verloren gehen, muß ein unruhiger,

ungleichmäßiger Gang zum Vorschein kommen, der weder schön noch

angenehm, aber oft gefährlich ist. Deshalb kann nicht oft genug wiederholt

werden: _Weiche, stetige Führung, ruhiger Sitz und weiches Annehmen und

Nachgeben erhalten das Pferd in Gefühl und Gehorsam_.

6. Behandlung des Pferdes unter dem Sattel.

Wenn Sie, meine Damen, angenehm und ohne Ärger mit Ihrem Pferde reiten

wollen, so behandeln Sie dasselbe nicht als ihren Untergebenen, sondern

als Ihren Freund. Finden Sie sich durch Entgegenkommen bei seinen

Eigentümlichkeiten mit ihm ab.

Von besonderem Einfluß auf das Pferd ist die Stimme, deshalb sprechen Sie

zu ihm, wenn Sie reiten, je nach dem Anlaß lobend, warnend, beruhigend,

tadelnd oder energisch. Das Ohrenspiel des Pferdes wird Sie belehren, wie

alles wohl gehört und auch verstanden wird. Jede rohe Behandlung ist zu

vermeiden, keine wilden Hetzen, keine harte Bestrafung durch Peitsche oder

Sporn, wenn nicht eine ganz außergewöhnliche Unart sie bedingt --

am allerwenigsten darf ein Rucken und Reißen im Maule mit der Kandare

stattfinden.

Der Damen-Reitsport · 第 7 / 11 段