... Daß Pipin diese letzten Tage meiner Verbannung mit mir teilt, mußt
du der Wundergeschichte zuschreiben, die ihn zu guterletzt noch um das
Vergnügen gebracht hat, mit seiner Braut zu reisen. An seiner Stelle machte
Dr. Kranich den Reisemarschall. Eugenie hatte ihren Verlobten zwar gefragt,
ob er diese Begleitung gestatte; er antwortete, daß er sich weder jetzt
noch jemals ihr gegenüber auf den Standpunkt des Gestattens oder Verbietens
stellen wolle. Da ließ sich die Stiefmutter nicht einen Tag länger halten;
denn sie war sehr böse darüber, daß Pipin unerschütterlich darauf beharrte,
vor seiner Abreise die Angelegenheiten der Tressenbäuerin zu ordnen.
Der neue Wallfahrtsort hatte plötzlich das Augenmerk der geistlichen
Autoritäten auf sich gezogen. Bis dahin hatten sie der Sache ihren Lauf
gelassen, ohne sich irgendwie einzumischen. Als es aber ruchbar wurde,
daß ein unbefugter Amateur seine Hände dabei im Spiel gehabt und durch die
Experimente einer »übersinnlichen Wissenschaft« den Zustand der Bäuerin
herbeigeführt hat, ließ sich der Pfarrer den Brunnhofer-Seppl kommen; dann
stattete er Pipin einen Besuch ab. Pipin bekam sehr unangenehme Dinge zu
hören, Dinge, die allerdings an die Adresse der beiden Abwesenden gerichtet
waren, die er aber doch selber einstecken mußte.
Das Ergebnis dieser Unterredung war, daß er sich verpflichtete, die Sache
in aller Stille und ohne Aufsehen ungesäumt in Ordnung zu bringen.
Vor allen Dingen sollte die Kranke ehestens aus dem Umkreis der Gläubigen
entfernt werden. Mit Hilfe des Arztes und reichlicher Geldopfer nach allen
Seiten gelang es ihm auch in den nächsten Tagen, ihr einen Platz im Spital
der Kreishauptstadt zu verschaffen. Gestern bei Tagesanbruch wurde sie von
zwei Wärterinnen in einem Wagen abgeholt und auf die Bahn gebracht.
Und so ist es wieder nichts mit dem Wunderbaren! Oben vor dem leeren Hause
am Abhang des Tressensteines stehen die Zuspätgekommenen und murren. Sie,
die mühselig und beladen sind, auf die das Leben seine eiserne Faust gelegt
hat, die es blutig schindet mit seinem unbarmherzigen Druck, sie sollen
bloß zum Narren gehalten worden sein von einem dieser Spaziergänger und
Nichtsthuer? Die Heilige aus ihrem Fleisch und Blut, sie wäre nur durch die
falschen und unnützen Künste behext gewesen, mit denen sich die Nichtsthuer
die Zeit vertreiben --? Und man kann es ihnen nicht einmal heimzahlen! Sie
sitzen in sicherer Ferne in den warmen Städten, wo sie sich's gut
geschehen lassen, während der grimmige Winter von den beschneiten Gipfeln
heruntersteigt in das Land und alles Lebendige zertritt ...
Unten im Orte ist es wie ausgestorben; in den Villen und Wirtshäusern
werden die Läden geschlossen, Vorhänge und Teppiche abgenommen, die offenen
Veranden mit Brettern verschlagen. Es giebt keine eleganten Gestalten
mehr, keine Equipagen, keine geräuschvollen Vergnügungen. Das Fieber dreier
Monate ist vorbei; die Gegend kehrt aus dem künstlichen Leben des Sommers
zu ihrer natürlichen Bestimmung zurück. Auf den Pflug gebückt, bearbeitet
der Bauer schweigend seinen Acker; und in der Furche schreitet der Säemann
mit seiner großen, unsterblichen Geberde -- ein Symbol des primitiven
Lebens, das sich in den Jahrtausenden behauptet, Wurzel und Stamm jenes
ewigen Baumes, dessen Wipfel in ruheloser Bewegung von allen Winden
zerzaust werden ...
[Illustration]
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