Elmenreich: »Lieber Arthur, Sie ergeben sich neuestens einem
unverantwortlichen Kultus der Phrase. Sie bemerken gar nicht, daß Sie
da einen sehr gewöhnlichen Kurs eingeschlagen haben. Das ganze Leben des
gewöhnlichen Menschen besteht aus einer Summe von Phrasen. Sobald man aber
diese Phrasen auf ihren reellen Gehalt hin durchdenkt --«
Dr. Kranich, in seinem wohlwollendsten Ton:
»Lieber Elmenreich, Sie bewerten die Phrase ganz falsch. Sie sind eben
leider ein Intellektualist. Der Intellektualist denkt über die Phrase
nach und vernichtet damit ihre wahre Funktion. Die Phrase ist bestimmt,
Empfindungen zu wecken und Instinkte auszulösen. Deshalb ist die Phrase das
Wirksame und Mächtige; Gedanken aber sind das Ohnmächtigste, was es auf der
Welt giebt.«
Elmenreich: »Nur, solange die große Mehrzahl noch auf dem Standpunkte der
Negerintelligenz steht, für die das Denken etwas Unerträgliches ist. Man
müßte eben die Leute vor allem denken lehren, denken --«
Dr. Kranich: »Um Gottes willen, das fehlte gerade noch, daß auch der
Mob anfinge zu denken! Lassen wir doch der großen Mehrzahl ihre gesunde
Dummheit; der gebildete europäische Mensch ist ohnedies nur mehr ein
Erkenntniskrüppel und Begriffsidiot.«
Hier ergreift Pipin mit glänzenden Augen seine Hand. »Wie glücklich bin
ich, daß Sie auch dieser Ansicht sind!« sagt er frohlockend. »Ja, wenn wir
solche Bundesgenossen finden --«
»Bundesgenossen? Wir?« Dr. Kranich runzelt seine schöngeschwungenen
Augenbrauen.
»Ja, Bundesgenossen, oder wenn Sie wollen, Mitarbeiter! Sie müssen
Mitarbeiter unserer Zeitschrift werden, Sie haben ganz dieselben Ansichten
und Gesinnungen wie wir; wir haben eine gemeinsame -- eine gemeinsame
Weltanschauung --«
Dr. Kranich maß ihn vom Fuß zum Kopf mit einem boshaften Blick. Dann sagte
er freundlich lächelnd:
»Oh, haben wir das? Wenn es Ihnen Spaß macht -- Ihr Mitarbeiter, Pipin,
kann ich werden; aber den Meister und den Grafen lassen »wir« aus dem
Spiel. Mit denen haben »wir« keine gemeinsamen Bestrebungen!«
»Aber ja, die müssen doch dabei sein! Ohne die geht es doch nicht!«
Dr. Kranich lächelt ohne zu antworten. Dieses Lächeln ist vieldeutig
und unergründlich, es ist voll Mutwillen und Bosheit, voll Behagen und
Hinterlist, voll Selbstgenügsamkeit und Menschenverachtung -- bestrickend
und abschreckend zugleich.
*
Pipin schöpft tief Atem und wendet sich zu Elmenreich:
»Und an Sie, Herr Doktor, habe ich auch eine Bitte --«