28. September 1893.

... Daß Pipin diese letzten Tage meiner Verbannung mit mir teilt, mußt

du der Wundergeschichte zuschreiben, die ihn zu guterletzt noch um das

Vergnügen gebracht hat, mit seiner Braut zu reisen. An seiner Stelle machte

Dr. Kranich den Reisemarschall. Eugenie hatte ihren Verlobten zwar gefragt,

ob er diese Begleitung gestatte; er antwortete, daß er sich weder jetzt

noch jemals ihr gegenüber auf den Standpunkt des Gestattens oder Verbietens

stellen wolle. Da ließ sich die Stiefmutter nicht einen Tag länger halten;

denn sie war sehr böse darüber, daß Pipin unerschütterlich darauf beharrte,

vor seiner Abreise die Angelegenheiten der Tressenbäuerin zu ordnen.

Der neue Wallfahrtsort hatte plötzlich das Augenmerk der geistlichen

Autoritäten auf sich gezogen. Bis dahin hatten sie der Sache ihren Lauf

gelassen, ohne sich irgendwie einzumischen. Als es aber ruchbar wurde,

daß ein unbefugter Amateur seine Hände dabei im Spiel gehabt und durch die

Experimente einer »übersinnlichen Wissenschaft« den Zustand der Bäuerin

herbeigeführt hat, ließ sich der Pfarrer den Brunnhofer-Seppl kommen; dann

stattete er Pipin einen Besuch ab. Pipin bekam sehr unangenehme Dinge zu

hören, Dinge, die allerdings an die Adresse der beiden Abwesenden gerichtet

waren, die er aber doch selber einstecken mußte.

Das Ergebnis dieser Unterredung war, daß er sich verpflichtete, die Sache

in aller Stille und ohne Aufsehen ungesäumt in Ordnung zu bringen.

Vor allen Dingen sollte die Kranke ehestens aus dem Umkreis der Gläubigen

entfernt werden. Mit Hilfe des Arztes und reichlicher Geldopfer nach allen

Seiten gelang es ihm auch in den nächsten Tagen, ihr einen Platz im Spital

der Kreishauptstadt zu verschaffen. Gestern bei Tagesanbruch wurde sie von

zwei Wärterinnen in einem Wagen abgeholt und auf die Bahn gebracht.

Und so ist es wieder nichts mit dem Wunderbaren! Oben vor dem leeren Hause

am Abhang des Tressensteines stehen die Zuspätgekommenen und murren. Sie,

die mühselig und beladen sind, auf die das Leben seine eiserne Faust gelegt

hat, die es blutig schindet mit seinem unbarmherzigen Druck, sie sollen

bloß zum Narren gehalten worden sein von einem dieser Spaziergänger und

Nichtsthuer? Die Heilige aus ihrem Fleisch und Blut, sie wäre nur durch die

falschen und unnützen Künste behext gewesen, mit denen sich die Nichtsthuer

die Zeit vertreiben --? Und man kann es ihnen nicht einmal heimzahlen! Sie

sitzen in sicherer Ferne in den warmen Städten, wo sie sich's gut

geschehen lassen, während der grimmige Winter von den beschneiten Gipfeln

heruntersteigt in das Land und alles Lebendige zertritt ...

Unten im Orte ist es wie ausgestorben; in den Villen und Wirtshäusern

werden die Läden geschlossen, Vorhänge und Teppiche abgenommen, die offenen

Veranden mit Brettern verschlagen. Es giebt keine eleganten Gestalten

mehr, keine Equipagen, keine geräuschvollen Vergnügungen. Das Fieber dreier

Monate ist vorbei; die Gegend kehrt aus dem künstlichen Leben des Sommers

zu ihrer natürlichen Bestimmung zurück. Auf den Pflug gebückt, bearbeitet

der Bauer schweigend seinen Acker; und in der Furche schreitet der Säemann

mit seiner großen, unsterblichen Geberde -- ein Symbol des primitiven

Lebens, das sich in den Jahrtausenden behauptet, Wurzel und Stamm jenes

ewigen Baumes, dessen Wipfel in ruheloser Bewegung von allen Winden

zerzaust werden ...

[Illustration]

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Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 38 / 50 题