I.

Lauscht jetzt des Friedens stillem Sange!

Ein Hauch ist er, zart und verschwiegen,

Ein Grashalm, den die Winde wiegen,

Er weint, doch deshalb seid nicht bange.

Die Stimme war euch einmal teuer,

Seit langer Zeit hat sie gefeiert;

Wie eine Witwe dicht verschleiert

Verrät sie doch noch Stolz und Feuer.

Was vordem heilig ihr gewesen

Verbirgt sich keusch. Den Schleier heben

Die Lüfte, die vorüber schweben,

Die klare Wahrheit könnt ihr lesen.

Und solches wird euch dann verkündet:

Das Gute nur wird ewig bleiben,

Von allem eurem wilden Treiben

Bleibt nichts, denn Haß und Neid entschwindet.

Ein einziger Ruhm nur ist erquicklich,

Zu kämpfen und nichts zu erstreben,

Nehmt dankbar hin, was euch gegeben,

Nur Frieden ohne Sieg macht glücklich.

Ihr dürft Gehör der Stimme gönnen,

Sie will nicht locken noch berücken;

Ach, eine Seele zu beglücken

Ist ja das beste, was wir können.

Doch eilt, die Stunde währt nicht lange,

Wir müssen leiden und nicht klagen,

Nicht zürnen, wenn wir Schmerz ertragen,

Lauscht jetzt der Weisheit stillem Sange.

II.

Kaspar Hauser singt:

In Städte voller Lug und Trug,

Zu Menschen kam ich, eine Waise

Mit stillen Augen, scheu und leise,

Die Männer fanden mich nicht klug.

Im Frühling ließ der warme Föhn

Des Herzens kalte Decke tauen,

Schön fand mit einmal ich die Frauen,

Die Frauen fanden mich nicht schön.

Kein König zahlte je mir Sold,

Kein Vaterland hat meine Wiege

Geschirmt, trotzdem sucht ich im Kriege

Den Tod, er hat mich nicht gewollt.

Kam ich zu früh, kam ich zu spät?

Weshalb bin ich auf dieser Erde?

Wie drückt mich meines Seins Beschwerde ...

Sprecht für den Kaspar ein Gebet.

Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen · 第 99 / 211 题