AUS DEN BLÄTTERN EINES MÖNCHS

Sie werden alle wie aus einem Bade

aus ihren mürben Grüften auferstehn;

denn alle glauben an das Wiedersehn,

und furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.

Sprich leise, Gott! Es könnte einer meinen,

daß die Posaune deiner Reiche rief;

und ihrem Ton ist keine Tiefe tief:

da steigen alle Zeiten aus den Steinen,

und alle die Verschollenen erscheinen

in welken Leinen, brüchigen Gebeinen

und von der Schwere ihrer Schollen schief.

Das wird ein wunderliches Wiederkehren

in eine wunderliche Heimat sein;

auch die dich niemals kannten, werden schrein

und deine Größe wie ein Recht begehren:

wie Brot und Wein.

Allschauender, du kennst das wilde Bild,

das ich in meinem Dunkel zitternd dichte.

Durch dich kommt alles, denn du bist das Tor,--

und alles war in deinem Angesichte,

eh es in unserm sich verlor.

Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte:

Ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte,

das deine reife Liebe nie erschuf,

ein Rauschen ist es, nicht aus deinem Ruf,

ein Zittern, nicht von göttlichem Verzichte,

ein Schwanken, nicht in deinem Gleichgewichte.

Ein Rascheln ist und ein Zusammenraffen

in allen den geborstenen Gebäuden,

ein Sichentgelten und ein Sich vergeuden,

ein Sichbegatten und ein Sichbegaffen,

und ein Betasten aller alten Freuden

und aller Lüste welke Wiederkehr.

Und über Kirchen, die wie Wunden klaffen,

ziehn schwarze Vögel, die du nie erschaffen,

in irren Zügen hin und her.

So ringen sie, die lange Ausgeruhten,

und packen sich mit ihren nackten Zähnen

und werden bange, weil sie nicht mehr bluten,

und suchen, wo die Augenbecher gähnen,

mit kalten Fingern nach den toten Tränen.

Und werden müde. Wenige Minuten

nach ihrem Morgen bricht der Abend ein.

Sie werden ernst und lassen sich allein

und sind bereit, im Sturme aufzusteigen,

wenn sich auf deiner Liebe heitrem Wein

die dunklen Tropfen deines Zornes zeigen,

um deinem Urteil nah zu sein.

Und da beginnt es, nach dem großen Schrein:

das übergroße fürchterliche Schweigen.

Sie sitzen alle wie vor schwarzen Türen

in einem Licht, das sie, wie mit Geschwüren,

mit vielen grellen Flecken übersät.

Und wachsend wird der Abend alt und spät.

Und Nächte fallen dann in großen Stücken

auf ihre Hände und auf ihren Rücken,

der wankend sich mit schwarzer Last belädt.

Sie warten lange. Ihre Schultern schwanken

unter dem Drucke wie ein dunkles Meer,

sie sitzen, wie versunken in Gedanken,

und sind doch leer.

Was stützen sie die Stirnen?

Ihre Gehirne denken irgendwo

tief in der Erde, eingefallen, faltig:

Die ganze alte Erde denkt gewaltig,

und ihre großen Bäume rauschen so.

Allschauender, gedenkst du dieses bleichen

und bangen Bildes, das nicht seinesgleichen

unter den Bildern deines Willens hat?

Hast du nicht Angst vor dieser stummen Stadt,

die, an dir hangend wie ein welkes Blatt,

sich heben will zu deines Zornes Zeichen?

0, greife allen Tagen in die Speichen,

daß sie zu bald nicht diesem Ende nahen,--

vielleicht gelingt es dir noch auszuweichen

dem großen Schweigen, das wir beide sahen.

Vielleicht kannst du noch einen aus uns heben,

der diesem fürchterlichen Wiederleben

den Sinn, die Sehnsucht und die Seele nimmt,

einen, der bis in seinen Grund ergrimmt

und dennoch froh durch alle Dinge schwimmt,

der Kräfte unbekümmerter Verbraucher,

der sich auf allen Saiten geigt

und unversehrt als unerkannter Taucher

in alle Tode niedersteigt.

... Oder, wie hoffst du diesen Tag zu tragen,

der länger ist als aller Tage Längen,

mit seines Schweigens schrecklichen Gesängen,

wenn dann die Engel dich, wie lauter Fragen,

mit ihrem schauerlichen Flügelschlagen umdrängen?

Sieh, wie sie zitternd in den Schwingen hängen

und dir mit hunderttausend Augen klagen,

und ihres sanften Liedes Stimmen wagen

sich aus den vielen wirren Übergängen

nicht mehr zu heben zu den klaren Klängen.

Und wenn die Greise mit den breiten Bärten,

die dich berieten bei den besten Siegen,

nur leise ihre weißen Häupter wiegen,

und wenn die Frauen, die den Sohn dir nährten,

und die von ihm Verführten, die Gefährten,

und alle Jungfraun, die sich ihm gewährten:

die lichten Birken deiner dunklen Gärten,--

wer soll dir helfen, wenn sie alle schwiegen?

Und nur dein Sohn erhübe sich unter denen,

welche sitzen um deinen Thron.

Grübe sich deine Stimme dann in sein Herz?

Sagte dein einsamer Schmerz dann:

Sohn!

Suchtest du dann das Angesicht

dessen, der das Gericht gerufen,

dein Gericht und deinen Thron:

Sohn!

Hießest du, Vater, dann deinen Erben,

leise begleitet von Magdalenen,

niedersteigen zu jenen,

die sich sehnen, wieder zu sterben?

Das wäre dein letzter Königserlaß,

die letzte Huld und der letzte Haß;

aber dann käme alles zu Ruh:

der Himmel und das Gericht und du.

Alle Gewänder des Rätsels der Welt?

das sich so lange verschleiert hält,

fallen mit dieser Spange.

... Doch mir ist bange....

Allschauender, sieh, wie mir bange ist,

miß meine Qual!

Mir ist bange, daß du schon lange vergangen bist,

als du zum erstenmal

in deinem Alleserfassen

das Bild dieses blassen

Gesichtes sahst,

dem du dich hilflos nahst, Allschauender.

Bist du damals entflohn?

Wohin?

Vertrauender

kann keiner dir kommen

als ich,

der ich dich

nicht um Lohn

verraten will wie alle die Frommen.

Ich will nur, weil ich verborgen bin

und müde wie du, noch müder vielleicht,

und weil meine Angst vor dem großen Gericht

deiner gleicht,

will ich mich dicht,

Gesicht bei Gesicht,

an dich heften;

mit einigen Kräften

werden wir wehren dem großen Rade,

über welches die mächtigen Wasser gehn,

die rauschen und schnauben--

denn: Wehe, sie werden auferstehn.

So ist ihr Glauben: groß und ohne Gnade.

KARL DER ZWÖLFTE VON SCHWEDEN

REITET IN DER UKRAINE

I

Könige in Legenden

sind wie Berge im Abend. Blenden

jeden, zu dem sie sich wenden.

Die Gürtel um ihre Lenden

und die lastenden Mantelenden

sind Länder und Leben wert.

Mit den reichgekleideten Händen

geht, schlank und nackt, das Schwert.

Ein junger König aus Norden war

in der Ukraine geschlagen.

Der haßte Frühling und Frauenhaar

und die Harfen und was sie sagen.

Der ritt auf einem grauen Pferd,

sein Auge schaute grau

und hatte niemals Glanz begehrt

zu Füßen einer Frau.

Keine war seinem Blicke blond,

keine hat küssen ihn gekonnt;

und wenn er zornig war,

so riß er einen Perlenmond

aus wunderschönem Haar.

Und wenn ihn Trauer überkam,

so machte er ein Mädchen zahm

und forschte, wessen Ring sie nahm

und wem sie ihren bot--

Und: hetzte ihr den Bräutigam

mit hundert Hunden tot.

Und er verließ sein graues Land,

das ohne Stimme war,

und ritt in einen Widerstand

und kämpfte um Gefahr,

bis ihn das Wunder überwand:

wie träumend ging ihm seine Hand

von Eisenband zu Eisenband

und war kein Schwert darin;

er war zum Schauen aufgewacht:

es schmeichelte die schöne Schlacht

um seinen Eigensinn.

Er saß zu Pferde: ihm entging

keine Gebärde rings.

Auf Silber sprach jetzt Ring zu Ring,

und Stimme war in jedem Ding,

und wie in vielen Glocken hing

die Seele jedes Dings.

Und auch der Wind war anders groß,

der in die Fahnen sprang,

schlank wie ein Panther, atemlos

und taumelnd vom Trompetenstoß,

der lachend mit ihm rang.

Und manchmal griff der Wind hinab:

da ging ein Blutender,--ein Knab,

welcher die Trommel schlug;

er trug sie immer auf und ab

und trug sie wie sein Herz ins Grab

vor seinem toten Zug.

Da wurde mancher Berg geballt,

als wär die Erde noch nicht alt

und baute sich erst auf;

bald stand das Eisen wie Basalt,

bald schwankte wie ein Abendwald

mit breiter steigender Gestalt

der großbewegte Hauf.

Es dampfte dumpf die Dunkelheit,

was dunkelte, war nicht die Zeit,--

und alles wurde grau,

aber schon fiel ein neues Scheit,

und wieder ward die Flamme breit

und festlich angefacht.

Sie griffen an: in fremder Tracht

ein Schwärm phantastischer Provinzen;

wie alles Eisen plötzlich lacht:

von einem silberlichten Prinzen

erschimmerte die Abendschlacht.

Die Fahnen flatterten wie Freuden,

und alle hatten königlich

in ihren Gesten ein Vergeuden,--

an fernen flammenden Gebäuden

entzündeten die Sterne sich....

Und Nacht war. Und die Schlacht trat sachte

zurück wie ein sehr müdes Meer,

das viele fremde Tote brachte,

und alle Toten waren schwer.

Vorsichtig ging das graue Pferd

(von großen Fäusten abgewehrt)

durch Männer, welche fremd verstarben,

und trat auf flaches schwarzes Gras.

Der auf dem grauen Pferde saß,

sah unten auf den feuchten Farben

viel Silber wie zerschelltes Glas.

Sah Eisen welken, Helme trinken

und Schwerter stehn in Panzernaht,

sterbende Hände sah er winken

mit einem Fetzen von Brokat...

Und sah es nicht.

Und ritt dem Lärme

der Feldschlacht nach, als ob er schwärme,

mit seinen Wangen voller Wärme

und mit den Augen von Verliebten....

Das Buch der Bilder · 第 65 / 105 题